Was mich eigentlich an Bibliotheksgeschichte (seit 1870-1880) interessiert: Der Diskurs

Von der Geschichte der Bibliotheken interessiert mich vor allem die Zeit, welche “jüngere Geschichte” genannt wird, also vielleicht seit 1870-1880 bis heute. Und dabei gar nicht so sehr die Bauten, Bestände und so weiter, sondern noch viel mehr die Diskussionen, Beiträge, Behauptungen, Selbstdarstellungen, die sich in den bibliothekarischen Medien finden. Eines der Dinge, das mich hierbei thematisch besonders anzieht, ist diese Ungleichzeitigkeit von ständig wiederholten Themen, Behauptungen, Ängsten, Hoffnungen, Voraussagen auf der einen Seite und der dann doch feststellbaren Entwicklung: Auf der einen Seite ist es wirklich einfach zu zeigen, das bestimmte Themen, Behauptungen, Ideen über die Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgenommen werden (und das seit einigen Jahrzehnten immer wieder mit dem Gestus, jetzt, genau zu diesem Zeitpunkt, sei das eine neue Idee, eine neues Thema, eine neue Entwicklung – so, als wäre nicht mehr bekannt, was schon in den Jahrzehnten zuvor thematisiert wurde), ohne das sie sich gross zu verändern scheinen, sondern als hätte man sie einfach nur dem zeitlichen Umständen (zum Beispiel der Technikentwicklung) angepasst. Auf der anderen Seite entwickelt sich aber doch immer wieder etwas. Einige Themen tauchen dann doch auf einmal wirklich neu auf, einige Debatten enden tatsächlich, manchmal ganz abrupt, ohne grosse Thematisierung.1 Und das dann oft gerade bei Themen, bei denen man es den Darstellungen in den Beiträgen selber gar nicht vermuten würde. Vieles, was als “modern”, “zeitgemäss” oder ähnlich beschrieben wird, wurde so oder ähnlich schon vorher gesagt,2 dafür verschieben sich andere Themen, obgleich der Titel beibehalten wird3 und wieder andere Dinge enden tatsächlich.4 Und einige wenige sind wirklich neu.5

Es ist wirklich einfach, wenn man sich nur einmal in ein paar der älteren bibliothekarischen Zeitschriften und Schriftenreihen einarbeitet, dem Bibliothekswesen vorzuwerfen (oder auch zu zeigen), dass es eigentlich fast keine Ahnung von der eigenen Geschichte hat.6 Es ist auch einfach, genervt zu werden, von den ganzen Behauptungen und Gedanken, die als neu präsentiert werden oder den teilweise onmipräsenten “Innovation”, “neu denken”, “modern”, “zeitgemäss”-Behauptungen, die den heutigen bibliothekarischen Diskurs prägen. (Und auch von den paar Beiträgen, die sich selber als dazu konträr verstehen, aber dann meist einfach nur ältere Zukunftsvisionen präsentierten.)

Aber es ist auch spannend, wenn man das immer und immer wieder erlebt. Und von diesem Punkt aus geht es dann nicht mehr darum, jemand zu zeigen, dass sie Unrecht haben mit ihrem Gefühl, neu und einmalig zu sein oder auch nicht darum, dass bestimmte Behauptungen und Argumente einfach absurd werden, wenn sie jahrzehntelang gemacht werden, ohne das sie zu Veränderungen führen. Das ist alles möglich, aber mich interessiert das eher als Geschichte, die den Fragen folgt: Was passiert hier? Wieso gibt es solche ungleichzeitigen Bewegungen? Was wird “vergessen” und “neu gedacht” und was nicht? Was ist das gleiche Argument wie das vor Jahrzehnten schon gemacht wurde, nur in einem anderen Kontext, und was ist wirklich eine Entwicklung? Wie funktioniert das, dass Personen sich nicht (mehr) auf frühere Beiträge beziehen, aber doch das gleiche sagen? (Das hat dann gewiss mit Strukturen zu tun, die sich nicht so gross verändern, aber welche Strukturen? Die der Bibliotheken, die der Gesellschaft?)

Vor allem aber fasziniert mich die Frage: Was sind die diskursiven “Aufgaben” dieser Beiträge und Behauptungen für die Bibliotheken und / oder die Identität Bibliothek / Bibliothekarin / Bibliothekar? Müssen die gemacht werden, um sich selber als “moderne Bibliothek” zu entwerfen?7 Das ist der Hauptgrund, warum ich gerade intensiv vor allem das schweizerische Bibliothekswesen (Fernleihe aus Magazinen des ganzen Land nach Chur) nutze und mir nach und nach all die älteren bibliothekarischen Publikationen, die irgendwie greifbar sind, schicken lasse (falls jemand meinem Twitter-Account folgt und sich fragt, wo die ganzen Bilder aus diesen Zeitschriften herkommen).8

Ein Beispiel

Mir ist klar, dass diese Ausführungen ein wenig im Ungefähren hängen. Ich will sie deshalb hier einmal an einem ausgewählten Text aufzeigen. Thema: Schulbibliotheken. Der Text erschien 1909 im Zentralblatt für Bibliothekswesen. Das hat den Vorteil, dass er digitalisiert vorliegt (was nur bei wenigen bibliothekarischen Medien der Fall ist, auch das Zentralblatt ist nur bis 1926 frei zugänglich.) Gleichzeitig sind alle am Text irgendwie Beteiligten jetzt lange tot, insoweit ist nicht zu erwarten, dass bestimmte Kontinuitäten daher kommen, dass einfach die gleichen Personen immer noch das sagen, was sie schon vor einigen Jahren sagten.

Der Text ist folgender: Valfrid Palmgren: Der Ferienkurs für Schulbibliothekare im Sommer 1908 zu Stockholm. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 26 (1909) 5, 202-209, http://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=GDZPPN000269212

Palmgren, Bibliothekarin (die erste) an der Königlichen Bibliothek in Stockholm, berichtet im Text, wie der Titel darlegt, von einem Kurs für Personen, die Schulbibliotheken leiten oder leiten sollen. Der Begriff “Schulbibliothekare” ist dabei weit gedehnt, hier meint er eigentlich Lehrpersonen (männlich und weiblich), die Schulbibliotheken betreiben sollen. Der genannte Ferienkurs war auch kein kleiner. Er umfasste zwei Wochen mit jeweils vier Stunden “Vorlesung” und zwei Stunden Besuchen in Bibliotheken oder Diskussionen. (Palmgren 1909: 205) Insoweit war er Arbeit.

Kontinuität: Schweden, USA

Warum wird aber ein Text aus Schweden in einer deutschen Zeitschrift publiziert? Er ist – soweit ersichtlich – keine Übersetzung, sondern explizit für das Zentralblatt geschrieben. Einerseits war Palmgren eine gebildete Frau, die wohl zahlreiche Sprachen beherrschte, insoweit ist es nicht verwunderlich, dass Sie auch Deutsch sprach. Das mag das Entstehen dieses Textes erleichtert haben. Andererseits aber findet sich hier schon eine Tradition, die sich in deutsch-sprachigen Bibliothekswesen seit langem zeigen lässt: Es wird immer wieder in die gleichen Länder geschaut, um sich darüber zu informieren, wie die Bibliotheken sich wohl entwickeln werden.9 Immer und immer wieder wird nach Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland (also Skandinavien, gerne auch zusammen) geschaut, manchmal zusätzlich in die Niederlande, die zum gleichen Kreis gezählt werden. Sonst in die USA und Grossbritannien. Andere Länder kommen auch vor: in den 1970ern wird erstaunlich oft auch aus der BRD und der Schweiz in die Sowjetunion geschaut, andere Länder, beispielsweise Frankreich oder Kanada, finden sich sporadisch. Nur ganz selten Länder aus dem globalen Süden. Aber was auffällt ist, dass diese Dreiheit Skandinavien (inklusive Dänemark), USA und Grossbritannien immer wieder angeschaut und besucht wird, um etwas über die vermeintliche Zukunft der Bibliotheken zu erfahren; die anderen Ländern werden eher als interessante, aber doch andere Wege des Bibliothekswesens vorgestellt. Eher zum Anschauen als zum Lernen. Insoweit überrascht es aber auch nicht, dass schon 1908, als das Produzieren von Zeitschriften weit teurer und arbeitsintensiver war als heute, ein Text gerade aus Schweden eingeworben und ihm Platz eingeräumt wurde.

Man kann vermuten, dass auch die damalige Redaktion des Zentralblatts die Entwicklungen in Schweden als Vorboten dafür verstehen wollten, was wohl möglich ist (Vorbild) und was in der Zukunft für das Bibliothekswesen zu erwarten wäre.10

Bezeichnend ist aber, dass Palmgren selber in ihrem Kurs das US-amerikanische Bibliothekssystem als Beispiel gewählt hatte, welches sie länger diskutierte. Sie verteidigt dies explizit und zwar mit Worten, die eine Überzeugung vermitteln, welche zum Teil bis heute mitschwingt, aber selten so direkt geäussert werden, wenn dieses Bibliothekssystem besprochen wird:

„Mancher wird sich wohl darüber wundern, dass ich von dem Stundenplan des Kursus so viele Stunden amerikanischen Bibliotheksverhältnissen gewidmet habe, doch glaube ich dazu Gründe genug gehabt zu haben. Einesteils nimmt das Bibliothekswesen in keinem anderen Lande eine solche Stellung zur Erziehungs- und Unterrichtsfrage ein wir in der Vereinigten Staaten, andernteils gewinnt man durch das Studium des dortigen Bibliothekswesens einen riechen Vorrat an erhöhtem Interesse für Fragen dieser Art, einen weiteren Blick für die Tragweite der Aufgabe der Bibliotheken zum Heile der Gesellschaft und schliesslich Enthusiasmus für den Beruf.” (Palmgren 1909: 208)

Palmgren scheint der Meinung zu sein, diese Wahl verteidigen zu müssen. Das hat sich seitdem massiv verändert. Aber sie steht wohl am Anfang einer bis heute wirkenden Tradition, sich beständig mit dem Bibliothekswesen in den USA auseinanderzusetzen, nicht nur in den skandinavischen Staaten, sondern gerade in den deutsch-sprachigen, offenbar in der Hoffnung, dort etwas zu finden, was dem eigenen Bibliothekswesen fehlen würde.11

Kontinuität: Wer soll die Schulbibliothek führen: Lehrpersonen oder BibliothekarInnen?

Ein Thema, welches ganz am Anfang des Textes von Palmgren besprochen wird, ist die Frage, wer eigentlich das Personal in den Schulbibliotheken stellen soll. Ihre Argumentation ist die Folgende: In Schweden(1909, nicht heute) würden quasi alle Schulbibliotheken von Lehrpersonen geführt, immer neben ihrer eigentlichen Arbeit und immer mit grossem Engagement. Das Engagement lobt sie. Besser wäre aber, wenn bibliothekarisch ausgebildetes Personal die Schulbibliotheken führen würde, weil nur dann wirklich das Potential dieser Einrichtungen ausgenutzt werden könnte. Langfristig müsse man dahin kommen. Aber realistisch sei es jetzt erst einmal, das interessierte und engagierte Lehrpersonal weiterzubilden. Das sei besser als nichts.

Diese Argumentation findet sich über die Jahrzehnte in der bibliothekarischen Literatur immer wieder, wenn auch in der (anderen) deutschsprachigen erst ab den 1970er Jahren. Es scheint ein Schritt mit dem Wunsch der Professionalisierung zu sein.

  1. Es wird unterstellt, dass auch Schulbibliotheken nur dann richtig sinnvoll wären, wenn sie bibliothekarisch geführt würden. Dies wird praktisch nicht weiter begründet, sondern als gegeben vorausgesetzt. Bei Palmgren ist dies nur sehr auffällig: Sie stellt erst dar, dass die Schulbibliotheken auch so „irgendwie” funktionieren, was auch darauf hindeutet, dass sie anders, als unter einem explizit bibliothekarischen Blickwinkel angesehen und geführt werden könnten. Vielleicht ist der pädagogische Blick ausreichend? Vielleicht sind bestimmte bibliothekarische Annahmen in der Realität gar nicht stimmig? Das wird gar nicht diskutiert.
  2. Diese Behauptung macht es dann aber auch unnötig, richtig darzulegen, wie denn diese bibliothekarische Arbeit aussehen soll und welchen Mehrwert sie für die Schulbibliothek bringen soll. Es wird einfach von nicht ausgenutzten Potentialen ausgegangen – und vorausgesetzt, dass die Leserinnen und Lesern auch von diesen ohne weitere Begründung überzeugt sind – und dann werden die Schulbibliotheken, die solche Potentiale umsetzen wollten, eigentlich sich selber überlassen.
  3. Was mit dieser Argumentation einhergeht, ist die diskursive Aufteilung in mindestens zwei Formen von Schulbibliotheken: die richtigen, bibliothekarisch geführten und die anderen, nicht so richtig richtigen Schulbibliotheken. Diese Zweiteilung stellt dann das Bibliothekswesen auf die Seite der „richtigen” Schulbibliotheken und auch die Aufgabe, die anderen Schulbibliotheken zu beraten. Solange sie sich beraten lassen, werden sie dann auch für den Moment akzeptiert. Aber das ist Rhetorik, kein Beweis und auch kein Frage, ob die Lösungen, die in den „anderen” Schulbibliotheken gefunden worden sind, nicht auch richtig sein könnten. Durch diese Zweiteilung ernennt sich das Bibliothekswesen zu der Seite, die weiss, was richtig ist für Schulbibliotheken. Das das Schulwesen den gleichen Anspruch erheben könnte, ist gar nicht vorgesehen. Und damit dann auch nicht, den eigenen Anspruch überhaupt zu überprüfen. So funktionieren Diskurse: Durch solche Aussagen, die Abgrenzungen treffen, werden Ansprüche, Aufgaben, Zielsetzungen verteilt, Hierarchien erstellt, bestimmte Dinge „entstehen” als Wahrheit und andere, mögliche Wahrheiten werden praktisch undenkbar.
  4. Im Gegensatz zu späteren Texten, die solche Unterschiede oft nur postulieren und in denen offenbar davon ausgegangen wird, dass sie bekannt sind, nennt Palmgren ein konkretes Beispiel für den Unterschied zwischen den beiden „Formen” der Schulbibliothek: Den Katalog. „[Persönliche Besuche in Schulbibliotheken, K.S.] bestärkten mich in der Ueberzeugung, dass die Katalogisierung und was damit zusammenhängt, den Schulbibliothekaren stets die grösste Mühe bereitet.” (Palmgren 1909: 206) Das ist auch heute noch so: Im Bibliothekswesen wird Wert auf einen Katalog gelegt, der bibliothekarisch geführt ist (viele Texte wurden geschrieben, nur um zu erklären, wie ein solcher angelegt und gepflegt werden kann), in den Schulbibliotheken findet sich praktisch nie so ein Katalog. Selbst wenn Katalogsoftware genutzt wird (was auch nicht normal ist, viele Schulbibliotheken haben Bestandslisten als Excel-Tabelle oder gar keine Kataloge, und selbst wenn sie einen haben, sind Kataloge oft nicht für die Nutzerinnen und Nutzer offen), geht das nicht leicht von der Hand, viele Regeln und zu füllende Felder bleiben unbeachtet. Das ist ein Hinweis darauf, dass über die Funktion eines Katalogs in Schulbibliotheken nachzudenken wäre: Bedarf es eines Katalogs? Welcher Form? Wie viel Arbeit muss in den Katalog gesteckt werden, damit er sinnvoll ist? Wenn die Aufstellung im Raum oder die einfach Liste mit Suchfunktion die gleichen Aufgaben erfüllen kann, was ist dann der Sinn tieferer (und arbeitsreicherer) Katalogisierung? Durch Palmgrens Setzung werden solche Fragen aber praktisch unmöglich. Die Schulbibliothek, wenn sie als richtige Schulbibliotheken gelten soll, muss einen bibliothekarische geführten Katalog haben. Punktum.

Seit den 1970er Jahren lässt sich dieser Diskurs, der bei Palmgren angelegt ist, auch in den Positionen und Veröffentlichungen des restlichen deutschsprachigen Bibliothekswesen nachweisen. Zuvor wurde eher akzeptiert, dass Schulbibliotheken von Lehrpersonen geführt wurden (auch wenn es davon Ausnahmen gab), danach nicht mehr wirklich. Der Anspruch ist aber selbstverständlich nur solange halten – auch weil er nicht nachgewiesen, sondern einfach nur aufgestellt ist –, solange andere Gruppen ihn akzeptieren (Schulen; die Lehrpersonen in den Bibliotheken oder – wie sich später zeigte – andere Personen, welche die Schulbibliotheken führen, Ehrenamtliche, Schülerinnen und Schüler; Schulverwaltungen und Politik). Das dies nicht immer der Fall ist, scheint Bibliotheken wenn überhaupt wahrgenommen, eher für Verwunderung zu sorgen. In einem solchen Fall wird weiterhin der Wunsch geäussert, dass sich das in Zukunft ändern müsste.

Komplizierter geworden ist seit Palmgrens Text, dass heute auch andere Akteurinnen und Akteure mit einem ähnlichen Anspruch auftreten. Oft scheint es so, als würden die Lehrpersonen in den Schulen einfach das Bibliothekswesen mit seinen Ansprüchen ignorieren und machen, was sie richtig finden. Aber einige der Landesarbeitsgemeinschaften für Schulbibliotheken, die heute in Deutschland existieren, werden auch von Personen getragen, die Schulbibliotheken leiten, auch ohne bibliothekarische Ausbildung, die aber aufgrund dessen, dass sie es tun, einen guten Anspruch darauf formulieren können, dass sie auch wissen, wie das geht, eine Schulbibliothek führen. Das ist bei Palmgren nicht vorgesehen. Und es scheint auch im Bibliothekswesen nicht reflektiert zu werden. Vielmehr scheint der Diskurs, den Palmgren zeigt, auch heute wirkmächtig – und für das Bibliothekswesen überzeugend.

Kontinuität: Mängel

„Bei der Beurteilung der Verhältnisse an den Schulbibliotheken des Reiches [Schweden, K.S.] im allgemeinen stösst man auf drei, besonders augenfällige, Mängel: 1. Mangel an guten Lokalen, 2. an genügend Mitteln zur Unterhaltung und 3. an Fachausbildung der Schulbibliothekare.” (Palmgren 1909: 203)

Auffällig ist, dass Palmgren in ihrem Text die gleichen Mängel aufzählt, die auch heute immer wieder genannt werden, wenn es darum geht, was Schulbibliotheken fehlen würde: Raum, Geld, bibliothekarisch gebildetes Personal.

Was heisst das? Hat sich die Situation seit über hundert Jahren nicht verändert? Oder ist das einfach ein stetiger Diskurs, der einfach weitergeführt wird? Gerade das sind Fragen, die es spannend machen, solche alten Texte auszuwerten.

Wir wissen, dass sich viel verändert hat seit 1909. Die Schulen sehen anders aus, sind grösser, schöner (wirklich), haben mehr Infrastruktur. Die Aufgaben der Schulen sind andere geworden, zumindest zum Teil. Die Medienformen sind vielfältiger geworden. Die Menschen, die ja in den Schulen arbeiten und lernen, sollen auch viel individueller geworden sein. Und vieles mehr. Aber gerade die Mängel in den Schulbibliotheken sollen die gleichen geblieben sein? Erscheint das nicht absurd?

Doch der Diskurs würde wohl nicht heute ähnlich geführt werden, wie in Palmgrens Text, wenn er nicht irgendwen – und wohl vor allem die, die ihn führen – überzeugen würde. Hat sich vielleicht der Anspruch einfach mit verändert, also gibt es zwar andere, grössere Räume für Schulbibliotheken (so wie es ja 2018 auch andere Schulräume gibt als 1909), aber damit sind einfach die Ansprüche gewachsen? Oder gehört es vielleicht einfach zu Überzeugung wenn man über Schulbibliotheken spricht, dass immer noch bessere und grössere Räume möglich wären?

Interessant ist, dass es heute sehr wohl Schulbibliotheken gibt, die räumlich und finanziell gut ausgestattet sind, auch solche, in denen entweder bibliothekarisches Personal arbeitet oder aber bibliothekarisch weitergebildetes (wie zum Beispiel in Bayern). Es wäre also möglich, zu überprüfen, ob die genannten Mängel eigentlich wirklich Mängel sind, ob es also etwas bringt, sie zu beheben (ob also die Schulbibliotheken dadurch wirklich besser werden und wenn ja, wie). Das wird aber nicht unternommen.

Stattdessen finden sie sich immer wieder (aber nicht immer und überall). Zu vermuten ist also, dass sie eine andere Funktion haben könnten. Ist es vielleicht so, dass der Verweis auf diese Mängel hilft, gar nicht so sehr nach anderen, konkreten Probleme und Mängeln, die mehrere Schulbibliotheken umfassen, zu fragen? Ist es ein Allgemeinplatz, vielleicht auch, um eigentlich etwas anderes zu sagen, zum Beispiel, dass man sich zu wenig ernst genommen fühlt? Auffällig ist zumindest, wie konstant diese Aufzählung geblieben ist.

Kontinuität: Bildungsvorstellung Selbstbildung

Wozu ist die Schulbibliothek da? Auch diese Frage zieht sich durch die bibliothekarische Literatur zu Schulbibliotheken selber. Ständig wird nach Gründen gesucht, die man nach aussen hin angeben könnte, warum Schulbibliotheken wichtig wären, was halt ihr Potential für die Schule oder die Schülerinnen und Schüler wäre. Man würde erwarten, dass sich dies mit der Zeit verändert hätte. Es gibt auch von Zeit neue Vorschläge, vor allem, wie die Schulbibliothek in den Unterricht einzubinden sei. Aber auch die werden eigentlich alle paar Jahre neu gemacht, was darauf hindeutet, dass sie doch selten umgesetzt werden. Vielmehr findet sich seit Jahrzehnten die Argumentation, welche sich auch bei Palmgren findet, wenn Sie für Lesesäle mit Nachschlagewerken in den Schulbibliotheken argumentiert:

„Die Nützlichkeit solcher Lesesäle für die Schüler, das Mittel, sie zur Selbsttätigkeit heranzubilden, wurde [im Kursus, K.S.] besonders stark hervorgehoben; selbständige Initiative, geistige Unternehmungslust und eine für ihre allgemeine Bildung unschätzbare Gewöhnung mit Büchern umzugehen, würde eine sichere Folge dieser Reformen sein.” (Palmgren 1909: 206)

Der freie Zugang zu Medien würde zum selbstständigen Arbeiten der Schülerinnen und Schüler führen und dazu, dass sie sich angewöhnen würden, von sich selber aus zu lernen und „mit Büchern umzugehen” (ergo zu Lesen und zu Lernen). Das wäre bislang nicht der Fall. Heute hat sich die Terminologie etwas gewandelt, zudem werden mehr Medienformen erwähnt. Aber die Argumentation ist die gleiche geblieben. Weiterhin wird argumentiert, dass Schulbibliotheken quasi direkt dazu führen würden, dass Schülerinnen und Schüler selbstständige und – nun ja – lebenslange Lernende würden. Auffällig ist dabei nicht nur, dass dieses Argument ständig wiederholt wird – also als wirksam und richtig gilt, aber offenbar auch wiederholt werden muss und kann, so als ob es halt doch nicht zu Schulbibliotheken führt –, sondern das auch wenig über dieses Argument hinausgegangen wird. Vielleicht hat Palmgren in ihrem Kurs mehr erzählt, aber die bibliothekarische Literatur bleibt eigentlich bei dieser recht einfachen Vorstellung: „freier Zugang zu Medien → Schülerinnen und Schüler lernen, selbstständig zu lernen” stehen. Der Pfeil selber wird praktisch nicht beschrieben und untersucht. Dabei wäre gerade er wichtig, um eine Schulbibliothek und die Arbeit in ihr konkret zu gestalten. Oder zu schauen, ob es überhaupt stimmt und vielleicht darauf zu reagieren, wenn es nicht stimmt. Viel eher scheint es, als wäre das Argument eher eine (weithin in Bibliotheken geteilte) Überzeugung. Eine, die vielleicht auch die Identität des Bibliothekswesens und der bibliothekarischen Profession prägt.

