„Euer Fehler ist nicht unsere Schuld“ – Die Fehleranfälligkeit zentraler Systeme

In Berlin werden demnächst rund 28.000 Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse die zentrale Matheprüfung nachschreiben müssen. Die Geschichte ging durch die Presse und hat – solange man nicht selber näher oder ferner Betroffen ist – ihre eigene Komik.
Die Idee der zentralen Matheprüfung ist, dass eine standardisierte Prüfung für alle Lernenden eines Jahrgangs deren Leistungsstand genauer abbilden würde, als Prüfungen, die zwar auf dem gleichen Rahmenplan beruhen, aber in den jeweiligen Schulen entworfen und ausgewertet würden. Ob das stimmt, ist nicht so klar, wie es auf den ersten Blick erscheint. Aber immerhin liegt die Berliner Schulverwaltung mit dieser zentralen Prüfung im bundesweiten Trend.
Nun soll, so der Senat, einer überraschend großen Zahl von zu Prüfenden die Aufgaben schon vor der Prüfung bekannt gewesen sein. Die Rede ist von 87 betroffenen Schulen – bei insgesamt 346, in denen die Prüfungen stattfanden. Es hätte, so der Senat weiter, ein Leck gegeben. Das, wenn die Zahl stimmt, dieses Leck bei 87 Schulen ziemlich groß gewesen sein muss oder aber dass die Berliner Schülerinnen und Schüler eine Kompetenz bei der (heimlichen!) Verbreitung dieser Aufgaben an den Tag gelegt haben müssten, die es fragwürdig erscheinen lässt, ob sie überhaupt noch Informationskompetenzen vermittelt bekommen müssen, wird nicht thematisiert.
Der Senat beschloss zumindest, dass die Arbeit nachzuschreiben sei. Vollkommen berechtigt sind die Lernenden in den letzten Tagen dagegen mit relativ großer Unterstützung auf die Straße gegangen. Nicht nur, weil jede Prüfung Stress ist, sondern weil – wie es so schön einfach auf der zentralen Demonstration hieß – es nicht ihre Schuld war, wenn es tatsächlich diesen Betrug gegeben haben sollte. [Abgesehen von den Schülerinnen und Schülern, die betrogen haben. Aber das sie die Chance dazu hatten, war auch nicht ihre Schuld.] Es ist ein Problem der zentralen Verwaltung dieser Prüfung.
Andere Lernende zogen vor Gericht, um die schon geschriebene Arbeit als gültig werten zu lassen. Das mag man auf den ersten Blick auch übertrieben halten und eventuell ist es das auch in einigen Fällen. Allerdings nicht in allen. Die erste Klage wurde offenbar für eine Schülerin eingereicht, die durch das Nachschreiben der Prüfung mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren vorgesehenen Ausbildungsplatz nicht wird antreten können. Das deutet immerhin an, welche Auswirkungen eine solcher Fehler haben kann: es wird in die Lebensgestaltung der Jugendlichen eingegriffen, gerade zu einem Zeitpunkt, der für viele biographisch entscheidend ist, weil sie den Übergang von den Bildungseinrichtung in den Ausbildungsmarkt bewerkstelligen müssen. Dabei werden sie nun behindert. Eine große Anzahl von Schülerinnen und Schüler wird zum Zeitpunkt der Prüfung auch Praktika absolvieren, oft auch außerhalb Berlins. Da solche Praktika heute oft erst den Weg in eine Ausbildung ebnen, sind sie jetzt wirklich „am Arsch“. Schließlich müssen sie für den Test nicht nur nach Berlin anreisen, sondern zuvor auch noch für in lernen, während Praktikantinnen und Praktikanten aus anderen Bundesländern dies nicht müssen, was diesen einen leicht nachzuvollziehenden Vorteil verschafft.

