Skizze Forschungsfeld Kultur und Politik im Internetzeitalter: Die Vernerdung des Mainstreams, der Paradigmenwechsel der demokratisierenden Informationsnutzung und das Internet als Lebens- und Politikraum

[Jetzt, nachdem die Promotion „nur noch“ korrigiert werden muss und ansonsten fertig ist, denke ich über ein neues Forschungsthema nach. Das wird nicht wieder eine große Arbeit werden, sondern eher ein Oberthema für verschiedene kleinere Arbeiten und dem Versuch, Forschungen und Diskussionen auf diesem Gebiet anzustoßen. Ich hatte nicht vor, nach der Promotion mit der Wissenschaft aufzuhören, wie andere Menschen, die – verständlicherweise – die Doktorarbeit als Teil ihrer bibliothekarischen Karriere sehen und anschließend hauptsächlich diese vorantreiben.
Ich hatte aber auch nicht vor, mich alleine auf das Thema Bibliotheken und Bildung einzuschränken. Das habe ich jetzt zwei Jahre mit der Promotion und das halbe Jahr davor mit der Magisterarbeit getan. Irgendwann war das auch enervierend: ständig die gleichen Mythen, immer wieder ähnliche normative Aussagen und politische Lyrik, kaum sinnvolle Daten und nur wenig tatsächliche Entwicklungen. Das soll nichts gegen die tatsächlich in Bibliotheken betriebenen Bildungsaktivitäten sagen, die ja sehr oft mit großem Engagement und persönlichen Einsatz betrieben werden. Aber aktuell hat sich mein Forschungsinteresse auf diesem Gebiet erschöpft und muss wohl erst einmal wieder wachsen.
Das folgende ist eine Skizze eines Forschungsfeldes, über das ich in der letzten Zeit nachgedacht habe und welches ich auf die eine oder andere Weise bearbeiten möchte, weil ich es nicht nur interessant, sondern sowohl für die demokratische Gesellschaft als auch für die Entwicklung von (Öffentlichen) Bibliotheken relevant finde. Es ist eine Skizze, keine der Thesen ist bisher empirisch untermauert, nicht ist ausgearbeitet, keine Grenze ist scharf gezogen. Ich würde das Feld als „Internetgesellschaft, Demokratisierung und Neu-Entstehen politischer und kultureller Felder und Kreativität der jungen Generationen“ umschreiben – als Arbeitstitel. Veröffentlichen möchte ich diese Skizze, weil ich das Themenfeld für so relevant und in Bewegung befindlich einschätze, dass ich es gut finden würde, wenn mehr Menschen aus dem Bibliotheksfeld ihren Blick darauf richten würden. Ich bin ja auch nie der Erste, der zu diesem Thema etwas zu sagen hat, aber es sind meines Erachtens zu wenige, die – im bibliothekarischen Feld – angesichts der umfassenden Entwicklungen, neben Kulturpessimismus oder der Überaffirmation technischer Versprechen, etwas Substantielles zu sagen haben.
Es geht um die Gesellschaft und Menschen, nicht primär um Technik.
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Forschungsthema Internetgesellschaft
Beginnen wir mit einem Zitat aus einem Werk, dass einiges Aufsehen erregte, als es 2006 erschien:

„Ich verbrachte meine Jugend in einer Zeit, die rückblickend betrachtet den Höhepunkt der Massenkultur darstellt – die 70er und 80er Jahre. Damals hatte ein durchschnittlicher amerikanischer Teenager Zugang zu einem halben Dutzend Fernsehsendern, und fast alle sahen sich die gleichen Fernsehsendungen an. In jeder Stadt gab es drei oder vier Radiosender, die Rock- und Popmusik spielten, und im Grund gab das Radio vor, welche Songs gehört wurden; nur ein paar begüterte Jugendliche legten Plattensammlungen an, die über die allgemeinen Hörgewohnheiten hinausgingen.
Wir alle sahen die gleiche Filme und bezogen unsere Informationen aus den gleichen Zeitungen und Nachrichtensendungen. Es gab nur ganz wenige Möglichkeiten, vom breiten Pfad der Massenkultur abzuweichen, etwa die Bücherei und der Comicladen. Soweit ich mich erinnern kann, erreichte mich die einzige Form von Kultur jenseits des Massengeschmacks in Form von Büchern und in dem, was meine Freunde und ich uns ausdachten, aber auch dabei blickten wir kaum über den eigenen Tellerrand.
Vergleichen wir meine Jugend einmal mit der von Ben, einem 16-jährigen, der mit dem Internet aufgewachsen ist. Er ist das einzige Kind wohlhabender Eltern im noblen North Berkeley Hills, hat eine Mac im Zimmer, einen gut bestückten iPod (für den er sich wöchentlich Songs bei iTunes herunterladen darf) und Freunde, die genauso leben. Wie seine Teenagerkumpel hat Ben eine Welt ohne Breitband, Handy, MP3-Player, Festplattenrekorder und Onlineshopping nie kennengelernt. […]
Ben betrachtet Kultur als ein nahtloses Kontinuum von oben nach unten, bei dem kommerzielle und von Amateuren bereitgestellte Inhalte gleichermaßen um seine Aufmerksamkeit buhlen. Er unterscheidet ganz einfach nicht zwischen Mainstream-Hits und Nischenprodukten – er sucht sich aus einem unbegrenzten Angebot, bei dem Hollywoodfilme und 3-D-Animationsfilme, die mithilfe von Computerspielen erzeugt wurden, gleichberechtigt nebeneinanderstehen, ganz einfach das aus, was ihm gefällt.
Ben verbringt einen Großteil seiner Freizeit im Internet, wobei er gleichermaßen ziellos surft oder bestimmte Foren besucht, in denen über das Videospiel Halo oder Star Wars diskutiert wird. Für Nachrichten interessiert er sich nicht (er liest keine Zeitungen und sieht sich keine Nachrichtensendungen im Fernsehen an), verfolgt aber die Meldungen über neue technische Entwicklungen und Klatsch und Tratsch zur Subkultur auf Websites wie Slashdot (Informationen für Computerfreaks mit Diskussionsforum) und Fark (schräge Nachrichten). Mit seinen zehn besten Freunden tauscht er ständig Instant Messages aus. Er selber verschickt nicht viele SMS auf seinem Handy, einige seiner Freunde dagegen schon. (SMS wird von den Jugendlichen bevorzugt, die viel unterwegs sind; IM sind die bevorzugte Chat-Methode all jener, die viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen.) Er spielt Videospiele mit seinen Freunden, meist online. Er findet Halo 2 cool, vor allem die Levels, die von den Nutzern modifiziert wurden.
Ich vermute einmal, wenn ich 25 Jahre später geboren worden wäre, hätte meine Teenagerzeit ganz ähnlich ausgesehen. Der große Unterschied zwischen Bens Jugend und meiner eigenen liegt ganz einfach in den Auswahlmöglichkeiten. Ich war auf das beschränkt, was über die Radiowellen gesendet wurde. Er hat das Internet. Ich hatte keine Festplattenrekorder (ja, nicht einmal Kabelfernsehen); er hat das alles und dazu noch BitTorrent (ein Filesharing-Protokoll zur schnellen Verbreitung großer Dateien). Ich wusste nicht einmal, dass es Mangas gibt, und noch viel weniger, wo man sie bekam. Ben hat zu all dem Zugang. Hätte ich die Wiederholungen von Gillingans Insel angesehen, wenn ich stattdessen zusammen mit meinen Freunden online einen Clan bei World of Warcraft hätte aufbauen können? Ich bezweifle es.“
[Chris Anderson (2007 [2006]) The Long Tail – Der lange Schwanz : Nischenprodukte statt Massenmarkt ; Das Geschäft der Zukunft. – München : Carl Hanser Verlag, 2007, Seite 2-5]

Was Chris Anderson in diesem Zitat andeutet und anschließend in seinem Buch – wenn auch unter einem wirtschaftswissenschaftlichen und damit per se eingeschränkten Fokus – herausstellt, ist Folgendes: wir leben nicht nur in einer Zeit des beständigen technischen Fortschritts im Medien- und Kommunikationssektor, sondern in einer Zeit, wo dieser Fortschritt innerhalb weniger Jahre die Lebensrealität von Menschen signifikant geändert, die Kultur transformiert und neben den etablierten, zahlreiche weitere realistisch lebbare Möglichkeiten der Gestaltung des Lebens etabliert hat. In Grundzügen mag dies bekannt klingen, aber die Realität ist, dass die tatsächlichen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zumindest in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft noch nicht wirklich erfasst worden sind. Wenn, dann scheinen technische Aspekte im Vordergrund gestanden zu haben, deren Relevanz insbesondere für die wissenschaftliche Kommunikation unbestritten ist. Bibliotheken sind aber, wie so gerne betont wird, nicht nur reine Informationseinrichtungen, sie sind vor allem als Öffentliche Bibliotheken gesellschaftliche Einrichtungen, die von der Gesellschaft errichtet und unterhalten werden, um gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen.