Dabei war die Argumentation in der Zeit, in der Palmgren sie äusserte, nicht so allgemein akzeptiert in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. Palmgren argumentierte noch in einer Zeit, in welcher das Bibliothekswesen den eigenen Bildungsanspruch noch als Aufgabe, die Menschen (gerade Jugendliche oder „untere Schichten”) zu erziehen, definierte und in welcher die Thekenbibliothek, nicht die Freihandbibliothek, der Normalfall war. Auch Plamgren redet nicht von einem direkten Zugang zu den Medien (also der Freihand), aber immerhin von einem Ort, um frei mit Nachschlagewerken und anderen Medien zu arbeiten. Doch trotz der Veränderungen im Bibliothekswesen, ist das von ihr gelieferte Argument grundsätzlich gleich geblieben.

Kontinuität: Richtige Schulbibliotheken entwickeln durch die Weiterbildung des Personals

Schulbibliotheken werden, sowohl bei Palmgren als auch in der deutschsprachigen bibliothekarischen Literatur zum Thema seit den 1970ern als ein zu lösendes Problem gesehen. Der jetzige Zustand wird immer als mangelhaft beschrieben und es wird nach Wegen gesucht, diesen zu verändern. Dieser Fokus führt dann, wie geschildert, diskursiv auch dazu, die schon jetzt in den Schulbibliotheken geleistete Arbeit zu bewerten oder als Aussage darüber zu interpretieren, was möglich oder nicht möglich ist.

Auffällig ist, das eine Lösung, die immer wieder vorgeschlagenen wird, auch schon bei Palmgren vorkommt: Die Weiterbildung des Personals. Wie schon dargestellt: Eigentlich gilt, dass Schulbibliotheken von Personal geleitet werden sollen, welches eine gesonderte bibliothekarische oder schulbibliothekarische Ausbildung genossen hat. Aber die nächst beste Lösung ist die Weiterbildung des schon vorhandenen Personals, selbstverständlich in eine bibliothekarische Richtung (es wäre ja zum Beispiel auch eine pädagogische möglich). Palmgren beschreibt, dass so ein Wunsch von den Lehrpersonen in Schweden geäussert worden wäre.

„Die Bibliotheksfrage ist der Gegenstand von Diskussionen und Vorträgen in pädagogischen Vereinen und Lehrerversammlungen gewesen, und hierbei sich Forderungen und Wünsche der Lehrer hinsichtlich einer Reform der Schulbibliotheken behandelt worden.” (Palmgren 1909: 204)

So etwas findet sich heute in den Weiterbildungen, welche Landesarbeitsgemeinschaften für Schulbibliotheken organisieren (aber dann nicht unbedingt im Rahmen des Bibliothekswesens). Ansonsten wird die Lösung auch so oft angedacht.

Interessant ist hier wieder, das Palmgren einen Hintergedanken ausspricht, der heute eher nicht so genau formuliert wird, obwohl er weiterhin hinter vielen Weiterbildungsangeboten und Versuchen, solche zu etablieren, zu bestehen scheint: Wenn erst einmal das Personal in Schulbibliotheken bibliothekarisch ausgebildet wäre, würde es sich dafür einsetzen, dass es bessere – also „richtige” – Schulbibliotheken gäbe. Es scheint die Überzeugung zu geben, dass die bibliothekarische Organisation von Schulbibliotheken – also zum Beispiel mit ausführlichen Katalogen, Vermittlungsarbeit und dem, was wir heute Bestandsmanagement nennen – so überzeugend und richtig sei, dass die, die davon erfahren, sie auch als das richtige Ziel akzeptieren. In diesem Diskurs scheint es nicht so zu sein, dass es vielleicht andere berechtigte Formen von Schulbibliotheken geben könnte. In dieser Interpretation scheint das Problem vielmehr einfach zu sein, dass das jetzige Personal in Schulbibliotheken einfach noch nicht weiss, „wie es richtig geht”. Wenn es dies erfahren hätte, würde es auch ganz automatisch richtige Schulbibliotheken wünschen. Mit solchen Weiterbildungen würde man also eine Bewegung „von unten” anstossen, „bibliothekarische Schulbibliotheken” zu fordern und einzurichten.12 Und auch hier: Wie genau das funktionieren soll, wird nicht besprochen. Es reicht die Vorstellung, dass es so funktionieren würde – und damit stellt sich dann als Lösung vor allem die Frage, wie solche Weiterbildungen zu organisieren seien.

„Gelingt es, ein Korps fachlich gebildeter Schulbibliothekare heranzubilden, dann werden diese besser im stande [sic!] sein, die jetzigen Verhältnisse auszunützen und sich dem anzupassen, was schon vorhanden ist.” (Palmgren 1909: 204)

Kontinuität und Diskontinuität: Die Jugend und ihre Lektüre

Ein Diskurs, welcher sich in der bibliothekarischen Literatur den Jahrzehnten verändert hat, aber in Teilen auch nicht, ist der über die Jugend und ihre Lektüre. Ständig wird der Blick auf diese gerichtet, aber wie und mit welchem Ziel, verändert sich mit der Zeit. Der Text von Palmgren ist nicht geeignet, um zu zeigen, dass dieser Blick auf die Lektüre eigentlich nur Kinder und Jugendliche trifft. (Die Lektüre anderer Gruppen ist eigentlich immer nur in einem spezifischen Zeitraum Thema.) Beim Thema Schulbibliotheken ist dies verständlich. Es ist allerdings auffällig, dass nicht auch über die Lektüre der Lehrpersonen geredet wird, obgleich (siehe unten) im Text extra in Bibliotheken für Lehrpersonal und für Schülerinnen und Schüler unterschieden wird.

Schauen wir einmal auf das betreffende Zitat, wird auffällig, dass in ihm eine Wertung von verschiedenen Büchern mitschwingt, die auch ganz einfach als bekannt und gegeben vorausgesetzt werden:

„Die Schüler bedienen sich ihrer [der Schulbibliothek, K.S.] hauptsächlich zur Unterhaltungslektüre, und zwar aus dem natürlichen Grund, weil Unterricht und Bibliothek nicht zusammenwirken. Man kann deshalb ruhig behaupten, dass unsere Schülerbibliotheken noch lange nicht die Aufgabe erfüllen, die den Bibliotheken bei der Erziehung der Jugend zukommt.” (Palmgren 1909: 203)

Für Palmgren ist klar, dass „Unterhaltungslektüre” keine richtige Lektüre wäre, die zur Bildung beitragen würde. Dies gelte nur bei anderen Büchern. Was Unterhaltungslektüre ist und was die anderen Bücher sind, scheint Palmgren nicht genauer beschreiben zu müssen. Das ist ihren Leserinnen und Lesern bekannt. Auch scheint sie ihre Wertung nicht begründen zu müssen.

Auffällig ist die Phrase „Erziehung der Jugend”. Diese sollten man nicht als reine Formulierung abtun. Vielmehr ist hier eine Überzeugung niedergelegt, welche von Bibliotheken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aktiv gepflegt wurde: Bibliotheken sollen erziehen, nicht bilden. Und zwar vor allem die Jugend. Der Unterschied zwischen Bildung und Erziehung ist relevant. Erziehung heisst immer, Erziehung zu etwas. Es gibt ein Bild des „richtigen Menschen”, auf den hin erzogen wird. Und Bibliotheken würden dies tun, zumindest in Bezug auf die Lektüre. Wenn heute Bibliotheken von Bildung reden, meinen sie etwas anderes. Heute überlassen sie die eigentlich Bildung, also auch das Setzen von Bildungszielen, eigentlich anderen (Schulen, den Lernenden, der Politik, der Wirtschaft) und versuchen sich vor allem an der Unterstützung dieser Ziele. Wenn nicht überhaupt (wie oben gesagt) der Zugang zu Medien mit selbstständiger Bildung gleichgesetzt wird.

Insoweit hat ein gewichtiger Wandel stattgefunden. Es ist nicht so, dass die bibliothekarischen Diskurse einfach nur über die Jahrzehnte reproduziert werden. Aber sie nehmen auch nicht einfach immer den einfachen Weg und verschwinden einfach, wenn sie gelöst sind. Es ist komplexer. Sie wandeln sich, aber auch nicht immer einfach und vorhersehbar. Und einige Themen hören tatsächlich auf, immer wieder besprochen zu werden (siehe die folgenden Beispiele). Andere, wie hier der ständige Blick auf die Jugend, werden weitergeführt, aber mit einem ganz anderen Fokus: Heute geht es eher darum, die Jugend irgendwie dazu zu bringen, die Bibliothek aufzusuchen. Geblieben ist dabei die Vermutung, dass sie es nicht täte und wenn doch, dann auch nicht richtig tun würde (was eigentlich empirisch zu untersuchen wäre). Aber offenbar hat dieser ständige Blick auf die Jugend eine Bedeutung für Bibliotheken behalten. Und gerade diese komplexen Entwicklungen machen es interessant, diesen Diskursen über längere Zeit nachzuspüren.

Diskontinuität: Lehrerbibliotheken

Eine dieser Diskontinuitäten findet sich auch im Text von Palmgren: „Lehrerbibliotheken”. Über Jahrzehnte wurde in der bibliothekarischen Literatur darüber diskutiert, ob und wenn ja wie die Bibliotheken in den Schulen zu unterteilen seien. Es gäbe Bibliotheken für Lehrpersonen, deren – so Palmgren – „hauptsächliche Aufgabe [darin] besteht […], das Lehrpersonal mit pädagogischer Literatur, Zeitschriften, Enzyklopädien, Lexika usw.; überhaupt mit solcher Literatur zu versehen, deren es für seine Fachstudien und den Unterricht bedarf” (Palmgren 1909: 202) und solche für Schülerinnen und Schüler, „d. h. eigens für die Schüler eingerichtete Büchersammlungen.” (Palmgren 1909: 202) Palmgren berichtet sogar davon, das im Kurs vermittelt wurde, „dass die Schulbibliotheken vor allem danach streben sollten, Lehrerbibliotheken zu sein.” (Palmgren 1909: 205)

Die heutige bibliothekarische Literatur zu Schulbibliotheken kennt diese Frage nicht. Es ist heute klar, dass Schulbibliotheken (egal welche) wenn es sie gibt, für die Schülerinnen und Schüler da sind. Die Diskussion hörte irgendwann auf und es ist auch nicht ersichtlich, ob sich irgendeine Schulbibliothek heute noch dafür zuständig sieht, die pädagogische Literatur für das Lehrpersonal zu beschaffen. [Höchstens in sehr gut ausgestatteten Schulbibliotheken, die als kleine Filialen von Öffentlichen Bibliotheken funktionieren oder funktionieren könnten, finden sich manchmal pädagogische Bestände, dann aber als Teil der für alle zugänglichen Bestände.]

Es gab in auch bis in die 1970er Jahre hinein immer wieder Diskussionen dazu, ob Klassenraumbibliotheken oder zentrale Schulbibliotheken (also eine Bibliothek für die ganze Schule) sinnvoll wären. Diese wurden teilweise mit grossem Verve geführt. Dann verschwand auch diese Debatte aus der Diskussion, so wie die zu Bibliotheken für Lehrpersonen. Was nicht heisst, dass dies in den Schulen auch vorbei ist. Es finden sich sehr wohl Klassenraumbibliotheken. Aber in der Literatur erscheinen eigentlich nur noch zentrale Schulbibliotheken, ohne das dies noch gross nachgewiesen wird.

Interessant ist zum einen, nachzuvollziehen, wann diese Debatten auftauchten, wann sie intensiv geführt wurden und wann sie verschwanden. Zum anderen wird es dann interessant zu fragen, warum diese unterschiedlichen Formen von Schulbibliotheken nicht nur existierten, sondern zum Thema von bibliothekarischen Diskussionen wurden, die ja auch bestimmen sollten, was Schulbibliotheken an sich sind (also welche Funktion diese Debatten für die Profession hatten) und warum sie ihre Funktion irgendwann verloren – und ob die Funktion verschwand oder einfach an andere Debatten überging.

Diskontinuität: Bewertung des Personals in den Schulbibliotheken

Ein weiterer Unterschied zu späteren und aktuellen bibliothekarischen Texten zu Schulbibliotheken ist die Bewertung des schon vorhandenen Personals in Schulbibliotheken. Wie gesagt, vermittelt auch Palmgren den Eindruck, dass ein richtige Schulbibliothek eine mit bibliothekarisch gebildetem Personal sei. Dessen ungeachtet ist sie aber voller Lobes für das Personal und zeigt grosses Verständnis dafür, dass es die Bibliotheken nicht so führt, wie es der Meinung Palmgrens nach notwendig wäre:

„[Mit Ausnahme einer Bibliothek, K.S.] sind die Bibliothekare immer zugleich Lehrer an der betreffenden Schule. Um der Bibliothek ordentlich vorstehen zu können, müssten sie einen viel grösseren Teil ihrer Zeit opfern; da aber ihr Gehalt als Bibliothekar von etwa 75 Kronen bis höchstens 300 Kronen jährlich schwankt, kann man nicht verlangen, dass jemand in diesen teuren Zeiten gewillt ist, von seinen Mussestunden so viel zu opfern, als nötig ist, um eine Bibliothek, selbst eine kleinere, rationell zu verwalten. Bedenkt man noch den Umstand, dass unsere Schulbibliothekare nicht speziell für das Bibliotheksfach herangebildet, sondern auf diesem Gebiete Autodidakten sind, dann versteht man leicht, dass schon die Kataloge, selbst in ihrer jetzigen Gestalt, den Bibliothekaren mehr Zeit und Mühe kosten als was ihrem geringen Honorar entspricht.” (Palmgren 1909: 203)

Sie zeigt sich auch beeindruckt vom Elan der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an ihrem Kurs. Dies steht im Kontrast zu einigen Beiträgen aus den 1970er bis 1990er Jahren, in denen recht offen gewertet wurde, dass solche Personen eigentlich aus den Schulbibliotheken herausgedrängt werden müssten. Und es steht auch im Kontrast zur heutigen Situation, in welcher das real in den Schulbibliotheken tätige Personal praktisch gar nicht mehr erwähnt wird. War Palmgren einfach nur höflicher? Oder zeigt diese Veränderung auch eine Veränderung des Denkens über Bibliotheken an?

Fazit

Zusammengefasst kann man sagen, dass der Text von Palmgren weit mehr Kontinuitäten zu heutigen bibliothekarischen Texten zu Schulbibliotheken aufweist, als Diskontinuitäten. Was heisst das? Hat Palmgren einfach vor 109 Jahren schon gewusst, was 2018 noch wichtige Themen sind? Haben sich die Themen einfach nur sehr langsam verändert (während die Gesellschaften sich doch massiv verändert haben)? Sind bestimmte Themen und Diskurse einfach Teil der bibliothekarischen Identität? Hat ihre Thematisierung – ja oft eher als Behauptungen und weniger als überprüfte und empirisch gefestigte Aussagen – eine Funktion für das Bibliothekswesen? Muss es diese Behauptungen aufstellen und diese Fragen thematisieren, um sich als modernes Bibliothekswesen zu verstehen? Und – quer dazu – wie ist es dazu gekommen, dass einige Dinge sich doch verändert haben?

Solche Fragen treiben mich um, wenn ich mich mit bibliothekarischen Texten von 1870 (oder so) bis heute beschäftige. Dabei geht es mir gar nicht einmal darum, zu einer Wahrheit über die Bibliotheken vorzustossen, also zu versuchen, zu sagen, was richtig oder falsch ist. Mir geht es erst einmal darum zu verstehen, welche Einschlüsse und Ausgrenzungen durch die bibliothekarischen Diskurse produziert werden (z.B. durch die Einteilung in richtige und nicht ganz so richtige Schulbibliotheken), welche Diskurse langlebig sind und welche kurzlebig. Mich interessieren auch „roads not taken”, also Entwicklungen im Bibliothekswesen, die mal so möglich erschienen, dass sie thematisiert wurden, und die dann doch nicht verfolgt wurden. Es ist also erstmal ein geschichtliches Interesse.

Aber nur, weil ich erst einmal nicht sagen will, was richtig ist und was falsch, und auch nicht, was Bibliotheken aus ihren Diskursen lernen müssen, schiene es mir doch für all die Bibliotheken, in denen ständig Entscheidungen getroffen werden müssen (was warum zu tun ist, welche Argumente für welche Angebote gelten und welche nicht, was als sinnvoller Diskurs / als sinnvolles Argument wahrgenommen wird und was nicht), sinnvoll, wenn mehr über die tatsächlich geführten Debatten der vergangenen Jahrzehnte bekannt wäre. Heute scheint vor allem der Gestus vorzuherrschen, zu behaupten, gerade jetzt würden sich die Bibliotheken neu erfinden und wie sie vorher wären, dass sei bekannt — aber so seien sie nicht mehr. Das ist ein Gestus, der es einfach macht, alles mögliche als neue Entwicklung zu verstehen. Es ist aber falsch: Der Grossteil dessen, was als neu oder innovativ gilt, hat seine Pendants in den schon vorhandenen bibliothekarischen Debatten der letzten Jahrzehnte, auch wenn diese Verbindungen nicht bekannt sind. Wäre es deshalb nicht sinnvoller, zu wissen, was schon diskutiert, behauptet, erhofft wurde, um auf dem Scheitern solcher Behauptungen aufzubauen (wenn zum Beispiel sichtbar wird, dass das gleiche Argument für ein bestimmte Entwicklung seit Jahrzehnten wiederholt wird, also doch nie umgesetzt wird) anstatt das Gleich immer nochmal zu machen?

 

Fussnoten

1 Die ganzen Diskussionen um die “Freihand”-Bibliothek enden zum Beispiel in den 1960ern ganz einfach. Vorher wurde darüber gestritten, ob das eine sinnvolle Form von Bibliotheken sein könne, wie es mit dem Bildungsanspruch der Bibliotheken sei. Es gab Bibliotheken, die “es ausprobierten”, die nach vorne stürmten und (mehrfach) behaupteten, die ersten zu sein, die eine Freihand einrichten würden. Es gab Diskussionen darum, wie viel Personal benötigt würde, um in einer Freihandbibliothek noch Bildungsberatung anbieten zu können. – Und dann, fast auf einmal, werden neue Bibliotheken als Freihand-Bibliotheken gebaut oder als solche neu eingerichtet, und es wird gar nicht mehr thematisiert. Nur, wenn in den Berichten in der bibliothekarischen Presse dazu Bilder oder Raumskizzen beigegeben werden, ist das dann noch sichtbar.

2 Zum Beispiel Bibliotheksstatistik, Effizienzvorstellungen bei Zentralkatalogen oder der Zusammenlegung von Bibliotheken, Berufsbilddiskussionen – das zieht sich seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder durch, nur halt am Anfang mit einem historischen Wissen davon, was schon gesagt wurde, dann irgendwann ohne dieses Wissen, so als wären die Themen, Argumente und so weiter neu – was sie wohl auch sind im Sinne von “hatte ich, die Autorin / der Autor vorher noch nicht”, aber nicht im Sinne von “gab es vorher noch nicht / hat noch nie jemand geschrieben”.

3 Zum Beispiel wird unter dem Begriff “Jugendliteratur” erst die ganze “Schmutz und Schund”-Debatte geführt und nach der “guten Jugendliteratur” gesucht, dann in den 1960ern ohne grossen Übergang nicht mehr vor Literatur gewarnt, sondern nur noch empfohlen und dann ab den 1980ern gefragt, was die Jugendlichen lesen, damit sie in die Bibliothek kommen.

4 Die ganze “Schmutz und Schund”-Idee, dass ein Grossteil der Literatur für Kinder und Jugendliche schlecht sei und sie auf “schiefe Bahnen” bringen würde, die lange Jahrzehnte ein Antrieb für die bibliothekarische Arbeit war (heute sieht das wie ein absurder Nebendiskurs aus, aber es war eine prägende Überzeugung, die bis in die 1950er explizit in den bibliothekarischen Medien als Mainstream vertreten wurde) – die ist zum Beispiel tatsächlich an ihr Ende gelangt.

5 Marketing in / für Bibliotheken, das taucht offenbar erst in den 1960ern auf, soweit ich das bislang gesehen habe.

6 Übrigens eine neuere Entwicklung. Bis in die 1950er, 1960er war es noch so, dass in vielen Texten in bibliothekarischen Medien referiert wurde, was in den Jahren und Jahrzehnten vorher zum Thema gesagt wurde und dann erst versucht, an diese Debatten anzuschliessen. Heute scheint es manchmal, als würde so eine kurze historische Recherche den ganzen Diskurs von Veränderung und Neuheit unmöglich machen.

7 Da bin ich, ganz ohne Entschuldigung, dekonstruktivistisch geprägt: Diskurse, also was gesagt oder nicht gesagt wird, hat direkte Auswirkungen auf die Identität und das Denken (zum Beispiel was gedacht werden kann und was nicht) – und so auch auf die Realität. Sprache ist Macht. Sprachhandlungen etablieren, bestätigen und reproduzieren Machtbeziehungen. Ohne Diskurs keine Identität. All das. Foucault, Butler, Derrida. Aus dieser Perspektive ist es aber auch sinnvoll, die Beiträge in bibliothekarischen Medien als Diskurs zu untersuchen – und nicht, wie das auch passiert als “interessant, dass hat mal wer gesagt”.

8 Und später wohl zu denen fahren werde, die nicht einfach so per Fernleihe zu beschaffen sind. Das Zentrum für das Buch in St. Gallen scheint da zum Beispiel mehrere Besuche wert zu sein.

9 Das ganze Projekt dieser Geschichtsschreibung ist ein langfristiges, also auch keines, das schon fertig wäre. Insoweit eine Einschränkung: für das deutsche Bibliothekswesen bis 1933 und für das bundesdeutsche nach 1945, für das österreichische, auch in diesen Zeiten, sowie für das schweizerische kann man von dieser Tradition ausgehen. Für das Bibliothekswesen in der DDR vermutlich auch, aber da muss ich noch genauer schauen. Für die NS-Zeit weiss ich es noch nicht.

