Das Unbehagen mit der Statistik

Mehr noch als in Deutschland, sind Öffentliche Bibliotheken in Großbritannien dazu gedrängt, sich in ihrer Existenz zu rechtfertigen. Das ist trotz aller positiven Bezugnahmen der Politik so. Hauptsächlich versuchen Bibliotheken sich mit statistischen Daten im öffentlichen Diskurs zu positionieren. Dies wird durch die Verwaltung in Großbritannien, welche in den letzten Jahren beständig neue Berichte zur Effektivität von Kommunen, öffentlichen Einrichtungen und Projekten angefordert hat, noch verstärkt. Im gleichen Maße steigt aber auch das Unwohlsein mit dieser Entwicklung. Vor allem die Tendenz, dass einfach Messbare als aussagekräftigen Wert zu verstehen (‚Measuring the Measurable‘ – also Anzahl der Nutzerinnen und Nutzer, vorhandene und verborgte Medieneinheiten, Öffnungszeiten etc.), wird kritisiert.
David McMenemy, Lehrkraft an der University of Strathclyde und Editor der Library Review, äußert in einem Editorial [McMenemy, David (2007) / What is the true value of a public library?. – In: Library Review 56 (2007) Nr. 4, S. 273-277] seine akutes Unbehagen.

As one of the key performance indicators used to measure how well a library authority is doing, issue statistics offer the model of a league table of public libraries, with service competung to be in the top ten. Yet what exactly does this chart mean? How cann book issues in an inner city community tells us anything of what those books are beinig used for when borrowed? Certainly an element of popularity of the service can be gleaned from statistics that show number of registered library users in a community and from this statistic the number of activ eunsers. However these cold, hard facts tell us nothing of what the library is achieving for these people. [p. 274]

Im gleichen Editorial geht er auch auf die mehr und mehr populär werden Studien ein, welche den Wert von Bibliotheken nachweisen sollen. Auch in Deutschland liegt von Sandra Blanck schon eine solche Arbeit vor [Blanck, Sandra (2006) / Wert- und Wirkungsmessung in Bibliotheken. – In: Fuhlrott, Rolf ; Krauß-Reichert, Ute ; Schütte, Christoph-Hubert (Hrsg.): Neues für Bibliotheken, Neues in Bibliotheken. Wiesbanden : Verlag Dinges & Frick, 2006, S.9-105. – (B.I.T.online-Innovativ ; 12)] [1]. Diese Studien funktionieren so, dass ein Markt simuliert und auf diesem simulierten Markt der Wert von Bibliotheksservices bestimmt wird. Dazu wird zumeist auf willingness-to-pay-Umfragen zurückgegriffen. Man fragt tatsächlich, was jemand bereit wäre, für einen Service zu zahlen.[2] Trotzdem in allen diesen Studien darauf verwiesen wird, dass sie immer nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Wirkungen von Bibliotheken abbilden und beispielsweise über die soziale Funktion von Bibliotheken nichts aussagen können und obwohl sie immer wieder zu beeindruckenden Ergebnissen kommen [3], äußert McMenemy auch über diese sein Unbehagen, mit dem er gewiss nicht alleine steht:

I for one am sad to see this methodology growing in popularity, as it seems to go against everything that libraries seem to exist to do, and reduce a service that aims to provide a social and educational benefit into pounds, shillings and pence. For me it changes the discourse of why we should fund public libraries from one of societal benefit, to one of economic benefit. While both can and do go hand in hand in many cases, it cheapens the concept by emphasising economic value over the many others public libraries have.
[…]
Public libraries are not bookshops, focussed on filling the shelves and seeing them emptied by eager readers. Our concern should not only be that readers borrow the books, but that their experience of borrowing the book has a positive influence on them and society. [p. 275]

Der Wert von Bibliotheken, so kann man die Aussagen von McMenemy auch verstehen, ist nicht allein in statistischen Daten darzustellen, sondern Ergebnis gesellschaftspolitischer Vorstellungen.

Fußnoten:
[1] Als Vorbild dient meist die Arbeit Svanhild Aabø: Aabø, Svanhild (2005) / The Value of Public Libraries : A methodological discussion and empirical study applying the contingent valuation method. Oslo : Department of Media and Coummunication, University of Oslo, 2005 – [Series of dissertations submitted to the faculty of Arts, University of Oslo ; 222]
[2] Das ist eine etwas einfache Darstellung. Bei Aabø werden die unterschiedlichen Formen dieser Studien näher besprochen.
[3] Sandra Blanck kommt für das Bibliothekssytem in Berlin-Mitte (im Jahr 2004, also vor der aktuell geplanten und umkämpften Schließung der Jerusalem-Bibliothek) zu dem Ergebnis, dass jeder investierte Euro mindestens einen Marktwert von 3,2 Euro hervorbringt.

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