Veränderungen
Dabei soll das Internet hier nicht als technische Infrastruktur oder gar als Entität „Computer“ verstanden werden, sondern als beständige Möglichkeit der Kommunikation, der Informationsbeschaffung weit über die zuvor vorhandenen Möglichkeiten hinaus, der Demokratisierung von Kulturrezeption und -produktion. Gleichzeitig werden neue Themen und Freizeitbeschäftigungen etabliert, die bislang, wenn überhaupt, für Nerds von Interesse waren. Auf eine Weise, die man sich nicht als deterministisch vorstellen darf, geht mit der Erfahrung, dass einerseits ganze Wirtschaftszweige des Kultursektors ihre bisherige Macht verlieren und man andererseits als einzelner Mensch einen Einfluss haben kann, der sich im und durch das Internet und den technischen Fortschritt ergibt, mit einer – unter Umständen nicht neuen, aber dann immerhin erneuten – Verbreitung gesellschaftlichen und kulturellen Engagements einher.
Die grundsätzlichsten Veränderungen scheinen Folgende zu sein:

  • Die Etablierung des Computers und weiterer mobiler Geräte als Alltagsgegenstände. PCs gab es seit den 1980er Jahren in vielen Haushalten und Büros, allerdings war es immer nur eine Teil der Haushalte und dann saßen an diesen Rechner meist Jugendliche. Heute sind sie zu einem Gegenstand geworden, den einfach nahezu jede und jeder hat, zumindest in den meisten Altersstufen. Eine ähnliche Etablierung gab es einst bei Radiogeräten und Fernsehern: von Geräten, die nur in einigen Haushalten standen und deshalb auch eine besondere Konsumhaltung förderten (die Familie, die zusammen vor dem Fernsehen sitzt oder die ersten Radiohörer, die mit Kopfhörern am Wochenende vor den Geräten saßen) hin zu einem omnipräsenten Medium, dass einfach immer da ist und irgendwie fast immer läuft. (Wobei dies gerade beim Fernsehen wieder rückgängig ist.)
  • Durch diese Etablierung des Computers hat sich ein Medium etabliert, dass weit mehr Nutzungs- und Interaktionsmöglichkeiten zur Verfügung stellt, als die vorherigen Medien. Der Computer – oder die anderen mobilen Geräte – ist dabei eine Maschine für sehr verschiedene Medien (ähnlich dem gedruckten Papier, dass ja auch Grundlage unterschiedlicher Medienformen, von der Monographie über die Tageszeitung zum Flugblatt, ist). Bekanntlich bedeutet das nicht, dass alle Menschen alle diese Nutzungsformen selber aktiv nutzen oder auch nur kennen. Auch jetzt gibt es Menschen, die sich unter VoIP oder IM nichts vorstellen können. Aber sie haben dennoch die Maschine verfügbar, die ihnen diese Nutzungsmöglichkeit theoretisch zur Verfügung stellt: die Zugangsbarriere ist einfach niedriger. Es ist dazu nicht nötig, sich erst ein Medium zu besorgen (z.B. einen Fernseher zu kaufen) und oft ist nicht mal das Erlernen einer neuen Mediennutzung nötig (z.B. Lesen lernen) – einfach weil sich die weiteren Mediennutzungsformen aus dem schon bekannten übertragen lässt: wer Mails schreiben kann, kann auch ein Forum nutzen, wer HTML kann, kann auch einen Blog schreiben oder mit einem Wiki arbeiten etc. Von vielen Medien ist dies bei ihrer Etablierung behauptet worden (zuletzt von Kopieren und Videokameras), ohne dass sich diese Behauptungen wirklich bewahrheiteten, aber beim PC scheint man tatsächlich von einer potentiellen Demokratisierung der Medien ausgehen zu können. Wichtig ist dabei, dass diese Kommunikationsmöglichkeiten auch bei den Leuten funktionieren, die sich wenig mehr trauen, als den Rechner an zu machen: keine nerdigen Programme, keine unansehlichen Rechner und Modem, kein wahrscheinlich-kommt-die-Mail-an-oder-auch-nicht mehr. Die Rechner und Browser sind einfach nutzbar geworden.
  • Das gleiche gilt für die Programme zur Herstellung eigener Inhalte. Auch das ist schon mehrfach versprochen worden, beispielsweise das Videokameras oder Drucker dazu führen werden, dass Menschen ihre eigenen Medien machen und damit die jeweils zeitgenössischen Medien ablösen würden. Und das hat immer nur in Ansätzen geklappt. Das Internet und die Entwicklung von Software hat allerdings zu einer unvergleichbaren Verbilligung der Herstellung von eigenen Inhalten geführt und vor allem Werkzeuge zur effizienten Verbreitung mit sich gebracht. Und das scheint so weit angenommen zu werden, dass weit mehr als die üblichen Verdächtigen Inhalte produzieren. Das Selberproduzieren von Inhalten ist nicht mehr alleine die Sache der dafür Bezahlten und der vollkommen Engagierten, sondern es ist zum Teil des Alltags geworden. Das Produzieren eigener Filme, das Führen eines Weblogs oder eines Twitteraccounts sind soweit vereinfacht worden, dass es fast nebenher geschehen kann. Es ist nicht mehr unbedingt ein eigenes Produkt, das mit großem Planungsaufwand einhergeht, sondern kann beispielsweise als Alternative zum Fernsehschauen gelten. Sicherlich kommt da meistens Müll raus, aber nicht nur. Und zudem lernen Menschen bei diesem Müllproduzieren, ihre Software und ihre Möglichkeiten zu nutzen, und können dieses Wissen anschließend in ambitionierten Projekten einbringen. Es scheint – insbesondere mit dem Produzieren von eigenen Filmen seit einigen Jahren – eine Grenze überschritten zu sein, in der ein relevant großer Teil der Bevölkerung die Möglichkeiten zur Produktion von eigenen Medieninhalten auch wahrnimmt und das nicht nur die Versprechen des jeweils neusten Mediums sind, die dann doch nicht umgesetzt werden.
  • Relevanter ist allerdings, dass sich durch das umfassende und schnell zu erreichende Angebot von Informationen und der bisher nicht gekannten, allgemein verfügbaren Technologie zum Umgang mit diesen, neue Formen der Informationsnutzung etabliert haben. Informationen beständig zur Hand zu haben, ist etwas relevant anderes, als sie erst nachschlagen zu müssen. Das wirft auch die Vorstellung um, dass sich Menschen für die Informationsbeschaffung erst Gedanken darüber machen, welche Informationen sie benötigen und dann nach einer Möglichkeit suchen, diese Informationen auch zu erhalten – beispielsweise in der Bibliothek. Selbstverständlich kommt auch das vor. Und es entstehen neue Herausforderungen für die Individuen, um mit Informationen umgehen zu können. Aber dennoch hat sich auch die Informationsnutzung in einer veränderten Form im Alltag etabliert.
  • So relativ jung das Internet noch ist, so sehr gibt es schon eine Geschichte der Ablehnung desselben, auch oder gerade aus Bibliotheken. Zwar gab es immer dazu Gegenmeinungen, die bestimmte Aspekte des Internets positiv betrachteten. Dennoch war und ist die Richtung stark, die behauptet, dass das Internet (und zuvor schon Computerspiele) eine negativen Einfluss hätten. Einer der Bereiche, die angeblich vom Internet betroffen wäre, sei die Lesefähigkeit der Individuen, insbesondere von Jugendlichen. Diese Kritik benennt einen wichtigen Punkt: die Schriftlichkeit, die Bedeutung und Nutzung von Schrift und von geschrieben Dokumenten hat sich verändert. Die Frage ist nur, ob das schlecht ist oder nur an einem falschen Wert gemessen wird, dem Lesen von Monographien als Hauptinformationsquelle. (Auch dieses Monographie-orientierte Lesen, dass in den letzten Jahrzehnten als anstrebenswert galt, musste sich ja erst historisch durchsetzen.) Das Internet selber – und zwar alle Kommunikationsmöglichkeiten, die hier einfach dazu gezählt werden, obwohl sie auf anderen Protokollen beruhen, bis hier zur Kommunikation innerhalb von teambasierten Onlinespielen – ist eine stark schriftliche Angelegenheit. Daran ändert auch der Trend zu autonom produzierten Videos nichts. Ein Großteil der Kommunikation, Informationsvermittlung und -produktion findet schriftlich statt. Emails und Instant Messaging – und auf den Handys die SMS, die aber auch bald Geschichte sein könnten – sind ja beispielsweise fast vollständig rein schriftliche Kommunikationsformen, die teilweise zu einer eigenständigen Sprache und Schriftnutzung geführt haben. Insbesondere beim Instant Messaging ist das Ausdrücken von Stimmungen und Gefühlen per Schrift relativ allgemein verbreitet, so dass die gewisse Objektivierung derselben, die sich beim Schreiben von Briefen, Zeitschriften und Büchern etabliert hat, gewissermaßen aufgehoben hat. Dies mag man bedauern, weil man es lieber hätte, wenn alle Menschen in jedem Schriftstück ihre Gefühle mithilfe rhetorischer Mittel und lyrischer Bilder darstellen würden. Aber auch dann führt kein Weg daran vorbei, zu bemerken, dass sich eine neue Form der Schriftlichkeit ausgebildet hat und das gerade das Internet dazu beigetragen hat, dass heute eher mehr als weniger geschrieben und gelesen wird. Wie genau und mit welchen Konsequenzen, scheint eine bislang offene Frage zu sein.
  • Diese ganzen Veränderung haben nicht nur zur Etablierung weiterer Medienformen geführt, die neben dem Leben mitlaufen und von einigen Menschen genutzt oder auch nicht genutzt werden. Vielmehr hat sich eine eigene Medienrealität ausgebildet, die Teil des Alltags der Individuen ist. Das ist erstmal nichts Erstaunliches: irgendwann waren Fernseher so sehr Teil des Alltags, dass sie überall standen, Gespräche außerhalb technisch versierter Kreise anregten und die Realität mit formten. Und das, obwohl sie auch erst neu eingeführt werden mussten und es beispielsweise um die Einführung des Privatfernsehens noch heftige Auseinandersetzungen gab. Ebenso mussten sich Handys und (in Deutschland) SMS erst durchsetzen. Zur Zeit der Wende gab es die noch nicht, niemand konnte 1989 auf den Leipziger Demonstrationen einfach eine SMS nach Magdeburg schicken und berichten, wie viele Menschen auf der Straße waren. Ebenso konnte niemand – auch kein Westtourist – einfach ein Photo vom städtischen Marktplatz machen und ihn per MMS zurückschicken, um zu zeigen, dass es in der betreffenden Kleinstadt ruhig war. Heute kann man das erwarten. 2005, bei den islamistischen Anschlägen in London, tauchten schnell Handyvideos aus den betroffenen U-Bahnen auf, weil Handys mit diesen Funktionen zum Alltag gehören. Niemand wunderte sich darüber. Und genauso ist es mit dem Internet: es ist so sehr Teil des Alltags geworden – zumindest für einen Teil der Bevölkerung – dass es diesen Alltag und die Realität mitbestimmt. Das zu allem irgendwas im Netz steht, es zu nahezu allen Themen Websites und Blogs gibt, dass Informationen relativ einfach gefunden werden können, dass ein Cafe WLAN-Anschluss hat: all das wundert niemand mehr wirklich, außer man hat sich in den letzten Jahren der Medienentwicklung und sozialer Kontakte entzogen.

