Wie kommt Neues in die Bibliothek? – Buchvorstellung

Ich habe ein neues Buch veröffentlicht. Es ist hier als OA bei E-LIS zu finden: http://eprints.rclis.org/40270/ und hier gedruckt zu bestellen: https://www.epubli.de/shop/buch/Wie-kommt-Neues-in-die-Bibliothek-Karsten-Schuldt-9783752983425/102025

[Update: Die Datei auf E-LIS ist offenbar korrupt. Solange, bis sie ausgetauscht ist hier die „richtige“ Version: Buch_BibliothekenEvidenzBasiertEntwickeln_Neu]

 

Hier möchte ich es gerne kurz vorstellen.

Das Buch ist auf der einen Seite theoretisch, aber auf der anderen Seite gerade doch für die Bibliothekspraxis gedacht. Durch die Theoriebildung wird hier meiner Meinung nach nämlich etwas geklärt, was im Alltag von Bibliotheken sonst wohl oft untergeht.

Es geht darum, wie eigentlich Öffentliche Bibliotheken dazu kommen, etwas als Neu zu akzeptieren – sowohl als neues Thema für Bibliotheken als auch als mögliches neues Angebot oder auch als neues Ziel von Bibliotheken. Das ist nicht so einfach zu erklären, wie man sich das vielleicht denken würde. Ich habe schon mehrfach hier im Blog diskutiert, dass nicht immer von aussen nachzuvollziehen ist, wieso Bibliotheken bestimmte Themen, Behauptungen, Vorbild-Bibliotheken, Angebote besetzen und diskutieren, aber andere nicht. Sicherlich gibt es im Bibliothekswesen einige Behauptungen dazu (zum Beispiel Innovation, Nutzer*innenorientierung, Best Practice), aber die halten einer genaueren Prüfung oft nicht stand: Was als innovativ gilt ist oft nicht wirklich innovativ, zum Beispiel. Andere Themen als die, die allgemein in der bibliothekarischen Literatur diskutiert werden, wären auch immer möglich und sinnvoll.

Es muss, so die Vermutung hinter diesem Buch, andere Gründe dafür geben, wie Bibliotheken entscheiden, was sie als Neu gelten lassen oder gerade nicht gelten lassen. (Selbstverständlich hat das auch mit meiner Arbeit als Bibliothekswissenschaftler zu tun, der ja Bibliotheken helfen soll, sich zu entwickeln. Aber mir geht es im Buch nicht darum, Recht zu haben und den Bibliothek zu erzählen, was sie zu tun haben. Sondern vielmehr darum, zu verstehen, was hier passiert. Wissenschaft als Erkenntnisprozess.) In dem Buch trete ich ein wenig zurück und versuche, diese Struktur zu verstehen.

Hilft das der Praxis: Ich denke ja. Wenn klar wird – was ich hoffe, dass es das im Buch wird – wer Einfluss auf diese Entscheidungen hat, können diese Entscheidungen auch besser strukturiert und klarer gesteuert werden. Es kann wohl auch genutzt werden, um Themen erfolgreicher im Bibliothekswesen zu etablieren, wenn das gewünscht ist.

Grundsätzlich ist das Ergebnis im Buch, dass es die Bibliotheken – nicht das Bibliothekswesen als Ganzes, nicht die Wissenschaft, die Bibliotheksverbände oder andere Expert*innen, sondern eher die einzelnen Bibliotheken – selber sind, welche diese Entscheidungen treffen und ein Thema als neu und relevant bestimmen (oder gerade nicht). Aber auf dem Weg zu diesem Ergebnis hoffe ich, mehr dazu zu zeigen, wie das passiert und damit dann auch, wie man dies besser steuern, planen, durchführen kann. Zudem zeige ich am Ende des Buches, was dieses Ergebnis für die Bibliothekspraxis bedeuten könnte.

Was ich auch hoffe, dass das Buch zeigt, ist, was für Fragen man bearbeiten kann, wenn man etwas aus dem Bibliotheksalltag heraustritt und die Aktivitäten dort zum Gegenstand von Beobachtungen und Überlegungen macht.

Sind Bibliotheken einer der wenigen Orte ohne Konsumzwang – und was soll das eigentlich heissen?

Die Bibliothek ist in vielen Gemeinden der einzige Ort ohne Konsumzwang […]‟ (Bibliosuisse 2020: 7) teilen die schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken mit. Damit sind sie nicht alleine, vielmehr hört man diese Aussage so regelmässig von Bibliotheken, auch an ganz unerwarteten Stellen, dass man sie als Standardargument ansehen kann. Ein bisschen, als wäre es Teil der bibliothekarischen Folklore.

Beim vBib20 wurde dies beispielsweise bei einem Vortrag zur Nachhaltigkeit von Bibliotheken erwähnt. Neben diesem Vortrag wurde in einem Pad (anonym) diskutiert und diese Aussage dort kritisiert – worauf jemand anders schrieb, vielleicht betriebsblind zu sein, aber nicht zu wissen, welche Einrichtung sich in diesem Punkt mit Öffentlichen Bibliotheken vergleichen liesse. Ich sah diesem Austausch (der noch weiter ging) zu, überrascht: Hätte man mich gefragt, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass jemand diese Aussage über den „Ort ohne Konsumzwang‟ im 21. Jahrhundert mit Ernst vorbringen würde und nicht mit Ironie. Aber selbstverständlich: Sie würde nicht so oft gemacht werden, wenn Kolleg*innen sie nicht auch glauben würden. Ich hätte gesagt, es wird vielleicht in der Hoffnung benutzt, andere (die Politik?, die Öffentlichkeit?) davon zu überzeugen, das Bibliotheken etwas Gutes sind (und ich habe die Aussage auch tatsächlich schon von Politiker*innen gehört), ohne das selber zu glauben. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.

Ich hatte mit dieser Aussage immer Bachschmerzen, die mit den Jahren nur schlimmer geworden sind. In diesem Blogpost würde ich gerne kurz aufdröseln, warum. Vielleicht wird dadurch verständlich, warum die Aussage für mich bestenfalls ironisch klingt.

Ist die Bibliothek wirklich so einzigartig?

Der erste Punkt, der bei dieser Aussage auffällt, ist die Behauptung, dass die Bibliothek mit der angeblichen Konsumfreiheit eine Besonderheit in der Gesellschaft darstellt. Das ist, um es kurz zu sagen, nicht richtig. Nur ein wenig Nachdenken kann andere Einrichtungen anführen, die das auch sind: Parks und Wälder, Jugendclubs, Senior*innenclubs, Spielplätze, staatliche Galerien (und in einigen Ländern auch Museen), Gedenkstätten, freie Badezonen, Wanderwege, Lehrwege, Naturhäuser, viele kleinere Zoos, Märkte und Marktplätze (über die man ja gerade auch wandern kann, ohne etwas kaufen zu wollen), immer mehr Stadt-, Kunst-, Lichtfestivals, Friedhöfe (die ja nicht nur zum Gedenken da sind, sondern auch als interessantes Ausflugsziel – looking at you, Wien).1 Diese Liste wird schnell lang und länger. Und wenn man dann auch noch konkret fragt, was „Konsumzwang‟ genau heisst (also, , um es hier einfach zu machen, ob man wirklich etwas kaufen muss), wächst sie sogar noch mehr. Starbucks betont auch immer und immer wieder, dass man nichts kaufen muss. In Stammkneipen konnte man immer auch so rumhängen, wenn man „dazugehörte‟. Viele Bahnhöfe mögen jetzt zwar umgebaut worden sein, um dort mehr zu konsumieren – aber immer widersetzen sich dem Leute und hängen dort eher rum. Kurz: Nein, die Bibliothek ist nicht so einzigartig darin, dass man dort nichts kaufen muss. So einfach gefasst hat dieses Argument noch nie gestimmt.

Und wenn man es genau nimmt, stimmte es ja auch nie, dass in der Bibliothek kein Geld fliesst. Sicherlich: Ausser der Jahresgebühr (und die nicht überall) muss kein Geld fliessen, um eine Bibliothek zu nutzen. Aber es fliesst trotzdem ständig, beispielsweise für besondere Leistungen. Nicht umsonst haben Bibliotheken Gebührenordnungen. Und seit Bibliotheken Cafés einrichten und sich vorstellen (und es ermöglichen, zum Beispiel indem am Arbeitsplatz getrunken werden darf) das Menschen lange Stunden in ihnen verbringen und sich dann in diesen Cafés versorgen, fliesst noch mehr Geld. Sicherlich: Man darf auch in die Bibliothek ohne das jeweilige Café zu nutzen. Aber genau das darf man im Starbucks auch.

Insoweit ist das Argument faktisch nicht richtig. Aber das muss es noch nicht ganz falsch machen. Nehmen wir an, „ohne Konsumzwang‟ wäre etwas Positives: Dann wäre es ja auch gut, wenn es mehr als eine Einrichtung gibt, wo das gilt. Man sollte dann vielleicht nur nicht mehr davon reden, dass die Bibliothek das als Besonderheit hat.

Was soll das sein, „ohne Konsumzwang‟?

Ein weiteres Problem mit dem Statement ist allerdings, dass nicht so richtig klar ist, was genau damit eigentlich gesagt werden soll. Es wird im Allgemeinen gebracht, als wäre es selbsterklärend und wird also nicht weiter erklärt. Es scheint sehr klar, dass es etwas Positives sein soll. Aber wie genau, dass muss man raten. Vielleicht soll es ja heissen, dass die Bibliothek offen für alle ist, weil sie keinen Eintritt nimmt und weil man niemanden zwingt, etwas zu kaufen? Ich könnte mir vorstellen, dass das oft der Hintergrund dieser Aussage sein soll.

Was spricht im Kapitalismus für Bibliotheken gegen Konsum?

Aber das ist nicht per se logisch: Wir leben im Kapitalismus (egal, ob man jetzt denkt, dass es gut ist das wir das tun), also einer Gesellschaft, in der soziale Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sicherlich kann man sagen, dass sollte nicht so sein; Menschen sollten direkte Beziehungen untereinander aufbauen und so weiter. Aber gleichzeitig ist das auch illusorisch, solange man nicht die ganze Gesellschaft verändern will. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Beziehungen oft gut funktionieren über den Tausch von Geld – das ist zum Beispiel einer der Punkte, an dem schon Weber und Marx einer Meinung waren (und beide zeigten auch, dass das erst die Ausweitung der Tauschbeziehungen in der kapitalistischen Gesellschaft, inklusive der Freiheiten, die dadurch trotz allem entstehen, ermöglicht). Bei einem Angebot praktisch zu sagen, dass es nichts kostet, heisst erstmal also noch nichts per se Positives.

Auffällig ist dieser Widerspruch aktuell noch mehr, wenn diese Aussage vom fehlenden Konsumzwang in den gleichen Texten auftaucht, in denen sich auf Ray Oldenburg und sein Konzept des 3. Ortes bezogen wird. Ich weiss, das Konzept wird auch zitiert, ohne Oldenburg gelesen zu haben. Aber er hat in seinem Buch (Oldenburg 1989), aus dem das Konzept stammt, explizit eine gegenteilige Position bezogen. Geld vermittelt bei ihm soziale Beziehungen, deshalb ist die Möglichkeit, für etwas zu bezahlen, inklusiv: Wer Geld gibt, stellt Beziehung zur restlichen Gesellschaft her und nimmt an ihr teil. Deshalb betont er, dass es wichtig sei für „3. Orte‟, dass sie so billig wären, dass alle sie sich leisten können – und gerade nicht umsonst sein sollen. Das englische Pub lobt er, weil man dort für Pennies (naja, irgendwann mal) ein Bier trinken kann, während andere Personen gleichzeitig in anderen Räumen für mehr Geld mit der Familien essen können: Alle haben Zugang, weil alle bezahlen können. Dinge, die man nicht bezahlt, würden diese Integration nicht leisten.

Sicherlich kann man Oldenburg hier widersprechen. Es ist vielleicht (bestimmt sogar) eine rein ökonomische Sichtweise, die ignoriert, dass Menschen auch auf andere Weise integriert werden können, beispielsweise durch die sichtbare Zugehörigkeit zu einem Staat, der – aus Steuern finanziert – Angebote für alle macht (aber das gilt dann wieder für das fünfhunderste Festival of Lights genauso wie für eine Bibliothek). Aber darauf kann man sich so einfach nicht zurückziehen, wenn man schon selber mit dem Begriff „Konsumzwang‟ argumentiert, also die ökonomische Sphäre hereinbringt.

Ist es vielleicht der Zwang, der stört?

„Ohne Konsumzwang‟ könnte auch heissen sollen, dass Bibliotheken nicht das Ziel hätten, Menschen zum Kauf oder zur Annahme von etwas zu verleiten, während andere Einrichtungen – sagen wir einmal Einkaufzentren – dies zum Ziel hätten.

Auch diese Vorstellung lässt sich eigentlich nicht halten. Zum einen haben Bibliotheken selbstverständlich Ziele, die sie aber anders ausdrücken: Literatur vermitteln, Menschen zum Lesen verführen, Informationskompetenz vermitteln. Hierzu werden ja immer wieder Strategien entworfen und Wege gesucht. (Was nicht heisst, dass sie immer erfolgreich sind, aber das gilt ja auch bei Einrichtungen des Konsums – die können ja auch nicht alles verkaufen, was sie sich erhoffen.) Das nicht direkt zu erzwingen, sondern beispielsweise eher anzuregen (so, dass die Menschen das selber wählen zum Beispiel) ist auch nichts spezifisch nicht-kommerzielles. Die gerade – ich gebe zu, für dieses Argument – eingeführten Einkaufszentren agieren auch so. Auch dort werden immer wieder indirekt Dinge ein- und aufgebaut, die nicht direkt zu mehr Konsum führen, aber offenbar indirekt doch mehr Konsum erreichen wollen: Sitzgelegenheiten, Ausstellungen, Foodcorner, die man auch frei nutzen kann (in Grenzen, solange man sich benimmt, aber das gilt für Bibliotheken auch), aktuell auch offenbar gerne Spendenboxen, um soziale Verantwortung zu zeigen (die man glauben kann oder auch nicht). Kein Zwang, sondern eher Nudging – auch das ist nichts spezifisch Besonderes oder Gutes, das nur für Bibliotheken gilt.

Des bibliothèques pour le socialisme / néo-anarchisme ?

Und nicht zuletzt fällt an dem Begriff ja auch auf, dass Bibliotheken ja gerade keine Einrichtungen sind, die irgendwie in Opposition zu der Gesellschaft stehen, in der Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sie wollen keine sozialistische Gesellschaft aufbauen oder Verhaltensweisen einer solchen Gesellschaft einprobieren lassen. (Redecker 2018) Überhaupt: „ohne Konsumzwang‟. Was ist das eigentlich für ein Wort? Wer sagt so was im 21. Jahrhundert? Klingt es nicht auch etwas aus der Zeit gefallen?

Es gibt im Francophonen eine gewisse politische Strömung, die aktive Kapitalismuskritik vor allem darin versteht, weniger zu Produzieren, weniger zu Verbrauchen, lokaler zu Handeln. In der Westschweiz gibt die Zeitschrift „Moins!‟ („Weniger!‟, http://www.achetezmoins.ch), die das vertritt. Im Verlag Éditions La Découverte (https://editionsladecouverte.fr) erschienen einige Bücher, die man der Strömung zuordnen kann (aber viele auch nicht, der Verlag hat einen extrem hohen Output). Oder in Grossbritannien eine Anzahl der Autor*innen, die bei PlutoPress (https://www.plutobooks.com) publizieren. Eigentlich viele Personen, die sich irgendwie auf Ivan Illich beziehen. (Im DACH-Raum vielleicht die Zeitschrift graswurzelrevolution, https://www.graswurzel.net/gwr/.) In Ermangelung einer klaren Bezeichnung dieser Strömung nenne ich sie mal „Neo-Anarchismus‟.2 Wenn Personen aus diesem Umfeld „Konsumzwang‟ sagen, dann hat das eine Verbindung zu ihrer Gesellschaftkritik und ihrer politischen Praxis. In der „Moins!‟ werden zum Beispiel kontinuierlich irgendwelche selbstverwalteten Initiativen, Kommunen, Fahrrad-Werkstätten, Bauernhöfe vorgestellt, dies sich irgendwie mit dieser Strömung in Verbindung bringen lassen. Wenn die Leute dort sagen, dass sie „ohne Konsumzwang‟ leben wollen, dann passt das Wort dort. (Ob es funktioniert, das ist eine andere Frage.)

Aber bei Bibliotheken, die ja nicht diesen neo-anarchistischen Kreisen zugehören, klingt das Wort halt auch kontextlos. Die oben zitierten schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken führen sonst eher Begriff aus anderen Zusammenhängen an, beispielsweise solche Sätze: „Die Optimierung der Betriebsabläufe und der Angebote steht im Dienst der Kundschaft. Effektives und effizientes Handeln sowie marktorientiertes Denken sind Konstanten der Betriebsführung. Bibliotheken setzen sich Ziele und kontrollieren permanent deren Umsetzung, sie überprüfen periodisch ihre Organisation sowie die Arbeitsabläufe. Mit gezielter Lobbyarbeit stärken sie ein positives Image.‟ (bibliosuisse 2020: 6)3 Das Argument mit dem fehlenden „Konsumzwang‟ ist auch deshalb wenig glaubwürdig, weil es nicht in den sonstigen Diskurs von Bibliotheken über sich selber passt. Es scheint entweder aus einem anderen Kontext oder aus einer anderen Zeit (oder beidem) zu stammen.

Was hiess „ohne Konsumzwang‟ früher?

Mir scheint eine andere Erklärung für dieses Argument viel passender, als die Vermutung, dass Bibliotheken sich in Wirklichkeit hinter der Suche nach Best Cases, Professionalisierung, Bestimmung von Kennzahlen und so weiter nur verstecken, um ihre eigentliche neo-anarchistische Zielsetzung zu verschleiern. Viel überzeugender ist für mich die Vermutung, dass es aus einer anderen Zeit stammt, aber im bibliothekarischen Diskurs kontinuierlich reproduziert wird. (Ich gebe zu, dieses Argument wiederholt sich bei mir mit einige Themen und die folgende Geschichte habe ich jetzt auch schon ein paar mal erzählt.)

Bibliothekarische Polemiken, Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Einrichtungen, die wir heute als Öffentliche Bibliotheken kennen, beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, Pi mal Daumen mit der Industrialisierung beziehungsweise in deren Schlepptau: Als die Städte urbanisiert waren, die Arbeiter*innen als eigene Schicht (oder Klasse) auftraten (sich selbst organisierten, aber gleichzeitig den Rest der Gesellschaft so auch dazu brachten, darüber nachzudenken, wie man auf diese neue Schicht reagieren sollte), als die Alphabetisierung weit genug verbreitet war und die Druckindustrie technisch und organisatorisch in der Lage war, billig Massenauflagen zu produzieren, beginnt die eigentliche Geschichte der Öffentlichen Bibliothek.4

Was wichtig zu erinnern ist, ist Folgendes: Wie die Öffentliche Bibliothek aussehen, was ihre Aufgaben sind und von wem sie getragen werden sollte (finanziell, aber auch politisch) war damals keine ausgemachte Sache. Es gab verschiedene Formen von Bibliotheken, nicht eine Öffentliche Bibliothek. Es gab teils heftige Auseinandersetzungen und Polemiken zwischen Aktiven in diesen unterschiedlichen Bibliotheksformen. Genauso, wie die entstehende moderne Gesellschaft massive Friktionen durchlief, galt dies auch für das Bibliothekswesen. Als wichtige Bibliotheksformen der damaligen Zeit sind zu erwähnen:

  • die Lesehallen (die sich als unpolitische Einrichtungen verstanden, die einen liberale Zugangspolitik pflegten, der Volksbildung – wir kommen gleich dazu – dienen sollten und die forderten, von den Gemeinden finanziert zu werden)
  • die Arbeiterbibliotheken (die der sozialistischen Bewegung – und ihrer Spaltungen – verpflichtet waren, sich als Bildungseinrichtungen für das Proletariat verstanden, die das politischen Ziel einer sozialistischen Gesellschaft hatten und die finanziert wurden von der Bewegung selber, also durch Partei, Gewerkschaften, proletarischen Bildungsvereine (siehe auch: Schuldt 2019))
  • die katholischen Bibliotheken (die vom politisch organisierten Katholizismus getragen wurden, der insbesondere während des „Kulturkampfes‟ Ende des 19. Jahrhunderts entstand – mit der Zentrumspartei im Mittelpunkt, aber tausenden von weiteren Vereinigungen, die um die Kirche herum organisiert waren – um sich gegen den Zugriff des Staates zur Wehr zu setzen, die Mitgliedern der Gemeinden offen standen, die die Ziele des politisch organisierten Katholizismus unterstützten und die von den Kirchgemeinden getragen wurden)
  • Leihbibliotheken, in der Folgezeit (von den anderen Bibliotheken) auch „kommerzielle Leihbibliotheken‟ genannt (Unternehmen, oft mit genau einer Filiale, in denen Bücher und Broschüren verliehen wurden wie später Videos in Videotheken – auf ökonomischer Grundlage, dafür auch durch dieses Geschäft selber finanziert)

Das sind lange nicht alle Formen von Bibliotheken, die es Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts gab, aber die wichtigsten.5 Wichtig ist auch zu erinnern, dass das keine monolithischen Bewegungen waren: Teilweise waren die Grenzen fliessend, oft gab es Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Bibliotheksformen.6 Für das eigentliche Thema dieses Blogposts, der Frage wo die Aussage, Bibliotheken wären Orte „ohne Konsumzwang‟, herkommt, werde ich mich hier auf die Lesehallen fokussieren. Aber wenn man die Zeit hat, kann man das selbstverständlich noch weiter auffächern.

„Konsumzwang‟ als polemisches Argument

Fast alle diese Bibliotheken grenzten sich voneinander ab, insbesondere die, die sich als Bewegung (oder Teil einer Bewegung) verstanden und dafür auf eigene Medien zurückgreifen konnten. Die Leihbibliotheken sahen sich nicht wirklich als gemeinsame Bewegung (mit Ausnahmen) und äusserten sich praktisch kaum zu den Angriffen auf sie. (Auch wenn es einige Publikationen gab wie „Der Leih-Bibliothekar‟, 1885-1891.) Dafür waren sie verbreitet und existierten entgegen aller Angriffe bis in die 1950er, 1960er Jahre hinein.

Lesehallen hingegen wussten sich zu äussern: In Zeitschriften (eigenen, wie den „Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen‟, 1900-1919 oder den „Eckart: ein deutsches Literaturblatt‟, 1906-1915 oder inhaltlich nahen wie den „Comenius-Blättern für Volkserziehung‟), in Broschüren, Büchern, Eingaben, Artikeln und anderen Formen. Wir wissen also recht viel darüber, was zumindest in den Leitungen der Lesehallen gedacht wurde.

Lesehallen verstanden sich, wie oben gesagt, als unpolitisch. Aber selbstverständlich waren sie das nicht. Unpolitisch im Deutschen und Österreich-Ungarischen Kaiserreich und dann vor allem anschliessend in der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik hiess, eine bestimmte politische Position einzunehmen, die allerdings als über der Politik verstanden wurde: Geteilt wurden hier Vorstellungen von Volk, Gesellschaft, Autorität, Kaiser und später Demokratie, die heute eindeutig rechts einzuordnen wären. Die Vorstellung, dass es eine geistige Elite gäbe, die das Volk führen müsste; dass es Werte gäbe, die in jeder Regierungsform gelten, auch, dass diese Autorität nicht erklärt werden müsse, sondern – wenn man nur richtig schaut – für sich selbst verständlich würde, war Teil dieser Idee des „Unpolitischen‟. Jede Einführung in die Geschichte der Weimarer Republik, der Ersten Republik oder auch der Gesellschaft der beiden Kaiserreiche schildert diese bürgerliche Elite, die sich der Mitarbeit an der Demokratie mindestens verweigert, teilweise auch an ihrer Abschaffung mittat und das immer mit dem Verständnis, grössere Zeitzusammenhänge zu verstehen als „die Massen‟. Sie war einer Form von Romantik verpflichtet, die angeblich fühlend geistige Wahrheiten erkennen würde, die nicht rational zu erfassen wären.

Teil dieses „unpolitisch sein‟ war ein gewisses Verständnis davon, was „Volksbildung‟ heissen sollte – auf das sich die Lesehallen explizit bezogen. Diese wurde als ästhetische Bildung verstanden, in welcher das Volk – hier: die Massen, die nicht zu Elite gehörten, aber auch schon mit genügend Anklängen an das „völkische‟ – die ihm innewohnenden Eigenheiten erkennen und entwickeln sollte und sich damit gegen „Vermassung‟ und andere Charakteristika der Moderne wehren sollten. Das ging schnell vom Individuum über zu angeblich natürlichen Gemeinschaften, die mit „Volksbildung‟ ihr wahres Wesen erkennen lernen würden. Volksbildung hiess ein gefühlsmässig verstandene und vermittelte Ästhetik in Kultur, Literatur und anderen Bereichen zu vermitteln, die immer gegen „Vermassung‟ stehen sollte. Verband man das mit sozialem Anspruch landete man vielleicht bei Arts and Crafts-Bewegung, der Lebensreformbewegung oder den Wiener Werkstätten, aber wohl öfter bei solchen ästhetischen Programmen wie denen im George-Kreis oder solchen Vereinigungen wie den „Vereinigten Prüfungsausschüssen‟, die in ihrer Zeitschrift „Jugendschriften-Warte‟, 1893-1933, auf der Basis solcher ästhetischen Urteile, die vor allem aus sich selbst heraus erklärt wurden, Literatur bewerten und solche, die sie als „Schmutz und Schund‟ bezeichneten bekämpfen wollten.7

Das waren alles vor allem Abwehrbewegungen gegen die Moderne, wie Kaspar Maase (2012) vollkommen richtig gezeigt hat: Die Eliten hatten Angst vor den Massen, die sie eigentlich erst mit der Industrialisierung geschaffen hatten. Einige fühlten sich den Massen überlegen und wollten, dass dies so bliebe. Andere sahen eine neue Gesellschaft herankommen, in denen die Massen sich durchsetzen würden, und wollten die Massen auf dem Weg dorthin erziehen, damit sie eine bessere Gesellschaft einrichten würden. Immer ging es um irrationale Ängste.

