Naja, Kulturkritik

Das Verbrechen der Vernunft von Robert B. Laughlin [Laughlin, Robert B. / Das Verbrechen der Vernuft : Betrug an der Wissensgesellschaft. – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2008 (edition unseld ; 2)] ist eher eine Dystopie als eine Analyse. Grundthese ist, dass es im Gegensatz zum Verständnis der Überzeugung, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben würden, eine verstärkte Abschließung von Wissen gäbe. Laughlin weist dabei zuerst auf „gefährliches Wissen“, bei dem die Gesellschaft offenbar der Meinung ist, dass es geschützt werden müsse, hin. Als paradigmatisch gilt ihm dabei das Wissen um den Bau von Atombomben, aber auch um biologische und chemische Waffen. Das scheint noch nachvollziehbar, auch wenn Laughlin von absurden Situationen zu berichten weiß, die sich aus dem Verschluss dieses Wissens ergeben. Anschließend stellt er allerdings dar, dass Wissen seiner Meinung nach auch als ökonomisches Gut nur verwertet werden kann, wenn es beschränkt und versteckt wird. Die Argumente für ein schwaches Copyright – wie es im deutschen Sprachraum ja vor allem Kuhlen vroschlägt – oder der gesamten Open Access Bewegung ignoriert Laughlin gänzlich. Nur Wissen, das eingeschränkt werden kann, gilt ihm als ökonomisch sinnvoll, deshalb wird es auch eingeschränkt.
(Interessant ist, dass er dabei nicht nur von Patenten spricht, sondern von dem Phänomen, das über bestimmtes Wissen einfach nicht mehr geredet wird, was aber nicht auffällt, weil es zahlreiche andere Informationen zum gleichen Thema gibt – so gäbe es zum Beispiel zwar zahllose Informationen über bestimmte technische Apparate, die im Alltag verbreitet ist, aber ohne dass es Informationen darüber gäbe, wie genau diese funktionierten. Das würde aber nicht auffallen, bis gezielt nach diesen Informationen gesucht wird, zum Beispiel um diese Geräte nachzubauen oder ihre Funktion zu verstehen. Die hergestellten Wissenslücken gehen dieser These nach im Rauschen unter. Sie erschienen auch oft als nicht so gravierend, da man davon ausgeht, sie würden schon irgendwo zu finden sein, wenn sie benötigt würden.)
Das Problem bei diesem Text ist allerdings, das nicht klar wird, ob Laughlin die gesamten Entwicklungen (beispielsweise im Patentbereich) zwar teilweise absurd, aber doch okay findet, ob er davon ausgeht, dass dies alles nichts bringt, weil alle Wissensbeschränkungen doch beständig umgegangen werden – durch Kopieren, neue Forschungen oder Lücken im System. Oder aber – was auch möglich wäre – er möchte die Situation nur sarkastisch beschreiben, geht aber davon aus, dass es eh nicht mehr geändert werden kann. (Immerhin ist Laughlin Physiker und hat am MIT studiert – es wäre also nicht überraschend, wenn er selber diese Art von Geek-Humor teil, den sonst nur andere Geeks verstehen. Aber wenn das alles ein Witz ist: muss man daraus gleich ein ganzes Buch machen?) Oder er will dazu aufrufen, dass alles zu ändern oder zumindest drüber nachzudenken. Das bleibt einfach vollkommen unklar. Zumal, wie schon angedeutet, der Text zwar nicht unbedingt die neuesten Entwicklungen ignoriert, aber Laughlin doch viele Debatten und Entwicklungen, die seiner Beschreibung entgegenstehen, einfach nicht wahrzunehmen scheint. Und dann endet er auch noch in dem seit der Postmoderne eigentlich obsoleten Bild der grundsätzlich neuen Gesellschaft irgendwo da draußen, welche die jetzige Menschheit und deren Grundprobleme einfach zurücklässt. (Hier sind es junge Menschen, die auf den Mond auswandern.)
Letztlich hinterlässt das Buch den gleichen Eindruck, wie zeitgenössische kulturkritische Besinnungsaufsätze: An einigen Stellen nickt man, an vielen will man einfach widersprechen, weil die Vorraussetzungen der Behauptungen, die gemacht werden, einfach falsch sind. Aber letztlich weiß man am Ende nicht, wozu dieser Text da ist, wem genau er was sagen will.

Dennoch, eine großartige Stelle gibt es, die ich gerne zitieren will. Deshalb das Posting:

Die mit dieser [beschriebenen] Entwicklung einhergehende Einstellungen zum Wissen werfen äußerst beunruhigende Fragen nach dem Grundrecht des Menschen auf, Fragen zu stellen und nach Erkenntnis zu streben. Mehr und mehr erscheint der „Geistesblitz“, die plötzliche Einsicht in eine Sache und deren Folgen, die wir bei Galilei und Newton bewundern, als Verletzung von Patentrechten oder als Gefahr für die Staatssicherheit. Mehr und mehr erweist sich selbständiges Denken als potentiell kriminelle Handlung. [Laughlin (2008), S.10]

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