Kultur und Politik
In einem Artikel in der letzten libreas habe ich schon versucht, darzustellen, wie sich die Bildung und Ausbreitung von Subkulturen durch das Internet verändert hat: das Netz ist für viele Subkulturen zum Ort der Entstehung und Verbreitung geworden. Nicht etwa, weil Alben getauscht werden – das ist nur ein Zusatz. Wichtiger ist, dass die Kommunikation von Subkulturen im Netz stattfindet, nicht als Ergänzung der Szenediskurse, sondern als essentieller Bestandteil. Zudem ermöglicht das Netz Subkulturen, die zuvor selbst in den urbansten Gebieten aufgrund mangelnder Interessentenzahl nicht möglich gewesen wären. Die Sichtbarkeit von fast zahllosen Subkulturen ermöglicht außerdem offenbar eine Liberalisierung von Szenezugehörigkeiten bzw. eine Akzeptanz und Durchlässigkeit, die vor einigen Jahren, als sich Szenen oft gegeneinander abgrenzten, um „real“ zu bleiben, nicht denkbar gewesen wäre. (Zu diskutieren wäre, ob das ein Ergebnis des Internets ist oder eine zeitgleiche Durchsetzung liberaler Grundsätze, also eines fortschreitenden Aufklärungsprozesses.)

Nerdcore
Eine Subkultur, welche die gesellschaftliche und kulturellen Veränderungen der letzten Jahre deutlich macht, ist Nerdcore. Nerdcore ist ein eigenständiges Subgenre des HipHop. Musikalisch klingt es sehr nach Old-School (HipHop zwischen den 1970ern und ungefähr 1985), als HipHop noch hauptsächlich mit Plattenspielern, Samplern und Drummaschinen gemacht wurde. Dominieren tut bei Nerdcore der Computer und der Sound alter Videospiele. Inhaltlich – und das macht das Besondere an diesem Genre aus – geht es hauptsächlich um Nerddinge: Computer, Computerspiele, andere elektronische Geräte, das Internet, (moderne) Kartenspiele, Star Trek, Star Wars, World of Warcraft, Linux, Mac, Wissenschaft und die dazugehörige Nerdkultur.
Das klingt erst einmal wie ein Witz, hat sich aber über die letzten Jahre kontinuierlich entwickelt und ist spätestens seit 2006 in Nordamerika eine eigenständige Subkultur mit Konzerten, die teilweise 1000de Besucherinnen und Besuchern anziehen. Die Szene ist größtenteils jung, weiß, von modernen Medien geprägt, mit relativ hohen Bildungskapital und einer offenbar größtenteils liberalen gesellschaftlichen Haltung. (Zumindest gilt MC Frontalot als eine der bestimmenden Figuren der Szene, obwohl oder gerade weil er sich über die Maskulinität anderer HipHoper lustig macht und mindestens ein explizites Lied über die Vorteile des Homosexuell/Queer-Sein gemacht hat und beständig vorträgt.) Nerdcore pulsiert und hat sich soweit etabliert, dass sein Untergang in den nächsten Jahren nicht zu erwarten ist. Ob die Inhalte und die Kultur dieser Subkultur jemals über sich hinaus wirken können, ist eine andere Frage.
Interessantes ist, dass Nerdcore als eine der ersten Subkulturen erscheint, die nur über das Internet möglich wurden, die also nicht nur das Internet als Nebenprodukt verwendet, in dem man beispielsweise auch etwas verkaufen oder zumindest Werbung machen kann, sondern das Internet als integralen Bestandteil der szeneinternen Kommunikation, als Thema der Szene und als „Lebensraum“ im Alltag der Szene behandelt: Ohne Internet kein Nerdcore, aber gleichzeitig ist Nerdcore weit mehr als das Internet. Über das Internet selber wurde es möglich, dass Nerds, die man eher als Menschen, die ihre Zeit vor dem Rechner und weniger mit anderen Menschen verbringen wahrnimmt, in einer so großen Zahl zusammenfanden, dass dieses Empowerment dazu führte, dass sie sich zutrauten, aus ihrem persönlichen Lebensinhalt den Inhalt einer eigenen Subkultur zu machen.
Hinzu kommt, dass die Nerds mit ihren Inhalten auf einmal wichtig geworden sind, weil: „We build the fucking Internet.“ (2Thirteen ft. High C, Ham-STAR & T.Y.T.: The Anthem) Allerdings scheint sich dies nicht nur auf die technische Seite des Prozesses, sondern auch auf die individuellen und gesellschaftlichen Überzeugungen zu beziehen, die von Nerds größtenteils vertreten werden und die langsam (wieder) eine positiven Status zugesprochen bekommen: hohe Technikkenntnisse, Ansammlung von abseitigem Wissen, Bildung – allerdings nicht im Sinne einer bürgerlichen, belehrenden Bildung, sondern eher als anwendbares Wissen, eine gewisse Art von nicht-offensiver Individualität und eine grundsätzlich liberale Haltung.

AGNV, ThatGuy, Revision3
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Trend zum Internetfernsehen. Es gibt noch keine richtigen Begriff dafür, der hier gewählte ist etwas missverständlich, weil er suggeriert, dass einfach nur das Konzept des Fernsehens ins Internet übertragen wurde. Das gibt es auch, aber hier sind Einzelpersonen oder kleine Gruppen bzw. Firmen gemeint, die eigenständig Videos zu einem Themenbereich produzieren, allerdings nicht als rein Unterhaltung oder als Videoblog. Es geht um den wachsenden Zwischenbereich professionalisierter Amateure, die Sendungen produzieren, welche teilweise an Fernsehserien erinnern (beispielsweise indem sie jeweils eine eigene Formensprachen und Ästehtik entwickeln, eine Figur – die eben nicht identisch ist mit dem Privatmenschen vor der Kamera – kreieren und jeweils einen Themenbereich bearbeiten) und teilweise die Kriterien von Videoblogs erfüllen (keine unbedingt notwendige genaue Sendezeit, variable Länge, geringe Herstellungs- und Verbreitungskosten). Während in bestimmten Zielgruppen, insbesondere bei jungen Menschen, die Bedeutung des Fernsehens kontinuierlich zurückgeht, steigt der Einfluss dieser Videos. Bislang beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Themen des Internets oder nerdigen Themen, aber das wird sich ändern. Sie werden an Bedeutung zunehmen, teilweise andere Medien ersetzen. Wie groß diese Bedeutung wird, ist eine andere Frage. Aber sie deuten an, dass die Demokratisierung von Produktionsmitteln eben nicht mehr nur ein reines Versprechen der neuen Technologien darstellt, sondern tatsächlich in relevanter Zahl von unterschiedlichen Menschen angenommen wird.
Drei Beispiele:

  • Der Angry Video Game Nerd (AVGN) beschäftigt sich inhaltlich damit, schlechte Videospiele der 80er Jahre negativ zu besprechen. Das klingt unspektakulär, wird aber in einer Weise dargeboten, die vor allem den Frust genervter Jugendlicher widerspiegelt, die sich mit schlechten Spielen herumschlagen mussten und weiterhin müssen. Die meisten Folgen des AVGN sind in kleinere Geschichten eingebunden, Hauptteil (fast) jeder Folge ist allerdings eine fundierte Kritik des jeweils besprochenen Spiels. Wobei „fundiert“ hier sehr themenbezogen verstanden werden muss: beispielsweise die Kritik der umständlichen Tastaturbelegung, die Unregelmäßigkeiten im Spielaufbau oder unspielbare Abschnitte von Spielen. Das Ganze begann 2006 und ist seitdem soweit gewachsen, dass AVGN sich mit diesen Videos – und anderen Kurzfilmen unter seinem richtigen Namen James Rolfe – selbstständig machen konnte.
  • Inhaltlich ähnlich zum AVGN ist Thatguywiththeglasses, der sich zumeist mit schlechten Filmen beschäftigt und diese ebenso, wie der AVGN, in recht grober, aber meist zutreffender Weise niedermacht. Wichtig ist, dass dies nicht als reiner Beef geschieht, also als einfaches das-ist-doof-das-ist-blöd, sondern das dabei sehr wohl durchgängig argumentiert wird – nur wird an Stellen, die das erfordern, auch mal „Bullshit“ gesagt. Thatguy hat nach einigen Beiträgen auf Youtube in diesem Jahr eine eigene Comedyseite begründet, auf der er neben seinen Projekten mehrere andere Menschen vereinigt, die ebenfalls mit einem jeweils eigenen Format entweder schlechte Filme oder schlechte Spiele besprechen. Darunter ist auch Nostalgia Chick, die sich nach einem Aufruf von Thatguy nach weiblichen Figuren für eigene Shows sich für die Seite bewarb und seitdem kontinuierlich mit einem großen historischen Wissen und einem klaren gesellschaftskritischen Auge Disney-Filme auseinander nimmt. Wenn auch noch hauptsächlich Männer sichtbar sind, ist das Internet und die dazugehörigen Szene schon lange keine rein männlichen Räume mehr, wie das vielleicht in den 1980er und 1990er Jahren gelten konnte.
  • Während AVGN und Thatguy eher durch ihre Popularität, die sie zuvor auf Youtube hatten, dazu kamen, aus ihren Videos ein lebensfinanzierendes Geschäft zu machen, ist Revision 3 – und weitere ähnliche Seiten – ein Beispiel für Internetfernsehen, dass sich mehr am herkömmlichen Fernsehen anlehnt und sich explizit als Firma betrachtet. Revision 3 bietet als Plattform mehrere Sendungen, die auch als solche bezeichnet werden können, da sie laut einem Sendeplan die Woche über erscheinen, jeweils ein eigenes Setting und eine relativ konstante Laufzeit haben. Dennoch sind nicht live gestreamt, sondern vollständig autonom zu starten, ohne dazu extra Festplattenserver einsetzen zu müssen. Die Themen der Sendung zeigen allerdings relevante Abweichungen zum Fernsehen, sie sind ebenfalls nerdy, aber nicht zu sehr. EpicFu gibt beispielsweise wöchentlich einen rund zehnminütigen Schnelldurchlauf durch das, was gerade im Netz passiert, in The Totally Road Show reden einmal pro Woche drei junge Männer rund eine Stunde über Filme, Games, Musik und Technik. Einige Sendungen, die über diesen Themenkomplex hinausgehen, sind vor Kurzem eingestellt worden. Dennoch ist Revision 3 und die dortigen Sendungen ein Beispiel für die Etablierung von anderen Formen des Internetfernsehens: spezialisierte Sendungen, die Coolness, Modernität und Nerdy-Sein miteinander verbinden.

