(Tagebuchfunktion IX) Kurze Anmerkung zur Geschichte

Eigentlich geht es in dem Beitrag von Hans Elbeshausen in der aktuellen Libreas um Anerkennung.
Das ist aktuell eine der heißen Debatten im Gebiet der angewandten und insbesondere der Sozialphilosophie. Anerkennung wird hierbei als Bindungs- und Individualitätskonzept verstanden, welche über die materielle Ebene hinaus, zur Vorstellung von Individualität und Selbstkonzept beitragen würde. In Deutschland ist diese Theorierichtung hauptsächlich mit Axel Honneth verbunden, bei dem man dazu auch mehr lesen kann. Wobei dieser Ansatz gerade in der Sozialphilosophie auch nicht so relativ unkritisch gesehen wird, wie er im Beitrag von Elbeshausen erscheint.
[Rainer Alisch bringt den „Aufschwung“ des Themas in seinen Seminaren beispielsweise gerne einmal mit der Krise des Arbeitsmarktes und des Sozialstaates zusammen und versteht sie quasi als Ersatzphilosophie zur Verschärfung der sozialen Krise. Aber das ist vielleicht etwas zugespitzt, auch wenn eine ähnliche Argumentation gerne zur Erklärung des Bedeutungszuwachses der Esoterik benutzt wird.]
Interessant ist hier, dass Elbeshausen nicht das deutsche, sondern das dänische Bibliothekswesen beschreibt. Und dabei formuliert er gleich zu Beginn des Artikels eine Erkenntnis, welche in der deutschen Diskussion weitgehend verschwunden scheint:

Der Gedanke, dass sich die öffentlichen Bibliotheken wieder zu pädagogischen Einrichtungen entwickeln, mag befremdlich sein. Geschichte und Selbstverständnis ihrer Mitarbeiter zeigen deutlich, dass die Abgrenzung der Bibliotheken von Schule und normativer Kulturpolitik ein schwieriger und langwieriger Prozess gewesen ist. [Lernen und gegenseitige Anerkennung – eine Aufgabe für öffentliche Bibliotheken?, libreas 10/11]

Das ist in Deutschland schon länger her, als in Dänemark. Aber grundsätzlich ist es richtig, dass sich Bibliotheken als öffentliche Orte, als die sie heute oft wahrgenommen werden, erst entwickeln mussten. Die heute oft zu beobachtende – nun ja – Geringachtung von Bibliothekaren/innen auf der einen und Lehrer/innen auf der anderen Seite, ist das Ergebnis eines historischen Prozesses. [Dieser Prozess war zudem komplizierter. Bibliotheken haben auch längere Zeit gebraucht, zu einem politisch (relativ) neutralen Ort zu werden. In Deutschland waren sie ja lange Zeit entweder kirchlich oder von der Arbeiterbewegung getragen.]
Für eine Auseinandersetzung mit der möglichen und realen Stellung von Öffentlichen Bibliotheken ist diese Feststellung weniger trivial, als sie eventuell erscheint. Eine historische Verortung, die sich mit dem Entstehen der Selbst- und Fremdbildes von Bibliotheken befasst, könnte schnell die Veränderbarkeit und teilweise auch Fragilität von als feststehend verstandene Annahmen über die Aufgaben von Bibliotheken aufzeigen.

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