Und aus dieser Zeit und diesem Denken stammen die Lesehallen: Der Literatur wurde ein Wert zugeschrieben, weil sie zur Bildung des Volkes da sein sollte. Wie genau das funktionieren sollte, was Volk genau hiess und wie gute und schlechte Literatur aussehen: Das war immer offen für Diskussionen und Interpretationen, gerade weil das alles immer politische Frage sind, auch wenn behauptet wurde, dass sie nicht politisch wären. Eine der Einrichtungen, die für die Lesehallenbewegung als Einrichtung dieser Vermassung galt, weil sie „Massenliteratur‟, „Schund und Schmutz‟ verbreiten würden, waren die „kommerziellen Leihbibliotheken‟.

Das „Problem‟ war immer da: Volksbildungsbewegung, Lesehallen, Verbände von Lehrpersonen und Bibliothekar*innen, auch oft die Politik und Polizei versuchten gegen die „schlechte‟ Massenliteratur vorzugehen – und trotzdem gab es sie immer weiter, wurde sie immer weiter gelesen. Irgendwer musste daran Schuld sein. Heute würden wir sagen, das war halt das, was die Leute lesen wollten. (Und wir würden auch darauf verweisen, dass die ganze Einteilung in Schund und Schmutz auf der einen und guter Literatur auf der anderen Seite immer Unsinn war; vor allem, dass die Literatur, die dabei als schlecht verworfen wurde, viel differenzierter war, als in der Polemiken gegen sie dargestellt.) Aber von den Grundthesen der Volksbildungsbewegung her kann das nicht sein, sondern jemand musste diese Literatur verbreiten, um die Massen zu, well, „Vermassen‟.

Leihbibliotheken wurde vorgeworfen, dass sie aus kommerziellen Interessen Literatur anschaffen und verbreiten würden. Literatur, die „niedere Instinkte ansprechen‟ würde, nicht kunstvoll gestaltet sei, sondern grob. Inhaltlich schlecht: Action, Romanze, Erotik, schnelle Geschichten, die vor allem Sinne reizen, aber nicht zur Ausbildung eines Individuums beitragen würden. Literatur, die schnell weggelesen und Appetit auf noch mehr davon machen würde. Eine Droge, die die Massen dumm halten würde – Schund halt. („Opium für das Volk‟ hätte man in der Lesehalle nicht gesagt, dass Zitat wäre damals zu geladen gewesen – aber ungefähr so war es gemeint.) Dies alles würde sich daraus ergeben, dass die Leihbibliothek eine kommerzielle sei – eine, die immer auf das Geschäft schauen müsste.

Und hier kommen wir dazu, woher die Aussage, Bibliotheken (eigentlich Lesehallen) seien Einrichtungen „ohne Konsumzwang‟, wohl stammt: Aus der Polemik der Lesehallen gegen die „kommerziellen Leihbibliotheken‟. Es war eine Abgrenzung: Leihbibliotheken müssten Geschäfte machen, Lesehallen würden sich der Volksbildung zuwenden. Leihbibliotheken würden Schmutz und Schund verbreiten (müssen), die Lesehalle gerade nicht. Leihbibliotheken würden die „Vermassung‟ vorantreiben, Lesehallen hingegen Volksbildung betreiben. „Ohne Konsumzwang‟ hiess in diesem Zusammenhang nicht, dass individuell in der Bibliothek nichts bezahlten werden müsse, sondern dass sie gegen die als Problem wahrgenommen Entwicklungen der modernen Gesellschaft stehen würde: Konsum als instinkthaftes Handeln der ungebildeten Masse (im Gegensatz zum kulturellen Konsum der Gebildeten).

In diesem Zusammenhang macht das Argument auch mehr Sinn, weil es einen Kontext hat (so, wie es heute im neo-anarchistischen Diskurs einen Kontext hat, wenn auch einen sehr anderen). Man kann diesen Kontext (mit guten Gründen) falsch finden, aber es ist immerhin in gewisser Weise folgerichtig. Es passt von der Sprache auch viel mehr in diese Zeit und diese Denkweise als in die Sprache, die heute von Bibliotheken genutzt wird. Die Aussage war keine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus, sondern eine Abwehr von spezifischen Entwicklungen der Moderne – unter anderem dem, dass immer weitere Teile der Bevölkerung ein Surplus an Einkommen hatten, die sie zur Entwicklung einer eigenständigen Kultur einsetzen konnten und das ein Markt für literarische Erzeugnisse (und andere, die Entwicklung des Kinos und die Reaktionen von Bibliotheken darauf sind zum Beispiel nochmal eine eigene Geschichte) entstand, der auf diese Surplus-Einkommen ausgerichtet war, also eher billige Massenprodukte, von denen viele verkauft werden mussten, um einen Gewinn zu produzieren, publizierte als teure Sonderdrucke.

Hat die Geschichte Relevanz?

Eine der Grundfragen bei solchen historischen Herleitungen ist immer, ob diese Geschichte heute eine Relevanz hat: Die Gesellschaft hat sich offensichtlich verändert, die Bibliotheken auch (um nur die auffälligste Veränderung zu unterstreichen: Es gibt jetzt nur noch eine Form Öffentlicher Bibliotheken, nicht mehrere). Und trotzdem wird diese Aussage – aber andere nicht mehr – laufend immer wieder gebracht. Hat sich vielleicht den Inhalt verändert und meint jetzt einfach etwas ganz anderes? Lohnt sich die Suche in der Geschichte dann überhaupt?

Ja, auf jeden Fall. Begriffe, Argumente, Dinge, „die man so daher sagt‟ (gerade die, weil halt ohne grosse Reflexion) schleppen immer die Bedeutung mit, die sich in ihrer Geschichte gebildet hat. Sie haben Bedeutung, weil sie oft ein Denken verlängern, selbst wenn sich die Situation vollkommen geändert hat, aus der dieses Denken stammt, und die aufgerufen werden, auch wenn die, die sie aufrufen, sich nicht darüber im Klaren sind (oder, schlimmer, sich weigern, sich darüber klar zu werden). Das gilt auch für die auf den ersten Blick vielleicht unschuldige Aussage, Bibliotheken seien Orte „ohne Konsumzwang‟. Diese stammt aus einer Zeit, in der sich diejenigen, welche Lesehallen forderten, als Elite verstanden, welche das Recht hätten, „die Massen‟ davon abzuhalten, eine eigene Kultur inklusive einer eigenen Mediennutzung auszuprägen und stattdessen sie auf Ideal zu verpflichten, welches die Eliten für richtig und natürlich ansahen.8 Hat die Aussage diese Geschichte wirklich verloren? Sagt man mit ihm nicht auch weiterhin, die Kultur, die da zum Beispiele Jugendliche beim Cornern im Einkaufszentrum ausprägen oder die Kultur, die in der Stammkneipe entsteht, sei Konsum: Irgendwie falsch, zumindest nicht richtig gut. Nicht verboten, aber auch nicht richtig. Erhebt man die Bibliothek durch das Argument nicht auch weiterhin zu einer Einrichtung, die irgendwie ausserhalb der Gesellschaft steht?

Fazit: Aussagen bedenken

Also: Sollten man die Aussage weiter als Argument verwenden? Nein, sie ist faktisch einfach nicht richtig. Sie ist inhaltlich nicht genügend geklärt, um zu überzeugen. Und sie hat eine Geschichte, die man beenden, nicht verlängern sollte.

Aber das scheint mir gar nicht das Wichtigste zu sein. Interessanter finde ich festzustellen, dass offenbar eine ganze Anzahl von Kolleg*innen immer weiter Argumente und Behauptungen als richtig und sinnvoll ansieht, die ich – und andere – eigentlich immer nur als ironische Aussage verstehen können. Das habe ich beim Nachdenken über dieses Argument gelernt. Warum ist das so? Was finden Kolleg*innen an solchen Aussagen und Argumenten richtig? Ich muss zugeben, dass ich daran immer noch knabbere: Ich hoffe, dass an diesem Beispiel hier sichtbar geworden ist, dass es eigentlich nicht viel Arbeit bedeutet, zu zeigen, dass die Aussage nicht stimmen kann. Das ist mit anderen Argumenten, die oft für Bibliotheken gebracht werden, nicht anders. (Vor nicht zu langer Zeit habe ich das zu dem Argument, Bibliotheken würden „Armut beim Zugang zu Medien ausgleichen‟ auch schon mal diskutiert.) Was aber ist dann ihre Funktion? Verlängern sie veraltete Vorstellungen? Bieten sie Orientierung? Gibt es einfach keine besseren Argumente mehr? Darüber sollten wir alle mehr nachdenken.

Gleichzeitig ist das hier selbstverständlich ein Plädoyer dafür, Begriffe und Argumente nicht einfach zu übernehmen, sondern gerade dann, wenn man sie selber als für sich selbst-erklärend und richtig versteht, stehenzubleiben und erst einmal die Begriffe zu klären: Was sagen sie eigentlich? Sind sie faktisch richtig? Überzeugen sie auch andere? Wo kommen sie her und welche Geschichte schleppen sie mit? Ist man dann immer noch überzeugt, kann man sie wohl verwenden. Aber in vielen Fällen, so bin ich überzeugt, werden sie das dann nicht mehr sein. (Was nur die Argumente, die man dann doch macht, besser machen wird.)

 

 

Literatur

Bibliosuisse (2020). Richtlinien Öffentliche Bibliotheken 2020: Grundlagen und Empfehlungen zu Personal, Infrastruktur, Angeboten und Leistungen, Qualitätsmanagement. Aarau: Bibliosuisse, 2020, https://bibliosuisse.ch/Dokumente/Angebote/Downloads/Richtlinien-Öffentliche-Bibliotheken

Maase, Kaspar (2012). Die Kinder der Massenkultur : Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am Main: Campus, 2012

Oldenburg, Ray (1989). The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day. New York: Paragon House, 1989

Redecker, Eva von (2018). Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels. Frankfurt, New York: Campus, 2018

Schuldt, Karsten (2019). Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: LIBREAS 35 (2019), http://dx.doi.org/10.18452/20324

Vodosek, Peter (Hg.) (1978). Vorformen der öffentlichen Bibliothek (Beiträge zum Büchereiwesen. Reihe B, Quellen und Texte ; 6). Wiesbaden : Harrassowitz, 1978

 

Fussnoten

1 Der Zufall will es, dass ich das in einem solchen Café auf einem Friedhof schreibe, keine fünf Minuten von so einem Marktplatz und so einem Zoo ohne Eintritt – aber auch keine fünf Minuten von einer Bibliothek – und vielleicht zehn Minuten von der nächsten staatlichen Galerie ohne Eintritt entfernt schreibe. Sicherlich: Inmitten einer Grossstadt, aber so schwer ist es wirklich nicht, solche „Orte ohne Konsumzwang‟ zu finden.

2 Anarchismus als politische Strömung, die eine Gesellschaft die auf gemeinsamen Absprachen und Assoziationen freier Individuen errichten möchte, nicht Anarchismus als „Chaos‟. Ich hoffe, der Unterschied ist bekannt. Man tue mich auch bitte nicht in diese Strömung, nur weil ich sie kenne. Ich habe sie des Arguments wegen ausgesucht, weil sie halt die sind, in der ich einen Begriff wie „kein Konsumzwang‟ heutzutage besser aufgehoben sehe als in Bibliotheken.

3 Auch hier gebe ich gerne zu, dass ich die Richtlinien wegen dieser Argumentes ausgewählt habe. Aber das macht das Argument nicht falsch – in ihnen (auch weil sie so konzis geschrieben sind) zeigt sich der Widerspruch einfach sehr gut.

4 Selbstverständlich gab es Vorformen, siehe Vodosek (1978).

5 Selbstverständlich gab es zum Beispiel auch Bibliotheken, die von evangelischen Gemeinden getragen wurden, aber diese Kirche war nicht Angriffes des Staates ausgesetzt, wie die katholische und entwickelte deshalb auch keine eigene Bewegung (prägte aber Parteien). Und: Das gilt auch nicht für alle Denominationen. Beim Judentum traue ich mir keine übergeifende Aussage zu, aber selbstverständlich unterhielten die jüdisch-sozialistischen Parteien Bibliotheken, mehr oder minder – wie diese Parteien selber mehr oder minder in der Arbeitebwegung – eingebunden waren in die Arbeiterbibliotheken. Zionistische Vereinigungen unterhielten auch Bibliotheken, wie hätte man sonst für die Alija lernen sollen? Für andere Teil des Judentums weiss ich es bislang nicht. Daneben gründeten auch viele Vereinigungen von Angestellten, auch die, die sich nicht als Teil der Arbeiterbewegung verstanden, Bibliotheken für ihre Mitglieder. Es war eine sehr offene Situation für die gesellschaftliche Entwicklung und so auch für Bibliotheken.

6 Die innerhalb der Lesehallen in den 1910ern und 1920ern ist als „Richtungsstreit‟ bekannt; die innerhalb der Arbeiterbewegung folgten der Ausdifferenzierung der Arbeiterbewegung: Welche politische bewusste Anarchistin hätte sich 1912 schon in einer sozialdemokratischen Bibliothek blicken lassen? Welcher Kommunist in einer anarchosyndikalistischen? Eben.

7 Schund sei Literatur, die „inhaltlich wertlos‟ sei, Schmutz sei solche, die sich „mit niederen Themen‟ beschäftigen, was fast immer hiess mit Sex (Gewalt war nicht so negativ angesehen, vor allem nicht in der militarisierten Gesellschaften der beiden Kaiserreiche).

8 Wie ich in Schuldt (2019) auch dargestellt habe, unterschieden sich Arbeiterbibliotheken in diesem Punkt nicht so sehr von Lesehallen, aber mit einer gewichtigen Differenz: Anstatt das Volk von der „Vermassung‟ abhalten zu wollen, bewerteten sie Literatur aus ihrer Aufgabe heraus, eine bessere Gesellschaft einrichten zu helfen.

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ (1973) – Die Bibliothek der Zukunft ist nicht so anders als auch schon

Artikel zu Öffentlichen Bibliotheken sind in Tages- oder Wochenzeitung keine Seltenheit. Zwar nicht täglich, aber doch regelmässig sind Entwicklungen in Bibliotheken Thema grösserer Texte. Und warum auch nicht? Es ist ein Thema, dass sich den Redaktionen offenbar immer wieder einmal aufdrängt, das keinen grossen Widerspruch erwarten lässt und bei dem es zum Beispiel auch nicht schwierig erscheint, Gesprächspartner*innen zu finden. Ich habe hier einmal einen älteren dieser Texte herausgegriffen – und gerade nicht den aktuellsten –, um an ihm etwas zu besprechen: Nämlich, zuerst welche Themen sich wiederholen und dann, was das für die Entwicklung von Bibliotheken heisst.1

Rolf D. Schürch: „Bibliotheken sind kein Luxus‟. In: Wir Brückenbauer, 05. Oktober 1973, Seite 3. Digitalisat der Schweizerischen Nationalbibliothek: https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=d&d=MIM19731005-01.2.14.1&e=——-de-20–1–img-txIN——–0—–

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ von Rolf D. Schürch erschien 1973 in der Wochenzeitung „Wir Brückenbauer‟ des Migros [sprich: Migro], einer Genossenschaft, die heute noch in der Schweiz (und Liechtenstein) neben der Genossenschaft Coop [sprich: Cohp] den Einzelhandel prägt. Lange war insbesondere Migros auch eine politische Institution, die als „sozial-kapitalistisch‟ beschrieben werden könnte (nach kapitalistischen Prinzipien handelnd, aber mit sozialen Auftrag im Sinne der Verbesserung der Lebensverhältnisse – weshalb es zum Beispiel in der Migros weiterhin keinen Alkohol oder Tabak zu kaufen gibt). Sie – zumindest ihr Gründer Gottlieb Duttweiler, aber auch die „Migros-Partei‟ Ring der Unabhängigen – verstand sich als übergreifend für die ganze Schweiz, insbesondere alle Klassen, tätig. Wichtig ist hier: Das in dieser Wochenzeitung ein Text darüber erschien, wie mit einer Einrichtung wie Bibliotheken einem grossen Teil der Bevölkerung Zugang zu Medien und Informationen geschaffen werden könnte, war an sich nicht überraschend. Das passt gut in das Gesamtprogramm von Zeitung und Genossenschaft. Das dabei gefordert wird, dass sowohl Föderalismus der Gemeinden als auch übergreifende Strukturen gefördert werden sollte, ebenso – so funktioniert auch die Migros. Der Ton, in welchem der Text geschrieben ist, passt gut in die Zeitung selber.

Interessanter ist, dass der Artikel in der ersten Hälfte der 1970er erschienen ist; einer Zeit, die von gesellschaftlicher Veränderung und auch tatsächlicher Veränderung im Öffentlichen Bibliothekswesen geprägt war. Zehn Jahre vorher wäre dieser Text nicht erschienen. 1963 wurde über Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum anders gesprochen und geschrieben. Aber – und auf diesen Punkt möchte ich am Ende wieder kommen – zehn Jahre später oder auch heute könnte dieser Text in grossen Teilen weiter so erscheinen. Er wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, wo sich (im Bibliothekswesen, aber nicht nur da) viel veränderte, was sich seitdem aber wenig änderte.

Der Text ist nicht nur ein Beispiel dafür, dass sich das Bibliothekswesen nicht so viel geändert hat, wie es das vielleicht gerne hätte und das viele Vorstellungen zwar neu erscheinen, aber es eigentlich nicht sind. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass Journalist*innen seit einigen Jahrzehnten immer wieder ähnliche und sich wenig verändernde Texte über das Bibliothekswesen schreiben.

Themen

Ich empfehle, den Artikel (plus die Bildunterschrift und die beiden „Kästchen‟ auf der Zeitungsseite) selber zu lesen. Hier werde ich, ein wenig voraussetzend, dass er bekannt ist, einige Themen aus dem Text besprechen.

Das Buch und die moderne Medienentwicklung

Warum wurde der Text überhaupt geschrieben? Sicherlich: Es ist ein Text in einer Wochenzeitung, die nicht nur der politischen Information, sondern auch der Unterhaltung und, ähm, der Information über Angebote bei Migros und zu Migros gehörender Einzelhandelsunternehmen bieten wollte (Cassettobox für 24 Kassetten bei exlibris für 8 CHF – das waren andere Zeiten (S. 15)). Insoweit muss nicht jeder Text einen klar erkennbaren Grund haben. Die gleiche Ausgabe enthält zum Beispiel einen Fortsetzungsroman (S. 14), eine als Gespräch getarnte Diskussion darüber, wer dafür haftet, wenn ein Hund ein Kind beisst (S. 6) und eine Kolumne dazu, wie viel oder wenig Kühlschränke auf Bakterien und Viren in Lebensmitteln einwirken (S. 2). Aber es finden sich auch zahlreiche Artikel, die einen explizit aktuellen Inhalt haben und zum Beispiel auf die Situation der Erwachsenenbildung nach der Ablehnung der Bildungsartikel in einer Volksabstimmung eingehen (S. 1), politische Ereignisse kommentieren (S. 1, S. 4, S. 8) oder Entwicklungen in der Migros selber schildern (S. 2).

Für den Text über Bibliotheken aber gibt es keinen erkennbaren Grund: Kein Neugründung, kein Jubiläum, keine Katastrophe. Es scheint, als wäre die Redaktion der Meinung gewesen, dass es einmal Zeit für dieses Thema wäre. Sie führt den Artikel wie folgt ein:

„Angesichts der Entwicklung neuer Informationsmedien wurde dem Buche bis vor kurzem der langsame Tod vorausgesagt. Der schwarze Pessimismus scheint nun aber zumindest verfrüht. Nach wie vor steigt weltweit die Zahl der produzierten Bücher ebenso wie die Beliebtheit der Bibliotheken, vorab in angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Ein wachsendes Bedürfnis nach mehr Wissen und Information in unserer Zeit lässt die Bibliothek längst nicht mehr als Luxus für wenige erscheinen.‟

Wir sehen hier die Annahme, dass es offenbar die weit verbreitete Vermutung gibt, dass „neue Informationsmedien‟ das Buch verdrängen würden – aber diese Vermutung falsch wären. Es wird nicht gesagt, welches diese neuen Informationsmedien sind. Auch nicht, wer genau denn eigentlich erwartet, dass diese neuen Informationsmedien Bücher verdrängen würden. Stattdessen informiert die Redaktion hier, dass Bibliotheken weiterhin wichtig seien.

Diese argumentativen Sprünge finden sich nach den 1970ern in zahllosen vergleichbaren Texten:

  • Die Behauptung, es gäbe die Vermutung, dass bestimmte neue Medien oder Technologien sich durchsetzen und deshalb Bücher an Bedeutung verlieren würden. Welche diese Medien oder Technologien sind, wandelt sich: In den 1970er redet man zum Beispiel über Kassetten, in den 1980ern über Videokassetten, in 1990ern über Computer in Haushalten, in den 2000ern über das Internet, irgendwann auch über E-Books oder über Audiobooks. Aber immer gibt es die Idee, dass irgendwer erwarten würde, dass diese Medien gerade Bücher obsolet machen würden. Kaum einmal (auch nicht hier) wird gesagt, wer genau das vermutet oder warum eigentlich. Es wird einfach als bekanntes Bild aufgerufen.
  • In den Texten – manchmal, wie hier, direkt am Anfang, manchmal auch im Laufe des Textes – stellt sich dann heraus, dass das gar nicht stimmt. Anschliessend ist das dann für den Text selber kein Thema mehr, sondern oft nur ein Aufhänger für das eigentliche Thema. Aber immer wieder praktisch der gleiche Aufhänger.
  • Der Artikel springt von der Aussage, dass Bücher doch nicht verschwinden, sofort zu den Bibliotheken. Man könnte auch zum Buchhandel, zu Verlagen, zur Leseforschung oder Medienentwicklung springen – es ist also vom Beginn her eigentlich nicht ausgemacht, dass es um Bibliotheken geht. Aber auch dieser Sprung von Büchern direkt zu Bibliotheken, der nicht wirklich erläutert wird, findet sich in solchen Texten regelmässig. Für die Autor*innen scheint dieser Sprung nicht der Erläuterung würdig.

Die Bibliothek als etwas anderes, nur keine Bibliothek

Der eigentliche Text beginnt dann mit einem Café crème. Es gibt ihn hier noch nicht wirklich, sondern erst in einer „Bibliothek der Zukunft‟, aber offenbar einer, die sehr, sehr kurz bevorsteht. Worauf der Artikel auch gleich kommt, ist dass diese Bibliothek etwas anderes ist. Etwas, das man am Besten mit anderen Einrichtungen beschreibt:

„ Herr Bücherwurm befindet sich nämlich weder in einem Tea Room noch in einem Restaurant: Er sitzt in einer Bibliothek der Zukunft.‟2

Was der Text sagt, ist, dass es in Zukunft um Bibliotheken um etwas anderes geht, als um das, was offenbar als normal angesehen wird. Die Bibliothek wird dann etwas mehr sein, als sie bislang ist. Sie wird gemütlich sein, mehr (und andere) Menschen als bislang ansprechen, mehr Funktionen übernehmen:

„Diese Bibliothek ist im Stadtquartier Informationszentrum und Begegnungsstätte zugleich. Hier fühlen sich Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau) ungeniert wohl. Bisher haben sie wie Lokomotivführer Bücherwurm und viele andere Leute aus lauter Angst und Misstrauen vor Büchern und Bildung einen weiten Bogen um Bibliotheken gemacht.‟

Dieser Absatz ist paradigmatisch dafür: Empirie wird nicht betrieben (Zum Beispiel: Wer besucht eigentlich bislang Bibliotheken? Das wird eher als bekannt vorausgesetzt.). Stattdessen werden Begriffe, die aktuell in der bibliothekarischen Literatur verbreitet sind, benutzt – hier „Informationszentrum‟ und „Begegnungsstätte‟, zwei Begriffe, die man in den frühen 1970ern zum Beispiel in der „Buch und Bibliothek‟ oft lesen konnte. Was diese Begriffe im Bezug auf Bibliotheken heissen, wird nicht richtig ausgeführt. Sind sie für sich alleine, als Begriffe, ausreichend? Wo kommen sie überhaupt her? Hat sich der Autor sie ausgedacht? Lagen sie „in der Luft‟? Es scheint eher, als hätte er sie aus den Interviews – die er ja im Artikel auch direkt zitiert – und der Recherche, die er für den Artikel durchgeführt hat, übernommen. Hier, in diesem Text, ist sogar ein Gespräch (mit Tista Murk) angegeben, in dem der Begriff „Informationszentrum‟ direkt fällt.

