Schulbibliotheksforschung: Skizze eines möglichen (kollaborativen) Forschungsprogrammes

Es gibt keine Schulbibliotheksforschung, zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Es gibt eine relativ kleine Anzahl von Arbeiten, die sich wenig aufeinander beziehen. Und obgleich sich dies vor allem durch Abschlussarbeiten an verschiedenen Fachhochschulen langsam zu ändern scheint, kann man noch lange nicht davon sprechen, dass es einen wirklichen Zusammenhang oder gar einen wissenschaftlichen Diskurs über Schulbibliotheken geben würde. Warum das so ist, soll hier nicht besprochen werden. Wichtig ist aber zu bemerken, dass ein von mehreren Seiten bearbeitetes Forschungsfeld inklusive eines wissenschaftlichen Diskurses die Voraussetzung für sinnhafte und weiterführende Erkenntnisse zu diesem Feld darstellen würde. Ein Wissen darüber, wie etwas funktioniert oder gar ein Wissen, von dem aus sinnvolle Rückmeldungen an die Praxis gemacht werden könnten (oder welches aus der Praxis heraus genutzt werden könnte), kann erst dann wirklich erarbeitet werden, wenn mehrere Forschende mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln, Grundannahmen und Methoden ein Feld untersuchen und die jeweiligen Ergebnisse, wie es in der Wissenschaft gefordert ist, überprüfen, kritisieren und verarbeiten – das ist zumindest die Überzeugung, der hier gefolgt werden soll. Alle andere Forschung bleiben Schlaglichter, die immer wieder sinnvoll sind, aber beispielsweise zu einer Theoretisierung oder einer aufeinander aufbauenden Arbeit nicht ausreichen. Eine solche Theoretisierung und kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung ist allerdings eine Voraussetzung für jede Art von Professionalisierung, auch in Einrichtungen, die wie Schulbibliotheken stark ehrenamtlich geprägt sind. [1] Eine solche Professionalisierung ist es allerdings, die in vielen Schulbibliotheken angestrebt wird.

Exkurs: Wie etabliert man ein Forschungsfeld?
Dies allerdings ist keine Eigenheit von Schulbibliotheken alleine, sondern wieder für sehr viele mögliche Forschungsthemen zu konstatieren. Es gibt immer eine große Anzahl von Forschungsthemen, egal ob geistes- oder naturwissenschaftlich, egal ob anwendungs- und praxisnah oder gerade nicht, die kaum wissenschaftliche bearbeitet werden; es gibt unter diesen aber auch immer einige Felder, die sich quasi im „Aufwind“ befinden, dem sich also mehrere Forschende zuzuwenden beginnen. Das alleine reicht selbstverständlich nicht aus, um ein Feld fest als Forschungsfeld zu etablieren. Vielmehr muss unter den Forschenden eine Art Kolleginnen- und Kollegenschaft entstehen, die eine Debatte und letztlich ein, wenn auch oft loses, Forschungsnetzwerk ermöglichen, in welchem sich die Forschenden gegenseitig vorantreiben. Zudem muss irgendwann eine Institutionalisierung einsetzen, die es ermöglicht, einen bestimmten Wissensbestand über ein Forschungsfeld als gesichert zu etablieren und an die Praxis und spätere Forschende weiterzugeben. [2] Schaut man zumindest, wie sich in den letzten Jahrzehnten Forschungsfelder etabliert haben, drängt sich zumindest diese Struktur auf.
Wie aber etablieren sich solche Netzwerke von Forschenden? Das wiederum ist nicht klar nachzuweisen. [3] Manchmal sind sie Folge einer intensiven Forschungsförderung, oft geht die Forschungsförderung aber auch schief. Manchmal erwachsen sie aufgrund eines starken öffentlichen Interesses, manchmal etablieren sie sich aber auch auf Feldern, die in der Öffentlichkeit nicht diskutiert werden. (Meist ist die Forschung schon da, wenn die Öffentlichkeit auf einmal Lösungen fordert – siehe nur die Bildungssoziologie und Bildungsforschung als der „PISA-Schock“ eintrat. Aber dann gibt es wieder das Problem, wie die komplexen Untersuchungen der Wissenschaft an die Öffentlichkeit und Politik vermittelt werden kann – auch dies geht meistens „schief“.) Manchmal werden explizit Forschungsnetzwerke und Zusammenhänge begründet, die sich als produktiv erweisen, manchmal finden sich aber auch Forschende, die für sich alleine auf einem Feld forschen, mit anderen, die dies auch schon tun, zusammen. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, ein schließlich erfolgreiches Forschungsnetzwerk „einfach so“ zu etablieren.
