Zielbestimmungen von Bildung (Delors-Report)

Lesen Sie immer, wenn irgend möglich, das Original.“ Als ich noch im Zweitfach Gender Studies studierte, vermittelte uns eine Dozentin der Germanistik diese Grundlage der Literaturwissenschaft. Auf den ersten Blick eine unnötige Aussage, aber lange nicht so unsinnig, wie sie vielleicht erscheint. Die Tendenz, sich auf Texte zu berufen, die man gar nicht wirklich in der Hand hatte, sondern nur mal so zusammengefasst anderswo mitkriegte, nur ein bisschen überflogen oder halt irgendwann einmal vor Jahren gelesen hat, ist in der Wissenschaft und Politik ja tatsächlich vorhanden. In der Literaturwissenschaft hat das Beharren auf der Originalquelle ein noch weitergehende Bedeutung, sind doch schon ganze Sinnzusammenhänge erst durch einen Druckfehler entstanden. Aber auch anderswo ist der Bezug auf den tatsächlichen Text – gerade im Zusammenhang mit Vorstellungen oder Entscheidungen, die mit diesen Texten begründet werden – oft mindestens interessant. Manchmal auch schockierend. Über die Verwendung der PISA-Studien, auch gegen deren Ergebnisse, die auf dieser irgendwie-so-ähnlich-steht-es-da-oder-sollte-es-zumindest-Zitat-Technik beruhen, lassen sich ja bekanntlich Bücher schreiben.
Ein anderes Werk, auf das sich in Bezug auf Bildung oft berufen wird, ist der sogenannte Delors-Report. [In Deutsch erschienen als: Deutsche UNESCO-Kommission [Hrsg.] / Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum : UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert. – Neuwied ; Kriftel ; Berlin : Luchterhand, 1997] Dieser Bericht, 1996 von einer Arbeitsgruppe unter Jacques Delors an die UNESCO übermittelt und in deren Auftrag erstellt, beschäftigte sich mit der zu erwartenden und zu erhoffenden globalen Bildungspolitik.[1] Er war eine der Initialzündung für die [nach den 1970ern erneute] Debatte um Lebenslanges Lernen und stellt – folgt man den Verweisen und Zitaten – eine der Grundlagen der europäischen und deutschen Bildungspolitik verschiedenster Gruppen, Initiativen und Parteien dar. Es lohnt sich, in zu lesen und ihn mit den aktuellen Vorstellungen und der realen Bildungspolitik zu vergleichen.

Auffällig ist der in der heutigen Bildungspolitik vollkommen ungewöhnliche Pathos, welcher den gesamten Bericht durchzieht und mit dem Bildung zu einer nicht hauptsächlich wirtschaftlich bestimmten, sondern grundsätzlich humanistischen Frage erklärt wird, an der sich das Schicksal der Welt entscheiden würde. Der Menschheit inhärent sei ein Streben „nach den Idealen Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“ [S.11] und Bildung sei „eines der wichtigsten Mittel, um die Entwicklung der Menschheit besser und in größerem Einklang zu fördern“ [S.11].

„Jeder Mensch soll befähigt werden, all seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Das hat uns [die Arbeitsgruppe] – im Rahmen unseres Mandats – veranlaßt den Begriff ‚lebenslanges Lernen‘ zu überdenken und zu aktualisieren. Wir wollten drei Kräfte bündeln: den Anreiz bietenden Wettbewerb, die Stärke vermittelnde Kooperation und die einigende Solidarität.“ [S.14]
Es gibt gute Gründe, erneut die moralischen und kulturellen Dimensionen von Bildung zu betonen. Somit wird jeder in die Lage versetzt, die Individualität anderer Menschen zu akzeptieren und den unregelmäßigen und schwankenden Fortschritt der Welt in Richtung auf eine gewisse Einheit zu verstehen. Dieser Prozeß muß damit beginnen, daß man sich selbst verstehen lernt: durch eine Reise in das Innere, mit dem Meilensteinen Wissen, Nachdenken und praktizierte Selbstreflektion.“ [16]

Was immer man von der aktuellen Bildungspolitik, egal welcher Gruppierung, und den ihr zugrunde liegenden Paradigmen hält, die ebenfalls nicht unbedingt unbegründet sind: der Delors-Report lässt sich eigentlich nicht ernsthaft zu deren Begründung anführen – oder zumindest nur mit großen Abstrichen. Und das nicht nur, weil er auf globale Probleme fokussiert. [2]

Im Rahmen des Textes werden einige Zielbestimmungen von Bildung angeführt, die eine guten Überblick über die Aussagen des Berichtes liefern und gleichzeitig eine Gegenposition beschreiben, die im aktuellen Diskurs kaum mehr vertreten wird. [Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage.]

