(Tagebuchfunktion I) bibliothekarisches Glücksversprechen

„Da es nicht sinnvoll ist, die Vermittlung von Informationskompetenz nur theoretisch stattfinden zu lassen, benötigt man einen Lernort, an dem elektronische und gedruckte Informationsressourcen zur Verfügung stehen: die Bibliotheken. Sie besitzen Expertenwissen im Umgang mit Information, in ihnen werden unterschiedliche Informationsressourcen in unterschiedlichsten Medienformen erfasst, selektiert, inhaltlich und formal erschlossen sowie für die Nutzung verfügbar gemacht. Bibliothekare haben täglich mit den unterschiedlichsten Informationssystemen zu tun, sind mit ihnen vertraut und können diese effizient nutzen. So sind die Bibliotheken prädestiniert als ideale Lernorte von Informationskompetenz für die unterschiedlichsten Zielgruppen: z.B. für Schüler.“
[Ulrike Bull / Bibliotheken als Lernorte für Informationskompetenz : eine Analyse der Angebote für Schülerinnen und Schüler. – [Diplomarbeit] . – Potsdam : Fachbereich Informationswissenschaft der Fachhochschule Potsdam, 2003, Seite 5]

Glücksversprechen
So der Beginn einer Diplomarbeit aus Potsdam. Solche Herleitungen finde ich gefährlich.

  1. Ich kann nachvollziehen, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare die Bibliothek gerne als Lernort für Informationskompetenz sehen würden und das aus ihrer Kompetenz, den Medienbeständen und ihrem (nicht unbedingt von der gesamten Profession geteilten) Selbstverständnis als Informationsvermittlerinnen und -vermittler herleiten. Aber das ist doch kein Beweis dafür, dass dies von der restlichen Welt auch so gesehen wird. Über Schulbibliotheken wird gleiches behauptet und doch hatten die Schulbibliotheken, die ich für meine Magisterarbeit besuchte, teilweise nicht mal Computer und wollten auch gar keine haben. Informationskompetenzvermittlung fand in schuleigenen Computerkabinetten statt. Ähnliches kann ich mir für Öffentliche Bibliotheken vorstellen.
  2. „Bibliothekare haben täglich mit den unterschiedlichsten Informationssystemen zu tun, sind mit ihnen vertraut und können diese effizient nutzen.“
    Einige ja. Aber sieht die Realität in Öffentlichen Bibliotheken wirklich so aus oder wird hier nicht einfach ein Ideal von Bibliothekaren als Normativ gesetzt? Ich habe oft genug Anderes erlebt, nämlich das engagierte Kolleginnen und Kollegen viele andere Aufgaben wahrnahmen und wahrnehmen wollten, nur nicht mit Informationssystemen arbeiten. Deren Informationskompetenz beschränkte sich oft auf Google. Das finde ich nicht schlimm. Sie hatten andere Interessenschwerpunkte bei ihrer täglichen Arbeit. Aber werden solche Bibliothekarinnen und Bibliothekare, mitsamt ihrer Arbeit, nicht vollständig dequalifizierte, wenn man bei ihnen Kompetenzen voraussetzt, die sie nicht haben und auch nicht als notwendig für ihre Arbeit ansehen.
    Zumal auch nicht klar ist, wo Bibliothekarinnen und Bibliothekare eigentlich Informationskompetenz für die aktuellen Medien erlernen sollten, wenn sie es nicht in der Ausbildung gelernt haben. Die Fortbildungssituation ist nun mal nicht die beste.
  3. Die Vorstellung, dass Bibliotheken die perfekten Orte zur Vermittlung von Informationskompetenz darstellen, scheint oft den Blick darauf zu verstellen, dass sie beileibe nicht die einzigen Orte darstellen, an denen eine solche Vermittlung stattfinden kann. Führt solch eine Einstellung nicht dazu, andere Lernorte gering zu schätzen und deshalb Zusammenarbeiten (direkt oder indirekt) gar nichts anzudenken? Blickt man darauf, mit wem Öffentliche Bibliotheken im Bildungsbereich zusammenarbeiten, ist offensichtlich, dass es sich fast immer um Schulen handelt. Und denen werden nahezu immer dieselben Angebote gemacht: Lesekisten und Führungen für Schulklassen, mal verbunden mit Rechercheprojekten in der Bibliothek, mal ohne. Teilweise gibt es zusätzlich Vorlesewettbewerbe oder Vorlesestunden für Kinder. Und eventuell gestaltet sich, angeregt durch das Konzept „Spiralcurriculum“, in den letzten Jahren die Zusammenarbeit mit Schulen sogar kontinuierlicher, als zuvor.
    Dennoch sind bei allen diesen Angeboten zwei Dinge auffällig. Erstens scheint immer die Bibliothek für Informationskompetenz und Leseförderung zuständig, zumindest in der Theorie. Was ist dann aber die Aufgabe der Schulen? Ist das schon eine Zusammenarbeit, wenn sie die Kinder und Jugendlichen vorbei bringen? Zweitens fallen die anderen Lernorte in diesen Konzeptionen fort. Dabei lernen heute alle Menschen in einem Lernnetzwerk, dass sich individuell zusammensetzt und in dem unterschiedliche Lernort individuell bewertet und genutzt werden.
    Ich bin mir sicher, dass eine Evaluation von Bildungswirkungen schon durch rein deskriptiv verwendete Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern zeigen würden, dass Bibliotheken weder primär als Lernorte für Informationskompetenz wahrgenommen werden, noch dass sich die genutzten Lernorte auf Schule und Bibliothek beschränken.

