Ein Trend der letzten Monate: Netbooks

In den letzten Tagen treibt mich eine Frage um, die ich gerne einmal bearbeiten würde: Welche Auswirkung wird der Trend zu kleinen, billigen Laptops mit Internetfixierung für die Informationsnutzung von (potentiellen) Nutzerinnen und Nutzern Öffentlicher Bibliotheken haben?

100-Dollar-Laptop
Vielleicht von vorne. In den letzten Monaten erschienen mehrere kleine Laptops, die explizit klein, billig und mobil sind und teilweise extra für die Nutzung von Web2.0-Diensten ausgelegt sind.
In gewisser Weise können diese Rechner als (ungewolltes) Ergebnis des One Laptop Per Child Projektes (OLPC) beschreiben werden. OLPC hat sich zum Ziel gesetzt, allen Kindern einen modernen Laptop zukommen zu lassen, welcher das spielerische Lernen moderner Techniken und Kommunikationsformen ermöglichen soll. Dafür strebte OLPC die Produktion eines 100-Dollar-Laptops an, der hauptsächlich durch Regierungen von Entwicklungsländern über Schulen verteilt (und finanziert) werden soll. Es gibt Fortschritte bei dieser Mission (beispielsweise steht Peru kurz davor, die Laptops in einem groß angelegten Projekt einzusetzen). Allerdings kostet der Rechner mit dem Namen XO-1 188 Dollar. Das Design ist auf die Bedürfnisse von Kindern in armen Ländern ausgerichtet, der Rechner verbraucht wenig Energie und kann nicht nur mit Strom aus der Steckdose, sondern auch aus zahlreichen anderen Stromquellen – inklusive einer Handkurbel – aufgeladen werden. Ausgestattet ist der Rechner mit allem, was ein Laptop braucht, inklusive Kamera, Mikrophon WLAN-Antennen und USB-Ports. Zudem hat er ein drehbaren Monitor und ist extrem robust. Das Nachfolgemodell XO-2 wurde kürzlich als Projektskizze vorgestellt und soll statt einer Tastatur zwei Touch-Screens besitzen, wie ein Buch aufklappbar (und nutzbar) sein und einfach auf einem der beiden Monitore Tastaturen simulieren, welche sich den Fähigkeiten der Kinder anpassen lassen sollen. Allerdings ist der Speicher der Rechner extrem beschränkt.
Als Betriebssystem wird ein speziell angepasste Version der Linux-Distribution Fedora verwendet.[1] Diese Version soll besonders energieeffizient arbeiten. Zudem ist diese Version mit einer extra entwickelten Oberfläche namens Sugar ausgestattet, welche explizit für Schülerinnen und Schüler, die (noch) nicht Lesen und Schreiben können, konzipiert wurde. Der Zugang zum Rechner soll spielerisch erfolgen, die Kinder sollen direkte Lernerfolge erleben.
Der XO hat einen entwicklungsfördernden Ansatz. Die Hoffnung war, mit der Masse an möglichen Bestellungen – also Bestellungen von Regierungen für alle Schulkinder eines Landes auf einmal – eine Marktmacht zu organisieren, welche die Produktion solch billiger Rechner für die Industrie trotz allem zu einem gewinnbringenden Geschäft machen sollte. Ob das tatsächlich funktioniert, bleibt noch abzuwarten. Ein Erfolg scheint immerhin, dass Microsoft den XO – der, wie gesagt mit Linux arbeitet – für ein so elementares Geschäft hält, dass es lieber eine eigene Version von Windows XP für den Rechner erarbeitet hat, die statt den üblichen 100 Dollar drei Dollar kosten soll.

Kleine Laptops funktionieren, immer besser
Was der XO aber – schon während der Projektphase – bewies, war, dass es möglich ist, leistungsfähige Laptops zu einem relativ geringen Preis herzustellen. Dafür muss man zwar auf einige Dinge – große Festplatten, High-End-Graphikkarten etc. – verzichten, was allerdings hinnehmbar ist, wenn die Rechner für klar definierte Ziele eingesetzt werden sollen, die gerade keine großen Festplatten oder High-End-Graphikkarten benötigen. Und da – trotz dem Boom von Privatvideos – nur ein geringer Teil der Menschen am Rechner Filme schneiden, 2.000-seitige Bücher layouten oder GTA IV spielen will, sind solche Rechner auch außerhalb von Schulen armer Staaten interessant. Zumal mit der Entwicklung von Linux und anderen quell-offenen Betriebssystemen in den letzten Jahren leistungsfähige Betriebssysteme zur Verfügung stehen, die auch auf solcher Hardware oft schneller und konsistenter laufen, als Vista, XP oder Mac OS X. [2]