Politik und gesellschaftliches Engagement
Die bisherigen Beispiele sind kultureller Art. Grundlegender scheint, dass in den letzten Monaten – und zwar in aller Öffentlichkeit, also so, dass man es wahrnehmen konnte, wenn man nur wollte – auch gesellschaftliche Mobilisierungen wirkungsmächtig wurden, die nur aufgrund des Internets funktionieren, aber eindeutig gesellschaftlich relevant sind. Dies geht nicht unbedingt mit dem Verlust von Macht auf Seiten etablierter Institutionen einher, aber mit dem (eventuell temporären) Entstehen von Bewegungen, die sich nicht in das bisher bekannte Schema politischer Aktivitäten einordnen lassen, wenn sie auch teilweise an die Neuen Sozialen Bewegungen erinnern – aber eben nur teilweise. (Wir haben es hier mit dem zu tun, was Nico Stehr positiv als Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften beschreibt. [Stehr, Nico. 2000. Die Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft] Diese Bewegungen stehen mitnichten in Opposition zu etablierten Institutionen oder Neuen Sozialen Bewegungen, aber sie funktionieren anders, themenbezogener, temporärer und mehr im Vertrauen auf die Selbstverantwortung der einzelnen Teilhabenden, insbesondere verzichten sie soweit als möglich auf feste Strukturen.)

Obama
Einigermaßen bekannt ist, dass Barak Obama sowohl bei den demokratischen Vorwahlen als auch bei der Wahl zum US-Präsidenten sehr explizit auf das Internet und die Mobilisierung von sonst Nicht-Wählenden und Erstwählenden setzte. In der deutschen Presse wurde das oft mit Grassroot-Bewegungen und „Millionen von Emails“ umschrieben, was nicht ganz falsch ist, aber an der bedeutenden Originalität des Wahlkampfes von Obama vorbeigeht. So, wie das in Deutschland oft dargestellt wird, erscheint es, als wäre das Schreiben von Emails einfach nur eine moderne Form der Wahlwerbung gewesen, wie das schon länger betriebene Telefonieren von Unterstützerinnen und Unterstützer eines Kandidaten bzw. einer Kandidatin in den Wochen vor der Wahl. Nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung alter Konzepte mit neuer Technik. Das stimmt kaum.
Vielmehr hat die Kampagne von Obama sich nicht auf Emails beschränkt, sondern versucht, alle Medienformen im Internet zu nutzen. Dabei hat sie eine Anzahl von Prinzipien, die das Web 2.0 und vor allem Freie Software prägen übernommen, insbesondere das Vertrauen auf die Fähigkeiten der einzelnen Individuen, die größtmögliche Transparenz der eigenen Arbeit und die Aufgabe von Kontrolle über die eigenen Inhalte, wo dies möglich war. Mit mybarackobama.com wurde ein soziales Netzwerk geschaffen, dass die Flexibilität von StudiVZ und myspace in den politischen Raum übertrug. Das dahinter stehende Programm „Partybuilder“ ermöglichte es, im Netzwerk eigenständig Untergruppen zu gründen, Blogs und Foren zu führen, Termine zu organisieren etc. Die Unterstützenden wurden weniger als einsetzbare Truppen und mehr als eigenverantwortliche Bürgerinnen und Bürger wahrgenommen. Dies war bekanntlich verbunden mit der Change-Botschaft der gesamten Obama-Kampagne. Das war kein reiner Wahlkampf mehr, es war auch eine gewisse Neugründung von Politik. Obama hat in seinen Reden immer wieder betont, dass es Gründe dafür gibt, dass Menschen sich von traditioneller Politik abwenden. Und während in Deutschland der US-amerikanische Wahlkampf gerne als personalisierter dargestellt wird, hat Obama es gerade verstanden, den Eindruck zu vermitteln, dass seine Regierung offener und transparenter sein wird, insbesondere nicht elitenhaft unbeeinflusst von öffentlichen Meinung. Und dies hat er auch – nicht nur – durch den Einsatz des Internets erreicht.
(Wobei ihm Senator McCain auch eine Vorlage lieferte, als er bekannte, so gut wie keine Ahnung von Computern zu haben und noch nicht einmal regelmäßig Emails zu schreiben oder zu lesen. Dagegen konnte Obama als jemand, der sehr wohl zwischen IM, VoIP, Mail, Chat, Foren, Weblog und MMORPGs zu differenzieren weiß, sehr einfach als Vertreter einer neuen Politikgeneration auftreten. Daran konnte auch Senatorin Palins Technikaffinität wenig ändern.)
Durch den Einsatz des Internets erreichte Obama – geplant oder nicht – einen viralen Effekt, der neben der traditionellen Kampagne auftrat. Es entwickelte sich im Netz eine eigene Bewegung, die erstmal wenig mehr tat, als eigenständig für Obama/Biden zu werben oder gegen McCain/Palin zu argumentieren. Aber das taten sie, ohne dabei von der Wahlkampagne angeleitet zu sein. Schon immer hat der US-amerikanische Wahlkampf auf der ehrenamtlichen Mitarbeit von Unterstützerinnen und Unterstützer der Kandidierenden basiert, aber diese wurden dennoch bei ihrer Tätigkeit meist angeleitet und direkt in die Kampagne eingebunden – es bestimmte jemand zentral, wann was plakatiert wurde, welche Veranstaltungen stattfinden sollten, wann verstärkt Telefonwerbung gemacht werden sollte etc. Das war bei Obama/Biden nicht groß anders, auch wenn den Freiwilligen offenbar weit mehr Freiheit gelassen und weniger Befehle erteilt, als Beratung angeboten wurde. Aber daneben trat eine Bewegung im Netz auf den Plan, welche im Netz größtenteils den Diskurs bestimmte. Diese Bewegung nahm zwar Themen und Materialien der Kampagne von Obama/Biden auf, handelte aber selbstständig, produzierte eigene Medien und verbreitete sie nach eigenem Gutdünken weiter. Dies ging bis zum Produzieren von eigenen Videos und Mixtapes von Rappern, die ansonsten stolz auf ihren Gestus als Street-Gangster sind. Wie gesagt stehen solche Bewegungen nicht gegen andere Politikformen, sondern funktionieren neben und in Verbindung mit diesen. Welche praktische Bedeutung diese Bewegung nun an den Wahlsiegen, erst über Senatorin Clinton, dann über McCain/Palin hatte, wäre wiederum zu diskutieren.
Interessant ist aber, dass im Rahmen der letzten Anstrengungen bei diesen Wahlkämpfen, bei der Obama eine Reihe von Videos mit seinen Vorstellungen und Plänen zu bestimmten Themen veröffentlichte, ein Video zum Thema Technology erschien, in dem Obama eine Transparenz von Regierungsentscheidungen per Internet und die Verbreitung von schnellen Internetverbindungen für die gesamte USA („no matter where you life or how much money you have“) versprach. Egal, ob das wirklich umgesetzt wird, scheint es doch relevant, dass ein – damals erfolgversprechender – Präsidentschaftskandidat diese Themen als so wichtig erachtet, dass er sie explizit auf die Agenda hebt. Währenddessen hat Obama begonnen, seine Regierungsentscheidung, also bislang die Entscheidungsfindung über die Posten in seiner Regierung, öffentlich im Netz mit vollziehbar zu machen.
Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Wahlkampf und der Bedeutung des Medienwechsels in diesem liefert Moorstedt, Tobias. 2008. Jeffersons Erben: Wie die digitalen Medien die Politik verändern. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Anonymous (The Internet vs. Scientology)
Weitaus erstaunlicher und Wegweisender, als der Wahlkampf von Obama, ist allerdings die Internetbewegung Anonymous, die seit Anfang 2008, genauer dem 22.01.2008, relativ global gegen Scientology vorgeht. Diese Bewegung entstand aus einer Szene von jungen Menschen, für die das Internet mit seinen Möglichkeiten zum Alltag gehört. Sie hat sich mit einem wahrlich nicht zu unterschätzenden Gegner angelegt, gleichzeitig aber durch ihr eigensinniges Handeln, welches auf Grundsätzen des Internets basiert, gegen diesen Gegner Erfolge errungen, die Menschen, die bislang gegen Scientology vorgegangen sind, nicht wirklich erreichbar schienen. Grundsätzlich setzt Anonymous auf die Anonymität und Freiwilligkeit bei der Teilnahme an der Bewegung, auf eine dezentrale und facettenreiche Arbeitsweise, die gleichzeitig auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet ist: Scientology zu als Sekte zu entlarven und zu Fall zu bringen. Dabei hat aber der persönliche Spaß der Teilnehmenden eine explizit große Bedeutung, die in anderen gesellschaftlichen Bewegungen oder gar politischen Institutionen so nicht zu beobachten ist. Man muss Anonymous nichtunbedingt als politische Bewegung bezeichnen, weil es gute Gründe gibt, sie von Parteien und Neuen Sozialen Bewegungen abzugrenzen. Aber es fehlt auch hier noch eine sonst treffende Bezeichnung für diese Form verantwortungsvollen und moralisch begründeten Engagements auf der Grundlage des und im Internet, die sich höchstwahrscheinlich in den nächsten Jahren auch für andere Themen etablieren wird.
Das Scientology eine sowohl für ihre Mitglieder, als auch für Kritikerinnen, Kritiker und die gesamte Gesellschaft gefährliche Sekte ist, scheint zumindest in Deutschland bekannt genug, um das nicht noch einmal darzustellen zu müssen. Grundsätzlich sind die Fakten schnell zu finden, spätestens dank Southpark ist auch das (geheime) Glaubenssystem von Scientology bekannt. Obwohl ich zugeben muss, dass mir einige besonders gefährliche Eigenheiten der Sekte, wie die internen Arbeitslager, die strikte Disconnection-Politik oder die Unterhaltung einer eigenen quasi-Geheimdienstabteilung, deren Hauptziel das Vorgehen gegen öffentliche Kritik ist, nicht bekannt war.
Das Entstehen von Anonymous hängt mit einer Biographie von Tom Cruise zusammen. Der Schauspieler gilt als berühmtestes Mitglied der Sekte. Die Biographie von Andrew Borton [deutsch: Morton, Andrew. 2008. Tom Cruise : Der Star und die Scientology-Verschwörung. München: Droemer Verlag.] stellt gerade dessen Einsteig in die Gruppe und den Aufstieg zur – so zumindest Borton – Nummer zwei in der Hierarchie der Sekte dar. Das Buch selber nimmt zwar einen klaren Standpunkt ein und zeigt, wie Cruise zum Mitglied einer Sekte wurde, in der diejenigen Mitglieder, die nicht wie Cruise zu den Celebrities der Gruppe gehören, massiver Ausbeutung ausgesetzt sind. Wichtig wurde aber ein Video, dass fast gleichzeitig zur Veröffentlichung der Biographie im Internet auftauchte. Es war ein internes Video, dass bei einer Scientology-Veranstaltung gezeigt wurde, bei der Cruise eine extra für ihn geschaffene Auszeichnung der Sekte erhielt. Es zeigte Cruise, der im Stil von Zeitzeugen in Fernsehendokumentationen darüber sprach, was es heißt, Scientologe zu sein.
Auch wenn zuerst der Verdacht aufkam, war dieses Video keine Fälschung. Cruise behauptet in ihn beispielsweise, dass bei einem Verkehrunfall nur ein Scientologe helfen könne, weil dieser als Einziger das dazugehörige Wissen hätte. Er benutzt intensiv die sekteneigene Terminologie, wie KSW (=Keeping Scientology Working, ein Text, der von den Mitglieder in zahlreichen Kursen wiederholt gelesen werden muss), SP (=Suppressive Person, eine Bezeichnung für Kritikerinnen und Kritiker der Sekte, die nach internen Anweisungen mit allen Mitteln bekämpft werden müssen) und PST (=Potential Trouble Scource, jemand, der Kontakt zu einer / einem SP hat und deshalb nicht im internen Kurssystem von Scientology weiterkommt). Gleichzeitig zeichnet er ein Schwarz/Weiß-Bild der Gesellschaft: entweder ist man Scientologe/Scientologin und hilft, den Planeten zu „clearen“ oder man ist auf der anderen Seite. Allgemein wurde Cruise in diesem Video als relativ durchgeknallt wahrgenommen. Es macht seine Runde durch die Comedysendungen der Welt, insbesondere in den USA, es wurde ziemlich oft persifliert, aber es wäre höchstwahrscheinlich schnell wieder vergessen worden. Stattdessen versuchte Scientology, dieses Video aus dem Netz zu entfernen, indem sie sich auf das Copyright beriefen. Insbesondere die Website Gawker, die sich hauptsächlich mit Gossip beschäftigt und ebenso das Video veröffentlicht hatte, verweigerte dies und publizierte stattdessen das Ansinnen von Scientology, dass Video zu verheimlichen.
Dieses Vorgehen von Scientology rief eine Anzahl von jungen Menschen, die sich alltäglich im Internet bewegen, auf den Plan. Größtenteils rekurierten sich diese aus anonymen Message-Boards, die größtenteils für die Kommunikation in der Freizeit genutzt wurden. Von diesen Boards gingen auch schon früher einige Aktionen aus, meistens Hoax, teilweise auch sogenannte Flash-Raids, bei denen sich einige Menschen dazu verabreden, gemeinsam eine Veranstaltung zu stören, die sie ablehnen. Die Kommunikation, die von diesen Boards getragen wird, ist halboffen. Eigentlich kann sie jeder nachvollziehen, aber dazu bedarf es einer Kenntnis der dort verwendeten Terminologie. Zudem werden über diese Boards auch privatere Kommunikationsformen – Persönliche Nachrichten, VoiP oder IM-Kontakte – ermöglicht.
Im Falle von Scientology wurde nun von einigen dieser Menschen Ende Januar beschlossen, etwas zu tun. Zuerst erschien am 21. Januar ein stark pathetisches Video „Message to Scientology“, in einer späterhin für die Bewegung prägenden Ästhetik, mit einer sehr klaren Aussage:

