Archive | Dezember 2007

(Tagebuchfunktion X): Jahresendlektüre

Zur intellektuellen Wissensproduktion:

„Zu den verhängnisvollen Übertragungen aus dem Bereich wirtschaftlicher Planung in das der Theorie, die eigentlich gar nicht mehr vom Grundriß des Ganzen unterscheiden wird, zählt der Glaube an die Verwaltbarkeit geistiger Arbeit, nach den Maßstäben dessen, womit sich zu beschäftigen notwendig und vernünftig sei. […] Wie in der Kriegswirtschaft über Prioritäten in der Zuteilung von Rohmaterial, in der Herstellung dieses oder jenes Waffentypus entschieden wird, so schleicht sich in die Theoriebildung eine Hierarchie der Wichtigkeiten ein, mit Bevorzugung der sei’s besonders aktuellen, sei’s besonders relevanten Themen, und Hintanstellung oder nachsichtiger Duldung des nicht Hauptsächlichen, das bloß als Verzierung der Grundtatsachen, als Finesse passieren darf. Die Vorstellung vom Relevanten ist nach organisatorischen Gesichtspunkten geschaffen, die des Aktuellen mißt sich an der jeweils objektiv mächtigsten Tendenz. Die Schematisierung nach wichtig und nebensächlich unterschreibt der Form nach die Wertordnung der herrschenden Praxis, selbst wenn sie ihr inhaltlich widerspricht. In den Ursprüngen der progressiven Philosophie, bei Bacon und Descartes ist der Kultus des Wichtigen schon mitgesetzt. Am Ende aber offenbart er ein Unfreies, Regressives. […]
Das bedeutet nicht, daß die Hierarchie der Wichtigkeiten zu ignorieren sei. Wie ihre Banausie die des Systems widerspiegelt, so ist sie gesättigt mit all seiner Gewalt und Stringenz. Jedoch der Gedanke sollte sie nicht repetieren, sondern im Nachvollzug auflösen. Die Aufteilung der Welt in Haupt- und Nebentatsachen, die schon immer dazu gedient hat, die Schlüsselphänomene der äußersten zu neutralisieren, ist soweit zu befolgen, daß sie ihrer eigenen Unwahrheiten überführt wird. Sie, die alles zu Objekten macht, muß selber zum Objekt des Gedankens werden, anstatt ihn zu steuern. […]
Der Gestus der theoretischen Arbeit, der über die Themen nach ihrer Wichtigkeit disponiert, sieht ab von dem Arbeitenden. Die Entwicklung einer immer geringeren Anzahl technischer Fähigkeiten soll dazu genügen, ihn für die Behandlung jeder bezeichneten Aufgabe hinlänglich zu equipieren. Denkende Subjektivität ist aber grade, was nicht in den von oben her heteronom gestellten Aufgabenkreis sich einordnen läßt: selbst diesem ist sie nur soweit gewachsen, wie sie selber ihm nicht angehört, und damit ist ihre Existenz die Voraussetzung einer jeglichen objektiv verbindlichen Wahrheit. Die souveräne Sachlichkeit, die das Subjekt der Ermittlung der Wahrheit opfert, verwirft zugleich Wahrheit und Objektivität selber.“

[Adorno, Theodor W. / Minima Moralia : Reflexionen aus dem beschädigten Leben. – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2001 <1951>, S.230-233]

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Das Unbehagen mit der Statistik