Ein Ansatz, dies dennoch zu versuchen, ist das Aufstellen von Forschungsplänen oder -memoranden, welche ein potentielles Forschungsfeld abgrenzen, intern systematisieren, nach grundlegenden Forschungsfragen durchforsten, mögliche Felder der längerfristigen Forschungsanstrengungen benennen und zudem versuchen soll, die notwendigen Abstände zu benachbarten Forschungsfelder und -disziplinen zu benennen. Dies soll zumindest die Möglichkeit eröffnen, dass sich Forschende mit ihrer Arbeit verorten und aufeinander beziehen können, dass sie sich als – wenn auch intern gewiss aus sehr unterschiedlichen Personen zusammensetzende – Gruppe begreifen können und das mögliche Fortschritte bei der wissenschaftlichen Durchdringung eines Forschungsfeldes sichtbar gemacht werden können. Nicht zuletzt soll darstellbar werden, was in einem Feld erforscht werden könnte, also sowohl unerforschte als auch stark umstrittene Bereiche. Auch dieser Ansatz ist sehr prekär und oft kann man nach einigen Jahren feststellen, dass sich niemand an diesem orientiert hat. [4]
Aber es gibt auch Beispiele, in denen solche Programme eine längerfristige Forschung etabliert und motiviert haben. Und daran soll hier angeschlossen werden, wenn im Folgenden ein mögliches Forschungsprogramm für ein Schulbibliotheksforschung entworfen wird.

Bedarf es einer Schulbibliotheksforschung?
Ist es aber überhaupt notwendig und sinnvoll, über Schulbibliotheken zu forschen? Ein Grund dafür, dass es bislang keine etablierte Forschung auf diesem Feld gibt, könnte sein, dass es lapidar ausgedrückt niemand interessiert. Oder das es nichts zu sagen oder zu untersuchen gibt. Dem würde ich widersprechen.
Es gibt offenbar eine wachsende Anzahl von sehr unterschiedlichen Schulbibliotheken, ebenso nehmen die Veranstaltung für Schulbibliotheken und deren Teilnehmerinnen- und Teilnehmerzahlen zu. [5] Nicht zuletzt gibt es immer wieder Veröffentlichungen über Schulbibliotheken, auch wenn die Anzahl dieser Texte (noch) relativ gering ist.
Daneben ist aber abzusehen, dass das Interesse an diesen Einrichtungen zunehmen wird. Die Reformen des Bildungs- und Schulwesens – so unterschiedlich sie in den Bundesländern auch formuliert werden – weisen drei gemeinsame Grundrichtungen auf: 1.) die Verlängerung des gemeinsamen Lernens in der Grundschule und die Straffung der drei- bzw. fünfgliedrigen Schulsysteme auf perspektivisch zwei Schulformen (obgleich es darum noch intensive Debatten gibt), 2.) die Einführung einer größeren Autonomie der Schulen, welche mehr und mehr für die Ausgestaltung ihrer Lern- und Freizeitorte verantwortlich werden und 3.) die Tendenz zur Ganztagsbetreuung der Kinder und Jugendlichen in der Schule. Punkt 2.) und 3.) implizieren eine absehbare Steigerung des Interesses an Schulbibliotheken, sowohl in den Schulen selber als auch im politischen und zivilgesellschaftlichen Umfeld.
Schulen, Schulträger, aber auch in und bei Schulen Engagierte (z.B. in den Fördervereinen) werden verstärkt dazu aufgefordert, die jeweilige Schule selber auszugestalten, während sie durch die Ganztagsbetreuung gleichzeitig dazu angehalten werden, verstärkt einen außerunterrichtlichen Bereich in den Schulen auszubauen. Gleichzeitig können sie sich – da die Kinder und Jugendlichen ja möglichst lange in den Schulen betreut werden sollen – immer weniger auf die indirekte Unterstützung der Bildungswege von Schüler/inne/n durch außerschulische Einrichtungen wie Jugendclubs, Sozialarbeit, Sport- und anderen Vereinen oder eben Öffentliche Bibliotheken verlassen. Eine Konsequenz daraus kann die Beschäftigung mit Schulbibliotheken sein, also sowohl mit der Frage, ob Schulen Schulbibliotheken aufbauen und unterhalten sollen als auch mit der Frage, wie sie diese für welche Aufgaben nutzen können. Das bedeutet nicht, dass in Zukunft unbedingt Schulbibliotheken begründet (oder ausgebaut) werden. Dennoch ist auffällig, dass die Idee, solche einzurichten, sehr oft in Schulprogrammen und ähnlichen Dokumenten erwähnt wird.