Es scheint, als wären sie als Begriffe überzeugend genug, um eine Veränderung anzuzeigen, ohne das geklärt wird, wie genau das vonstatten gehen soll. Es gibt Andeutungen: Diese neuen Bibliotheken würden bestimmte Bevölkerungsschichten ansprechen, hier als Arbeiter und Hausfrau gekennzeichnet, die sich bislang davon abhalten lassen würden, eine Bibliothek zu nutzen, weil diese einen falschen Ruf hätte und zudem bislang offenbar als fern von ihren eigenen Lebenswelten angesehen würde. Und zwar dadurch, dass die Bibliotheken gemütlich (durch Café crème oder auch die Einrichtung, die im gleich an diesen Absatz folgenden Zitat von Heinrich R. Rohrer erwähnt wird) und das Medienangebot breit würde.

Gleichzeitig soll die Bibliotheken neue Aufgaben übernehmen, was unter dem Begriff das „Informationszentrum‟ und später im Text mit „moderne[r] Informationsmanager‟ dargestellt wird. Was genau heisst das? Das wird nicht gesagt, aber – wieder weiter hinten im Text – es ist etwas anderes als „alte Schwarte[n]‟ oder das Spitzweg‛sche Gemälde vom lesenden „Bücherwurm‟.

Ebenso gleichbleibend scheint, dass Bibliotheken als schon auf dem Weg hin zu dieser „Bibliothek der Zukunft‟ gezeichnet werden: Noch nicht ganz da, aber doch auch schon nicht mehr „wie früher‟. Das scheint eines der Grundmotive dieses Artikels zu sein: Die Bibliotheken bewegen sich – die Politik oder die Gesellschaft müsse jetzt nur mitziehen.

Heute haben sich die Begriffe geändert, unter denen ähnliche Ideen im Bibliothekswesen besprochen werden. Wenn Journalist*innen für ihre Artikel mit Bibliothekar*innen über die Veränderungen in Bibliotheken reden, kommen diese neueren Begriffe auf und erscheinen dann wohl deshalb – ebenso wenig konkret geklärt wie das „Informationszentrum‟ – in ihren Artikeln, vielleicht weil sie ähnlich überzeugend klingen, aber inhaltlich offen bleiben. Es gibt heute tatsächlich auch in eigentlich allen schweizerischen Bibliotheken einen Café crème. Aber sonst scheint sich nicht so viel verändert zu haben.

Wachstum

Was ist eigentlich das Problem?

„1948 wurden hier [in der Berner Volksbücherei

] bei einem minimen Bücherbestand von nur 4000 etwas über 17 000 Bände ausgeliehen, 1961 waren es bei einem Bestand von 17 120 Büchern schon 57 045. Im Jahre 1971 aber offerierte die Volksbücherei bereits rund 117 000 Bücher – vom Kinderbuch bis zum Sachbuch – mit der Rekordzahl von 444 445 ausgeliehenen Werken.‟

Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz sind, folgt man dem Artikel, 1973 massiv erfolgreich. Mehr Entlehungen, mehr Nutzende, mehr Projekte, die in die Zukunft gerichtet sind, sogar mehr Bibliotheken. Es ist, wie gesagt, gar kein Text darüber, dass es Bibliotheken schlecht gehen würden oder gar das sie vor dem Zusammenbruch stehen würden. Wie oben gesagt: Warum genau der Text geschrieben wurde, ist nicht ersichtlich.

Es scheint eher, als wäre alles auf einem guten Weg. Die Politik müsste es nur noch richtig unterstützen, damit es noch besser würde. Es gäbe schon Einrichtungen, die eine solche Ausweitung unterstützen könnten und Vorstellungen, wie diese Veränderungen zu bewerkstelligen wären. Es gibt in diesem Text auch niemand, welche*r dieser Entwicklung irgendwie widerspricht und zum Beispiel sagen würde, „nein, Bibliotheken braucht es nicht‟ oder „das Geld wäre aber besser bei der Feuerwehr / dem Stadtverschönerungsverein / dem Tourismus / mehr Tea Rooms angelegt‟. Vielleicht ist die lokale Politik etwas schwerfällig hinterher, aber sonst: Was ist eigentlich das Problem?

Auch das ist in solche Texten normal: Folgt man solchen Artikeln, ist eigentlich das meiste immer schon auf einem guten Weg.

Fortschritt

Der Artikel ist auch voll von Entwicklungen, die als positiv dargestellt werden. Neben der Zunahme an Bibliotheksnutzung („Benützerexplosion‟) vor allem Projekte und neue Strukturen: „Hilfe zur Selbsthilfe‟ beim Aufbau von Bibliotheken durch die Schweizerische Volksbibliothek, Wachstums des Schweizerischen Bibliotheksdienstes, Schweizerischer Gesamtkatalog, die bevorstehende Gründung von drei Bibliothekscentern in drei Sprachregionen (das Räto-Romanische geht mal wieder leer aus). Was auffällt ist, dass Fortschritt vor allem als Aufbau von neuen Strukturen und von Projekten beschrieben wird. Sicherlich: Das ist etwas, über das man in einem Artikel dieser Art gut berichten kann, insoweit hat es vielleicht auch etwas mit dem Medium Wochenzeitung zu tun. Aber es ist doch eine spezifische Vorstellung von Fortschritt, die hier geschildert wird – eine, bei der zum Beispiel nicht so richtig gefragt wird, was dieser Fortschritt genau verändert. Auch das findet sich heute noch in ähnlichen Texten wieder.

Spitzweg

Wenn überhaupt ein Problem angesprochen wird in diesem Text, dann, dass es bislang bei vielen Menschen ein falsches Bild von Bibliotheken gäbe. Deswegen auch wird Spitzweg‛s bekanntes Bild – dessen Bibliothekar aber eigentlich gar nicht in einer Volksbibliothek steht – erwähnt. Die Behauptung zieht sich durch den Text: Bibliotheken würden schon hübscher, ansprechender, mehr, gemütlicher, relevanter für den Alltag (wenn man „Informationszentrum‟ so verstehen will) werden, aber es gäbe einfach ein altes Bild von Bibliotheken, dass Personen davon abhalten würde, diese neuen Bibliotheken zu besuchen.

Stimmt das? Welche Bilder haben diese Personen und woher eigentlich? Was genau wird dagegen getan? Auch das: So richtig klar ist nicht. Spitzweg zitieren mag sich anbieten, aber dessen Bild – schon zeitgenössisch eine Karikatur – wurden gegen 1850 gemalt, ist also auch 1973 schon über hundert Jahre alt.

Der Artikel – und auch das findet sich bis heute in solchen Artikeln – geht darauf nicht ein. Vielmehr wird ein Missverhältnis zwischen vorgeblichen Bild von Bibliotheken und vorgeblicher Realität behauptet und gleichzeitig postuliert, dass das Bild zu überwinden die Lösung für dieses Missverhältnis wäre. Das wird mit der Zeit – also wenn es auch in späteren Jahrzehnten immer wieder in solchen Artikeln auftaucht – immer unglaubwürdiger: Müsste sich mit der Zeit nicht doch das Bild von Bibliotheken geändert haben? Wenn nicht, wo kommen „die falschen Bilder‟ her? Oder würde es dann nicht sinnvoll sein, zu fragen, warum sie reproduziert werden? (Sind sie zum Beispiel gar nicht das Problem, sondern vielleicht nur Ausdruck eines tieferen Problems, dass überhaupt nicht mit neuen Bildern weggehen würde? Oder sind diese „veralteten‟ Bilder gar nicht so falsch? Aber wie kann das sein, wenn doch Bibliotheken seit Jahrzehnten dabei sind, sich zu verändern?)

Skandinavien und Bibliotheksgesetze

Vielleicht ist das Problem ja auch, dass die Schweiz nicht „Skandinavien‟ ist? Zumindest taucht als Vorbild für Bibliothekswesen in diesem Text mehrfach Skandinavien auf. Es wird als „Mekka vieler schweizerischer Bibliothekare‟ beschrieben, ohne zu klären, wieso eigentlich (oder das erwähnt würde, dass die dortigen Gesellschaften anders strukturiert sind, als die Schweiz, beispielsweise viel zentraler). Auch dieses Wissen scheint irgendwie vorausgesetzt zu werden. Dafür gibt es hier die Behauptung, Bibliotheken würden dortzulande3 noch mehr geachtet als hierzulande:

„Eine schöne und moderne Bibliothek ist dort eine Prestigeangelegenheit.‟

Vielleicht soll der Artikel dazu auffordern (Aber wen? Die Politik? Die Gesellschaft?), Bibliotheken auch als Prestigeangelegenheit anzusehen? Das ist ungeklärt, aber – auch das ist in Texten dieser Art bis heute normal.

Einen konkreten Hinweis gibt aber zweimal, einmal im Artikel, einmal im „Kästchen‟ daneben: Der Wunsch nach einem Bibliotheksgesetz. Es wird als „Geheimnis‟ bezeichnet, warum es in Dänemark so viele gute Bibliotheken gäbe. Gleichzeitig wird die geplante Ausweitung der Schweizerischen Volksbibliothek über ein Gesetz gefordert, aber auch gleichzeitig der Eindruck erzeugt, dass dies kurz bevorstehen würde:

„Das Eidgenössische Departement des Innern möchte das Projekt reiflich und wohlwollend prüfen. Eine Gruppe von Parlamentariern will sich im National- und Ständerat dafür einsetzen.

Erwartet wird auf dem Wege über die Gesetzgebung des Bundes die Bestätigung der Aufgaben zur Förderung des Bibliothekwesens, wie dies bei der Landesbibliothek und der ETH-Bibliothek bereits der Fall ist.‟

Werbung für Bibliotheken

In diesem Artikel werden Bibliotheken sehr, sehr positiv dargestellt. Sie gelten als wichtig, ihre Entwicklung wird als richtig und wichtig erläutert. Gefordert wird von ihnen, wenn überhaupt etwas, dann so weiter zu machen: Mehr davon. Ein Bibliotheksgesetz (ein Dauerwunsch des Bibliothekswesens) wird nicht direkt gefordert, aber indirekt doch. Kritik gibt es keine. An Problemen wird benannt, dass es ein veraltetes Bild von Bibliotheken gäbe, bei einigen Menschen – aber das scheint sich gerade zu ändern. Und, dass es zu wenig Geld gäbe, weil es in Dänemark mehr hätte.

Grundsätzlich ist dieser Artikel Werbung für Bibliotheken – man weiss aber nicht so recht, wofür genau. Aber für das, was man einige Jahre später „Marke Bibliothek‟ nennen wird, schon.

Solche Texte, wie schon erwähnt, erscheinen seit den 1970ern regelmässig im DACH-Raum. Sicherlich, zwischendurch gibt es auch Pressemeldungen über gekürzten Bibliotheksetat oder kurze Meldungen über Umbaumassnahmen oder kleine Probleme. Wenn Bibliotheken geschlossen werden auch mal Artikel zu Protesten dagegen (was noch eine ganz eigene Artikelgattung darstellt, bei der Bibliotheken ebenso sehr positiv dargestellt werden). Aber die grossen, seitenlangen Beiträge klingen eigentlich immer wieder so, wie dieser Artikel. Das ist interessant, weil man aus der bibliothekarischen Literatur nicht unbedingt den Eindruck erhält, es gäbe in der Öffentlichkeit ein gutes Bild von Bibliotheken. Dort wird immer wieder einmal beklagt, dass das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit veraltet sei – was halt nicht stimmt, wenn man die Presse als Öffentlichkeit nimmt. Aber bei diesem Bild teilen offenbar Bibliotheken und Journalist*innen die gleiche Vorstellung.

Doch, ehrlich gesagt, könnte man sich bessere Werbung für Bibliotheken in diesem Medium nicht wünschen, selbst wenn man dafür bezahlen würde.

Schulbibliotheken

Ein Thema, dass nicht so oft in solchen Artikeln angesprochen wird, aber hier halt doch, sind Schulbibliotheken. Diese erhalten sonst oft eigene Artikel, nicht so oft, aber doch alle Jahre wieder einmal. Hier ist es ein eigener Abschnitt, in welchem behauptet wird, sie hätten bislang „vielerorts ein trauriges und stilles Schattendasein [gefristet]‟, jetzt aber hätte „man [wer?] die Bedeutung einer modernen Schulbibliothek erkannt‟. Sie würden zur Demokratisierung der Schule beitragen und hätten zudem „im modernen Arbeitsunterricht eine zentrale Bedeutung: Sie dient Schülern und Lehrern gleichermassen als Informations-, Lese- und Arbeitsstätte. Nicht zuletzt soll sie die Schüler unter anderem auch auf die Benützung von Spezialbibliotheken vorbereiten.‟

Auch hier finden sich vor allem Begriffe, die zeitgenössisch in der bibliothekarischen Literatur zu finden waren.4 Der Ton gleicht dem des restlichen Artikels: Die Veränderung steht kurz bevor, weil klar wäre, welche es sein müsste. Es ist nicht zu sehen, wer sich dem in den Weg stellen sollte.

Und heute noch klingen Artikel zu Schulbibliotheken so, als wäre bewusst, wie Schulbibliotheken bislang sind, als wäre klar, dass sie so, wie sie sind, schlecht sind. Dass aber auch bekannt sei, wie sie werden müssten. Und so, als ob es bald besser würde – auch wenn es schon in den 1970ern so klang.

Aber: Warum werden Schulbibliotheken hier überhaupt erwähnt? Sie sind keine Öffentlichen Bibliotheken. In den realen Schulbibliotheken ist die Verbindung zu Öffentlichen Bibliotheken auch selten Thema. Aber in der bibliothekarischen Literatur wird es so beschrieben, als wären Schulbibliotheken eigentlich Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens, wenn einmal über Schulbibliotheken gesprochen wird. Auch hier scheint der Artikel sehr vom bibliothekarischen Diskurs selber gesteuert zu sein.

Was hat sich geändert?

1973 ist nun schon eine recht lange Zeit her – und doch habe ich bis jetzt vor allem betont, dass sich bei solchen Artikeln wenig geändert hat. Aber stimmt das? Was hat sich vielleicht doch geändert?

  • Einfach zu sehen ist: Die Namen der Institutionen sind heute andere. Die Schweizerische Volksbibliothek ist heute die Stiftung Bibliomedia Schweiz (tatsächlich mit drei Standorten in drei der vier Sprachregionen). Der Schweizerische Bibliotheksdienst heisst heute sdb (und ist jetzt Tochterunternehmen der ekz). Wenn im Artikel von zwei Bibliotheksverbänden gesprochen wird, bei dem sich der eine aus dem anderen herauslöst, sind beide heute wieder ein Verband, der bibliosuisse (vereinigt unter dem Eindruck, man müsse sie zusammenführen, um eine gemeinsame Stimme zu haben).
  • Ein Bundesgesetz über Bibliotheken gibt es in der Schweiz weiterhin nicht (wie auch in einem föderalistischen Staat), aber es gibt tatsächlich eine Anzahl von kantonalen Bibliotheksgesetzen. Wie wirksam sind sie? Das ist nicht einfach zu beantworten – vor allem ist es aber kein Thema der bibliothekarischen Literatur.5
  • Was sich geändert hat, ist, dass sich damals, 1973, als dieser Artikel erschien, im Bibliothekswesen in der Schweiz (und im restlichen DACH-Raum) tatsächlich viel veränderte. Viele Öffentliche Bibliotheken (und Ludotheken) feierten letztens erst 50 Jahre Bestehen oder werden es bald tun. Es gab damals Anfang der 1970er eine Gründungswelle von Bibliotheken über die grossen Städte hinaus. Dies bedeutete oft auch, dass die Gemeinden begannen, einen regelmässigen Etat (beziehungsweise schweizerisch: einen Kredit) zu sprechen, das Bibliotheksgebäude gebaut oder zumindest Räume für Bibliotheken eingerichtet wurden. Infrastrukturen wurden etabliert. Insoweit hatten die Diskurse von bevorstehender Veränderung, die auch diesen Artikel tragen, schon eine gewisse Nachvollziehbarkeit: Es änderte sich sichtbar etwas (nicht nur in den Bibliotheken), insoweit war es überzeugend, noch mehr Veränderung zu erwarten. Aber gilt das heute, 50 Jahre später, immer noch? Wie kann nach 50 Jahren praktisch von der gleichen Veränderung erwartet werden, dass sie demnächst kommen wird? Wie kann zum Beispiel die bessere Präsentation von Medien oder die gemütlicher eingerichtete Bibliothek 50 Jahre, nachdem man die Medien schon besser präsentieren und die Bibliothek gemütlicher einrichten wollte, eine Veränderung in der Nutzung von Bibliotheken hervorbringen? Nicht so sehr die eigentlichen Diskurse, aber die Überzeugungskraft der vorgebrachten Bilder scheint sich verändert zu haben – allerdings nicht so sehr, als das sie nicht doch immer wieder aufgerufen werden.
  • Die 1970er Jahren waren im DACH-Raum (mit Ausnahme der DDR, aber selbst dort gab es zum Beispiel mit den Jugendweltfestspielen 1973 die Hoffnung auf Liberalisierung) eine Zeit der gesellschaftlichen Liberalisierung. Die Grundidee der Demokratisierung prägte Überlegungen und Planungen. In diesem Artikel spiegelt sich das explizit in dem Abschnitt über Schulbibliotheken wieder: „Sie [die moderne Schulbibliothek] soll die Liberalisierung der Bildung im modernen Schulwesen ermöglichen helfen und den jungen Menschen frühzeitig durch Bereitstellen von Informationsmaterial zu selbständigen intellektuellen Erfahrungen führen. Ausserdem möchte sie sein kritisches Urteilsvermögen fördern.‟ Aber auch die Vorstellung, dass die Bibliothek für alle geöffnet werden sollte, speist sich aus dieser Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft eine liberale und demokratische Gesellschaft sein müsse, in der alle in der Lage sein müssen, sich zu informieren und zu bilden, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist heute eigentlich kein Thema mehr (nicht nur im Zusammenhang mit Bibliotheken). Man kann sich streiten, wieso. Ist die Gesellschaft schon ausreichend (oder zumindest ausreichend mehr als in den 1970ern) liberal und demokratisch? Ist das kein Ziel mehr? Ist es durch andere Ziele (zum Beispiel alle Menschen als Träger*in von „Humankapital‟ zu verstehen und zu fördern) ersetzt worden? Auffällig ist aber, dass das in den heutigen Artikeln über Bibliotheken dieser Art und auch der bibliothekarischen Literatur fehlt. Dieser gesellschaftspolitische Anspruch – der ist verschwunden.
  • Der Artikel beginnt mit „Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau)‟. Beide sind erfunden, doch sie stehen offenbar für die Personengruppe, die bislang Bibliotheken nicht besuchen würden, die aber mit den Bibliotheken der Zukunft angesprochen würden: Arbeiter, Hausfrauen. Weiter im Artikel findet sich das Zitat von Tista Murk: „Vor allem die junge und jüngere Generation und dann wieder die Aelteren lesen heute eher mehr als früher.‟ Das hat sich heute auch geändert: Die Personengruppen, von den man ausgeht, dass sich nicht lesen, sind andere geworden. Man kann diskutieren, welche. Aber interessant ist eher, dass sich die Bilder derer, die man ansprechen möchte, ändern, während sich die Ideen, wie man sie ansprechen möchte, weniger ändern. Eine Gruppe, der man unterstellt, dass sie bislang nicht Lesen / nicht in Bibliotheken gehen würde, die aber mit einem Umbau der Bibliothek dann lesen / in die Bibliothek kommen würden, gibt es immer. Was sich hingegen nicht geändert hat, dass solche Texte ohne empirische Untermauerung auskommen, also gar nicht erst zeigen, ob es diese jeweilige Gruppe gibt oder wie deren Leseinteressen / Bibliotheksaktivitäten eigentlich sind – das wird als bekannt vorausgesetzt. Ebenso wie, dass sie von Bibliotheken angesprochen werden, wenn die Bibliotheken nur gemütlicher werden, die Medien besser präsentieren und neue Funktionen übernehmen.
  • Ein Begriff, recht am Ende des Artikels, lässt aufhören: „Sie [die Bibliotheken in der Schweiz bis zur Neuzeit] war der Masse fremd, die sich bestenfalls zur «geistigen Suppenküche» verlief.‟ Geistige Suppenküche – auch hier offenbar kein Begriff, der extra eingeführt werden muss, sondern auf den einfach so zurückgegriffen wird. Aber einer, den man heute kaum noch hört und wohl eher erklären muss. Wo kommt er her? Er stammt aus einer Zeit vor den 1970er Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts begannen im Bibliothekswesen die damals neuen Lesehallen, aber auch die Arbeiterbibliotheken und Öffentliche Bibliotheken, die von Kirchgemeinden betrieben wurden, nicht nur zu wachsen, sondern auch sich polemisch abzugrenzen. Ihre Forderung war, als „richtige‟ Bibliotheken anerkannt und finanziert zu werden, die „ohne kommerzielle Interessen‟ einfach nur Bildung verbreiten wollten. Dazu grenzten sie sich nicht nur gegeneinander ab, sondern auch von einer Institution, die weit verbreitet war. Der sogenannten „kommerziellen Leihbibliothek‟, also Einrichtungen, die den Verleih von Büchern (und Heften) auf kommerzieller Basis betrieben, oft in Verbindung mit anderen Geschäften (zum Beispiel Buchhandlungen, aber auch allgemeinen Kiosken). Diesen wurde – selbstverständlich auch, um sich abzugrenzen – vorgeworfen, nur bestehen zu können, indem auf literarische Qualität oder Bildungsinhalt von Literatur nicht geachtet wurde: Nur, wenn sie umstandslos die literarischen Interessen der Massen abdecken würden, möglichst billig, möglichst viel, könnten sie finanziell überleben. Zum polemischen Begriff dazu wurde „geistige Suppenküche‟ (auch „literarische Suppenküche‟). Hier ist egal, ob der überhaupt berechtigt war (natürlich nicht, er war eine Polemik6). Interessant ist, dass er in einem Artikel von 1973 noch einmal erscheint, obgleich die Einrichtung, gegen die Bibliotheken so abgegrenzt werden sollten, eigentlich gar nicht mehr existierten und obwohl die Abgrenzung keinen Sinn mehr machte, weil die modernen Bibliotheken ja jetzt auch darauf zielten, alle Menschen anzusprechen und nicht mehr literarisch zu erziehen. Er scheint hier in gewisser Weise „übergeblieben‟. Heute ist er fast nicht mehr verständlich, vielleicht weil wir uns historisch von den bibliothekarischen Auseinandersetzungen von Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt haben und weil sich ein Verständnis von Bibliothek etabliert hat, dass diese Abgrenzung auch nicht mehr sinnvoll macht.

Fazit

Was lässt sich also aus diesem Artikel von 1973 lernen, insbesondere wenn man – was ich hier nicht gezeigt habe, aber was man selber gut überprüfen kann – davon ausgeht, dass sich solche Texte seit den 1970er Jahren in Wochenzeitungen und im Feuilleton grosser Tageszeitungen im DACH-Raum in gewissen Regelmässigkeit finden?

Zuerst wohl, dass nicht alles, was in ihnen als Veränderung dargestellt wird, vor allem als kurz bevorstehende Veränderung, tatsächlich eine Veränderung darstellt. Dieses Bild basiert oft auf immer wieder reproduzierten Bildern, Vorstellungen und – well – Vorurteilen (zum Beispiel darüber, was Gruppen, die nicht in die Bibliothek kommen, eigentlich wollen würden). Gleichzeitig wohl auch auf Hoffnungen von Bibliotheken, die wenig hinterfragt werden (Warum gibt es diese Hoffnungen? Wer hat die? Was genau wird sich eigentlich erhofft?) Warum gibt es diese ständige Reproduktion und warum fällt die in der bibliothekarischen Literatur vielleicht gar nicht so auf? Mir scheint, sie ist Teil des modernen Bibliothekswesens. Eine moderne Bibliothek geht heute davon aus, dass sie sich verändern müsse, dass sie die Medienpräsentation verändern müsse, dass es Gruppen gäbe, die wegen falschen Vorstellungen davon, was Bibliotheken sind, nicht in die Bibliothek kommen. Dabei geht es vielleicht gar nicht darum, ob diese Vorstellungen stimmen, sondern darum, dass sie zur Identität einer modernen Bibliothek gehören.

Ist das hilfreich für die Entwicklung von Bibliotheken? Das ist eine andere Frage. Auch die Reproduktion einer Institution ist ja eine Aufgabe, die Arbeit erfordert. (Um hier Luhmann ganz, ganz abzukürzen.)

Es lässt sich aber auch vermerken, dass nicht alles an vorgeschlagener Entwicklung von Bibliotheken, was auf den ersten Blick logisch oder sinnvoll erscheint, das auch wirklich ist. Auch nicht, wenn es als neue Idee daherkommt (wie zum Beispiel Bibliotheksgesetze, die immer wieder einmal als neue Idee vorgeschlagen werden und bei denen man dann „entdeckt‟, dass es sie in anderen Ländern – in Skandinavien, aber eigentlich auch anderswo – schon lange gibt7). Wie man in diesem Artikel von 1973 lesen kann, ist die Vorstellung, Bibliotheken würden an einem veralteten Bild von Bibliotheken in der Gesellschaft leiden oder die Vorstellung, das Buch wäre irgendwie durch neue Medien oder Informationstechnologien bedroht oder das Schulbibliotheken Informationszentren werden sollen oder halt das Bibliotheksgesetze sinnvoll wären, schon älter. Das hat sich nicht verändert, nur leicht verschoben. (Was hat sich dann eigentlich tatsächlich verändert?) Es ist deshalb nicht sofort falsch, aber halt offenbar auch nicht einfach so richtig.