„Hello, Scientology. We are Anonymous.
Over the years, we have been watching you. Your campaigns of misinformation; suppression of dissent; your litigious nature, all of these things have caught our eye. With the leakage of your latest propaganda video into mainstream circulation, the extent of your malign influence over those who trust you, who call you leader, has been made clear to us. Anonymous has therefore decided that your organization should be destroyed. For the good of your followers, for the good of mankind–for the laughs–we shall expel you from the Internet and systematically dismantle the Church of Scientology in its present form. We acknowledge you as a serious opponent, and we are prepared for a long, long campaign. You will not prevail forever against the angry masses of the body politic. Your methods, hypocrisy, and the artlessness of your organization have sounded its death knell.
You cannot hide; we are everywhere.
We cannot die; we are forever. We’re getting bigger every day–and solely by the force of our ideas, malicious and hostile as they often are. If you want another name for your opponent, then call us Legion, for we are many.
Yet for all that we are not as monstrous as you are; still our methods are a parallel to your own. Doubtless you will use the Anon’s actions as an example of the persecution you have so long warned your followers would come; this is acceptable. In fact, it is encouraged. We are your SPs.
Gradually as we merge our pulse with that of your „Church“, the suppression of your followers will become increasingly difficult to maintain. Believers will wake, and see that salvation has no price. They will know that the stress, the frustration that they feel is not something that may be blamed upon Anonymous. No–they will see that it stems from a source far closer to each. Yes, we are SPs. But the sum of suppression we could ever muster is eclipsed by that of the RTC.
Knowledge is free.
We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
Expect us.“
[Anonymous: Message to Scientology, 21. Januar 2008, http://www.youtube.com/watch?v=JCbKv9yiLiQ]

Es war eine Kriegserklärung an die Sekte, die ausgelöst wurde von dem Vorgehen dieser gegen das Video mit Cruise. Gleichzeitig enthielt diese Kriegserklärung schon Eigenheiten, die auch die daran anschließende Bewegung kennzeichneten. Das Video zeigt, dass sich vor diesem über Scientology informiert wurde. Dies zeichnet die gesamte Bewegung aus: dass die Aktiven sehr wohl wissen, worüber sie reden und warum sie gegen Scientology vorgehen. Insbesondere benutzt Anonymous beständig die eigentlich geheime Terminologie Scientology’s, auch um den Mitgliedern der Sekte zu zeigen, dass ihr Wissen nicht so geheim ist, wie sie vielleicht denken. Die Mitglieder von Anonymous bilden sich beständig selbst weiter und vermitteln dieses Wissen aktiv. Zudem ist das Video, trotz dem Thema, mit einer großen Protion von Ironie produziert worden. Der Pathos ist zu übertrieben, um ernst gemeint zu sein. Als einer der drei Gründe, warum dieses Bewegung mit dem Video begonnen wurde, wird sogar der eigene Spaß genannt.
Diesem Video folgten in den Folgetagen DDOS-Attacken auf die Homepage von Scientology und mindestens einmal wurden auch die Server der Sekte gehackt und einige interne Schulungsvideos verbreitet. Zudem besetzte die Bewegung, die nun beständig unter dem Namen Anonymous auftrat, den virtuellen Raum. Alle großen Videoseiten wurden – teilweise mehrfach – mit Videos über Scientology bestückt. Teilweise wurde dabei auf Videos von schon länger aktiven Kritikerinnen und Kritikern und auf die – außerhalb Deutschlands – eher wenigen Reportagen und Fernsehbeiträge zurück gegriffen, insbesondere auf die Dokumentation Scientology and Me, die 2007 auf BBC One ausgestrahlt worden war und zeigte, wie Scientology mit einem britischen Fernsehteam, welches eine Beitrag über die Gruppe drehen wollte, umging. Der Großteil der Videos entstand aber erst seit Januar 2008.
Nach den ersten virtuellen Attacken wandte sich am 27. Januar 2008 Mark Bunker an Anonymous. Mark Bunker ist einer der produktivsten Kritiker von Scientology, der seit 2000 Videos über die Sekte drehte und Kundgebungen veranstaltete. Er rief Anonymous dazu auf, daran zu denken, dass Scientology ein ernstzunehmender Gegner sei, der jedes illegale Vorgehen gegen sich PR-technisch ausschlachten wird. Stattdessen schlug er vor, legale Wege zu suchen. Die Bewegungen reagierte relativ positiv auf dieses Video und wurde erst dadurch wirklich zu einer Bewegung. Sie verlegte sich darauf, massiv die Öffentlichkeit zu informieren, insbesondere dort, wo Scientology auftritt.

