Nebenthema: DDR 1989/1990

Folgendes ist eher aus Zufall entstanden. In einem kleinen Bücherstappel, der sich in meiner Zeit in der Kinder- und Jugendpolitik Ende der 1990er angesammelt hatte, fand ich letztens einige Diskussionsbeiträge zur Neuorientierung und den Umbau des Bildungswesens der DDR im Rahmen der Wende 1989/1990. Die Zeit gleich nach der Grenzöffnung, also von November 1989, bis zur Wiedervereinigung Oktober 1990, – die im Bildungsbereich ja eher die Übernahme der Modelle der BRD, als neue Konzepte zur Folge hatte -, war bekanntlich eine Zeit der intensiven gesellschaftlichen Debatten, auch im Bildungsbereich. Gruppen und Einzelpersonen, die bislang für sich oder die Schublade gearbeitet hatten, traten in großer Zahl an die Öffentlichkeit; es gab zahlreiche Menschen, die eine Verteidigung des Bestehenden aus unterschiedlichen Positionen anstrebten, zahllose Initiativen, die an einem eigenständigen Weg der DDR und damit auch des Bildungssystemes arbeiteten und Menschen, die an einer möglichst schnellen Angleichung an die BRD-Strukturen interessiert waren.
Ich habe mich letztlich ein wenig in diesen Themenbereich eingearbeitet, auch wenn ich das Gefühl habe, als wenn diese Zeit historisch noch lange nicht genügend aufgearbeitet wurde. Insbesondere scheinen viele der geschichtlichen Arbeiten eher „vom Ende her“ zu arbeiten, also mit dem Wissen, dass letztlich die Wiedervereinigung stattfand und nicht aus der relativ offenen Situation, als die sie 1989/1990 weithin empfunden wurde. (Von einer Vereinigung mit der BRD sprach man Oktober 1989 eigentlich nirgends, dann schon eher von einem drohenden Bürgerkrieg.) Zumindest sind meine Erinnerungen an die Erzählungen dieser Zeit davon geprägt, dass sie weithin als ergebnisoffen wahrgenommen wurde. Vielleicht ist das teilweise dem Personenkreis geschuldet, von dem ich diese Erzählungen größtenteils bekam (diese waren eher aus dem Bereich der DDR-internen Opposition zwischen linksradikal/anarchistischen Aktiven; christlich-pazifistischen und christlich-bildungsbürgerlichen Menschen; SED-internen Linksintellektuellen, die später die Luxemburg-Stiftung begründeten; Gewerkschaftsinternen Linksintellektuellen und Menschen, die später Bündnis 90 / Die Grünen in Berlin trugen. Es fehlen hauptsächlich „normale Menschen“, solchen, die an der alten SED festhalten wollten und solche, die im Bereich der CDU, ihrer Schwesterparteien DA, DSU und von ihnen beeinflussten Initiativen aktiv waren. Ich weiß nicht, wie jene die damalige Situation wahrnahmen.).

Worauf ich hinaus will, ist der Eindruck – den ich als Nicht-Historiker kaum historisch valide untermauern kann – dass einerseits damals Debatten wiederkehrten, die zwischen den 1920er Jahren und den 1980er Jahre schon in der Weimarer Republik (Reformpädagogik) und der BRD (Demokratisierung der Schule, Lebenslanges Lernen im UNESCO-Verständnis) intensiv geführt wurden. Gleichzeitig aber scheinen Debatten, die heute hauptsächlich unter dem Konzept Lebenslanges Lernen (im OECD-Verständnis) und der Konzentration auf Kompetenzen geführt werden, auch schon zwischen 1989/1990 vorhanden gewesen zu sein.

Ein Beispiel:

Beratung bezeichnet hingegen [gegenüber der Führung im sozialistischen Bildungswesen] eine erzieherische Verhaltensweise, welche die Initiative des Ratsuchenden voraussetzt. Das heißt, der Erzieher tritt nicht selbst organisierend auf, sondern hält sich weitgehend zurück, steht zur Verfügung und tritt erst auf Bitten des Ratsuchenden in Aktion. Das Fürhungselement ist dabei nicht gänzlich eliminiert, es tritt indirekt in Erscheinung und realisiert sich auch auf dem Wege der Animation. [63]
Reischock , Wolfgang (1990) / Freizeit als Erziehungsraum : Beratung als freizeitgemäße pädagogische Funktion. – In: Anonym / Entschulung der Schule?. – Berlin : Verlag Volk und Wissen, 1990, Seite 50-72. -[Wortmeldungen ; 4]

Was mich jetzt interessieren würde, wäre die Reflektion solcher Debatten im Bibliotheksbereich. Das war selbstverständlich schwierig. Innerhalb kurzer Zeit nahmen Bibliotheken damals eine neue vollständig neue Funktion an. Viele Bibliotheken, gerade die weit verbreiteteten Gewerkschaftsbibliotheken in den Betrieben, wurden auch einfach geschlossen. Aussonderungen großer Bestände waren an der Tagesordnung.
Dennoch wird dies nicht in einem diskussionsfreien Raum stattgefunden haben.
In seinem Standardwerk Kleine Literaturgeschichte der DDR verweist Wolfgang Emmerich beständig auf die besondere Bedeutung der Literatur als Form der Reflexion und Kritik an der DDR-Realität für einen großen Teil der DDR-Bevölkerung. Diese Ansicht scheint zumindest in der Germanistik allgemein akzeptiert zu sein.
1989 fiel diese Funktion zunehmend weg. Das muss sich auf Bibliotheken ausgewirkt haben. Ich stelle mir vor, dass auch im Bibliotheksbereich eine ähnliche Diskussionstätigkeit stattgefunden hat, wie im Bildungsbereich oder beispielsweise der Kinder- und Jugendpolitik. Mich würde interessieren, ob dieser Rück- und Vorgriff auf Konzepte, wie ich ihn im Bildungsbereich festgestellt habe, auch im Bibliotheksbereich stattgefunden hat.
Welchen Erkenntnisgewinn das ergeben könnte, weiß ich nicht. Aber bei dieser Frage fiel mir auf, dass eine Bibliotheksgeschichte der DDR bislang noch nicht vorliegt, sondern – wie so oft – hauptsächlich Arbeiten zu bestimmten Einzelaspekten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s