Diesen Beweis, den der XO angetreten hatte, nutzten nun in den letzten Monaten Firmen, um mit und ohne den pädagogischen Ansatz des OLPC-Projektes ähnliche kleine Rechner anzubieten. Dabei wurde der XO selber rund 80.000 mal im Rahmen eines Charity-Programms [man bezahlte zwei Rechner, bekam einen und spendete den anderen automatisch für das OLPC-Projekt] in den USA verkauft. Ein Markt für solche Rechner ist also vorhanden [man hätte ansonsten das Geld auch direkt spenden können]. Intel verkauft seit 2007 eine Classmate PC, der ebenfalls standardmäßig unter Linux läuft und für pädagogische Zwecke eingesetzt werden soll.
Durchschlagender war allerdings der Erfolg des Eee-PC. Diese Rechner sind ebenfalls seit dem letzten Jahr auf dem Markt und prägten einen – noch nicht überall etablierten – Begriff: die Netbooks. Eee-PCs kosten zwischen 299 und 399 Dollar, in Deutschland 299 Euro, sind klein [ein 7“ Monitor bzw. in der neusten Serie ein 8,9“, während – zum Vergleich – ein Mac-Book 13,3“ und ein Samsung Q45 12,1“ groß ist], und sind von ihren Hardware darauf ausgerichtet, zu surfen und kleinere Aufgaben zu bewältigen – beispielsweise kann man Schulaufgaben ohne Probleme schreiben und abspeichern, aber nicht unbedingt Doktorarbeiten. Es gibt – wie beim Mac Book Air – keinen DVD/CD-Laufwerk. Und wieder ist Linux das Hauptbetriebssystem, während Microsoft versucht eine Windows-Variante zu verkaufen, die nur für solche Rechner billiger sein soll. Eee-PCs sind nicht wirklich als Rechner für das tägliche Arbeiten oder das Spielen aktueller Games zu nutzen, sondern hauptsächlich als Zweitrechner zum Surfen. Dennoch kam es in allen Ländern, in denen der Eee-PC angeboten wurde zu Lieferengpässen. Mehr als eine Firma hat Konkurrenzprodukte angekündigt, allen voran One mit dem A120.
Interessant ist in diesem Zusammenhang zudem gOS. gOS ist eine weitere Linux-Distribution. Sie wurde anfänglich für einen sogenannten Wal-Mart-PC, der bei besagter Handelskette für 199 Dollar verkauft wurde, präsentiert. Diese PCs – 10.000 sollen es gewesen sein – waren innerhalb von zwei Wochen ausverkauft, was gewiss nicht nur am Betriebssystem, sondern auch am Preis gelegen haben wird. Dennoch: gOS ist deshalb relevant, weil es ein explizit für das Web 2.0 konzipiertes Betriebssystem ist. Es hat in der Grundeinstellung in seinem Dock [also der Leiste mit den Programmen, wie man sie – unter anderem – vom Mac kennt] hauptsächlich Programme, die direkten Zugriff auf MySpace, News-Seiten und andere Webangebote bieten. Das Betriebssystem selber, also die Oberfläche ist darauf ausgerichtet, das Internet als sozialen Ort zu nutzen. Zumindest einen Anteil am rasanten Verkauf der Wal-Mart-Rechner wird gOS – welches auch problemlos auf anderen Rechnern genutzt werden kann – gehabt haben.

Trend zur Alltagstechnik
Der Trend ist wohl nachvollziehbar: einerseits billige Rechner, die über kurz oder lang bei allen Kindern im Grundschulalter landen werden. Dies, verbunden mit einem funktionierenden pädagogischen Konzept [3], wird sich auf die Nutzung von Informationstechnologien relevant auswirken. Kinder und Jugendliche werden Informationstechnologien tatsächlich als Teil ihres Alltags wahrnehmen. Gegen diesen Trend sind die Debattenbeiträge, welche in der März-Nummer der BuB stehen, weit überholt. Es geht nicht mehr um „Bildschirmmedien“ ja oder nein – es geht um eine Alltagstechnik.
Andererseits – und dies ist der andere Trend – Rechner, die als Internetstationen genutzt werden und gar nicht mehr unbedingt die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten anbieten, die aktuelle Rechner an sich alle haben. Diese Netbooks werden die Nutzung der Internets und einer Anzahl von Web 2.0-Diensten mit hoher Wahrscheinlichkeit noch alltäglicher machen, als sie jetzt schon sind. Und diese Rechner werden in der Jugend- und Alltagskultur ankommen, wie die verschiedenen Konsolen auch längst angekommen sind. Interessant wird in den nächsten Monaten sein, ob diese Netbooks hauptsächlich als Zweitrechner genutzt oder ob gerade ärmere Haushalte auf sie zugreifen werden. Wie gesagt sind sie von der Soft- und Hardware aufs Surfen ausgerichtet, aber Software lässt sich austauschen und Hardware lässt sich anders nutzen, als vorgesehen.[4]

