Archive | Februar 2007

Grundideen

Der folgende Weblog soll, voraussichtlich für die nächsten drei Jahre, das Entstehen meiner Promotion begleiten. Diese Promotion schreibe ich am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema „Bibliotheken als Bildungseinrichtungen“.

Zum Konzept und Ziel des Weblogs
Zwei der wichtigsten Themen der aktuellen deutschsprachigen Bibliothekswissenschaft sind Open Access und elektronische Publikationsformen. Es geht bei den Arbeiten auf diesem Gebiet – neben rechtlichen Fragen und den Problemen der Bestandssicherung – um die Formen wissenschaftlicher Kommunikation und Produktionsweisen mithilfe elektronischer Publikationen. Dieses Weblog will versuchen, als sich selbst reflektierendes Medium, ein Beispiel für eine solche Produktionsweise zu sein.
Dennoch mag es verwundern, dass gerade für eine Promotion zum Themenbereich „Bibliotheken als Bildungseinrichtungen“ ein solches Blog begonnen wird, während andere Themen näher lägen. Ich betrachte dies als Vorteil. Das Thema der Promotion ist – wie die meisten wissenschaftlichen Themen – keines, dass elektronische Kommunikationsprozesse zwingend erfordern würde. Es ist möglich, sich von Medium zu distanzieren, ohne dabei folgerichtig die eigene Arbeit mit negieren zu müssen. Insoweit basiert dieses Blog vollständig auf Freiwilligkeit.[1]
Desweiteren schließt dieses Blog an jenes an, mit dem ich das Entstehen meiner Magisterarbeit begleitete – ebenfalls zu einem gänzlich „unelektronischen“ Thema. Hierbei wurde von mir erste Erfahrungen, vor allem Must-Do’s und -Don’ts, gesammelt.
Das hier betriebene Blog soll sich der Polemik vollständig enthalten. (Hierfür muss ich andere Wege finden. Ohne Zynismus wird der Themenbereich Bildung in/mit Bibliotheken nicht behandelt werden können.) Hauptthema wird die Darstellung von Forschungen, Ergebnisse, Grundgedanken und Barrieren auf dem Weg zum Abschluss der Promotion sein. Dies soll nicht zur Selbstdarstellung dienen, auch nicht einzig der Reflektion der Arbeit dienen. Es soll vorrangig ein beständiges Diskussionsangebot darstellen.
Kann eine Weblog dazu beitragen, wissenschaftliche Diskussionen schneller und einfacher zu führen? Trägt eine teil-öffentliche Arbeitsweise dazu bei, wissenschaftliche Debatten zu führen?[2] Meine These ist, dass ein kontinuierlich und ernsthaft geführtes Weblog, gerade für Themen etwas abseits der dominanten Debatten der jeweiligen Professionen, die Chance bietet, die eher wenigen Interessierten zusammen zu führen. Letztlich stellt sich auch die Frage, ob es durch ein Weblog möglich ist, einflussreicher und selbst bestimmter als bislang, die Themen und Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit in den öffentlich Diskurs einzubringen.[3]
Gleichzeitig soll das Blog Anregungen geben für die wissenschaftliche Praxis Anderer. Gerade in der Startphase des Studiums und in der Zeit der Abschlussarbeit scheint eine Anzahl von Studierende daran zu zweifeln, selber Wissenschaft betreiben zu können und sich verstärkt zu fragen, wie wissenschaftliches Arbeiten konkret aussieht. Hier könnten mehrere Weblogs zu wissenschaftlichen Arbeiten eine Abhilfe schaffen.[4]