10 Es wird kein Grund dafür angeführt, warum dieser Text präsentiert wird. Aber das ist normal. Auch Texte über andere Ländern werden einfach so präsentiert. Vielleicht kann man das positiv als liberale Geisteshaltung des Bibliothekswesens interpretieren. Aber es ist nicht klar, wieso die Redaktion diesen Text abdruckte. Wir sind zu Interpretationen gezwungen.

11 Es scheint notwendig für diese Bibliothekswesen zu sein, eine Position gerade zum US-amerikanischen Bibliothekswesen zu entwickeln. Auch im ersten Weltkrieg und im Nationalsozialismus finden sich in den bibliothekarischen Zeitschriften (zumindest den deutschen) Abhandlungen dazu, wenn auch genau mit dem gegenteiligen Gestus, nämlich dem Anspruch, nachzuweisen, dass das deutsche besser als das US-amerikanische sei. Aber es ist auffällig: Kein anderes Bibliothekswesen regt diese ständige Auseinandersetzung an, obwohl z.B. das französische auch immer diskutiert werden könnte.

12 Wie sollte es anders sein? Zum Beispiel könnte das Personal auch Fragen haben, die es schon gemeinsam besprochen wünscht, die aber nicht so sehr mit den bibliothekarischen Überzeugungen übereinstimmen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Session für Schulbibliotheken auf einem der österreichischen Bibliothekskongress, die viele Lehrpersonen besuchten welche Schulbibliotheken leiten. Besprochen wurde in der Session welche Bücher (Nachschlagewerke) gut wären und gekauft werden sollten. Nicht mehr, nicht weniger. Dazu treffen sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare heute eigentlich nicht (mehr). Oder: Bei unserer Studie zu Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen äusserten die Lehrpersonen in den Schulbibliotheken, die wir besuchten, auch Fragen, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare irritieren würden, die sie aber beschäftigen. Zum Beispiel wollten sie Katalogsysteme, bei denen man möglichst wenige Daten eingeben muss. Welches gäbe es da? Es ging nicht darum, Daten von anderswo zu übernehmen oder aber auf RDA vorbereitet zu sein.

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Der Blick nach Skandinavien, Bücherbusse: Von Blinden Flecken. Von der Frage, warum diese Blinden Flecken sich wiederholen.

Es gibt immer wieder Sachen im Bibliothekswesen, die mich erstaunen und vermuten lassen, dass es um mehr oder zumindest um etwas anderes geht, als es auf den ersten Blick scheint. Hier mal ein solches Themenbündel, aber schon mit Vorwarnung, dass es nicht alle überzeugen wird: Bibliotheksbusse, der ständige Blick nach Skandinavien, Begehren und professionelle Identität des Bibliothekswesens.

Aarhus, Bücherbusse

Zuerst zwei kurze Geschichten.

Erstens: Im Unterricht in diesem Semester, im Kurs “Aktuelle Trends in Bibliothekswissenschaft und -praxis”. Die Idee des Kurses ist es, nicht Trends vorzustellen (weil, well: die bald keine Trends mehr sein sollten, wenn es wirklich Trends sind), sondern darüber zu reden, wie Bibliotheken überhaupt dazu kommen, etwas als Trend zu erkennen, zu nutzen und so weiter. Die Studierenden sollen später selber Trends bewerten können, auch all die Trendberichte und ähnliche Dokumente. Also: Es selber tun und gleichzeitig sich intellektuell gegen die ganzen bodenlosen “das ist jetzt Trend”-Behauptungen verteidigen können, wenn sie dann in Entscheidungspositionen sind.

Eines der Dinge, die Bibliotheken gerne machen, um Trends zu finden, ist bekanntlich zu bestimmten Bibliotheken, die gerade als fortschrittlich gelten (und / oder sich selber massiv so darstellen), zu fahren und sich die anzuschauen. Oder aber, wenn das Hinfahren nicht geht, ständige Artikel zu schreiben (in der bibliothekarischen Fachpresse) oder Vorträge zu halten, welche diese Bibliotheken vorstellen. Als Übung schauten sich die Studierenden online die Bibliothek in Aarhus an, weil es jetzt gerade (nach der Zentralbibliothek in Amsterdam und wohl – These von Bernd Schmidt-Ruhe – vor der Bibliothek in Helsinki, die demnächst eröffnet wird) diejenige ist, die als Ort gilt, an welchem man die Zukunft der Bibliotheken (zumindest der Öffentlichen) sehen würde.

Im Laufe des Semesters stellte sich dann ein potentieller neuer Kollege mit einer Probevorlesung vor. Thema war, grob, die aktuellen Entwicklungen im Bibliothekswesen. Als Beispiel für Öffentliche Bibliotheken wählte er: Aarhus.

Weiterhin wird in das Seminar immer wieder jemand eingeladen, die oder der in einem Thema im Bibliothekswesen mit eigenständiger Stimme aktiv ist. Diesmal lud ich Bernd Schmidt-Ruhe ein (Stadtbibliothek Mannheim). Er diskutierte Fragen der Bibliothekspädagogik und der Bibliotheksentwicklung. Ein wichtiges Beispiel: Aarhus.

Es scheint also keine falsche Wahrnehmung von mir zu sein, dass gerade ständig der Blick nach Aarhus gerichtet wird, um dort etwas zu finden. Wohl die zukünftigen Trends, welche für Bibliotheken wichtig werden. Oder gar die Zukunft. Zumindest: Etwas Wichtiges. Sonst würde nicht ständig nach Aarhus geschaut werden. Das hat auch Tradition. Aus dem deutschen und dem schweizerischen Bibliothekswesen heraus wird ständig nach Skandinavien geschaut, um dort etwas zu finden. Es muss also im Bibliothekswesen vermutet werden, dass es dort etwas gibt, was es zu finden lohnt.

 

Zweitens: In einem Forschungsprojekt, dass von Kolleginnen und Kollegen aus Norwegen geleitet wird, führte ich eine Umfrage unter Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in der Schweiz durch. Die Umfrage wurde so auch in anderen Ländern durchgeführt (länger habe ich über diese im Blog des SII geschrieben). Wichtig hier: Auch wenn es eigentlich ein gemeinsames Forschungsprojekt ist, setzen die Kolleginnen und Kollegen aus Skandinavien (hier Dänemark, Schweden, Norwegen) eher ihre Sicht und ihre Fragen durch. Deshalb fanden sich in der Umfrage auch Themen, die so vielleicht gar nicht auftauchen würden, wenn sie zum Beispiel nur in der Schweiz entworfen worden wäre.

Ein solches Thema war ein kleines Item in einer spezifischen Frage: Wie sind im Arbeitsalltag der Befragten bestimmte Themen gewichten? Das betreffende Item war “Buchmobil, Bücherbus”. Die Antworten dazu waren eindeutig: Praktisch gar nicht. Das ist nicht überraschend: Es gibt in der Schweiz kaum Bibliotheksbusse. Einige wenige finden sich in den französisch-sprachigen Kantonen, aber die Umfrage wurde leider nur in Deutsch durchgeführt. Aber ansonsten habe ich schon erlebt, dass ich erklären musste, was das eigentlich sein soll, ein Bücherbus, Buchmobil etc. Auch Studierende an der HTW Chur, die in Arbeiten über Bücherbusse schreiben wollten, fanden in ihren Recherchen kaum Beispiele in der Schweiz. So unbekannt sind diese. (In Deutschland gibt es mehr Bücherbusse, die in der Fachkommission Fahrbibliotheken im dbv vertreten sind. Aber auch nicht so viele. http://www.fahrbibliothek.de)

Das Item stand in der Umfrage aber, weil es für die Kolleginnen und Kollegen aus Skandinavien ganz normal ist, dass Öffentliche Bibliotheken auch Bücherbusse betreiben. (Auch in anderen Ländern. Ich stand schon in Australien neben einem Buchmobil, das da ganz normal an der Haltestelle für dieses Mobil abgestellt war. Leider geschlossen, weil Mittagspause.) Gerade im ländlichen Raum in Skandinavien sind Bücherbusse ein normales Angebot. Schaut man sich die Darstellungen der skandinavischen Bibliothekswesen an, die direkt aus diesen Ländern stammen, tauchen sie auch ständig auf. (Beispielsweise in der leider eingestellten Sandinavian Library Quarterly, früher Scandinavian Public Library Quarterly, http://slq.nu)

Was passiert hier?

Nimmt man diese beiden Geschichten zusammen, fällt auf, das irgendwas nicht stimmt: Es gibt die Tradition, wenn man nach Trends oder der Zukunft der Bibliothek fragt, nach Skandinavien zu schauen. Manchmal hat man fast das Gefühl, als wäre man durch die bibliothekarische Fachpresse besser über Entwicklungen dort informiert, als über die aus der Schweiz oder Deutschland. Aber so zusammen genommen scheint es, als würde nur nach bestimmten Dingen geschaut, nicht nach dem Bibliothekswesen selber.

Man würde erwarten, dass vor allem geschaut wird, was man in der eigenen Bibliothek, im eigenen Bibliothekswesen irgendwie übernehmen könnte – immer angepasst an die jeweilige Situation, sicher. Allerdings: Das Gebäude in Aarhus wird man nicht so einfach nachbauen, die Ausstattung mit Personal et cetera nicht so schnell realisieren können, wie man einen Bibliotheksbus als Angebot einer Bibliothek einrichten könnte.

Das Beispiel mit den Bücherbussen ist einfach gut, weil es praktisch keine Barrieren bei der Übernahme solcher Angebote in die Angebotspalette von schweizerischen Bibliotheken gäbe: Sicher, auch so ein Bus kostet; aber für ein Projekt, dass sinnvoll ist, lässt sich das in der Schweiz schon finden. Für die Busse gibt es Firmen, die sie produzieren und anpassen (das ist der Vorteil eines bestehenden Marktes für solche Busse). Das wäre kein Problem. Ländlichen Raum (und städtischen), der praktisch keine bibliothekarische Grundversorgung hat: Gibt es in der Schweiz auch. Wie man so eine “Filiale” aufbauen könnte (also: Was muss das Personal machen, was muss man organisieren, welche Medien eignen sich und so weiter): Das könnte man praktisch eins zu eins übernehmen, aus Skandinavien, aus Australien, Grossbritannien, Kanada, selbst aus Deutschland und Frankreich. Alles Notwendige ist da: Problem, Geld, Lösung, Konzepte, Erfahrungen. Es wäre sogar einmal etwas, was man Umsetzen könnte, ohne das jemand Angst vor Deprofessionalisierung oder vor dem Schliessen von Bibliotheken haben müsste. Würde mich jemand fragen, wie man ein ländliches Bibliothekswesen in der Schweiz ausbauen sollte, mit möglichst wenig Aufwand, ich würde als eine Lösung eigentlich immer Bücherbusse vorschlagen.

 

Und wenn es keine praktischen Barrieren gibt, dann liegt eine Vermutung nahe, dass es eine andere Barriere gibt. Eine psychologische? Wenn in sozialen Systemen oder bei der Identitätsbildung von Menschen, von Professionen, von Gruppen etwas ständig wiederholt wird, für das es eigentlich keinen rationalen Grund gibt, muss es einen anderen Grund geben. Sonst würde es nicht ständig wiederholt.

Was ist die Funktion dieses “Vorbeiguckens”?

Für mich scheint diese beiden Dinge eng zusammenzuhängen: Erstens, dass dieser ständige Blick nach “Skandinavien” ein sehr gerichteter ist, der nicht das gesamte dortige Bibliothekswesen erfasst, sondern unter dem Vorwand (?), nach Trends zu schauen, die etwas über die Zukunft von Bibliotheken aussagen können, nur auf sehr ausgewählte Bibliotheken oder Themen schaut. Und zweitens, dass dadurch mehr oder minder gezielt an Dingen “vorbeigeschaut” wird, die viel sinnvoller und vor allem praktischer scheinen.

Wenn man darüber nachdenkt, was eigentlich in der bibliothekarischen Literatur immer wieder aus Skandinavien angeführt wird, scheint es einen gemeinsamen Nenner zu geben: Es sind praktisch immer Sachen, die gar nicht wirklich übernommen werden können. Das gilt für Bibliotheken (Aarhus, Amsterdam), die so gross, so spezifisch, so besonders (beide sind zum Beispiel Teil der neoliberalen Aufwertung von Hafenquartieren, die jetzt nicht mehr proletarisch und industriell geprägt sind / sein sollen → Aber wie viele solche “leeren” Häfen hat es den in der Schweiz eigentlich? Wo sollte man das eigentlich reproduzieren?) sind, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie (und wenn auch im Kleinen) nachgebaut werden können. Das gilt auch für den Wunsch nach nationalen Bibliotheksgesetzen, der seit einigen Jahren immer wieder auftaucht, obwohl es sehr klar ist: Bildung und Kultur sind Ländersache beziehungsweise Sache der Kantone. Es wird kein nationales Bibliotheksgesetz geben, nicht in Deutschland, nicht in der Schweiz, egal wie oft davon in der bibliothekarischen Presse geschrieben wird und egal, wie oft auf Beispiele aus Skandinavien (die auch nicht unproblematisch sind, aber darüber wird in der deutschsprachigen bibliothekarischen Diskussion praktisch immer hinweggesehen – während Kolleginnen und Kollegen aus den betreffenden Staaten anderes berichten könnten) verwiesen wird.

 

Wie gesagt: Der Blick wird nach Skandinavien gerichtet, um dort etwas über die Zukunft der Bibliotheken zu erfahren. So steht es in den Vorworten der betreffenden Bachelor- und Masterarbeiten, in den Artikeln in der bibliothekarischen Presse und so wird es bei Vorträgen auf Tagungen und Kongressen verkündet. Das ist der postulierte Grund.

Ich vermute aber etwas anderes: Hinter diesem “Verhalten” des Bibliothekswesens gibt es einen anderen Grund. Mir scheint – aber vielleicht bin ich da zu sehr durch meine “postmodernen” Studien geprägt –, dass es eher um Begehren und Identität geht. Nicht nur Menschen bilden Identitäten aus, sondern es scheint auch Identitäten von Professionen zu geben. Und Identitäten sind nicht (gerade bei Menschen nicht) rational. Es gibt immer absurde Gefühle, Widersprüche. So entstehen Fetische, bei einigen Menschen ausgeprägter und ungewöhnlicher, bei anderen langweiliger. Aber praktisch nicht sinnvoll auflösbar. (Wir als Gesellschaft haben in breiten Teilen (wieder) gelernt, dass das auch okay ist und man Menschen nicht ihre vielleicht von aussen absurd erscheinen Teile ihrer Identitäten vorwerfen oder abtrainieren müsste, solange sie niemand damit schaden.)

Wie gesagt: Dieses Verhalten der Bibliothekswesen als Profession scheint mir besser mit diesem Modell von Identitätsbildung erklärbar als mit rein rationalen Argumenten. Es ist hoffentlich klar geworden: Wäre es rational, gäbe es keinen Grund, ständig die Bibliotheksbusse zu übersehen.

 

Hier meine These: Es ist wichtig für die Bibliothekswesen in der Schweiz und Deutschland, wenn sie nach Skandinavien schauen, auf etwas zu schauen, was praktisch nicht erreichbar und umsetzbar im eigenen Bibliothekswesen ist. Es geht nicht wirklich um Trends, sondern darum, ein Begehren zu entwickeln. Aber ein unerfüllbares Begehren, von dem eigentlich auch klar ist, dass es unerfüllbar ist. Dafür ist es besser, nicht zu genau zu schauen, nicht zu genau zu beschreiben; sich lieber von begeisterten Bibliotheksdirektoren schildern zu lassen, was alles super läuft als bei anderen Kolleginnen und Kollegen nachzufragen, was wirklich läuft und was weniger; besser sich in hübschen Bildern und Geschichten zu wälzen als mal nachzuschauen, was aus den Versprechen geworden ist, die vor einigen Jahren gemacht wurden. Es geht eher darum, ein Gefühl zu entwickeln, dass es da etwas gibt, dass man selber (als Profession) nicht erreichen kann. Niemand im schweizerischen oder deutschen Bibliothekswesen wird jemals die Bibliothek in Aarhus nachbauen können. Aber selbst wenn sich mal die Möglichkeit ergibt, werden sich Gründe finden, warum es doch noch “ein wenig so” funktionieren wird. (Beispiel: Beim Planen stellt man fest, dass die Gesellschaften doch so anders sind, dass auch das Nachbauen nicht dazu führen wird, die Bibliothek reproduzieren zu können.)

Ein Begehren, das unerreichbar bleibt, heisst das nicht, dass die Identitätsbildung scheitert. Das gilt bei Menschen wie wohl auch – so meine These hier – bei Professionen. Ein unerreichbares Begehren eignet sich gut, um sich daran abzuarbeiten. Das Sehnen nach etwas, das nicht zu erreichen ist, kann dazu führen, sich doch in diese Richtung zu bewegen. Oder gerade wegzubewegen, abzugrenzen, zumindest eine Position dazu zu finden. Oder zumindest die eigene Position realistischer zu verstehen. Dazu ist es dann aber auch nötig, ständig über dieses Begehren nachzudenken und zu reden, auch wenn es eigentlich gar nicht zum Thema passt. (Bei Freud ist es das Unbewusste, dass dann doch immer wieder auftaucht; bei Foucault gibt es diese ständige Thematisieren auch: Das ständige Reden über die Gefahren der Mastrubation für die Jugend im 19. Jahrhundert führt erst zur Ausprägung moderner Identitäten und Sexualdispositive. Die bibliothekarische Profession redet nicht über Mastrubation, aber sie redet halt ständig über Skandinavien. Oft auch ohne erkennbaren Grund, so als würde sie unbewusst immer wieder zu diesem Thema getrieben.)

 

Sicherlich: Das klingt wohl weit hergeholt. Aber mir scheint, es erklärt das Verhalten der bibliothekarischen Profession (in der Schweiz und Deutschland) in Bezug auf “Skandinavien” viel mehr, als andere Erklärungsansätze.

Wenn es eher darum geht, die professionelle Identität als Bibliothekswesen auszubilden und immer weiter zu reproduzieren (was, jetzt Butler, immer wieder zu neuen “Kopien ohne Original” führt, die sich immer wieder leicht verschieben), und wenn es bei den Blicken nach Skandinavien mehr darum geht, ein Begehren zu reproduzieren und zu aktualisieren, das nicht erreicht werden kann (weil, was wäre dann die Antriebsfeder für die Reproduktion der Identität, wenn es erreicht wäre?), dann wäre verständlich,

  1. warum dieser Blick eigentlich immer auf Dinge gerichtet wird, die nicht wirklich umgesetzt werden können, und nicht auf das, was tatsächlich zu Veränderungen führen kann
  2. warum die Trends, die da in Skandinavien “gefunden” werden, eigentlich nie zu Veränderungen führen, sondern nur dazu, dass man sie einige Jahre später wieder “findet”,
  3. warum nicht die Breite zählt, sondern immer wieder Bibliotheken oder spezifische Themen, an denen sich dann länger abgearbeitet wird,
  4. warum die bibliothekarischen Texte, die sich mit diesen skandinavischen Bibliothekswesen befassen, sehr an der Oberfläche bleiben und kaum diskutieren, was alles nicht funktioniert oder wirklich anders ist (weil, was Begehrt wird, muss nicht lange diskutiert und abgewogen werden, sonst wäre es viel zu rational),
  5. warum die Texte, liest man sie aus dem Blickwinkel, aus dem sie angeblich geschrieben sind (Trends finden, Zukunft anschauen), eher unbefriedigend unklar und ungenau bleiben (weil es halt eigentlich doch nicht darum geht),
  6. warum stattdessen mal direkt, mal indirekt in diesen Texten der Eindruck vermittelt wird, dass das schweizerische oder deutsche Bibliothekssystem unfertig sei, immer unfertig und auf dem vorgegeben Weg zurückgeblieben (so als würde die professionelle Identität davon abhängen, sich als “auf dem Weg”, aber auch “unerreichbar weit weg vom Ziel” zu verstehen)
  7. warum eigentlich die Auswahl der beschriebenen Länder und Bibliotheken nie wirklich begründet wird, aber sich immer wieder die gleichen Länder und (für eine Zeit, bis sie abgelöst werden durch neue Beispiele) immer wieder die gleichen Bibliotheken finden (würde es wirklich um “neue Trends” gehen, wäre es viel sinnvoller anderswo zu schauen, wo halt noch nicht geschaut wurde, in anderen Ländern, in anderen Bibliotheken; dass schon mal jemand über Aarhus geschrieben hat, sollte dann eher ein Grund sein, genau dort nicht zu schauen; zudem wäre es wohl mehr zu begründen, wenn man zum Beispiel nach “Anregungen und Trends” für Bibliotheken schaut, eher nach den Bibliotheken zu schauen, die Parallelen zu den eigenen Bibliotheken aufweisen, was in der Schweiz halt nicht so sehr grossstädtische Bibliotheken wie Aarhus wären, sondern mittelgrosse)

 

Wenn das überzeugt, dann wäre es aber auch falsch, es als ungenügend zu bezeichnen, wenn der nächste solche Text, die nächste solche Abschlussarbeit, der nächste solche Vortrag um die Ecke kommt. Es wäre dann eher so, als seien solche Beiträge notwendig, um die Profession des Bibliothekswesens als solche zu aktualisieren und zu reproduzieren (und damit auch zu verändern, weil jede Reproduktion eine ist, die etwas verändert). Halt als Rhetorik.

 

Und es würde selbstverständlich auch bedeuten, dass wir anderswie schauen müssten, ob Trends zu erkennen sind. Aber vielleicht gehört auch das Suchen nach Trends (die dann nur ungenau beschrieben werden) zum aktuellen Identitätskern des Bibliothekswesens.

Warum es falsch ist, wenn in Bibliotheken alles durch die Leitungen überprüft wird, bevor es publiziert wird

In diesem Post werde ich ein Thema ansprechen, dass mir wichtig, aber kaum greifbar erscheint. Kaum greifbar, weil es strukturell (wohl) so funktioniert, dass es kaum nachzuweisen ist. Es ist auf viele Vermutungen, Indizien, Geschichten, die unter der Hand erzählt werden (davon aber viele) angewiesen. Und vielleicht deute ich mal wieder vieles negativer, als es ist.

Das Schweigen nach den Calls (for Papers)

Wir in der LIBREAS-Redaktion gehen bei neuen Aufgaben immer gleich vor: (1) Wir einigen uns intern auf ein Thema, von dem wir hoffen, dass es interessant genug ist, um ausreichend viele Beiträge für eine Ausgabe einzuwerben. (2) Wir schreiben einen Call for Papers, der zu Einreichungen aufruft, inklusive offenen Fragen, an denen man anschliessen könnte und dem Angebot, mit der Redaktion über Ideen für Beiträge zu diskutieren. (3) Wir werben direkt Artikel ein, aber eigentlich warten wir auf Einreichungen von Kolleginnen und Kollegen, die wir nicht schon kennen. Aber nur ein ganz kleiner Teil der Beiträge, die bei uns erscheinen, sind direkt eingereicht. Das ist, wie wir feststellen konnten, bei fast allen deutschsprachigen Zeitschriften im Bibliotheksbereich ebenso, auch den lange etablierten. Von bibliothekarischen Konferenzen und Tagungen wird ähnliches berichtet. Sicher, der Bibliothekstag hat immer zu viele Einreichungen (zumindest für Vorträge und Workshops, aber für Poster und Clips scheint es auch anders auszusehen), aber andere Konferenzen sind oft darauf angewiesen, Sprecherinnen und Sprecher direkt einzuladen.