[Außerdem, aber das ist eine andere Sache, scheinen diese Rechner dazu geführt haben, dass Linux in einer relevanten Anzahl von Haushalten als leistungsfähiges Konkurrenzprodukt zu Windows angekommen ist. Welchen Einfluss das auf Windows, den Softwaremarkt, die Open Source-Bewegung, das Verständnis von Rechnern durch die Nutzenden haben wird, bleibt abzuwarten. Eine These von Richard Stallman bei der Initiierung der Free Software Bewegung, aus der auch GNU/Linux hervorging, war immerhin, dass Freie Software zu einer größeren Freiheit der Nutzerinnen und Nutzern führen und die Entwicklung von Software demokratisieren würde. Eventuell entwickelt sich aber zusätzlich aktuell – nachdem seit Mitte der 1990er Jahren nach dem Quasi-Untergang von AmigaOS und DOS ein fast unbestrittenes Monopol von Windows als Betriebssystem auf privat genutzten Rechnern herrschte – eine neue Konkurrenzsituation bei Betriebssystemen. Neben Windows und Linux ist dabei vor allem an das Mac OS zu denken, welches durch den Erfolg von Apple verbreitet wurde. Daneben stehen allerdings noch eine Reihe alternativer Betriebssysteme – Solaris, OpenSolaris, FreeBSD, OpenBSD oder solche (noch) kleinen Projekte wie ReactOS oder AROS – zur Verfügung, die unter Umständen in Zukunft eine größere Rolle spielen könnten. Zumal heutige Rechner – solange sie gerade nicht die hier besprochenen Kleinstrechner mit geringem Speicher sind – problemlos zwei oder mehr Betriebssysteme aufnehmen können.]

Bibliotheken und Alltagskultur
Eventuell ist es übertrieben, aber mir scheint, dass es nicht mehr um Kompetenzen geht, die man erwerben kann oder auch nicht, sondern um die rasante Etablierung einer neuen Kulturtechnik, welche zur Teilhabe an den Diskursen und sozialen Sphären der Gesamtgesellschaft notwendig sein wird; so wie vor einigen Jahren das Fernsehschauen eine Kulturtechnik war [und in weiten Teilen der Gesellschaft noch weiterhin ist], ohne die man schnell außerhalb gesellschaftlich relevanter Diskussionen stehen konnte.
Doch selbst wenn diese Trends nicht gleich in der Etablierung einer Kulturtechnik kumulieren werden, so wird es doch in absehbarer Zeit mehr Kinder und Jugendliche geben, die Rechner nicht als Konkurrenzprodukt zu anderen Freizeitangeboten, sondern als alltäglicher Arbeitsmittel verstehen und nutzen werden.
Die Frage ist nun, welchen Einfluss das auf Öffentliche Bibliotheken haben wird. Kann man das ignorieren? Haben die Internet-Ecken, die nun in den meisten Bibliotheken existieren, in ihrer jetzigen Form überhaupt einen Sinn in einer Gesellschaft, in der der Zugriff auf das Netz Allgemeingut ist? [Nicht zu vergessen, dass Internet-Flatrates für Handys nur noch eine Frage der Zeit sind. Das diese kommen werden, wird nicht mehr zu verhindern sein, nicht zuletzt, da sie in Japan und Südkores seit Jahren gut funktionieren.] Was muss eine Bibliothekarin, ein Bibliothekar eigentlich können, um für Kinder und Jugendliche mit Erfahrungen mit diesen Rechnern, sinnvoll arbeiten zu können? Man darf nicht vergessen, dass zahlreiche Ansätze für bibliothekarische Veranstaltung ja gerade den Anspruch erheben, an der Realität und den realen Problemen von Kindern und Jugendlichen anzusetzen und diese über die Thematisierung ihrer Lebenswelt zu Lernprozessen zu ermutigen.
Es sind weit mehr Fragen möglich. Wichtig erscheint mir aber erstmal festzuhalten, dass in den letzten Monaten [nicht Jahren, sondern Monaten] relevante Trends im Bereich der Hard- und Softwareentwicklung festzustellen sind, die garantiert auf die Nutzung elektronischer Medien einen Einfluss haben werden. Und jede veränderte Mediennutzung wird über kurz oder lang einen Einfluss auf Bibliotheken haben. Deshalb sollte man die Frage, was da gerade passiert, auch jetzt stellen. Zwar wird es einen Weile dauern, bis diese Trends einen Einfluss auf Menschen haben, die nicht unbedingt immer an den neuesten Entwicklungen der technologischen Möglichkeiten interessiert sind [also den 98% der Gesellschaft, die keine Nerds sind], aber wenn man die Geschwindkeit betrachtet, mit denen sich in den letzten Jahren neuen Mediennutzungsformen verbreitet haben, wird dieser Weile relativ kurz sein. [5]