Nicht zuletzt sind Schulbibliotheken auch Einrichtungen, die zu einem zivilgesellschaftlichen Engagement einladen. Die Situation ist etwas absurd: einerseits steigt das Engagementinteresse von Eltern und anderen. Nicht überall und schon gar nicht überall gleich, aber dennoch kann man festhalten, dass Eltern und andere verstärkt nach Wegen suchen, um Schulen zu unterstützen und dazu auch aufgefordert werden. [6] Gleichzeitig ist nicht wirklich klar, was diese Engagierten überhaupt tun können. [7] Selbstverständlich können sie kein pädagogisches Personal ersetzen. Schulbibliotheken hingegen – egal, wie sehr dies den Akteurinnen und Akteuren des bibliothekarischen Feldes missfällt – stellen offenbar eine Ort dar, der sehr oft für ein solches Engagement gewählt wird, egal ob für den persönlichen Einsatz oder Spenden.
Insoweit lässt sich festhalten, dass es ein steigendes Interesse an Thema Schulbibliotheken gibt, welches auch durch die Wissenschaft aufgegriffen werden sollte. Wissenschaft ist bekanntlich auch dazu da, die Reflexivität in gesellschaftlichen Felder zu ermöglichen und durch die Beschreibung und Untersuchung von Institutionen und sozialen Handlungsstrukturen die jeweilige Praxis verständlich und handhabbar zu machen, gleichzeitig aber auch – und das macht einen wichtigen Teil der Wissenschaft aus – auf blinde Flecken der sozialen Praxis zu verweisen. Eine Praxis, die nur auf Erfahrungen und Entscheidungen vor Ort basiert, kann nur bis zu einem bestimmten Punkt wirkungsvoll sein; aus ihr heraus lassen sich zudem nicht-intendierte Wirkungen der Praxis nur schwer erkennen und verstehen. Deshalb könnte eine Schulbibliotheksforschung auch zu einer Reflexivität der Praxis in Schulbibliotheken beitragen.
Gleichzeitig gilt selbstverständlich die Prämisse der Wissenschaft, dass ein unerforschtes, aber mögliches Forschungsfeld allein schon deshalb interessant es, weil es noch unerforscht ist.
Zu der Frage, was es überhaupt zu erforschen gäbe in und im Bezug auf Schulbibliotheken, soll hier nur kurz darauf verwiesen werden, das es sich bei diesen um Einrichtungen handelt, die im Schnittfeld sehr unterschiedlicher Interessen stehen, da es nicht klar ist, ob es sich bei ihnen um bibliothekarische, schulische, sozial-pädagogisch betreute oder gänzlich eigenständige Institutionen handelt. Wir haben es mit einem sehr differenzierten Feld mit sehr unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren zu tun, was zu sehr unterschiedlichen Einrichtungen, die allesamt Schulbibliotheken darstellen, geführt hat. Fraglos gibt es deshalb eine Anzahl von möglichen Forschungsfragen und -themen.