Aber man sollte den Blick nicht nur auf das Bibliothekswesen richten. Was man aus diesem Text auch lernen kann, ist, dass Journalist*innen immer wieder praktisch den gleichen Text über den Zustand von Bibliotheken schreiben: Einen, der davon ausgeht, dass Bibliotheken eigentlich irgendwie bedroht wären, dann aber – oft im Gespräch mit Vertreter*innen des Bibliothekswesens – merken, dass das gar nicht stimmt, sondern das Bibliotheken sich entwickeln würden und schon Vorstellungen davon hätten – ausgedrückt oft in gut zitierbaren Schlagworten, die dann auch zitiert werden – wohin sie sich entwickeln sollten. Das sind dann immer wieder auch Texte, in denen die Schreibenden offensichtlich „Pro Bibliothek‟ sind. Aber halt auch solche, die sich über die Jahrzehnte wenig ändern.

 

Fussnoten

1 Es spricht auch für ihn, dass er – da er aus der Schweiz stammt – voller Helvetismen steckt, was ich immer gut finde: Wir sollten alle möglichst viele Varietäten des Deutschen lesen, um zu sehen, wie bunt auch diese Sprache eigentlich sein könnte / ist. Schon als Gegengift gegen die Idee, Sprache sei immer gleich, eindeutig und unveränderlich. Aber das als Nebenthema.

2 Vom „Tea Room‟ sollte man sich nicht irritieren lassen, falls das irritiert. Das ist ein Helvetismus. Es sind Cafés mit Gebäckangebot und kleiner warmer Küche, die sich in der Schweiz praktisch in jeder Gemeinde finden. (Ich tippe vom Namen her auf ein Überbleibsel aus der Zeit der „grand tour‟. Guten Tee gibt es in ihnen im Allgemeinen leider nicht.) In einem Text aus Deutschland würde hier Café oder Konditorei stehen, in einem aus Österreich vielleicht Kaffeehaus.

3 Auch in diesem Artikel gibt es dieses Phänomen, dass nicht klar ist, welche Länder hier zu Skandinavien gezählt werden und welche nicht – was bei einem Artikel in einer Wochenzeitung vielleicht nicht so auffällig ist, weil das nicht das Thema des Textes ist. Aber es gilt halt auch für Texte dieser Zeit – oder heute – in bibliothekarischen Medien.

4 Es würde mich nicht wundern, wenn sie Wort für Wort in: Schweizer Bibliotheksdienst (1973). Planung von Schulbibliotheken. In: Informationsblatt der Genossenschaft Schweizer Bibliotheksdienst (Oktober 1973) 3. stehen, der damals aktuellsten schweizerischen Publikation zu Schulbibliotheken. (Habe ich aber leider gerade hier nicht vorliegen.)

5 In einer Bachelorarbeit (Buck, Ute. Die Schweizer Bibliotheksgesetze: ein Vergleich der Wirkung anhand festgelegter Kriterien. Bachelorarbeit FH Graubünden, 2019) war die Antwort: Etwas weniger als kantonale Richtlinien für Bibliotheken.

6 Nicht nur war die „kommerzielle Leihbibliothek‟ eine wichtige Einrichtung, um überhaupt die Massen-Alphabetisierung zu erreichen, auf die dann die Industrialisierung, aber auch das moderne Bibliothekswesen aufbauen konnte. Auch ist die Abgrenzung in der Schweiz nicht so klar: Bis vor wenigen Jahren gab es hier zum Beispiel noch Bibliotheken, die – wie die „kommerziellen Leihbibliotheken‟ – Gebühren nach einzelnen Ausleihen berechneten. (Als: Kosten pro ausgeliehenem Buch, nicht nur eine einmalige Jahresgebühr.)

7 Ich erinnere mich gut, wie in den frühen 2000er Jahren die Bertelsmann-Stiftung das als neues Ziel für Bibliotheken verkündete und ihr darin von vielen gefolgt wurde. Ich kann nicht der Einzige sein, der sich daran erinnert.

Was heisst es, dass es keine Bibliothekspädagogik gibt?

In der Juni-Ausgabe der BuB – Schwerpunkt „Bibliothekspädagogik‟ – findet sich ein Text von Richard Stang (Stang 2020), indem darlegt wird, dass es bislang eigentlich keine solche Pädagogik gibt und auch, was geklärt werden müsste, um eine solche zu schaffen. Dazu würde ich gerne etwas sagen. Einerseits hat Stang meiner Meinung nach vollkommen Recht, aber andererseits scheint mir die Lösung – wenn man das so nennen will – eine ganz andere zu sein, als die, die Stang einfordert. Weil das Problem ein anderes ist.

Zuerst werde ich dafür darstellen, wo ich Stang zustimme (I.), um dann zu diskutieren, wo ich denke, dass er zu kurz ansetzt (II.). Es geht wieder einmal darum, dass hier eine Struktur des Bibliothekswesens vorliegt, die mehr betrifft, als „nur‟ das Thema Bibliothekspädagogik. Dabei, so wird nochmal kurz diskutiert (III.), ist es natürlich nicht so, dass in diesem Bereich niemand versucht, etwas zu verändern. Aber eine Struktur verändert sich wohl nicht, nur weil einige Engagiert das wollen, solange andere durch die Struktur (unbewusst) etwas gewinnen. Am Ende (IV.) möchte ich kurz andeuten, was sich den sonst ändern sollte, weil das, was Stang einfordert, wohl nicht kommen wird. (Sichtbar sollte im Text auch werden, dass dies keine Kritik an Richard Stang oder seinem Text ist, sondern dass der Text vor allem einen Aufhänger darstellt, um etwas Weitergehendes zu besprechen.)

I.

In seinem Text stellt Stang zu Recht dar, dass zwar – wie zum Beispiel auch der restliche Schwerpunkt der BuB nach seinem Artikel zeigt – in der Bibliothek immer wieder von Lernen, Bildung und so weiter gesprochen wird, aber gleichzeitig in Bibliotheken keine pädagogische Planung oder Reflexion stattfindet. Er betont, dass pädagogisches Handeln immer auf der Basis von Lerntheorien – also Theorien, die darstellen, wie Lernen stattfindet – fusst, von denen aus jeweils geplant wird, was und wie in welchen Veranstaltungen, Settings oder mit welcher Infrastruktur gelernt wird. Planungen auf der Basis von Lerntheorien ermöglichen dann die Durchführung von Veranstaltungen, den Aufbau von Infrastruktur und letztlich auch die Überprüfung, ob die Lerneffekte, die man geplant hat, tatsächlich eingetreten sind.

Das findet in der bibliothekarischen Arbeit nicht statt: Fast kein Nachdenken über Lerntheorien, kein pädagogisches Planen, keine pädagogisch basierte Überprüfung dessen, was an Lernen angeboten wird. Eine pädagogische Fundierung all dessen, was im Bibliothekswesen – vor allem einmal im Öffentlichen – unter Schlagworten wie Lernen, Bildung, Pädagogik stattfindet, fehlt.

„Die Bibliothekslandschaft steht vor der Herausforderung, den Diskurs über die Orientierung von Bibliothekspädagogik zu intensivieren, wenn sich Bibliotheken auch als pädagogische Einrichtungen beziehungsweise Bildungseinrichtungen verstehen wollen. In diesem Fall führt kein Weg an einer erziehungswissenschaftlichen Fundierung der Bibliothekspädagogik vorbei.‟ (Stang 2020: 318)

[Man könnte vielleicht für die medienpädagogische Arbeit, die in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt wird, eine Ausnahme machen. Aber diese ist, wie in einem Text im gleichen Schwerpunkt diskutiert wird (Müller 2020), auch nicht wirklich in der bibliothekarischen Arbeit verankert – vielleicht gerade deshalb.]

Stang spitzt schon zu Anfang seines Textes zu und fragt die Bibliotheken:

„Wie wird pädagogisches Handeln definiert, oder dient der Begriff der Pädagogik nur einer marketingbezogenen Aufladung von Veranstaltungen?‟ (Stang 2020: 316)

Am Ende seines Textes fordert er das Bibliothekswesen dann auf, die Situation zu verändern und kurz gesagt die Arbeit an einer Bibliothekspädagogik zu beginnen, die wirklich nicht nur ein Sammelname für eine Anzahl von Angeboten sein soll, sondern eine Pädagogik wie – so sein Beispiel im Artikel – die Erlebnispädagogik.

„Die Problemlagen lassen sich nur auflösen, wenn eine klare Positionierung erfolgt.‟ (Stang 2020: 318)

Über weite Strecken ist Stang bis hierhin zu folgen. Das er in seinem Artikel nochmal die drei wichtigsten Lerntheorien erklären muss und sie nicht einfach voraussetzen kann, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig basiert die bibliothekarische Arbeit im Bereich Pädagogik ist: Das müsste man in anderen Zusammenhängen gerade nicht. Ich werde zu dem Eindruck, dass vielleicht Angebote in Bibliotheken nur pädagogisch genannt werden, weil dies einen Marketingeffekt hat, weiter unten noch etwas sagen. Aber grundsätzlich kann ich ihn verstehen. Auch der Lösung, die Stang einfordert, kann ich einiges abgewinnen: Wenn das Bibliothekswesen sich dazu durchringen könnte, eine Position dazu zu beziehen, was genau bei ihm „pädagogisch‟ heisst, und daraus Konsequenzen ziehen würde, könnte es diese Situation endlich verändern. (In meiner Promotion, die sich um die Bildungseffekte Öffentlicher Bibliotheken kümmerte, bin ich grundsätzlich zu einem ähnlicher Ergebnis gekommen. (Schuldt 2009))

Aber – und hier setze ich im nächsten Teil an – das wird so nicht geschehen. Und zwar nicht, weil es nicht hilfreich wäre. Sondern, weil es nicht in den Rahmen der bibliothekarischen Arbeit, so wie sie aktuell organisiert ist, hineinpassen würde.

II.

Stang fokussiert in seinem Artikel aus gutem Grund auf die Pädagogik. Aber wenn wir den Blick einmal auf andere mögliche Veränderungen in Bibliotheken weiten – also vor allem die, die in der bibliothekarischen Literatur aktuell immer wieder vorkommen, also offenbar als Thema Relevanz haben –, wie zum Beispiel wenn Bibliotheken davon reden, Teil einer „neuen Stadtkultur‟ werden zu wollen oder Communities stärken zu wollen, zeigt sich eher eine Struktur: In der bibliothekarischen Literatur, nicht nur in der BuB sondern zum Beispiel auch in Jahresberichten oder Bibliotheksstrategien, werden immer wieder Themenbereiche angesprochen, auf die sich Bibliotheken beziehen, und bei denen man erwarten würde, dass es dann tiefer gehen würde, aber die doch sehr oberflächlich bleiben (wenn man als Grundsatz anlegt, dass mindestens die Hauptpunkte, die ansonsten bei diesen Themen erwähnt werden, diskutiert werden sollten).

Wenn Stang Wert darauf legt, das pädagogisches Planen und Handeln auf einer Lerntheorie basieren muss, dann liesse sich ähnlich beim Thema „Stadtkultur‟ erwarten, dass geklärt wird, was eigentlich Stadtkultur heisst – ob zum Beispiel über Verdrängungsprozesse und die Domestizierung von Gegenkultur nachgedacht wird oder über Entwicklung von Wohnverhältnissen oder über Planung und Entwicklung von Immobilien – oder bei Communities, wie eigentlich verstanden wird, wie diese sich bilden und reproduzieren – praktisch, in Analogie zu Lerntheorien, Communitytheorien. Aber das passiert nicht.

Man kann festhalten, dass es offenbar zu bibliothekarischen Arbeit gehört, nach Ansätzen von ausserhalb zu schauen und sich von dort Begriffe anzueignen, aber diese dann nur eingeschränkt zu verarbeiten und praktisch nicht auf den Hintergrund dieser Begriffe einzugehen. Einige dieser Begriffe werden in die bibliothekarische Arbeit oder zumindest in die bibliothekarische Literatur übernommen, aber die tatsächliche bibliothekarische Arbeit scheinen sie kaum zu berühren.

Warum ist das so? Ich hätte eine These, die auch damit zu tun hat, über was in der bibliothekarischen Literatur so gut wie nicht gesprochen wird: nämlich von der „normalen‟ Arbeit von Bibliotheken, dem Bestandsmanagement, der Beratung der Nutzer*innen, der Ausleihe. Das wenig über diese reale bibliothekarische Arbeit gesprochen wird, und viel über andere Themen, scheint mir strukturell angelegt. Das Reden und Nachdenken über andere Themen deckt in gewisser Weise die reale bibliothekarische Arbeit.

Mir fällt das zum Beispiel oft auf, wenn ich in Bibliotheken Strategieprozesse begleiten soll (oder Ähnliches). Nicht selten sitze ich dann mit Kolleg*innen in der Bibliothek und mache in Workshops Bestandsaufnahmen, diskutiere Ziele und Wege, um diese Ziele zu erreichen – das wiederholt sich ja. Und wir reden über vieles: Darüber, wie die Bibliotheken sich und die eigene Arbeit wahrnehmen. Darüber, was sie sich wünschen. Darüber, welche Angebote anderer Bibliotheken sie kennen und gut oder weniger gut finden. Aber praktisch nie reden wir über die Prozesse, wie eigentlich die Medien – zwischen denen wir zumeist sitzen – in die jeweilige Bibliothek kommen und auch fast nie darüber, wie die normale Ausleihe stattfindet oder andere „normale‟ Tätigkeiten organisiert sind. Es geht immer wieder um Themen, bei denen Begriffe aufgerufen werden, die von ausserhalb des Bibliothekswesens stammen und die dann oft trotzdem nicht so genau gefüllt sind. Dabei könnte man immer auch über die Bestandsarbeit reden.

Das heisst aber nicht, dass das nur aus Marketingzwecken gemacht wird. Der Eindruck, den ja, wie weiter oben gesagt, Stang auch erwähnt, drängt sich manchmal auf, wenn man mit etwas Wissen zu einem Thema auf das schaut, was Bibliotheken unter diesem Thema tun. Zugegeben.

Aber vielmehr scheint mir dieses Verhalten als Struktur erklärbar: Bibliotheken verstehen sich heute als Einrichtungen, die sich immer irgendwie in Bewegung sehen. Irgendwas muss verändert werden, irgendwie muss über immer über Entwicklungen nachgedacht werden. Gleichzeitig scheinen Bibliotheken oft den Eindruck zu haben, irgendwie hinter den notwendigen Entwicklungen zu sein. Dabei ist erst mal egal, ob das ein realistisches Bild ist. Auffällig ist für mich eher, dass diese Grundeinstellung, dass man etwas verändern müsse, vorherrschend ist.

Sicherlich würden sich gute Gründe für die Notwendigkeit von Veränderungen finden lassen. Aber auffällig ist, dass diese in der bibliothekarischen Literatur gar nicht diskutiert werden, sondern oft nur mit einigen, oft stereotypen Floskeln abgehandelt werden, um dann schnell dazu überzugehen, die jeweilige Veränderung zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist das Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber Teil dieser Struktur: Bibliotheken haben den Drang, sich zu verändern. Aber eigentlich läuft die normale bibliothekarische Arbeit recht gut (selbstverständlich könnte man auch die immer besser machen; dafür müsste man sie thematisieren – aber sie läuft). Insoweit wendet man sich anderen Bereichen zu. Veränderungen, die aus diesen anderen Bereichen kommen, stellt man sich aber fast immer als Ergänzung der schon getätigten bibliothekarischen Arbeit vor – auch wenn man das nicht richtig thematisiert. Es geht aber eigentlich immer um einen gewissen „Anbau‟: Veranstaltungen neben der eigentlichen Arbeit. Räume, die zusätzliche Funktionen haben. Personal (gerne aktuell Medienpädagogik*innen, wie oben schon gesagt), die zusätzliche Funktionen übernehmen.

Strukturell geht es offenbar immer wieder darum, den Kern wenig oder gar nicht zu verändern, sondern zu ergänzen. Auch das erlebe ich bei Strategieberatungen: Über die bibliothekarische Arbeit am Bestand und mit dem Bestand wird sich, wenn überhaupt, eher abwehrend geäussert. Manchmal wird das als der Bereich beschrieben, den die weniger veränderungsbereiten Kolleg*innen machen. Aber dann schaut man sich um in der Bibliothek und — es ist weiterhin der wichtigste Teil der eigentlichen Arbeit. Egal, wie sich über diesen in den Strategieworkshops geäussert wird. (Was manchmal passiert, ist, dass in den Pausen solcher Workshops die Kolleg*innen anfangen, über Bestandsarbeit zu reden, beispielsweise über Verlage, mit denen sie gerade Kontakt hatten oder darüber, wie Bestand umgeräumt werden soll. Aber nach der Pause geht es wieder um anderes.)

Das scheint mir aufeinander bezogen zu sein: Das kaum-Reden über die eigentliche Arbeit in der Bibliothek und das recht oberflächliche Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen, ohne den eigentlichen Hintergrund aus diesen Bereiche mit zu Übernehmen. Würden Bibliotheken aber zum Beispiel anfangen, so wie das Stang fordert, Position zu pädagogischen Grundlagen zu beziehen, würde es um den eigentlichen Kern der bibliothekarischen Arbeit gehen, der verändert werden müsste. Aber solange die Übernahme von Begriffen sich vor allem auf „Anbau‟ bezieht, lässt sich die eigene Forderung von Bibliotheken an sich selber (Veränderung) mit dem Aufrechterhalten der eigentlichen Struktur (also dem Kern der Arbeit) verbinden.

Wie so oft ist das Reden über Veränderung im Bibliothekswesen (nicht nur dort) eigentlich ein Nicht-Reden über die vorhandene Realität, das Reden über (die Bibliothek) Zukunft ein Nicht-Reden über (die Bibliothek) Heute. Aber nicht als bewusstes Verdecken irgendeines Zustandes, sondern als Ergebnis der Struktur, das Bibliotheken nominell Veränderung anstreben, aber gleichzeitig die eigentliche Arbeit oft recht profan, recht alltäglich, aber auch erfolgreich ist. Nicht schlecht, nicht falsch, aber nicht im Diskurs von Veränderungen etc. gut darzustellen.

III.

Das Beispiel Bibliothekspädagogik ist dabei noch ein besonderes: Hier ist es einfach, mehrere Engagierte zu finden, die seit Jahren versuchen, etwas zu verändern. Einige tun dies aus eine Position an Fachhochschulen heraus. Stang ist nur einer davon. In der gleichen BuB-Ausgabe findet sich auch ein Text, in welchem Kerstin Keller-Loibl (2020) ein „Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin‟ vorlegt – was man machen kann, aber was Keller-Loibl schon seit Jahren versucht. Die beiden bei Stang erwähnten Holger Schultka und Wilfried Sühl-Strohmenger arbeiten daran auch sehr sichtbar seit Langem aus Bibliotheken und bibliothekarischen Vereinigungen heraus. Im „Handbuch Informationskompetenz‟ von Sühl-Strohmenger und Martina Straub (Sühl-Strohmenger & Straub 2016) gibt es beispielsweise auch schon eine Darstellung von Lerntheorien, wie sie kurz bei Stang gegeben werden, weil dort ebenso davon ausgegangen wird, dass diese eine Grundlage für pädagogisches Handeln darstellen müssen.

Ich selber hatte über lange Jahre einen Lehrauftrag an der FH Potsdam um in „Bildungsdienstleistungen‟ (nicht mein Wort) für Bibliotheken einzuführen – weil die FH es einst als notwendig für eine moderne Bibliothek ansah, das dieses Thema vorkommt. (Was jetzt nicht mehr der Fall ist. Dieses Thema wurde mit anderen Themen ersetzt.)

Und vor allem finden sich an vielen, vielen Stellen im Bibliothekswesen Kolleg*innen, deren Aufgabe es ist, Angebote unter der Bezeichnung „Bibliothekspädagogik‟ zu machen und die selbstverständlich das auch nicht tun, ohne zu versuchen, dass Thema zu verstehen und zu gestalten – auch wenn es, wie Stang andeutet, oft gerade nicht so geschieht, wie man es aus einem pädagogischen Blickwinkel her angehen würde. Aber auch diese Kolleg*innen machen sich selbstverständlich Gedanken. Einige ziehen sich darauf zurück, dass sie ihre Arbeit „aus dem Bauch heraus machen‟ (was Stang kritisiert), aber andere versuchen immer auch mehr zu tun. Nur wird das wenig sichtbar.1 Es gibt auch keinen richtigen Ort dafür (also keine regelmässigen Veranstaltungen oder Diskussionen oder so weiter), dass sichtbar zu machen.

Es gibt also zahlreiche ernsthafte und auch schon lange laufende Versuche, die Situation bei der Bibliothekspädagogik zu verändern und in Bibliotheken pädagogisches Handeln zu etablieren. Nur: Das es die schon so lange gibt und trotzdem immer wieder neu begonnen wird (also zum Beispiel Stang nochmal die Lerntheorien referiert oder Keller-Loibl nochmal die Etablierung der Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin einfordert) ist ein Hinweis, das es wohl nicht darum geht, ob es einzelne Engagierte gibt. Die gibt es.

Hingegen fällt am Text von Stang eines auf: Er hat gar keinen Ort, keine Institution, keine Struktur die er ansprechen könnte, um die Veränderung (beziehungsweise Positionierung), die er einfordert, einzufordern. Er kann die Forderung nur an das gesamte Bibliothekswesen stellen. Trotz all der Beiträge in der bibliothekarischen Literatur dazu, wie Bibliotheken sich ändern oder ändern sollen, gibt es keine Struktur, die so eine Änderung in der Profession anleiten oder begleiten könnte. Das gilt nicht nur für die Bibliothekspädagogik, sondern auch für alle anderen Themen, die mal mehr mal weniger im Bibliothekswesen besprochen werden. (Das ist kein Fehler von Stang. Niemand wüsste, an wen man so eine Forderung richten könnte, um Bibliotheken zur Veränderung aufzufordern. Bei allen Verbänden und AGs und internen Strukturen und so weiter, die im Bibliothekswesen existieren, hat sich so eine Struktur nicht etabliert. Für mich ein Zeichen, dass sie nicht notwendig ist, weil es strukturell gar nicht so sehr um Veränderung geht. Würden Bibliotheken eine solche Struktur benötigen, würden sie schon eine etablieren.)

Hinzu kommt: Ich wollte diesen Blogpost schon mehrfach schreiben. Vor drei Jahren erschien zum Beispiel ein Beitrag von Haike Meinhardt (2017) – auch eine Kollegin aus einer Fachhochschule – in dem den Bibliotheken vorgeschlagen wurde, die vorhandene Leseforschung zu nutzen, um diese bei der Planung der Leseförderung in Bibliotheken zu benutzen. Konkret geht Meinhardt dabei auf die Bildung von phonetischen Kompetenzen und der Ausbildung von Lesefähigkeit ein – ein Thema das ganz nahe bei der bibliothekarischen Arbeit ist. Eigentlich. Und schon damals wollte ich schreiben, das Meinhardt selbstverständlich Recht damit hat, zu postulieren, dass Leseförderung besser zu planen ist, wenn man das Wissen darüber, wie sich Lesefähigkeit ausprägt, dafür benutzt. Aber das es gleichzeitig nicht stattfinden wird, weil es strukturell für Bibliotheken nicht sinnvoll ist. Es würde wieder den „Kern‟ der Bibliotheksarbeit betreffen, über den praktisch nicht geredet wird. (Und es heisst nicht, dass nicht einzelne Kolleg*innen sich trotzdem mit dieser Leseforschung beschäftigen. Aber halt nicht so öffentlich, dass es sichtbar würde.)

Es waren eher persönliche Gründe, warum ich damals den Beitrag nicht geschrieben habe – aber heute kann ich sagen, dass es tatsächlich auch so gekommen ist. Trotz der Vorarbeit von Meinhardt ist die konkrete Leseforschung weiter kein Thema in der bibliothekarischen Literatur. Das liegt nicht an der Arbeit von Meinhardt, sondern an der Struktur des Bibliothekswesens.

Ich will gar nicht bewerten, ob das richtig oder falsch ist. (Es geht mir gerade auch nicht darum, bestimmte Personen zu kritisieren – was verständlich sein sollte, aber manchmal fühlen sich Einzelpersonen im Bibliothekswesen von so einer Kritik persönlich angegriffen. Also sage ich es lieber einmal.) Wichtig ist mir, diese Struktur zu benennen.

Nur indem man solche Strukturen benennt, lassen sie sich erkennen, verständlich machen und dann auch verändern. (Aber die konkrete Veränderung kann nur aus dem Bibliothekswesen heraus geschehen.)

IV.