Fehleranfälligkeit
Dieses Beispiel zeigt, über den Einzelfall hinaus, ein allgemeines Problem auf: die Vorstellung, dass durch die Zentralisierung von Diensten und Aufgaben ein Gesamtsystem effektiver arbeiten würde, stimmt so einfach nicht. Jede Zentralisierung erhöht das Problem der Anfälligkeit dieses Systems. Wenn Aufgaben zentriert werden, schlägt ein Fehler, ein Ausfall oder auch eine Entscheidung stärker auf das Gesamtsystem durch. Im Gegensatz zum Effektivitätsdispositiv, das bei Zentralisierungen in Systemen aufgerufen wird und der Vorstellung, letztlich alles so gut wie möglich kontrollieren zu müssen, damit es funktioniert, welche in Deutschland die Politik grundlegend bestimmt, stellen zentralisierte Systeme sehr fragile und relativ langsam agierende Institutionen dar.
Verteilte Systeme sind auch nicht perfekt, unter einem bestimmten Blickwinkel kann man ihnen immer wieder die Verschwendung von Ressourcen vorwerfen. Und ab einem bestimmten Level der Offenheit sind sie teilweise auch nicht mehr in der Lage, irgendwie sinnvoll zu agieren. Aber dafür sind sie nicht nur geschmeidiger, sondern auch signifikant fehlertoleranter. Eigentlich sollte das für Menschen, die sich mit der Architektur des Internets oder der Arbeitsweise bei der Pflege Freier Software, keine neue Erkenntnis sein.
Dennoch, wie das Beispiel aus Berlin beweist, ist das kein akzeptiertes Allgemeinwissen. Oft bedarf es eines Zwischenfalls, um die Fehleranfälligkeit zentraler Systeme nachzuweisen. Und auch dann sind diese Systeme nicht einfach in der Lage, zu reagieren oder auch nur Willens, ihre Architektur als Problem anzuerkennen. Die Berliner Senatsverwaltung ist bis jetzt der Meinung, dass es zwar irgendwo ein Leck gab, aber dass das Problem nicht bei der Idee der zentralen Prüfung an sich liegen könnte. Doch das war ja in der Musik- und Softwareindustrie auch nicht anders. Die großen Labels mussten erstmal lernen, dass es für sie besser ist, Sublabels relativ frei agieren zu lassen. Das hat dann eine Zeit in der 1980ern und 1990ern funktioniert, aber bis dahin haben sie viel Geld und Arbeitszeit dafür aufbringen müssen, die Auswirkungen ihrer eigenen Zentralisierung abzufangen. Und der Softwaremarkt musste erst durch den Erfolg von Freier Software, bei der zumindest versucht wird, jeweils auf Netzwerke zurückzugreifen, dazu gezwungen werden, sich langsam zu öffnen und die Idee, alles zentral steuern zu können, aufzugeben. Das ist auch immer noch ein nicht abgeschlossener Prozess.