Ein Modell
Die meisten Forschungsfelder, die sich mit Institutionen und sozialen Prozessen befassen, systematisieren ihre Forschung und ihre Forschungsfragen in die drei Ebenen Meta- oder Makroebene, Mesoebene und Mikroebene. Die Mikroebene umfasst dabei die jeweilige Forschung vor Ort, direkt am Untersuchungsgegenstand oder den erforschten Personen inklusive der Handlungs- und praxisnahen Forschung. Die Metaebene umfasst Forschungsfragen, welche auf den jeweiligen Forschungsgegenstand sozusagen direkt „von oben“ schauen, vor allem Strukturen und Entwicklungsläufe untersuchen und den Gegenstand in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen versuchen. Während die Erkenntnisse auf der Mikroebene sich immer nur zu einem kleinen Teil für weitergehende Steuerungen eines Feldes eignen (beispielsweise lässt sich auf die Erkenntnisse der Unterrichtsforschung, welche direkt Interaktionen in Schulklassen untersucht, nur schwer sinnvoll bei der Steuerung des Schulsystems zurückgreifen), sind die Erkenntnisse auf der Metaebene nur sehr schwer direkt in der Praxis zu verwenden (beispielsweise sind die Beschreibungen der Schichtabhängigkeiten für Erfolge und Misserfolge von Schülerinnen und Schüler, die in der Bildungssoziologie erarbeitet wurden, nur schwer im realen Unterricht direkt zu verwenden). Zwischen diesen beiden Ebenen wird zumeist eine Mesoebene konstatiert, auf der sich mit Forschungsfragen, welche gewissermaßen zwischen Meta- und Mikroebene vermitteln, beschäftigt (Beispielsweise Untersuchungen zu den konkreten Auswirkungen der Schichtzugehörigkeiten von Schülerinnen und Schülern im Unterricht oder die Systematisierung von Erkenntnissen der Unterrichtsforschung). Eine ausreichende wissenschaftliche Durchdringung eines Forschungsfeldes ist nur durch ein Zusammenspiel von Forschungen auf diesen drei Ebenen zu bewerkstelligen. [8] (Beispielsweise lassen sich Interaktionen im Unterricht durch Theorien über schichtspezifische Prädispositionen erklären; gleichzeitig lassen sich Theorien nur auf der Basis einer ausreichenden Empirie erstellen und testen.)
Lehnt man sich an diese Unterteilung an, kann man das folgend dargestellte und diskutierte Modell für mögliche Forschungsebenen für das Feld Schulbibliotheken aufstellen.

Vorüberlegungen
Im einzelnen lassen sich die zehn Teilebenen, die innerhalb der drei Hauptebenen aufgeführt werden, weiter ausführen. Zuvor allerdings sollen einige Vorüberlegungen helfen, die Komplexität des potentiellen Forschungsgegenstandes Schulbibliothek zu umreißen.
Auf der Metaebene geht es um übergreifende gesellschaftliche Fragen und Fragen der Institution, in denen Schulbibliotheken angesiedelt sind – nämlich Schulen –; in der Mesoebene würden Fragen im Bezug auf die drei für Schulbibliotheken relevanten Bezugssysteme (Bibliothek, Pädagogik, bürgerschaftliches Engagement) behandelt werden; in der Mikroebene die einzelnen Schulbibliotheken sowohl als Räume in den Schulen als auch als eigenständig handelnde (und sich beispielsweise Arbeitskreisen anschließende) Einrichtungen behandelt.
Schulbibliotheken sind hybride Einrichtungen, auf die – dies wurde schon mehrfach gesagt – aus unterschiedlichen Perspektiven zugegriffen wird, bzw. die aus unterschiedlichen Perspektiven bewertet werden. Über die genauen Anforderungen wissen wir wenig, aber sie lassen sich zumindest grob mit folgender Skizze verdeutlichen:

Wir können die drei direkt auf Schulbibliotheken zugreifende Personengruppen Bibliotheken (bzw. vor allem bibliothekarische Verbände), Lehrerinnen / Lehrer sowie Eltern und Schülerinnen / Schüler benennen, müssen dahinter allerdings weitere Gruppen vermuten, die indirekt die Perspektiven und Sichtweisen auf Schulbibliotheken beeinflussen, wie die Politik und die (organisierte) Öffentlichkeit, die beispielsweise mit Diskursen über Bildungsqualität, Leseförderung, die Festlegung der Aufgabenbereiche von Bibliotheken und Schulen oder die Schulautonomie die Sicht auf Schulbibliotheken verändert.
Diese unterschiedlichen Diskurse und auch Definitionsversuche (in der realen Praxis) machen die Forschung zu Schulbibliotheken spannend. Keine Perspektive hat sich bislang als unumstrittene oder auch nur als Leitperspektive durchsetzen können, obgleich gerade bibliothekarische Einrichtungen immer wieder in Anspruch nehmen, dass ihre Sicht die leitende sein müsste. [9] Letztlich müssen in einer Forschung alle Ebenen berücksichtigt werden.
