Sweeping the library

Ein arbeitsintensive, aber erfolgversprechende Methode zur Frage „Was machen die Nutzerinnen und Nutzer eigentlich in einer Bibliothek“ stellten Lisa M. Given und Gloria J. Leckie 2003 vor. [Given, Lisa M. ; Leckie, Gloria J. (2003) / “Sweeping“ the library : Mapping the social activity space of the public library. – In: Library & Information Science Research 25 (2003) S. 365-385] Sie hatten mit einer größeren Gruppe von Forscherinnen und Forschern in der Toronto Reference Library und der Vancouver Public Library Punkte bestimmt, von denen aus eine Zeitlang die Nutzerinnen und Nutzer beobachtet wurden. Ziel war es, deren Tätigkeiten so genau wie möglich zu beobachten und operationalisiert zu erfassen. Dabei wurde versucht, diese Beobachtung so unauffällig wie möglich durchzuführen, was allerdings nicht immer klappte.
Die Vorarbeit war immens. Potentiell jede mögliche Handlung musste bestimmt und codiert werden, was vorrangig durch Interviews und Pretests geschah. Dennoch mussten während des Datenaufnahmeprozesses neue Tätigkeiten eingeführt werden (zum Beispiel die massenhafte Benutzung von Übersetzungscomputern durch chinesisch-stämmige Nutzer). Wichtg war, nicht nur die Tätigkeiten aufzunehmen, welche Nutzerinnen und Nutzer den Vorstellungen der Bibliothek nach durchführen sollten, sondern solche, die tatsächlich durchgeführt wurden.
Letztlich widersprachen die Ergebnisse teilweise den Erwartungen der Bibliotheken. So nahm beispielsweise das Essen und Trinken – obwohl eigentlich untersagt – konsequent den dritten Platz in den Aktivitäten der Nutzerinnen und Nutzer ein – über alle untersuchten Wochentage und Altersschichten hinweg. Genauso war Essen oder Trinken von den durch die Gegend getragenen Gegenständen nach Büchern und Taschen immer auf Platz drei zu finden. Die Nutzung von Computern stand hingegeen immer noch weit hinter der Aktivität „Lesen“ zurück. Das war gerade wegen der in den Jahren vor der Studie erfolgten massiven Investitionen in Computerarbeitsplätze und der Erwartung, das diese mehr und mehr genutzt würden, aufschlussreich. Die Autorinnen warnen hingegen explizit davor, einfach weiter Leseplätze zu „vernichten“, da diese offenbar den Hauptanziehungspunkt der Bibliothek darstellen.
Ein Manko dieser ethnographischen Herangehensweise ist selbstverständlich, dass sie sich auf das Sammeln von Daten beschränkt. Man kann anschließend, wenn man sich darauf einläßt, einigermaßen bestimmen, was Nutzerinnen und Nutzer tun. Teilweise entdeckt man auch bisher nicht beachtete Tätigkeiten, wie das erwähnte Benutzen von Übersetzungscomputern. Hier weisen die Autorinnen zum Beispiel darauf hin, dass sich die Bibliothek darüber Gedanken machen müsste, ob sie dann solche Rechner nicht auch in ihren Bestand aufnimmt – schon weil so ein Rechener mehrere Hundert Dollar kostet, aber selbstverständlich auch für Menschen nützlich wäre – gerade im Bezug auf die in Kanada gewollte Migration -, die sich solche Ausgaben nicht leisten können. Aber warum Nutzerinnen und Nutzer das tun, was sie tun oder aber andere Tätigkeiten, die man erwarten würde, gerade nicht ausüben, läßt sich mit solch einer Studie nicht erfassen.

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