Persönliche Daten unkontrolliert raushauen: ein Mythos der Informationsgesellschaft?

Jedes neue Medium bringt seine Kritik mit sich. Als Romane populär wurden, ging in gebildeten Kreisen die Angst um, dass nun Frauen ihr Tagwerk vergessen und sich aus der Realität flüchten würden. Als das Fernsehen sich nach dem zweiten Weltkrieg etablierte, ging die Vorstellung um, dass die Menschen zu antisozialen Zombies würden, die vollkommen unkommunikativ auf die Bildschirme starren würden. Auch das Radio wurde als Werkzeug verstanden, welches die Massen zur kulturellen Eintönigkeit erziehen würde. Computerspiele, Computer an sich, elektronische Tanzmusik und elekronische Mittel zur Musikproduktion: regelmäßig fand sich eine Kritik, die vor der unkontrollierten Nutzung der jeweils neuen Medien warnte.
Und diese Warnungen wurden nicht nur von den Kreisen vertreten, die heute als populistisch bezeichnet würden, sondern immer auch von Menschen, die sich intensiv mit der Gesellschaft beschäftigten und mitnichten der einfachen Angst vor dem Neuen bezichtigt werden konnten. Zudem gab es gegen diese Kritik auch immer wieder Utopien, welche die Potentiale der jeweiligen Medien hervorhoben. Und letztlich hatten immer beide Richtungen Unrecht, weil sich die Etablierung der neuen Medien noch ganz anders vollzog.
Beim Radio gibt es das bekannte Beispiel der – in dieser Frage – Antipoden Adorno und Brecht. Adorno verstand das Radio und insbesondere den damals aktuelle Jazz (der bei Adorno für zeitgenössische populäre Musik steht) als geschmacksvereinheitlichend, als kulturelles Abbild des Fordismus, letztlich als entfremdende Kulturindustrie. Brecht entdeckte in seiner Radiotheorie hingegen die Potentiale des Radios als demokratisierendes Medium. Und unbestreitbar waren beide linke Intellektuelle, die von der Notwendigkeit einer radikalen Umgestaltung der Gesellschaft überzeugt waren, keine bedingungslosen Verteidiger hergebrachter Kultur. [Obwohl Adorno bekanntlich nach der Shoa kein Zutrauen zum Proletariat hatte, während Brecht zumindest offiziell überzeugt von dessen revolutionären Aufgabe war.] Und das Radio heute? Nun ja… aber zwischendurch hatten beide Unrecht. Es gab auch gutes Radio.

2008: Nachdem nun allgemein akzeptiert zu sein scheint, dass das Internet existiert und das dort auch etwas anderes zu finden ist, als Pornographie und Nazis und kaum noch Geschichten von seelenlosen Kinder und Nerds erzählt werden, die ihre Realität im Internet verlohren hätten, hat sich in den letzten Jahren eine weitere Kritikströmung etabliert, die auf eine reale Gefahr aufmerksam macht. Insbesondere Web2.0-Angebote würden – so die Kritik – zu einem sinkenden privaten Datenschutzbewußtsein führen.
Diese Kritik ist teilweise verbunden mit nicht einfach zu widerlegenden Hinweisen auf die Tendenz zu immer größeren Datensammlungen durch Firmen (Stichwort: gläsener Kunde) und Behörden (polemisches Stichwort: Stasi2.0). Ansonsten hat sich Einschätzung weitgehend etabliert, dass Menschen in Zeiten des Web2.0 immer mehr dazu tendiert würden, ihre persönlichen Daten unkontrolliert zu verbreiten und für einen geringen Bonus – zum Beispiel für Payback-Karten – an Firmen abzugeben. Daneben finden sich in unzähligen Medien Geschichten über Menschen, die ihre Jobs verliehren, weil irgendwo im Netz ihre Partyphotos auftauchen. Oder die wegen ihrer Internetpräsenz erst gar nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden.[1] An einem solchen Verhalten – so die Kritik weiter – würden auch alle Versuche, ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung durchzusetzen, letztlich scheitern. Die Menschen würden ja noch nicht mal die heute schon gegebenen Möglichkeiten des Datenschutzes nutzen.

Aber stimmt das überhaupt? Oder ist diese Kritik nicht zumindest zum Teil, so wie hier dargestellt, ein Wiedergänger der Kritik, welche allen Neuen Medien anhaftet, quasi die zeitgenössische Form der adornischen Kritik?
Es gibt zumindest Hinweise, obwohl die empirische Basis gering ist, was allerdings auch für die Kritik zu konstatieren ist. Zumindest findet sich in der neuen Ausgabe der WZB-Mitteilungen der Artikel Kein Ende der Privatheit: Auch jungen Internetnutzern ist Datenschutz wichtig von Andreas Busch. Der Titel fasst die Ergebnisse des Textes auch schon zusammen. Busch greift dabei auf einige Geschichten aus Sozialen Netzwerken und die Ergebnisse zweier repräsentativer Umfragen der Europäischen Union zum Datenschutzinteresse unterschiedlicher Altersgruppen zurück. Letztlich kommt er zu folgendem – in Anbetracht der Entwicklung der heute schon längst etablierten Medien – nicht sonderlich überraschenden Schluss:

„Im selben Maße, wie alte Normen und Regeln im Kommunikationsverhalten verschwinden, entstehen neue. Dieser Prozess ist weder so radikal, noch wird er von den Generationen so unterschiedlich wahrgenommen, wie die [im Text zuvor, K.S.] zitierten Medien nahelegen. Er sollte vielmehr als gesellschaftlicher Lernprozess begriffen werden: Das Internet ist ein vergleichsweise neues Medium und bietet noch ungewohnte Möglichkeiten des Austauschs. Die Unerfahrenheit im Umgang damit dürfte mit der Zeit verschwinden – und zwar bei allen Nutzern, egal ob sie alt oder jung sind.“
[Busch, Andreas (2008) / Kein Ende der Privatheit : Auch jungen Internetnutzern ist Datenschutz wichtig. – In: WZB-Mitteilungen 120/Juni 2008, S. 26-29]

Na denn.

[1] Interessanterweise scheinen die größten Probleme für Menschen bislang durch die Datensammlungen der Schufa zu entstehen. Diese steht allerdings schon länger in der Kritik, weil man die Sammlung und Verwendung seiner Daten bei der Schufa überhaupt nicht beeinflussen kann.

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