Allerdings zeigt sich in den realen Einrichtungen ebenso, dass es – bedingt durch die unterschiedlichen Zugriffe und die fehlende Leitperspektive – auch kein einheitliches Schulbibliotheksmodell gibt, welchem gefolgt werden könnte. Vielmehr lassen sich (bislang) drei Grundmodelle unterscheiden: a.) die Schulbibliothek als bibliothekarischer Raum (Bezug zur Öffentlichen Bibliothek), b.) die Schulbibliothek als schulischer Raum (Bezug zum Unterricht), c.) die Schulbibliothek als Sozial- und Freizeitraum (Bezug zum außerunterrichtlichen, zum schul-sozialarbeiterischen und Freizeitbereich). Die tatsächlichen Einrichtungen orientieren sich dann allerdings nur an diesen (konstruierten) Grundmodellen, sie erfüllen sie niemals ganz. [10] Eine Schulbibliothek, die sich stark an Öffentlichen Bibliotheken (inklusive dem breiten und katalogisierten Bestand und dem Ziel, diesen den Schülerinnen und Schülern möglichst frei zur Verfügung zu stellen) orientiert, nimmt zumeist mit der Zeit dennoch Elemente des unterrichts-orientierten Raumes auf usw. Auch dies lässt sich skizzenhaft verdeutlichen:

Einzelne Teilebenen
Nach diesen Vorüberlegungen sollen noch einmal die im Modell angeführten Teilebenen besprochen werden:

  1. Gesellschaftliche Ebene. Auch Schulbibliotheken sind Einrichtungen, die innerhalb einer Gesellschaft mit ihren Stratifikationen, Schichtungen, verschränkten Diskursen etc. existieren und Aufgaben übernehmen sollen. Als Überbau muss sich auch eine Forschung, die sich auf Schulbibliotheken beziehen soll, mit der Frage beschäftigen, wie diese Gesellschaft konstituiert ist und welche Bedeutung dies für Schulbibliotheken hat. Insbesondere darf dabei nicht bei der reinen Aufzählung empirischer Wissensbestände stehengeblieben werden. Vielmehr müssen die Theoretisierungsversuche, die das Zustandekommen und die Reproduktion der empirisch nachweisbaren gesellschaftlichen Stratifikationen mit beachtet werden. (Eine sich aufdrängende Frage ist selbstverständlich, wie sich die sehr unterschiedlichen Schülerinnen- und Schülerschaften in den einzelnen Schulen auf die Arbeit der Schulbibliotheken auswirken.) Als mögliche Themen auf dieser Ebene lassen sich – unvollständig – anführen: der Wandel von Kindheit und Jugend, der Medien- und Kommunikationswandel, Bildung und Freizeit als gesellschaftliche Metathemen und Diskurse, die Debatten um die Shadow Education, die Transformation des Ehrenamtes und der Corporate Social Responsibility.
  2. Systemische Ebene. Die Soziologie, insbesondere die Systemtheorie, stellt die interessante Frage, wie die Teilsysteme innerhalb der Gesellschaft eigentlich funktionieren, wie sie sich beständig reproduzieren und differenzieren und vor allem, welche Funktion gesellschaftliche Teilsysteme und Systeme in Teilsystemen eigentlich übernehmen. Welche Funktion hat z.B. das Bildungssystem, in ihm die Schulen und darin wieder die Schulbibliotheken für die Reproduktion der Gesamtgesellschaft? Eine solche systemische Perspektive ermöglicht einen Blick auf die Gesellschaft und die Organisationen in der Gesellschaft, der vorgeblich sichere Gewissheiten und Annahmen auf ihre Funktion für die Aufrechterhaltung der jeweiligen Teilsysteme befragt. (Beispielsweise die Funktion der allgemein geteilten Annahme, dass Lesen an sich eine unverzichtbare Kulturtechnik wäre, für Bibliotheken und Schulen.)
  3. Organisationelle Ebene. Nach diesen beiden Ebenen, die eher „über“ den Schulbibliotheken anzusiedeln sind, lässt sich auch eine direkt auf die Schulbibliotheken bezogene Ebene abgrenzen, die sich mit den Fragen beschäftigt, welche Modelle von Schulbibliothek möglich sind bzw. tatsächlich existieren, wie diese Modelle zu differenzieren sind bzw. welche Vor- und Nachteile sich bei ihnen finden und / oder erwarten lassen etc. Ebenso ist auf dieser Ebene die Frage anzusiedeln, welche gesellschaftlichen Gruppen unter welchen Zielsetzungen, mit welchen Mittel und mit welchem Erfolg auf Schulbibliotheken zugreifen.