Es gibt nach den meisten Calls for Papers (oder ähnlichem) im Bibliotheksbereich vor allem eines: Ein grosses Schweigen. Egal zu welchem Thema, egal zu welchen Formen von Beiträgen, egal in welcher Form die Calls jeweils gestaltet sind.

Warum ist das so?

Neben all den Vorschlägen, wie man die Calls ändern könnte oder die Konferenzen ändern könnte oder die Form der Beiträge in Zeitschriften ändern könnte oder ähnlichem, hört man immer wieder eine Variation folgender Antwort: Wir dürfen nicht. Oder: Es ist schwierig, alles muss erst mit der Chefetage abgesprochen und von denen abgenickt werden.

Es scheint, als gäbe es in vielen (nicht allen!) Bibliotheken Strukturen, Vorschriften und Arbeitskulturen, die jede Äusserung nach aussen extrem eng kontrollieren und steuern wollen. (Und das macht es selbstverständlich schwer überprüfbar, weil: Wie soll das wer bestätigen oder zeigen, wenn auch diese Aussage erst durch die Ebenen kontrolliert werden müsste?)

Man sollte sich aber keine Illusionen machen: Das sind keine Einzelfälle, sondern das hört man oft von kleinen Bibliotheken und von riesig grossen, von gut etablierten und von gänzlich unbekannten, aus Öffentlichen Bibliotheken und aus Wissenschaftlichen.1

Ein Effekt dieser Strukturen scheint zu sein, dass viele Kolleginnen und Kollegen zu demotiviert sind, Beiträge zu verfassen (oder Vorträge, Workshops etc. bei Konferenzen einzureichen). Es mag andere Effekte geben, ich würde hier aber gerne über diese Demotivation nachdenken, denn sie hält meiner Meinung nach die offene Diskussion über die tatsächlichen Entwicklungen, Probleme und Lösungen im Bibliothekswesen auf.

Zum einen ist es eine Hürde für die, die etwas publizieren könnten; eine weitere Hürde zu all den anderen. Man kann dann nicht einfach eine Idee für einen Beitrag haben und die angehen, sondern muss von einer Idee erst überzeugt genug sein, um überhaupt dafür diese Hürde anzugehen. Je höher sie ist, umso eher wird sie nicht angegangen werden. Je öfter man an ihr scheitert (weil die Zustimmung ganz verweigert wird oder weil zu sehr in Beiträge eingegriffen wird, so dass vielleicht der Eindruck entsteht, dass man bestimmte Ideen, Diskussionen etc. eh “nicht durchbringt”) umso eher wird sie nicht (mehr) angegangen. Sicherlicher: Die ein oder andere Person ist überzeugt genug, um es doch zu tun. Aber es ist eine Einschränkung. Zum anderen ist es eine Hürde dafür, ehrlich über Ideen, Vorstellungen, Probleme zu diskutieren, wenn man den Eindruck hat, dass die Direktion oder die Marketingabteilung oder jemand anders die Beiträge, die publiziert werden dürfen, eh immer in eine bestimmte Richtung lenkt: Sei es, dass die Bibliothek nach aussen gut dasteht, sei es in Richtung der Lieblingsthemen der Direktion.2

Sicher: Das sind alles Annahmen, aber mir scheint, es sind keine an den Haaren herbeigezogenen Annahmen. Wichtig ist hier: Auch kleine Hürden sind Hürden, die nicht alle immer abhalten, aber viele immer wieder mal.3

Wenn dies aber nicht nur in einigen Bibliotheken der Fall ist (denen, von denen unter der Hand immer berichtet wird, dass sie eine schreckliche Arbeitskultur hätten), sondern ein weit verbreitetes Phänomen ist, dann hätte dies auch Auswirkungen darauf, wie sinnvoll eigentlich z.B. die bibliothekarische Literatur für eine gemeinsame Diskussion an bibliothekarischen Themen ist. Wenn da eh nur eine kleine Anzahl von Personen sich traut, zu publizieren (die, die über diese Hürden springen, weil sie überzeugt von Ihrem Beitrag sind; die, die in Einrichtungen arbeiten, wo sie nicht abgehalten werden oder wo Publikationen gar gefördert werden; die, die im Auftrag oder Sinn der Direktionen und Marketingabteilungen schreiben.), dann scheint das eine sehr enge Auswahl zu sein, die eben keine repräsentativen Bereich des Bibliothekswesens abdeckt.

Was könnten Gründe für diese Haltung sein?

Ich denke nicht, dass Bibliotheksdirektionen absichtlich Diskussionen verunmöglichen oder ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter demotivieren wollen. Aber das heisst nur, dass es andere Gründe für diese Strukturen geben muss. Welche könnten das sein?

  • Die erste Vermutung ist wohl immer wieder die, dass die Direktionen oder Marketingabteilungen Angst vor einem “Gesichtsverlust” haben. Irgendetwas könnte ein unerwünschtes Bild von der Bibliothek vermitteln: Das sie nicht (nur) innovativ ist; das nicht alle in ihr einer Meinung sind; das auch mal was schief geht; was auch immer sonst für Ängste vorherrschen. Das ist selbstverständlich vollkommen aussichtslos: Irgendeine Meinung bilden sich die anderen Bibliotheken immer, deswegen wird ja so viel unter der Hand besprochen und gelästert auf den Tagungen, Weiterbildungen, anderen Treffen. Die Träger hingegen nehmen die bibliothekarische Literatur eh kaum wahr. Warum auch? Sie sehen es wohl eher als gegeben an, dass die Bibliotheken untereinander diskutieren und sich gemeinsam entwickeln. Wenn die Vermutung stimmt, dann würden Diskussionen im Bibliothekswesen nur auf einer Ebene verhindert (mit welchem Aufwand?), um unter der Hand doch aufzutauchen. Vor wem soll dann hier eine “Gesichtsverlust” verhindert werden? Vor wem will man – und wieso – eigentlich “gut dastehen”? Den anderen Bibliotheken? Was soll das bringen? Eventuell könnte man es noch einer Marketingabteilung nachsehen, dass Sie denkt, immer für ein gutes Aussenbild sorgen zu müssen. Irgendwie ist das ihre Aufgabe. Man müsste ihr aber trotzdem untersagen, in Fachdiskussionen einzugreifen, weil das doch eine Überinterpretation ihrer Aufgabe ist.
  • Eine andere Vermutung könnte sein, dass es eine gewisse Angst vor den eigenen Angestellten gibt. Wäre so etwas möglich? Will man die Meiungen und Gedanken des eigene Personals gar nicht hören? Unter der Hand – wieder: vor allem unter der Hand – wird auch solches aus Bibliotheken berichtet. Nur wieso nicht? Traut man dem Personal nicht zu, Aussagen über bibliothekarische Themen zu machen? Hat man Angst, dass der eigenen Direktion widerspricht? Wäre das wirklich so schlimm? Vielleicht, wenn man als Direktion eine autoritären Stil pflegt, wo die oben nachdenken und dann sagen, was zu tun ist, während die unten schweigen und ausführen. Aber das ist ja kein sinnvolles Vorgehen, egal welche Einrichtung man leitet, schon gar nicht, wenn die so viel mit eigenem Denken und Handeln zu tun hat, wie Bibliotheken.
  • Menschen, die (viel) schreiben, sind meist auch Menschen, die viel lesen. Irgendwie muss man ja zu der Überzeugung gelangen, dass es sinnvoll ist, sich an Diskussionen etc. zu beteiligen; wirkliche Beteiligung gibt es nur, wenn man die anderen Stimmen (ergo Texte) auch wahrnimmt. Insoweit könnten die Barrieren auch heissen, dass man (als Direktion) gar nicht davon ausgeht, dass das Personal an bibliothekarischen Diskussionen teilnehmen soll. (Sondern nur die Direktionen?) Das kann natürlich zusammenhängen: Wenn man eh davon ausgeht, dass nur die Direktionen nachdenken und Entscheidungen treffen sollen, das restliche Personal nur ausführen darf, dann wäre es auch folgerichtig, dass nur die Direktionen die bibliothekarische Literatur lesen und dann an Debatten partizipieren sollten. Aber wie will man eine Bibliothek sinnvoll steuern, wenn das Personal die bibliothekarische Literatur gar nicht wahrnehmen soll?
  • Damit zusammenhängend könnten Direktionen die bibliothekarische Literatur und Diskussion auch geringschätzen und nicht wahrnehmen wollen. Teilweise ist dies der Eindruck, wenn man sieht, wie wenig von dem, was in bibliothekarischen Medien publiziert wird, jemals wieder zitiert oder irgendwie anders als Teil einer Diskussion wahrgenommen wird. Wenn in einigen Zeitschriften viele Beiträge sich wie Presseerklärungen lesen, dann scheint es manchmal, dass hier vor allem aneinander vorbei geredet wird. (Was nicht heisst, dass die Beiträge nicht irgendwie anders wahrgenommen und genutzt werden.) Eine solche Geringschätzung würde aber Potentiale eine lebendigen Diskussion verschenken, gleichzeitig aber auch erklären, warum man Barrieren aufbaut. Dann wäre es vielleicht gar nicht gewünscht, dass das Personal gar noch Arbeitszeit für die Beteiligung an diesen Diskussionen nutzt.
  • Vielleicht aber ist den Direktionen auch gar nicht bekannt, dass eine Anzahl ihres Personals – sicher nicht alle, ich habe auch schon Kolleginnen und Kollegen getroffen, die explizit nicht in die Wissenschaft, sondern in die Bibliothek gegangen sind, um nicht publizieren zu müssen – tatsächlich gerne an Debatten teilnehmen oder zumindest etwas publizieren würde. Eventuell wollen Direktionen hier ihr Personal schützen, obwohl es selber für sich alleine gut klarkommen würde. Weitergedacht könnte da auch viel Diskussionspotential in Bibliotheken vorhanden sein, dass mit etwas Förderung genutzt werden könnte.
  • Und ein Zusammenspiel dieser Faktoren wäre auch immer möglich: Vielleicht wollen gerade Personen in Leitungsfunktionen nicht publizieren oder sehen das als schwer an und können deshalb gar nicht richtig reagieren, wenn ihr Personal da anders funktioniert und publizieren will? Vielleicht sehen sie die bibliothekarische Literatur als unwichtig an, weil sie sie als reine Darstellung von positiven Presseberichten wahrnehmen und halten deshalb mehr oder minder ihr Personal ab, etwas zu publizieren (obwohl sie vielleicht etwas ganz anderes publizieren würden)?

Wie wirkt so etwas nach innen?

Wie gesagt: Ob die Situation wirklich so ist, wie sie erscheint, ist nicht ganz zu klären. Es scheint aber so. Warum sie eventuell so ist, kann noch mehr nur vermutet werden. Man kann aber sogar noch einen Schritt weitergehen und Vermutungen darüber anstellen, wie diese Situation sich in Bibliotheken selber manifestiert: Wie fühlt es sich an, in einer solchen Bibliothek tätig zu sein?

Mir scheint, so hat der Post ja begonnen, mit einer grossen Demotivation des Personals, gewiss nicht des gesamten, aber schon einer ganzen Anzahl von Personen. Sonst würde man solche Klagen nicht immer wieder hören. Es wäre auch verständlich: In Bibliotheken arbeitet eine ganze Anzahl von Personen, die sehr gut ausgebildet sind (egal, ob sie direkt über Ausbildung oder Studium ins Bibliothekswesen gekommen sind oder ob sie erst anderes studierten und dann über das Referendariat einstiegen) und die deshalb oft ein Interesse haben werden, ihre Fähigkeiten einzusetzen oder auch einmal etwas Neues, Interessantes zu machen. Wenn diesen Personen Barrieren in den Weg gestellt werden (und es ist ja zu vermuten, dass, wenn es Barrieren zur Publikation gibt, es auch andere Barrieren gibt, z.B. bei der Beteiligung an internen Projekten), selbst dann, wenn sie diese immer wieder einmal “überspringen” können, führt dies wohl zu Demotivationen. Es kann gut sein, dass das Personal Vertrauen in einige seiner Fähigkeiten (z.B. zu Argumentieren, wenn Argumente eh nicht geäussert werden können, oder die Übersicht zu einem Thema zu haben, wenn das ausreichende Lesen bibliothekarischer Literatur eh nicht gewünscht ist) verliert. Gesteigert werden kann dies, wenn die Barrieren beinhaltet, dass alles, was publiziert werden soll, auch noch von verschiedenen Stellen abgesegnet werden muss. Dann kann man sich gut vorstellen, wie der Eindruck entsteht – auch wenn er nicht gewollt ist –, dass man beim Publizieren überwacht wird, was freie Kommunikation ebenfalls einschränkt.

Aber es wird nicht nur auf das Personal selber wirken. Die Bibliotheksleitungen erzeugen mit einem solchen Verhalten gegenüber ihrem Personal vielleicht den Eindruck, Angst vor Diskussionen und Publikationen zu haben. Vielleicht auch Angst vor mehr, vor kompetentem Widerspruch aus der eigentlich Praxis? Vor Störungen in der eigenen Strategie? Vor inhaltlichen Auseinandersetzungen mit dem Personal selber? (Und noch weiter: Vielleicht auch vor Auseinandersetzungen mit anderen Bibliotheken? Vielleicht ist die Leitung dann noch nicht mal in der Lage, ihre Strategien mit dem Wissen anderer Bibliotheken abzustimmen, sondern nur in der Lage, ihren eigenen Vorstellungen zu folgen, ohne diese z.B. mit Erfahrungen aus anderen Einrichtungen abzugleichen?) So oder so: Eher schwach, nicht kompetent.

Wie wirkt so etwas nach aussen?

Die geschilderte Situation ist nicht nur für die Zeitschriften und Teams, die Konferenzen veranstalten, ärgerlich. Es leidet auch das gesamte Bibliothekswesen darunter. Wenn keine ordentliche Diskussion zustande kommt, weil Texte entschärft, nicht publiziert oder gar nicht erst geschrieben bzw. angedacht werden, dann verbleiben die Diskussionen bestenfalls an der Oberfläche. Es werden dann nur noch schöne, fertig Lösungen präsentiert, ohne so richtig fragen zu können, wie die Lösungen zustande kommen, ob es wirklich die besten Lösungen sind, ob die Probleme, die gelöst werden, überhaupt wirklich die relevanten Probleme sind. Und man kann vor allem gar nicht aus Fehlern lernen, nicht nur nicht der anderen, sondern auch der eigenen; wenn immer gleich daraufhin gezielt wird, Positives darzustellen. Damit entfernt sich dann die bibliothekarische Literatur auch von der – bekanntlich nicht so einfach in richtig oder falsch, präsentierbar oder Fehler – Realität. Sie wäre dann tatsächlich kaum noch ein Ort für die Funktion, die sie eigentlich haben sollte, nämlich ein Ort für Debatten.

Es gibt dann auch gar keinen Ort, an dem Theoriearbeit stattfindet. Man kann so überhaupt nicht durchdenken, was sich z.B. im Bibliothekswesen wieso ändert, sondern man muss darauf vertrauen, dass das schon irgendwie von irgendwem erkannt wird. Aber diskutieren kann man darüber nirgends.

Letztlich würde dann auch methodische Arbeit an Herausforderungen gar nicht mehr gemeinsam, also innerhalb des Bibliothekswesens, stattfinden können, sondern nur noch in den Bibliotheken selber. Sicherlich gibt es auch andere Wege solche methodische Arbeit zu organisieren, durch Kooperationen und Arbeitsgruppen und so weiter. Aber auch das verhindert wohl nicht die, im besten Fall, entstehende Doppel- und Dreifacharbeit.

Wie es auch sein könnte

Wie gesagt, vielleicht schätze ich das alles falsch ein und es gibt z.B. andere Gründe dafür, dass es schwer ist, Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu finden, die publizieren oder auf Konferenzen auftreten wollen. Vielleicht ist es ein Zeichen der Zeit.

Und dennoch kann ich mir ein anderes Bibliothekswesen vorstellen: Es sollte eigentlich das Ziel von Bibliotheken sein, eine funktionierende bibliothekarische Diskussion zu etablieren, in der auch offen methodische und theoretischen Arbeit geleistet werden kann und in der auch Probleme, potentielle Fehlentwicklung etc. diskutiert werden können. Das heisst nicht, dass nicht auch Lösungen präsentiert und Erfolge gefeiert werden könnten, aber gerade nicht nur und nicht immer wieder in diesem Pressemitteilungsstil. Und auch nicht immer wieder so auf eine Bibliothek bezogen, sondern kontextualisiert in einer gemeinsamen bibliothekarischen Diskussion. Schon, weil es für alle Beteiligten zu einer besseren bibliothekarischen Praxis (okay, zu einer besser informierten bibliothekarischen Praxis zumindest) führen sollte.

Dafür müssten Fachkräfte als das wahrgenommen werden, was sie sind: Fachkräfte mit spezifischen Kompetenzen und Interessen; in der Lage, sich selber Gedanken zu machen und sich zu äussern; oft auch mit einer akademischen Ausbildung. Es sollte das Ziel sein, auf dieser Fachkompetenzen zurückzugreifen. Sonst wäre die ganze Ausbildung eigentlich unnötig und auch das Einstellen von Fachpersonal. In der Bibliothek sollte es das Ziel der Direktionen sein, dass das Personal seine Arbeit gut machen kann – und das kann es oft, wenn es den Eindruck hat, nicht ständig kontrolliert zu werden und wenn es die Möglichkeit hat, sich auszutauschen. Direktionen sollten darauf abzielen, dies zu ermöglichen.

Das heisst nicht, dass ein Review von Publikationen immer falsch wäre. Wenn eine Bibliothek Personal und Zeit dafür hat und wenn das Review darauf abzielt, eine Publikationen oder einen Vortrag etc. besser zu machen (z.B. inhaltlich zu glätten) und nicht darauf abzielt, den Ruf der Bibliothek zu sichern, dann kann es sinnvoll sein. Aber nur dann. Personal sollte dazu motiviert werden, sich zu äussern. Wer publiziert liest nicht nur oft mehr, sondern nimmt sich auch beim Schreiben die Zeit für Reflexion und Darstellung von Problemen, Angeboten, Lösungsansätzen etc. Schreiben oder Vortragen führt zum Nachdenken über die bibliothekarische Praxis – was wiederum der Praxis selber hilft. Die Motivation muss nicht regellos erfolgen. Es ist schon okay darauf zu bestehen, dass bestimmte Regeln eingehalten werden (aber sinnvolle Regeln, so sollte keine Kritik verboten, aber vielleicht potentialorientierte Kritik eingefordert werden). Wenn die Gründe für bestimmte Regeln genannt werden, ist schon zu erwarten, dass sie eingehalten werden – wie gesagt arbeitet in Bibliotheken Fachpersonal, meist hoch engagiert. Da kann man erwarten, das guten Gründe überzeugen.

Marketing und bibliothekarische Fachpublikationen sollten strikt getrennt werden. Es bringt nichts, wenn eine Bibliothek sich gesondert gut in der bibliothekarischen Literatur darstellt. Was sollte dadurch auch gewonnen werden? (Gutes Personal? Das gewinnt mal wohl eher, wenn man den begründeten Eindruck vermittelt, dass das Personal auch ernstgenommen wird.4)

Sicherlich: Das ist ein Vorschlag, wie es sein könnte; nicht mehr. Aber mir scheint, über das Problem (Phänomen) sollten wir schon mal reden, und das nicht nur in Redaktionen und Organisations-Teams, sondern auch im gesamten Bibliothekswesen.

 

Fussnoten

Es gibt unter der Hand auch immer wieder Bemerkungen über Bibliotheken, die “immer auf dem Bibliothekstag sind” oder “immer schreiben”, unterfüttert mit der Vermutung, dass diese sich unnötig stark in den Vordergrund drängen würden. Aber vielleicht sind es auch einfach Bibliotheken, in denen nicht solch eine Arbeitskultur herrscht? Das bekannteste Beispiel ist wohl die Stadtbibliothek Köln, die (also deren Chefin und andere Kolleginnen und Kollegen) ständig irgendwo auftauchen. Was die vortragen oder publizieren ist schon manchmal kritikwürdig, aber niemals hat man den Eindruck, hier würde wer kontrolliert und müsste Beiträge erst lange absprechen. Eher im Gegenteil. Mir scheint aber, dass das vor allem auffällt, weil es in anderen Einrichtungen nicht so verbreitet ist.

Hier sei nur auf die Darstellungen verwiesen, die offiziell von der ZLB in Berlin publiziert werden und die, welche der Personalrat der ZLB publiziert. Durch den Personalrat und seine gesicherte Stellung gibt es in dieser Bibliothek immerhin eine Möglichkeit, anders zu publizieren als über die Direktion. In anderen Bibliotheken ist das nicht möglich.

Bei der Diskussion im staatliche Zensur hat sich der Begriff “Chilling Effects” eingebürgert, um diese Wirkungen zu beschreiben. Er würde inhaltlich hier schon passen, aber selbstverständlich geht es nicht um Zensur in diesem Ausmass.

Zumindest persönlich: Ich habe schon Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen nicht geschrieben, wenn mein Eindruck war, dass das Personal in diesen Einrichtungen nicht ernstgenommen wird. Dafür habe ich mich auch schon in Bibliotheken beworben, an denen ich anderes auszusetzen hatte – vor allem, wofür sie nichts können, dass sie nicht “in und bei Berlin” liegen –, aber wo mein Eindruck war, dass dort Fachpersonal auch als solches akzeptiert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, der Einzige zu sein, der oder die das so handhabt.

Wie könnte ein besserer Zukunftsreport für Bibliotheken aussehen?

Der Horizon Report ist nicht mehr

Einige Jahre lang (2015-2017) gab es bekanntlich einen Horizon Report Library Edition; jetzt nicht mehr. Der Horizon Report war, im Anschluss an den “originalen” Horizon Report, der jährlich über die Trends der Technologie für Bildung / Hochschulbildung berichtete, der Versuch, einen Trendreport für Bibliotheken auf internationaler Ebene zu etablieren. Es gab auch offenbar ein Interesse an einem solchen. Zumindest fanden sich (in der Schweiz und Deutschland) Einrichtungen, die den Report finanzierten, inklusive einer deutschen Übersetzung im ersten Jahr. Zudem waren die Downloadzahlen massiv. Rudolf Mumenthaler, der – jetzt kann man es ja sagen – vor allem dafür verantwortlich war, dass der Report überhaupt begonnen wurde, berichtete im Unterricht mehrfach davon, dass schon in der ersten Woche mehr als eine Millionen Downloads zustande gekommen waren. Ob alle, die den Report lasen, wirklich diese Art von Report haben wollten, würde ich bezweifeln. Zur schon recht rapiden Methodik, wie der Text erstellt wurde (Diskussion von Expertinnen und Experten in einem Wiki in sehr kurzer Zeit, Abstimmungen mit Punktevergabe, thematischen Fokus, Auswahl der Expertinnen und Experten) hat Rudolf Mumenthaler in der LIBREAS publiziert. Die Methodik hat dazu geführt, dass ein Text entstand; aber ob sie wirklich dazu führte, dass belastbar Trends benannt wurden, welche in den nächsten Jahren Bibliotheken beeinflussen werden, ist nicht so klar.