  • Es wurden, global und lokal, mehrere Homepages und Foren geschaltet, die diesem Ziel dienten. Einige davon wurden unterdessen wieder abgeschaltet, teilweise sogar gehackt, aber sie entstanden entweder wieder oder wurden ersetzt. Aktuelle existieren beispielsweise whyweprotest.net, whyaretheydead.net, youfoundthecard.com, scientology-exposed.com, diekartegefunden.com.
  • Der virtuelle Raum wurde besetzt gehalten. Während die DDOS-Attacken auf Scientology eingestellt wurden, gibt es seitdem einen Strom von Informationen über die Sekte im Rahmen verschiedener sozialer Medien, insbesondere auf den Videoseiten. Scientology kann praktisch Nichts mehr tun, ohne dass es öffentlich kommentiert wird. Dies ist insbesondere wichtig, weil die Sekte bislang oft versucht, Gegnerinnen und Gegner einzuschüchtern oder sie bei Kundgebungen in die Enge zu treiben, so dass sie sich wehren und wegen Gewalttätigkeit angezeigt werden können. Im vergangenen Jahr sind zahlreiche solcher Versuche auf Video dokumentiert und im Netz verbreitet worden. Das nimmt ihnen den Schrecken. Wenn ein einzelner Kritiker früh morgens auf seinem Weg zur Arbeit verfolgt wird, kann er zu Recht Angst bekommen. Nimmt er das aber auf Video auf, stellt es ins Netz und sieht anhand der Kommentare, dass eine große Anzahl von Menschen dieses Video wahrnimmt, ist die Angst geringer. Und dieses Verhalten fällt negativ auf Scientology zurück. [Anmerkung: Dies auch als Hinweis an Scientologinnen / Scientologen, die eventuell gerade daran denken, hier Kommentare zu hinterlassen.]
  • Wichtig ist an dieser Besetzung der virtuellen Raumes auch, dass Scientology außerhalb Deutschlands (wo die Sekte bekanntlich von verschiedenen Verfassungsschutzämtern beobachtetet wird), durch zahlreiche Klagen die Presse dazu gebracht hatte, eher wenig bis gar nichts Negatives über die Sekte zu publizieren. Die wenigen Ausnahmen, selbst wenn sie so groß waren wie das Times Magazine, BBC, South Park oder Boston Legal, hatten mit großen Problemen zu kämpfen. In gewisser Weise hatte Scientology in den Redaktionen eine Angst verbreitet, überhaupt über die Gruppe zu schreiben. Das hat Anonymous mit ihrer ständigen Präsenz relativ aufgehoben. 2008 war eine Jahr voller PR-Desaster für die Sekte. Ein besonders großer war, dass Jason Beghe, als Schauspieler ein relativ bekanntes Mitglied und ehemals neben Tom Cruise einer der Vorzeigescientologen, nicht nur 2007 aus der Sekte austrat, sondern in einem zwei-stündigen Video, dass auf Vimeo und Youtube veröffentlicht wurde, Klartext über die Gruppe sprach und vor ihr warnte. Dabei unternahm Scientology Versuche, den Account von Mark Bunker, der das Interview veröffentlichte, sperren zu lassen. Dieser kurzfristige Erfolg schlug aber in weitere schlechte PR um, als sich hunderte, vielleicht tausende Youtube-Nutzerinnen und Nutzer über diesen Eingriff in die freie Meinungsäußerung beschwerten und damit das Video, dass unterdessen bei Vimeo veröffentlicht war, und das Vorgehen von Scientology selber noch öffentlich bekannter machten, als es zuvor schon war.
  • Eindrucksvoll waren darüber hinaus die ständigen Proteste, die von Anonymous organisiert wurden. Es gibt zwei bevorzugte Arten. Die eine sind sogenannte Flash-Raids, bei denen sich ohne große öffentliche Einladung einige Protestierende um einen Stand von Scientology und deren Frontgruppen herum einfinden und in dessen Umfeld über die Sekte aufklären. Da Scientology intensiv auf solche Informationsstände setzt, um Menschen über die notorisch bekannten „Stress-Tests“ in die Gruppe hinein zu führen, sind diese flexiblen Proteste äußerst effektiv. Im allgemeinen wird in den globalen Foren späterhin von diesen Protesten berichtet. Die zweite Art sind globale Protesttage. Diese fanden kontinuierlich seit Februar 2008 einmal monatlich statt. Zumeist stehen sie unter einem Motto, dass ebenso wie das jeweilige Datum bei Diskussionen in den Foren beschlossen wird. Organisiert werden sie lokal. Die Ausgestaltung der jeweiligen Proteste hängt von den Gruppen vor Ort ab, die sich bereit finden, an ihnen teilzuhaben. Teilweise sind dies Demonstrationen, oft auch Kundgebungen vor den Filialen der Sekte, manchmal auch Informationsstände. Dabei sind die Teilnehmenden fast durchgängig maskiert, einerseits um Aufmerksamkeit zu erregen, andererseits, da Scientology dafür bekannt, Kritikerinnen und Kritiker, die sie kennen, außerhalb von Protesten zu verfolgen und zu diskreditieren. Die Vermummungen sind nicht mit denen von Autonomen zu verwechseln, sondern stark ironisch gemeint. Zum Markenzeichen ist die Guy Fawkes Maske geworden. Zudem sind insbesondere diese Proteste darauf angelegt, Spaß zu haben. Anfänglich fanden sich bei den globalen Protesten 6000-9000 Menschen ein, mit der Zeit ist diese Zahl weit zurückgegangen. Erstaunlich ist allerdings die Kontinuität der Proteste, die immer wieder mehr Menschen zusammenbringen, als Scientology selber bei Gegenprotesten oder anderen Veranstaltungen. (Wobei Scientology von bis zu 15 Millionen Mitgliedern spricht, was allerdings niemand außer die Sekte selber glaubt.)

Wie erfolgreich die Proteste gegen Scientology letztlich sein werden, bleibt abzuwarten. Allerdings wird teilweise von einem „Massenexodus“ aus der Gruppe gesprochen. Zudem soll die Sekte im letzten Jahr praktisch keine neuen Mitglieder mehr gewonnen haben. Auch die öffentlichen Auftritte sind stark zurückgegangen. Die deutsche Öffentlichkeit war immer schon recht kritisch gegenüber dieser Sekte, aber jetzt sind es auch die Öffentlichkeiten in anderen Staaten wieder. Es würde nicht überraschen, wenn die Sekte binnen kurzem zusammenbrechen würde. Allerdings sind schon heute zahlreiche Berichte von Menschen bekannt, die erst durch die Proteste von Anonymous den Ausstieg aus Scientology geschafft haben. Das allein ist schon ein Erfolg für eine Bewegung, die hauptsächlich von einer Generation getragen wird, der ansonsten gerne Politikverdrossenheit, gesellschaftliche Atomisierung und ein fallendes Bildungsniveau vorgeworfen wird.
Anonymous hat bislang immer Wert darauf gelegt, die Arbeit der „alten Garde“ von Kritikerinnen und Kritikern zu würdigen. Allgemein wird zwischen Anonymous, „der alten Garde“, engagierten Ex-Scientologinnen und Ex-Scientologen und teilweise auch Free-Zonern (Menschen, die grundsätzlich den Glaubensinhalt von Scientology teilen, aber nicht die Sektenstruktur) gut zusammengearbeitet.
Wichtig ist mir, noch mal festzuhalten, was die Besonderheiten dieser Bewegung gegenüber früheren Protestbewegungen ausmacht:

  • Sie ist soweit als möglich offen. Es gibt keine formelle Mitgliedschaft, es gibt nur Möglichkeiten, teilzunehmen oder selber etwas zu machen. Selbstverständlich bilden sich auch bei diesen Protesten interne soziale Zusammenhänge, aber wichtig ist hier die grundsätzliche Idee: keine Partei, keine identifizierbare Gruppe, keine Plena, sondern eine möglichst flexible und anonyme Mitgliedschaft. Diese Bewegung ist temporär angelegt, ebenso die Mitgliedschaft. Dennoch entwickelt sie eine gesellschaftliche Kraft und arbeitet mit anders organisierten Gruppen zusammen.
  • Sie ist internetbasiert und findet gleichzeitig im Netz statt. Einerseits findet der Hauptteil der Kommunikation innerhalb der Bewegung und aus der Bewegung an die Öffentlichkeit über das Internet statt. Dadurch wird aus lokalen Protesten auch eine globale Bewegung, die relativ gut weiß, was in anderen Städten passiert. Andererseits hat die Bewegung das Netz als Teil des gesellschaftlichen Kampffeldes entdeckt und beherrscht es praktisch. (In gewisser Weise hat das schon zuvor in Deutschland der AK Vorratsspeicherung getan, der ja auch fast nur über das Netz Demos mit mehreren Tausend Teilnehmenden organisierte und eine kontinuierlich arbeitende Bewegung darstellt.)
  • Anonymous hat auch kulturelle Kommunikations- und Umgangsformen der jugendlichen Netznutzung auf die Straße gebracht. Ein großer Anteil der Späße auf den Protesten ist nur verständlich, wenn man mit diesen Umgangsformen bekannt ist. Scientology ist daran beständig gescheitert. Gleichzeitig ist die Verbindung von Spaß und einem hochmoralischem Ziel auffällig, die sich auch in folgenden Bewegungen zeigen wird. Wer das alles nicht forschend beobachtet, wird auch die folgenden gesellschaftlichen Bewegungen nur schwer verstehen.
  • Man sollte zudem nicht vergessen, dass die Teilnahme an demokratischen Prozessen, wie ihn auch diese Bewegung darstellt, immer Lerneffekte vermittelt, die über die jeweilige Bewegung hinaus führen. Vielleicht wird Anonymous sich auflösen, bevor Scientology endgültig zusammenbricht, aber es werden zahlreiche Menschen im Rahmen dieser Bewegung gelernt haben, dass und wie man sich persönlich einbringen kann, ohne sich selber als politisch im Sinne der Engagements in Parteien oder der Neuen Sozialen Bewegungen zu verstehen. (Dies ist etwas, was manteilweise auch von der Obama-Kampagne erwarten kann.)