  4. Bildungssteuerung / Schulautonomie / Schultypen. Eine weitere Ebene muss sich, wenn es um Schulbibliotheken geht, mit dem existierenden Schulsystem und den Entwicklungen in diesem Bereich befassen. Einerseits muss die Gliederung des deutschen Schulsystems thematisiert werden, da diese eindeutig einen Einfluss auf die Schulbibliotheken hat. Gleichzeitig müssen die aktuellen Debatten um die Bildungssteuerung, namentlich um die Schulautonomie, berücksichtigt und auf Schulbibliotheken bezogen werden.
  5. Bibliothekarische Entwicklungen. Ebenso müssen die Debatten und Entwicklungen im bibliothekarischen Bereich beachtet werden, obgleich viele Schulbibliotheken ohne eine direkte Verbindung zu diesen existieren. Allerdings ist vorauszusehen, dass Konzepte, die auf eine längerfristig angelegte und geplante Zusammenarbeit von Schulen und Öffentlichen Bibliotheken abzielen, einen Einfluss auf Schulbibliotheken haben werden. Ebenso können die Debatten, die unter dem Label Bibliothek 2.0 geführt werden, für die Entwicklungen in Schulbibliotheken relevant sein, zumal die Schülerinnen und Schüler die Veränderungen in der Mediennutzung, um die es ja bei der Bibliothek 2.0 auch geht, weit früher vollziehen, als die Gesamtbevölkerung.
  6. Schulbibliothek als bibliothekarischer Raum. Ausgehend von den geäußerten Vorüberlegungen lassen sich auf der Mesoebene Schulbibliotheken als unterschiedliche Räume verstehen und untersuchen. Dabei ist zu bedenken, dass die Forschungen auf der Mesoebene immer auch die Verbindung zwischen Meta- und Mirkoebene herstellen sollen.
    Betrachtet man Schulbibliotheken unter dem Fokus eines bibliothekarische Raumes, dann lassen sich Fragen stellen, die an den Vorstellungen und Zielsetzungen von Bibliotheken anschließen: Welche Aufgaben haben Schulbibliotheken als Bibliotheken? Wie erfüllen sie diese? Oder erfüllen sie diese nicht? Gibt es eine Evidenzbasis für die Vorstellungen aus bibliothekarischer Perspektive, beispielsweise für die beständig wiederholte Vermutung, dass Schulbibliotheken ein Lernort für den Umgang mit anderen Bibliotheken darstellten? Gibt es Zusammenarbeiten zwischen Schulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken und wenn ja, welche und mit welchen Ergebnissen? Wie lassen sich diese Ergebnisse erklären?
  7. Schulbibliothek als pädagogischer Raum. Ähnliche Fragen wie für die sechste Ebene lassen sich auch stellen, wenn man die Schulbibliotheken unter dem Fokus ihrer pädagogischen Aufgaben und Wirkungen betrachtet. Welche Aufgaben sind dies? Wer formuliert sie? Wie werden sie umgesetzt? Geht es um die Unterstützung der literarischen Bildung, des Lesen-Lernens, der Unterrichtsgestaltung, des freien Lernens etc.? Oder geht es um den Sozialraum Schulbibliothek, der den Schulalltag unterstützt oder aber den außerschulischen Bereich?
