Archive | März 2007

Zusammenfassung der Teilstudie „Öffentliche Bibliotheken und Soziale Gerechtigkeit“

Die Beantwortung der Grundfrage, wie Öffentliche Bibliotheken in Deutschland sich unter dem Fokus Sozialer Gerechtigkeit als gesellschaftliche Einrichtungen verstehen lassen, scheiterte an zwei Faktoren.
Einerseits ist Soziale Gerechtigkeit eine Zielbeschreibung fast aller gesellschaftlich relevanten Akteurinnen und Akteure, wird allerdings gleichzeitig von diesen vollkommen unterschiedlich verstanden. Dies wird in der Studie, nach einer Diskussion des Problems, anhand der Aussagen zu Sozialer Gerechtigkeit aus den Grundsatzprogrammen der aktuell bedeutsamen deutschen Parteien verdeutlicht. Auch der Versuch, Öffentliche Bibliotheken in die in Deutschland in den letzten Jahrhunderten relevant gewordenen Ungerechtigkeitstheorien (Marx/Engels, Weber, Parsons, Dahrendorf, Geißler, Bolte, Prestigemodelle seit den 1970ern, Milieu- und Lebensstilstudien, Hradil, Beck, Bourdieu) einzuordnen und dort ihren gesellschaftlichen Ort zu bestimmen, führte zu keinem zu verallgemeinernden Ergebnis, sondern zu je Modell spezifischen Aufgaben und Orten von Öffentlichen Bibliotheken.
Andererseits ist auch die Praxis von und Diskussion um Öffentliche Bibliotheken nicht eindeutig auf soziale Gerechtigkeit zu beziehen. Dies weniger, weil nicht klar ist, welchem Modell von Sozialer Gerechtigkeit sie folgen würden, sondern aufgrund zu weniger Daten über die Bibliothekspraxis. Die stattdessen immer wieder offensiv vorgetragene Vorstellung, durch Öffentliche Bibliotheken Informationen egalitär und frei zur Verfügung zu stellen, ist als normative Vorstellung nur bedingt geeignet, die Interventionsmöglichkeiten von Bibliotheken zu beschreiben. Genauer diskutiert dies die Studie diskutiert anhand der Differenzierung von normativer und empirischer Gerechtigkeitsforschung durch das International Social Justice Project genauer.
Ergebnis der Studien ist eine Systematisierung von notwendig zu erhebenden Daten, die sich in der aktuellen bildungssoziologischen und erziehungswissenschaftlichen Diskussion, aber auch der englischsprachigen Library and Information Science als relevant für die Bestimmung der Wirkungen von Bildungseinrichtungen erwiesen haben. Dies sind vor allem:

  • Alter
  • Einkommen / Verfügbares Kapital
  • Geschlecht
  • Bildungshintergrund
  • Migrationshintergrund / -status
  • Schicht / Milieu
  • Beruf
  • Bildungserfahrung
  • Individuelle Ausprägungen

Zudem formuliert die Studie Forschungsperspektiven und Thesen in Bezug auf Soziale Gerechtigkeit von Bibliotheken. Sie schlägt folgende Forschungsprojekte vor:

  • Empirische Untersuchungen zur Nutzerinnen- und Nutzerstruktur von Öffentlichen Bibliotheken
  • Empirische Untersuchungen zu Prestige, Bildungswirkung und Stellung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Biographische Studien zu Prestige und Bildungswirkung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Teilnehmende Beobachtungen und Interviews zu Lernvorgängen in Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zu Gründen der Nichtbenutzung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Überblicksdarstellungen zu Interventionsmöglichkeiten von Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zur Reichweite von Interventionsmöglichkeiten
  • Entwicklung von Bibliothekskompetenzmodellen

In einer Nachschrift erinnert die Studie daran, dass Soziale Gerechtigkeit ein politisches Projekt ist, dass in seiner Ausrichtung immer Ergebnis politischer Diskussionen und Aushandlungsprozesse sein muss. Öffentliche Bibliotheken und deren wissenschaftliche Begleitung können eine solche Praxis unterstützen, aber nicht selbstständig begründen. Die Vorstellungen vom freien Informations- und Medienzugang durch Bibliotheken werden dabei, ebenso wie die aktuelle Praxis der sozialen Bibliotheksarbeit, als zwar bedeutsame, aber doch unzureichende Ansätze beschrieben.