Mehr noch als in Deutschland, sind Öffentliche Bibliotheken in Großbritannien dazu gedrängt, sich in ihrer Existenz zu rechtfertigen. Das ist trotz aller positiven Bezugnahmen der Politik so. Hauptsächlich versuchen Bibliotheken sich mit statistischen Daten im öffentlichen Diskurs zu positionieren. Dies wird durch die Verwaltung in Großbritannien, welche in den letzten Jahren beständig neue Berichte zur Effektivität von Kommunen, öffentlichen Einrichtungen und Projekten angefordert hat, noch verstärkt. Im gleichen Maße steigt aber auch das Unwohlsein mit dieser Entwicklung. Vor allem die Tendenz, dass einfach Messbare als aussagekräftigen Wert zu verstehen (‚Measuring the Measurable‘ – also Anzahl der Nutzerinnen und Nutzer, vorhandene und verborgte Medieneinheiten, Öffnungszeiten etc.), wird kritisiert.
David McMenemy, Lehrkraft an der University of Strathclyde und Editor der Library Review, äußert in einem Editorial [McMenemy, David (2007) / What is the true value of a public library?. – In: Library Review 56 (2007) Nr. 4, S. 273-277] seine akutes Unbehagen.

As one of the key performance indicators used to measure how well a library authority is doing, issue statistics offer the model of a league table of public libraries, with service competung to be in the top ten. Yet what exactly does this chart mean? How cann book issues in an inner city community tells us anything of what those books are beinig used for when borrowed? Certainly an element of popularity of the service can be gleaned from statistics that show number of registered library users in a community and from this statistic the number of activ eunsers. However these cold, hard facts tell us nothing of what the library is achieving for these people. [p. 274]

Im gleichen Editorial geht er auch auf die mehr und mehr populär werden Studien ein, welche den Wert von Bibliotheken nachweisen sollen. Auch in Deutschland liegt von Sandra Blanck schon eine solche Arbeit vor [Blanck, Sandra (2006) / Wert- und Wirkungsmessung in Bibliotheken. – In: Fuhlrott, Rolf ; Krauß-Reichert, Ute ; Schütte, Christoph-Hubert (Hrsg.): Neues für Bibliotheken, Neues in Bibliotheken. Wiesbanden : Verlag Dinges & Frick, 2006, S.9-105. – (B.I.T.online-Innovativ ; 12)] [1]. Diese Studien funktionieren so, dass ein Markt simuliert und auf diesem simulierten Markt der Wert von Bibliotheksservices bestimmt wird. Dazu wird zumeist auf willingness-to-pay-Umfragen zurückgegriffen. Man fragt tatsächlich, was jemand bereit wäre, für einen Service zu zahlen.[2] Trotzdem in allen diesen Studien darauf verwiesen wird, dass sie immer nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Wirkungen von Bibliotheken abbilden und beispielsweise über die soziale Funktion von Bibliotheken nichts aussagen können und obwohl sie immer wieder zu beeindruckenden Ergebnissen kommen [3], äußert McMenemy auch über diese sein Unbehagen, mit dem er gewiss nicht alleine steht:

I for one am sad to see this methodology growing in popularity, as it seems to go against everything that libraries seem to exist to do, and reduce a service that aims to provide a social and educational benefit into pounds, shillings and pence. For me it changes the discourse of why we should fund public libraries from one of societal benefit, to one of economic benefit. While both can and do go hand in hand in many cases, it cheapens the concept by emphasising economic value over the many others public libraries have.
[…]
Public libraries are not bookshops, focussed on filling the shelves and seeing them emptied by eager readers. Our concern should not only be that readers borrow the books, but that their experience of borrowing the book has a positive influence on them and society. [p. 275]

Der Wert von Bibliotheken, so kann man die Aussagen von McMenemy auch verstehen, ist nicht allein in statistischen Daten darzustellen, sondern Ergebnis gesellschaftspolitischer Vorstellungen.

Fußnoten:
[1] Als Vorbild dient meist die Arbeit Svanhild Aabø: Aabø, Svanhild (2005) / The Value of Public Libraries : A methodological discussion and empirical study applying the contingent valuation method. Oslo : Department of Media and Coummunication, University of Oslo, 2005 – [Series of dissertations submitted to the faculty of Arts, University of Oslo ; 222]
[2] Das ist eine etwas einfache Darstellung. Bei Aabø werden die unterschiedlichen Formen dieser Studien näher besprochen.
[3] Sandra Blanck kommt für das Bibliothekssytem in Berlin-Mitte (im Jahr 2004, also vor der aktuell geplanten und umkämpften Schließung der Jerusalem-Bibliothek) zu dem Ergebnis, dass jeder investierte Euro mindestens einen Marktwert von 3,2 Euro hervorbringt.

