Zusammenfassende Kritikposition

Bildung wird im öffentlichen Diskurs – und dabei vor allem im politischen Bereich – in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung und Grundlage der zukünftigen Gesellschaft angesehen. Dass diesem weitreichenden Diskurs eine Politik und gesellschaftliche Realität gegenüber steht, die nur wenig mit diesem zu tun hat und teilweise mit ihm vollkommen im Gegensatz steht, ist ebenfalls oft aus verschiedenen Positionen angemerkt worden.
In einem Beitrag über den Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung gibt Paul Kellermann die radikale Gegenposition zu diesem öffentlichen Diskurs, die überblickshaft fast alle Stränge der unterschiedlichen Kritiken zusammenführt.

Die Erklärung sowohl für die abfallende Position Europas im Rahmen der globalen wirtschaftlichen Konkurrenz als auch für die Verfehlung der Ziele einer europäischen Studienstruktur liegt vor allem in der Beschränktheit und Einseitigkeit der Perspektiven auf Wirtschaft und Bildung. Anstatt Wirtschaft als Teilprozess der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu sehen und als Mittel zur Sicherung und Verbesserung der Lebensbedingungen, wird Wirtschaft als wesentlicher, gar als ausschlaggebender Bereich des Lebens dargestellt und empfunden sowie als Zweck aller Anstrengungen. Ähnlich partikularistisch werden Bildung sowie Weiterbildung wahrgenommen und überdies primär zu Instrumenten wirtschaftlicher Entwicklung stilisiert. Die alternative Frage, leben und bilden wir uns, um zu arbeiten, oder arbeiten wir, um zu leben und uns zu bilden, scheint mit der Verkehrung von Mittel und Ziel lebensfeindlich beantwortet zu sein. Doch empirische Studien und eben auch die Misserfolge der Lissabon-Erklärung und des Bologna-Prozesses zeigen, dass die Verkehrung Verschlechterungen bringt. Es handelt sich dabei nicht nur um Verschlechterung im Leben, sondern auch um jeweilige Verschlechterungen im globalen Konkurrenz-Kapitalismus, wobei – dialektisch genug! – die Verschlechterung des gesellschaftlichen Lebens durch bevorzugte Ausrichtung aller Anstrengungen in Arbeit, Bildung und Gesellschaft auf ‚die‘ Wirtschaft gerade deshalb hingenommen werden, um in der Konkurrenz erfolgreich zu sein. Exakt das Gegenteil brächte den gewünschten Erfolg: Wirtschaftliche wie wissenschaftlich am erfolgreichsten sind Menschen und damit die Gesellschaft, wenn in einem umfassenden Sinn intrinsisch motiviert in anregenden Umwelten gearbeitet werden kann. Soll wissenschaftliche Weiterbildung sowohl im Sinn von Wissenschaftlichkeit als auch im Sinn des umfassenden Bildungsbegriffs weitere Handlungskompetenzen persönlich und gesellschaftlich ermöglichen, müsste entsprechend kritische Forschung strukturell und prozesshaft etabliert werden.“
[Kellermann, Paul (2005) / Über kritische Forschung zur wissenschaftlichen Weiterbildung. – In: Jütte, Wolfgang [Hrsg.] / Forschungsbedarf in der wissenschaftlichen Weiterbildung. – Krems : Donau-Universität Krems, 2005. – (Studies in Lifelong Learning ; 5), S.36-39]

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