Sie war halt, meiner Meinung nach, an der Methodik anderer Trendreports orientiert, die ein Geschäftsfeld darstellen. Überall da, wo Geld in grossen Mengen fliesst, gibt es Institutionen, die (entscheidungsschwachen?) Managern und Managerinnen für viel Geld Trendreports verkaufen, damit diese ihre Entscheidungen (Vor allem: Wo investieren? wo nicht investieren?) daran orientieren können. Dazu braucht man klar strukturierte Aussagen, überzeugend vorgetragen, gerne mit gewichteten Listen. Aber das ist ja eigentlich nicht, was Bibliotheken brauchen (und das Team, welches der Horizon Report für Bibliotheken anstoss, versuchte auch, diese Methodik und die Thematik des Reports zu beeinflussen).

Trotzalledem: Der Report wird nicht wiederkommen. Die Organisation hinter den Horizon Reports – die Not-for-Profit Einrichtung (also quasi die Stiftung) New Media Consortium – verkündete Ende 2017, dass sie pleite sei und sich auflösen würde. Das scheint unumkehrbar.

Einen neuen Report / einen bess’ren Report / den könnten wir uns dichten

Nach den beiden Ausgaben 2015 und 2017 wird es also keine weiteren dieser Reports mehr geben. Man kann das bedauern, aber man könnte es auch als Ausgangspunkt dafür nehmen, darüber nachzudenken, ob das Bibliothekswesen (egal ob weltweit oder nur im DACH-Raum) eigentlich einen solchen Trend-Report braucht, wie er vielleicht (das ist die Chance) besser gemacht werden könnte (und dabei, was besser eigentlich heisst, auch, was er überhaupt bringen soll und wem) – und dann vielleicht organisieren, dass er auch erstellt wird.

Dafür müsste eine Anzahl von Kolleginnen und Kollegen – egal, ob aus Bibliotheken, Bibliotheksverbänden oder bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen – zusammenkommen und einen solchen Report aufgleisen. (Beim Horizon Report konnte man auf eine schon fertige Methodik und Infrastruktur setzen.) Ich persönlich bin keine dieser Personen, weil ich, ehrlich gesagt, den Sinn hinter solchen Reports immer noch nicht sehe. Aber ich sehe auch, dass es ein Interesse an den Horizon-Reports gab. Insoweit muss es Personen geben, die von ihnen überzeugt sind. Und ich denke, dass gerade jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, darüber zu diskutieren, ob es einen Nachfolger des Horizon-Reports geben sollte. Jetzt ist der noch im Hinterkopf, später muss man alles wieder neu aufbauen.

Ich werfe diesen Beitrag mal in die Runde, in der Hoffnung, dass er als Anstoss wirkt für Kolleginnen und Kollegen, die sich für einen solchen, neuen Report engagieren wollen. (Per Twitter hatten sich Ende 2017 Rudolf Mumenthaler und Ursula Georgy daran interessiert gezeigt. Es müssten selbstverständlich mehr werden. Und die müssten sich organisieren.)

Eine kurze Bewertung des Horizon-Reports

Um zu entscheiden, wie eine besserer Report – und nicht einfach nur eine Fortsetzung, wenn man schon die Chance auf einen Neuanfang hat – aussehen könnte, ist es sinnvoll, sich den alten nochmal anzuschauen. Was waren negative und positive Punkte?

Erst einmal die kritischen:

  • Der Horizon-Report war, bei allen Versuchen, dass zu ändern, Techniklastig. Es ging immer um die Frage, welche Techniken wann eine Relevanz für die Bibliotheken haben werden. Das ist verständlich, wenn man sich das Ziel des (herausgebenden) New Media Consortiums anschaut. Dem ging es bei der Gründung darum, die Integration von Technik in Schulen und anderen Lehreinrichtungen zu befördern. (Deshalb erinnerte wohl auch die ganze Methodik hinter dem Report stark an IT-Projekte.) Bibliotheken und Museen kamen dann in den letzten Jahren hinzu. Aber Technik ist nicht alles; ein neuer Report muss wohl unbedingt auch andere Foki enthalten. (Als Beispiel: Die ganzen Beschäftigungen mit der Frage, was der “Raum Bibliothek” ist, werden soll und sein wird, konnten im Horizon Report so gar nicht wirklich bearbeitet werden, obwohl sie für Bibliotheken ein unheimlich wichtiges Thema darstellt.)
  • Diese Techniklastigkeit führt meiner Meinung nach auch zu einem falschen Bild von Entwicklung. Es kann sehr schnell so aussehen, als würde die Technik sich einfach so, von alleine oder zumindest auf Bahnen, die wir Normalsterblichen nicht verstehen können, entwickeln, und alles was wir – in diesem Fall die Bibliotheken – tun könnten, wäre zu verstehen, was die Technik kann, wie sie genutzt werden wird und dann rauszufinden, wie wir uns verändern müssen, um uns der Technik anzupassen. (Polemisch dargestellt. Man könnte selbstverständlich auch sagen: Wie wir uns verändern müssen, um die Potentiale der Technik auszuschöpfen.) Aber so ist das ja nicht: Wie Technik sich entwickelt, in welche Richtungen, mit welchen Schwerpunkten etc. und in welche Richtungen etc. nicht, ist immer eine Entscheidung, die auch von jemand getroffen wird. Und wie Technik genutzt, integriert etc. wird, ist auch immer eine Entscheidung, die sich nicht alleine aus der Technik ergibt, sondern aus Entscheidungen von Menschen, aus Infrastrukturen (die auch nicht einfach so entstehen), auch aus Anforderungen, die dadurch entstehen, dass etwas als modern / neu / besser etc. verstanden wird oder nicht. Es ist also nicht so, dass die Technik alleine die Richtung vorgibt. Oder anders: Die Bibliotheken haben eine grosse Agency darin, zu entscheiden, welche Technik wie “ankommen” wird oder nicht. (Es ist ja keine Überraschung, dass quasi keine Technik, auch nicht die in den Horizon Reports besprochene, jemals die Versprechen, mit der sie eingeführt wurde, einhält.)
  • Kritisch scheint an diesem Bild aber vor allem die spezifische Vorstellung davon, wie Entwicklung funktioniert, die im Horizon Report implizit vermittelt wurde. So, wie er aufgebaut und beschrieben war, wurde der Eindruck vermittelt, als gäbe es einen unaufhaltsames Vorwärtsschreiten von Entwicklung, die immer in die Richtung gehen würde, die im Report beschrieben wurde, und wir, die wir diesem Fortschritt ausgeliefert sind, können ihm eigentlich nur noch folgen – oder untergehen. Das wäre die eine, kleine Form von Agency, die man hätte: Entscheiden könnte man eigentlich nur, wann man sich auf das Eintreffen des jeweiligen Fortschritts vorbereiten würde. Aber (ganz abgesehen von den offensichtlichen geschichtsphilosophischen Hintergründen dieses Fortschrittsglaubens): so ist die Realität ja nicht. Schon die Horizon-Reports selber, liest man sie heute, zeigen ja, dass viele der Voraussagen gar nicht eingetroffen sind. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein, es könnten sich zum Beispiel die falschen Expertinnen und Experten geäussert haben. Aber ich würde argumentieren, dass das Problem in diesem impliziten Denken liegt. Entwicklung, egal ob gesamtgesellschaftlich, auf ein Feld oder einen Institution bezogen oder auch individuell, funktioniert nicht so gradlinig und vorhersehbar. Wäre es so, würden wir in einer viel besseren Welt leben. Eine Darstellung wie im Horizon Report vermittelt ein falsches Bild, weil sie z.B. über all die Entscheidungen, die von irgendwem getroffen werden, über die Widersprüche bei der Umsetzung von Veränderungen, über die gewachsenen Strukturen und Überzeugungen, die immer einen Einfluss darauf haben, was wie umgesetzt wird und auch über die unterschiedlichen Interessen von Institutionen und Menschen einfach hinweg geht.
  • Grundsätzlich, das sollte klar geworden sein, scheint der Horizon-Report viel zu wenig von der Gesellschaft wissen zu wollen. Es gibt in ihm einige einfache Überzeugungen (wie dass die Menschen immer individueller würden und gleichzeitig immer mehr in Gruppen lernen würden). Aber viel weiter geht das Nachdenken über Menschen und die Gesellschaft nicht. Und das ist eigentlich nicht ausreichend, wenn man über irgendetwas nachdenkt, was mit Menschen zu tun hat. Auffällig ist aber auch, dass die Reports praktisch ohne ein Bewusstsein von Geschichte, auch der Geschichte der Technologien und Trends, die sie selber erwähnen, auskam. Gerade so, als wären Technik und Trends vom Himmel gefallen. Aber wenn man Trends in oder für irgendwelche Einrichtungen beschreiben will, muss man selbstverständlich verstehen, wo diese herkommen, wie sie sich entwickelt haben und warum sie jetzt so sind, wie sie sind. Schon, weil auch Institutionen ein “Gedächtnis” haben und weitere Trends immer auf der Basis schon gesammelter Erfahrungen bewerten. Die Horizon-Reports hatten aber noch nicht einmal eine Methodik, um aus den eigenen Voraussagen (also ob sie eingetroffen waren oder nicht oder, was wohl öfter vorkommt, anders als gedacht eingetroffen waren) in die nächsten Reports einzubinden. Die Expertinnen und Experten hätten das jeweils untereinander diskutieren können, hatten dafür aber wenig Zeit. Ansonsten ging es immer nur vorwärts.
  • Der Horizon Report war gleich für die ganze Welt gedacht, mindestens für den ganzen globalen Norden. Das an sich ist nicht kritisch. Man muss nicht jede Frage immer nur auf ein Land oder so beziehen. Gleichzeitig schien der Report aber nicht zu beachten, dass er für verschiedene Länder – und damit auch Bibliothekskulturen – geschrieben war. Ein Beispiel war das ständig auftretende Thema Learning Analytics, dass in praktisch allen Horizon Reports (nicht nur der Library Edition) als wichtiges Thema beschrieben wird; immer wieder als eines, dass praktisch vor der Tür stände. Das ist nicht nur nicht eingetroffen, es schien auch immer wieder absurd. Im DACH-Raum lässt die Idee, dass Lehrpersonen möglichst viele Daten von Lernenden sammeln und dann auswerten sowie mit den Daten anderer Lernender vergleichen, sofort (berechtigte) Überlegungen zum Datenschutz aufkommen. Selbst wenn es technisch möglich wäre, scheint es gesellschaftlich überhaupt kein diskutierbares Thema zu sein. In solchen Fällen vermittelte der Report den Eindruck, als wäre er am Ende doch nur für die USA geschrieben. So, als würde man den eigenen Anspruch (für den ganzen globalen Norden zu schreiben) gar nicht einlösen wollen.

Aber, sonst wäre der Report ja nicht so erfolgreich gewesen, es gab selbstverständliche Positionen:

  • Der Horizon Report versuchte, die nahe Zukunft greifbar zu machen – was offenbar für viele im Bibliothekswesen von Interesse ist. Es scheint an sich, als wollten Bibliothekarinnen und Bibliothekare gerne einmal hören, was sich demnächst verändern wird und wie sie reagieren sollten. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir z.B. die bibliothekarischen Tagungen und Konferenzen ansehe. Wie gesagt bin ich kritisch, ob das überhaupt möglich ist; für mich sind solche Aussagen oft eher umformulierte Wünsche Einzelner, die wohl besser diskutiert werden müssten, aber stattdessen als “so wird es sein”-Aussagen präsentiert werden und dann aber auch Auswirkungen oft die strategischen Entscheidungen von Bibliotheken haben. So oder so: Es scheint, dass es ein Interesse daran gibt, dass geklärt wird, wie sich z.B. die Technologie entwickeln wird, die Einfluss auf Bibliotheken haben wird. Der Horizon Report schien auf dieses Interesse einzugehen und vielleicht damit Bibliotheken zu ermöglichen, Entscheidungen über die eigene Entwicklung zu treffen oder aber zumindest als Thema vorzuschlagen. Und das regelmässig. (Ob es wirklich wichtig ist, dass Trendberichte regelmässig erscheinen, ist nicht so klar. Es ist aber schon so, dass auch andere Trendberichte im bibliothekarischen Feld, regelmässig erscheinen, beispielsweise die “top trends in academic libraries” der Association of College and Research Libraries, die alle zwei Jahre erscheinen oder das IFLA Trend Report Update, welches jährlich erscheint.)
  • Man musste etwas genauer hinschauen, aber es war nicht unmöglich, herauszubekommen, wie der Horizon Report erstellt wurde, wer an ihm beteiligt war und wie man selber an ihm arbeiten konnte. Es wurde versucht, eine grössere Anzahl von Expertinnen und Experten einzubeziehen und diese Gruppe möglichst divers zu gestalten. Natürlich hatte das immer Grenzen (Grenze eins: Alles wurde in Englisch kommuniziert. Auch im Wiki, in welchem die beteiligten Expertinnen und Experten diskutierten, wurde vor allem auf englischsprachige Quellen verwiesen, was natürlich dem Ziel, international Trends zu benennen, zuwiderläuft.) Das steht aber positiv im Gegensatz zu anderen Trendreports. Bei diesen ist manchmal nicht klar, wer an diesen beteiligt war oder – was wichtiger erscheint – wie an diesen mitgewirkt werden kann. Manchmal werden Commitees genannt, welche einen Report erstellt haben, aber nicht, wie diese gearbeitet haben. Die Methodik ist auch selten sichtbar. Das alles galt so für den Horizon Report nicht. Es stand zumindest der Versuch dahinter, möglichst viele Personen und Positionen einzubinden.

Was bräuchte eine besserer Zukunftsreport?

Also, wenn der Horizon Report ein Anfang, aber nicht der bestmögliche Report war: Was müsste der nächste besser machen?

Mir scheint, egal mit welcher Methodik man in einem anderen Report versucht, die Zukunft irgendwie zu bestimmen, eines wichtig: Es muss viel mehr kontextualisiert werden. Diese fast religiöse Überzeugung, dass der Fortschritt in der Technik liegt und man ihm nur folgen kann und dass die Zukunft mit klaren Aussagen zu bestimmen ist, die muss weg. Neben aller Kritik, die schon weiter oben geleistet wurde, führt diese Darstellungsweise nur dazu, dass man den Aussagen entweder glauben oder nicht glauben kann. Ein Dazwischen, wo Diskussion stattfinden, gibt es dann gar nicht. Ein seriöser Trendreport könnte das auch anders. Ihm ihm sollte dargestellt werden:

  • Wie das Team hinter dem Report auf die Trends gekommen ist. Und zwar nicht mit die Realität überschreibenden Worten (“an in-depth, contextualised analysis of the most outstanding studies of this field”), sondern tatsächlich so, wie es passiert ist; damit Bibliotheken, welche den Report lesen, einordnen können, wie untermauert oder nicht untermauert die Aussagen in ihm sind.
  • Klare Aussagen dazu, ob eine Trend wirklich kommen wird (dann mit Begründungen, warum, z.B. weil bestimmte Gesetze oder Änderungen in Kraft treten oder weil bestimmte Technik eingestellt wird), welche Trends wahrscheinlich kommen werden (dann auch, wieso das Team dieser Meinung ist) und welche vielleicht kommen.
  • Da Trends nicht einfach so auftauchen, wäre es auch sinnvoll, wenn ein solcher Report zeigt, was Bibliothekswesen oder einzelne Bibliotheken jetzt aus diesem Trend machen sollen. Insbesondere, wenn nocht nicht klar ist, ob er wirklich kommt, sollte auch klargemacht werden, ob und wie man diesen befördern oder verhindern könnte, also welche Agency die Bibliotheken haben.
  • Die Quellen sollten klarer sein, als sie es bislang bei Trends Reports sind. Teilweise erscheinen sie so – besonders, wenn man sie öfter liest – als wären einzelne Trend Reports die Hauptquelle für andere Reports, was natürlich den ganzen Sinn solcher Reports aufhebt.

Der Horizon Report vermittelt auch, durch seine Methodik, den Eindruck, als sei Zukunft irgendwie durch die richtige Methode vorherzusagen (oder aus den Expertinnen und Experten herauszuholen). Man kann das versuchen, wenn man die Methodik darstellt. Aber es muss gar nicht so sein. Wenn ein Report wirklich daraus entsteht, dass einige Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen und sich eine Zukunft ausmalen / wünschen / befürchten, kann das auch eine Methode sein.

Was mich an all diesen Reports viel mehr erstaunt, ist, wie sehr der Eindruck von Konsens vermittelt wird. Immer scheint es, als wären die Beteiligten (egal, ob man sie kennt oder nicht) zu einer gemeinsamen Meinung gekommen. Das erscheint doch absurd, wenn man über die Zukunft spricht. Ist es nicht eher, so hatte ich die Vermutung beim Horizon Report, das dies das Ergebnis der Methodik selber war, die gar nicht vorsah, dass es unterschiedliche Meinungen geben könnte? Sinnvoller – auch für die Glaubhaftigkeit der Reports selber – schiene mir, wenn abweichende Meinungen unter den Expertinnen und Experten sichtbar gemacht werden können, wenn also z.B. die, die von einem Trend überzeugt sind, dass auch zeigen können, auch wenn sie die Minderheit sind, oder aber wenn klar wird, dass einen Trend gibt, den alle gleich einschätzen (was ja auch eine Aussage ist).

An sich sollte ein solches Dokument gar nicht erst so tun, als wäre es möglich, die zukünftigen Trends vorauszubennen. Vielmehr wäre wohl ein Dokument besser, das benennt, welche Themen eventuell in Zukunft relevant werden können. Nicht weniger und nicht mehr. Das würde die Interessen von Bibliotheken (Entscheidungen treffen können, Themen benannt bekommen) wohl auch erfüllen, aber ohne den ganzen missionarischen Gestus. Ein solches Dokument würde ich auch viel eher als eine Einladung verstehen (und konzipieren) mögliche Zukunftsbilder zu gestalten, auf die man zustreben kann.

Kriterien für einen neuen Trend Report

Zusammenfassend lassen sich einige Kriterien benennen, die ein neuer Trend Report, der an den Horizon Report anschliessen würde, erfüllen müsste, zumindest meiner Meinung nach:

  • Es muss klar sein, wie er zustande kam und was das Ziel des Reports ist. Bibliotheken auf eine Zukunftsentwicklung einschwören? Mögliche Entwicklungen aufzeigen? Diskussionen über die zukünftige Entwicklung zusammenfassen?
  • Es muss klar sein, ob (und wenn ja, wie) am Report mitgearbeitet werden kann.
  • Es muss ein Bewusstsein für die Entwicklung von Bibliotheken (also ihre Agency und ihre Strukturen) vorhanden sein. Man kann nicht einfach mehr sagen: “Das kommt, bereitet euch darauf vor, sonst geht ihr unter.” Das hat noch nie gestimmt. Ebenso muss ein Bewusstsein dafür da sein, welche Voraussagen alle schon gemacht wurden in diesem und anderen Trend Reports und was aus diesen Vorhersagen geworden ist.
  • Sinnvoll wäre, darüber nachzudenken, ob es unbedingt ein internationaler Trend Report sein muss. Per se ist ein weiter Blick immer gut. Die Verengung der Sicht auf die Welt, die anderswo gerade stattfindet, muss man nicht mitmachen. Aber es schien immer ein Schwachpunkt des Horizon Reports zu sein, auf lokale Gegebenheiten gar nicht eingehen zu können. Eventuell wäre ein Bericht für den DACH-Raum, bei dem zwar international (und nicht nur im englischsprachigen Raum) nach Trends geschaut wird, dann aber gefragt wird, ob und wie das für Bibliotheken in Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein wirken kann, ausreichend.
  • Sinnvoll am Horizon Report war der Versuch, möglichst unterschiedliche Personen (und damit Positionen) einzubinden. Das sollte ein neuer Report auch tun.
  • Offenbar wird versucht, Trend Reports irgendwie regelmässig erscheinen zu lassen. Eventuell lässt sich nur so die Arbeit bewältigen (sonst würden die Beiträge nur hinausgeschoben werden) oder die Finanzierung sicherstellen (weil lieber für regelmässige Dinge bezahlt / gesponsort wird)? Vielleicht sind Trend Reports auch nur so überzeugend? Aber ich denke, es wäre sinnvoll darüber nachzudenken, ob das wirklich notwendig wäre. Vielleicht wären regelmässig zusammenkommende Gruppen, die aber nur dann etwas publizieren, wenn es zu einem Trend etwas zu sagen gibt, viel besser – weil dann nämlich nur etwas gesagt wird, wenn es notwendig ist. Eventuell könnte man dies auch anders organisieren, beispielsweise als öffentliche Treffen.
  • Und zuletzt muss einfach geklärt werden, was Bibliotheken eigentlich von so einem Trend Report haben oder zumindest haben sollen. Das scheint mir auch noch nicht geklärt.

Gibt es einen gewissen Jugendwahn bei den (Öffentlichen) Bibliotheken?

Vor kurzem, bei einem weiteren deprimierenden Bewerbungsgespräch in einer Öffentlichen Bibliothek – deprimierenden nicht nur, weil es wieder nur in einer Ablehnung endete, sondern auch weil sich Fragen und Stimmung und Situation immer wiederholen – wurde wieder die Frage gestellt, was ich, würde ich in der Bibliothek angestellt, den tun würde, um mehr Jugendliche in die Bibliothek zu bekommen. Sicherlich hatte ich da eine Antwort, weil man in solchen Gesprächen immer eine Antwort haben muss; aber eigentlich, ehrlich gesagt, scheint mir diese – immer wieder in Bewerbungsgesprächen gestellte Frage – mehr und mehr absurd.

Zum ersten ist die Formulierung meist sehr komisch, so als wäre es wichtig, Jugendliche irgendwie in die Einrichtung Bibliothek zu bekommen und dann… weil sie da wären, würden sie die nutzen. So funktioniert das nirgends, aber im Bibliothekswesen hört man solche Vorstellungen als „in die Bibliothek locken“ etc. recht oft. Zum anderen aber, und das werde ich hier kurz darlegen, scheint mir dieser Fokus auf Jugendliche, nun ja… weltfremd.

Bilder der Jugend im bibliothekarischen Diskurs

Zur Erinnerung: Zum Thema Jugend gibt es mehrere Diskursfiguren, die in der bibliothekarischen Debatte herumschwirren. Die eine ist negativ und spricht von einem „Leseknick“. Kinder würden en masse in die Bibliothek kommen, dann würden sie zu Jugendlichen, hörten auf zu lesen und kämen nicht mehr. So die Darstellung, die sich auf Nutzungszahlen und Beobachtungen im Alltag stützt. Interessant finde ich daran, dass dafür oft tatsächlich der Begriff Leseknick verwendet, also Bibliothek und Lesen gleichgesetzt wird.

