Wie schnell oder langsam sollen sich Bibliotheken verändern? [Vortragsskript]

Skript zu einem Vortrag auf der Herbsttagung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare Graubündens (organisiert von Lesen.GR – KJM Graubünden) am 18.09.2019, Bergün.


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Werte Damen und Herren,

gerne ich möchte heute zu Ihnen über ein Thema sprechen, von dem ich denke, dass es für die Bibliothekspraxis relevant ist, auch wenn es nicht sofort praktisch klingt: Ich möchte gerne diskutieren, wie schnell sich Bibliotheken verändern können und sollen. Dabei geht es mir nicht darum, wie Sie merken werden, Anweisungen zu geben über Veränderungen – das können andere viel besser, selbstbewusster. Stattdessen möchte ich mir mit Ihnen die Realität anschauen, die wir wirklich in Bibliotheken vorfinden und daraus Schlüsse ziehen.

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Das ist meine Agenda. Zuerst möchte ich die jetzige Situation skizzieren, auf die man trifft, wenn man über Veränderungen in Bibliotheken, vor allem Öffentlichen Bibliotheken redet. Das geht sonst oft unbeachtet im Alltag einfach unter, aber ich denke, das Problem, über das ich mit Ihnen nachdenken möchte und die Grundfrage hinter dem Thema wird schnell sichtbar, wenn wir uns einmal diese Skizze anschauen. Wir werden unterschiedliche Positionen vorfinden. Ich möchte dann schauen, ob eine dieser Positionen argumentativ so untermauert werden kann, dass sie als Richtig gelten muss, oder aber – das ist dann eher meine These, wie Sie schon in der Agenda sehen – ob wir es mit einer Struktur zu tun haben, die dem Bibliothekswesen eigen ist. Wir werden uns dabei in einer gewissen Abstraktionsebene bewegen, deshalb werde ich das Ganze anschliessend nochmal an einigen ausgewählten Beispielen besprechen. Ich denke, mit diesen wird die abstrakte Diskussion verständlicher werden. Und zuletzt möchte ich ganz kurz zusammenfassen, was Bibliotheken aus all dem mit in den Alltag nehmen können.

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Schauen wir uns die Situation an. Was passiert, wenn man in Bibliotheken versucht, über Veränderungen zu sprechen?

Sie finden dann immer Kolleginnen und Kollegen, welche mehr oder minder rabiat die Meinung vertreten, dass Bibliotheken sich praktisch gar nicht verändern würden, es aber unbedingt sehr schnell müssten. Bibliothek würden schon lange den Entwicklungen in der Gesellschaft, der Technik, der Pädagogik und so weiter hinterherhinken – und das sei ein Problem. Zudem äussern diese Kolleginnen und Kollegen oft den Eindruck, dass Veränderungen in Bibliotheken oft blockiert und hinterfragt würden, dass sie sich oft sehr alleine bei ihrem Drang nach vorne fühlen und das sie oft den Eindruck haben, dass andere Kolleginnen und Kollegen lieber alles so bleiben lassen würden, wie es ist.

Gleichzeitig – schon, weil dies auch in anderen Bereichen wie der Wirtschaft, oder hier in Bergün, wie wir gerade wieder gehört haben, dem Tourismus,1 gilt – sei es notwendig, dass sich Bibliotheken verändern, sonst würden sie nicht mehr lange bestehen. Das wird mal mit mehr, mal mit weniger Verve vorgetragen.

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Andere Kolleginnen und Kollegen hingegen haben ein anderes Gefühl: Bibliotheken, so ihre Ansicht, würden sich schon ständig verändern, viel zu schnell, viel zu unstet. Sie haben oft eher den Eindruck, dass sie gar keine Ruhe für „normale‟ Arbeit mehr hätten und stattdessen immer aufgefordert würden, noch Mehr, noch Neueres, noch Innovativeres zu tun. Es ist ihnen oft unverständlich, wieso, da vieles von dem, was Bibliotheken tun, zu funktionieren scheint. Wenn die vorher besprochenen Kolleginnen und Kollegen oft das Gefühl zu haben scheinen, dass sie in ihrer Arbeit aufgehalten werden, haben Kolleginnen und Kollegen mit dieser Position oft das Gefühl, dass ihre eigentlich Arbeit nicht wertgeschätzt wird.

Dabei können Sie sich darauf berufen, dass Bibliotheken überhaupt nicht so schnell untergehen, wie das manchmal als Szenario gezeichnet wird. Auch bisherige Veränderungen hätten Bibliotheken gut überstanden.