  8. Schulbibliothek als Ort bürgerschaftlichen Engagements / Professionalisierung (Personal). Weiterhin lassen sich auf der Mesoebene Fragen zum bürgerschaftlichen Engagement, die weiter oben schon angeklungen sind, erforschen: Wie konstituiert und verändert sich das bürgerschaftliche Engagement in den Schulbibliotheken? Welche Formen des bürgerschaftlichen Engagements gibt es? Wer engagiert sich wie? Wie wirkt sich dies aus? Dies lässt sich sinnhaft auf Fragen des Personals erweitern: Wie auch in anderen Bereichen des bürgerschaftlichen Engagements finden sich in Schulbibliotheken Ansätze zu einer Professionalisierung der Engagierten, sowohl hinsichtlich von Fortbildungen, Vernetzung, Kommunikation und in das Engagement eingebrachtem Bildungskapital als auch hinsichtlich der Verstetigung und damit auch Finanzierung des Engagements. Das Nebeneinander von kostenlosem Engagement vieler, prekärer Beschäftigungsverhältnisse einiger und Festanstellungen einiger weniger, die dann vor allem übergeordnete Aufgaben übernehmen, lässt sich auch in Schulbibliotheken vorfinden. In vielen Bereichen des sozialen Engagements kommt es dabei zu einer langsamen Etablierung von Karrieremöglichkeiten und damit auch zu einer Professionalisierung. Die Frage ist, ob dies im Bereich Schulbibliotheken auch der Fall ist und wenn ja, was dies für die Schulbibliotheken bedeutet.
  9. Einzeleinrichtungen: Alltag, Erfahrungen, Evidenzen. Auf der Mikroebene wird vor allem die Untersuchung der Abläufe in den einzelnen Schulbibliotheken von Interesse sein. Also die Frage, wie die Schulbibliothek von wem, wie und wozu genutzt wird; wie die konkreten Abläufe (Bestandsaufbau, Aufstellung, Erschließung und Bestandsnutzung ebenso wie die „normale“ Nutzung durch Lernende, Lehrende und andere, z.B. die Schulsozialarbeit) organisiert sind; wie sowohl die freie als auch die unterrichtliche Benutzung organisiert ist etc. Gleichzeitig lassen sich auf dieser Teilebene Fragen der Motivation und subjektiven Theorien des Personals und der Nutzenden untersuchen sowie gleichzeitig nach Evidenzen für intendierte und nicht-intendierte Wirkungen der Schulbibliotheken suchen.
  10. Einzeleinrichtungen: differenzierte Organisationen. Gleichzeitig sind Schulbibliotheken als Einrichtungen zu begreifen, die sich bezüglich ihrer Aufgaben ausdifferenziert haben und eigenständige Teilsysteme darstellen. Sowohl die Stellung und Verankerung der Schulbibliotheken in den jeweiligen Schulen und lokalen Netzwerken von Lernorten der Schülerinnen und Schüler als auch die Eigenaktivitäten der Schulbibliotheken, beispielsweise Vernetzungen, Anstrengungen zur Aufrechterhaltung der Einrichtungen und die aktive Abgrenzung der Schulbibliotheken von anderen Einrichtungen innerhalb und außerhalb der jeweiligen Schule eröffnen interessante Forschungsfragen.

Anmerkung
Das Ziel dieses vorgeschlagenen Forschungsprogrammes ist es, eine Kommunikation zwischen denjenigen, die zu Schulbibliotheken forschen und forschen wollen, zu ermöglichen. Es ist selbstverständlich offen für Anmerkungen und Diskussionen. Aber es soll ermöglichen, dass Forschungen verortet, systematisiert und damit sinnvoll aufeinander bezogen werden können. Langfristig sollten, wenn Forschungen in den einzelnen Teilebenen vorliegen, belastbare Aussagen und Theoriebildungen zu Schulbibliotheken möglich werden. Auf der Basis solcher Wissensbestände würde dann auch, wie in der ersten Skizze verdeutlicht wurde, sowohl eine strukturierte Beratung als auch die Evaluation sowohl für einzelne Einrichtungen als auch für die gesamte Bildungs- und Bibliothekspolitik möglich. (Die bisherige Beratung, die von Engagierten für andere Engagierte angeboten wird, ist immer wieder auf die persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen dieser Engagierten angewiesen. Ohne Frage ist auch diese sehr hilfreich.) Allerdings kann dies nicht die Hauptaufgabe von Wissenschaft sein. Forschung soll zur Selbstaufklärung eines Feldes und zur Reflexion über dieses beitragen, zumindest in den Forschungszweigen, die sich mit gesellschaftlichen Fragen und Institutionen beschäftigen. Dies wäre auch die Aufgabe einer Forschung zu Schulbibliotheken, die hier vorgeschlagen wurde.