Eine andere, sehr wirkungsmächtige Diskursfigur ist die Gleichsetzung von Jugendlichen, die aktiv etwas machen und damit eine „andere Nutzung der Bibliothek“ andeuten. Gerade die Bilder von Jugendlichen, welche in bibliothekarischen Medien verwendet werden – vor allem solchen, die nach aussen wirken sollen, beispielsweise Jahresberichte – stellen Jugendliche, die irgendwie kommunizieren (gerne um einen Tisch herum sitzend), lachen, auf Tablets rumtippen oder auch mal vor 3D-Druckern sitzen, dar, um Veränderung oder Attraktivität darzustellen. Jugendlich gleich Veränderung. Mir scheint, auch viele Projekte in Öffentlichen Bibliotheken setzen das irgendwie gleich: Jugendliche sollen in die Bibliothek kommen, die dadurch beleben und dann… ist die Bibliothek modern (oder so).

(Das erinnert mich schon stark an die Jugendbewegung und die Bilder von „der Jugend“, wie sie anfangs des 20. Jahrhunderts in den europäischen Gesellschaften entstanden. Die Jugend ist per se die Veränderung, die Kinder die Zukunft, alle anderen… tja.)

Das klappt alles nicht

Dagegen stehen aber Erfahrungen. Zum Beispiel haben wir in Chur im letzten Jahr dieses Projekt zu kleinen Makerspaces für Gemeindebibliotheken gemacht, vier Veranstaltungen durchführen lassen und beobachtet. Wer kam? Kinder, oft mit Familie, und ältere Leute. Wer nicht kam waren Jugendliche, so ab 14 / 15 Jahren. Oder die E-Books: Immer noch finden sich Kolleginnen und Kollegen (aber auch erstaunlich oft Lehrpersonen, die einen Schulbibliothek aufbauen wollen), die der Meinung sind, man müsse E-Books anbieten, dass wäre das, was die jungen Leute wollen, und dann kämen die schon in die Bibliothek. Wer nutzt E-Books? Wir haben genügend Daten, um zu sagen (a) nicht so viele Menschen, wie erwartet, (b) Menschen über 30. [In Wissenschaftlichen Bibliotheken anders, aber es geht hier um Öffentliche.] Wer nutzt sie nicht: Jugendliche. Oder, auch im letzten Jahr, auf der Fachstellenkonferenz in Saarbrücken zum Thema Leseförderung, gab es mehrere Vorträge, die vorschlugen, wie man durch „spannende Medien“ oder „spannende Aufbereitung von Büchern“ (z.B. die Verarbeitung als Theaterstück) Jugendliche „erreichen“ könnte. (Auch so eine Formulierung, die irritiert: Was soll den „erreichen“ heissen? Wenn ich eine Partei bin, will ich Menschen erreichen, damit die meine Positionen kennenlernen. Aber was will die Bibliothek vermitteln? Das sie Medien anbietet? Mir scheint, dass ist schon bekannt.)

Oder anders: Es geht nicht ums Lesen, die Jugendlichen machen per se irgendetwas anderes, als in die Bibliothek kommen; egal was man macht. (So stimmt das nicht, siehe weiter unten, aber einfach mal in der Abstraktionsebene, in der auch Diskursfiguren wie „der Leseknick“ verortet sind, gesagt.)

Es ist die Jugend, mehr nicht

Hier meine These zu diesem Phänomen:

Es ist falsch von „Leseknick“ zu sprechen, es wäre richtig, es einfach Jugend zu nennen (oder Adoleszenz).

Und wenn man akzeptiert, dass es gar nicht ums Lesen geht (weil Jugendliche sehr wohl lesen), sondern um einen Lebensabschnitt, wird es auch einfacher, die ganzen Projekte und Diskursfiguren der Realität anzupassen.

Zumal, was mich immer wieder irritiert, scheint bei solchen Frage der alleinige Fokus auf der Bibliothek zu liegen. Es wird die Frage gestellt, wie Jugendliche „in die Bibliothek geholt werden können“, aber es ist gar kein Phänomen, dass sich nur auf die Bibliotheken beziehen würde. Das gleiche Phänomen, dass Jugendliche mit 14 / 15 / 16 ihre Interessen ändern und Institutionen „verlassen“, die sie bislang genutzt hatten beziehungsweise denen sie angehörten, gibt es in Sportvereinen – die in dieser Zeit massiv an Mitgliedern, auch engagierten, verlieren – und Musikgruppen, Chören, Zoos, auf Spielplätzen (wenn sie nicht zu Orte des jugendlichen Rumhängens werden, dann aber ohne Kinder) und so weiter. Die Bibliothek ist da nur eine von vielen Einrichtungen.

Und: Dass Jugendliche das machen, ist nur gut. Täten sie es nicht, würden sie sich (und damit auch die Gesellschaft) nicht mehr weiterentwickeln.

Lebensabschnitt Jugend

Jugendliche zu sein ist kein Spass. Vielleicht haben wir das vergessen (oder sind indivuduell noch recht gut durch unsere Jugend durchgekommen), aber spätestens seit sich der Lebensabschnitt „Jugend“ Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts in unseren Gesellschaften als ein Abschnitt, der allgemein durchlaufen wird, etabliert hat, ist er auch mit Anforderungen der Gesellschaft an Jugendliche verbunden. Wir erwarten, dass Menschen im Anschluss an die Kindheit einige Jahre des intensiven Lernens über sich selber durchlaufen und am Ende – mal mit 20, mal mit 30 – als vollständige und eigenverantwortliche Erwachsene mit ausgeprägter Identität, Lebenserfahrung, Wissen über die eigenen Wünsche, Verantwortung gegenüber anderen und gleichzeitig einer realistischen Ader etc. pp. herauskommen. Das hat spassige Phasen, aber ist auch eine Anstrengung.

Nur kurz, um daran zu erinnern, was so von Menschen erwartet wird, wenn sie zur Jugend werden (also so ab 14 / 15 / 16):

  • Sie sollen binnen weniger Jahre eine eigene, neue Identität ausprägen, das heisst suchen, ausprägen und sich mit ihr in die Gesellschaft enkulturieren, also einbinden.

  • Sie sollen sich von ihrem Elternhaus abtrennen (es nicht sofort, aber auch schon in naher Zukunft, am Besten am Ende der Jugendphase, verlassen), also einen Ort finden, wo sie nicht direkt als Mittelpunkt die eigene Familie haben. (Und das gleichzeitig bitte nicht als radikale Ablösung im Sinne von einfach alles Abbrechen, sondern… irgendwie in der Mitte einen Weg finden.)

  • Dieser partielle Auszug aus der Familie und das Finden der eigenen Identität soll mit dem Einbinden in neue Peer-Groups einhergehen: Neue Freundeskreise, neue Gruppen, an denen man teilnimmt, Kulturen oder Subkulturen. Und in diesen Gruppen – die oft aus anderen Jugendlichen bestehen, die ja ebenso gerade erst austesten, wie es so ist, „da draussen“ – muss man auch noch einen Platz finden. Und oft sind die Gruppen nicht sofort die richtigen, also wechselt man wieder. Am Ende heisst es, auf die eine oder andere Weise eine eigene Welt zu bauen, wo Familie (und andere Erwachsene) nicht dazugehören.

  • All dieses Finden ist auch immer ein Ausprobieren, Testen, Scheitern und Lernen, mit diesem Scheitern umzugehen. Das heisst oft auch, über die Strenge zu schlagen, Dinge exzessiv zu tun. (Alles, alles: Vom exzessiv Meinungen vertreten über exzessive Partys und Urlaube mit exzessiven Programmen über exzessives Ausleben von Hobbys, egal ob tägliche fünf Stunden Lesen oder Gamen oder Fan von irgendwas sein zu exzessiven Kleidungsstilen und vielem mehr.)

  • Dazu ist gerade die Jugend von vielen, vielen ersten Malen geprägt: Das erste Mal Durchmachen, Gesetze übertreten, Grenzen austesten, mit Peergroup und ohne Eltern in den Urlaub fahren, eigene Veranstaltungen organisieren oder zumindest Treffen, oft die ersten Lieben (auch als Austesten von emotionalen Beziehungen ausserhalb des Schutzraumes Familie), der erste Sex und so weiter. Der / die Jugendliche, welche mit 15 den Sportverein und die Bibliothek verlässt kann vier Jahre später schon darin erste Erfahrungen gesammelt haben, wie man alleine durch das Nachbarland fährt, einen Joint dreht, drei Tage wach bleibt und sagen, was ihr / ihm bei Intimitäten nicht gefällt. Das geht rasant.

  • Rasant gehen in dieser Phase auch körperliche Veränderungen. Und egal, wie weit wir als Gesellschaften uns da in den letzten Jahren entwickelt haben und eigentlich (zum Glück) weithin der Grundkonsens herrscht, dass Schönheitsideale scheisse sind und jeder Körper (und jede sexuelle Identität, die sich ja auch noch in der Jugend das erste Mal ausprägt) okay ist, ist das trotzdem Stress. Selbst wenn wir irgendwann dahin kommen, dass es wirklich nur noch wichtig ist, ob man sich selber im eigenen Körper wohl fühlt – muss man als Jugendliche / Jugendlicher auch das mit sich ausmachen, wenn gerade während der Jugend dieser Körper beginnt, verrückt zu spielen.

  • Neben dem Finden der eigenen Identität müssen Jugendliche auch gewichtige Zukunftsentscheidungen treffen. Bei allem Gerede von Lebenslangen Lernen und allen Möglichkeiten, die sich später im Leben stellen, ist es doch diese Lebensphase, in der gewichtige Grundentscheidungen getroffen werden. Selbst wenn man sie nicht trifft, werden sie erwartet.

  • Nicht zuletzt geht die Lebensphase „Jugend“ heute auch immer mehr mit steigenden Lernanforderungen einher. Absurderweise soll es mit Lebenslangem Lernen möglich geworden sein, immer zu Lernen und davon zu profitieren, aber gleichzeitig steigen die Anforderungen daran, was und vor allem wie – weniger auswendig, dafür mehr aktiv, in Kommunikation – in der Jugendphase zu lernen ist.

Das nur eine kurze Übersicht, darüber, was in einer „normalen Jugend“ zu leisten ist. Neben dem Alltag, den man auch noch lebt. Und neben den zusätzlichen Herausforderungen, die sich stellen, wenn man nicht „zum Durchschnitt“ gehört, zum Beispiel nicht mittelständig und ohne Migrationshintergrund lebt.

(Nicht zuletzt muss einer / einem auch gar nicht alles gefallen, was die Jugend macht. Ich bin alt genug, um selber schon bei Jugendlichen beliebte Musik gehört und gedacht zu haben, dass man zu meiner Zeit noch richtig Musik gemacht hat, aber das… nein, ist doch keine Musik. Aber das ist okay. Jugendliche müssen sich abgrenzen, dazu gehört auch Autotune.)

Was sollen den Jugendliche in der Bibliothek?

Gestresst? Ich schon (und ich muss sagen, persönlich bin eigentlich recht gut durch die Jugend gekommen, war aber auch extrem privilegiert). Für mich ist sehr klar, dass Jugendliche, wenn sie dann jugendlich werden, sich beginnen, sich anders zu verhalten, andere Ziele zu entwickeln und vor allem andere Einrichtungen aufzusuchen, als zuvor. Das gilt für Bibliotheken wie für andere Einrichtungen.

Wenn Bibliotheken wirklich ein Interesse daran haben, dass mehr Jugendliche Bibliotheken nutzen, müssen sie auch auf diese Lebensphase reagieren. Und mit reagieren meine ich nicht, irgendwie eine gute Werbestrategie entwickeln, aber dahinter doch immer wieder das Gleiche anbieten. Sie müssen klären, was den Jugendliche, mit all diesen Aufgaben, von der Bibliothek haben können.

Dabei sollte klar sein, dass bestimmte Dinge einfach nicht in der Bibliothek stattfinden können. Viele der Exzesse werden immer anderswo stattfinden, am Besten da, wo Jugendliche unter sich sind. Auch viele der ersten Male (die sind ja gerade, weil sie so „erwachsen“ sind, aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen). Und: Jugendliche werden immer – solange die Lebensphase Jugend als Normalität gelebt wird – getrieben sein. Die ganzen Klagen darüber, dass sie sich früher langfristig engagiert hätten, aber jetzt nur noch kurzfristig, zeigt doch eher, dass sie früher autoritärer angebunden wurden, aber jetzt mehr Möglichkeiten haben, sich auszuprobieren. Was gut ist. Die Vorstellung, wenn man Jugendliche einmal in die Bibliothek holen könnte (z.B. durch einen Makerspace oder eine Theatergruppe), würden sie da bleiben, ist doch illusorisch, wenn man sich vor Augen hält, dass es ihre Aufgabe ist, sich zu finden, was heute heisst, mehr auszuprobieren, zu testen, auch wieder zu verwerfen (früher vielleicht eher hiess, sich einzugliedern in vorgesehene Rollen).

Solange Bibliotheken das nicht klären, werden sie Jugendliche nicht ansprechen können. Oder nur kurzfristig.

Zu bedenken ist auch, dass die Idee, man müsse unbedingt Jugendliche ansprechen, meiner Meinung nach von zwei Dingen beeinflusst ist: Zum einen von der immer noch vorhandenen Vorstellung, dass da, wo die Jugend ist, die Zukunft ist. Was zum Teil bestimmt stimmt, zum Teil aber auch nicht. Mir scheint das eine jetzt rund 100, 150 Jahre alte Vorstellung zu sein, die man mal überprüfen sollte. Zum anderen aber, weil man die Nutzungszahlen von Kindern, die in die Bibliothek kommen, mit der von Jugendlichen vergleicht. (Nur so kommt man ja zum Bild vom „Knick“.) Das ist aber nicht sinnvoll. Das Kinder in so grosser Zahl in die Bibliothek kommen (bzw. Familien mit Kindern) scheint mir auch sehr mit der Lebensphase „Kindheit“ und den Lebensaufgaben, die da zu lösen sind, zusammenzuhängen. Die Bibliotheken bieten Dinge, die in diese Lebensphase passen. Aber nur, weil man das nicht beachtet, erscheint die Nutzung in der Jugend ein Knick zu sein. Dabei wäre es bedenklich, würden Jugendliche sich wie Kinder verhalten und die gleichen Angebote nutzen.

Übrigens: Stimmt das auch nicht

Was mich bei diesen Frage auch immer wieder irritiert sind Besuche in normalen Öffentlichen Bibliotheken. Wenn da Menschen in der Bibliothek sind, so meiner Erfahrung, sind da auch Jugendliche. Nicht, wenn die Bibliothek ganz leer ist oder wenn gerade Schule ist, aber sonst schon. Es ist immer so, dass für einige Jugendliche, zumindest für einige Zeit in der Jugend, das intensive Lesen dazugehört zu dem, was als Identität ausgetestet wird. Die Geschichten kennen wir doch auch alle: Jugendromane, die en masse weggelesen werden; Klassiker der Jugendliteratur, die immer ein bisschen komisch sind, weil die Eltern oder Lehrpersonen sie auch schon gelesen haben (catcher in the rye, Howl, Die neuen Leiden des jungen W. etc. pp.), aber doch zu vielen Jugendleben dazu gehören; Jugendliche, die sich in Lyrik oder Geschichtenschreiben versuchen und dazu Lyrik oder Geschichten lesen; Jugendliche, die sich Philosophie oder Kunst stürzen (Expressionismus, Dadaismus, Beat gehen da immer noch gut, Camus bestimmt auch noch). Es ist gerade nicht so, dass Jugendliche nicht lesen (die ganze Jugend als Lebensphase hat sich ja über Literatur erst richtig etabliert, Stichworte: Sturm und Drang sowie „Schmutz und Schund“), nur machen Sie es als eine Aktivität unter vielen anderen Dingen und immer wieder in unterschiedlichen Intensität.

Daneben fanden sich in allen Öffentlichen Bibliotheken, die ich in den letzten Jahren besucht habe, wenn da Menschen waren, Jugendliche, die gelernt haben. In grossen Bibliotheken auch en masse. Nicht unbedingt so, wie auf den Bildern der Jahresberichte (mit dem ständigen Kommunizieren, Lächeln, auf Tablets patschen), sondern oft solitär an einem Arbeitsplatz, gerne mit Büchern oder anderen Unterlagen. Aber eben doch: Jugendliche, die die Bibliothek intensiv nutzten. Anders, als es Kinder machen, aber ihrer Lebensphase (Stichwort: steigende Lernanforderungen) angepasst. Manchmal, wenn die Frage in Bewerbungsgesprächen kommt, was man den tun würde, um Jugendliche in die Bibliothek „zu kriegen“, bin ich versucht zurückzufragen, ob die etwa nicht da wären, lernend, weil das in allen anderen Bibliotheken eigentlich doch so ist. (Aber darf man ja nicht zurückfragen, wenn man das Gespräch gut abschliessen will.)

Was ich tun würde, um Jugendliche in die Bibliothek zu bekommen. Unheimlich viel, ja ja, z.B. [xyz]

Mir scheint, wir haben im Bibliothekswesen eine absonderlich realitätsferne Vorstellung davon, was Jugendliche angeht, beziehungsweise scheint vergessen zu gehen, dass es für die Jugendlichen selber und für die Gesellschaft im Allgemeinen wichtig ist, wenn sie auch mal andere Dinge tun, sich ausprobieren, Räume und Orte verlassen, die sie in der Kindheit besucht haben. Wir wollen doch am Ende Gesellschaften haben, die aus Individuen bestehen, welche selbstbewusst sind und eine ausgeprägte Identität haben, die sie halt auch durch Ausprobieren, Exzesse und Scheitern erwerben. Bibliotheken können dafür vielleicht nicht so viel bieten, wie sie gerne würden (weil sie spezifische Räume sind und bleiben werden, egal wie viele Makerspaces und Cafés – übrigens auch so ein Ort, der von Jugendlichen weniger besucht zu werden scheint, als von Erwachsenen, das Bibliothekscafé – dort hineingebaut oder wie hell die Räume gemacht werden (zumal helle und lichte Räume nicht unbedingt das sind, was man als Jugendlicher braucht)).

Die richtig Antwort auf die Bewerbungsgesprächsfrage wäre also eigentlich: Gar nicht. Die sollen mal draussen feiern und nur reinkommen, wenn sie sich in Literatur versenken wollen. Selbstverständlich wird das nicht meine Antwort sein, weil ich ja die Jobs haben möchte, auf die ich mich bewerbe. Neben meinen Zweifeln werde ich also eher Veranstaltungsreihen, Medienwerkstätten etc. vorschlagen und Zweifel an den bibliothekarischen Hypes äussern. Veranstaltungen und Workshops passen besser zur Lebensphase Jugend als langfristig wirksame Angebote.

Aber für das gesamte Bibliothekswesen wäre es bestimmt besser, wir würden einmal die Vorstellung davon, was Jugendliche machen und sollen und was die Bibliothek damit zu tun hat, hinterfragen. Sonst dreht sich das halt weiter im Kreis.

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen? (Impulsvortrag, Wien, 12.06.2017)

Vorwort: Der Büchereiverband Österreich (BVÖ) veranstaltete am 12.06.2017 „Unsichtbar – Eine Expertentagung des BVÖ zum Thema Armut als Barriere“ und ich war – aufgrund meines letztens publizierten Buches – als Experte geladen, der einen der Impulsvorträge halten sollte. Was mir noch nie passiert ist. Anbei dieser Impulsvortrag (der auch als eine kurze Zusammenfassung und Weiterführung des Buches gelesen werden kann).

 

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen?

1. Einleitung

Werte Kolleginnen und Kollegen,

ich danke Ihnen für diese Einladung. Vorneweg: Ich sehe mich nicht als Experte zum Thema Armut und Bibliotheken, sondern nur als jemand, der sich für das Thema interessiert und gerne dazu beitragen möchte, dass es aus der Sphäre gut gemeinter, aber allgemeiner Aussagen heraus geholt wird und in Diskussionen im Bibliothekswesen, die sich an der Realität orientieren, eingefügt wird. Deshalb bin ich auch sehr erfreut, dass der BVÖ diese Tagung organisiert hat. Sie scheint mir ein sehr guter Schritt in diese Richtung zu sein.

Gerne kläre ich ein paar Vorannahmen, weil ich hoffe, dass wir uns nicht an diesen aufhalten müssen:

Es geht nicht darum, ob Bibliotheken etwas Positives für Menschen in Armut tun sollten. Das wird vorausgesetzt. Es geht auch nicht darum, ob es Armut in unseren reichen Gesellschaften gibt (ich rede hier vom DACH-Raum, also Österreich, Schweiz, Deutschland und Liechtenstein). Es gibt sie, sie ist ein Skandal, auch wenn bestimmte politische Strömungen nicht darüber reden wollen. Dabei sollt auch klar sein, dass Armut immer relativ zur jeweiligen Gesellschaft ist, in der jemand arm ist. Es geht darum, dass Menschen, ökonomisch vermittelt, ein schlechtes Leben in Gesellschaften führen müssen, obwohl das nicht so sein müsste, obwohl die Gesellschaften mehr bieten könnten, wenn sie anders eingerichtet wären. Vergleiche mit Armut in anderen Weltregionen sind dafür nicht hilfreich. Es geht auch nicht darum, ob Menschen in Armut an ihrer sozialen Situation schuld sind oder aber gesellschaftliche Strukturen. Es ist klar, dass so eine große Verbreitung von Armut, so eine ständige Reproduktion dieser sozialen Situation, wie wir sie unseren Gesellschaften sehen, nur strukturell zu erklären ist und anzugehen wäre.

Worum es mir hier geht, in diesem Vortrag, sind zwei einfache, aber immer noch komplexe Fragen:

  1. Was genau sollen Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun?

  2. Was können Bibliotheken, realistisch betrachtet, wirklich tun?

Es sollte auch klar sein, dass wir uns heute hier auf Öffentliche Bibliotheken beschränken.

In diesem Vortrag werde in mich vom Aufbau her an meinem Buch zum Thema orientieren, weil sich diese Struktur, nach mehreren gescheiterten Anläufen, für mich als sinnvoll herausgestellt hat. Zuerst werden ich einige Irritationen durchgehen, die auftauchen, wenn man über den Zusammenhang von Armut und Bibliotheken nachdenkt. Die Irritationen nehmen nichts von der grundsätzlich zustimmenden Haltung zum bibliothekarischen Engagement zu diesem Thema fort, aber sie zeigen, dass die Realität komplex ist, zu komplex für einfache Lösungen.

Anschließend werde ich kurz durchgehen, was wir über das Leben von Menschen in Armut wissen. Beides, die Irritationen und das Wissen über das Leben der Menschen in Armut, werde ich im dritten Schritt zu einigen Vorschlägen für die Arbeit, die das Bibliothekswesen leisten kann (und meiner Meinung nach müsste) hinführen.