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Und wieder andere Kolleginnen und Kollegen befinden sich in einer Position zwischen diesen beiden, sagen wir einmal, Extremen. Einerseits verstehen sie, dass Bibliotheken sich verändern müssen, andererseits haben sie auch den Eindruck, dass das passiert. Oft scheinen Veränderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, nicht immer fassbar. Wenn sie darüber nachdenken, können sie Dinge benennen, die sich verändert haben – nicht nur kleine in ihrer eigenen Bibliothek, die auch mal renoviert wurde oder wo der Bestand umgestellt wurde, sondern auch grundsätzliche Dinge. Aber gleichzeitig erinnern sie sich schnell an Hypes, die es auch gab, wo behauptet wurde, dass diese sich bald durchsetzen würden – aber… es dann doch nicht taten. Diese Kolleginnen und Kollegen sind oft etwas unsicher in Bezug auf Veränderungen: Ja, aber wie? Und welche? Welche nicht?

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Das sind, etwas überzeichnet und zusammengefasst, die Positionen, die Sie vorfinden, wenn Sie in Öffentlichen Bibliotheken, zumindest hier in der Schweiz, über Veränderungen reden.2 Ich möchte versuchen zu klären, wer Recht hat. Das ist die erste Aufgabe in diesem Vortrag. Den, wenn wir das sagen können, dann hat das Auswirkungen auf die Bibliotheken.

Dabei, dass möchte ich kurz vorher klären, schaue ich auf die Bibliotheken als Bibliothekswissenschaftler, nicht als Bibliothekar. Das ist – für diese Frage – eine privilegierte Position. Ich muss zum Beispiel nicht im Alltag Entscheidungen treffen darüber, ob eine bestimmte Veränderung umgesetzt wird oder nicht. Ich muss mich auch nicht mit dem Gemeinderat oder so über den Etat auseinandersetzen. Dafür bin ich immer etwas ausserhalb: Ich sehe Veränderungen, Trends, Entwicklungen, Kontinuität in vielen Bibliotheken auf einmal, nicht unbedingt den praktischen Alltag, den Umgang mit den Nutzerinnen und Nutzern. (Und muss dafür andere Entscheidungen treffen, zum Beispiel Noten geben. Aus dem Entscheidtreffen kommt man wohl nicht raus.)

Gleichzeitig habe ich immer, einen etwas historischen Blick auf Bibliotheken. Das werden sie an den Beispielen vielleicht merken. Nicht so sehr auf die alten Bibliotheken im Barock oder so; aber auf die modernen Bibliotheken so ab 1880, 1890, der Industrialisierung, der Moderne. Mich interessieren die Diskussionen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Ich kann schon vorwegnehmen, dass sich unsere Frage wohl nicht mit einem einfach Ja oder Nein beantworten lässt. Aber das ist auch zu erwarten: Die meisten Fragen, wenn man etwas über sie nachdenkt, sind das nicht. Doch auf dem Weg zu unserer komplexeren Antwort werden wir hoffentlich genügend Neues lernen.

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Wie ist die Situation also jetzt? Sie sieht schon stark nach einer Struktur aus, also nach etwas, was nicht die Verantwortung, Schuld etc. einzelner Personen ist, die sich richtig oder falsch verhalten, sondern nach einer Anordnung von Positionen, die sich zu einem System ergänzen.

Zuerst: Die drei Positionen, die ich Ihnen am Anfang genannt habe, laufen im Bibliothekswesen im Alltag gut nebeneinander her, ohne sich gegenseitig aufzuheben, obwohl sie das ja eigentlich inhaltlich tun. Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Positionen können Bibliotheken, zum Teil die gleiche Bibliothek miteinander, betreiben, ohne dass damit die Arbeit dysfunktional wird. Erst dann, wenn es wirklich um Veränderungen geht – und selbst dann nicht immer – kommt es zu Friktionen. Es scheint aber, dass das Bibliothekswesen als Ganzes gut mit diesen unterschiedlichen Positionen leben kann.

Dann ist die Situation aber natürlich unbefriedigend. Kolleginnen und Kollegen sind in dieser Frage oft unsicher: Veränderung, welche Veränderung? Und teilweise, wie wir gesehen haben, fühlen sie sich auch nicht ernst genommen, ausgebremst, zumindest schlecht behandelt. Dabei, dass kann ich Ihnen versichern, wollen eigentlich alle, dass die Bibliothek gut funktioniert. Wenn sie sich nicht darum Gedanken machen würden, was gut ist für die Bibliothek, wären sie nicht so involviert, dass man immer und immer wieder so emotionale Aussagen hören würde. Dann wäre es ihnen wohl viel eher egal. Aber alle wollen etwas Positives für die Bibliothek, alle finden die Situation, wie sie sie jetzt sehen, nicht gut. Das ist unbefriedigend. Aber es ist erinnert auch an viele, viele andere Situationen in unserer heutigen Gesellschaft: Alle verlieren irgendwie ein bisschen, dann funktioniert es.

