Bildungsaffinität und Bildungsaktivität

Schwerwiegende Ergebnisse liefert die Studie „Bildungsbeteiligung: Chancen und Risiken“ [Friebel, Harry ; Epskamp, Heinrich ; Knobloch, Brigitte ; Montag, Stefanie ; Toth, Stephan (2000) / Bildungsbeteiligung : Chancen und Risiken ; Eine Längsschnittstudie über Bildungs- und Weiterbildungskarrieren in der ‚Moderne‘. Opladen : Leske + Budrich, 2000]. Hier wurde seit 1979 eine Schulabschlusskohorte aus Hamburg begleitet und in eineinhalbjährigem Abstand immer wieder neu zu Bildungsaktivitäten, Lebensumständen und Bildungsaffinität befragt.
Bibliotheken kommen im gesamten Buch nicht vor, dennoch sind einige Schlüsse für die Bildungsanstrengungen in ihnen zu ziehen.
Allgemein ist die Haltung zu Weiterbildung und Lebenslangem Lernen durch alle Schichten hinweg gut. Diese Haltung wird zwar noch positiver, je „besser“ die genossene Bildung ist. Aber auch so halten gerade einmal 4% wenig und 1% nichts von Weiterbildung. Gleichzeitig ist und bleibt die Teilnahme an organisierter Weiterbildung gering. 56% aller Befragten haben im gesamten Befragungszeitraum (1979-1999) an irgendeiner Art von Weiterbildung teilgenommen, eine hohe Anzahl davon mehr oder minder gezwungen (meist durch Arbeitgeber oder das Arbeitsamt).
Dies heißt aber, dass das Problem nicht die Bildungsaffinität der Menschen ist. Diese muss gar nicht angeregt werden, damit Menschen Bildungseinrichtungen und/oder Bibliotheken benutzen. Wichtiger ist die Frage, wie es zu diesem Gap zwischen Haltung und Aktivität kommt. Dabei scheint ein Problem zu sein, dass Bildungsaktivitäten oft nicht als selbstbestimmt, sondern erzwungen wahrgenommen werden. Wobei Zwang hierbei nicht als direkte Machtausübung, sondern oft auch als moralischer Imperativ, als normative Zumutung verstanden wird. Dagegen werden dann von einer Anzahl Menschen Verweigerungsstrategien entwickelt, welche widerum nicht sofort als solche zu durchschauen sind. Beispielsweise findet eine Umdeutung vom Konzept Lebenslanges Lernen zur alltäglichen Aktivität statt. Man kann – so einige Teilnehmende der Studie – nicht nicht Lernen. Jede Tätigkeit ist mit Lernen verbunden, und deshalb, so der Umkehrschluss, muss man auch nicht unbedingt Bildung konsumieren.

„Lebenslages Lernen (in der alltagssprachlichen Bedeutung) wird da zur Entlastung; ein Diskurs des ‚learning by doing‘, ‚täglichen Lernens‘ wird benutzt um sowohl der Weiterbildung, bzw. dem Lernen positiv gegenüber zu stehen und trotzdem nicht an diesen Prozessen teilzuhaben.“ [327]

