Bildungsberatung: Von der Professionalisierungsfront

In einem kurzen, aber inhaltsreichen Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Der pädagogische Blick“ zeigen Steffi Robak und Monika Kil auf, dass sich Lebenslanges Lernen (LLL) nicht als reine Umbenennung schon existierender Angebote von Bildungseinrichtungen oder als Werbemaßnahme verstehen lässt. [Robak, Steffi ; Kil, Monika / Beratung als professionelles Handlungsfeld und Gegenstand erziehungswissenschaftlicher und erwachsenenpädagogischer Qualifikation. – In: Der pädagogische Blick, 17 (2009) 1, S. 51-54] Vielmehr insistieren sie darauf, dass die Anforderungen, die sich aus dem Konzept des LLL ergeben, eine Erweiterung der Aufgaben der gesamten Bildungsinfrastruktur implizieren. Eine Gesellschaft, die – so will es das Konzept des LLL – aus Individuen besteht, welche beständig in neuen, selbstgesteuerten oder anderweitige motivierten Lernprozessen involviert sind, welche diese Lernprozesse fortwährend selber auswählen und beständig darüber reflektieren, welche Lernaktivitäten sie benötigen, um individuelle Probleme zu bewältigen, gewünschte Kompetenzen zu erwerben oder selbstgewählte Ziele zu erreichen; bedarf einer Bildungsinfrastruktur, in welcher die Aufgabe der Bildungsberatung ernst genommen wird.
Das ist in diesem Blog schon mehrfach für Bibliotheken thematisiert worden, die sich, wenn sie als Einrichtungen gelten wollen, die das Lebenslange Lernen unterstützen, auch auf diese Aufgabe einlassen müssten, obwohl dies gleichzeitig in den bibliothekarischen Beiträgen, die gerade behaupten, dass Bibliotheken solche Einrichtungen seien, nicht angesprochen wird. Steffi Robak und Monika Kil, Erziehungswissenschafterinnen – einmal an der Humboldt Universität zu Berlin, einmal an der Universität Bremen – thematisieren dies in ihrem Text allgemein für die gesamte Breite von Bildungseinrichtungen. Dies tun sie insbesondere vor dem Hintergrund einer sozial stratifizierten Gesellschaft, in der eben nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Bildungsbeteilung und gesellschaftliche Nutzung von Bildungsergebnissen eine rein individuelle Wahl sei:

Will man gesamtgesellschaftlich unterstützen, dass sich Individuen der unterschiedlichen Schichten und Milieus passfähig Wissen durch Weiterbildung erarbeiten und für Prozesse des Weiterlernens motiviert und befähigt werden, braucht es neutrale Beratungsstellen, die für komplexe Verwertungsfelder Unterstützungsstrukturen und kompetentes Personal bereitstellen. [S. 51f.]

Dabei verzichten Robak und Kil darauf, zu thematisieren, ob eine Gesellschaft, in der Individuen „passfähig“ – dass heißt gerade auch, so wie die Gesellschaft und die Arbeitgeber es gerne hätten – überhaupt wünschenswert ist oder ob in einer liberalen Gesellschaft nicht gerade auch Lernprozesse unterstützt werden müssten, die gerade nicht „passgenau“ sind. Nichtsdestotrotz machen die beiden Autorinnen im Anschluss an eine Tagung zum Thema Professionalisierung der Bildungsberatung zwei grundsätzlich wichtige Aussagen.
Erstens bieten sie eine (weitere) Differenzierung des Feldes Bildungsberatung an. Sie postulieren, dass eine Unterscheidung in die folgenden fünf Felder sinnvoll wäre, um auf diese Unterscheidung aufbauend die Beratungsarbeit von Bildungseinrichtungen zu organisieren:

  • individuelle Orientierungsberatung (Leitfrage: Welche Beratung ist individuell passend?)
  • individuelle Weiterbildungsberatung / Laufbahnberatung
  • individuellen Beratung (kurzfristig, auf einen Lernaktivität bezogen)
  • Qualifikationsberatung für Organisationen
  • Organisationsberatung für Weiterbildungseinrichtungen (also eine Art Metaberatung)