Zentralisierung in Bibliotheken
Aber hat dies auch für Bibliotheken eine Bedeutung? Auf jeden Fall. Mehr als ein Bibliotheksentwicklungsplan reagiert auf die allgegenwärtigen finanziellen Krisen mit dem Vorschlag, Dienste zu zentralisieren. Quasi alles, was nicht vor Ort in der einer Bibliothek getan werden muss, wird zur Disposition gestellt: zentrale Katalogisierung, zentrale Erwerbung, zentrale technische Dienste, zentrale Planungen der Öffentlichkeitsarbeit, von Veranstaltungen oder bibliothekarischer Angebote für Schulen und einiges mehr. Die Idee dahinter ist immer wieder, dass eine solche Zentralisierung den effizienteren Einsatz von ökonomischen Mitteln ermöglichen würde.
Zwar regt sich immer mal wieder gegen solche Vorschläge ein leichter Protest. Aber dieser ist selten und zudem nicht unbedingt der Ablehung der Idee der Zentralisierung geschuldet, sondern oft der Angst, Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten abgeben zu müssen. Allgemein scheint akzeptiert zu sein, dass die Zentralisierung von bibliothekarischen Diensten hilft, Geld einzusparen und Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten. Bei der Zentralisierung wissenschaftlicher Bibliotheken geht es zudem oft darum, dass Institute einen Bedeutungsverlust befürchten, wenn sie Bibliotheken „abgegeben“ müssen.
Aber so einfach ist das nicht. Es fällt auf, dass selten von den negativen Folgen solcher Zentralisierung gesprochen wird. Sie werden nicht nur nicht gemessen, es wird nicht einmal nach ihnen gefragt. Dabei sollte es bei Bibliotheken nicht anders sein, als bei anderen Systemen: je zentraler, desto fehleranfälliger.
Gibt es solch negativen Folgen überhaupt? Immerhin sind von Fehlern in der Bibliotheksverwaltungen selten 28.000 Schülerinnen und Schülern beim Übergang in den Ausbildungsmarkt betroffen, oder? Meineserachtens schon. In mehr als einen System Öffentlicher Bibliotheken ist – um ein Beispiel zu nennen – in den letzten Jahren und Jahrzehnten der Arbeitsgang oder Teile des Arbeitsganges [wohl zumeist die Katalogisierung] zentralisiert worden. Abgesehen davon, dass nicht klar ist, warum dann all die anderen Bibliothekarinnen und Bibliothekare in den jeweiligen Systemen jahrelang während ihrer Ausbildung das Katalogisieren üben mussten, führt dies oft zu einer erstaunlichen Schwerfälligkeit im Bestandsaufbau der betroffenen Bibliotheken, zu einer Abnahme bibliothekarischer Dienstleistungen und zu einer Senkung der Qualitäts des Bestandes. Einerseits ist die Katalogisierung durch die Zentralisierung ein Nadelöhr: staut es sich bei ihr, stockt der Bestandsaufbau und die Bestandspflege in allen Bibliotheken des Systems. Da Zentralisierungen zumeist wegen eines ökonomischen Drucks vorgenommen werden, ergibt sich oft die Situation, dass es aufgrund fehlenden Personals auch in den neugeschaffenen zentralen Einrichtungen zu genau solchen Staus kommt. Schnell einen Bestand aufzubauen, beispielsweise weil sich in lokalen Rahmen ein Thema als Gesprächsthema etabliert oder weil man beschließt, eine Zielgruppe anzusprechen, ist so kaum noch möglich.
Ein anderes Problem sind die Fehler bei der Katalogisierung, also zumeist die falsche Zuordnung von Medien. Diese Fehler treten garantiert auf: es gibt sie in jedem Katalog, aber sie werden gewiss verstärkt durch die tendenzielle Überarbeitung in zentralen Katalogisierungabteilungen und den Umstand, dass die dortigen Kolleginnen und Kollegen selber wenig oder gar nicht mit dem Bestand selber arbeiten, in den hinein sie katalogisieren, weil das nicht zu ihrem Aufgabenfeld gehört. Sie stehen einfach nicht vor den Regalen. Das wirkliche große Problem ist meist, dass es aus Gründen der erwarteten Effizienzsteigerung durch die Zentrale Katalogisierung untersagt ist, in den einzelnen Bibliotheken selber irgendetwas an den Katalogdaten zu ändern. Wird ein Fehler entdeckt, muss das Medium mit Anmerkung zurück an die zentrale Katalogisierung. Man kann sich vorstellen, wie „begeistert“ man dort sein wird, wenn beständig aus Bibliotheken Medien zurückkommen mit der Aussage: da ist euch ein Fehler unterlaufen. Außerdem kann man sich den Verwaltungsaufwand ausmalen, der Entstehen würde, wenn tatsächlich alle Medien, die nicht ganz richtig katalogisiert worden sind, an die zentrale Katalogisierung geschickt würden.
Aber ändern kann es niemand anders. Also werden die Medien eher am falschen Ort im Regal belassen und darauf gehofft, dass sie über den Katalog gefunden werden. Das Ergebnis ist dann ein Bestand, der nicht mehr durch Augenschein und Browsen erschlossen werden kann. Und das führt dazu, dass sich noch weniger Menschen in der jeweiligen Bibliothek zurückrechtfinden. Insoweit hat die zentrale Katalogisierung unter Umständen einen negativen Effekt für die jeweiligen Bibliotheken, welcher nicht unbedingt durch die positiven Effekte aufgefangen werden, insbesondere, wenn man diese Effekte über einen längeren Zeitraum zu bestimmen versucht.

Kosten der Zentralisierung?
Doch solche Effekte werden kaum herangezogen, wenn es um die Entwicklung von Bibliotheken geht. Betont werden immer wieder die zu erwartenden positiven Effekte und es dauert mindesten seine Zeit, bis die negativen Auswirkungen erkennbar werden.
Dabei gibt es immer wieder auch gute Gründe für Zentralisierungen, genauso wie die zentrale Matheprüfung ja auch eine gesamt-berliner Schulentwicklung ermöglichen soll. Aber nur positive Effekte? Nie. Nirgends.

PS.: Beim Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen ist es ähnlich haarsträubend, wie die Fehler des Gesamtsystems auf die Schülerinnen und Schüler durchschlagen: Schöne Neue Mathematik und der Oktaeder des Grauens

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