Der gap zwischen Evaluation und Nutzung

Margit Stamm bearbeitete in ihrer Promotion das Themenfeld Bildungsevalution. (Stamm, Margit (2003) / Evaluation und ihre Folgen für die Bildung : Eine unterschätzte pädagogische Herausforderung. – Münster ; New York ; München ; Berlin : Waxmann, 2003 – [Internationale Hochschulschriften ; 419]) Im empirischen Teil untersuchte sie dazu anhand von insgesamt 18 in der Deutschschweiz in den 1990er Jahren erstellten Evaluationen im Bildungsbereich, wie deren Ergebnisse überhaupt genutzt wurden. Bzw. wie Evaluationen aufgebaut und vermittelt werden müssen, damit sie überhaupt als Entscheidungshilfe genutzt werden (können). Eines stellt sie dabei zu Beginn klar: die Idee, dass Evaluationen und deren Ergebnisse direkt zu Änderungen von – in diesem Fall – Bildungspolitik führen würden, ist falsch.
Die Evaluationsnutzungsforschung, welche sich hauptsächlich in den USA als Teil der Wirkungsforschung etabliert hat, und deren Ergebnisse die Grundlage des theoretischen Teils der Arbeit von Stamm bilden, hat demgegenüber festgestellt, dass die Nutzung von Evaluationen immer Teil einer spezifischen Evaluationskultur ist. Diese Evaluationskultur beinhaltet neben der eigentlichen Evaluation immer auch die Nutzung und Rezeption der Evaluationen.

Bewusster Umgang mit der politischen Dimension [von Evaluation] akzeptiert, dass Evaluation gemäss Definition Probleme nicht lösen, sondern lediglich rationale Entscheidungsgrundlagen auf der Basis wissenschaftlich begründeten Handelns liefern und emotional oder ideologisch geführte Debatten ausgleichen kann. Auf weitere Rezeptions- und Verwertungshandlungen übt sie jedoch kaum grossen Einfluss aus. Um die Verträglichkeit mit rationalen Entscheidungsgrundlagen zu sichern, ist allerdings der Einbezug des Entstehungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhangs von grosser Bedeutung.“ [51]

Auch wenn sie nicht die Wirkungen der PISA-Studien untersucht, auf deren – nun ja – unterschiedlichen und teilweise schwer nachzuvollziehenden Interpretationen und Verwendungen sie hinweist, zeigt sie doch auf, dass mit dem sich etablierenden Paradigma von der Notwendigkeit und grundsätzlich positiven Wirkung von Evaluationen, auf die Bildungsinstitutionen und ähnliche Einrichtungen neue Probleme und Möglichkeiten zukommen. Zudem macht sie zu Recht darauf aufmerksam, dass die Qualität dieses Paradigmenwechsels bislang nicht thematisiert und wahrgenommen wird.

