Vorschlag für Standards für Schulbibliotheken in Rheinland-Pfalz

In Rheinland-Pfalz erscheint eher unregelmäßig, aber doch kontinuierlich die Zeitschrift LIES (Lesen Informieren Erleben in der Schulbibliothek). Für Deutschland sie damit aktuell die einzige Zeitschrift, die sich – neben dem Schwerpunkt in der kjl+m – direkt an Schulbibliotheken richtet.
In den 2007 erschienen Nummern 16 und 17 formuliert die Kommission Zentrale Schulbibliotheken Vorschläge für Standards von Schulbibliotheken. Der letzte Vorschlag solcher Standards wurde von der gleichen Kommission in den früheren 1990er publiziert. Mit Bezug auf die seitdem eingetretenen Veränderungen in der pädagogischen Praxis, den seitdem aufgetretenen neuen Anforderungen an Schulen und der Durchsetzung moderner Kommunikationstechnologien ist deshalb eine Neufassung fraglos notwendig geworden.
Dennoch haben auch die neu vorgeschlagenen Standards ihre Tücken.
Das Problem aller dieser Standards bleibt, dass nicht transparent wird, wie sie gebildet wurden, ob es überhaupt Debatten darum gab oder wie sich die einzelnen Schulbibliotheken mit ihren Erfahrungen in diese Debatten einbringen.(1) Speziell sind die in der LIES 16 und 17 vorgelegten Standards hauptsächlich auf Gymnasialbibliotheken zugeschnitten, auch wenn insbesondere in der LIES 16 von der gesamten Sekundarstufe 16 ausgegangen wird. Letztlich zielen die Standards auf Lernaktivitäten ab, die so vor allem an Hochschulen benötigt werden. Schülerinnen und Schüler der anderen Schultypen benötigen die formulierten „Kompetenzbereiche“ nur bis zum Schulabschluss, also spätestens der 10. Klasse, mit der auch die vorgelegten Standards enden.(2) Wobei in den Gymnasien in Rheinland-Pfalz überall Bibliotheken existieren. In den anderen Schultypen eher nicht.

Überblickt man die Standards, stellen sich einige weitere Fragen.
– Wie kommt die Kommission bei der Bestandsgröße auf die anzustrebende Anzahl von 10-15 Medieneinheiten pro Schülerin/Schüler [LIES 17, S.6]? Diese Zahl hat in Deutschland schon eine gewisse Tradition, beispielsweise nannte das Deutsche Bibliotheksinstitut dieselben Zahlen. Internationaler existieren aber auch gänzlich andere Vorstellungen. Es bleibt vollkommen offen, ob sie aus bibliothekarischen oder pädagogischen Erkenntnissen heraus gebildet wurde, ob sie auf Schätzungen beruht, die dem Gefühl nach hoch genug sind, um bibliothekarisch arbeiten zu können, aber doch so niedrig, dass sie politisch durchzusetzen wären oder ob sie einfach nur aus älteren Texten übernommen wurden, bei denen sich aber die gleich Frage stellt.
– Warum wird bei der EDV-Ausstattung der Schulen explizit ein Betriebssystem vorgegeben und dann noch nicht einmal die aktuellste Fassung, sondern Windows 2000/Windows XP? [LIES 17, S.11] Was hat die Kommission gegen Linux, gegen MacOS oder – wenn den schon Windows Vista? Sicher, Rheinland-Pfalz stellt zumindest den Ganztagschulen Bibliotheca 2000 zur Verfügung, gleichzeitig nutzen die meisten Öffentlichen Bibliotheken in diesem Bundesland offenbar dieses Programm. Aber warum – wenn man schon den genauen Bestandsaufbau, die Erwerbung und vieles andere relativ offen lässt und sich in den Standards mit einführenden Darstellungen begnügt – muss man Schulbibliotheken hierauf festlegen? Haben sich nicht beispielsweise mit Koha und Evergreen in den letzten Jahren Bibliothekssysteme entwickelt, die als Open Source Programme, an denen tatsächlich jeweils mehrere dutzend größere Bibliotheken und Bibliothekssysteme partizipieren, die bekannten Vorzügen dieser Form von Software – Aktualität, Partizipationsmöglichkeiten, Unterstützung durch andere Nutzerinnen und Nutzer – bieten?
Fast historisch, wenn man einmal in ältere bibliothekarische Grundsatzpapiere wie die Bibliothekspläne ’73 und ’93, schaut, ist die Forderung, dass mindestens eine Diplom-Bibliothkearin/einen Diplom-Bibliothekar eine Bibliothek mit 10.000 und mehr Medien zu leiten hätte.[LIES 17, S.15] Im Gegensatz zu älteren Vorstellungen, wird diese Haltung im Konzept der rheinland-pfälzischen Kommission immerhin mit einer Aufzählung der Tätigkeitsbereiche begründet, aber Fakt ist doch, dass schon immer andere Modelle existierten, die man zumindest wahrnehmen müsste, wenn man schon behaupten muss, dass die Leitung einer Schulbibliothek eine 3-jährige bibliothekarische Ausbildung voraussetzt aber offenbar keine pädagogische.