Aber wenn es eine Struktur ist, ist dann nicht die Arbeit von Stang, Meinhardt und anderen, die (a) zeigen, dass im Bibliothekswesen bei Themen, die in der bibliothekarischen Literatur besprochen werden, oft die eigentliche Basis (Begriffsdefinitionen, Theorie, Empirie) fehlt, obwohl sie (oft) in angrenzenden Wissenschaftsbereichen vorliegt, die dann (b) zeigen, wie die bibliothekarische Arbeit besser werden könnte, wenn man dieses Wissen einbezieht und (c) vorschlagen (Meinhardt) oder fordern (Stang), dass Bibliotheken dieses Wissen auch wirklich einbeziehen, vergebens, wenn es eher um eine Struktur geht, die den Alltag verdeckt, indem sie über Veränderungen spricht, die kaum mehr sein wird, als ein „Anbau‟ an die alltägliche bibliothekarische Arbeit? Ist das nicht in vain? Ist es nicht so, dass es innerhalb des jetzigen Bibliothekswesen wohl keine Veränderung in die Richtungen, die Stang, Meinhardt und so weiter vorschlagen, geben wird?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber mir – vielleicht bin ich da theoretisch zu sehr von meinen marxistischen Freund*innen geprägt – scheint sich das Bild des Fortschritts durch Dialektik aufzudrängen. Bei Hegel und den „Junghegelianern‟, die Hegel auf gesellschaftliche Fragen übertrugen, gibt es diesen berühmten Dreisatz: Das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse und so weiter ändern sich – dadurch entstehen Widersprüche – diese lassen sich in der vorhandenen Struktur nicht auflösen, sondern nur durch eine grundlegende Veränderung „auf die nächste Stufe heben‟ – dadurch wird die Situation wieder der Entwicklung angepasst (bis dann das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse sich wieder grundlegend verändern).

(Man verstehe mich nicht falsch: Hegel und Junghegelianer erwarten einen kontinuierlichen „Aufstieg‟ hin zu einem Endzustand, an dem alle Widersprüche zumindest auf einem Feld – der Philosophie, der Religionskritik, der Gesellschaft – aufgelöst sind. Dieser Teleologie soll hier nicht gefrönt werden. Was hier aber passt, ist die Auflösung der Widersprüche in einem anderen, veränderten Zustand.)

Was passiert, wenn zum Beispiel Meinhardt zeigt, dass wir viel mehr (und zum Teil Widersprüchliches zur aktuellen Praxis in Bibliotheken) dazu wissen, wie Lesenlernen geschieht? Oder wenn Stang zeigt, dass pädagogisches Handels geplant, auf Lerntheorien basiert und auf geklärte Ziele hin organisiert sein muss? Oder wenn ich – wie ich hoffe – zeige, dass bestimmte Entwicklungen im Bibliothekswesen sich immer wieder und wieder wiederholen, ohne offenbar so grosse Veränderungen anzustossen, dass sie nicht nach zehn Jahren oder so nochmal angegangen werden können / müssen?

Nimmt man die Dialektik als Modell, dann wird auf diese Weise ein Widerspruch aufgezeigt. Einer, der irgendwann einmal in der Geschichte des Bibliothekswesens (und der Gesellschaft um das Bibliothekswesen) entstanden sein muss. Hier wohl, dass der Diskurs um Veränderung, bei dem nicht mehr von der alltäglichen Bibliotheksarbeit geredet wird und die Veränderung, die (meist gar nicht so schwer) eigentlich möglich wäre, sich immer weiter auseinander entwickelt haben. (Was nicht nur in einer Richtung geschehen sein muss. Gut möglich, dass die Veränderungen schon lange Zeit möglich waren, aber der Widerspruch gewachsen ist, seit Bibliotheken davon ausgehen, dass sie sich verändern müssen und nicht einfach selbstbewusst Bestandsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten.)

Den offensichtlichen Widerspruch zu benennen, ermöglicht immer zu zeigen, dass es anders sein könnte. Die Situation wird ja nicht einfach benannt, sondern auch das Bild erzeugt, dass sich der Widerspruch auflösen liesse. Nur halt nicht, indem die Struktur, die diesen Widerspruch erzeugt, immer weiter reproduziert wird. Das man auch nach den Texten von Stang oder Meinhardt nicht weiss, wer genau jetzt darauf reagieren soll, zeigt ja, dass es keine richtige Möglichkeit gibt, auf deren Vorschläge / Forderungen in der aktuellen Situation einzugehen. Sondern – so würden Hegel, Marx, Feuerbach und so weiter sagen – die Lösung der offensichtliche Widersprüche müsste man suchen, indem man sie in einer höheren Ebene auflöst. (Ersetzen wir das „höheren‟ durch „anderen / neuen‟.)

Ein anderes Bibliothekswesen, dass – nur skizziert, weil („Utopieverbot‟) man nie wissen kann, wie dieses mögliche zukünftige Bibliothekswesen aussehen sollte – es zum Teil professioneller bibliothekarischer Arbeit gemacht hat, Wissen aus angrenzenden Wissensgebieten zur Planung der eigenen Arbeit zu nutzen (was auch heisst dieses Wissen erstmal wahrnehmen, dann aber auch Strukturen zu haben, um es aktiv nutzen zu können, beispielsweise sich auf dem Laufen bei der Leseforschung zu halten, um dann davon ausgehend Leseförderung, Bestandsarbeit und so weiter zu planen). Und damit wohl auch eines, dass selbstbewusst sagt, welche Aufgaben die Bibliotheken haben sollen und deshalb nicht (mehr) vor allem über Veränderung in einer Art spricht, die eigentlich nichts am verdeckten „Kern‟ ändert.

Aber: Diese Veränderung kann nicht erzwungen werden. Schon gar nicht von ausserhalb des Bibliothekswesens – wo wir in den Fachhochschulen (Stang, Meinhardt, Keller-Loibl, ich und andere) uns alle befinden, auch wenn wir doch sehr nahe am Bibliothekswesen sind – und auch nicht von einzelnen Engagierten (Sühl-Strohmenger, Schultka und andere). Die Position, aus der Stang, Meinhardt und andere auf das Bibliothekswesen schauen können, ermöglicht, Widersprüche zu zeigen. Sie ermöglicht auch zu zeigen, dass anderes als die jetzige Situation möglich wäre. Das ist wohl alles wichtig, wenn es tatsächlich zu einer Veränderung kommt, weil diese dann nicht ziellos verlaufen muss. Aber durchführen müssten die Bibliotheken diese Veränderung selber.

Wann wird das geschehen? Es gab bei der Dialektik immer die Vermutung, dass Widersprüche dann aufgelöst werden, wenn sie zu gross geworden sind – wenn also das Leiden an ihnen so gross geworden ist, dass das Auflösen den Beteiligten (zumindest den meisten) mehr bringt, als das Beibehalten des Zustands. Aber das ist aus der Teleologie abgeleitet, dass Entwicklung immer irgendwie gesetzmässig in eine Richtung gehen müsse, der ich hier je gerade nicht folgen will.

Vielleicht gibt es keine Antwort darauf, wann eine solche Veränderung stattfinden wird. Eventuell wäre es besser zu fragen, was Bereitstehen sollte, wenn diese, sagen einmal, Wende hin zu einer „wissenschaftsbasierten Professionalisierung des Bibliothekswesens‟ beginnt. Wovon könnte das Bibliothekswesen dann profitieren? Sicherlich von den Hinweisen darauf, was an Leseforschung, Pädagogik et cetera existiert. Aber, um nur eine Möglichkeit herauszugreifen, vielleicht wären dann auch Utopien eines Bibliothekswesens, wie es dann sein könnte (doch) hilfreich. Also Beschreibungen einer Zukunft, in der (a) der Kern (Bestandsarbeit und Ausleihe von Medien) nicht übergangen wird und (b) Wissen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber professionell im Bibliothekswesen genutzt wird.

Aber immer wieder neu Widersprüche zwischen Möglichkeiten und Realität im Bibliothekswesen aufzeigen – vielleicht auch bei noch mehr Themen als bislang schon – mag zwar intellektuell richtig sein (so wie Stang und Meinhardt ja Recht haben), doch nicht unbedingt befriedigend. Und gerade dann, wenn eine andere Reaktion auf diese Widersprüche erfolgt, also tatsächlich Veränderung eintritt, die man als „Auflösung des Widerspruchs in einer anderen Ebene‟ beschreiben könnte, mag das auch nicht mehr ausreichend sein. Es gibt bislang keine gute Antwort auf die Frage, was die Aufgabe von Bibliothekswissenschaft (oder der Fachhochschulinstitute, die sich mit Bibliotheken beschäftigen) eigentlich ist. Die Antwort könnte also gut sein: Das Wissen vorbereiten, dass benötigt wird, wenn das Bibliothekswesen sich grundlegend ändert und gleichzeitig zu zeigen, dass eine solche Veränderung möglich wäre.

Ich weiss es nicht und bin mir selbstverständlich auch bewusst, dass diese kurze (wirklich kurze) Ausflug in die etwas abstrakte Spekulation ein für viele nicht vollständig überzeugend sein wird. Aber: Mir scheint er eine Ausweg zu bieten aus dem Dilemma, immer wieder richtig zu zeigen, was das Bibliothekswesen nicht macht – und dann irgendwie doch nur berechtigt damit zu rechnen, dass auch dieser Nachweis zu keiner Veränderung führen wird.

Literatur

Keller-Loibl, Kerstin (2020). Bibliothekspädagogik in der Hochschullehre: Eine Bestandsaufnahme und eine Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin.In: BuB 06 (72) 2020: 319-321

Meinhardt, Haike (2017). Leseforschung und ihr Potential für die bibliothekarische Leseförderung. In: Bibliothek Forschung und Praxis 03 (41) 2017: 319-329, https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0044

Müller, Raphaela (2020). Wer macht jetzt eigentlich was?: Ein Überblick über das Feld der Medienpädagogik in Bibliotheken. In: BuB 06 (72) 2020: 322-325

Schuldt, Karsten (2009). Bibliotheken als Bildungseinrichtungen (Dissertation). Berlin: Humboldt Universität zu Berlin, 2009, https://doi.org/10.18452/16071

Stang, Richard (2020). Viel Bibliothek, wenig Pädagogik. In: BuB 06 (72) 2020: 316-318

Sühl-Strohmenger, Wilfried ; Straub, Martina (2016). Handbuch Informationskompetenz (De Gruyter Reference). (2. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2016

Fussnote

1 Selbstverständlich auffällig, dass sich auch bei diesem Thema vor allem Männer so äussern (können?), dass es sichtbar wird, während wohl die meisten Kolleg*innen, die sich mit dem Thema in der konkreten bibliothekarischen Arbeit befassen, nicht Männer sind.

Ist die Bibliothek ein Ort, der Armut ausgleicht?

Ein Blogpost zu etwas, was mich immer wieder irritiert und, ehrlich gesagt, mehr und mehr auch ärgert.

Letztens hörte ich wieder einmal folgende Argumentation: Bibliotheken würden Menschen in Armut Zugang zu Medien ermöglichen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Deshalb könne man sagen, dass Bibliotheken gegen Armut helfen.

Dieses Argument wird immer wieder einmal gebracht. Es is falsch. Aber vor allem ist das Bringen dieses Arguments, dass dann auch oft das letzte Wort zum Thema Armut ist, Ausdruck einer meiner Meinung nach problematische Argumentationsstruktur. Einer, die Probleme reproduziert anstatt über sie nachzudenken oder gar anzugehen.

Was hier passiert ist nämlich, dass Bibliotheken als gut, sinnvoll, richtig erklärt werden (zumeist aus dem Bibliothekswesen selber, aber nicht nur) und dann aber die konkreten Verhältnisse gar nicht angeschaut werden. Nutzen den Menschen in Armut die Bibliothek so? Sehen sie die auch so oder anderes? Was denken die über Bibliotheken? Das wird bei dieser Argumentation übergangen.

Vielmehr wird die Reflexion der Realität schon abgebrochen, bevor solche überhaupt Fragen aufkommen oder gar Menschen in Armut sich irgendwie äussern könnten. Das ist einerseits gefährlich, weil das Überzeichnen der Realität nie dazu führt, dass diese Realität weggeht, sondern vielmehr dazu, dass diese immer wieder abgewehrt werden muss. Dazu muss viel intellektuelle Energie aufgebracht werden, um die Realität, die sich dem einfachen Argument nicht unterordnet, abzuwehren, aktiv zu ignorieren oder umzudeuten. Andererseits ist es auch traurig, weil sich so nichts ändert und viele (tatsächlich bestehende) Potentiale vergeben werden.

Struktur und Effekt des Arguments

Dröseln wir das einmal auf. Wie ist diese Struktur (gleich, um sie sichtbarer zu machen, ein wenig vom Thema Armut abstrahiert)?

  1. Es wird ein irgendwie positives Ziel benannt (hier: Bibliotheken sollen Menschen in Armut helfen).

  2. Das Ziel wird nicht als Ziel begriffen, dass man anstreben sollte. Vielmehr wird behauptet, dass dieses schon Realität wäre.

  3. Damit wird auch jede potentielle Diskussion abgeschnitten. Weder wird so ermöglicht, über das Ziel an sich zu diskutieren (hier zum Beispiel nicht: Was könnte die Bibliothek eigentlich für Menschen in Armut bedeuten? Sollte sie vor allem ein Ort sein, der Medienzugang ausgleicht? Oder sollte es andere Ziele geben? Vielmehr wird das Thema „Armut‟ wird sofort auf „Zugang zu Medien‟ eingeengt), noch wird so ermöglicht, diese Aussage irgendwie zu überprüfen. So etabliert man – eigentlich ohne Notwendigkeit – eine gewisse Blindheit für die Realität.

  4. Die von dieser Aussage tatsächlich Betroffenen werden übergangen. Sie werden nicht gefragt, ihnen wird nicht zugehört, es wird noch nicht mal überlegt, wie deren Alltag eigentlich tatsächlich ist. Zudem wird sofort ein bestimmtes Bild von Ihnen vermittelt, dass nicht der Realität entsprechen muss (hier: Menschen in Armut würden den gleichen Zugang zu Medien haben wollen, wie alle anderen auch – was zum Beispiel einfach als gegeben setzt, dass alle Menschen dieses gleiche Ziel hätten).

  5. Das Thema gilt dann meisten mit diesem Argument auch als beendet, was auch heisst, dass das Bild vermittelt wird, das Bibliotheken nichts ändern müssen.

Was sind die Effekte dieser Struktur?

  1. Grundsätzlich schreibt man so nicht nur der Bibliothek eine Wirkung zu, die nicht überprüft wird. Man beendet damit auch Diskussionen um die Entwicklung und Wirkung von Bibliotheken. Ebenso schneidet man Diskussionen über politische Ziele und Aufgaben von Bibliotheken ab.

  2. Man übergeht die Betroffenen.

  3. Man postuliert so nicht nur, dass Veränderung nicht notwendig wäre, sondern in gewisser Weise auch, dass sie nicht möglich wäre. Warum darüber nachdenken, etwas zu verbessern, wenn es schon gut ist?

Es muss einen Grund dafür geben, dass dieses Argument immer und immer wieder reproduziert wird. Ich würde vermuten, dass es eher darum geht, das Bibliotheken sich gegenseitig ihrer eigenen Identität versichern, als das es um Menschen in Armut geht. Aber wenn das so ist: Wozu das? Oder gibt es einen anderen Grund? (Gibt es Menschen, die davon überzeugt werden? Von was?)

Evidenzen gegen das Argument

Es gibt, um zum Thema Armut zurückzukehren, eine ganze Reihe Evidenzen dafür, dass diese Aussagen nicht stimmt (nicht umsonst habe ich ein Buch dazu geschrieben (Schuldt 2017)):

  • Schon der Fakt, dass diese Aussage so oft wiederholt wird, ohne sie zu untermauern, ist ein Hinweis darauf, das ihre Funktion nicht ist, die Realität darzustellen. Vielmehr scheint, als ob sich hier vor allem Bibliotheken untereinander immer wieder gegenseitig ihrer Bedeutung versichern. Wäre es anders, würde wohl schon jemand losgehen und zum Beispiel Testimonials einholen von Menschen in Armut, die genau das sagen, was im Argument gesagt wird. Aber die gibt es praktisch nicht. Genauso wenig, wie in Umfragen von Bibliotheken überhaupt nach sozialer Schicht oder ökonomischen Möglichkeiten von Nutzer*innen gefragt wird – also auch jedesmal versäumt wird, überhaupt Daten zu erheben, um das Argument zu überprüfen.

  • Die paar Untersuchungen, die herangezogen werden können, um zu klären, ob diese Argument überhaupt stimmt, beziehen sich fast alle auf Obdachlose / Menschen ohne festen Wohnsitz und stammen praktisch immer aus anderen Staaten als dem DACH-Raum. Aber sie bieten zumindest einen Hinweis, dass die Situation nicht so eindeutig ist, wie das Argument unterstellt. Lo, He und Yan (2019) zeigten zum Beispiel – für eine andere Fragestellung –, dass Menschen ohne festen Wohnsitz in Shanghai die Öffentliche Bibliothek vor allem nutzen, um „Zeit tot zu schlagen‟, nicht um Medien auszuleihen. Provence et al. (2020) stellten fest, dass für die USA gesagt werden kann, dass Menschen in dieser Lage sich mehr für Informationen interessieren, die sich auf ihre konkrete Situation beziehen lassen – wie sie an Unterstützung gelangen et cetera –, aber das sich ihre Interessen ansonsten mit denen anderer Personen decken. Zhang & Chawner (2018) kritisierten, dass die Stimmen von Menschen in dieser Situation im Bibliothekswesen praktisch nicht gehört werden und befragten deshalb solche in Auckland, Neuseeland. Für diese sind auch nicht der Zugang zu Medien, sondern Regelmässigkeit und Vertrauen wichtig: Sie versuchten, ihr Leben zu strukturieren und einen lebbaren Alltag herzustellen – das ist ihnen wichtig. Wenn die Bibliothek dabei hilft, nutzten sie diese. Tinker Sachs et al. (2018) stellten wieder für die USA fest, dass Menschen ohne festen Wohnsitz nicht nicht lesen, sondern vielmehr recht viel und sehr breit Medien konsumieren, dass ihnen aber gleichzeitig oft nicht bewusst ist, welche Möglichkeiten ihnen zum Beispiel in Bibliotheken offen ständen. So geht das weiter: Das Bild ist nicht per se negativ (es gäbe also wohl viele Potentiale dafür, dass Bibliotheken im Leben von Menschen eine positive Wirkung haben könnten, wenn sie das forcieren), aber es ist lange nicht so eindeutig, wie es das oben genannte Argument unterstellt. Würden Daten zu Menschen in Armut, aber mit festen Wohnsitz – also der viel, viel grösseren Gruppe – zur Verfügung stehen, wäre das Bild wohl noch uneindeutiger.

  • Mit dem Argument wird auch so getan, als bestände das Problem von Menschen in Armut nur darin, zu wenige ökonomische Mittel zu haben, um die gleichen Dinge erwerben zu können, wie andere Menschen. Das ist immer ein unterkomplexes Bild: Weit weniger Mittel als der Durchschnitt zur Verfügung zu haben, ist nur ein Teil von Armut. Vielmehr ist das Leben in ständiger Prekarität und mit ständige Bedrohung des Status quo, dessen Zusammenbruch weitreichende Konsequenzen für das eigene Leben haben kann, etwas, was Armut ausmacht. Es geht nicht um reine materielle Defizite, die man nur irgendwie ausgleichen müsste, damit die Menschen in Armut ein besseres Leben führen können. Insoweit ist selbstverständlich auch nicht davon auszugehen, dass es im Bezug auf Bibliotheken und Medien nur darum gehen würde, materielle Defizite auszugleichen, um dann schon für Menschen in Armut sinnvolle Arbeit zu leisten. (Schuldt 2017) Es ist bestimmt komplexer. (Nicht zuletzt auch, weil ein anderes Ziel für Menschen in Armut oft ist, aus dieser Situation herauszukommen; nicht einfach in der Situation selber verharren zu müssen. Das kommt bei diesem Argument auch nicht vor.)

Das Argument erzeugt eine diskursive Situation, indem es so scheint, als sei das Problem schon recht gut gelöst und man könne zu anderen Fragen übergehen. Aber nehmen wir einfach mal an, Menschen in Armut würden nicht unbedingt (nur) Zugang zu Medien suchen, sondern vor allem eine Institution, auf die sie sich verlassen können – das würde mit dem Argument nicht mal thematisierbar. Die Bibliotheken hören oft mit diesem einem Argument auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Menschen in Armut haben so gar keine Möglichkeit, Hinweise dazu, was sie benötigen würden, zu hinterlassen. Alle Ansätze in Bibliotheken sind mit dem Argument auf eine Lösung (Zugang zu Medien) zugeschnürt.

Die Betroffenen können sich nicht äussern, die Bibliotheken fühlen sich gut in ihrem Tun, aber können sich so auch nicht ändern. Und das, obwohl es in so einem Fall noch nicht mal schwer wäre und es, wie gesagt, grosses Potential gäbe: Bibliotheken könnten sehr wohl zu verlässlichen Institutionen werden, die Menschen in Armut nutzen könnten, um ihr Leben besser abzusichern. Schon dadurch, die sie verlässlich da sind und immer die gleichen Angebote haben. Das würde helfen. Man müsste gar nicht viel verändern. Aber (a) Bibliotheken müssten wohl aufhören, sich gegenüber zu behaupten, dass sie in Bezug auf das Thema Armut in gewissem Sinne schon „perfekt‟ sind, (b) sie müssten offen sein, nicht über, sondern mit den Betroffenen zu reden und auch denen vielmehr Lead dabei zu überlassen zu sagen, was sie wichtig finden und wie sie grundsätzlich die Situation wahrnehmen, (c) und ja – sie müssten akzeptieren, dass sie nicht perfekt sind, sondern sich ändern können.

Kann man das besser machen?

Könnte man es anders machen? Ja, klar. Es wäre noch nicht einmal schwer.

  1. Wichtig wäre, dass man aufhört, zu behaupten, das bestimmte politische Ziele (hier, das Menschen in Armut geholfen wird) als schon die bestehende Realität darstellen. Man kann gerne sagen, Bibliotheken sollten Menschen in Armut helfen – aber erstmal sollte man das als Utopie begreifen, als „so sollte es sein‟. Das (a) macht das überhaupt einmal diskutierbar (Sind alle dieser Meinung? Ist das ein von der Profession geteilter Wert?) und (b) schliesst Diskussion nicht sofort ab, sondern eröffnet sie.

  2. Wirklich wichtig ist, den Gestus abzulegen, etwas, was man gerne hätte, als schon gegeben darzustellen – vor allem dann, wenn es einen nicht direkt betrifft. Vielmehr sollte man davon ausgehen, dass es nicht so ist, wie man es gerne hätte und sich zu fragen, wie man es erreichen kann. Versucht man zu verstehen, ob die Situation so ist, wie man sie gerne hätte, ohne gleich darein zu verfallen, sie so, wie sie ist verteidigen zu wollen, lernt man viel mehr über die Realität und kann die Einrichtung Bibliothek auch viel besser verändern. [Ein Vorgehen bei wissenschaftlichen Studien ist bekanntlich, (begründete) Hypothesen aufzustellen und dann zu versuchen, sie zu widerlegen. Schafft man das nicht, gelten sie erstmal als gültig – aber beim Versuch sie zu widerlegen lernt man meisten viel über das Thema. So sollte man auch mit offensichtlichen Wünschen, wie denen, die sich hinter dem genannten Argument zu verbergen scheinen, umgehen.] Das geht am Besten selbstverständlich, wenn man die Perspektive der Bibliothek verlässt und mit denen spricht, die – hier, in diesem Fall, von Armut – betroffen sind.

  3. Wenn man die Situation geklärt hat (also hier: Wenn klar ist, dass die spezifische Bibliothek oder das ganze Bibliothekswesen Menschen in Armut unterstützen sollte UND man weiss, wie die Situation eigentlich ist, vor allem, was Menschen in Armut eigentlich benötigen), kann man überlegen, wie man dazu kommt, dieses Ziel zu erreichen. Es wird dann garantiert ein anderes sein, als das einfache „die Bibliothek substituiert materielle Voraussetzungen beim Zugang zu Medien‟. Aber wichtig ist, dass man nur so überhaupt klärt, ob und was geändert werden müsste. Oder ob die ganze Idee vielleicht nicht hinreichend war / ist.

  4. Relevant dafür wäre auch, den Blick zu ändern: Nicht davon auszugehen, dass die Bibliothek schon an sich gut / perfekt wäre und dann „nur‟ versuchen, dass irgendwie zu verteidigen. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür. Nichts ist perfekt.

Eine Frage wäre, ob das alles nur für dieses eine Argument über Armut gilt. Selbstverständlich nicht – es gibt eine ganze Anzahl von Argumenten, die in bibliothekarischen Diskussionen und Selbstdarstellungen immer wieder reproduziert werden und bei denen behauptet wird, dass Bibliotheken bestimmte Dinge erfüllen / sind / tun und die nicht hinterfragt werden: Wenn Behauptungen darüber aufgestellt werden, dass Bibliotheken bestimmte Kompetenzen „vermitteln‟ würden. Wenn postuliert wird, dass die Bibliothek ein offener Raum für alle wäre (und sich dann gefragt wird, warum sich so wenig Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft gehören, bewerben würden – als wäre das ein Fehler dieser Menschen). Wenn gesagt wird, dass Bibliotheken „Orte der Begegnung‟ wären (für alle), „Orte der Integration‟ und so weiter. Armut ist als Thema eher zufällig herausgegriffen, weil ich dazu Einiges zu sagen habe. Aber vielmehr irritiert und ärgert mich die Struktur. Ich kann sie mir nur als Arbeit an der bibliothekarischen Identität erklären – aber eine, die die eigentlichen Potentiale von Bibliotheken für eine, well, bessere Gesellschaft verbauen.

