Noch einmal Netbooks und Gesellschaft

Letztens diskutierte ich kurz die Trends auf dem Laptopmarkt, bzw. die Etablierung der Kategorie der Netbooks in den letzten Monaten. Ben Kaden schloss in einem Beitrag im IBI-Blog daran an und wies vollkommen berechtigt auf das Problem der Umweltverschmutzung [nennen wir es doch einfach mal beim Namen] hin. In der aktuellen First Monday diskutiert nun Brendan Luyt den XO des One Laptop Per Child projects, welcher als Initialprojekt für den Trend zum Netbook angesehen wird. Dabei geht er hauptsächlich auf die technischen Innovationsprozesse, die der XO angestossen hat und den pädagogischen Anspruch des Projektes ein.
Leider bezieht Luyt noch nicht das aktuelle Projekt des XO-2 ein [der allerdings anderswo vorgestellt und diskutiert wird: hier, hier, hier und hier], welcher meineserachtens durch seine Anlehnung ans Buch und seinen Verzicht auf eine statische Tastatur interessante Ansätze verfolgt, die auch den „Normalnutzenden“ klarmachen werden, dass die aktuell vorherschenden Formen Tower-Tastatur-Bildschirm oder Laptop-mit-Hochklappen-des-Bildschirms nur zwei mögliche Modelle für Computer sind und die Entwicklung von Rechnern (und Software) freier verlaufen könnte. Der Vorteil solcher Erkenntnis könnte sein, dass mehr Nutzenden ihre Rechner als Maschinen begreifen, die sie unterstützen sollen und nicht als Übergeräte, die diktaorisch nur machen, was sie wollen und die man lieber nicht bei ihren Kreisen stört. Und das wiederum könnte sich auf die Nachfrage nach unterschiedlichen Rechnermodellen niederschlagen. [Die Tablet-PCs alleine haben ja noch nicht zu einer solchen Freiheit in der alltäglichen Computernutzung geführt.]
Interessant ist an Luyts Text, das er den XO im Rahmen eines sich verändernden Kapitalismus situiert. Der Kapitalismus entwickelt sich laut Luyt einerseits in Richtung eines Netzwerk-Kapitalismus, in welchem der Kommunikation als Aktivität eine bedeutende Rolle im Produktions- und Distributionsprozess zukommt und nicht nur die Berufsbiographien, sondern auch die Produktionsprozesse projektförmiger und prekärer werden. Gleichzeitig entsteht im Rahmen dieses neuen Kapitalismus ein Freiraum für soziale Aktivitäten, die global ausgerichtet sind, zumeist von Teilen der (intellektuellen und ökonomischen) Elite der ersten Welt ausgehen und in Form von Non-Profit-Organisationen durchgeführt werden. Der XO beziehungsweise die One Laptop Per Child Foundation und dessen explizit am Lernen neuer Technologien und kollaborativer Spiel- und Arbeitsweisen orientierten Anforderungen an Hard- und Software sind für Luyt ein Beispiel für die Transformation des globalen ökonomischen und gesellschaftlichen Systems.
Luyt geht auf diese Transformationsprozesse nur kurz ein. Aber seine Ausführungen lassen sich in einen größeren Zusammenhang mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Trend stellen, der genau diese beiden Entwicklung – Netzwerk-Kapitalismus und Trend zum globalen Engagement neuer NGOs – in den Blick nimmt. [Hierzu sind Der neue Geist des Kapitalismus von Luc Boltanski und Ève Chiapello, Die Moralisierung der Märkte von Nico Stehr, aber auch der Überblicksartikel Globale Wohltäter: Die neuen Weltbürger und ihr Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel von Tine Stein in der März-Ausgabe der WZB-Mitteilungen zu zählen. Bekannte NGOs, die sich diesem Trend zuordnen lassen, sind neben der One Laptop Per Child Foundation (Spin Off des MIT Media Lab), Room to Read (von einem Microsoft-Manager gegründet und geleitet), die Bill & Melinda Gates Foundation (DEM Bill Gates), das Open Society Institute (George Soros), aber auch Linux und die Linux-Foundation, die immer noch von einigen Millionären und gut verdienden Programmiern aus der Ersten Welt (USA, Finnland, Kanada) domiert wird und bei dem gleichzeitig vom bislang größten Wissenstransfer aus der Ersten in die restlichen Welt gesprochen wird.]

Was – um darauf noch einmal zurückzukommen – Luyt zeigt, ist dass der XO kein Spielzeug ist [1], dass man einfach ignorieren kann, sondern ein kulturelles Artefakt, in dem gesellschaftliche Trends der Mediennutzung, der sich veränderndern Produktionsverhältnisse und des globalen Denkens einen Ausdruck gefunden haben. Der XO überschreitet dabei auch eine Grenze, die gerne noch in Bezug auf die Computernutzung im Bildungsalltag gezogen wird: der Rechner selber ist Objekt des Spielen und Lernens, nicht mehr nur Maschine für Lernsoftware, die man irgendwie steuern könnte [z.B. indem man vorrangig pädagogische Spielen in einem Bibliotheksbestand aufnimmt]. Dem werden sich weder Bildungseinrichtungen noch Bibliotheken entziehen können, einfach weil dies Trends sind, die weit über die Mediennutzung allein hinausgehen. Es geht um die Etablierung einer neuen Wahrnehmungswelt, was nicht unbedingt schlecht sein muss. [Einen ähnlichen Einfluss hatte die Etablierung von Zeitschriften als Alltagsgegenstand, des Radios und des Fernsehens.]
Und dabei geht es nicht einmal primär um Marketing-Fragen, „Wie uns andere sehen“ oder darum, ob und wie Bibliotheken „cool“ werden können. Es geht darum, dass die Gesellschaft nach und nach aus Menschen bestehen wird, für die die Nutzung moderner Kommunikationstechnologien zum Alltag gehört, die mit diesen ihre Arbeit und Freizeit gestalten, das Kommunizieren über unterschiedliche Internet-Dienste und die Verfügung über große Informationsmengen als selbstverständlich erleben. Das wird seine Zeit brauchen, die Menschen werden diese Medien unterschiedlich und unterschiedlich kompetent nutzen, viele Menschen werden bestimmte Medien oder Web-Angebote gar nicht oder nur für eine bestimmte Zeit ihres Lebens nutzen. Hypes werden vorübergehen, aber der gesellschaftliche Trend wird trotzdem stattfinden. Und diese Leute – und nicht die Leserinnen und Leser aus der Zeit, indem Fernsehen, Zeitschriften und Bücher den Medienalltag bestimmten – werden dann in Bibliotheken kommen und diese ihren Anforderungen folgend nutzen wollen. Und das ist der Grund, warum Bibliotheken sich mit diesen Rechnern und den mit diesen einhergehenden Trends auseinander setzen müssen.

[1] Trotzdem ist er ein unglaublich heftiges Spielzeug der Kategorie unbedingt-haben-wollen.

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