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Doch gehen wir einmal die drei genannten Positionen durch und schauen wir, ob sich eine davon bestätigen lässt. Das ist jetzt vielleicht, weil ich als Wissenschaftler arbeite und man in der Wissenschaft so vorgeht. Aber es scheint mir sinnvoll, einen solchen Test zu machen. Wenn wir finden, dass eine Position argumentativ oder empirisch gut untermauert ist und die anderen nicht – dann wäre die Frage einfach geklärt. Wir haben aber leider keine Daten, genauer nicht mal ein Modell, um überhaupt zu wissen, welche Daten wir erheben und auswerten könnten. Einfache Empirie geht also nicht. Deshalb müssen wir etwas weiter greifen und fragen, was für oder gegen die jeweilige Position spricht – aber auf der Basis dessen, was wir über die Welt und über Bibliotheken wissen.

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Also: Zur ersten Position, der, dass sich Bibliotheken schnell ändern müssen. Für diese lässt sich sagen, dass es sehr wohl viele und schnelle Veränderungen gibt, dass sich Bibliotheken heute in einem sehr, sehr anderen gesellschaftlichen, technischen, medialen Umfeld befinden, als vor zehn oder 20 oder 30 Jahren. Ich hab ihnen ein paar zusammengetragen: Ihr Smartphone, das hat sich rabiat schnell entwickelt und ist heute Teil ihres, unseres Lebens, kam aber erst vor knapp zehn Jahren wirklich auf. Der Lehrplan 213 hat innerhalb kurzer Zeit das Reden und Denken darüber, wie Schulen funktionieren, was und wie sie lehren sollen, verändert. Diese Fokussierung auf Kompetenzen, die jetzt in den Schulen umgesetzt werden soll, die Veränderung dessen, was von den Lehrpersonen erwartet wird – beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Eltern – hat sich in der Schweiz in erstaunlich wenigen Jahren schnell verschoben. Und aktuell können wir uns garantiert darauf einigen, egal wie Sie persönlich politisch bei diesem Themen stehen, dass jetzt breit ganz anders über Plastik, Wegwerfgesellschaft, Ökologie, das Fliegen geredet wird, als noch vor zehn Jahren. Oder beim Rauchen, da können Sie die Veränderung auch gut sehen, wie schnell sich diese verschoben hat. Veränderungen finden also statt, dass ist nicht zu bestreiten. Die Position, dass sich Bibliotheken schon deshalb verändern müssen, weil sich soviel anderes verändert, ist nicht so einfach von der Hand zu weisen.

Und gerade in der Wirtschaft gilt: Wer sich nicht um Innovation bemüht und sich nicht verändert, geht unter. Für andere Bereiche als die Bibliotheken finden wir das wohl auch ohne Probleme verständlich. Vor diesem Vortrag haben wir über Bergün-Filisur Tourismus gehört und wie dieser verband versucht, sich neue Felder des Tourismus zu erschliessen. Und egal, was wir jetzt von den eingeschlagenen Wegen halten: Das es für die Region notwendig ist, sich solche Gedanken zu machen, musste hier wohl niemand erklärt werden. Warum sollte das nicht auf Bibliotheken übertragen werden?

Das ist die Stärke der Position. Eine wichtige Schwäche ist allerdings, dass es nicht einfach ist zu sagen, auf welche Veränderungen genau Bibliotheken (oder andere Einrichtungen wie Tourismusverbände) reagieren sollen. Auf einige schon, aber auf andere eher nicht. Im Nachhinein ist es einfacher zu sagen, auf welche. Aber mittendrin in den Veränderungen? Schwieriger.

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Weiter zur zweiten Position, der, dass es schon zu viel Veränderungen gibt und dass es sinnvoller wäre, einfach mal als Bibliothek arbeiten zu können. Lässt sich diese Position untermauern?

Tatsächlich können wir in der Bibliotheksarbeit viel Konstanz sehen. Insbesondere kann man für Öffentliche Bibliotheken sehen, dass trotz aller Veränderungen, Umbauten, neuen Services und auch entgegen dem, was man wegen der Veränderungen in der Mediennutzung in der Gesellschaft annehmen würde, weiterhin die Nutzung von gedruckten Büchern im Mittelpunkt steht. Auch, wenn viele Menschen in die Bibliothek kommen, um sie als Treffpunkt, Aufenthaltsraum oder so zu benutzen, auch wenn Veranstaltungen in den Bibliotheken oft gut besucht sind, zielt weiter der übergrosse Teil der Bibliotheksbesuche darauf, Bücher auszuleihen. Das ist auch in den letzten Jahren gleich geblieben.