Literatur
Arnold, Rolf ; Faulstich, Peter ; Mader, Wilhelm ; Nuissl von Rein, Ekkehard ; Schlutz, Erhard / Forschungsmemorandum für die Erwachsenen- und Weiterbildung. – Bonn : DIE, 2000. [http://www.die-bonn.de/oear/forschungsmemorandum/forschungsmemorandum.htm]
Einsiedler, Wolfgang / Didaktische Entwicklungsforschung als Transferforschung. – In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 13 (2010) 1, S. 9-81.
Gräsel, Cornelia / Stichwort : Transfer und Transferforschung im Bildungsbereich. – In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 13 (2010) 7, S. 7-20.
Niesyto, Horst ; Meister, Dorothee ; Moser, Heinz ; Wagner, Ulrike ; Tillmann, Angela ; Neuß, Norbert ; Hoffmann, Dagmar ; Hoffmann, Bernward ; Schorb, Bernd ; Hasebrink, Uwe ; Lampert, Claudia / Keine Bildung ohne Medien! : Medienpädagogisches Manifest. – Ludwigsburg, 2009. [http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/medienpaedagogisches-manifest.pdf]
Raumel, Frank / Systematische Erschließung von Bildungspartnerschaften : Ein Leben lang lesen und lerenn in der Stadtbücherei Biberach an der Riss. – In: BuB, 62 (2010) 5, S. 377.
Schuldt, Karsten / Schulbibliotheken in Berlin 2008-2010 – Übersicht zu den grundsätzlichen Entwicklungen und der Anzahl der Schulbibliotheken in Berlin. – [Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 27]. – Berlin : Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät I, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 2010. [http://edoc.hu-berlin.de/docviews/abstract.php?id=30912]
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ; Alscher, Mareike ; Dathe, Dietmar ; Priller, Eckhard ; Speth, Rudolf / Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. – Berlin : Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2009. [http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/buergerschaftliches-engagement-bericht-wzb-pdf,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf]

Fußnote
[1] Die Forschungen zum bürgerschaftlichen Engagement sprechen auch von einer Professionalisierung des Ehrenamtes. Vgl. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (2009).
[2] Findet eine solche Institutionalisierung, beispielsweise in Instituten, Lehrstühlen, Forschungsnetzwerken, nicht statt, sondern bleibt die Forschung in einem Feld zu eng an eine oder wenige Personen gebunden, kann es – wie dies auch immer wieder passiert – vorkommen, dass diese Felder mit dem ausscheiden der Forschenden von der Landkarte der Wissenschaft wieder verschwinden.
[3] Wäre es möglich, dass vorherzusagen, würde dies der Forschungspolitik ein wichtiges Mittel zur Steuerung der Wissenschaft in die Hand geben, könnte sie dann doch Forschungsfelder direkt planen und auch „schließen“ und nicht „nur“ indirekt über die Vergabe von Geldmitteln, Forschungsaufträgen und der Etablierung von Standards. Allerdings kann solche Vorstöße der Bildungspolitik wie die Exzellenzinitiative gerade als Versuche interpretieren, solche Netzwerke regelrecht zu erzwingen.
[4] Vgl. zu einem bekannten Versuch einen solchen Forschungsrahmen aufzustellen das Forschungsmemorandum für die Erwachsenen- und Weiterbildung [Arnold et al. (2000)]. In gewisser Weise lässt sich auch das „Medienpädagogische Manifest“ [Niesyto et al. (2009)] als ein solcher Rahmen verstehen, auch wenn es vordergründig um die Veränderung der pädagogischen Praxis geht.
[5] Vgl. Schuldt (2010). Ob die Zahl der Schulbibliotheken wieder wächst – weil z.B. in der zeit der letzten großen Bildungsreform in der BRD in den 60er/70er Jahren Schulbibliotheken begründet, diese aber zu einem großen Teil eingegangen sind, lässt sich nicht mehr feststellen.
[6] Vgl. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (2009).
[7] Dies ist bekanntlich für bürgerschaftlich Engagierte in Bibliotheken auch noch lange nicht geklärt.
[8] Vgl. Gräsel (2010), Einsiedler (2010), die dies gerade unter dem Fokus einer Handlungsforschung (in schulischen Bereich) diskutieren.
[9] Vgl. dazu als aktuelles Beispiel Raumel (2010), wo Schulbibliotheken als reine Untereinrichtungen des städtischen Bibliothekssystems in Biberach an der Riss beschrieben werden.
[10] Vgl. Schuldt (2010).

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