Wer behauptet, Bibliotheken wären schon perfekt, verhindert, dass sie sich entwickeln. Wer über Menschen redet, statt mit ihnen, reproduziert oft nur die Strukturen, von denen Menschen betroffen sind. So wird nichts besser.

Literatur

Lo, Patrick ; He, Minying ; Liu, Yan (2019). „Social inclusion and social capital of the Shanghai Library as a community place for self-improvement‟. In: Library Hi Tech 37 (2019) 2: 197–218, https://doi.org/10.1108/LHT-04-2018-0056

Provence, Mary A. ; Wahler, Elizabeth A. ; Helling, John ; Williams, Michael A. (2020). „Self-Reported Psychosocial Needs of Public Library Patrons: Comparisons Based on Housing Status‟. In: Public Library Quarterly (2020) (Latest Articles) https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1730738

Karsten, Schuldt (2017). „Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion‟. 2017, http://hdl.handle.net/10760/31084

Tinker Sachs, Gertrude ; McGrail, Ewa ; Lewis Ellison, Tisha ; Dukes, Nicole Denise ; Walsh Zackery, Kathleen (2018). „Literacy scholars coming to know the people in the parks, their literacy practices and support systems‟. In: Critical Inquiry in Language Studies 15 (2018) 1, https://doi.org/10.1080/15427587.2017.1351880

Neue Hygienedispositive – werden wohl auch die Bibliotheken verändern

Das Buch „Un siècle de banlieue japonaise‟ von Cécile Asanuma-Brice (2019) hat die Geschichte der ständigen Um- und Neubauten der Vorstädte Tokios seit der Meiji-Restauration (1868) zum Thema. Diese ist geprägt von rasanten Veränderungen nicht nur des Bauens, sondern auch der Vorstellungen über gutes Wohnen, über die Organisation von Stadt und Umland oder auch der Frage, wer für das Bauen guter Wohnungen zuständig ist (der Staat oder der Markt). Als ich es letztens gelesen habe, fiel mir aber noch etwas ständig Wiederkehrendes auf: Die Bedeutung je neuer Dispositive um Hygiene, die sich vor allem als Antwort auf Gesundheitskrisen (konkrete Epidemien und der sich wandelnde Blick auf Problemlagen, die je neu als Krisen, wahrgenommen wurden, die anzugehen wären1) etablierten und dazu führten, dass anders geplant, gebaut und dann auch gelebt wurde.

Das ist in der Geschichte der Stadtentwicklung ein ständiges Thema (Lévy 2012), aber mit der Beschleunigung von Entwicklungen und Veränderungen in der Moderne seit dem 19. Jahrhundert halt auch eines mit beschleunigter Dynamik. (Ich erinnere mich an meine alte Nachbarin in Neukölln, die Ende der „Nuller Jahre‟ rund 50 Jahre in der gleichen Wohnung lebte und sich jeder Renovierung widersetzte, deshalb aber mit Kohlen heizte und als einzige im Haus noch ein Etagenklo nutzte – was vollkommen aus der Zeit gefallen war, obwohl es kein Menschenleben vorher offenbar in diesem Haus vollkommen normal war, wie man im Treppenhaus sieht, wo die Aussparungen für die Etagenklos weiterhin sichtbar sind.) Es ist mir nur beim Lesen dieses Buches wieder aufgefallen. Beispielsweise auch in der ständigen Ausstellung des gerade wieder geöffneten Musée Historique hier in Lausanne über die Entwicklung dieser Stadt kommen Gesundheitskrisen, sich etablierenden Hygienedispositive und dann darauf teilweise langsam, teilweise schnell reagierende Umbauten prominent vor. Die Überbauung der beiden Flüsse Louve und Flon Ende des 19. Jahrhunderts, um weitere Typhus-Ausbrüche zu verhindern – die ja auch in vielen anderen Städten stattfand –, nimmt in dieser Ausstellung einen grossen Raum ein. Ebenso, wie der Umbau der Häuser in den proletarischen Quartieren, so dass alle Wohnungen fliessend Wasser und ausreichende Sanitäreinrichtungen erhielten. Oder die Schaffung von städtischen Strukturen für das sanitäre System Ende des 19. Jahrhunderts.

Andere Hygiene – andere Formen des Alltags

Oft ist auch schon darauf hingewiesen worden, dass solche Umbauten, die zuerst aus Gründen der Hygiene vorgenommen wurden, im Anschluss dazu führten, das sich neue, unerwartete Möglichkeiten zu wohnen oder die Stadt zu nutzen ergaben. (Zum Beispiel Hardy 2005, Lévy 2012) Menschen und die Gesellschaft haben sich da immer wieder angepasst (oder, wie meine alte Nachbarin, widersetzt, sind aber dann damit recht aus der Zeit gefallen). Die immer wieder erzählte Geschichte davon, wie Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Planung von Baron Haussmann die Strassen und Viertel in Paris auch umgebaut wurden, damit Militär bei Aufständen nicht in engen Gassen manövrieren muss, aber gleichzeitig die Hygiene so sehr verbesserten, dass sich an diesen Strasse zahllose Cafés mit offenen Flächen ansiedeln konnten, in denen sich dann besser und schneller revolutionäre Gedanken entwickeln und verbreiten liessen, als vorher, ist eindrücklich, aber auch nicht originär. (Sennett 2018) Ähnliche unvorhergesehene Veränderungen des Alltags kamen immer wieder vor. Schon, dass heute allgemein überall fliessend Wasser und Sanitäreinrichtungen erwartet werden – nicht nur in der Wohnung, sondern überall, selbst auf dem schmutzigsten Festival – und alle mit ihrem Vorhandensein planen, ist ein Hinweis darauf, wie sehr Einrichtungen, die der Hygiene wegen etabliert werden, sich in unser Leben integrieren.

Mir scheint sehr klar, dass auch die COVID-19-Pandemie dazu führen wird, dass sich neue Hygienedispositive etablieren. Die Frage scheint mir gar nicht, ob man die jetzt gut oder schlecht finden wird, sondern nur, wann und welche. Aktuell sehe ich zum Beispiel viele Bilder, wo Sitzplätze (in Schulen, in Cafés, aber auch in Bibliotheken) auseinander geschoben und in ihrer Zahl verringert werden. Gleichzeitig haben wir alle vielleicht jetzt neu gelernt, Hände zu waschen und überall Desinfektionsmittel vorzufinden. Das Tragen von Gesichtsmasken wird sich vielleicht auch als Normalität – nicht für alle, aber für die, die es wollen oder als notwendig ansehen – etablieren (zumindest haben andere Epidemien in anderen Gesellschaften bekanntlich dazu geführt). Vielleicht wird es sich auch etablieren, dass Menschen allgemein im Alltag mehr Distanz einfordern werden. Wer weiss.

Rasante Veränderungen. Nicht nächste Woche, aber vielleicht nächstes Jahr

Sicherlich, gerade stellen sich Leute wieder sehr, sehr nah, weil Leute den Eindruck zu haben scheinen, dass die Krise vorbei wäre. Oder, weil sie es nicht mehr aushalten, achtsam zu sein. Hier in der Schweiz durften zum Beispiel die Clubs dieses Wochenende wieder öffnen und bei dem direkt hier vor der Tür konnte man sehen, wie sich niemand in der Schlange an irgendeine Distanz gehalten hat. Für eine kurze Zeit scheinen viele Menschen vergessen zu haben, dass wir weiterhin eine Pandemie haben, die sich vor allem durch Nähe zwischen Menschen überträgt. Aber man sollte die mittelfristigen Veränderungen nicht unterschätzen. (Ebenso wie man die ersten Tage nicht überschätzen sollte. So voll, wie dieses Wochenende, ist der Club sonst nie. Da war „Nachholebedarf‟, wie woanders wohl auch – aber der ist irgendwann auch befriedigt.) Spätestens eine zweite Welle dieser Pandemie oder halt die nächste Pandemie (die mit hoher Wahrscheinlichkeit drohen wird, wir sind ja in den letzten Jahren nur knapp an anderen „vorbeigeschrammt‟) wird – wenn die Geschichte eine Struktur zeigt – dazu führen, dass sich Dispositive und damit auch das Verhalten ändern werden.

Bibliotheken

Aktuell scheint auch bei Bibliotheken die Vorstellung vorzuherrschen, dass man über kurz oder lang wieder zur gleichen Nutzungsweise von Bibliotheken und Bibliotheksräumen übergehen wird, wie vor der Pandemie. Das also alles eher eine Frage der Zeit sei. Und, zugegeben, ich bin nicht gut darin, treffende Vorhersagen zu machen. Aber: So, wie wir bislang gelebt haben, hat es ja zur Pandemie geführt. Mir ist nicht klar, wie es sicher und sinnvoll sein kann, wieder dahin zurückzukehren.

Ich kann auch nur vermuten, was passieren wird. Mir scheint aber, es wäre sinnvoll, wenn Bibliotheken das zumindest mal andenken würden. Ich kann mir gut vorstellen, dass in kurzer Zeit Menschen nicht mehr von der Idee angetan sein werden, in ein „Wohnzimmer der Stadt‟ zu gehen, wenn das Bilder von ungewollter Nähe vermittelt. Auch die Vorstellung, Communities herzustellen, indem man Menschen in Workshops, Veranstaltungen und so weiter zusammenbringt, dürfte jetzt zumindest mehr Raum benötigen. Ebenso scheinen mir Arbeitsplätze in Lesesälen nebeneinander, in langen Reihen, potentiell tendenziell weniger beliebt zu werden. Kann auch gut sein, dass mehr Menschen anfangen, sich mehr Gedanken darum zu machen, wie Viren „funktionieren‟ (so, wie man sich heute grundsätzlich auch mehr Gedanken darum macht, was man isst) und dann darauf zu achten – was immer dieses „darauf achten‟ heissen wird.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass in den letzten 150 Jahren oder so sich immer wieder schnell, aufgrund von Gesundheitskrisen, neue Hygienedispositive etabliert haben und dann zum Beispiel dazu führten, dass die Vororte Tokios umgebaut oder überall in Lausanne Sanitäreinrichtungen installiert oder ganz grundsätzlich neue Verhaltensregeln etabliert wurden. Oder, dass Wohnungen so gebaut wurden, dass man sie lüften kann. Oder das Städte Parks und Grünflächen erhielten. Solche Veränderungen kamen nicht in zwei-drei Wochen, aber doch – wie zum Beispiel im oben erwähnten Buch von Asanuma-Brice (2019) dargestellt wird – zum Teil rasend schnell. Ich schaue immer wieder auf Bilder von Bibliotheken aus verschiedenen Jahrzehnten. Wenn man darauf achtet, zeigen sich in diesen die jeweiligen zeitgenössischen Hygienevorstellungen selbstverständlich auch. Bibliotheken sind von den Veränderungen in der Nutzung öffentlicher Einrichtungen nie ausgeschlossen.

Aktuell scheinen Bibliotheken, wenn sie über mögliche Veränderungen durch die Pandemie reden, vor allem über digitale Angebote, Homeoffice und so weiter nachzudenken. Schön und gut. Aber sie sollten sich darauf vorbereiten, dass sich mittelfristig auch die Dispositive dazu, was akzeptable Räume (nicht nur von Bibliotheken) sind und wie sie zu nutzen sind, ändern wird. Bislang können wir zu den bevorstehenden Veränderungen – aber das ist ja auch bei anderen Themen so – nur ein paar Vermutungen äussern. Aber ich würde mich wundern, wenn es nicht diesen Monat in einem Jahr ein intensiv diskutiertes Thema wäre. Einfach so, wie es „vorher‟ war, wird es nicht werden. Die Menschen werden sich (mit Ausnahmen) beginnen, anders zu verhalten.

 

Literatur

Asanuma-Brice, Cécile (2019). „Un siècle de banlieue japonaise: Au paroxysme de la société de consommation‟. Genève: Mētis Presses, 2019

Elsig, Alexandre (2015). „La ligue d’action du bâtiment – L’anarchisme à la conquête des chantiers genevois dans l’entre-deux-guerres‟. (Coédition Collège du travail) Lausanne: Editions d‛en bas, 2015

Hardy, Anne (2005). „Ärzte, Ingenieure und städtische Gesundheit : Medizinische Theorien in der Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts‟. (Kultur der Medizin, 17) Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 2005

Lévy, Albert (2012). „Ville, urbanisme & santé: les trois révolutions‟. (Société et santé) Paris: Pascal / Mutualité Française, 2012

Sennett, Richard (2018). „Building and dwelling : ethics for the city‟. London: Allen Lane, 2018

1Alexandre Elsig (2015) stellt in seiner Geschichte einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft im Genf der 1930er unter anderem da, wie die Wohnverhältnisse der Arbeiter*innen zu einem politischen Thema wurden und die Gewerkschaft irgendwann begann – als direkte Aktion – „Typhus-Häuser‟ abzureissen, weil ihrer Meinung nach die Regierung sich nicht schnell genug darum kümmerte, diese Häuser zu verbessern. Auch hier hatte sich in wenigen Jahren die Vorstellung etabliert, dass bestimmte Formen des Wohnens – die vorher noch akzeptabel schienen – ein Gesundheitsrisiko darstellten.

Soll man einfach so zum Status quo ante zurückkehren?

So, Bibliotheken sperren langsam auf. Nicht überall, immer mit Einschränkungen, unterschiedlichen Lösungen und Zeithorizonten (und vielleicht auch nur erstmal, falls „die zweite Welle‟ kommt). Dazu hätte ich mal eine Frage: Ist das Ziel jetzt am Ende des Prozesses alles wieder so zu haben, wie es – sagen wir mal – im Januar 2020 war? Soll neue Normalität heissen vor allem irgendwie die alte Normalität, wenn auch in Schritten, wieder zu erreichen?

Weil, zumindest das was man hört und sieht, wenn man vor allem weiter daheim bleibt und Online arbeitet, scheint darauf hinzudeuten. Das muss nicht heissen, dass es überall so ist. Vieles was in einzelnen Bibliotheken lokal geschieht, gerade internes, sieht man so ja nicht. Aber wenn dieser Eindruck stimmt, würde ich doch etwas einwerfen wollen: Das muss überhaupt nicht das Ziel sein und es wird viel Unzufriedenheit hervorrufen. Es wäre falsch. Ich würde hierbei vor allem, aber nicht nur, vom Personal sprechen.

Was gelernt wurde

Während der Pandemie ist in den letzten Monaten unter anderem in Bibliotheken klar worden, (a) was in den einzelnen Bibliotheken auch anders möglich wäre, (b) was von den Nutzenden als wichtig angesehen und genutzt wird oder nicht, (c) was für Vorstellungen Bibliotheken über sich und ihre Funktion haben und wie sehr sich das mit der Realität (also dem, was wirklich benutzt oder wertgeschätzt wird) deckt, (d) was für interne Strukturen vielleicht gar nicht nötig sind, zumindest aber nicht in der hergebrachten Form. Nur ein paar Punkte:

  • Das ganze Arbeiten Online und vielleicht mit weniger direkter Kontrolle durch ständigen Kontakt in der Bibliothek / im Büro hat gezeigt, wie gut oder schlecht das wirklich funktioniert. Etwas überrascht (weil, zugegeben, ich als Forschender eigentlich schon immer so arbeite) konnte man in den letzten Wochen ja feststellen, dass einige Einrichtungen und Personen jetzt, 2020, erst damit wirlich Erfahrungen sammeln. Und diese Erfahrungen sind selbstverständlich ganz unterschiedlich (das hätten Leute wie ich, die schon so arbeiten, auch sagen können, hätte man mal gefragt). Viele kamen damit nicht gut klar, bei vielen auch wegen dem Betreuungsaufwand, den sie auf einmal zusätzlich hatten. Aber bei vielen auch, weil sie die Organisation auf diese Weise nicht gewohnt waren. Andere kamen gut klar und konnten besser und effektiver, vielleicht auch zufriedener arbeiten. Gleichzeitig wurden viele Annahmen über die Leitung von Bibliotheken und das Management von Personal auf die Probe gestellt. So viele Leitungen und Personen mit Personalverantwortung, welche die Überzeugung hatten, Führung ginge nur über direkten Kontakt in Sitzungen und Gesprächen vor Ort (ansonsten würde niemand arbeiten?) waren jetzt gezwungen, das anders zu organisieren. Bestimmt wieder mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Aber mit realen Erfahrungen.

  • Das Personal in vielen Bibliotheken musste und konnte in diesen Wochen die eigene Arbeit anders organisieren als in der Bibliothek / im Büro. Auch hier: Einige werden damit Schwierigkeiten gehabt haben, andere werden gut damit zurecht gekommen sein und eine Anzahl wird so viel besser als sonst gearbeitet haben. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben viele auch selber erlebt (und werden vielleicht in den nächsten Tagen beim vBIB20 noch erleben), das Weiterbildung auch Online gut möglich ist, und wenn es einfach nur die Zeit ist, die man sich nimmt, um einen Vortrag zu schauen, anstatt extra dafür hunderte Kilometer zu fahren und dann da mit Leuten kommunizieren zu müssen. (Das ist ja auch ein Lernprozess.)

  • Es scheint auch so, als wäre das eigentliche Empfinden des Personals – also sowohl die, die in dieser Krise belastet waren, beispielsweise mit mehr Ängsten, depressivem Phasen, Stress, Unsicherheiten als auch denen, die positivere Erfahrungen hatten, beispielsweise freier arbeiten konnten oder konzentrierter – kaum Thema von Diskussionen. Das kann täuschen, es ist schwer in die internen Prozesse der einzelnen Bibliotheken zu schauen. Aber – wie auch in der breiten Öffentlichkeit, wo mehr über die Sorgen vermögender Firmen und Restaurants-Lobbygruppen geredet wurde, als über die Belastungen für Menschen mit wenig Geld oder mehr Ängsten – scheint auch im bibliothekarischen Diskurs vor allem eher über institutionelle Dinge geredet worden zu sein. Das zeigt auch eine gewisse Wertigkeit (die, wie gesagt, vor Ort anders aussehen kann).

  • Viele Bibliotheken, vor allem Öffentliche, gingen in den Anfangswochen dieser Krise davon aus, dass es einen grossen Bedarf daran gäbe, irgendwie Bücher bereitzustellen. Wir haben das alle irgendwo gelesen: Lieferdienste per Post oder direktem Vorbeibringen, Anrufen in der Bibliothek und vor der Bibliothek abholen und alle anderen möglichen Lösungen. Mehr Onleihe, Filmfriend und so weiter sowie die Möglichkeit, sich online einzuschreiben. Es wäre jetzt möglich, mal zu schauen, wie sehr diese These stimmte. Wie waren den die Zahlen? Hat sich der Aufwand gelohnt? Und selbst wenn die Zahlen nicht gut waren (die wenigen, die bislang durchgedrungen sind, klangen nicht überragend; aber das kann ja wieder anderswo anders gewesen sein1), fand es vielleicht die Öffentlichkeit, die Träger und so weiter gut, dass es das Angebot gab? Oder war das eine verkehrte Annahme der Bibliotheken davon, was Nutzende (in dieser Situation) wichtig finden?

Wie immer wird die Antwort nicht einfach Ja oder Nein, Gut oder Schlecht sein. Nicht zum Beispiel: „Ja, ab jetzt nur noch Online arbeiten‟ oder „Nein, nur noch vor Ort‟. Aber was wohl klar sein sollte: Alle haben in dieser Krise Erfahrungen gesammelt (und sammeln sie weiter, auch beim jetzigen „Öffnungsprozess‟; die Krise ist ja noch nicht um). Viele haben erlebt, dass Dinge wirklich nicht so sein müssen, wie sie sind.

Was man tun könnte

Mein Argument wäre: Einfach anstreben, die Bibliothek im, sagen wir mal, Oktober, wieder so zu haben, wie sie im, sagen wir mal, Januar war, wäre ein Fehler. Das wird Teile des Personals (und damit meine ich auch Leitungen selber) und vielleicht auch der Öffentlichkeit enttäuschen. Menschen haben jetzt nicht einfach als denkbare Möglichkeit, sondern in der Realität, gelernt, dass es anders sein kann. Das heisst nicht, dass alle wollen, dass es so anders bleibt. Aber viele werden sehen wollen, dass ihre Bibliothek aus diesen Erfahrungen lernt. Die einfache, undiskutierte Rückkehr zum Status quo ante wird den Eindruck vermitteln, dass man die Erfahrungen des Personals – gute, schlechte und die dazwischen – nicht relevant findet und nur an der Aufrechterhaltung vorhandenen Strukturen und Prozesse interessiert ist, egal was deren – auch wieder guten, schlechten und dazwischen – Effekte sind. (Das wird Auswirkungen auf die Motivation von Teilen des Personals haben und vielleicht auch dessen Wunsch, sich anderswo um Karrieren umzusehen.)

Was könnten Bibliotheken praktisch tun?

  1. Bibliotheken sollten nicht einfach davon ausgehen, dass alle den Wunsch und das Ziel haben, ungefragt und unbedacht wieder zum Zustand vom Januar 2020 zurückzukehren und die Frage einfach nur wäre, wie und über welchen Zeitraum. Das wäre schlicht eine falsche Annahme. (Ungefähr so, wie wenn die Leitung alleine das Leitbild schreibt und dann davon ausgeht und plant, als wenn das von allen in der Einrichtung geteilt wird.)

  2. Bibliotheken sollten zeitnah einen Prozess aufsetzen, in dem sich alle in der Bibliothek gemeinsam darüber Gedanken machen können, was jetzt eigentlich in der Krise passiert ist, wie sie das erlebt haben, was sie gelernt haben und so weiter. Der Prozess kann ganz unterschiedlich aussehen, wie solche Prozesse in den Bibliotheken halt aussehen: Ein grosses Treffen (online?), ein strukturierter Prozess in mehreren Phasen mit verschiedenen Formen der Rückmeldung. Die Managementliteratur ist voll mit Vorschlägen für solche Abstimmungsprozesse, man kann da einen auswählen. (Bibliotheken, die Prozesse etabliert haben, in dem das Personal sich wirkmächtig – also so, dass auch tatsächlich etwas passiert und ohne Angst haben zu müssen, dass es für sie negative Auswirkungen hat, wenn sie sich äussern – äussern können, sind dabei im Vorteil. Solche, die bislang solche internen Prozesse nicht haben und eher hierarchisch organisiert entscheiden oder bislang dem Personal keinen realen Einfluss auf Entscheidungen gewährt haben, werden damit weiter Probleme haben. Aber das liegt dann gerade an der internen Struktur über die gerade reale Erfahrungen gesammelt wurden.) Verschiebt man diesen Prozess auf irgendwann nach der Krise oder geht ihn gar nicht an, sendet man an das Personal die Nachricht, dass deren Erfahrungen irrelevant sind im Gegensatz zur Aufrechterhaltung des Bestehenden.

  3. Was in einem solchen Prozess geklärt werden sollte, ist nicht nur, welche Erfahrungen die Einzelnen in den letzten Monaten hatten (wobei dabei wichtig wäre zu merken, wie unterschiedliche diese Erfahrungen wohl waren und nicht die Erfahrungen einzelner zum normalen Empfinden stilisiert werden sollten). Es sollte thematisiert werden, was funktioniert hat und was nicht (wobei hier klar sein sollte, dass nicht alles gut funktionieren kann und vor allem die tatsächlichen Anstrengungen wertgeschätzt werden sollten), was an „alten Strukturen‟ und vielleicht auch Denkweisen (oben schon erwähnt die Annahme, Leitung müssen in Sitzungen und Gesprächen vor Ort durchgeführt werden) dem Funktionieren im Weg stand, was an Vorstellungen davon, was die Bibliothek ist und soll, sich bestätigt oder nicht bestätigt hat.

  4. Geklärt werden sollte auch gemeinsam, was das Ziel für die Normalität nach der Krise sein soll. Wie gesagt, gerade scheint mir, dass an vielen Stellen einfach vorausgesetzt wird, dass alle zum Status quo ante zurückkehren wollen würden. Aber: So, wie es Januar 2020 war, war es vielleicht gar nicht bestmöglich. Vielleicht haben sich durch die Erfahrungen der letzten Monate alternative Vorstellungen davon, wie die jeweilige Bibliothek sein soll, wie die internen Strukturen sein sollen, wie die Arbeit sein soll, entwickelt. Vielleicht haben sich Lockerungen ergeben. Vielleicht hat sich erst durch die neuen Erfahrungen gezeigt, wie die Strukturen eigentlich sind. Oder vielleicht wollen wirklich alle in der Bibliothek wieder zum gleichen Stand zurück und die gleichen Angebote machen. Das wäre in einem solchen Prozess zu klären. Aber es einfach vorauszusetzen, hiesse nur, die Erfahrungen des Personals überhaupt nicht ernstzunehmen.