2. Irritationen

Das Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Rolle spielen können – formulieren wir es einmal so allgemein – ist eine weit verbreitete Annahmen. Und es ist auch ein Ziel, dass sich Bibliotheken setzen. Der BVÖ hat dies zum Ziel erklärt, auch der DBV hat sich in diese Richtung geäußert, ebenso gibt es Dokumente der IFLA, die dies explizit Verlautbaren. Geht man in die Bibliotheken, gerade in die größer Städte, sieht man dieses Bemühen zumindest indirekt auch immer wieder. (Der Schweizer Verband, BIS, fehlt hier in der Aufzählung, aber meiner Erfahrung nach nicht die einzelnen Bibliotheken in der Schweiz.)

Doch – und dies ist die erste Irritation, die ich Ihnen vorlegen möchte – wie wird sich vorgestellt, wie dies funktioniert, diese Arbeit von Bibliotheken für Menschen in Armut? Zumeist betonen die Dokumente, dass Bibliotheken einen freien Zugang zu Informationen und Medien bieten. Dieser Zugang würde ohne Diskriminierung ermöglicht und somit gegen Armut wirken. Gerade in Bibliotheken vor Ort wird dieser Zugang auch als Ausgleich verstanden: In der Bibliothek könnten Menschen auf Medien zurückgreifen, die sie sich ökonomisch nicht leisten können.

Sicherlich bieten Bibliotheken diesen Zugang. Aber die Vorstellung ist irritierend einfach: Es wird nicht erklärt, wie der freie Zugang zu Informationen Menschen in Armut helfen würde und wobei. Vor allem ist nicht klar, warum er Menschen in Armut mehr, anders, besser zu Gute kommen würde, als Menschen in anderen Situationen. Es ist ja nicht so, dass alles, was Menschen in Armut benötigen, um aus der Armut auszusteigen, mehr Informationen wären. Man müsste schon sagen, welche Informationen und Medien.

Zudem müssten man auch erklären können – und ich glaube nicht, dass das geht, wenn man so eine einfache Vorstellung vertritt –, warum der freie Zugang zu Informationen in einer Gesellschaft, in der Ungleichheiten existieren, nicht einfach heißt, dass diese Ungleichheiten beibehalten werden, also alle Menschen, egal in welche Schicht, gleich viel vom freien Zugang zu Informationen profitieren und am Ende die Armen weiter arm sind.1

Ich denke, was diese Irritation zeigt, ist, dass wir im Bibliothekswesen bislang zu einfache Vorstellungen davon haben, wie unsere Arbeit Menschen in Armut helfen oder unterstützen kann. Das sollten wir genauer fassen, dann wüssten wir auch besser, was wir wirklich tun können.

Eine zweite Irritation, die ich Ihnen gerne vorlege: Wenn wir uns die bibliothekarische Literatur und die Forschungen zur Bibliotheksnutzung ansehen, fällt auf, dass Menschen in Armut in ihnen so gut wie nicht vorkommen. Wir – als Bibliothekswesen – haben Dutzende von Ansätzen, um die Nutzung von Bibliotheken durch Dutzende von unterschiedlichen Gruppen zu untersuchen oder zu motivieren. Sie wissen ja zum Beispiel selber, wie oft und wie viel Bibliotheken alleine darüber nachdenken, wie sie von Jugendlichen gesehen und genutzt werden und wie mehr Jugendliche dazu gebracht werden sollen, die Bibliotheken zu nutzen. Aber für Menschen in Armut gilt dies nicht. Es ist auch auffällig, dass bei all den Umfragen zur Nutzung von bibliothekarischen Angeboten und Bibliotheken, fast nie nach der ökonomischen Situation gefragt wird, aber zum Beispiel nach Alter und Geschlecht. Und wenn es doch einmal passiert – wie vor Kurzem beim Nutzungsmonitoring für Bibliotheken in Berlin – ist es nachher schwierig herauszufinden, ob diese Daten überhaupt genutzt werden.

Ich hoffe, Sie stimmen mir zu: Wenn man darüber nachdenken will, wie und ob Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Wirkung haben können, sollte man versuchen, zu verstehen, wie diese heute die Bibliotheken nutzen oder gerade nicht nutzen. Darüber wissen wir fast nichts. Vielleicht beschäftigen wir uns mit zu vielen anderen Fragen, dass wir das immer wieder übersehen. Aber bislang machen wir die meisten Angebote, die für Menschen in Armut positiv sein sollten, auf der Basis von Vermutungen. Gewiss gut gemeinten Vermutungen, aber doch solchen, die wir anhand der realen Situation überprüfen sollten.

Die dritte Irritation, die ich hier vorlege, deutet sich schon in meinen Formulierungen an, wenn ich von „positiven Wirkungen für Menschen in Armut“ spreche. Es ist nicht einfach zu sagen, was Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun sollen: Sollen sie möglichst wenig Barrieren bieten, so dass Menschen in Armut die Bibliotheken genauso nutzen können, wie Menschen in anderen sozialen Situationen auch? Heißt das, dass man Barrieren aktiv identifiziert und angeht? Oder das man darauf achtet, sie nicht neu zu errichten? Oder sollen Bibliotheken Menschen in Armut helfen? Aber dann: Wobei helfen? Beim Ausstieg aus der Armut oder beim Führen eines Lebens in Armut? Sollen sie dafür sorgen, dass der Rest der Gesellschaft darüber informiert wird, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften tatsächlich leben?

Ganz abgesehen davon, dass alle möglichen Antworten auf diese Fragen Konsequenzen für die bibliothekarische Arbeit hätten: Es scheint, als wären sie im Bibliothekswesen nicht geklärt, sondern als würden – zumeist, ohne explizit benannt zu werden – unterschiedliche Vorstellungen nebeneinander existieren. Dabei ist aber klar: Wenn man aktiv dazu beitragen möchte, dass Menschen aus der Armut aussteigen, heißt das etwas sehr anderes dafür, was die Bibliotheken tun sollen, als wenn man vor allem darüber nachdenkt, ob Barrieren zur Nutzung existieren und ob man sie abbauen könnte.

Ich selber werde am Ende dieses Vortrages dafür plädieren, dass Bibliotheken heute vor allem darauf zielen können, das Leben von Menschen in Armut lebbarer zu machen. Aber man kann auch Argumente für die anderen Positionen finden. Irritierend ist, dass wir als Bibliothekswesen diese unterschiedlichen Zielsetzungen nicht thematisieren, sondern – so zumindest mein Eindruck – immer wieder alle irgendwie gleichzeitig zu meinen scheinen.

3. Was wir wissen

Ich habe eben gesagt, dass wir wenig darüber wissen, wie Menschen in Armut eigentlich die Bibliotheken nutzen und wofür. Hingegen wissen wir recht viel darüber, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften leben und welche Auswirkungen dieser gesellschaftliche Status auf ihr Leben hat. Ich werde hier nur Einiges darstellen können, was meiner Meinung nach für die Frage relevant ist, wie Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut agieren können.

Zum ersten zur Dimension von Armut. Nehmen wir einmal, ohne deren Herkunft weiter zu diskutieren, die Daten von Eurostat, dann lebten 2015 in Österreich 1,55 Millionen Menschen, oder 18,3% der Bevölkerung, in Armut. In Deutschland waren es 16,08 Millionen Menschen oder 20%, in der Schweiz 2014 1,32 Millionen Menschen oder 16,4%. Wir können also nicht davon ausgehen, dass es sich nur um einige, wenige Fälle handeln würde, denen man leicht irgendwie helfen könnte, wenn man es nur ehrlich und richtig will. Vielmehr wird das Gesamtproblem Armut nur auf Ebene der gesamten Gesellschaft anzugehen sein, wobei – dies als Nebenbemerkung – die Gesellschaft sich dazu überhaupt erst einmal klar sein muss, dass es dieses Problem gibt.

Was wir wissen über das Leben der Menschen in Armut in unseren Gesellschaften ist unter anderem:

  1. Die meisten Menschen haben sich auf niedrigem finanziellen Niveau, unter Verzicht auf bestimmte, zum normalen Lebensstandard zählende Dinge und mithilfe von Substituten eingerichtet. Sie schaffen es unter großem Druck und Stress, mit viel Selbstverleugnung, nach außen den Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten. Die sichtbaren Armen sich die, die dies nicht mehr schaffen, aber sie sind Ausnahmen. Dieses Leben in scheinbarer Normalität ist immer prekär: Eine Institution, auf die man vertraut, muss ihr Angebot ändern oder umziehen, eine Möglichkeit, etwas zu substituieren, muss wegfallen oder eine andere größere Änderung eintreten – beispielsweise eine Waschmaschine, die kaputt geht – und dieses Leben wird grundlegend erschüttert. Menschen in Armut brauchen in unseren Gesellschaften Verlässlichkeit in der eigenen Umwelt, um ihr Leben zu meistern.

  2. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften, über einen langen Zeitraum, teilweise das ganze Leben, wenig ökonomische Mittel zu Verfügung zu haben. Aber das ist nicht das einzige Merkmal. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften auch, die ständige Erfahrung des Scheiterns zu machen. Dieses Scheitern bezieht sich auf die gesamten Ebenen der Lebenserfahrungen. Während zum Beispiel Personen aus dem Mittelstand Erfolge durch Bildung kennenlernen – also durch Schulbildung oder Weiterbildung aufsteigen und sich Möglichkeiten eröffnen – gilt das für Menschen in Armut nur in Ausnahmefällen. Zumeist ist die Schule schon ein Ort des Scheiterns, auch weil viele Dinge gelernt werden, die mit dem Leben in Armut nicht viel zu tun haben. Das Scheitern bezieht sich ebenso auf Lebenspläne, Planungen von Karrieren und des Alltags. Wenn das Leben prekär ist, ist zum Beispiel der Plan, auf einen Auslandsaufenthalt zu sparen, einer, der weit eher scheitert, als wenn das Leben einigermaßen planbar verläuft. Dieses ständige Scheitern lehrt Menschen in Armut eher eine Lebenshaltung, die vor zu großen Plänen und Hoffnungen warnt. Hinzu kommt, dass das Leben in Armut durch eine große Enge gekennzeichnet ist. Man hat wenig Möglichkeiten und ökonomischen Spielraum, um Erfahrungen zu machen. Das gilt nicht nur für den Auslandsaufenthalt, den sich viele Menschen aus dem Mittelstand leisten, Menschen in Armut aber kaum. Dies gilt auch für Zeiten des Ausprobierens, des Experimentierens, das Einfach-mal-Machens. Wer zum Beispiel das Geld für Museums-, Zoo-, Konzertbesuche oder den Besuch von Sportereignissen lange im Vorfeld planen muss, investiert es eher in schon bekannte Dinge und lernt vielleicht nie, was es noch alles für Möglichkeiten und Chancen gibt. Dies führt zudem zu oft engen, ökonomisch ähnlich gestellten, Netzwerken, die wieder wenig Chancen ermöglichen, aber einigermaßen Sicherheiten bieten. Kurz: Leben in Armut in unseren Gesellschaften ist, bei allen individuellen Ausnahmen, gekennzeichnet von ökonomischem Mangel, der ständigen Erfahrung des Scheiterns, der wenigen Erfahrungen und Chancen, eines prekären Lebens und enger sozialer Netzwerke.

  3. Wir leben gleichzeitig in Gesellschaften, deren Leitidee die der Meritokratie ist. Eine Meritokratie wäre eine Gesellschaft, in der Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten und Anstrengungen ihre jeweilige soziale Position erreichen. Oder anders: Wer sich anstrengt, soll gesellschaftlich weit oben ankommen, wer sich nicht anstrengt oder nichts kann, weit unten. Quasi alle relevanten politischen Richtungen gehen heute davon aus, dass eine solche Gesellschaft fair wäre und das wir grundsätzlich heute alle Barrieren abgebaut hätten, die Menschen davon abhalten würden, durch eigene Anstrengung eine soziale Position zu erreichen. Es gibt immer Diskussionen darum, ob man nicht mehr Chancengleichheit ermöglichen müsste, damit diese Vorstellung Realität wird, ob es nicht doch noch Barrieren gibt, beispielsweise angezeigt durch die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern oder ob nicht gar – das ist jetzt eine andere politische Richtung – der Staat durch seine Regelungen den angeblich leistungswilligen Mittelstand davon abhält, seine angemessene soziale Position zu erreichen. Grundsätzlich aber ist das meritokratische Ideal eine der Leitideen der heutigen Gesellschaften. Daraus ergibt sich auch, dass der Großteil der Lösungen für die Frage, ob jemand aus Armut aussteigen kann und wie, im Rahmen dieses meritokratischen Ideals verortet wird. Man sucht nach etwas, was den Menschen zu einer besseren Position verhilft und da man davon ausgeht, dass einzig Fähigkeiten und Anstrengungen die soziale Position bestimmen, ist die Antwort immer wieder: (a) die Menschen in Armut mehr oder minder anzutreiben, sich anzustrengen – darin ist gerade Deutschland mit den Hartz IV-Regime gut – und (b) Bildung, Bildung und noch mehr Bildung, die man irgendwie an diese Menschen bringen möchte. Die erste Lösung zeugt von einem bedenklichen Menschenbild, die zweite scheint menschenfreundlicher. Grundsätzlich ist nichts gegen Bildung zu sagen, insbesondere wenn sie zu mehr Chancen, mehr Blickwinkeln oder einem kritischen Geist verhilft. Aber sie ist nur dann eine wirkliche Lösung, wenn die Gesellschaft wirklich meritokratisch ist. Und das ist sie nicht. Es ist nur eine Vorstellung, die ständig im Hintergrund politischer Überzeugungen steht. Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Überzeugung gefolgt wird, weil man dann das Vorhandensein von Armut den Menschen in Armut selber als Versagen – sie hätten sich halt nicht richtig angestrengt – vorwerfen kann und damit nicht mehr über gesellschaftliche Strukturen reden muss. Das Ergebnis ist aber, dass (a) Bildung als Lösung überbewertet wird, so dass jede Bildung als Lösung gilt und nicht mehr erläutert wird, wie spezifische Bildungsaktivitäten spezifischen Menschen in Armut genau helfen sollen und somit Bildung – ich erinnere an die ständige Erfahrung des Scheiterns – für Menschen in Armut, die damit ständig behelligt werden, eine negative Erfahrung wird – weil sich Hoffnungen auf einen Aufstieg durch Bildung halt oft nicht realisieren –, (b) dass wir auch nicht über andere Gründe für das Entstehen und die ständige Reproduktion von Armut reden können, wenn wir immer annehmen, dass es eigentlich die Fähigkeiten und Anstrengungen der Menschen selber sind, die sie aus dieser Situation befreien könnten (und sie im Umkehrschluss hineingebracht hätten) und (c) dass deshalb vielleicht andere Hilfestellungen, als noch mehr Bildung oder noch mehr Antreiben, Motivieren etc. nicht mehr thematisiert werden, worunter vor allem die leiden, die von solchen anderen Hilfeleistungen profitieren könnten – nämlich Menschen in Armut.

  4. Wenn wir uns anschauen, welche Interessen Menschen in Armut haben, dann sind das grundsätzlich drei: (a) Das Aussteigen aus der Armut, auch wenn dies teilweise mit unrealistischen Vorstellungen, wie dies zu erreichen sei, einhergeht. (b) Sehr oft geht es aber auch darum, dass Leben in Armut lebbar zu gestalten. Dies wird viel seltener thematisiert, auch weil es wie eine Kapitulation vor den Verhältnissen wirkt, so als wäre man gar nicht daran interessiert sein, dass Armut abgeschafft wird. Die Realität ist aber, dass es Menschen in Armut gibt und das ihre Chance, diesen Zustand zu verlassen, zumindest sofort, gering ist. Selbst wenn eine der politischen Parteien es tatsächlich schaffen würde, einen Weg zu finden, Armut in einer unserer Gesellschaften abzubauen und sich damit durchsetzen würde – zwei Dinge, die in den letzten 150 Jahren nicht passiert sind – würde dies einige Zeit dauern. Es gibt Menschen in Armut, sie sehen realistisch, dass sie längere Zeit in Armut leben werden und sie haben deshalb ein Interesse, dies so gut es geht, zu tun. Institutionen können darüber nachdenken, wie sie ihnen dies ermöglichen oder zumindest nicht noch schwerer machen können. (c) Entgegen aller Vorstellungen davon, dass Menschen in Armut schlechtere Eltern wären – und sei es nur aus Unkenntnis –, kann man festhalten, dass sie ein Interesse daran haben, dass es ihren Kindern besser geht, als ihnen selber und das zumindest diese aus Armut aussteigen können. Das unterscheidet sie nicht von anderen Eltern. Was sie unterscheidet, ist die soziale und ökonomische Situation.

4. Vorschläge für Bibliotheken

Ich will all dies jetzt zusammenfassen in Aufgaben für das Öffentliche Bibliothekswesen, die sich in Bezug auf das Thema Armut stellen:

  1. Die Bibliotheken sollten sich darüber klar werden, was sie eigentlich tun wollen. Gegen Armut sein, ist nett, aber wenig hilfreich, weil es nicht zu sinnvollen Angeboten führt. Wollen sie (a) die Menschen in Armut dabei unterstützen, ihr Leben in Armut besser lebbar zu gestalten, also zum Beispiel zugängliche Institutionen sein, auf die man sich verlassen kann? Wollen sie Informationen vermitteln, wie man dieses Leben besser führen kann, indem man sich zum Beispiel der eigenen Rechte gegenüber der zuständigen Ämter bewusst wird? (b) Oder wollen sie Menschen in Armut dabei unterstützen, aus der Armut auszusteigen? Das würde dann aber auch heißen, zu klären, wie das funktionieren soll: „Zugang zu Information vermitteln“ oder „Bildung, Bildung, Bildung“ sind keine immer sinnvollen Lösungen. Das heißt nicht, das nicht doch einzelne Menschen durch Bildung den Ausstieg aus Armut schaffen oder gerade in der Bibliothek die nötige Information finden, um das zu tun, aber es sind Vorschläge, die ihnen ehedem ständig gemacht werden, von den Ämtern, von der Gesellschaft, von der Presse – Bibliotheken wären da nur eine weitere Einrichtung, die das Gleiche sagen würde. Die gälte auch, wenn man es auf Kinder und Jugendliche oder die Unterstützung von Bildung in der Familie reduzieren würde. (c) Oder – der Vollständigkeit halber erwähnt – sollten Bibliotheken die Gesellschaft darüber aufklären, wie Menschen in Armut leben? Wann die verbreitete Vorstellung ist, dass jede oder jeder es mit eigener Anstrengung und Bildung schaffen könnte, nicht arm zu sein, wäre es für eine realistische gesellschaftliche Debatte vielleicht sinnvoll zu zeigen, dass dies nicht so ist.

  2. Bibliotheken sollten sich aktiv darüber informieren, wie Menschen in Armut leben und wie sie Bibliotheken tatsächlich nutzen. Das ist bislang ein ganz blinder Fleck, der jede Diskussion zum Thema im Ungefähren verlässt. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Das Bibliothekswesen könnte auf Forschungen zur Armut aus anderen Wissenschaftsfeldern – der Soziologie, den Erziehungswissenschaften, der Forschung zur Sozialen Arbeit – bauen. Bibliotheken könnten sich aber auch selber informieren, sich gegenseitig ihrer Vorannahmen zum Thema hinterfragen und an der Realität testen oder aber sich direkt von Menschen in Armut informieren lassen, zum Beispiel indem sie diese bitten, von ihrem Leben zu berichten. Zu vermuten ist, dass Bibliotheken längst eine Rolle im Leben von Menschen in Armut spielen oder spielten, Bibliotheken dies aber bislang nicht wissen, weil sie nicht danach fragen.

  3. Aus diesen zwei Schritten ergibt sich erst, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun können. Auch wenn wir uns heute hier eigentlich treffen, um eine Antwort darauf zu finden, denke ich, dass eine richtige Antwort erst später möglich sein wird. Vermuten würde ich aber, dass Bibliotheken am sinnvollsten Handeln werden, wenn sie realistisch bleiben. Es ist für sie wohl einfach und machbar, als Einrichtungen zu funktionieren, die das Leben von Menschen in Armut lebbar machen, insbesondere indem sie eine verlässliche Einrichtung darstellen. Solche Einrichtungen als Basis des eigenen Lebens zu haben, kann einzelnen Menschen in Armut auch die Möglichkeit geben, Schritte aus der Armut heraus zu unternehmen. Das ist bestimmt richtig. Aber das gleich als Ziel zu setzen und Bibliotheken zum Beispiel als Einrichtung zu verstehen, die Menschen beim Ausstieg aus Armut helfen, scheint mir unrealistisch. Ebenso scheint es mir sinnvoll festzuhalten, dass die Lösung für Armut – also letztlich die Veränderung der Gesellschaft dahingehend, dass niemand arm sein muss – nicht in der Macht der Bibliothek liegt, sondern eine politische Aufgabe wäre. So gerne man manchmal den einen Hebel hätte, der diesen für unsere reichen Gesellschaften so skandalösen Zustand Armut zu beenden – es gibt ihn nicht. Deshalb werden die Bibliothek sich auch weiter mit der Frage Armut auseinandersetzen müssen.

5. Fazit

Am Schluss möchte ich noch einmal festhalten: Grundsätzlich haben Bibliotheken gute Voraussetzungen, um Menschen in Armut dabei zu unterstützen, ein besseres Leben zu führen. Dazu zählen:

  • Die hohe Verlässlichkeit der Angebote von Bibliotheken. (Wenn sie nicht gerade, ohne Rücksicht auf die konkreten Auswirkungen, sich ständig neu erfinden.)

  • Den Fakt, dass diese Angebote freiwillig genutzt oder auch nicht genutzt werden können.

  • Der Sicherheit, die der Raum Bibliothek bietet, nicht nur faktisch, sondern auch als imaginären Ort, in dem man sich der Alltagssorgen oder auch der Enge der eigenen sozialen Netzwerke für einen gewisse Zeit entledigen kann.

  • Und, nie zu vergessen, der kostenlose Zugang zum Raum und der kostengünstigen Zugang zu den bibliothekarischen Angeboten.

Aber, man darf sich dies auch nicht zu einfach vorstellen:

  • Die positive Wirkung, die Bibliotheken im Leben von Menschen in Armut haben oder haben können, wird wohl vor allem indirekt sein und nicht direkt auf ein Angebot, eine Struktur, eine Regelung zurückgeführt werden können.

  • Ohne das klar wird, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun sollen, wird unklar bleiben, ob sie tatsächlich eine positive Wirkung haben.

  • Bibliotheken müssen mehr darüber lernen, wie Menschen in Armut leben. Erst so kann klar werden, wie und wieso Bibliotheken in deren Leben wirken oder nicht wirken. Und nur so kann verhindert werden, dass Bibliotheken Menschen in Armut abstoßen, indem sie zum Beispiel Auswirkungen sozialer Situationen als moralisches Problem definieren und sich vielleicht vorstellen, Eltern in Armut beibringen zu müssen, dass zu Hause mit den Kindern über Gelesenes gesprochen werden muss, damit Literaturförderung funktioniert – weil diese dies vorgeblich nicht wüssten –, wenn das Problem eigentlich ist, dass diese Eltern mit zwei Jobs per Person einfach nicht die Zeit dafür haben.

