Man glaubt es ja fast nicht: Bildungssystem schlecht

Wäre man Anhänger oder Anhängerin des Sarkasmus, man hätte gerade gute Zeiten. Da wurde mit sehr viel Geld und personellen Ressourcen der Anfang zum Aufbau einer Bildungsberichterstattung gemacht und die ersten Ergebnis lauten: das Bildungssystem ist uneffektiv, verstärkt soziale Ungleichheiten massiv und ist auch außerhalb des formellen Bildungssystems nicht halb so erfolgreich, wie das nach der politischen Rhetorik um Lebenslanges Lernen und Weiterbildung zu erwarten wäre.
Lässt man den Sarkasmus außen vor, kann es trotzdem lustig finden, dass die Bildungspolitik seit einigen Jahren versucht, sich durch empirische Bildungsforschung ein Wissen produzieren zu lassen, mit dem sie realistischere Entscheidungen treffen kann. Und dann ist das Ergebniss dieser Bildungsforschung, dass fast alle Probleme, die bislang von Kritikerinnen und Kritikern des deutschen Bildungssystems geäußert, von der Politik aber zumeist als nicht in diesem Maße existent bezeichnet wurden, doch existieren. Und zwar meist gravierender ausfallen, als bislang angenommen.
Ein paar Zitate aus der Pressemitteilung zum Nationalen Bildungsbericht 2008 vom Donnerstag, den 12.06.2008. Zugegeben, es sind sehr ausgewählte Zitate, aber wie man an der Menge sieht, besteht auch fast die gesamte Presserklärung aus solchen ‚überraschend‘ schlechten Ergebnissen. [Am 12.06. wurde auch der gesamte Bildungsbericht veröffentlicht, aber ich bezweifle, dass diejenigen, die aktuell aus dem Bericht zitieren, die 355 Seiten wirklich gelesen haben, trotz aller Vorveröffentlichungszeiten für Auftraggebende und Presse.]


