Soziales Kapital

Andreas Vårheim stellt in seinem aktuellen Artikel [Vårheim, Andreas / Social capital and public libraries : The need for research. – In: Library & Information Science Research, 29 (2007), p.416-428] die wenigen Arbeiten über den Zusammenhang von sozialem Kapital und öffentlichen Bibliotheken dar. Dabei definiert er social capital nicht weiter.
Die erste und wichtigste Feststellung ist, dass dieser Zusammenhang wenig untersucht ist; die Texte, die es tun, kaum theoretisch fundiert oder an die sozialwissenschaftliche Forschung zu sozialem Kapital angebunden sind und es zudem eine Anzahl von bibliotheks-politischen Texten gibt, die – obwohl die empirische Fundierung fehlt – hauptsächlich „try to connect the traditional institution of the library with the trend of the times“ [p.423] Eine solche Tendenz hat vor einigen Jahren Detlef Gaus im Bezug auf die Verwendung der PISA-Studien in deutschen bibliothekarischen Diskussionen ebenfalls festgestellt und angegriffen [Gaus (2005)]. Vårheim hingegen geht es nicht um Polemik, sondern um einen auffälligen Fakt. Er bestreitet nicht, dass gerade auch die traditionellen Bibliotheksdienste bei der Formierung von sozialem Kapital eine wichtige Rolle spielen könnten. Aber es existiert ein auffälliger Gap zwischen der Betonung dieser Möglichkeit und ihrer theoretischen oder empirischen Absicherung, auf den er hinweist.
Schließlich stellt er drei Strategien heraus, mit denen Öffentliche Bibliotheken die Herstellung von sozialem Kapital unterstützen könnten:

  1. Die Zusammenarbeit mit voluntary associations, also allen Organisationen, Vereinen, Gruppen, die auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Dabei hält er allerdings einschränkend fest, dass zumindest ein Teil der empirischen Forschung zu social capital der verbreiteten Ansicht widerspricht, dass solche Organisationen an sich zur Herstellung von sozialer Verantwortung oder einer demokratischen Gesellschaft beitragen würden. Die Herstellung von sozialem Kapital findet offenbar intern, also zwischen den Mitgliedern der Gruppen, statt und nicht in der Interaktion von Gruppe und Gesellschaft.
  2. In der Funktion als informelle öffentliche Orte (informal meeting places). Hierzu merkt er an, dass dies nicht unbedingt automatisch passiert, sondern von der jeweiligen Bibliotheken gefördert werden kann und muss.
  3. Als Anbieter von allgemeinen und egalitär zugänglichen Services. Es geht dabei nicht unbedingt darum, dass diese Angebote – beispielsweise der Zugang zu Informationen und Medien – tatsächlich von allen Menschen im gleichen Maße genutzt wird. Bekanntlich passiert dies auch nicht. Doch das Angebot von Öffentlichen Dienstleistungen vermittelt allen Bevölkerungsgruppen den gleichen Respekt und stellt klar, dass alle als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger angesehen werden. Allerdings geht Vårheim dabei davon aus, dass Bibliotheken tatsächlich flächendeckend verbreitet und letztlich kostenlos zugänglich sind. Und dies ist bekanntlich nicht unbedingt immer der Fall.
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