PS.: Passend zu diesen Überlegungen übrigens der aktuelle Call for Papers der libreas: „Popkultur: Bibliothek„.

[Nachtrag, 30.05: Die aktuelle Studie des Projektes Medienkonvergenz Monitoring der Universität Leipzig erschien gestern. Sie kommt zu dem Ergebniss, dass das Internet bei Jugendlichen zum Leitmedium geworden ist und alle anderen Medienformen (Buch, Radio, Fernsehen) in seiner Verbreitung überholt hat. Link: die aktuelle Studie und Seite des Projektes.]

[1] Von Linux existieren – dank der Open-Source-Prinzipien – zahlreiche unterschiedliche Distributionen, die alle ihre eigene Vorteile und Ziele haben. Das ist anders, als bei anderen Betriebssystemen. Für den Einsatz von Linux empfiehlt sich ein Blick auf die unterschiedlichen Distributionen und unter Umständen das „Antesten“ mit Live-CDs.
[2] Und dabei dank Gnome, KDE oder Sonderanfertigungen wie bei DeLi Linux auch graphische Oberflächen zur Verfügung stellt, welche den gleichen Komfort bieten, wie ihn Menschen von Windows oder Mac gewohnt sind – dass nur als Anmerkung für Menschen, die meinen, Linux müsste unbedingt per Tastatur-Befehlen gesteuert werden und sei nur für etwas für Nerds.
[3] Wir sind in Deutschland, dass wird also noch eine Zeit dauern.
[4] Was mich nämlich immer noch irritiert ist der Fakt, dass alle relevanten Studien zu dem Ergebnis kommen, dass Rechner heute in Deutschland in Haushalten mit Kinder oder Jugendlichen fast flächendeckend vorhanden sind. Angesichts des aktuellen Armutsberichts und der Zahlen des Familienministeriums über das Armutsrisiko von Kindern und Jugendlichen frage ich mich schon, von welchem Geld sich diese Haushalte welche Rechner leisten können. Ich meine das rein rechnerisch, selbstverständliche habe alle Menschen das Recht, die Medien zu besitzen, die sie besitzen wollen. Aber von monatlich 345 oder wenig mehr Euro pro Person wird man sich nicht alle zwei Jahre einen modernen Rechner leisten können. Wie alt sind dann also die Rechner, die in sozial schwachen Familien stehen? Was können sie überhaupt? Bringen sie der Jugendlichen etwas oder sind diese trotz Rechner von aktuellen Nutzungsformen der Kommunikationstechnologien ausgeschlossen? Entsteht nach dem Digital Divide eine neue Ungerechtskeitsperspektive, das „Nicht mitmachen können im Mitmach-Web“? Und sind dann solche Netbooks für 300 Euro ein möglicher Ausweg?
[5] Erinnert sich noch wer an die Zeiten, wo Menschen mit Handys als Juppies beschimpft wurden? Das ist keine zehn Jahre her. Erinnert sich noch wer an die Zeit vor dem ipod? Der ist 2001 überhaupt in erst in den Markt eingeführt worden und heute – neben anderen MP3-Playern – ein unumstrittener Teil der Alltagskultur. Und die Mac Books, welche zumindest in der Berliner Innenstadt und den Berliner Unibibliotheken allgegenwärtig sind, wurden erst 2006 vorgestellt.

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