Studiennachfrage bleibt zu gering.
Nach mehreren Jahren des Rückgangs ist 2007 erstmals wieder eine Steigerung der Studienanfängerzahl zu verzeichnen. Die Studienanfängerquote liegt nun bei knapp 37% (einschließlich derjenigen Studierenden, die aus dem Ausland kommen und auch vielfach dorthin wieder zurückgehen); sie hat weder den Höchstwert von 39% aus dem Jahr 2003 noch die vom Wissenschaftsrat gesetzte Zielmarke von 40% erreicht. […]
Weiterbildungsbeteiligung stagniert. Die im Bildungsbericht 2006 konstatierte Diskrepanz zwischen einer intensiven öffentlichen Rhetorik zum lebenslangen Lernen und der tatsächlichen Beteiligung der Bevölkerung an allgemeiner und beruflicher Weiterbildung hat sich auch im neuen Berichtszeitraum nicht aufgelöst. Insbesondere die schwache Beteiligung gering qualifizierter Bevölkerungsgruppen wie auch älterer Menschen bedarf der verstärkten Aufmerksamkeit. […]
Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss unverändert hoch. 2006 haben rund 76.000 Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen, ohne zumindest über einen Hauptschulabschluss zu verfügen. Vielfach wird der Hauptschulabschluss nachgeholt, aber im Alter von 18 bis unter 25 Jahren haben 2,4% immer noch keinen Abschluss und befinden sich nicht mehr im Bildungssystem; dieser Wert hat sich seit 2000 sogar leicht erhöht. […]
Nach wie vor deutliches Übergewicht an Abwärtswechseln im Sekundarbereich I.
Der Besuch einer Schulart des Sekundarbereichs I scheint relativ stabil zu sein und wird von lediglich 3% der Siebt- bis Neuntklässler nachträglich durch einen Schulartwechsel korrigiert. Auf jeden aufwärts gerichteten Wechsel [also z.B. von der Realschule ins Gymnasium, K.S.] kommen dabei fast fünf Abwärtswechsel in niedriger qualifizierende Schularten. […]
Effektivität des Übergangssystems ist zu hinterfragen. […] Von der größten Gruppe der Teilnehmer am
Übergangssystem, den Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss, gelingt nur einem Drittel im Laufe von 18 Monaten die Einmündung in eine vollqualifizierende Ausbildung. Zweieinhalb Jahre nach Schulende hat sich dieser Anteil auf 50% erhöht. Insgesamt befinden sich zweieinhalb Jahre nach Schulabschluss drei Viertel aller Jugendlichen in einer vollqualifizierenden Ausbildung, bei den Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss sind es 60%. Da zum Teil mehrere Maßnahmen nacheinander besucht werden und die Verläufe von Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss deutlich ungünstiger sind, stellt sich die Frage nach der Effektivität und Effizienz des Systems. [Man muss die Werte einfach mal umdrehen, um den Skandal noch deutlicher werden zu lassen: 40% der Hauptschulabgängerinnen und Hauptschulabgänger hatten auch 2,5 Jahre nach dem Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz, nicht mal in den Fakeausbildungsgängen der Agentur für Arbeit, die selten in den Arbeitsmarkt führen. Und gezählt sind hier nur die, die sich überhaupt bei der Agentur für Arbeit ausbildungssuchend melden. Beispielsweise Frauen, die sich für die Mutterschaft in einer Ein-Ernäherfamilie „entscheiden“ und nie eine Ausbildung suchen oder Menschen, die gleich als Aushilfen im Familienbetrieb bleiben und ebenso keine selbstbestimmte Ausbildung erhalten, sind in den Zahlen noch nicht mal enthalten. K.S.] […]
Direkter Übergang aus der Berufsausbildung in die Hochschulen kaum möglich. In allen Ländern wurden seit 1990 unterschiedlich ausgestaltete Verfahren für den Hochschulzugang beruflich qualifizierter Bewerber ohne schulische Studienberechtigung eingeführt. Diese häufig unter dem Begriff des Dritten Bildungsweges zusammengefassten Möglichkeiten machen jedoch gerade einmal 1% der Zulassungen an Universitäten und 2% im Fachhochschulbereich aus. […]
Zum Teil lange Übergangswege in eine vollqualifizierende Ausbildung. Vor allem Abgänger und Absolventen aus Hauptschulen benötigen lange, um eine Ausbildung im dualen System oder im Schulberufssystem beginnen zu können. Nach zwei bis zweieinhalb Jahren sind drei Fünftel von ihnen in eine vollqualifizierende Ausbildung eingemündet. […]
Sozialer Status und Bildungsstand der Herkunftsfamilie: Einfluss verstärkt sich bis zum Übergang in die Hochschule. Mit einem höheren sozioökonomischen Status gehen bis zu dreimal geringere Hauptschul- und bis zu fünfmal höhere Gymnasialbesuchsquoten einher. Internationale Schulleistungsstudien zeigen, dass die Kopplung zwischen sozialem Status der Herkunftsfamilie und erworbenen Kompetenzen in Deutschland nach wie vor stärker ausgeprägt ist als in anderen Staaten. Auch der Hochschulzugang erzeugt neue Disparitäten: Kinder aus Akademikerfamilien nehmen bei gleichen Abiturnoten häufiger ein Studium auf als Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern. […]
Migrationshintergrund führt in allen Stufen des Bildungssystems zu Benachteiligungen. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind selbst bei gleichem Sozialstatus seltener auf dem Gymnasium und häufiger in den niedriger qualifizierenden Schularten. Ausländische Jugendliche verlassen doppelt so häufig wie deutsche eine allgemeinbildende Schule, ohne zumindest den Hauptschulabschluss zu erreichen, während deutsche dreimal so häufig die Hochschulreife erwerben. Während Jugendliche ohne Migrationshintergrund schon nach drei Monaten zur Hälfte bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz der dualen Ausbildung erfolgreich waren, erreichten Jugendliche mit Migrationshintergrund eine vergleichbare Vermittlungsquote erst nach 17 Monaten. Entsprechend sind allein schon 60% ausländische Jugendliche im Übergangssystem zu finden, deutsche zu 40%. Die Unterschiede haben sich im letzten Jahrzehnt vergrößert. […]
Geschlechtsspezifische Disparitäten: Mädchen und junge Frauen werden im Bildungssystem immer erfolgreicher, neue Problemlage bei den Jungen. Mädchen werden im Durchschnitt früher eingeschult, haben bessere Leistungen in der Schlüsselkompetenz „Lesen“, bleiben seltener ohne Schulabschluss, bewältigen erfolgreicher und schneller den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung, absolvieren eine Ausbildung eher im anspruchsvolleren Segment der Berufsgruppen, erwerben deutlich häufiger die Hochschulreife, brechen ein Studium seltener ab, bilden die Mehrheit der Hochschulabsolventen und nutzen als Berufstätige die Angebote der Weiterbildung intensiver. Diese Erfolgsgeschichte der Mädchen und Frauen innerhalb des Bildungssystems bricht im Verlauf der Berufstätigkeit teilweise ab: Nach wie vor bestehen erhebliche Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen. [!] Parallel zu dieser Erfolgsgeschichte entwickelt sich eine neue Problemkonstellation: Das Risiko für Jungen und junge Männer, im Bildungssystem zu scheitern, nimmt zu. Das gilt insbesondere für jene mit Migrationshintergrund. Jungen wiederholen öfter eine Jahrgangsstufe, ihr Anteil unter den Absolventen und Abgängern mit und ohne Hauptschulabschluss nimmt zu und sie befinden sich deutlich öfter im Übergangssystem. […]
Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt rückläufig. Insgesamt, d.h. unter Einschluss betrieblicher und privater Leistungen, wurden in Deutschland im Jahr 2006 mit 142,9 Milliarden Euro fast 15 Milliarden Euro mehr für Bildung ausgegeben als im Jahr 1995. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ging jedoch von 6,9% im Jahr 1995 auf 6,3% im Jahr 2005 und 6,2% im Jahr 2006 zurück; im internationalen Vergleich lag er unter dem OECD-Durchschnitt. Die Bildungsausgaben sind nicht proportional zum Wirtschaftswachstum gestiegen. […]
Weiterbildungsbudgets drastisch reduziert. Die Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit für berufliche Weiterbildung gingen zwischen 1999 und 2005 um etwa 70% zurück. Im gleichen Zeitraum sanken die Ausgaben der Unternehmen für betriebliche Weiterbildung um rund 1,5 Milliarden Euro (16%). […]