Die Spiralcurricula Bibliothek/Schule: vor allem uneinheitlich

Neben den Kooperationsverträgen zwischen Bibliotheken und Schulen, sind es aktuell die sogenannten Spiralcurricula, welche als Mittel zur Gestaltung der Zusammenarbeit von Bibliotheken und Schulen propagiert werden. Ein Spiralcurriculum [1] soll aus aufeinander aufbauenden Modulen bestehen, die für Schülerinnen und Schüler in der Bibliothek angeboten werden. Diese Module ergänzen sich und sollen über die Schulzeit verteilt werden können, beispielsweise ein Modul pro Schuljahr. Die Schulen sollen dann mit ihren Klassen zu einem selbst gewählten Zeitpunkt die Bibliothek besuchen können. Ziel dieser Zusammenarbeit sei einerseits, den Schülerinnen und Schülern die Nutzung einer Bibliothek beizubringen und sie gleichzeitig bei der Entwicklung von Lese-, Medien- und Recherchekompetenzen zu unterstützen. Die Organisationsform als Curriculum soll dabei helfen, die Zusammenarbeit von Bibliotheken und Schulen kontinuierlicher gestalten und beiden Seiten eine größere Planungssicherheit zu geben. Zudem – auch wenn das nicht unbedingt ausgesprochen wird – scheint eine solche Zusammenarbeit die Bibliotheken etwas von dem faktischen Druck befreien zu können, jede Bibliotheksführung auch als direkte Werbung von neuen Nutzerinnen und Nutzern verstehen zu müssen.
Insbesondere auf dem Portal schulmediothek.de (das eigentlich als Portal für Schulbibliotheken gedacht ist) wird mit dem Text Wenn Bibliothek Bildungspartner wird : Leseförderung mit dem Spiralcurriculum in Schule und Vorschule und der Broschüre Wenn Bibliothek Bildungspartner wird … : Leseförderung mit dem Spiralcurriculum in Schule und Vorschule von Ute Hachmann und Helga Hofmann für dieses Konzept geworben. [Aber auch hier, hier, hier, hier oder hier]
Auf schulmediothek.de werden auch die in der Broschüre angeführten Beispiele von Spiralcurricula aufgelistet. In einer Tabelle habe ich versucht, diese Beispiele systematischer zu erfassen.




Tabelle als PDF hier

Das Ergebnis dieser Systematisierung ist einigermaßen verwirrend. Jedes Konzept eines Spiralcurriculum scheint für sich alleine zu stehen. Die angesprochenen Alterstufen erstrecken sich von Kindergartenkinder bis zu Schülerinnen und Schüler der 12. und 13.Klasse. Dies aber nicht einheitlich. Die Lernziele sind vollkommen unterschiedlich. Mal wird der Hauptschwerrpunkt auf die Bibliotheksnutzung gelegt – dann erscheinen die Curricula als längerfristig geplante Bibliothekseinführungen – mal liegt der Schwerpunkt auf der Lesekompetenz, mal auf dem Recherchetraining. Ebenso ist die Periodisierung der einzelnen Module uneinheitlich. Mal gelten sie jeweils für ein Schuljahr, mal für die gesamte Grundstufe, die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II. Ebenso ist die Ausformulierung der Konzepte nicht gleich. Einmal sind es genaue Beschreibungen der Angebote an Schulen, ein anderes Mal werden eher umfassende Termini benutzt. Sogar die Namen der einzelnen Konzepte sind relativ unterschiedlich. So werden noch nicht einmal alle Spiralcurriculum genannt, obwohl sie sich auf diese Konzept beziehen sollen.
Das Spiralcurriculum ist ein relativ neues Konzept und zumindest zur Zeit scheint es oft als Fortführung schon längerer betriebener Bibliotheksangebote verstanden zu werden. Von einer Orientierung an den Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler, welche einst in dem Projekt „Öffentliche Bibliothek und Schule – neue Formen der Partnerschaft“ der Bertelsmann-Stiftung, in deren Rahmen Spiralcurricula für Bibliotheken erstmals als Konzept mit diesem Namen vorgeschlagen wurden, ist bislang wenig zu sehen. Eventuell wird sich dies mit der Zeit entwickeln, wie auch die Curricula sich vereinheitlichen könnten.

Fußnote:
[1] Auch wenn es in den Dokumenten zu den bibliothekarischen Spiralcurricula nicht erwähnt wird, hat auch diese Vorstellung einen längere Geschichte. Vgl. beispielsweise den Beitrag auf www.learn-line.nrw.de