Es fällt auf, dass auch in diesem Vorschlag der Standards die aktuellen und massiven Entwicklungen im pädagogischen und verwaltungstechnischen Bereich in Schulen nicht reflektiert werden. Vielmehr finden sich, vor allem in LIES 16, weiter die bekannten Vorschläge für die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern, wie projektorientierte Arbeit und Leseförderung, auch wenn die Terminologie sich teilweise gewandelt hat. Doch beispielsweise die forcierte Profilentwicklung von Schulen, die bildungspolitische Orientierung auf Kompetenzen und Anwendungswissen, das verstärkte Aufbrechen des 45-minütigen und altersbezogen organisierten Unterrichts in flexiblere Lernphasen und Versuchen, Klassen- und Altersstufen zusammenzufassen, finden sich in den Standards nicht reflektiert. Schon oft wurde die Situation in Texten zu Schulbibliotheken so dargestellt, als gäbe es binär organisiert den eher langweiligen Frontalunterricht auf der einen Seite und die offene und lernortorientierte Schulbibliothek. Auch den vorgeschlagenen Standards in LIES 16 und 17 scheint diese Vorstellung in groben Zügen zugrunde gelegen zu haben. Dieses Bild wird zunehmend falsch, wenn es jemals richtig war. Eine Schulbibliothek ist immer Teil einer sich wandelnden Schule, welche wiederum mit unterschiedlichen Angeboten auf die Anforderungen der Gesellschaft, der Schülerinnen und Schüler und der direkter Träger zu reagieren versucht. Eine Schulbibliothek ist dabei immer Teil eines Netzwerkes von schulischen Angeboten, welche zusammen die Struktur der jeweiligen schulischen Arbeit darstellen. Dies wird in diesen Standards überhaupt nicht thematisiert. Stattdessen wird die Schulbibliothek z.B. als „zentraler Informations-, Arbeits- und Kommunikationsort“ [LIES 17, S.3] bestimmt und aus dieser Bestimmung Forderungen an die Ausstattung, Lage und Nutzung abgeleitet.

Bei allen positiven Ansätzen, die sich von Standards für Schulbibliotheken versprochen werden, krankt auch dieser Vorschlag an alten Problemen. Die Erstellung der Standards ist nicht transparent, die Reflexion der Realität in den Schulen scheint teilweise ausgeblendet geworden zu sein. Nicht zuletzt scheint wieder einmal die Frage nicht wirklich gestellt worden zu sein, wieso die früheren Standards so gut wie nicht funktioniert haben.

LIES 16 / Standards für das Lernen in der Schulbibliothek
LIES 17 / Standards für die Ausstattung der Schulbibliothek

(1) Die Kommission Zentrale Schulbibliothek zumindest setzt sich, wie in der LIES 16 [Umschlagseite A3, im PDF die gezählte Seite S.3] dargestellt, aus Vertreterinnen und Vertreter einiger Gymnasialbibliotheken und des Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz zusammen.

(2) Einzuwenden wäre, dass die Konzepte, welche unter dem Label „Lebenslanges Lernen“ propagiert werden, davon ausgehen, dass Lern- und Medienkompetenzen in der Schule vermittelt werden sollen. Zumindest Selbstlernkompetenzen (was immer man genau unter diesen versteht), werden in den Standards allerdings nicht thematisiert.

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