Also, mal die überraschenden Ergebnisse zusammengefasst:

  • Obwohl die Hauptschule nicht verändert wurde, bringt ihr Abschluss immer noch keinen realen Einstieg in den Arbeitsmarkt.
  • Obwohl eine strukturelle Förderung für Kinder aus bildungsschwächeren und ökonomisch schwierigen Haushalten weiterhin nicht existiert und obwohl die strukturelle Bevorzugung von Jugendlichen aus ökonomisch besser gestellten Haushalten und solchen mit hohem Bildungskapital im Bildungssystem weiter verankert ist, wirkt das Bildungssystem an sich segregierend und reproduziert soziale Unterschiede.
  • Obwohl die strukturelle Demotivation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt sich nicht verändert hat, bringen Frauen ihre seit Jahren besseren Bildungsergebnisse immer noch bei Weitem nicht so viel, wie die tendenziell schelchteren Bildungsergebnisse den Männern etwas bringen.
  • Obwohl das Bafög immer noch nicht einmal annähernd zum Leben während des Studiums reicht und die Chancen, nach einem Studium verschuldet und ohne Arbeit dazustehen, weiterhin relativ hoch sind und obwohl es (noch) in der Hälfte der Bundesländer Studiengebühren gibt, hat sich die Zahl der Studierenden nicht erhöht.
  • Obwohl der Großteil der Weiterbildungspolitik daraus besteht, Menschen rhetorisch zum Weiterbilden aufzufordernd, ohne das irgendwie zu fördern, ohne einen klaren Nutzen von dieser Weiterbildung aufzeigen zu können, ohne für einen fairen Arbeitsmarkt für das Personal in der Weiterbildung zu sorgen, damit dieses von ihrer/seiner Tätigkeit auch ihr Leben finanzieren und langfristig planen kann und obwohl die Weiterbildungsförderung durch die Agentur für Arbeit weiter zurückgeht, stagniert die Weiterbildungsquote.