Dem spielt ein ebenfalls „alltägliches“ Verständnis von Lebenslangem Lernen in Bibliotheken selbstverständlich zu.
Zwei weitere Ergebnisse sind hervorzuheben. Den gesamten Untersuchungszeitraum über korrelierte die Mitgliedschaft in irgendeinem Verein, einer Gewerkschaft, Partei, Bürgerinitiative und Ähnlichem positiv mit der Weiterbildungsteilnahme. Für Bibliotheken heißt das zweierlei: Bildungsaffine Menschen finden sich vorrangig in solchen Organisationen. Man kann sich die eigene Arbeit erleichtern, indem man gerade auf solche Vereinigungen zugeht und die Bildungsangebote von Bibliotheken durch sie an die jeweiligen Mitglieder vermitteln läßt. Man kann sich aber auch an den Anspruch halten, dass die Öffentliche Bibliotheken Informationen für alle bieten soll. Dann wäre es notwendig, gerade Menschen außerhalb von Vereinen anzusprechen. Das ist selbstverständlich noch schwieriger, als die ständige Zusammenarbeit mit Partnern eh schon ist. Doch man sollte sich klar sein, dass man, wenn man Vereine anspricht, man immer eine Bildungselite anspricht.
Außerdem herrscht in der untersuchten Schulabschlusskohorte zwar kurz nach dem Schulabschluss die Überzeugung vor, dass Bildung für viele unterschiedliche Bereiche gut sei. Für die Freizeit, die soziale/gesellschaftliche/politische Arbeit, als Selbstzweck und so weiter. Doch relativ schnell und eindeutig nimmt dieser Anspruch ab. Je länger Menschen aus der Schule entlassen sind, umso mehr bewerten und benutzen sie Bildung allein als Ressource für Beruf und Arbeitsmarkt. Alle anderen Funktionen der Bildung verschwinden hingegen aus dem Blickfeld.
Das mag man gesellschafts-politisch negativ finden, man mag unterschiedliche Vorstellungen von den Gründen für diesen rapide Bedeutungswandel von Bildung im Leben der Individuuen haben. Wichtig ist aber in Bezug auf Bibliotheken und deren Bildungsprojekten, wie mit dieser Erkenntnis umgegangen wird. Wird sie ignoriert, wird sie affirmativ angewandt und Bildung auf Berufsbildung zugespitzt oder wird sich dieser Zuspitzung gerade entgegen gestellt? Dies allerdings ist wieder eine Frage für politische Debatten. Interessant wäre allerdings, ob nicht durch Bestandsaufbau, Auswahl der Veranstaltungen oder struktureller Entscheidungen im Bibliotheksalltag auf diese Bildungseinstellungen eingegangen wird. Oder ob solche Umorientierungen der Individuuen überhaupt im Alltag bemerkt werden.

Zudem findet sicht in der Studie ein – ernstgenommen – folgenschwerer Hinweis zur Problematik der unkommentierten Übernahme des Paradigmas „Lebenslanges Lernen“, wie sie sich auch in zahlreichen Bibliotheken (zumindest in den öffentlich zugänglichen Quellen) findet:

„Ergänzenswert ist noch die abschließende Notiz, daß jede Literaturanalyse zum Bereich lebenslanges Lernen zu dem Schluß kommt, daß die Weiterbildung eine Perpetuierung gesellschaftlicher Ungleichheit darstellt – nicht eine Kompensation von Bildungsdefitziten, daß zudem der technische Innovationsprozeß noch eine verschärfte soziale Polarisierung der Weiterbildungsteilnahme zur Folge hat. Angesichts der doppelten Selektion der Weiterbildung, d.h. dem Zusammenfallen von strukturellen Angebots- und individuellen Beteiligungsdefiziten, ist die Norm-Normal-Botschaft zum lebenslangen Lernen eine Einladung in eine ‚Bildungsgesellschaft‘ ohne ausreichende Bildungsgelegenheiten. Der Dauerappell lebenslanges Lernen vergißt hier die gesellschaftlichen Vorraussetzungen von Krisen und Krisenintervention, wird instrumentalisiert zur Individualisierung sozialer Risiken.“ [107]

Während also diese Norm [an Weiterbildung teilzunehmen, K.S.] immer normaler wird, je mehr Bildung in der Biographie erfahren wurde, wird die Verweigerungsperspektive gegenüber Weiterbildung immer häufiger, immer wahrscheinlicher, je weniger bildungsbiographische Ressourcen vorliegen. Dies ist ein ernsthafter Hinweis für die Annahme, daß Weiterbildung systematisch Bildungsungleichheit bestätigt, perpetuiert.“ [243]

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