Zum Kompetenzbegriff von Bibliotheken

Bibliotheken postulieren immer wieder einmal, dass sie Informationskompetenz oder auch Medienkompetenz vermitteln würden. Das ist dort, wo sich Bibliotheken als Einrichtungen mit Bildungsauftrag positionieren wollen – beispielsweise in Hochschulen – eine wichtige Argumentationslinie. Ebenso ist es bei den Versuchen von Bibliotheken, sich politisch zu etablieren ein gern benutztes Argument, welches tatsächlich von Zeit zu Zeit von anderen Akteurinnen und Akteuren aufgegriffen wird. Das Problem ist nur: Kompetenzen kann man nicht vermitteln.
Kompetenzen werden von den Lernenden aufgebaut, man kann sie dabei unterstützen, sie auch zum Teil dazu anhalten. Aber direkt vermittelt werden können sie nicht. Das, was Bibliotheken zumeist in den Veranstaltungen, die unter dem Kompetenzbegriff angeboten werden, tun, ist das Vermitteln von Wissen bzw. – wenn dies strukturiert ist – von Qualifikationen. Schaut man in die Texte zu den Veranstaltungen selber, egal ob Ankündigungen und Online-Tutorials oder aber theoretischere Texte wie die von Holger Schultka, Wilfried Sühl-Strohmenger oder auch den Arbeitsgruppen, die unter diesem Begriff tagen, wird oft Qualifikation, Kompetenz und Wissen quasi-synonym verwendet. Das ist allerdings nicht ganz richtig.

Der Kompetenzbegriff als kritische Intervention
Der Kompetenzbegriff hat sich, nach einigen Vorläufen, mit den Debatten um die ersten PISA-Studien in Deutschland verbreitet. Es war in den ersten Jahren dieses Jahrtausends eine Inflation des Begriffs zu verzeichnen. Hatten die PISA-Studien anfänglich drei, ab der zweiten Runde vier Kompetenzen benannt und gemessen, wurde der Begriff selber quasi überall verwendet, um Fähigkeiten, Wissen, Können oder aber auch tatsächliche Kompetenzen zu benennen. Der Begriff der Informationskompetenz, welcher zu dieser Zeit in bibliothekarischen Debatten auftauchte, war Teil dieses gesellschaftlichen Diskurses.
Nun passiert dies öfter: die Wissenschaft benutzt einen Begriff, der sich auch im allgemeinen Sprachgebrauch wiederfindet, die Öffentlichkeit greift einige der wissenschaftlichen Daten und Aussagen auf und verallgemeinert dabei die Verwendung des benutzten Begriffes. Es tritt eine Situation ein, in welcher allgemein angenommen wird, dass die mit dem Begriff bezeichneten Sachverhalte auch ohne weitere Definition oder Differenzierung verständlich wären. Das bei der Verwendung des Begriffes in der Wissenschaft noch Definitionen zugrunde gelegt und der jeweilige Begriff oft aus dem Grund benutzt wurde, um einen spezifischen Sachverhalt zu benennen und oft auch handhabbar zu machen, gerät dabei sehr schnell aus dem Blickfeld. Regelmäßig beschweren sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann – wie auch bei den PISA-Studien –, dass die Öffentlichkeit nicht wahrnimmt, wovon die Wissenschaft berichtet, sondern relativ oft relativ wild spekuliert. Aber damit muss die Wissenschaft wohl leben. Auch der Kompetenzbegriff wird höchstwahrscheinlich nicht mehr auf seine begrenzte und definierte Verwendung in der Bildungsforschung zurückgeführt werden können.
Allerdings: dass es so ist, muss man nicht unbedingt gut heißen. Kompetenz im Sinne der wissenschaftlichen Verwendung ist nämlich kein Synonym für Wissen, Qualifikation oder Fähigkeiten. Vielmehr wurde der Kompetenzbegriff in die Bildungsforschung eingeführt, um Kritik an den Vorstellungen von Fähigkeiten oder Qualifikation – wie sie in der Bildungsforschung verwendet wurden – zu üben. Wird nun in einem allgemeinen Sinne Kompetenz als weiterer Begriff für „Wissen“ genutzt und beständig angeführt, aber die Kritik, die mit ihm verbunden wurde, nicht mit beachtet, dann wird effektiv diese Kritik ignoriert (oder zumindest nicht wahrgenommen). Damit werden auch die Strukturen, die zur Kritik geführt haben, einfach weitergeführt. Da nicht jede Kritik unbedingt berechtigt ist, muss das nicht immer schlecht sein. Aber doch oft. Bei der Informationskompetenz, so wie sie in den meisten bibliothekarischen Texten verstanden wird, ist dem so.