Keine dummen Sprüche

Auch wenn es vielleicht nicht so anfühlt, weil wir vor allem daheim geblieben sind: Für diejenigen von uns, die bislang ihr ganzes Leben im DACH-Raum verbracht haben und nicht etwa aus Bürgerkriegs-/Kriegsgebieten eingewandert sind, war dies (beziehungsweise ist dies weiterhin) die grösste Katastrophe, die wir (bislang) erlebt haben: Die mit der grössten Anzahl Toter und den meisten bleibenden Schäden. (In der Presse ist vor allem von Schäden für die Wirtschaft die Rede, aber nachdem ich den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft erlebt habe, kann ich nur sagen, dass uns das nicht schocken sollte. Wirtschaft jammert immer, redet dabei nicht von den Menschen und erholt sich am Ende zumeist innerhalb kurzer Zeit wieder. Aber die Gesundheitsschäden und die Schäden an der conditio humana, die machen mir Sorgen.) Deswegen finde ich es auch unangebracht, wenn jetzt schon wieder Marketingsprüche von „der Krise als Chance‟ die Runde machen oder leichter Hand irgendwelche Voraussagen dazu gemacht werden, wie „uns‟ die Krise verändert haben wird, wie das in den Kommentarspalten vieler Zeitungen gerade passiert. Vielleicht ist mein moralischer Kompass falsch, aber das ruft bei mir Verachtung hervor. Weder muss man den Ernst der Lage mit motivierenden Sprüchen überdecken, noch muss man mit Tunnelblick eine Entwicklungsrichtung (und wenn es die von „alles soll werden wie vorher‟) vorgeben. Die so vorhergesagten Veränderungen treten eh nie ein. Das will nicht machen, weil ich es auch nicht besser weiss.
Eine Krise ist keine Chance, die man nur nutzen muss, um das durchzusetzen, was man gerne hätte (wie das in der Marketingliteratur gerne vorgeschlagen wird). Sie ist vielmehr immer ein Zeitpunkt, an dem der Status quo, die Annahmen davon, wie etwas ist und wirkt sowie die Strukturen, so wie sie sind, belastet werden. Einige brechen, einige biegen sich, einige halten oder beweisen eine grössere Stärke als angenommen. Das ist jetzt auch in den Bibliotheken passiert. (Ich würde vermuten, dass sich die Vorstellungen, Leute würde sich in Krisen auf Bücher stürzen und in grosser Zahl Liefer- und Onlineangebote nutzen, nicht bestätigt hat, aber das der Willen des Personal zu arbeiten, auch wenn es nicht eng geführt wird, sich als viel stärker bewiesen hat, als viele Leitungen Angst hatten – aber das nur meine Vermutungen.) Diese Belastungsproben jetzt nicht zu nutzen, um zumindest zu schauen, ob man etwas anders machen sollte, würde nur den Eindruck vermitteln – nach innen und nach aussen – dass Bibliotheken gar kein Interesse daran haben, sich zu verändern oder auch nur zu fragen, ob etwas anders sein könnte. Aber das wird, da sich – egal ob Krise oder nicht – immer etwas ändert, nicht funktionieren.
Ich bin mir sicher, dass in vielen Bibliotheken auch jetzt wieder das Argument vorgebracht wird (weil es so oft vorgebracht wird), dass man jetzt gerade keine Zeit hätte, sich damit zu beschäftigen, darüber nachzudenken, ob man zurück zur gleichen Normalität möchte, die es schon mal gab, oder zu einer anderen oder was passiert ist und so weiter. Aber das ist immer ein schlechtes Argument, auch jetzt. Wenn man es jetzt nicht zeitnah angeht, wird man es nie angehen und wohl eher negative Effekte haben, weil das Nicht-Behandeln (wie oben gesagt) sich zumindest auf Teile des Personals negativ auswirken wird. Zudem ist die Verteilung von Ressourcen, also auch der Arbeitszeit, die für interne Prozesse, wie den hier angemahnten, aufgebracht wird oder nicht aufgebracht wird und dafür, was als wichtig wertgeschätzt wird oder nicht, immer eine politische Entscheidung, auch innerhalb einer Bibliothek. Ressourcen wie Zeit nur dafür einzusetzen, ungefragt ein Ziel (den Status qua ante) anzustreben, sagt halt auch etwas über die jeweilige Bibliothek.

[Zumal: Wir sollten auch wenn diese Krise irgendwann durchgestanden ist, nicht davon ausgehen, dass es dann einfach „weitergeht‟. Wir – nicht die Bibliotheken, die Menschen – haben die Erde umgestaltet. Es ist wirklich das Anthropozän. Wir haben dabei Bedingungen für vieles geschaffen, aber eben auch dafür, dass es immer schneller und öfter Epidemien und Pandemien geben wird, neben den ganzen Auswirkungen der Klimakatastrophe, die auch – ich erinnere nur an den warmen April dieses Jahr – auf uns zukommen werden. Es wird mehr solche Krisen geben. Vielleicht werden wir als Gesellschaft auf die nächste Pandemie schneller reagieren. Aber wir sollten nicht davon ausgehen, dass das „Herunterfahren der Gesellschaft‟ in den letzten Monaten etwas einmaliges war. Bibliotheken, aber auch Gesellschaften, die aus dieser Krise lernen, werden besser darauf vorbereitet sein, wenn es wieder soweit kommt. Bibliotheken, aber auch Gesellschaften, die nur den Status quo ante anstreben, werden dann wieder vor den gleichen Problemen stehen.]

 

Fussnoten

1 Es ist aber erstaunlich, wie wenig man von diesen Angeboten, jetzt, wo man sie auswerten könnte, hört. Mag unterschiedliche Gründe haben, aber man könnte erwarten, dass sie pro-aktiv nach aussen dargestellt würden, wenn sie sehr erfolgreich gewesen wären.

Thekenbibliotheken / Pandemie-gerechte Bibliotheken

Thekenbibliotheken – aktuell, wo sich jetzt viele Bibliotheken darauf vorbereiten wieder für das Publikum zu öffnen, unter strengen Hygiene-Regelungen und vor allem für die Ausgabe zuvor bestellter Medien und die Rücknahme derselben, wird immer wieder einmal der Witz gemacht, sie seien jetzt halt wieder Thekenbibliotheken. Solche Witz kann man machen und es ist selbstverständlich auch gut, in der jetzigen Situation einmal zu lachen. Unbenommen.

Aber Thekenbibliotheken sind das selbstverständlich nicht.

Sicherlich: Da ist – in den meisten Bibliotheken – eine Theke, vor die die Nutzer*innen treten werden, dahinter Bibliothekar*innen, die Medien zurücknehmen oder zuvor bestellte Medien aushändigen. So ähnlich war es in den Thekenbibliotheken bis in die 1950er / 1960er auf den ersten Blick auch. Aber die Unterschiede sind doch immens.

Wenn man den Witz einmal gemacht hat, kann man die Situation auch nutzen, um sie als Beispiel dafür zu nehmen, was sich seitdem alles geändert hat. Die Bibliothek ist, so kann man bei diesem Vergleich gut sehen, immer mehr als der Raum selber. Es geht immer auch darum, was sich die Bibliotheken – also das Personal konkret vor Ort, aber auch die Profession als Ganzes – unter einer Bibliothek, deren Aufgaben, Möglichkeiten, Zielen vorstellt und was sich die Öffentlichkeit – die Nutzer*innen vor Ort, aber auch die Allgemeinheit – darunter vorstellt. Sicherlich: Der Raum repräsentiert dieses Denken und prägt es auch wieder (insbesondere, wenn dieser nicht von den notwendigen Regeln zur Reduktion des Ansteckungsrisikos in einer Pandemie geprägt ist – obgleich wir weiter unten sehen können, dass gerade das eine Verbindung zu den „alten Thekenbibliotheken‟ darstellt). Aber das ist nur ein Teilaspekt.

Was waren Thekenbibliotheken?

Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum begannen in den 1910er Jahren langsam darüber nachzudenken (und allererste Experimente dazu durchzuführen), ob den Leser*innen nicht der direkte Zugang zum Bestand gewährt werden könnte. Immer mit Einschränkungen, immer erstmal bezogen auf Teile des Bestandes und immer mit grossem Widerstand aus der Profession. Es dauerte lange, bis dieser Zugang zum Allgemeingut wurde. Jahrzehnte lang gab es diese Diskussionen, immer mit Verweis darauf, dass ein solcher Zugang – die Freihandbibliothek – in anderen Ländern normal sei (was übrigens so auch nicht stimmte).

Während des Nationalsozialismus gab es eine ganze Reihe von Bibliotheken, die als Freihand eingerichtet wurden, aber es scheint, als seine viele davon nach 1945 zerstört gewesen oder zurückgebaut worden. Zumindest wurde kaum über diese Phase geredet.

Erst während der 1960er scheint sich die Freihand-Bibliothek im DACH-Raum als normale Bibliotheksform etabliert zu haben. Zumindest finden sich ab Anfang der 1960er in der bibliothekarischen Literatur Raumskizzen für neugebaute Öffentliche Bibliotheken, die nicht mehr lange begründen, warum bestimmte Bereiche als Freihand gebaut oder geplant wurden, sondern offenbar stillschweigend voraussetzen, dass dies die richtige Form für eine Bibliothek sei. (Selbstverständlich gab es eine Übergangszeit mit Bibliotheken, die nicht oder nur so halb umgebaut wurden. Aber in den 1960ern verschwindet zumindest die Debatte über die Freihand-Bibliothek aus der bibliothekarischen Literatur.) Das gilt eigentlich für den gesamten DACH-Bereich.1

Zuvor, seit man von Formen Öffentlicher Bibliotheken reden kann (also je nach Land und Region den 1870er-1890er Jahre), waren diese im DACH-Raum alle als „Thekenbibliotheken‟ konzipiert. Es gab von der Grösse her unterschiedliche Formen. Beispielsweise bei sehr kleinen Beständen „Bibliotheksschränke‟, die in anderen Einrichtungen (Schulen, Gaststätten, Partei- und Gewerkschaftslokalen, Kirchen und so weiter) standen und die nur vom jeweiligen Bibliothekar (bis zu Bona Peiser, die 1895 als solche zu arbeiten begann, offenbar keine Bibliothekarin) verwaltet wurden, der dann auch die Bücher ausgab und wieder einstellte. Etwas grössere Bibliotheken hatten keine richtigen Theken, sondern Tische, die vor Buchregalen an der Wand standen. Nur die grösseren Einrichtungen hatten wirklich Theken, die baulich den Raum zwischen Leser*innen und Bibliothekspersonal trennten, mit Türen, verschiedenen – oft auch verschliessbaren – Ausgabe- und Rücknahmetresen und anderen gebauten Feinheiten. Dies hing immer von der Grösse des Bestandes und den verfügbaren Mitteln ab. Aber grundsätzlich waren das alles Thekenbibliotheken.

Die räumlich Gestaltung war aber, wie gesagt, nur ein Teil der Thekenbibliotheken. Was diese ausmacht, war ein spezifisches Denken über (a) das Lesen, (b) davon, was für eine Einrichtung Bibliotheken darstellten und (c) was für Aufgaben sich daraus ergaben.

  • Zuerst verstanden sich alle diese Bibliotheken explizit als Bildungseinrichtungen. Und zwar nicht im recht offenen, recht unbestimmten und immer auch mit anderen Aufgaben wie Unterhaltung oder Kultur in Konkurrenz stehenden Sinne, wie dieser Begriff heute manchmal für Öffentliche Bibliotheken verwendet wird – sondern ganz explizit: Die Aufgabe der Bibliotheken war es, die Leser*innen zu bilden und zwar zum richtigen Lesen. Die heutige Idee, dass einige (viele) Nutzende die Bibliothek selbstbestimmt für ihre eigene Bildung nutzen, andere aber für etwas anderes, wäre diesen Bibliotheken zumindest als Ziel fremd. Bibliotheken hatten den Anspruch, die, die sie nutzen zu erziehen. Selbst Unterhaltungsliteratur stand unter diesem Vorbehalt, wenn sie überhaupt vorhanden war. (Das impliziert auch, dass die Bibliotheken halt nicht „für alle‟ da waren, sondern für die, die diese Bildung nötig hätten.)
  • Alle diese Bibliotheken hätten deshalb ein Konzept für die „Leserlenkung‟. Wie erreicht man die Menschen, damit sie überhaupt anfangen, in die Bibliothek zu kommen? Wie lenkt man sie dahin, die richtige Literatur zu wählen, nicht nur keine „schlechte‟, sondern auch keine so komplexe, dass sie von den Leser*innen „noch nicht‟ verstanden werden kann? Was genau ist „richtiges Lesen‟ und wie schafft man es als Bibliothek, die einzelnen Leser*innen zu diesem Lesen zu führen? Wie viel ist zu viel oder zu wenig Lesen? Die Antworten auf diese Fragen waren unterschiedlich, änderten sich mit den Jahrzehnten, waren Thema von Diskussionen in der bibliothekarischen Literatur, in Debatten, in der Ausbildung. Aber die grundsätzliche Idee, dass die Leser*innen „gelenkt‟ werden müssten (und der Anspruch als Bibliotheken, das zu können und zu dürfen), war allen diesen Bibliotheken gemein.
  • Die Bewertungskriterien und die Strategien dazu waren unterschiedlich. Es gab nicht die eine Öffentliche Bibliothek – so wie wir das heute kennen –, sondern bis in die 1950er Jahre Bibliotheken, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielen dienten: Neben den Lesehallen, die nach eigenem Verständnis neutral und für alle da sein wollten (ein Anspruch, der von anderen bestritten wurde und deren Ideologie man auch eher als Teil des rechts-konservativen Mainstreams der beiden Kaiserreiche und des Bürgertums bis in die 1950er Jahre bezeichnen müsste), gab es zum Beispiel „Arbeiterbibliotheken‟, die sich vor allem als Teil der sozialistischen Bewegung verstanden (und die Arbeiter*innen dazu ermächtigen wollten, Produktionsmittel und Gesellschaft zu übernehmen) oder die katholischen Bibliotheken, die ein konservatives (aber eigentlich modernes, weil erst in der Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft gewonnenes) Gesellschaftsbild etablieren wollten.2 Es gab auch teilweise massive Auseinandersetzung über diese Strategien innerhalb der unterschiedlichen Bibliotheksformen, insbesondere den sogenannten „Richtungsstreit‟ innerhalb der Lesehallen, indem es vor allem darum ging, was eigentlich die von diesen angestrebte „Volksbildung‟ sei und wie sehr zur Gewinnung von Leser*innen Unterhaltungsliteratur eingesetzt werden sollte. Aber wichtig hier: Alle Formen der Thekenbibliothek hatten Bewertungskriterien von Literatur und Strategien zur Lenkung von Leser*innen als gedanklichen Hintergrund und fanden diese so wichtig für die eigene Identität als Bibliothek, dass sie bereit waren, darüber zu streiten.
  • Die bibliothekarische Literatur der Jahrzehnte der Freihandbibliotheken ist voll von Texten (und Streitigkeiten) über „Bibliothekstechnik‟ (Technik auch im Sinne von Arbeitsweisen, -abläufen), die sich nur durch diese Form von Bibliothek erklären lassen: Einerseits die Frage, wie das Ausheben der benötigten Bücher aus dem Bestand am Effektivsten organisiert werden kann (das ist heute noch für Bibliotheken mit Magazinen Thema), anderseits aber auch, wie die Beratung der Leser*innen, die Ausgabe und Rücknahme der Medien zu organisieren sei. Pläne wurden gezeichnet, wie sich die Personen durch den Raum vor der Theke bewegen sollte. Gesonderte Kataloge für die Leser*innen wurden entworfen, die immer anders waren als die, welche das Bibliothekspersonal benutzte. Es gab Diskussionen um die „offene‟ und die „gebundene Theke‟ (bei der offenen kann an allen Plätzen alles gemacht werden, bei der gebundenen gibt es Plätze für die Rückgabe, für die Ausgabe und so weiter).
  • All diese Planungen und Diskussionen hiessen selbstverständlich nicht, dass alles immer funktionierte. Ebenso finden sich in der bibliothekarischen Literatur immer wieder Klagen, dass sich die Leser*innen den Zielen, der Beratung, den Arbeitsweisen der Bibliotheken entziehen. Dass sie eigene Interessen durchsetzen. Dass sie sich nicht darauf einliessen, sich „empor zu lesen‟. Zudem gab es – zumindest in den Städten – immer die Möglichkeit, dass Leser*innen auf andere Bibliotheken auswichen. Einerseits zum Beispiel nicht in die Lesehalle gingen, sondern in die Arbeiterbibliothek. Andererseits – das war eher der Horror – in die „kommerziellen Leihbibliotheken‟, welche Medien als Gewerbe vermieteten, oft direkten Zugang zu den Beständen boten und – so die Behauptung der ganzen unterschiedlichen Thekenbibliotheken, der die Leihbibliotheken selbstverständlich widersprachen – vor allem schlechte Literatur anbieten würden, weil es ihnen nur um Geld und nicht um Bildung ginge.
  • Ein Punkt, der in der bibliothekarischen Literatur der damaligen Jahre auch immer wieder einmal auftauchte war der der Hygiene. Es gab Diskussionen darüber, ob die Erreger verschiedenster Krankheiten – von denen vermutet wurde, dass sie bei Leser*innen aufgrund deren ökonomischer Verhältnisse, aber auch aufgrund ihres Lebenswandels verstärkt auftreten würden – sich über die Bücher von Bibliotheken verbreiten würden. Es gab auch dazu verschiedene Meinungen und Lösungsansätze, verschiedene Vorschläge zur Reinigung der Medien nach der Rückgabe oder auch Vorschläge, wie lange sie zu lagern wären, bevor sie wieder ohne Gefahr ausgegeben werden könnten. Eine eindeutige Lösung gab es nie, aber das Thema tauchte immer wieder auf. An sich war das in den letzten Jahrzehnten nicht mehr Thema der bibliothekarischen Literatur (was nicht heisst, dass es nicht von Zeit zu Zeit auf anderen Kanälen antönte), aber jetzt ist es das aus guten Gründen wieder. (Wobei es die Desinfektionsmittel, die heute zur Verfügung stehen, damals nicht gab.)

Zum Übergang zur Freihand

Wie gesagt, begangen die Bibliotheken im DACH-Raum in dem 1910er Jahren ganz vorsichtig über die Freihand zu diskutieren. Aber es dauerte wirklich lange, bevor sich dann – eher plötzlich – die Freihand wirklich durchsetzte. Die Vorstellung davon, was die Bibliothek sei und wie sie zu arbeiten hätte, veränderte sich nicht schnell. Interessant sind vor allem Beiträge am Ende dieser Entwicklung. In den 1950ern liest man öfters3 davon, dass an sich akzeptiert wird, dass die Freihand „die Bibliotheksform der Zukunft wäre‟, aber das sie dann auch massiv viel mehr Personal bedürfe, weil die Lenkung der Leser*innen dann direkt am Regal erfolgen müsse. An der Theke können man die Gespräche gut organisieren – wie gesagt, wie das stattfinden sollte, war auch Teil der Bibliothekstechnik –, aber am Regal müsse man neue Formen finden.

Auch wurden lange diskutiert, ob man nur bestimmte Teile der Bestände als Freihand aufstellen solle und welche. Und wem man dann Zugang gewähren könne und wem nicht. Dazwischen kamen viele Teilschritte, beispielsweise der immer wieder neue Entwurf von Katalogsystemen für die Leser*innen oder die Mechanisierung der Ausleihe. Das ist seine eigene Geschichte.

Aber sichtbar ist, dass sich der Übergang zur Freihand nicht einfach räumlich gestaltete – auch wenn das einen nicht zu unterschätzenden Aufwand bedeutete –, sondern inhaltlicher Art war. Die Bibliotheken mussten erst die Vorstellung ändern, was für Einrichtungen sie wären und was ihre Aufgabe wäre, um dann in der Freihand wieder eigene bibliothekarische Arbeitsformen zu finden. Das veränderte viel mehr, als nur die Aufstellung der Bestände. Beispielsweise wurde den Interessen der Leser*innen substantiell mehr Beachtung geschenkt – deshalb heissen sie heute ja auch nicht mehr Leser*innen, sondern je nach Weltanschauung Nutzer*innen oder Kund*innen (oder anders).

Thekenbibliothek versus „Pandemie-gerechte Bibliothek‟

Die eingeschränkte Ausleihe in Bibliotheken, wie sie jetzt eingeführt und wohl für den Zeitraum der Pandemie beibehalten wird (und, machen wir uns nichts vor, die Welt ist kaputt, es wird mit hoher Wahrscheinlichkeeit in unserer Lebenszeit weitere Pandemien geben, in denen das wieder ähnlich sein wird) ist also offensichtlich keine Thekenbibliothek. Im Hintergrund der jetzigen Bibliotheken steht eine andere Idee davon, was für eine Aufgabe (beziehungsweise Aufgaben) die Bibliotheken haben. Der Zugang zum Bestand ist jetzt physisch eingeschränkt, aber sonst offen. Nutzer*innen und Bibliothekar*innen nutzen die gleichen Kataloge, weil man alle zutraut, sich in diesen zurecht zu finden. Bibliotheken erziehen die Nutzer*innen nicht zum richtigen Lesen und erheben auch nicht den Anspruch, Literatur inhaltlich daraufhin zu bewerten, ob sie zum „hinauflesen‟ geeignet wäre. Es gibt weit mehr Medienformen als Bücher und das ist keiner Diskussion mehr wert.

Was dieser Ausflug in die Bibliotheksgeschichte zeigt, ist, dass es immer eine Sicht der Bibliotheken auf sich selber, auf ihre Aufgaben und so weiter gibt, die sich mit der Zeit ändert. Sie ist offensichtlich nicht festgeschrieben, sondern verhandelbar (dafür muss sie dann benannt, diskutiert, vielleicht auch kritisiert werden – aber das ist hier nicht das Thema). Diese Vorstellung strukturiert dann die Arbeit, die tatsächlich in den Bibliotheken geleistet wird, sie strukturiert den Raum Bibliotheken und auch das, was als wichtig genug angesehen wird, um es zu diskutieren (oder was als dafür nicht wichtig genug angesehen wird). Die jetzige Situation wird vorübergehen – vielleicht in Monaten, vielleicht in Jahren. Aber die Vorstellung von Bibliotheken, was ihre Aufgabe ist, wird sich auch nach dieser Pandemie immer weiterentwickeln.

 

Fussnoten

1 Für die DDR habe ich, glaube ich, schon einmal geschrieben, wie erstaunlich ich das fand, dass die Broschüre „Über die Arbeit in Freihandbibliotheken‟ (Günter de Bruyn, Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen ; 1957) auf Erfahrungen aus „den bürgerlichen Bibliotheken‟ (also BRD und vielleicht Österreich) und USA, Grossbritannien und Skandinavien sowie aus der DDR selber zurückgriff, aber gerade nicht auf – eigentlich damals schon existierende – Erfahrungen in der Sowjetunion mit Freihandbibliotheken.

2 Zu Arbeiterbibliotheken siehe meinen Artikel„Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟ (Schuldt, Karsten, in: Libreas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/), zu katholischen Bibliotheken (in Frankreich, aber das lässt sich prinzipiell übertragen) siehe „La mise au pas des écrivains. L’impossible mission de l’abbé Bethléem au XXe siècle.‟ (Mollier, Jean-Yves, Paris: Librairie Arthème Fayard, 2014).

3 [Ich weiss, hier wären Literaturnachweise angebracht. Aber die liegen leider nicht hier, wo ich gerade bin, sondern in einem Ort, den in wegen geschlossener Grenzen während der Pandemie nicht einfach erreichen kann.]

Schlechte Arbeitsplatzkultur [in Bibliotheken] & COVID-19 (Coronavirus) – Einladung zur Teilnahme an einer Umfrage

Werte Kolleg*innen,

in dieser Krisenzeit, und leider auch ausserhalb dieser, gibt es eine ganze Reihe von Bibliothekar*innen, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, weil die Kultur am eigenen Arbeitsplatz schlecht ist. Beispielsweise, weil das Personalmanagement schlecht ist, die Leitung eher autoritär und intransparent handelt, aber auch weil Kolleg*innen nicht als Team handeln, sondern regelmässig beleidigen oder übergriffig sind. Die hohen Burnout-Quoten und hohen Raten beim Personalwechsel in einigen Bibliotheken ist dafür ein sichtbarer Indikator. (Wenn dies bei Ihnen nicht so ist, ist das erfreulich.)

 

An die Kolleg*innen, welche solche eher belastende Arbeitskultur erleben, richtet sich folgende Umfrage, zu der ich sie gerne einlade.

Link zur Umfrage: https://survey.fhgr.ch/289232?lang=de

 

Ich habe diese Umfrage von Kaetrana Davis Kendrick (Medford Library, University of South Carolina Lancaster) übernommen, die schon länger in den USA zu Formen und Gründen solcher bedauerlichen Zustände forscht. Die Umfrage baut auf diesen Forschungen auf. Deshalb ist die Umfrage zum Teil auch etwas stark an den USA orientiert. Das heisst, dass Ihnen vielleicht einige Fragen oder Antwortoptionen etwas übertrieben vorkommen werden – aber das ist der kulturelle Unterschied.

Die Umfrage bezieht sich explizit darauf, ob sich die Arbeitsplatzkultur während der aktuellen Krise verändert hat. Ich möchte damit auch den Kolleg*innen die Möglichkeit geben sich dazu zu äussern, die aktuell schlechte Erfahrungen haben (neben denen, die sich aktuell über ihr Engagement äussern können). Gleichzeitig möchte ich, in Zusammenarbeit mit Kaetrana Davis Kendrick, etwas darüber erfahren, welche Unterschiede es im Bezug auf dieses Thema zwischen den USA und deutschsprachigen Raum gibt.