Ziel I: „Eine der wichtigsten Aufgaben von Bildung ist es, eine real existierende, gegenseitige Abhängigkeit [der Menschen und Staaten] in eine freiwillige Solidarität umzuwandeln. Zu diesem Zweck muß Bildung den Menschen helfen, durch ein besseres Verständnis der Welt sich selbst und andere zu verstehen.“ [S.40]

Ziel II: „Angesichts der Auflösung sozialer Bindungen ist es die schwierige Aufgabe von Bildung,
Unterschiede in einen konstruktiven Beitrag zum gegenseitigen Verständnis zwischen Gruppen und Individuen zu verwandeln. Höchstes Ziel wird es sein, jedem das Rüstzeug in die Hand zu geben, um die Rolle als informierter und aktiver Bürger spielen zu können – dies kann allerdings nur innerhalb einer demokratischen Gesellschaft voll erreicht werden.“ [S.43]

Ziel III: „Sie [die Bildung] muß ebenso die Frage beantworten, warum und wofür wir zusammenleben. Bildung muß jedem ein Leben lang die Möglichkeit bieten, eine aktive Rolle in der Zukunftsgestaltung der Gesellschaft zu spielen.“ [S.50]

Ziel IV: „Eine der Hauptfunktionen von Bildung ist, die Menschheit darauf vorzubereiten, ihre Entwicklung selbst zu gestalten. Sie muß ausnahmslos alle Menschen befähigen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, damit sie zur Weiterentwicklung ihrer Gesellschaft beitragen können. Entwicklung gründet auf der verantwortungsvollen Mitwirkung der Individuen und der Gemeinschaft.“ [S.66]

Ziel V: „Vor allem möchte die [UNESCO-]Kommission jedoch betonen, daß die Ansichten zur menschlichen Entwicklung […] weit über eine eng ausgelegte utilitaristische Vorstellung von Bildung hinausgehen. Bildung muß andere Ziele verfolgen, als die Wirtschaft mit Fachkräften zu versorgen. Sie soll dafür sorgen, daß Menschen nicht Mittel, sondern Rechtfertigung von Entwicklungen sind. Talent und Fähigkeiten in jedem einzelnen zu entdecken und zu fördern, erfüllt nicht nur die fundamentale humanistische Mission von Bildung, sondern auch die Forderung nach Gerechtigkeit, die jedes Bildungssystem prägen sollte.“ [S.69]

Ziel VI: „Oberstes Ziel der Bildungssysteme muß es sein, Kindern aus sozialen Randgebieten und benachteiligten Verhältnissen zu helfen, sich gesellschaftlich zu stabilisieren, um dem Teufelskreis aus Armut und Marginalisierung zu entfliehen. Die Benachteiligungen, unter denen die Schulkinder leiden, und die oft aus ihrem familiären Hintergrund herrühren, müssen identifiziert werden. Diese Kinder brauchen eine Politik positiver Diskriminierung, des aktiven Eingriffs und der Hilfe.“ [S.119]

Fußnoten:
[1] Nicht zu verwechseln mit dem, auch Delors-Report genannten Bericht,Report on economic and monetary union in the European Community, welcher zum Grundlagendokument der gemeinsamen europäischen Finanzpolitik (und des Euro) avancierte.
[2] Beispielsweise interessiert sich der Bericht nicht für das in Deutschland so lang und breit diskutierte Thema der wenigen Geburten. Im globalen Rahmen ist dies Tendenz – die sich in allen entwickelten Staaten zeigt und in kaum einem dieser Staaten als Chance begriffen wird – nämlich kaum wahrzunehmen. Weltweit wächst die Bevölkerung und stellt damit auch die Bildungssysteme vor neue Aufgaben. Zumal die Bevölkerungspolitik in z.B. China oder Brasilien einfach größere Auswirkungen hat, als das die deutsche Familienpolitik.

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