Missverständnisse
Es gibt, insbesondere in bibliothekarischen Diskussionen, einige Missverständnisse im Bezug auf die in weiten Teilen schon entstandene Internetgesellschaft, die meines Erachtens eine realistische Analyse der Entwicklungen beeinträchtigt.
So nehmen Bibliotheken das Internet tendenziell als Informationsmaschine war. Auf diese eine Funktion hin, Informationen bereitzustellen, ist ein Großteil der positiven und negativen Bezugnahmen auf das Internet eingeschränkt. Hierbei zeichnen sich Bibliotheken oft als Konkurrenz zum Internet, zumeist als auswählende Informationseinrichtung vs. eine Maschine, die vorgeblich alle Informationen enthält, in Wirklichkeit aber viel zu viele falsche Informationen bereitstellt und eine falsche Wahrnehmung dieser Informationen verheißt. Aber auch die positiven Bezüge, wenn beispielsweise versucht wird, Internetführerscheine oder ähnliche Kurse zum Umgang mit dem Internet zu entwerfen, stellen diese eine Funktion des Netzes, Informationen zur Verfügung zu stellen, in den Vordergrund, dann meist als Ergänzung zum bibliothekarischen Angebot. Ebenso ist die Argumentation, dass Internetzugänge in Bibliotheken einen Beitrag zur Sozialen Gerechtigkeit leisten, weil diese von allen Menschen zur Recherche genutzt werden können, von der Vorstellung geprägt, dass es bei der Internetnutzung hauptsächlich um diese Recherchemöglichkeiten gehen würde. Das allerdings ist eine stark verkürzte Wahrnehmung. Nicht, dass die Funktion einer Informationensmaschine nicht wichtig wäre, aber das Netz wäre nicht so sehr zur Alltagskultur geworden, wenn es nicht andere Funktionen hätte, beispielsweise die, soziale Kommunikationsräume zur Verfügung zu stellen, Möglichkeiten zur Verbreitung kultureller Produktionen und Selbstäußerungenbereitzustellen, teilweise das Fernsehen und das Radio zu ersetzen. Das sich beispielsweise ein großer Teil der schwul-lesbischen Kommunikation in Deutschland aus den Clubs heraus auf solche Portale wie gayromeo verlagert und damit auch die Lebensqualität von Homosexuellen verbessert hat, die nicht (mehr) am Club interessiert sind oder außerhalb der Städte mit solchen Clubs leben (wollen), ist eine relevante Funktion des Internets, die zu seiner Veralltäglichung beigetragen hat, welche mit der Funktion der Informationsmaschine aber nicht abgedeckt ist. Es ist aber auch eine Funktion, bei der das Netz nicht mit den Bibliotheken in Konkurrenz gebracht werden kann. (Es ist zudem eine Funktion, die man schwer mit öffentlichen Internetzugängen in Bibliotheken verfügbar machen kann.)
Ein zweites Missverständnis ist die Wahrnehmung des Internets und tragbarer Kommunikationsgeräte als „neue Medien“, die erst vor kurzem in das Bewusstsein der Menschen getreten seien, während Zeitschriften und Bücher schon länger bekannt seien. Diese Wahrnehmung, die ja auch den Umgang mit diesen Medien prägt und sie beispielsweise zum Teil als eine Art Eindringling in den Raum Bibliothek wahrnimmt, ist unbestritten historisch richtig. Das Netz hat sich erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre als Massenkommunikationsmittel etabliert, auch über Menschen mit Handys haben wir uns in den frühen 90ern noch lustig gemacht. Und für einen Teil der Menschen werden Computer, das Internet oder PDAs immer neue Medien bleiben, die sie lieber auf Abstand halten. Aber es ist Zeit anzuerkennen, dass für einen wachsenden Teil der Menschen diese Medien „schon immer“ zum Medienalltag gehörten. Das heißt nicht, dass sie nicht wüssten, dass es eine Medienentwicklung gab. Aber diese Medien waren den größten Teil ihres Lebens da und wurden benutzt. Das kann man an anderen Medien nachvollziehen. Unsere Urgroßeltern mussten in ihrem Leben lernen, was ein Radioempfänger sein soll und saßen noch mit Kopfhörern vor den ersten Geräten, für unsere Großeltern und Eltern war es normal, dass es überall Radios gab. Dafür mussten unsere Großeltern lernen, was es Fernseher ist, während er im Leben unserer Eltern immer schon da war. In unserem Leben haben wir uns über Fernseher nicht mehr gewundert, auch gab es schon immer irgendwo Telefone. Ebenso PCs. Meine Generation ist schon damit aufgewachsen, dass es einfach ständig neue Medien gibt, die sich durchsetzen oder auch nicht (Stichwort Faxgeräte). Gingen wir heute mit einem Kind in ein Technikmuseum, müssten wir erstmal erklären, dass es tatsächlich einmal Telefone gab, die man nicht mit sich herumtrug, damit das Kind verstehen kann, was das für Apparate in den Vitrinen sind. Es ist halt in einer Welt aufgewachsen, in der es „immer schon“ Handys gab.
Diese „schon immer Da-sein“ bestimmter Medien impliziert nachvollziehbar einer anderen Zugang zu diesen Medien, als wenn sie erst im Laufe des Lebens als Neue Medien erlernt werden müssten. Wie dieser Zugang aussieht, ist noch zu klären. Aber es scheint schon bedenklich, dass kaum jemand auf den Gedanken kommt, dass der Umgang mit Radiogeräten, Fernbedienungen oder Handys von Jugendlichen zu üben sei, aber der Umgang im und mit dem Internet, insbesondere da die ersten Menschen, die „schon immer“ mit dem Internet konfrontiert waren, also es im Laufe ihrer jugendlichen Mediennutzung kennen gelernt und eventuell auch in ihr persönliches Mediennutzungsnetzwerk integriert haben, schon im Beruf stehen oder Studieren. Insbesondere scheinen Projekte, die versuchen, diesen Umgang mit dem Internet zu schulen von einer defizitären Medienkompetenz von Jugendlichen auszugehen und deshalb kontinuierlich die tatsächliche Mediennutzung der Jugendlichen zu ignorieren. Etwas ähnliches versucht John Palfrey mit dem Begriff Digital Natives zu umschreiben. [www.digitalnative.org, Palfrey, John. 2008. Born digital : understanding the first generation of digital natives. New York: Basic Books.]
Ein weiteres Missverständnis scheint die Wahrnehmung, dass es beim Internet hauptsächlich um eine Technikfixierung gehen würde, die unter Umständen von der nicht-technischen Welt der Bücher und des „realen Lebens“ wegführen würde. Es scheint vorrangig das Bild des technikversierten Geeks reproduziert zu werden. Dabei ist die Veralltäglichung des Internets gerade mit einer Umnutzung der Technik einhergegangen. Sicher, es gibt Menschen, die sich Geräte und Gadgets wegen ihrer technischen Eigenschaften kaufen, die an speziellen Softwarelösungen wegen der softwaretechnischen Eigenschaften und Entwicklungen interessiert sind. Aber der Großteil der Menschen sieht die Technik als Funktion und teilweise auch als Identitätszubehör an. Nicht, weil es eine spannende technische Entwicklung ist, wird das Internet genutzt, sondern wegen seiner Funktionen. Nicht, weil die technischen Lösungen eines MP3-Players interessant sind, wird er genutzt, sondern wegen seiner Funktionen, auf kleinen Raum Audiodateien zu speichern und abzuspielen etc. Der Leitsatz hier ist, dass eine technische Lösung oder ein Gerät erst dann einen sozial wirksamen Einfluss erlangt, wenn es technisch uninteressant geworden ist. Das heißt, die Geeks beschäftigen sich schon mit weit anderem, wenn die Masse bestimmte Geräte und Lösungen annimmt. Und das Internet an sich mit zahlreichen seiner Funktionen ist technisch langweilig, weil „schon lange“ bekannt, geworden. Aber es funktioniert. Doch seine Nutzung ist gerade nicht durch die Technikfixierung einiger Jugendlicher zu erklären, die man z.B. über Internetzugänge in der Bibliothek ansprechen könnte, sondern durch seine Veralltäglichung bei technischen Laien.
Dies hängt auch mit dem vierten Missverständnis zusammen, der Wahrnehmung, dass es sich bei den technischen Entwicklungen hauptsächlich um Hypes handeln würde, die nach Kurzem untergehen würden. So wurde ja beispielsweise auf Second Life reagiert (teilweise auch auf die Debatte zur Bibliothek 2.0). Diese Wahrnehmung scheint mir aber eher an der Resonanz in Zeitschriften orientiert zu sein und zu wenig an der tatsächlichen Mediennutzung. Es ist schon richtig, dass beispielsweise der Spiegel in einer bestimmten Zeit Second Life als „das große neue Ding“ abfeierte, damit Öffentlichkeit erzeugte und zu einem Wachstum der Nutzerinnen und Nutzer beitrug, über dass dann wieder berichtet werden konnte (was von der hinter Second Life stehenden Firma auch ausgenutzt wurde, indem jede Anmeldung im System gleich als richtige Nutzung gezählt wurde, auch wenn Menschen sich nur mal umschauten und dann nie wieder kamen) und es dann, nachdem sich herausstellte, dass es doch nicht das große Ding ist, wieder fallen ließ und darüber schrieb, dass es doch nur ein Hype war. Die Realität ist aber anders: Second Life existiert immer noch. Es gibt Menschen, die es kontinuierlich nutzen. Sicher ist es nicht das große, neue Ding nach dem Internet geworden, aber es ist auch nicht nach dem Hype zusammen gefallen. Nachdem vor allem die Marketing-Träume großer Firmen (und einiger Bibliotheken) geplatzt sind, weil sie mit dem Medium auch nicht viel mehr anfangen konnten, als sich virtuell zu reproduzieren, gibt es im System immer noch Interaktion. Gelernt werden kann daraus, dass ein Hype, insbesondere wenn er von (alten) Medien getragen wird, die sich eigentlich erfahrungsgemäß durch eine geringes Wissen über die tatsächliche Internetnutzung auszeichnen, nichts über das tatsächlich „gehypte Ding“ aussagt. Wichtig ist, ob Menschen ein Medium oder ein Gadget in ihren Alltag einbauen. Der Hype geht vorbei, aber das führt nicht unbedingt zum Sterben eines Mediums oder eines Angebotes, es führt – wenn überhaupt – zum Verebben der Aufmerksamkeit, die durch den Hype hervorgerufen wurde. Das es einen solchen Hype gibt, sagt aber nichts mehr über das Medium oder das Angebot selber aus und deshalb kann man sich der Beschäftigung mit diesen Medien eben trotz Hype nicht entziehen: Darauf hat Jin Tan in seiner Diplomarbeit zu Bibliotheken im Second Life ja auch hingewiesen: es gibt trotzdem eine Veränderung in der Mediennutzung der Menschen. Second Life ist nur ein Beispiel für die Möglichkeiten digitaler Welten. [Tan, Jin. 2007. “Bibliotheken im Second Life.” Diplomarbeit, Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaft, http://www.box.net/shared/1ihkm9fky5.]