Normativ
Solche Zitate, wie das oben wiedergegebene, lassen sich dennoch zahlreich finden. Doch jedesmal frage ich mich, wieso eigentlich? Haben Bibliothekarinnen und Bibliothekare es nötig, sich ständig gegenseitig zu versichern, dass ihr Arbeitsbereich wichtig ist? Kann man nicht einfach die Realität klarer wahrnehmen: Einerseits Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die gerne eine Einrichtung für Informationsvermittlung hätten, anderseits solche, die andere Funktionen von Bibliotheken betont sehen wollen. Eine Öffentlichkeit, von der man nicht so genau weiß, was sie eigentlich von Bibliotheken hält. Und eine alltägliche Praxis, bei der nicht so recht klar ist, ob Informationskompetenz überhaupt nötig ist oder ob nicht doch die Beherrschung des hauseigenen OPACs vollständig ausreicht, um die gestellten Informationsbedürfnisse zu befriedigen.
Sicher, Informationskompetenz heißt auch, den Nutzerinnen und Nutzern zu zeigen, dass ihr Informationsbedarf vielleicht ein anderer ist, als sie selber annehmen. Das hieße, sie über den OPAC hinaus auf andere Informationvermittlungssysteme zu verweisen. Aber ist das tatsächlich die Arbeit, die in Öffentlichen Bibliotheken geleistet wird? Vielleicht ja, es gibt dazu keine Daten. Aber wenn beispielsweise in Berlin Bibliotheken primär nach den Ausleihzahlen bewertet werden, wäre ein solches Vorgehen vollkommen widersinnig. Erstens leihen informationskompetente Nutzerinnen und Nutzer vielleicht gar nicht mehr so viel aus, wie zuvor. Und zweitens tun sie das vielleicht noch in gänzlich anderen Bibliotheken, die ihren speziellen Informationsbedarf besser bedienen. Damit würde die Informationskompetenzvermittlung nur einen zeitaufwändig erreichten Verlust für die jeweilige Bibliothek bedeuten.
Wenn, dann sollte man die im obigen Zitat steckende Vorstellung als Wunsch ernst nehmen, wie in Bibliotheken gearbeitet werden sollte. Dann kann man darauf auch zuarbeiten, der Öffentlichkeit klarmachen, dass solche Arbeit gemacht werden und unterstützt werden muss. (Beispielsweise müsste sie in Bibliotheksbewertungen einfließen.)

Schülerführung / Schülerprojekte
Abgesehen davon liefert die zitierte Arbeit übrigens eine wichtige Differenzierung zwischen „klassischer Schülerführung“, in denen es vorrangig um die Vermittlung von Bibliothekskompetenz geht und „Schülerprojekten“, welche an der Vermittlung von Informationskompetenz orientiert sind. Diese Unterteilung mag auf den erste Blick banal sein, bieten meines Erachtens aber eine Möglichkeit Lehrprojekte in Öffentlichen Bibliotheken besser und gerechter zu bewerten.
Der Widerspruch ist schließlich offensichtlich zwischen den Selbstdarstellungen von Bibliotheken, die sich die Vermittlung von Informationskompetenz zuschreiben, in deren Klassenführungen dann aber vor allem die Anmeldeformalitäten der jeweiligen Bibliothek und die Funktion des OPACs erklärt wird. Mit einer Differenzierung der Projekte in „klassische Schülerführung“ und „Schülerprojekt“ lässt sich dieser Widerspruch gut erklären. Hinter ihnen stehen zwei unterschiedliche Ziele: die Gewinnung neuer Bibliothekskundinnen und -kunden in den klassischen Führungen, die Informationskompetenzvermittlung bei den Schülerprojekten. Letztere mögen gesellschaftlich relevanter sein (schließlich werden mit Informationskompetenz neben positiven Arbeitsmarkteffekten auch positive Auswirkungen für die gesellschaftliche und politische Teilhabe der Individuen verbunden). Aber von der aktueller Bewertung der Bibliotheken durch die meisten Träger her gesehen sind klassische Führungen produktiver. Die erzeugen immerhin zählbare Zuwächse an Nutzerinnen und Nutzern, zumindest formal.

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