Öffentliche Bibliotheken und Bildungsanspruch – Erste Ergebnisse

Es hat seine Zeit gedauert, aber jetzt bin ich auch mit der letzten Nachrecherche fertig und habe zu fast allen Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland mit hauptamtlicher Leitung, die in der Bibliotheksstatistik aufgeführt werden (Grundsample), Daten zu ihrem Bildungsanspruch gesammelt. Die genauere Auswertung steht noch aus, aber einige Auffälligkeiten sind doch auch so festzustellen. Wie gesagt, beschränken sich diese Daten auf das, was auf den Homepages der Bibliotheken oder der jeweiligen Städte/Gemeinden etc. zu finden ist. Inwieweit diese die tatsächliche Praxis der Bibliotheken widerspiegeln, ist nicht geklärt.
[OpenOffice-Tabellendokument mit den Daten hier, Excel-Tabelle mit den Daten hier]

  • Allgemein fällt auf, dass die Aussagen und Zuordnungen der Bibliotheken zu jedweder Funktion selten expliziert werden. Nur in Ausnahmefällen finden sich in Leitbildern, Profilen oder Vorstellungen klare Aussagen zur Funktion der Bibliothek. Wenn, dann finden sich allerdings oft gleich mehrere Funktion, zumeist ohne sichtbare Gewichtung, angeführt (Bildungsfunktion, kulturelle Einrichtung, soziale Einrichtungen, Informationsinfrastruktur, Ort ’sinnvoller Freizeitgestaltung‘ [Wobei ich es interessant fände zu diskutieren, woher dieser Anspruch ’sinnvolle Freizeitgestaltung‘ zu ermöglich kommt und was er bedeuten soll] usw.).
    Meist lässt sich eine Zuordnung der Bibliotheken zu einer oder mehrere Funktionen einzig über die Zuordnung der Bibliothek auf der jeweiligen Stadt/Gemeinde/Kreis-Homepage ableiten. Oft werden sie der Rubrik „Bildung“ (oder zusammengesetzter Rubriken wie „Bildung und Kultur“, „Freizeit und Bildung“ etc.) untergeordnet, ähnlich oft allerdings auch explizit anderen Rubriken, wie „Kultur“, „Freizeit“, „Sehenswürdigkeiten“ oder „Einrichtungen der Stadt/der Gemeinde“. Allerdings sind die Homepages der Städte/Kreise/Gemeinden in Deutschland nicht einheitlich. So existiert teilweise überhaupt keine Rubrik „Bildung“, der Bibliotheken zugeordnet werden könnte.
    Welche Auswirkungen die Zuordnung oder Selbstbeschreibung von Bibliotheken zu den jeweiligen Funktionen haben, wird kaum thematisiert. Selten geht dies über den Hinweis, jeweils einen zutreffenden Bestand zur Verfügung zu stellen, hinaus.
  • Zu der Frage, welche expliziten Bildungsangebote von Bibliotheken in Deutschland gemacht werden, lässt sich folgende (leicht polemische, aber durch die Daten gestützte) These aufstellen: Wenn eine Person die Schule verlassen hat und einigermaßen mit dem Internet und der Bibliothek umgehen kann, bieten ihm Bibliotheken keine Bildungsangebote mehr. Zumindest waren über die Zielgruppe Kinder und Jugendliche und die Themen Bibliotheksführung und Interneteinführung hinaus, nahezu keine Projekte auf den Homepages zu finden. Die wenigen Ausnahmen hingegen sind fast alle schon anderweitig dokumentiert. Insoweit hat sich die Hoffnung, die ich mit dieser Recherche verband, nämlich weitere Bildungsprojekte an deutschen Bibliotheken zu finden, die zu untersuchen wären, nicht erfüllt.
  • Für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche hingegen lässt sich festhalten, dass sich die Angebote durchgängig gleichen. Auch wenn nicht alle Bibliotheken alle Angebote bereithalten, gibt es doch kaum Projekte, die nicht schon anderweitig ebenfalls umgesetzt würden. Hierzu zählen Vorlesestunden, Bücherkisten, gesonderte Bestände für Erstlesende und den Schulbetrieb, Bibliotheksführung, Interneteinführungen, Büchernächte und Bibliotheksralleys.
    Dies ist eine bedeutsame Feststellung, da bisher in der Literatur – und beispielsweise auch in den Jahresberichten der Bibliotheken – solche Aktivitäten als Neuheiten und Besonderheiten dargestellt werden. Wenn allerdings zum Beispiel nahezu jede Öffentliche Bibliothek Bücher-/Medienkisten – unter welchem Namen auch immer – zur Verfügung stellt, wäre es angebracht, wenn sich die Diskussion im bibliothekarischen Feld auf weitergehende Fragen konzentrieren würde. So könnte über die Qualität und den Arbeitsgang beim Zusammenstellen solcher Kisten diskutiert werden. Es wäre auch möglich, sich über die Verwendungsweisen und Effekte solcher Kisten zu verständigen, zentrale Dienste für solche Mediensammlungen einzufordern oder sie politisch als allgemeine Aufgabe jeder Öffentlichen Bibliothek festzuschreiben. Letztlich könnte auch ein Austausch über Erfahrungen mit solchen Kisten initiiert und vorangetrieben werden. Bisher scheint sich die Debatte oft darin zu beschränken, die Existenz solcher Kisten für sich alleine anzupreisen, obwohl dieser Schritt kaum mehr notwendig zu sein scheint. Ähnliches lässt sich über die anderen Projekte für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen sagen.
  • Ohne das ich darauf besonders geachtet hätte, lässt sich doch festhalten, dass der männliche Bibliothekar in Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland ein Exot ist. Besonders, wenn man die Direktoren und die für die Technik/EDV Verantwortlichen nicht beachtet, ist bei der Durchsicht der Homepages diese geschlechtliche Segregierung offensichtlich geworden. Zumal es so scheint, dass die wenigen männliche „einfachen“ Bibliothekare zudem fast alle in größeren Städten angestellt sind. Obwohl dieser Fakt untergründig allgemein bekannt ist, ist doch auffällig, wie selten er thematisiert wird. Männer arbeiten, wenn, dann hauptsächlich in Wissenschaftlichen Bibliotheken oder/und betreiben Bibliothekswissenschaft, die Öffentlichen Bibliotheken werden nahezu vollständig von weiblichem Personal betrieben.
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