Die Umfrage wird mindestens so lange geöffnet bleiben, bis das letzten Land im DACH-Raum die Krise für überwunden erklärt hat. Alle Angaben und Antworten sind freiwillig und werden anonym behandelt.

Vielen Dank, wenn Sie an der Umfrage teilnehmen und vielen Dank dafür, wenn Sie die Umfrage mit anderen Kolleg*innen in einer solchen Situation teilen.

 

m.f.G.

Karsten Schuldt (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft, FH Graubünden)

Vocational Awe: Vom Glauben der Bibliotheken an die eigene Bedeutung

Aktuell, in der COVID-Pandemie, präsentieren sich Bibliotheken als wichtige Einrichtungen, welche die Wissenschaft am Laufen halten und den Zusammenhalt der Gesellschaft rstützen. Unter anderem unter den Hashtags #BibliothekSindDa und #BibAtHome sowie auf diesem Etherpad und noch an anderen Stellen werden aktuell kostenlose Anmeldungsmöglichkeiten per Internet, Zugang zu Online-Medien, Lieferdienste von Bibliotheken und so weiter verbreitet. In den bibliothekarischen Mailinglisten und an anderen Stellen werden weitere Einzellösungen von Bibliotheken verbreiten. Listen über Listen von Lernressourcen wurden zusammengestellt. Aktivitäten allenthalben, offenbar mit dem Verständnis, das in der jetzigen Situation Richtige zu tun. Und ein wenig klingt es schon so, als würden sie sich dabei selber auf die Schulter klopfen.

Emotionale und andere Belastungen?

Die Situation sieht aber auch so aus:

  • Menschen machen sich Sorgen, auch Kolleg*innen. Jeder Gang nach draussen ist bekanntlich ein Risiko. Eine ganze Anzahl von Kolleg*innen muss jetzt in die Bibliotheken, ins Back-Office oder auch den Bestand, um all diese Angebote von Bibliotheken aufrecht zu erhalten oder Projekte vorwärts zu treiben. Oft ist es nicht so, dass diese Kolleg*innen eine Wahl hätten – das sie zum Beispiel gefragt worden wären, ob sie dieses Risiko übernehmen wollten. Und ein wenig ist der Eindruck auch (das wird vielleicht nach der Krise einmal empirisch zu erheben sein), dass vor allem Kolleg*innen aus den niedrigeren Gehaltsstufen für solche Arbeiten eingesetzt werden, nicht unbedingt das Personal aus den „Chefetagen‟. (Aber das kann täuschen.)
  • Kolleg*innen, egal ob im Einsatz oder Daheim, kommen mit der jetzigen Situation auch schlecht zurecht. Nicht alle, aber genauso wie bei anderen Menschen auch, gibt es beim Bibliothekspersonal solche und solche: Einige sind jetzt entspannter und produktiver (wobei produktiver nicht immer gut ist, sondern bekanntlich auch gerade eine Verdrängungsstrategie sein kann), aber andere sind emotional, körperlich und geistig stark belastet, vielleicht auch schon kurz vor dem Zusammenbruch. Das kann wieder sehr unterschiedliches heissen: Die, die mit den unstrukturierten Tagen weniger gut klarkommen oder den offeneren Arbeitsstrukturen; die, die mit dem Leben in nur einer Wohnung – mit Kindern oder Partner*innen oder vielleicht Mitbewohner*innen oder alleine – nicht gut klar kommen; die, die mit der Unsicherheit, wie die Situation sich entwickeln wird, nicht gut umgehen können oder unter den Regelungen, wie jetzt die Supermärkte und Parks und Promenaden zu nutzen sind; die, die sich Sorgen um Eltern oder Bekannte oder Freund*innen machen, die von Corona betroffen sind oder sein könnten. All die und noch mehr.
  • Kolleg*innen sind nicht unbedingt davon überzeugt, dass die Bibliotheken so wichtige Einrichtungen wären wie zum Beispiel Supermärkte und Apotheken, sondern in dieser Situation auch für einigen Wochen geschlossen haben könnten. (Nicht zuletzt, da sie teilweise extra in Schliessungsanordnungen von Gemeinden oder Kantonen / Bundesländern erwähnt wurden.)

Aber darüber wird praktisch nicht geredet. Im wahrnehmbaren Diskurs von Bibliotheken sind vor allem die zuerst genannten, positiv gemeinten Beispiele präsent. Dabei wäre es bestimmt gut, auch die tatsächlichen jetzigen Arbeitsbedingungen in den Bibliotheken zu thematisieren. Oder sich gegenseitig, als Kolleg*innen durch diese Krise zu helfen. Oder einmal zu diskutieren, ob Bibliotheken wirklich versuchen müssen, jede Lücke der Verordnungen auszunutzen, um doch noch Medien verleihen oder gescannt zur Verfügung stellen zu können.

Einige, wenige Widersprüche

Nur ganz selten scheint diese Kritik öffentlich auf:

  • Eine Kollegin äusserte sich am 26.03. auf ForumOeb mit einem klaren „habt ihr grade alles nichts Besseres zu tun?‟ und kritisierte die Diskussionen darum, wie Bibliotheken doch noch irgendwie ihre Dienste aufrecht erhalten könnten. Sie erntete einige Zustimmung, aber dann war es mit der Diskussion dazu auch vorbei.
  • Einige Kolleg*innen, die sich mit Open Access beschäftigten, kritisierten hier und da – vollkommen zu Recht – dass Bibliotheken jetzt immer wieder auf Angebote grosser Verlage, die vorübergehend während der Krise „freigeschaltet‟ wurden, hinwiesen, anstatt auf die schon immer offenen (und mit Open Access-gerechter Lizenz publizierten) Angebote ausserhalb der Verlage. Das ist keine unwichtige Anmerkungen, da Bibliotheken so nur wieder daran mittun, die Quasi-Monopole der grossen Verlage auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt zu stärken.
  • Für den englisch-sprachigen Raum existiert als Ventil für solche Beschwerden der anonyme Twitter-Bot LIS Grievances ([1], [2]). Hier findet sich einiges an Bemerkungen, insbesondere (wohl) von Kolleg*innen, die von ihren Bibliotheksleitungen entweder gegen ihre eigenen Überzeugungen dazu gezwungen werden, ihre jeweilige Bibliothek offen zu halten oder aber neben Ihrer eigentlichen Arbeit, die sie in der jetzigen Situation eh schon kaum schaffen, auch noch Sonderaufgaben übernehmen sollen. ([1], [2], [3])

Kritik ist vorhanden; Kolleg*innen sind unzufrieden damit, wie die Situation gehandhabt wird. Aber warum wird das kaum artikuliert?

Ein gelöschter Tweet

Ich selber habe zum Beispiel einen Tweet über die absonderliche Situation geschrieben, dass Bibliotheken (hier in der Schweiz) jetzt damit Werbung machen, dass sie weiterhin Medien per Post verschicken, während gleichzeitig die Schweizer Post (aber nicht nur die, alle Lieferdienste von Paketen) darauf hinweisen, dass sie nicht mehr hinterherkommen mit all den Lieferungen, dass die Systeme und das Personal vollkommen überlastet sind und sie schon Angebote reduzieren und strecken mussten. Aber ich habe den Tweet gelöscht und eben nicht geschickt. Warum? Ich konnte mir gut vorstellen, wie Kolleg*innen den uminterpretierten würden als Angriff auf ihre Arbeit („und das, Herr Schuldt, obwohl man doch sehen würde, wie wichtig sie wären — all die Pakete, die geschickt werden müssen, all die Dokumente, die gescannt werden müssen – – -‟), nicht als Aufforderung, einmal über die Konsequenzen dieser hektischen Aktivitäten nachzudenken. Ich hatte das Gefühl, dass das vielleicht jetzt (in der Krise) auch nicht sein muss.

Offenbar liegt hier ein Problem vor: Die Situation, die Bibliotheken nach aussen darstellen, ist nicht die Situation, wie sie wohl wirklich ist, zumindest nicht die vollständige Situation. Und es gibt keinen Ort, wo das Bibliothekswesen (im DACH-Raum) wirklich über die Situation, wie sie ist, reden kann, ohne das man zumindest das Gefühl hätte, Gefahr zu laufen, dass den Diskutierenden unterstellt wird, die Mission der Bibliotheken zu unterlaufen. Wie kann das sein? Ich würde hier gerne ein Konzept vorstellen, dass das meiner Meinung nach recht gut erklärt (und damit auch eine Möglichkeit bietet, die Situation zu verändern – siehe weiter unten).

Voactional Awe: Die Mission der Bibliothek als Über-Bibliothekarisch

In der Angloamerikanischen Bibliothekswelt gibt es das Konzept des „Vocational Awe‟ als Begriff seit vielleicht zwei Jahren. Eingeführt wurde es durch einen Artikel von Fobazi Ettarh (Ettarh 2018), welcher seitdem zahlreich kommentiert, zitiert und anderweitig aufgegriffen wurde. (Beispielsweise ohne weitere Erklärung, so, als würden ihn alle kennen, bezogen auf die aktuelle Pandemie beim schon genannten LIS Grievances-Bot [1], [2]) Das Konzept hat also offenbar einen Nerv getroffen, nicht nur in der Forschung, sondern auch Kolleg*innen aus der Praxis – ansonsten hätte es sich nicht so schnell verbreitet.

Wie kann die Bibliothek einfach nur eine Einrichtung unter vielen sein?

Ettarh beginnt – wie auch dieser Blogpost – mit Beispielen von Arbeiten, bei denen Bibliotheken eine wichtig Rolle einzunehmen scheinen: Davon, wie Bibliotheken in den USA auf die „Opioid crisis‟ reagierten – mit dem Bereitstellen von Erste Hilfe Sets in Bibliotheken und mit tatsächlich geleisteter Erster Hilfe für Opfer der Krise. Und damit, wie sich Bibliotheken gegenseitig davon berichteten und sich versicherten, das sie lebenswichtig seien. Wie könnte man, so Ettarh, dem nicht zustimmen?

Indem man sich fragt, was hier eigentlich passiert und wie es auf die tatsächliche Arbeit von und in Bibliotheken Auswirkungen hat. Erzählungen davon, wie wichtig Bibliotheken wären, würden dazu führen, dass diese die eigene Bedeutung und den eigenen Einfluss massiv überschätzten. Gleichzeitig würden so Bibliotheken quasi zu „heiligen Einrichtungen‟, die von sich aus immer gut und richtig wären und an denen deshalb keine Kritik möglich wäre. (Ettarh schrieb in den USA, dort sind die Vergleiche mit religiösen Institutionen und ihren übergreifenden Ansprüchen vielleicht noch etwas näher liegend als hier im mehr säkularisierten Mitteleuropa, wo auch die religiösen Einrichtungen zumeist solche Ansprüche nicht mehr ernsthaft formulieren. Aber auch hierzulande ist die Analogie sinnvoll.)

„Awe‟ ist ein Begriff, der stark mit religiöser Erfahrung konnotiert ist: Gläubige stehen in awe vor Gott und seiner/ihrer Schöpfung. Im Gottesdienst / Ritual sind sie durch diesen awe in eine andere Sphäre transportiert – so ungefähr (ausgedrückt als Atheist). Die Übersetzung von awe als „Ehrfurcht‟, „Schauer‟ treffen es also vielleicht nicht ganz.

Ettarh benutzt diesen Begriff, bezogen auf die Profession Bibliothek, um die Haltung vieler Kolleg*innen zu beschreiben: Die awe über die Bedeutung der eigene Arbeit, genauer der eigenen „Berufung‟ (im DACH-Raum würde man hierzu Max Weber zitieren), welche die Aufgabe der Bibliotheken als wichtiger begreift, als die sichtbaren Tätigkeiten: Nicht nur werden Medien verliehen und zugänglich gemacht, Lesen und andere Kompetenzen gefördert, sondern der Zusammenhalt der Gesellschaft wird hergestellt, die Ungleichheiten überwunden, das Gute an sich wird verbreitet.

Das ist vielleicht eine überzogene Darstellung, aber… so einfach ist sie nicht von der Hand zu weisen. (Bibliotheken als „Tempel des Wissens‟ zu beschreiben oder gar zu bauen, ist ja dann auch nicht ungehört.) Die Selbstdarstellungen von Bibliotheken sind voll von solchen Anspielungen auf grössere Aufgaben und Behauptungen von Wirkungen, die praktisch nie nachgewiesen werden – bei denen auch selten versucht wird, sie nachzuweisen, sondern die geglaubt werden (müssen). Wie halt in Religionen, die zwar auch durchdacht, untersucht, diskutiert, verglichen und so weiter werden können (in Theologie, Religionswissenschaften oder Religionssoziologie), aber bei den alle Gläubigen darauf beharren werden, dass dabei immer ein wichtiger Teil unerklärbar, ununtersuchbar, unverstehbar bleiben wird – ein Teil, der über dem reinen Verständnis der Menschen existiert und der geglaubt und gefühlt werden muss. Der awe, der ein*en überfällt.

Glaubenssätze des Bibliothekswesens

Die Analogie hält, auch wenn sie überspitzt erscheint: Das (Öffentliche) Bibliothekswesen ist geprägt von gewissen Grundüberzeugungen, die auch als Glaubenssätze beschrieben werden können (und die weit über die Arbeit mit Medien hinausgehen). Diese werden regelmässig – in Reden, Texten, Vorträgen, Diskussionen, Jahresberichten und so weiter – wiederholt. Zum Beispiel, wenn sich in der aktuellen Situation wieder einmal gegenseitig die Bedeutung der Bibliotheken bestätigt wird, als eine Einrichtung, die selbstverständlich irgendwie ihre Angebote auch in der Krise aufrechterhalten muss. Oder wenn, wieder einmal, in einer grösseren Tageszeitung oder Radiosendung ein (positiver) Beitrag über Bibliotheken erschienen ist und dieser zur Bestätigung innerhalb des Bibliothekswesens herumgeschickt wird. Diese Grundüberzeugungen sind schwer zu kritisieren. Wer es versucht, wird meist ignoriert oder aber die Wortmeldungen werden tendenziell als Polemik wahrgenommen. (Sicherlich, wie auch die meisten Religionen, ist das Bibliothekswesen heute liberal. Solange Personen zu „unserem Kreis‟ gezählt werden, weil sie sich bewiesen haben, lässt man sie sagen, was sie zu sagen haben. Aber halt oft, ohne dann selber viel zu ändern.1)

Was sind die Funktionen solcher Grundüberzeugungen, eines solchen vocational awe? Ettarh stellt in ihrem Text dar, wie hinter diesen gegenseitigen Erzählungen von Bibliotheken über Bibliotheken die tatsächliche Arbeit, die in Bibliotheken geleistet wird, verschwindet. Was ist der Bestandsaufbau, die Organisation von Lesungen und Veranstaltungen, die Zusammenstellung von Medienkisten schon, wenn die eigentliche Aufgabe offenbar das Leben retten (Opiod-Krise) oder das Zusammenhalten der Gesellschaft (COVID-Pandemie) ist? Ist das dann überhaupt relevant? Ist das wirklich Arbeit, die als Arbeit zählt? (Oder ist es, wie beim Gottesdienst, Dienst, der einfach dazugehört, aber nicht das eigentlich Wichtige, awe-Auslösende ist?)

Gleichzeitig verschwindet, wie Ettarh auch zeigt, hinter diesem vocatinal awe die tatsächliche Arbeitssituation. Wenn die Bedeutung der Arbeit so gross ist, dann gehört es sich nicht, sich über die Arbeitsbedingungen (Lohn, Arbeitszeit, aktuell Risiken, Überlastung, ungewollte Teilzeitarbeit, temporäre Arbeitsverhältnisse und so weiter) zu unterhalten. So was kann man in „richtigen‟ Jobs tun, aber nicht, wenn es sich um „Berufungen‟ handelt. Berufene handeln aus eigenem Interesse und Wunsch, andere arbeiten „einfach‟ für Geld. Das führt dann aber zu einem Arbeitsalltag, dessen Strukturen kaum zu thematisieren (und zu verändern) sind und der gleichzeitig überlastet ist: Neben der „normalen‟ bibliothekarischen Arbeit auch noch Leben retten, Urban Gardens anlegen und damit Food-Crises überwinden, soziale Ungleichheiten ausgleichen, die Gesellschaft zusammenhalten und so weiter. (Das ist nicht nur in Bibliotheken so, auch andere soziale Berufe werden gesellschaftlich solchen „Berufungen‟ zugeordnet und haben dann schlechte Arbeitsbedingungen bei viel zu grossen Aufgaben, die sie sich selber zuschreiben. Soziale Arbeit wäre da ein gutes Beispiel. Nicht zufällig ist das Risiko von Burn-Out in solchen Berufen – und auch in Öffentlichen Bibliotheken – höher als in anderen.)

Zusammengefasst: Die Überschätzung der eigenen Bedeutung – das awe vor dieser Bedeutung – führt zu einem Verschwinden der tatsächlichen Arbeit von Bibliotheken und auch dazu, dass Strukturen nicht thematisiert werden können. Wenn alles heroisches, heldenhaftes Handeln sein muss (und das ist es, wenn das Ziel so gross ist, dass man nicht einfach für Lohn für dieses arbeitet, sondern sich dafür „aufopfert‟), dann ist kein Platz für alltägliche Arbeit und alltägliches Leben.

Professionelle und individuelle Identität

Was bringt das? Auch hier hilft die Analogie zur Religion: Es gibt Identität. Den einzelnen Personen, den Institutionen, der gemeinsamen Gruppe (also hier dem Personal, den Bibliotheken, dem Bibliothekswesen). Dabei ist zu vermuten, dass tendenziell die, die emotional mehr in diese Glaubensgrundsätze „investieren‟ und die, welche länger in sie sozialisiert wurden, diese eher für die Aufrechterhaltung der eigenen Identität „benötigen‟. (Aber auch hier: Das gilt bei Religionen auch nicht für alle und jede*n.) Wie überall haben Identitäten nicht nur den Effekt, dass sie den Menschen, die Institutionen und so weiter bestimmen, ihnen Aufgaben im Leben geben und so weiter, sondern dass sie auch zur Abgrenzung und zur Aufrechterhaltung des Status Quo führen. Nicht absichtlich, aber doch praktisch. Wenn es ein grosses, gemeinsames Ziel gibt und wenn man vor allem „heroisch‟ handelt, nicht einfach arbeitet, dann ist auch nie die richtige Zeit oder eine gute Situation, darüber nachzudenken, ob die Strukturen, in denen man so handelt, sinnhaft sind.

Vocational awe: Ein Konzept, um die jetzige Situation zu verstehen?

Ist das so? Kann man mit dem Konzept vocational awe etwas im Bibliothekswesen im DACH-Raum erklären? Mir scheint, ja. Gerade jetzt zeigt sich, wie am Anfang des Blogpost geschildert, wohin das führen kann. Bibliotheken, die sich in Aktivitäten überschlagen und Schlupflöcher in – eigentlich ganz klar formulierten und einsichtigen – Verordnungen suchen, ohne das auch nur diskutiert wird, ob das sinnvoll ist – weil die Überzeugung von der eigenen Bedeutung (als Institution) so gross ist, dass sich offenbar diese Frage erst gar nicht stellt. Kolleg*innen, die zum Teil ungefragt dazu genötigt werden, sich Risiken auszusetzen – also „heroisch‟ zu handeln, obwohl sie vielleicht doch eigentlich dafür nicht in der Bibliothek arbeiten, sondern „nur‟ Lohnarbeit leisten wollen (also keiner „Berufung‟ folgen, sondern dem Zwang, irgendwie am Ende des Monats die Rechnungen zu zahlen) – und für die es offenbar keinen Ort gibt, das zu thematisieren. An sich das auffällige Fehlen der Frage, wie es eigentlich uns, als Personen im Bibliothekswesen, geht – so als wären halt alle okay, weil sie immer heldenhaft handeln könnten.

Wenn wir einmal annehmen, dass vocational awe etwas beschreibt, dass existiert, dann wird diese Situation verständlich. Eine ganze Anzahl von Personen benötigt vielleicht gerade jetzt eine solche Grundüberzeugung, vielleicht weil daran ihre Identität hängt. Würde sie sich eingestehen, dass Arbeit in Bibliotheken weiterhin vor allem Arbeit ist (und oft ganz unheroische, aber notwendige Lohnarbeit, wie die Arbeit am Bestand und bei Veranstaltungen, nicht die Rettung der Welt), die halt auch mal für eine Weile ruhen könnte, wenn es die Situation – eine Pandemie, bei der die Hauptaufgabe darin besteht, jeden unnötigen sozialen Kontakt zu meiden – erfordert, würde vielleicht ihr Selbstbild und das von der Institution, in der sie arbeiten oder die sie leiten, brüchig. Nur, dass das halt dazu führt, dass andere Kolleg*innen leiden, sich Risiken aussetzen müssen und „die Kurve‟ vielleicht nicht so flach wird, wie sie sein könnte.

Vom Nutzen solcher Konzepte

Was ein solches Konzept möglich macht, ist, die Situation zu benennen, zu thematisieren und damit dann auch zu diskutieren und zu verändern. Deshalb wollte ich es hier einführen. Ich sehe einige Parallelen zu dem, was Ettarh für die USA beschreibt, im DACH-Raum und gerade in der aktuellen Situation. Ich schaue mir das aktuelle Handeln von Bibliotheken an und frage mich oft, wie die oben zitierte Kollegin, ob es nicht aktuell anderes gibt, dass zu tun wäre. Warum diese Hyperaktivität? Warum dieses nicht-diskutieren der aktuellen Situation? (Warum zum Beispiel auch auf einmal diese Begeisterung für die Onleihe, wenn sie einmal für mehr Nutzer*innen freigeschaltet wird, die aber zuvor oft kritisiert wurde? Warum diese ganzen Sammlungen von Lernangeboten, die zusammengestellt und verbreitet werden – wenn die Leute doch garantiert auch anders benötigen und begrüssen würden? Muss es „Bildung‟ sein, weil das ein grosses Ziel ist, und darf nicht einfach Unterhaltung und Ablenkung sein?) Selbstverständlich weiss ich die Antworten auf diese Fragen nicht. Auch ich sitze, wie viele andere, vor allem in der gleichen Wohnung und kommuniziere vor allem Online. Aber das Konzept vocational awe scheint mir sehr viel von diesen Fragen besser zu erklären.

Persönlich würde ich immer dafür plädieren, wenn Diskussionen, Grundüberzeugungen, Handlungen möglichst nahe an der Realität sind; wenn sie auch immer wieder einmal abgeglichen werden. Nicht einfach Überzeugungen folgen und vor allem erst einmal handeln. Nicht, sich heldenhaft fühlen, sondern „postheroisch‟ (Metz & Seeßlen 2014). Alles andere hilft vielleicht kurzzeitig über aktuelle Zweifel, Verunsicherungen und so weiter hinweg, führt aber langfristig immer dazu, dass schlechte Strukturen weiterbestehen und zum Beispiel emotionale Belastungen gar nicht thematisiert werden können. (Aber, zugegeben, man könnte jetzt zynisch argumentieren, dass ich gerade deshalb für die Wissenschaft berufen wäre. Was ich nicht bin – das ist auch nur Lohnarbeit.) Wenn vocational awe eine Erklärung für das jetzige Handeln von Bibliotheken ist, dann hat dieses Handeln wohl auch eine Funktion, für die Kolleg*innen, die so handeln. Diese Funktion könnten wegfallen, wenn man die Grundüberzeugungen thematisiert. Wäre das gut? Aber auch: Ist es etwa gut, wie es jetzt ist? Ich weiss es nicht. Aber das ist wohl der Grund, warum ich meinen Tweet gelöscht habe. (Gleichwohl: Bibliotheken sollten wirklich überlegen, ob sie aktuell Buchpakete mit der Post durch die Gegend schicken müssen.)

Literatur

Ettarh, Fobazi (2018). ‚Vocational Awe and Librarianship. The Lies we Tell Ourselves‛. In: In the Library with the Lead Pipe, 10. Januar 2018, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2018/vocational-awe/

Metz, Markus & Seeßlen, Georg (2014). ‚Wenn Helden nicht mehr nötig sind. Heldendämmerung: Anmerkungen zur postheroischen Gesellschaft‛. In: Deutschlandfunk Kultur, https://www.deutschlandfunkkultur.de/postheroismus-wenn-helden-nicht-mehr-noetig-sind.976.de.html?dram:article_id=299526

Velasquez-Potts, Michelle (2019). ‚Imagine Otherwise: Fobazi Ettarh on the Limits of Vocational Awe‛. In: Ideas of Fire-Podcast, 23. Oktober 2019, https://ideasonfire.net/98-fobazi-ettarh/

 

Fussnote

1 Ich kenne Personen, die durch ihre Familien Angehörigen unterschiedlicher Religionen waren, und die sich in ihren Heimatgemeinden irgendwann in ihrer Jugend kritisch zu Homophobie in der jeweiligen Religion äussern durften (weil sie doch als Teil der jeweiligen Gemeinden angesehen wurden), dann irgendwann in wegzogen – und heute berichten können, dass sich in dieser Frage in ihrer jeweiligen alten Gemeinde wenig geändert hätte. So ungefähr scheint das im Bibliothekswesen auch manchmal zu funktionieren.