Der Kompetenzbegriff
Was war nun die Kritik, die mit dem Kompetenzbegriff eingeführt werden sollte? Grundsätzlich ging man davon aus, dass es nicht ausreichen würde – wie dies bei der Qualifikation getan wurde – Wissen so zu verstehen und zu vermitteln, dass es zur Lösung für bestimmte Aufgabenstellungen eingesetzt werden könnte. Vielmehr wäre es nötig, Wissen als eine Ressource zu begreifen, die von den Individuen zielgerichtet und effektiv eingesetzt werden könnte, um ähnlich strukturierte Aufgabenstellungen zu bewältigen. Es gäbe kaum noch Wissen, dass direkt auf eine Aufgabenstellung zugeschnitten werden könnte – wie es die Qualifikationen sein sollten. Vielmehr würde Wissen eine potentielle Handlungsfähigkeit der Individuen herstellen. Davon auszugehen, dass das Vorhandensein des „richtigen Wissens“ allein schon dazu führen würde, dass es auch eingesetzt wird, erschien als kritikwürdig. Vielmehr solle Wissen mit dem Willen, es auch einzusetzen und den Möglichkeiten der Individuen, sinnvoll zu entscheiden, wann es eingesetzt werden sollte, verbunden werden.
Kompetenz wurde definiert als ein Wissen, dass es den Individuen ermöglicht, zielgerichtet und effektiv Entscheidungen darüber zu treffen, wie (alltägliche) Aufgabenstellungen gelöst werden können und es dann zu tun. Zusätzlich gehört zur Kompetenz auch die notwendige Motivation, diese zu nutzen.
Gleichzeitig ist der Kompetenzbegriff mit dem Konstruktivismus als pädagogischer Theorie verbunden. Konstruktivistische Ansätze – in der Pädagogik, nicht unbedingt in anderen Themenfeldern, wie zum Beispiel der Philosophie – gehen davon aus, dass Wissen nicht vermittelt, sondern nur von den einzelnen Lernenden konstruiert werden könne. Die Hauptarbeit beim Lernen läge bei den Lernenden selber. Lehrende und Einrichtungen könnten diese Arbeit unterstützen, begleiten, vorstrukturieren, Lernangebote machen, versuchen, diese zu motivieren und auch zu überprüfen. Aber sie wären nicht in der Lage, Wissen direkt zu vermitteln, auch dann nicht, wenn sie es spannend oder anwendungsbezogen präsentieren würden.
Kompetenz wird deshalb auch verstanden als Wissen, dass von den Lernenden selber aufgebaut wird und deshalb nicht vollständig geplant werden kann.
Zuletzt ist der Kompetenzbegriff auch immer mit der Vorstellung verbunden, dass es möglich wäre, Bildung als Kompetenz zu messen. Das ist etwas widersprüchlich – weil Kompetenzen ja weit mehr eine subjektive Sache sein sollen, als beispielsweise leichter zu standardisierende Qualifikationen – und wird aktuell auch immer wieder einmal in Zweifel gezogen. Bislang allerdings geht die Arbeit daran, Methoden zur Messung von Kompetenzen zu entwickeln und mit diesen Methoden immer wieder Messungen durchzuführen, immer weiter. (Ein Grund dafür wird sein, dass die Hoffnung, Bildung politisch steuern zu können, bei solchen Zahlen, wie sie bei der Kompetenzmessung bereitgestellt werden, höher ist, als bei anderen Datenformen.)
In den Kompetenzmodellen werden die jeweilige Kompetenz in messbare Unterthemen differenziert, welche dann oft mittels Testbatterien, dass heißt mehreren Testfragen für ein „Item“ (dass heißt Unterthema oder auch Unter-Unterthema), deren Ergebnisse dann für ein Unterthema zusammengefasst wird. Diese Unterthemen sollen sehr anwendungsbezogen sein. Man kann immer wieder darüber streiten – und tut dies auch –, welche und wie viele Items eine Kompetenz bilden.
Grundsätzlich herrscht aber die Vorstellung vor, dass Kompetenzen messbar sind und dass zumindest ihre Unterthemen – also zum Beispiel die Fähigkeit, Experimente zu entwerfen und durchzuführen, wie dies bei der mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenz angenommen wird – auch in andere Themenbereiche transferiert werden können.

Kompetenzvermittlung ist ein falsches Wort.
Schaut man jetzt noch mal nach, was als Informationskompetenz in den Bibliotheken vermittelt werden soll, sieht man sehr schnell, dass dies zwar Qualifikationen oder auch teilweise „nur“ ein Grundwissen über die Bibliotheksbenutzung und die Arbeit mit anderen Recherche- und Nachweismitteln darstellt – was hier gar nicht kritisiert werden soll –, aber keine Kompetenzen. Weder gibt es messbare Kompetenzmodelle für eine Informationskompetenz, noch ist klar, was die Transfereffekte dieser Kompetenz darstellen sollte. Es ist auch nicht klar, wie Bibliotheken bei den Lernenden eine Motivation etablieren können oder ob sie nicht eher „nur“ Wissen bereitstellen. Auch bei den didaktischen Methoden, die in der bibliothekarischen Literatur dargestellt werden, ist nicht klar, was daran lernbegleitend oder – wie es im Schul- und Berufsschulbereich heißt – kompetenzorientiert ist. Letztlich scheint bislang nicht so richtig wahrgenommen worden zu sein, warum in der Bildungsforschung überhaupt von Kompetenzen und nicht mehr (nur) von Qualifikationen, Fähigkeiten oder Wissen die Rede war, warum man anfing, weniger vom Vermitteln und mehr vom Anbieten, Begleiten etc. zu reden.
Wie gesagt ist das wirkliche Problem dabei nicht, dass in Bibliotheken offenbar Kompetenz als Buzz-Word benutzt wird. Das Problem ist, dass man dabei quasi die mögliche Kritik an der bisherigen Praxis des – um mal ein altes Wort aus länger vergangenen Debatten zu verwenden – Bibliotheksunterrichts relativ schnell übergangen hat. Jetzt, wo Kompetenz nicht mehr als kritischer Begriff genutzt werden kann, weil sich einfach alle etwas „darunter vorstellen können“, müsste eine solche Kritik, falls sie gewünscht ist, anders geäußert werden. Bis dato allerdings möchte ich allerdings darauf bestehen: Qualifikationen, Fähigkeiten und Wissen kann man vermitteln, Kompetenzen nicht. Informationskompetenzvermittlung ist ein Oxymoron.

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