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Selbstbestätigung, Offene Fragen

Von Zeit zu Zeit ist es aufbauend, die eigenen Fragen bei anderen Menschen wiederzufinden. Das zeigt, dass man nicht unbedingt auf dem falschen Weg ist und vor allem, dass es nicht schlimm ist, wenn man bisher keine Antworten gefunden hat. Manchmal gibt es die einfach noch nicht. Manchmal hat einfach tatsächlich bisher kaum jemand etwas zu dieser oder jener Frage geforscht. Beispiele:

Zum Konzept Information Needs, speziell für Kinder und Jugendliche: „Many interesting questions arise. What are the information needs of two-year-olds? Are the information needs of an urban African-American-eight-year-old girl different from those of an eight-year-old Swedish-American boy living on a farm in Minnesota? What are the information needs of children at different ages pertaining to civic or economic issues? What are the information needs of American children about children in other parts of the world?“ [Virgina A. Walter / Public Library Service to Children and Teens : A Research Agenda. – In: Libary Trends, 51 (4) 2003, pp. 571-589]

Zur Frage, was machen die Nutzerinnen und Nutzer eigentlich in der Bibliothek: „What do we know about how the public uses the public library to satisfy information-related needs? The answer to that question is that we actually know less than we should because until recently, the research literature on information-seeking concentrated on the information-seeking behaviors and practices of academics, scholarly researchers and various professional groups, such as doctors, nurses, engineers and the like. In-depth studies of the information-seeking of members of the general public in relation to the public library are far fewer in number.“ [Gloria J. Leckie ; Lisa M. Given / Understanding Information Seeking : The Public Library Context. – In: Advances in Librarianship, 29, 2005, pp.1-72.]

Öffentliche Bibliotheken haben welches Verhältnis zu anderen Bildungseinrichtungen?

Ein theoretisches Problem, welches mich die ganze Zeit über umtreibt, ist das Verhältnis von Öffentlichen Bibliotheken zu anderen Bildungseinrichtungen. Ich meine damit nicht, wie Bibliotheken beispielsweise mit Schulen oder Museen zusammen arbeiten können. Mir geht es darum, dass andere Bildungseinrichtungen bezogen auf die Frage der Organisation der dort stattfindenen Lernprozesse ein Selbstverstädnis entwickelt haben. Dieses kann ich bisher bei Öffentlichen Bibliotheken nicht bestimmen.
Ich versuche die Frage mal graphisch darzustellen:
(Das ist nur ein Schaubild, ohne empirische Untermauerung und mit stark subjektiver Einteilung. Ich habe auch nur einige Bildungseinrichtungen eingetragen, um die Bandbreite zwischen Schule – Peer-Group und Zoo anzuzeigen. Vollständig ist das gewiss nicht, die Kategorien sind auch nicht operationalisiert.)

Hier in einem der bekannten Dreiecke für die Zeichnung eines Raumes zwischen zwei Faktoren (unterrichtlich/außer-unterrichtlich und organisiert/unorganisiert) dargestellt. Wenn man nun Öffentliche Bibliotheken als Bildungseinrichtungen versteht, wo sind sie in diesem Dreieck einzutragen?
Das sie organisierte Institutionen sind, ist unbestritten. Aber sind die Lernprozesse in ihnen wirklich organisiert? Wenn ja, in welchem Maße? Und sind sie eher unterrichtlich/pädagogisch aufbereitet oder nicht?
Schaubild zwei benutzt ein Faktorendiagramm, wie es Bourdieu so gerne benutzt, um das Problem mit der Variable fremd-/selbstbestimmt zu thematisieren:

Wie sehr sind die Lernprozesse in Öffentlichen Bibliotheken selbstbestimmt?
Diese Fragen scheinen nicht so unrelevant zu sein, wie dies vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Wenn Bibliotheken durch den Bestandaufbau und dessen Präsentation, durch die restliche Infrastruktur der jeweiligen Einrichtung (Arbeitsplätze, deren Qualität, Lage, Anzahl, Informationstechnologie, WLAN, Hilfsmittel wie Kopierer, Nachschlagewerke, Einrichtung von Lernzonen) die in ihnen stattfindenen Lernprozesse determinieren, ist es dann richtig, von selbstbestimmten Lernen zu sprechen? Andererseits sind – sieht man von Klassenführungen und Kindergartengruppen ab – die gesamten Bildungsprozesse in Bibliotheken durch die Nutzerinnen und Nutzer selbst motiviert und damit auch selbstbestimmt. Wird das in der Bibliothekspraxis reflektiert? Wie? Oder wieso nicht?
Wenn aber andersherum Öffentliche Bibliotheken in den beiden hier dargestellten Diskursräumen in der Struktur beispielsweise Jugendklubs oder Museen näherstehen, als Schulen, warum sollten sie dann – wie dies heute offenbar stattfindet – vor allem mit Schulen zusammenarbeiten? Warum orientieren sie sich in ihrer Pädagogik – wenn es eine solche gibt – nicht eher an Museen? Wäre das nicht vielleicht auch eine Chance, weil man mit einer gewissen Schulferne auch die Möglichkeit hat, Nutzerinnen und Nutzer mit schlechten Schulerfahrungen für sich zu gewinnen?
Zoos habe ich in beiden Schaubildern als Bildungseinrichtungen eingetragen, um einmal auch eine Einrichtung bedenken zu können, die unbestritten mehrere Aufgaben übernimmt (Freizeit, Bildung, Forschung, Zucht zur Arterhaltung von bedrohten Tierarten). Ich denke, dass Öffentliche Bibliotheken vielleicht ebenfalls besser als Einrichtungen beschrieben werden können, die mehrere Aufgaben übernehmen (Freizeit, Bildung, Informationsvermittlung z.B. für den Mittelstand, Kultur- und Kommunikationsort), anstatt als reine Bildungseinrichtungen.

Arbeitsthese Bibliotheken, Bildung und Bildungswirkung

Arbeitsthese:

Bibliotheken machen sich keine Gedanken bezüglich der Umsetzung von Bildungserfahrungen in der Gesellschaft, sondern nur um die reine Vermittlung von Bildung. Wer braucht überhaupt Bildung, wozu und welche, wird von Bibliotheken nicht gefragt.

Plagiat

Toll, wär ich nicht Gewerkschaftsmitglied, ich hätte es vielleicht nicht bemerkt. Aber ver.di hat den Titel meiner Promotion geklaut, geremixt und bietet ihn nun im biwifo-Report 01/2007 als eigenen Text an:

„[…] Ob diese Vorgehensweise [die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems] durchsetzbar ist, muss sich noch erweisen – und ebenso, ob auf diese Weise Bibliotheken endlich als Bildungseinrichtungen anerkannt und ausgestattet werden.“ [S.3, Hervorhebungen von mir]

Cultivating Information Skills

Die Studie Cultivating Information Skills in Further Education (1992) von Sheron Markless, David Streatfield und Lawrie Baker legt ein Forschungsdesign für die Bestimmung von Aktivitäten zur Förderung von Information Skills vor.
Die Forschungen vereinigten strukturierte Interviews mit den Verantwortlichen für die Nutzerinnen- und Nutzerschulungen von ausgewählten Campusbibliotheken, mit der „teilnehmender Beobachtungen“ und Aufzeichnung von Bildungsaktivitäten mittels eines strukturierten Fragebogens. Zudem wurden Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern solcher Aktivitäten durchgeführt.
Letztlich, so dass Ergebnis der Studie, sind es folgende Kriterien, welche hauptsächlich Einfluss auf die Möglichkeiten der Bibliotheken zur Vermittlung von Information Skills haben:

  • verfügbare Zeit
  • Staff (Anzahl und Skills des Staff)
  • Students (Welche? Wieviele? Mit welchen Anforderungen, Erwartungen etc.?)
  • Space/Unterrichtsräume oder -plätze
  • Resources/Bestand
  • Library Management (Stil, Ethos, Selbstbild der Bibliothek)

Auch diese Studie stand vor dem Problem, dass Information Skills – wie andere Kompetenzen – sehr vielfältig bestimmt werden können. Dies war gerade dann bedeutsam, wenn die untersuchten Bibliotheken selber definiert hatten, was sie unter Information Skills verstehen.
Deshalb begannen die Interviews immer mit einer sehr weiten Definition von Information Skills, die dann von den Befragten konkretisiert wurde. So wurde ungefähr klar, was in der einzelnen Bibliothek unter Information Skill verstanden wird, ohne eine Definition als Leitthema der Studie festzulegen.

Was können Bibliotheken tun?

[…] All too often, tutoring materials fail to recognize and reinforce that adult learners are intelligent and capable. Finding appropriate materials -that are interesting and mature in content yet use simple language – presents a major challenge to tutors. Librarians can play a pivotal role in helping adult learners meet this challenge by encouraging libraries to acquire such materials and by assisting students and tutors in locating these materials.
[…] Solving the illiteracy problem is a critical step toward addressing other societal problems, and libraries can be an invaluable resource in the solution.

Senator Paul Simon, (Foreword to: Marguerite Crowley Weibel (1992) / The Library as Literacy Classroom)