Man muss dieser Differenzierung nicht folgen, zumal sie ganz offensichtlich weniger daran orientiert ist, denn Status Quo der Beratung festzustellen, als vielmehr eine Professionalität der Weiterbildungseinrichtungen zu behaupten, die in dieser Form eventuell noch gar nicht gegeben ist. Zudem ist die Differenzierung sehr am Konzept der „Passfähigkeit“ orientiert, d.h. weniger von den Interessen der Individuen her gedacht. Dennoch scheint diese Einteilung einen wichtigen Diskussionsstrang im Feld der Weiterbildung zu repräsentieren, der nicht einfach ignoriert werden kann. Nicht zuletzt lässt sich aus dieser Einteilung auch die Frage ableiten, wo sich den Bibliotheken in diesem Feld verorten, welche Aufgaben sie im Rahmen des politische favorisierten Konzeptes Lebenslanges Lernen übernehmen wollen und können. Auffällig ist ja, dass in den Debatten der Weiterbildungseinrichtungen der Zugang zu potentiellen Lernmedien – auf den Bibliotheken gerne rekurieren, wenn sie davon sprechen, Einrichtungen zu sein, welche LLL unterstützen würden – kaum thematisiert wird. Anscheinend wird dies nicht als Thema und / oder Problem der Weiterbildungseinrichtungen wahrgenommen.
Die zweite relevante Aussage von Robak und Kil ist eher eine Behauptung. Sie postulieren, dass die Diplom-Pädagogen und Diplom-Pädagoginnen eigentlich schon längst die Fähigkeiten erworben hätten, diese Beratungsleistungen vorzunehmen und diesen Fakt einfach „nur noch“ den Verantwortlichen klar machen müssten, um den Beruf des Weiterbildungspersonals zu professionalisieren:

Fast alle Diplom-Pädagogen/-innen haben Beratung als die Grundform ihres pädagogischen Handelns in ihren beruflichen Handlungsvollzügen bereits professionell etabliert. An diese Kompetenz, Expertise und Vorbildung sei in der Diskussion um die Professionalisierung und Professionalität von „Beratung“ erinnert. Diese Absolventen/-innen verfügen über zentrale Voraussetzungen, nämlich das von Beraterschulen unabhängige Grundwissen über Funktionslogiken von Erziehung, Bildung, Lernen und Lehren in verschiedenen gesellschaftlichen Konstellationen. Vor allem wenn es um Bildungs-, Lern- und Laufbahnberatung geht, haben wir […] bereits akademisch grundlegend ausgebildete Experten/-innen für Lehr-, Lern-, Entwicklungs- und Sozialisationsprozesse, die sich grundlegend mit dem Bildungssystem auseinandergesetzt haben, zur Verfügung. […] Dies ist für die Qualitäts- und Professionalitätsprofielierung […] nicht unerheblich und kann aufbauend für die Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung dieses Arbeitsfeldes genutzt werden. [S. 53f.]

Ziemlich deutlich wird in diesem Abschnitt, dass es gerade nicht – wie behauptet – gesellschaftlich so klar ist, wer eigentlich welche Form von Bildungsberatung anbieten kann bzw. soll. Der Halbsatz vom „von Beraterschulen unabhängige[m] Grundwissen“, zielt zum Beispiel sehr explizit auf private Beratungseinrichtungen, die ebenfalls den Anspruch erheben, Bildungsberatung anzubieten. Immer, wenn eine Profession – hier die Diplom-Pädagogen/-innen – sich mit Texten und Kommuniqués in dieser Form an die Öffentlichkeit wendet, um eine Themenfeld als das ihre zu reklamieren, die sich auch als „Hier-ich-ich-ich“-Haltung beschreiben lässt, ist klar, dass es sich um ein zumindest aktuell umstrittenes Feld handelt. Dies scheint ein Spezifik der Professionalisierung und Deprofessionalisierung von Berufsfeldern zu sein und sollte nicht beunruhigen.
(Es ist ja ähnlich mit den Behauptungen von Bibliotheken, die maßgebliche Einrichtung zu sein, welche Informationskompetenz vermitteln könnte. Das ist in der Gesellschaft und vor allem bei den anderen Bildungseinrichtungen auch noch lange nicht so unbestritten, wie das die bibliothekarischen Verbände gerne hätten. Hingegen müssen sich – in westlichen Staaten – heutzutage keine Anwälte und Anwältinnen mehr hinstellen und behaupten, die einzige Profession zu sein, welche vor Gericht auftreten dürfe. Das ist einfach akzeptiert, d.h. Der Anwaltsstand hat sich soweit professionalisiert, dass daran niemand mehr zweifelt – wie gesagt in westlichen Staaten.)
Nichtsdestotrotz macht der Text von Robak und Kil, der durch zahlreiche ähnliche ergänzt werden könnte, klar, dass es sich beim Thema Bildungsberatung um eine Themenfeld handelt, welchem – nicht zu Unrecht – eine gesellschaftliche Funktion zugeschrieben wird. Dieses Feld ist aktuell umstritten. Wer wann wie darüber bestimmen wird, wie Bildungsberatung aussehen wird, wie sie von wem durchgeführt wird (und wie nicht und von wem nicht), wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Gestaltung des zukünftigen Bildungssystems bestimmen. Solange so verbissen um die Deutungshoheit gerungen wird, wie dies im Text von Robak und Kil durchscheint, ist es auch möglich, sich selber als Person oder als Vertreterin bzw. Vertreter einer anderen Profession, beispielsweise des Bibliothekswesens, einzubringen, solange man dafür Argumente beibringen kann. Später, wen sich eine oder eine kleine Anzahl von Professionen mit ihrem Anspruch durchgesetzt haben, wird das dann wieder schwieriger sein.

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