Zusammenfassung der Teilstudie „Öffentliche Bibliotheken und Soziale Gerechtigkeit“

Die Beantwortung der Grundfrage, wie Öffentliche Bibliotheken in Deutschland sich unter dem Fokus Sozialer Gerechtigkeit als gesellschaftliche Einrichtungen verstehen lassen, scheiterte an zwei Faktoren.
Einerseits ist Soziale Gerechtigkeit eine Zielbeschreibung fast aller gesellschaftlich relevanten Akteurinnen und Akteure, wird allerdings gleichzeitig von diesen vollkommen unterschiedlich verstanden. Dies wird in der Studie, nach einer Diskussion des Problems, anhand der Aussagen zu Sozialer Gerechtigkeit aus den Grundsatzprogrammen der aktuell bedeutsamen deutschen Parteien verdeutlicht. Auch der Versuch, Öffentliche Bibliotheken in die in Deutschland in den letzten Jahrhunderten relevant gewordenen Ungerechtigkeitstheorien (Marx/Engels, Weber, Parsons, Dahrendorf, Geißler, Bolte, Prestigemodelle seit den 1970ern, Milieu- und Lebensstilstudien, Hradil, Beck, Bourdieu) einzuordnen und dort ihren gesellschaftlichen Ort zu bestimmen, führte zu keinem zu verallgemeinernden Ergebnis, sondern zu je Modell spezifischen Aufgaben und Orten von Öffentlichen Bibliotheken.
Andererseits ist auch die Praxis von und Diskussion um Öffentliche Bibliotheken nicht eindeutig auf soziale Gerechtigkeit zu beziehen. Dies weniger, weil nicht klar ist, welchem Modell von Sozialer Gerechtigkeit sie folgen würden, sondern aufgrund zu weniger Daten über die Bibliothekspraxis. Die stattdessen immer wieder offensiv vorgetragene Vorstellung, durch Öffentliche Bibliotheken Informationen egalitär und frei zur Verfügung zu stellen, ist als normative Vorstellung nur bedingt geeignet, die Interventionsmöglichkeiten von Bibliotheken zu beschreiben. Genauer diskutiert dies die Studie diskutiert anhand der Differenzierung von normativer und empirischer Gerechtigkeitsforschung durch das International Social Justice Project genauer.
Ergebnis der Studien ist eine Systematisierung von notwendig zu erhebenden Daten, die sich in der aktuellen bildungssoziologischen und erziehungswissenschaftlichen Diskussion, aber auch der englischsprachigen Library and Information Science als relevant für die Bestimmung der Wirkungen von Bildungseinrichtungen erwiesen haben. Dies sind vor allem:

  • Alter
  • Einkommen / Verfügbares Kapital
  • Geschlecht
  • Bildungshintergrund
  • Migrationshintergrund / -status
  • Schicht / Milieu
  • Beruf
  • Bildungserfahrung
  • Individuelle Ausprägungen

Zudem formuliert die Studie Forschungsperspektiven und Thesen in Bezug auf Soziale Gerechtigkeit von Bibliotheken. Sie schlägt folgende Forschungsprojekte vor:

  • Empirische Untersuchungen zur Nutzerinnen- und Nutzerstruktur von Öffentlichen Bibliotheken
  • Empirische Untersuchungen zu Prestige, Bildungswirkung und Stellung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Biographische Studien zu Prestige und Bildungswirkung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Teilnehmende Beobachtungen und Interviews zu Lernvorgängen in Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zu Gründen der Nichtbenutzung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Überblicksdarstellungen zu Interventionsmöglichkeiten von Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zur Reichweite von Interventionsmöglichkeiten
  • Entwicklung von Bibliothekskompetenzmodellen

In einer Nachschrift erinnert die Studie daran, dass Soziale Gerechtigkeit ein politisches Projekt ist, dass in seiner Ausrichtung immer Ergebnis politischer Diskussionen und Aushandlungsprozesse sein muss. Öffentliche Bibliotheken und deren wissenschaftliche Begleitung können eine solche Praxis unterstützen, aber nicht selbstständig begründen. Die Vorstellungen vom freien Informations- und Medienzugang durch Bibliotheken werden dabei, ebenso wie die aktuelle Praxis der sozialen Bibliotheksarbeit, als zwar bedeutsame, aber doch unzureichende Ansätze beschrieben.

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