Grundfragen
Welche Forschungsperspektive und welche Forschungsfragen sind nun, neben der einfachen Beschreibung des Status Quo, für diesen Themenbereich sinnvoll?
Mir scheint, dass die Internetgesellschaft nicht wirklich mit dem in Deutschland so gerne genutzten Instrumentarium der Habermas’schen Öffentlichkeitstheorie zu begreifen ist. Habermas orientiert sich an Kommunikationsprozessen einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich so im Internet nicht wiederfindet. Abgesehen von der Frage, ob seine Theorie überhaupt je wirklich Kommunikation und Öffentlichkeit in der modernen Gesellschaft beschreiben konnte, geht er doch zu sehr von einem Dualismus zwischen übergeordneter Regierung und demokratisierender Kommunikation in Tischgesellschaften aus, die unversöhnlich gegenüberstehen. Die Internetgesellschaft aber geht daran vorbei. Die Kommunikation ist keine Tischgesellschaft, auch explizit politische Bewegungen der Internetgesellschaft sehen sich nicht als reine Kontrolleure der großen Politik im Habermas’schen Sinne, sondern stehen als eigenständige Akteurinnen und Akteure gleichberechtigt neben der Politik und eröffnen eigene Diskursfelder, auf die die Politik reagieren muss, wie die neue Datenschutzbewegung zeigt. Wichtiger ist aber, dass politisch einflussreiche Bewegungen sich nicht als solche verstehen, obwohl gerade dieses Bewusstsein, Teil politischer Prozesse zu sein, eine Grundvoraussetzung des Habermas’schen engagierten Bürgertums darstellt.
Produktiver scheinen mir die Feldanalysen im Anschluss an Pierre Bourdieu zu sein, die Kommunikations- und Machtprozesse in beweglichen Feldern thematisierbar und wirksame Strukturen nachvollziehbar machen, indem sie nicht mit einer normativen Theorie an den Untersuchungsgegenstand herangehen, sondern das jeweilige Feld möglichst theoriegeleitet nachzeichnen und im Rahmen dieser Rekonstruktion untersuchen. Auch die Orientierung an Michel Foucaults Diskursanalysen erscheint mir sinnvoll. Es geht bei der Kommunikation im Internet letztlich hauptsächlich um Diskurse, die nachvollziehbare Auswirkungen auf andere Diskurse und die Gesellschaft haben. Als dritten Ansatz würde ich Nico Stehrs Analysen der Informationsgesellschaft und der Politik innerhalb dieser vorschlagen. Nicht zuletzt ist die Internetgesellschaft auch ein Themenbereich, der mit kulturwissenschaftlichen Methoden untersuchbar ist. Es geht bei der Veralltäglichung von Kommunikationstechnik eindeutig um kulturelle Fragen und die Evolution von Kultur.
Für Bibliotheken und die Bibliotheks- und Informationswissenschaft bietet dieses Forschungsfeld eine Möglichkeit, Bibliotheken (oder bibliotheks-ähnliche Einrichtungen, die sich in Zukunft herausbilden könnten, wenn Bibliotheken sich dazu entscheiden, weiterhin hauptsächlich Orte gedruckter Medien zu sein) neu zu verorten. Die einfache Verortung als Informationseinrichtung ist, wie weiter oben beschrieben, unvollständig, insbesondere wenn man sich mit Öffentlichen Bibliotheken – die per Definition eine breitere Öffentlichkeit bedienen, als Wissenschaftliche – konzentriert. Weder ist das Internet eine reine Informationsmaschine, noch ist die Bibliothek eine reine Informationseinrichtung, noch beschränkt sich die Bedeutung des Internets darauf, eine weiteres, Bücher ergänzendes, Medium zu sein. Nimmt man Bibliotheken beispielsweise als Medienraum wahr, also als Ort, wo Medien für verschiedene Nutzungsweisen und eben nicht nur für die reine Informationsbeschaffung bereitstehen, ändert sich auch die mögliche und tatsächliche Bedeutung des Internets. Ebenso, wenn man Bibliotheken als Ort der Demokratisierung der Mediennutzung beschreibt. Unter diesem Fokus ergeben sich auch logisch andere Aufgaben für Bibliotheken. Es reicht für diese Demokratisierung nicht aus, Medien bereit zu stellen, es muss auch das Wissen über die Produktion und Distribution von Medien vorhanden und die dazu nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Letztlich stellt sich nicht nur die Frage, was das Internet für Bibliotheken und bibliotheksähnliche Einrichtungen bedeutet, sondern auch, von was für Einrichtungen man eigentlich redet, wenn man über diese Bibliotheken redet.
Als weitere Frage drängt sich die nach den durch die Veralltäglichung des Internets entstehenden sozialen und gesellschaftlichen Ungleichheiten auf. Es wird zwar immer wieder darauf verwiesen, dass es einen neue Art sozialer Schere gebe, die zwischen information-rich und information-poor, aber es ist nicht klar, ob dies einen Annahme oder eine Realität ist. Das Internet ist keine reine Informationsmaschine. Was ist mit den Unterschieden, die durch andere Nutzungsformen entstehen? Wie sind die für diese nötigen Kompetenzen und Möglichkeiten überhaupt in der Gesellschaft verteilt? Beispielsweise wird gerne argumentiert, dass Internetzugänge in Bibliotheken es Menschen, die sich keinen Rechner leisten können, ermöglichen würden, trotzdem das Internet zu nutzen. Abgesehen davon, ob dann nicht eher die Forderung, jeder Haushalt solle mit Rechnern und Internetzugängen ausgestattet werden, sozial gerechter wäre, ist auch nicht klar, ob diese Aussage überhaupt mit der gesellschaftlichen Realität übereinstimmt. Als die PISA-Studien beispielsweise bei den getesteten Schülerinnen und Schüler nachfragten, ob diese einen Rechner im Haushalt haben, hatten über 95% einen. Ist deshalb der Internetrechner in der Bibliothek überflüssig? Was sagt das aus, wenn die Schere der Informationskompetenz sich nicht unbedingt an sozialen Gegebenheiten, sondern am Alter orientiert – und dann auch noch spiegelverkehrt: je jugendlicher eine Person, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie medienkompetent ist? Und welche soziale Bedeutung hat diese soziale Ungleichheit eigentlich wirklich? Zwar gibt es die Voraussage, dass Menschen ohne Wissen über die Internetnutzung es schwerer im Leben und auf dem Arbeitsmarkt haben. Aber stimmt das überhaupt? Immerhin gilt es ja in einigen Ausschreibungen schon als Kompetenz, wenn man mit Microsoft-Produkten umgehen und eine E-Mail beantworten kann. In der Praxis der Agentur für Arbeit scheint es praktisch nur die Unterscheidung in Menschen „ohne Computerwissen“ und „mit Computerwissen“ zu geben, ohne jede Unterscheidung. Was heißt dass für einen Arbeitsmarkt, in den aktuell eine Generation eintritt, deren Angehörigen die Frage, ob sie mit einer Suchmaschine, einem Textverarbeitungsprogramm und einem E-Mailaccount umgehen können, fast als Beleidigung verstehen, so als würde man fragen, ob sie die Uhr lesen können? Die Grundfragen wären erst einmal: gibt es eine neue digitale Schere? Wie sieht die wirklich aus? Woran macht sie sich fest: Schicht, Bildungshintergrund, ökonomische Stellung, Infrastruktur, Wissen, Alter, Szenezugehörigkeit? Wie wirkt sie sich wirklich in der Gesellschaft aus? Und was bedeutet das für die Gesellschaft im Gesamten?
Eine letzte Frage wäre die nach dem Geschlecht. Es gibt das Bild des internetkompetenten Jungen und des lesekompetenten Mädchens. Dieses Bild wird oft genug reproduziert. Aber einerseits ist das ein Ergebnis eines interessanten gesellschaftlichen Prozesses: in der Frühzeit der Programmierung war diese noch eine weiblich Domäne. Während die Männer an den technischen Geräten rumspielten, waren es in den 60er Jahren vor allem Frauen, die programmierten. Das veränderte sich, als die Bedeutung der Software wichtiger wurde. In den 80ern und 90ern war der Programmierer in der öffentliche Wahrnehmung männlich, auch das Informatikstudium war grundsätzlich männlich, Frauen waren die Ausnahme. Das ändert sich wieder, die Frage ist wie. Das Internet wird im Allgemeinen von Frauen nicht weniger genutzt, als von Männern. Das heißt nicht, dass es keine unterschiedliche Nutzung gibt, aber durch die Veralltäglichung der Technik gibt es keine rein männliche Dominanz bei deren Nutzung mehr. Wie wirkt sich das auf das Geschlechterbild aus? Und wie dieses wiederum auf die tatsächliche Nutzung des Internets und verwandter Techniken?

„Dabei hatte der Politikwissenschaftler Robert Putnam noch im Jahr 2000 in seinr bahnbrechenden Studie Bowling Alone in America geschrieben, traditionelle soziale Organisationen wie die Pfadfinder oder lokale Partei- und Gewerkschaftsgruppen würden immer mehr an Bedeutung verlieren, da die Menschen ihr Leben individuell gestalten wollten. Dadurch würde, so Putnam, immer weniger soziales Kapital produziert, das jedoch überlebensnotwendig sei für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nun hat es den Eindruck, als ob sich die jungen Menschen eben nicht mehr bei den Boy Scouts engagieren, sondern bei Facebook Causes und anderen neuartigen Initiativen. Die politische und demokratische Bedeutung der sozialen Netzwerke wie MySpace, Facebook oder LinkedIn liegt also weniger in der Tatsache begründet, dass auch Obama und McCain hier Webseiten betreiben, sondern dass die Menschen ein neues Produktionsmittel für soziales Kapital in die Hand bekommen haben, mit dem sie mit einem Klick eine theoretisch unbegrenzt große Zielgruppe erreichen können. ‚Viele Menschen haben immer noch nicht begriffen, wie stark das Internet sich verändert hat‛, erklärt Joe Green. ‚In den Neunzigern war es noch ein anonymer Raum, die Menschen verwendeten falsche Namen. Heute agieren sie dort mit ihrer wahren Identität. Im Netz wird die Wirklichkeit verhandelt.‛“
[Moorstedt, Tobias. 2008. Jeffersons Erben: Wie die digitalen Medien die Politik verändern. Frankfurt am Main: Suhrkamp, Seite 154f.]

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