Und dann berichtet der Spiegel und – wortgleich – andere Medien auch noch von einer Studien, die zu dem Ergebniss kommt, dass betriebsinterne Konkurrenz den Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöht und das eine gute Bildung auf einem Arbeitsmarkt, der zuwenige Jobs für all die gut ausgebildeten Menschen hat, auch nichts bringt:

[…] Eine gute Bildung ist keineswegs eine Garantie dafür, dass sich die Beschäftigten in ihrem Beruf wohl fühlen. Im Gegenteil, schreibt Studienautor Martin: ‚Es kann leicht passieren, dass die durch den Erwerb eines höheren Bildungsabschlusses geweckten Berufserwartungen angesichts der tatsächlich verfügbaren Stellenprofile bitter enttäuscht werden.‘
Mit anderen Worten: Politik und Wirtschaft fordern die Bürger immer wieder auf, sich zu qualifizieren. Doch auf dem Arbeitsmarkt haben die Menschen nicht unbedingt etwas davon – einfach deshalb, weil es keine passenden Jobs gibt.
[So unzufrieden sind Deutschlands Arbeitnehmer, Spiegel-Online, 13.06.2008]

Ja, mit großer Spannung erwarte ich weitere Ergebnisse. Was wird wohl noch festgestellt werden?

  • Manche Menschen planen gar nicht, was ihnen ein Bildungsgang auf dem Arbeitsmarkt „bringt“, bevor sie ihn beginnen?
  • Obwohl Menschen mit Migrationshintergrund Deutsch sprechen, besser als manche Landespolitikerinnen und -politiker, hilft ihnen das auf einem rassistisch geprägten Arbeitsmarkt auch nicht weiter?
  • Manche Menschen wollen mit Bildung nichts mehr zu tun haben, obwohl ihnen Bildung auf dem Arbeitsmarkt auch überhaupt nichts bringt?
  • In Bibliotheken stehen auch Bücher?
  • Dieses „Internet“ ist gar kein Mythos von amerikanischen Sekten, sondern soll tatsächlich irgendwo existieren?
  • Bildungsreformen, egal welche, kosten Geld?
  • Bibliotheken brauchen eine Erwerbungsetat?
  • Weiterbildungseinrichtungen brauchen eine ausreichenden Etat?
  • Das Personal in der Weiterbildung möchte tatsächlich Geld verdienen und nicht auf prekäre Taschengeld-Jobs angewiesen sein? Ansonsten sucht es sich einen anderen Job?
  • Die Welt ist annähernd rund?
  • Bildung könnte auch andere Effekte haben, als nur eine bessere Position auf dem Arbeitsmarkt einzunehmen? Irgendwas mit Lebensqualität, Demokratie, Selbstbestimmung?
  • Obwohl im Bundestag lauter Juristinnen und Juristen sitzen, ist das nicht der bevorzugte Studiengang der deutschen Bevölkerung?
  • Manche Vorhersagen der Wirtschaft, sie benötige mehr Menschen mit dieser oder jener Ausbildung, sind schon nach einigen Monaten überholt?
  • Die vorrangige Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler bringt leistungsschwächern Lernenden unter Umständen nicht allzu viel?
  • Manche Menschen mit Bildungsabschluss denken darüber nach, dass sie mit diesem außerhalb Deutschland eventuell mehr anfangen könnten?
  • Manchmal macht Bildung Spass, manchmal ist es nervig?
  • Einige von denen, die studieren, wollen lieber anschließend „Wissenschaft“ machen? Und von denen wollen noch nicht mal alle unbedingt eine Professur haben?
  • Gymnasien erhalten mehr Geld und Unterstützung, als andere Schultypen?

Man darf gespannt sein. Ein Hoch auf die empirsche Wende in der Bildungsforschung.

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One response to “Man glaubt es ja fast nicht: Bildungssystem schlecht”

  1. 1000Sunny says :

    Eines wurde ja schon 1975 herausgefunden. Zwang hemmt alle intrinsische Motivation und wirkt sich schlecht auf alle wünschenswerten Eigenschaften aus (Kreativität, Interesse, Intelligenz, …).
    Dennoch gibt es immer noch den Schulzwang, oh, Entschuldigung, Schulpflicht (ist ja von Juristen beschlossen worden).

    Toller Blog. Bibliotheken als Bildungseinrichtung.

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