  • Bibliotheken müssen sich, so mein abschließendes Wort, angewöhnen, mit Menschen in Armut zu reden und sie als Gruppe in ihre Forschungen, Befragungen und Planungen einzubeziehen.

 

Fussnote

Das ist ein Unterschied zu Menschen, die in unsere Gesellschaften migrieren. Da ist klar, dass diese vom Zugang zu Medien, die die jeweiligen Landessprachen vermitteln oder über das Leben in Österreich, Schweiz, Deutschland, Liechtenstein informieren, profitieren, weil diese sie beim Ankommen unterstützen, während der Rest der Gesellschaft ja schon da ist und die Landessprachen spricht.

Wie kommt Neues in die (konkrete) Bibliothek? Ein Modell

Eine Frage, die mich immer wieder interessiert – und die, wenn beantwortet, meiner Meinung nach einen Einfluss auf die Entwicklung z.B. von Fortbildungsangeboten und Ausbildungen im Bibliotheksbereich, aber auch auf den Zusammenhang von Bibliothekswissenschaft und Bibliothekswesen haben müsste – ist die, wie eigentlich neue Diskussionen, Vorstellungen, Angebote in die konkreten Bibliotheken kommen. Oder anders: Wie sich die Angebote von Bibliotheken entwickeln und zwar so, dass sie immer wieder in den unterschiedlichen Bibliothek doch sehr ähnlich sind.

Es gibt wohl eine sehr einfache Vorstellung dazu, die hinter vielen Texten im Bibliothekswesen – insbesondere den Werken, die heute „Handbücher“ genannt werden, aber auch vielen Richtlinien, Toolkits und solchen Texten sowie Forschungen an Fachhochschulen, die sich als „praxisorientiert“ verstehen – zu stehen scheint. Es gibt in dieser Vorstellung ein paar Quellen, aus denen sich Bibliotheken informieren. Die konkreten Bibliotheken nehmen dieser Dokumente, schauen, was in ihnen lokal angepasst werden muss und wenden sie dann an, z.B. indem sie Richtlinien umsetzen oder auf das Basis eines Beispiels aus einer anderen Bibliothek ein ähnliches Angebot einrichten. Im Idealfall publizieren sie über ihre Erfahrungen, so dass andere Bibliotheken es wieder als Basis für eigene Angebote nutzen können. (Die Frage wäre dann, wie Neues in dieses System kommt, aber nehmen wir einfach mal an, einzelne Bibliotheken experimentieren und finden was Neues oder aber Personen in den Fachhochschulen denken sich das Neue aus.)

Dieses Modell 1 lässt sich graphisch wie folgt darstellen:

Modell 1: Einfaches, direktes Verarbeiten, vorrangig von Texten aus autoritativer Quelle.

Pro Modell 1

Wenn dieses Modell stimmt, dass würde es erklären, warum im Bibliothekswesen ständig Toolkits, Beiträge mit To Do-Listen oder Sammlungen von Beispielen publiziert werden. Es würde bei der immer wieder einmal vorgebrachten Klage, dass die Forschung an Fachhochschulen den Bibliotheken nichts bringen würde, die Schuld eindeutig bei den Forschenden verorten, die offenbar keine ordentlichen Ideen haben oder sie nicht richtig kommunizieren. Sonst aber ist sie sehr hoffnungsvoll was die mögliche Wirkung bibliothekarischer Literatur auf konkrete Bibliotheken angeht.

Kontra Modell 1

Ich denken aber, dass mehr gegen dieses Modell spricht und je länger ich an einer Fachhochschule (als Bibliothekswissenschaftler) tätig bin, um so mehr Argumente scheinen sich zu sammeln. Es sind am Ende eher subjektive Beobachtungen, die ich kurz schildere, um danach zu versuchen, sie in einem besseren Modell (Modell 2) zu erklären. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass nur ich sie mache.

  • Handreichungen etc., die unter anderem an Fachhochschulen ständig produziert werden (aber nicht nur, die kantonal Fachstelle für Bibliothek Zürich und die Bildungsdirektion Kanton Zürich haben vor einigen Jahren das seitdem immer wieder einmal verlinkte bischu – Handbuch für die Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule publiziert), scheinen in den Bibliotheken so gut wie nicht wahrgenommen oder gar genutzt zu werden. Zumindest sind solche konkreten Benutzungen, wie man sie sich wohl beim Erstellen (und oft auch dem beispielhaften Testen) dieser Handreichungen macht, eigentlich nie zu finden. (Mein persönliches Beispiel ist eine Handreichung zur „Wissenschaftskommunikation in Öffentlichen Bibliotheken“, die wir an der HTW Chur vor drei Jahren publiziert haben, damals mit Artikel in der schweizerischen Zeitschrift für Öffentliche Bibliotheken und auf der Homepage der betreffenden Vereinigung; die Handreichung in einfachen To Do-Listen verfasst und mit Bibliotheken abgestimmt – und bis heute habe ich nicht eine Bibliothek gefunden, die sie genutzt hätte. Aber die Erfahrung spiegelt sich auch bei anderen Kolleginnen und Kollegen an Fachhochschulen nieder: Nur weil sie Handreichungen machen, die sie mit Bibliotheken testen und möglichst so verfassen, dass sie quasi direkt umgesetzt werden können, heisst das noch lange nicht, dass Bibliotheken das anschliessend auch tun.)

  • Ein anderes Beispiel aus meiner Arbeit an der HTW Chur: Wir haben letztes Jahr ein Projekt gehabt, bei dem wir Testen wollten, ob es möglich wäre, den ganzen Makerspace-Hype so einzufangen und klein zu machen, dass er auch für kleinere und kleinste Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz nutzbar wäre. Das ist ein gutes Beispiel, weil es so viel und so viele unterschiedliche Literatur (Erfahrungsberichte, Pläne, Versprechen, Untersuchungen über die Realität von Makerspaces in Bibliotheken und Schulen) gibt, die einfach wahrgenommen werden könnte – aber kaum wird. Im Rahmen des Projektes testen wir das mit zwei mobilen Makerspace-Boxen, fassten unsere Ergebnisse – neben einem Projektbericht – in einer Handreichung zusammen, in der wir beschrieben wie z.B. kantonale Fachstellen solche Boxen selber einrichten und betreuen können (inklusive Kriterien zur Auswahl neuer Technologie). (Und nebenbei beantworteten wir die Frage, ob wirklich jede Neuheit in Bibliotheken mit einer Person kommen muss, die erklärt, wie sie funktioniert – oder ob das Bibliotheken auch selber können. Letzteres.) Noch nicht einmal sind wir nach dieser Handreichung gefragt worden. Stattdessen haben wir mehrere Anfragen dazu bekommen, ob wir die Boxen schicken oder besser selber zeigen können. Wozu? Warum? Es steht alles in der Handreichung und die Technologie kann man sich selber in jedem Elektronikfachmarkt und mehr und mehr grossen Buchläden anschauen. Es gibt offenbar – und nicht nur bei diesem Beispiel – im Bibliothekswesen den erstaunlichen Drang danach, Dinge anzufassen, anzuschauen, sich zeigen zu lassen – selbst dann, wenn man es einfach nachlesen (oder in diesem Fall auch in jeweils Dutzenden Videos anschauen) könnte.

  • Dazu passt auch, dass von all den Weiterbildungen, die für Bibliotheken angeboten werden, Reisen und Exkursionen in anderen Bibliotheken oft die sind, die sehr gut funktionieren. Auch die Vorträge, bei denen konkrete Beispiele gezeigt werden, scheinen sehr beliebt zu sein. Sich „Anregungen holen“ scheint dafür sehr oft eine Motivation zu sein. Was weniger interessiert, sind genaue Beschreibungen, Konzeptionen etc. Es scheint oft, als sei das den Kolleginnen und Kollegen zu speziell.

  • Passt man bei Konferenzen oder Besuchen in Bibliotheken genauer auf, hört man immer wieder den Wunsch nach „interessanten Beispielen“ oder „spannenden Anregungen“; aber vor allem eine erstaunlich häufige Verwendung von solchen Worten wie „interessant“ und „spannend“, wenn eigentlich auch genau beschrieben werden könnte, was gemeint ist, was genau „interessant“, „anregend“ etc. ist oder nicht ist. Vielleicht bin ich da zu sehr von meinem Studium der Gender Studies geschädigt: In diesem Studium war es normal, sich am Anfang eines Kurses darüber zu unterhalten – also die Dozierenden und die Studierenden zusammen – was sich vom jeweiligen Kurs erwartet wurde, so dass dieser eher an den vorhandenen Interessen anschliessen konnte. Eigentlich eine gute Idee, aber nur wenige Studierende wussten am Anfang, was sie von einem Kurs erwarteten. Deshalb fielen viele darauf zurück, genau solche Worte zu benutzen: „Spannend“, „Interessant“, das war engaged genug, aber auch ungenau genug, um zu überspielen, wenn man nichts zu sagen hatte. (Später wurden Leute ehrlicher und sagten auch, wenn sie Kurse besuchten, weil sie in dem und dem Thema einen besuchen mussten, um das Studium fertig zu machen. Der Lerneffekt, dass das auch geht, brauchte aber einige Semester. — Good Times.) Mir scheint aber, dass die häufige Verwendung solcher Begriffe im Bibliothekswesen genauso verdecken, dass bestimmte Dinge nicht thematisiert werden können oder sollen oder das man sich halt nicht direkt vorstellen kann, wie bestimmte Vorschläge (die z.B. auf Konferenzen oder in Handreichungen gegeben werden), in einer konkreten Bibliothek umgesetzt werden können.

  • Es ist ein bisschen zurückgegangen, aber noch vor wenigen Jahren schien es im Bibliothekswesen zudem ein sehr grosses Interesse an „Best Practice“-Sammlungen – also, wenn man ehrlich ist, Beispiel-Sammlungen zu irgendeinem Thema; warum gerade die Best Practice sein sollten, wurde eigentlich nie klar – zu geben. Das hat mich immer wieder irritiert, weil die Beispiele in diesem Sammlungen oft sehr oberflächlich dargestellt wurden, eher wie in längeren Presseerklärungen, in denen man sich selber feiert und weniger in Darstellungen, die zeigten, was wieso gemacht wurde, wie Konzepte genau aussehen, welche konkreten Erfahrungen es mit den vorgestellten Angeboten / Projekten etc. gab. Was soll – so oft meine Frage, wenn ich diese Sammlung durchschaute – eine Bibliothek damit konkret anfangen? Die könnte das doch gar nicht direkt umsetzen, sondern doch nur raten, was genau gemacht wurde. Aber: Die Sammlungen wurden immer wieder neu erstellt.

  • Was mir bei Besuchen in Bibliotheken, gerade Öffentlichen Bibliotheken, in den letzten Jahren (Besuch als Bibliothekswissenschaftler und Dozent, der also oft rumgeführt wurde; nicht als „normaler“ Nutzer) immer wieder auffiel, waren Formulierungen wie „Das haben wir dann erarbeitet“, „Wir haben dann die Veranstaltungen [z.B. für Leseförderung] so und so gestaltet“, „Das wurde dann von Kollegin XYZ ausgearbeitet“. Diese Formulierungen wurden oft für Angebote genutzt, die sich grundsätzlich nicht gross voneinander unterschieden. Die Kolleginnen hatten dann z.B. Arbeitsblätter und Ablaufpläne erarbeitet, die sie in Leseförder-Veranstaltungen mit Kindern nutzten, was immer sinnvoll ist. Nur, dass andere Bibliotheken ähnliche Ablaufpläne und Arbeitsblätter hatten. (In Wissenschaftlichen Bibliotheken war das mit Angeboten für „Informationskompetenz“ ähnlich. Die waren auch oft ähnlich, aber vor Ort erstellt.) Irritierend daran war nicht, dass es solche Angebote gibt, sondern, dass sie nicht einfach nachgenutzt wurden. Es schien in den Bibliotheken logisch, sie neu zu erstellen. Ein wenig so, als würde es die Handreichungen und To Do-Listen (die ja auch solche Arbeitsblätter und Ablaufpläne enthalten) gar nicht geben.

  • Nicht zuletzt gibt es das Phänomen, dass bei Besuchen in Bibliotheken immer klar wird, dass diese viel mehr machen, als nach aussen sichtbar ist. Bibliotheken sammeln Erfahrungen, zu unterschiedlichen Themen, aber sie publizieren kaum dazu. Auch nicht, wenn sie darum gebeten werden (dies eine Erfahrung als Redakteur). Das ist schon komisch: auf der einen Seite der Wunsch, dass jemand Vorschläge macht, was in der Bibliothek gemacht werden könnte; auf der anderen Seite eine gewisse Verweigerung, die eigenen Erfahrungen sichtbar zu machen.

  • Evidence Based Librarianship wird, wie bekannt sein dürfte, in anderen Staaten als Versuch betrieben, die Nutzung von wissenschaftlichem Wissen in der Praxis und in gewisser Weise auch die Zusammenarbeit von Bibliothekswissenschaft und -praxis zu motivieren. Gillespie et al. (2017) untersuchten, wie die in australischen Bibliotheken tatsächlich umgesetzt wird, auch Koufogiannakis & Brettle (2016) führten in ihrem neuen Handbuch zum Thema ähnliche Untersuchungen an. Sichtbar wurde dabei, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare in der englischsprachigen Welt dazu tendieren, bei Aufgaben, die in Bibliotheken auftauchen, Arbeitsgruppen zu bilden, die versuchen, die jeweilige Aufgabe – und das kann gut die Einführung eines neuen Angebots sein – anzugehen. Dabei werden nicht etwa – wie oben im Modell 1 – einfach die sinnvoll passenden Texte, Handbücher, Studien etc. herangezogen, angepasst und angewendet, sondern vielmehr viele Quellen als Evidence genutzt (bei Gillespie et al. (2017) Beobachtungen im Bibliotheksalltag, Feedback z.B. von Nutzerinnen und Nutzern, Hinweise von Kolleginnen und Kollegen, wissenschaftliche Literatur, Statistiken und Intuition; bei Koufogiannakis & Brettle (2016) wird vor allem lokales Wissen besprochen). Dabei werden nicht nur unterschiedliche Quellen genutzt, sondern auch als gleichwertig nebeneinander genutzt: die wissenschaftliche Studie also als ähnlich wichtig wie die Rückmeldungen von Kolleginnen oder wie die eigene Intuition.

All das spricht dagegen, dass das – so schön einfache – Modell 1 tatsächlich in der Realität funktionieren würde.

Modell 2

Ein komplexeres Modell, dass die genannten Beobachtungen eingliedern würde, ist in der folgenden Graphik dargestellt:

Modell 2: Verarbeitung unterschiedlicher Quelle als Anregung zur Erarbeitung eigener Angebote.

Zum einen scheint es sinnvoll, von weit mehr Quellen – die auch schwieriger zu erfassen sind als die Texten, die man selber recherchieren kann – auszugehen, welche ans Anstoss für „Neues“ in einer Bibliothek genutzt werden. Vielleicht sind wissenschaftliche Texte oder Handreichungen dabei gar nicht so wichtig, sondern viel eher Beispiele, die etwas anstossen – nicht direkt etwas vorgeben, sondern die Möglichkeit von Diskussionen eröffnen und die Phantasie anregen – und Anregungen, beispielsweise Narrative, die auf Konferenzen, in Weiterbildungen und der Fachliteratur verbreitet werden – nicht so sehr der konkrete Vortrag, der konkrete Texte, sondern die irgendwie überzeugende Erzählung davon, was kommen wird, was neu ist oder bald neu sein wird.

Zum anderen muss sich die Umsetzung in der Bibliothek offenbar anders vorgestellt werden: Es ist wohl sinnvoll, nicht davon auszugehen, dass einfach gute Handreichungen gesucht, lokal angepasst und dann umgesetzt werden, sondern eher, dass – egal ob in Arbeitsgruppen oder in Projekten – die Quellen in der Bibliothek genutzt werden, um Diskussionen anzuregen, Vorstellungen neu zu erarbeiten, auszuwählen – d.h. auch, bestimmte Quellen nicht wahrzunehmen, vielleicht sogar die, die es schwieriger machen könnten, ein Angebot zu erarbeiten, weil es ja darum geht, dass am Ende „was rauskommt“ – und dann erst neu ein Angebot zu erarbeiten. Da die Quellen (auch die Erfahrungen, die man im Bibliotheksalltag machen kann) nicht so unterschiedlich sind, kommen am Ende wohl auch oft immer wieder ähnliche Angebote heraus. Aber der Arbeitsprozess sollte nicht verachtet werden: Dadurch, dass erst Arbeit hineingesteckt wird, scheint das Ergebnis besonders zu sein.

Am Ende steht dann vielleicht oft die Überzeugung, dass es gerade deshalb wenig nach aussen zu Berichten gäbe. Wie kann etwas so spezielles, dass „nur“ für die eigene Bibliothek erarbeitet wurde, andere interessieren? Ist es nicht speziell? Und selbst wenn: Müsste dann nicht sehr viel – angesichts der Arbeit, die hineingesteckt wurde – geschildert werden? Es wäre zumindest ein Ansatz, um zu verstehen, warum – im Gegensatz dazu, was tatsächlich alles gemacht wird – so wenig publiziert wird.

Erklärungen aus Modell 2

Wenn man annimmt, dass das „Entstehen von Neuem“ in Bibliotheken eher mit dem Modell 2 (das man bestimmt noch weiter ausdifferenzieren oder für Forschungen – z.B. solchen ähnlich zu denen von Gillespie et al. (2017) – benutzen könnte) zu erklären ist, könnte man damit einige der Beobachtungen besser erklären.

  • Der Wunsch, lieber etwas gezeigt als beschrieben zu bekommen (oder gar selber zu lesen?), könnte damit zusammenhängen, dass man eh alles nochmal verarbeitet und interpretiert. Was nützen da genaue Beschreibungen? Sind dann nicht ungenauere Beschreibungen und offene Narrative, die das Denken anregen, besser?

  • Es würde auch erklären, warum es eine gewisse Geringschätzung wissenschaftlicher Texte und Reflexionen, eine gewisse Abneigung gegenüber der Forschungen aus Fachhochschulen oder Versuche, kritische Diskussionen in Gang zu bringen, gibt. Die sind nicht wirklich in das Erarbeiten von Angeboten einzubauen, sondern würden vielleicht sogar von der Agency, die man als Bibliothekarin / Bibliothekar selber hat, wenn man Projekte lokal neu entwirft, einiges fort.

  • Es würde auch erklären, warum es so wenig richtige Community im Bibliothekswesen gibt, warum z.B. so wenig inhaltlich diskutiert oder sich über die eigene Bibliothek hinaus engagiert wird. (Z.B. in Verbänden, Redaktionen.) Wenn man vor allem alles selbst tut, ist es nicht so wichtig, was „wir alle tun“ und auch nicht so wichtig, das mitzubestimmen. Es wird ja eh nochmal uminterpretiert.

  • Wenn es in den Bibliotheken wirklich darum geht, bestimmte Begriffe, Texte, Anregungen neu zu interpretieren und umzusetzen, würde das auch das Entstehen und die Verbreitung schwammiger Begriffe und Konzepte erklären, die keine richtig Definition haben, auch in den konkreten Bibliotheken immer wieder etwas leicht anderes bedeuten können, aber trotzdem für einige Zeit als „Fachbegriffe“ durch die Fachliteratur geistern. Wenn sie eh vor allem als Anregungen verwendet werden, ist es vielleicht ganz gut, wenn man nicht genau nachfragt, sondern eher den Eindruck bestehen lässt, als wenn „alle“ schon verstehen würde, was sie heissen. Aktuell sind „Dritter Ort“ und „Makerspace“ solche Begriffe, die eigentlich, wenn man genau schaut, nichts Konkretes mehr bedeuten und oft mit den originären Herkunftskontexten nichts mehr zu tun haben, aber trotzdem ohne grosse Erklärungen im Bibliothekswesen – und z.T. praktisch nur im Bibliothekswesen – verwendet werden. Wären sie genauer, würde sie nicht diese Wirkung haben können; wäre man sich im Klaren, dass sie wenig bedeuten, würde man sie vielleicht nicht so verwenden können.

  • Genauso wäre gut zu erklären, warum Beispiele mehr Interesse hervorrufen, als To Do-Listen, Konzepte oder genaue Beschreibungen. Es geht vielleicht eher darum, Material zu finden, dass intern weiter verarbeitet werden könnte und nicht um einfach umzusetzende Anleitungen.

  • Dieses „Verarbeiten“ wäre dann auch ein Grund dafür, dass das Entwickeln von Angeboten in Bibliotheken teilweise erstaunlich lange, jahrelang dauern kann. Würde Modell 1 gelten, wäre das nicht immer nachvollziehbar. Aber Modell 2 macht klarer, welche Arbeit eigentlich geleistet werden muss, bevor ein Angebot neu entwickelt ist. Es kann offenbar nicht einfach übernommen werden.

  • Ebenso besser zu erklären wäre die oft in konkreten Bibliotheken anzutreffenden Vorstellungen, dass das, was es an Angeboten in der Bibliothek gibt, sehr speziell wäre und nur im Kontext zu verstehen sei.

Mögliche Konsequenzen aus Modell 2

Falls Modell 2 gilt, müsste man fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, weiter Handreichungen, gute Beschreibungen, Konzepte zu erarbeiten (z.B. in Fachhochschulen). Wenn die Bibliotheken eh alles uminterpretieren – und nicht einfach nur anpassen – wäre das vielleicht ganz vertane Mühe. (Man könnte sich also auf andere Fragen konzentrieren.)

Gleichzeitig könnte man – wieder einmal – überlegen, was in bibliothekarischen Ausbildungen eigentlich vermittelt werden sollte. Wenn in den Bibliotheken – warum auch immer – dazu tendiert wird, in der Bibliothek Angebote auf der Basis der Interpretation verschiedener Quellen neu entwerfen — sollte man dann nicht auch das (selber Angebote lokal konzeptionell entwerfen, umsetzen; Methoden zum Erstellen von Evidenzen üben; verschiedene Quellen identifizieren und interpretieren) vermitteln?

Man könnte auch über die Klagen, die es z.B. aus Verbänden und Redaktionen gibt – kaum jemand will schreiben, kaum jemand sich engagieren – anders nachdenken, wenn man davon ausgeht, dass Bibliotheksarbeit offenbar vor allem heisst, auf die lokale Einrichtung (und den lokalen Kontext) bezogen zu arbeiten und zu denken.

Literatur

Gillespie, Ann ; Miller, Faye ; Partridge, Helen ; Bruce, Christine ; Howlett, Alisa (2017). What Do Australian Library and Information Professionals Experience as Evidence?. In: Evidence Based Library and Information Practice 12 (2017) 1, https://journals.library.ualberta.ca/eblip/index.php/EBLIP/article/view/28126

Koufogiannakis, Denise ; Brettle, Alison (edit.) (2016). Being Evidence Based in Library and Information Practice. London: facet publishing, 2016