Archive | Januar 2008

Bologna-Prozess und Hochschulbibliothek

Inhaltlich behandelt André Schüller-Zwierlein in seinem Beitrag in der Nov./Dez. BuB vom letzten Jahr [Schüller-Zwierlein, André / Senden auf allen Kanälen : Wie sich die Bibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität zur Teaching Library entwickelt. – In: BuB 59 (2007) 11-12. S.788-793] eigentlich die Angebote der Bibliothek der Ludwig Maximilians Universität in München zur Informationskompetenz, die dafür notwendigen innerbibliothekarischen Veränderungen und die Interessen der Studierenden.
Eher nebenher macht er allerdings einige Anmerkungen zu den Auswirkungen des aktuellen Umbaus der Hochschulen auf die Bibliotheken haben, die bislang offenbar wenig Beachtung gefunden haben. Die generelle Verschulung und Beschleunigung des Studiums hätte folgende Auswirkungen:

  • Eine generelle Nachfrage von gleichen Medien zur gleichen Zeit, was letztlich eine Staffelung der Bestände zur Folge haben müsste.
  • Gerade Präsenzbibliotheken würden immer mehr zum konkreten Lernort, was sich unter anderem in mehr verstellten oder gestohlenen Medien niederschlagen würde.
  • Die Studierenden, welche selber zu einem schnellerem Vollzeitstudium angehalten würden und deshalb auch weniger Zeit hätten, würden von der Bibliothek und deren Angeboten eine schnellere Arbeitsweise verlangen. Dies müsste sich auf Seiten der Bibliothek auch im Einsatz von mehr Hilfskräften niederschlagen.

Unterstützung von Alphabetisierung

Das Werk The Library als Literacy Classroom [Weibel, Marguerite Crowley / The Library as Literacy Classroom : A Program for Teaching. – Chicago ; London : American Library Association, 1992], in dem es um die Frage geht, wie Erwachsene durch beim Lesenlernen unterstützt werden können, ist zwar schon etwas älter. Allerdings wird dies in Deutschland auch selten thematisiert. Das letzte Kapitel bietet eine Zusammenfassung für Bibliothekarinnen und Bibliothekare.

What library staff can do

  • Explain the nee readers collection [to the adult new raders]
  • Identify material from the general collection that are approbiate for literacy students
  • Read stories/poems, talk to students about specific books
  • Poll students interests
  • Invite students to read and review
  • Distribute library-card applications
  • Place rotating deposit collections
  • Collection of resource materials for tutors
  • Participate in tutor training sessions by preparing information packets, giving library tours, and discussing the various library resources
  • Conduct short, welcoming library orientation
  • Maintain an accessible file of reviews of books for new readers
  • Periodic bibliographies to the new readers‘ collection
  • Label books
  • Display easy-to-read pamphlets
  • Develop a picture ffile for literacy teachers
  • Refer potential students to the literacy program
  • Make space available for classes
  • Invite authors of books popular to new readers
  • Serve as a clearing house for literacy information

Lernbarriere als logische Reaktion

„Die Motivation zu lernen ist eng mit dem Interesse an der Welt verbunden. Lernmotivationen lassen sich als biografisch verwurzelte und in soziale Kontexte eingebundene Handlungsdispositionen definieren. Dies trifft ebenfalls für Lernwiderstände und -barrieren zu. Weiterbildungsabstinenz ist demnach nicht bloß Folge mangelnder Motivation, sondern kann vielmehr als subjektiv logische Reaktion auf Überforderung gesehen werden. Besonders problematisch erscheint die Tatsache, dass das Weiterbildungssystem selber dazu beiträgt, vor allem bildungsbenachteiligte Zielgruppen systematisch auszuschließen, statt sie zu integrieren.“
[Fuchs-Brüninghoff, Elisabeth / Vorbemerkungen. – In: Siebert, Horst ; Jäger, Christiane (Mitarb.) / Lernmotivation und Bildungsbeteiligung. – Bielefeld : W. Bertelsmann, 2006. – (Studientexte für Erwachsenenbildung), S. 7]

Der von Elisabeth Fuchs-Brüninghoff in diesem Zitat für die Erwachsenenbildung angesprochene Zusammenhang, ist auch für die Bibliotheken, welche sich als pro-aktive Bildungseinrichtungen verstehen wollen, wichtig. Die Motivation für eigenständige Lernprozesse muss von den Individuen aufgebracht werden. Das wird sie vor allem dann, wenn sie als subjekt sinnvoll angesehen wird. Und diese subjektive Sinnhaftigkeit ist – insbesondere wenn keine weitere größere Motivation, wie beispielsweise der praktische Zwang zur Weiterbildung zum Erreichen von Karrierezielen – vorrangig geprägt von den bisherigen subjektiven Lernerfahrungen. Gleichzeitig prägen diese Lernerfahrungen die Wahrnehmung von tatsächlichen und imaginierten Barrieren. So kann es für Individuen sehr sinnhaft sein, nicht zu lernen. Jedwede Bildungseinrichtung, die mehr anbieten will, als einfach nur Lernmedien bereitzustellen, muss sich dieser subjektiven Ebene bei den Individuen, die sie ansprechen will, bewusst sein. Lernmotivation ist nicht per se vorhanden, schon gar nicht in einer Einrichtung, die man freiwillig aufsuchen oder nicht aufsuchen kann.
Gleichzeitig weißt Horst Siebert in dem Buch, aus dem das Zitat stammt, sehr richtig darauf hin, dass Lernmotivation alleine noch keine Lernaktivität hervorbringt. Die Frage nach der Beteiligung und Nicht-Beteiligung an Bildung wird von ihm weit komplexer erläutert.