Zur Promotion
Das Thema der Promotion ist sehr weit gefasst. Die Grundfrage ist, wie Bibliotheken, genauer Öffentliche Bibliotheken in Deutschland, als Bildungseinrichtungen dienen. Es soll dabei nicht etwa eine Handlungsanweisung entstehen, wie Bibliotheken sich umzustellen hätten, um ihren Bildungsauftrag (besser) zu erfüllen. (Daran ist zuletzt das Projekt Bibliothek 2007 grandios gescheitert.) Es soll ebenso keine Verteidigungsschrift für Öffentliche Bibliotheken geschrieben werden. (Auf diesem Gebiet engagieren sich Andere, Überzeugtere.) Ich möchte versuchen, Ansätze einer Grundlagenforschung zur Bildungswirkung Öffentlicher Bibliotheken vorzulegen.
Selbstverständlich greift dieses Projekt auf die Differenz zwischen den unzählbaren Aussagen zurück, welche Bibliotheken und Bildung in einen engen, wenn nicht gar einen ursächlichen Zusammenhang stellen und dem offensichtlichen Fakt, dass Bibliotheken in Deutschland immer schlechter dastehen.
Die gesamte Arbeit über sollen folgende Leitfragen im Hintergrund stehen:

  • Was ist Bildung in/durch Bibliotheken? Wie lässt sie sich messen?
  • Gehören Bibliotheken zum deutschen Bildungssystem? Sollten sie dies? Und wenn ja, in welcher Weise?
  • Was ist an den Aussagen über den Zusammenhang von Bibliotheken und Bildung Vermutung, was ist empirisch zu untermauernder Fakt? Lassen sich solche Aussagen verifizieren?

Ergebnis der Promotion soll ein Analyseset sein, mit welchen Bibliotheken selber ihre Bildungsarbeit messen und überprüfen können. Es geht nicht darum, die beständigen Postulate zu wiederholen, sondern um die empirische Überprüfung einer der wichtigsten selbst gegebenen Aufgabe von Bibliotheken: Dem gleichberechtigten Zugang zu Bildung für ausnahmslos alle Menschen.[5]
Hoch gegriffen geht es in diesem Promotionsprojekt darum, die sozialwissenschaftliche Bildungsforschung und die empirische Arbeit der Erziehungswissenschaft auch für Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft nutzbar zu machen.

Zur Sprache
Die Promotion beschäftigt sich explizit mit den Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland. Deshalb wird dieses Blog auch in Deutsch geführt. Ohne Frage wird es notwendig sein, internationale Forschungen und Projekte in die Forschungsarbeit einzuführen. Allein, weil ein solches Vorgehen die Situation deutscher Bibliotheken in einen internationalen Rahmen stellt und somit die Besonderheiten und – mit hoher Wahrscheinlichkeit auch – Defizite konkreter benennbar macht. Deshalb ist es gut möglich, dass zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Blog in englischer Sprache eingerichtet wird. Es könnte interessant werden, dann die Interdependenzen dieser Blogs zu beobachten. Diskutiert werden könnte allerdings, ob es nicht zumindest bei anderen Themen notwendig wäre, von Beginn an die gesamte wissenschaftliche Arbeit in Englisch zu führen und zu dokumentieren.

Anmerkungen:

  1. Dieser Aspekt der Freiwilligkeit müsste stärker, als es heute geschieht, in der Diskussion um die Herstellung und Nutzung von Open Access Produkten beachtet werden. Es sollte dabei nicht allein um den Fakt gehen, dass Open Access mittels elektronischer Medien eine leichtere Form der Publikation darstellt, welche von mehr Menschen, als bisher genutzt werden kann. Wichtig scheinen mir eher die Fragen, wer wieso diese freiwillige Leistung erbringt, wer nicht und warum. Ähnliches gilt allerdings auch für die Bildungsprojekte in und mit Öffentlichen Bibliotheken. In einigen Texten wird ganz richtig darauf verwiesen, dass diese nahezu durchgängig auf Freiwilligkeit basieren. Konsequenzen werden aus diesen Bemerkungen allerdings selten gezogen. Freiwilligkeit ist – außer in wenigen deutschsprachigen Beiträgen zum Einsatz von ehrenamtlichen Kräften – bisher kein Thema der Bibliothekswissenschaft.
  2. Bei meiner Magisterarbeit wurden die meisten Debatten und Hinweise, trotzdem ein Weblog dafür zur Verfügung gestanden hätte, per Mail kommuniziert. Das Blog hatte dabei offenbar eine Anregungs-, keine Debattenfunktion.
  3. Weiter schließt dieses Weblog an eine Projekt an, welches eine Gruppe von Jugendlichen, die zwischen 1995 und 2000 in Berlin unter dem Dach des Sozialpädagogischen Instituts Berlin Lobbypolitik für Kinder und Jugendliche auf Landesebene betrieben – und der ich angehörte – formulierten. Dieses Projekt kam damals leider über die Planungsphase nicht hinaus, wollte aber, lange vor den Möglichkeiten des Web 2.0, das Internet massiv zu einer Transparentmachung der eigenen Arbeit und als Einladung zur beständigen Diskussion dieser Arbeit mit Kinder und Jugendlichen – welche vertreten werden sollten – nutzen. In einer (vergriffenen) Broschüre (chaze ; querdenker ; AlexiS / PIN : Jugendpartizipation im Internet. – Berlin : Drehscheibe Kinderpolitik, spi, [1999/2000]. – [Kids Concept, Eine Reihe des Berliner Büro für Kinder- und Jugendinteressen]) heißt es dazu, durchaus exemplarisch, im Pathos der Internetbegeisterung kurz vor der Jahrhundertwende:
    „Durch das Internet läßt sich auch im Partizipationsbereich eine dezentrale, viele verschiedene engagierte Personen und Gruppen umfassende Arbeitsweise, unbeschränkt durch regionale und nationale Grenzen, praktizieren.
    Für die die Partizipation anbietende(n) Gruppe(n) läßt sich dank der Möglichkeiten des Internets eine gegenpolige Partizipation durchführen, dass heißt das Ergebnisse der Partizipation nicht im leeren Raum stehen bleiben, sondern direkt den NutzerInnen der Partizipation übermittelt werden können.“ [S. 4]
    Diesen Grundgedanken soll, hier angewandt auf eine anderes Gebiet und ohne die in politischen Konzepten offenbar notwendigen übertriebenen und teilweise naiven Erwartungen, gefolgt werden.
  4. In einer Veranstaltung im Studentischen Kolloquium am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, auf der ich die Ergebnisse meiner Magisterarbeit vorstellte, kam die Frage auf, ob andere Formen des Web 2.0, insbesondere Wikis, nicht auch für eine solche Arbeit eingesetzt werden könnten. Die Frage ist interessant. Ich sehe mich allerdings nicht in der Lage, ihr weiter nachzugehen. Mein Arbeitsmittel ist das Weblog. Ich würde es aber unterstützen, wenn Andere versuchen würden, systematisch Wikis, Foren oder andere Formen der elektronischen Unterstützung wissenschaftlicher Arbeit für ihre Abschlussarbeiten einzusetzen. Dies könnte sowohl zu interessanten Ergebnissen – welche miteinander verglichen werden könnten– als auch zu einer Verbreitung solcher Arbeitsweisen führen.
  5. Bildung wird in dieser Arbeit als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit und – utopisch oder auch früh-bürgerlich ausgedrückt – zum „guten Leben“ aller verstanden. Eine Einengung auf berufliche und durch die Veränderung der Berufe notwendige Bildungsprozesse, wie dies beispielsweise im Projekt „Bibliothek 2007“ im Ergebnis geschah, soll hier nicht stattfinden.

Anfangszitat

Allen Sachkundigen ist klar, dass der letzte Schritt zur Professionalisierung des Lehrerberufs noch aussteht, mit dem das Hauptmerkmal einer Profession zur Geltung kommt – nämlich die eigene Tätigkeit beobachtbar und reflektierbar zu machen. Dies bedarf der allmählichen Entwicklung einer Sprache, die es erlaubt in nicht verletzender Weise über Unterricht – seine Vorbereitung, Durchführung und Evaluation – zu sprechen. Der Ort für dieses Gespräch ist die einzelne Schule und insbesondere die Fachgruppe. Andere Ländern haben diesen Schritt zur Professionalität, der auch eine Revision der Arbeitzeitregelung für Lehrkräfte einschließt, vollzogen und damit die Vorraussetzung einer allmählichen, die Handlungssicherheit nicht bedrohenden Optimierung von Unterricht geschaffen.
[Baumert, Jürgen (2002) / Deutschland im internationalen Bildungsvergleich. In: Killius, Nelson ; Kluge, Jürgen ; Reisch, Linda (Hrsg.): Die Zukunft der Bildung. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2002, S.147]

Für Öffentliche Bibliotheken gilt dies ebenso.