Es ist auch so, dass in vielen Bibliotheken von immer angekündigten Veränderungen so viel nicht mitzubekommen ist: Weiterhin haben Sie ja auch in ihren Bibliotheken viele Familien, welche die Bibliotheken benutzen. Weiterhin vor allem Menschen, die Lesen wollen – ob in der Bibliothek oder anderswo. Das ist immer noch der Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit. Auch die Hoffnungen darauf, was die Veränderungen in Bibliotheken, die durchgeführt werden, erreichen sollen, scheinen sich so schnell nicht zu ändern. Seit Jahrzehnten soll jedes Mal die Bibliothek zum Begegnungsort, zum Treffpunkt der Gemeinde werden; fast immer sollen Jugendliche angesprochen werden. Man kann also schnell den Eindruck bekommen, dass sich so schnell auch nichts verändert und gute Gründe für diese Position finden.

Selbst bei den Veränderungen, die man wahrnimmt, lässt sich Frage stellen, ob das nicht einfach die normale Entwicklung ist – Medienformen, die sich verändern; Mediennutzung, die sich mit verändert; andere Moden, die sich austauschen –, die in der Gesellschaft auch so stattfindet? Schaut man sich die Situation so an, dann lässt sich schon vermuten, dass es einen Kern bibliothekarischer Arbeit gibt, der sich so schnell nicht entwickelt. Insoweit kann auch diese Position gute Argumente für sich vorbringen.

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Und zur dritten Position, die in der Mitte. Auch die lässt sich begründen. Es gibt Hypes und Moden im Bibliothekswesen und gleichzeitig gibt es wirkliche Veränderungen. Ist man nur etwas länger in Bibliotheken beschäftigt, erinnert man sich an Dinge, die versucht und wieder eingestellt wurden; an Vorschläge für neue Angebote und ähnliches, denen dann nichts mehr folgte. Und gleichzeitig kann man doch Veränderungen benennen, meist mit etwas Nachdenken. Einige Veränderungen gibt es nämlich, die aber oft schnell zum Alltag werden und dann erscheinen, als wären sie praktisch schon immer Teil der Bibliothek gewesen. Aber es gab oft einen Zeit davor, beispielsweise vor den Selbstverbuchungsanlagen.

Auch diese Position lässt sich leicht bestätigen. Es gibt Veränderungen und es gibt Trends. Beides. Was soll man daraus machen? Gibt es erkennbare Gründe dafür, dass sich das Eine durchsetzt und das Andere nicht? Setzt sich durch, was sinnvoll ist? Was heisst sinnvoll?

Wir können das noch einmal an den gleich folgenden vier Beispielen durchspielen, welche die Aussagen zu den drei Positionen hoffentlich noch verständlicher machen.

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Hier das erste Beispiel: Buchstart.4 Das ist der erste Artikel, mit dem das Projekt damals dem Bibliothekswesen in der Schweiz vorgestellt wurde. Sie sehen: 2007. Das ist so lange auch nicht her. Davor gab es in Öffentlichen Bibliotheken hier in der Schweiz praktisch keine Angebote für Kinder von 0-3 Jahren. Das war keine Zielgruppe, über die nachgedacht wurde, was vielleicht auch mit der massiven Verbreitung der Ludotheken zu tun hat. Aber dann hat sich das rasend schnell etabliert. Heute ist es praktisch für jede Bibliothek normal, spezifische Angebote für diese Zielgruppe zu haben, eigene Veranstaltungen, eigene Bestände. Das wird nirgends mehr kritisiert oder diskutiert, dass ist einfach so. Ich bin 2012 in die Schweiz gekommen und damals schon wurde mir in jeder Öffentlichen Bibliothek, die ich besuchte, Buchstart als Angebot gezeigt. Das war fünf Jahre nach diesem ersten Artikel.

Aber es wird auch kaum noch bedacht, dass es eine lange Zeit gab, in der das nicht so war. Es wurde vorgeschlagen, setzte sich schnell durch. Dabei hat bestimmt geholfen, dass am Anfang Geld dahinter stand und auch, dass es von Bibliotheken schnell als sinnvoll angenommen wurde. Für die Fragestellung dieses Vortrags ist aber vor allem wichtig, wie schnell das passierte und wie schnell es praktisch vergessen ging, dass dies eine recht grosse Veränderung darstellte.

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Das zweite Beispiel ist ähnlich. Aber es gab eine Zeit in den frühen 2000er Jahren, in denen die Idee, in Bibliotheken Medienkisten zusammenzustellen und anzubieten, als neue Idee präsentiert wurde. Immer wieder wurden verschiedene Formen dieser Kisten vorgestellt, oft so, als hätte es die anderen Artikel, Vorträge und so weiter zu Medienkisten nicht gegeben. Dabei wurden immer wieder ähnliche Ideen präsentiert – entweder fertige Medienkisten oder solche, die für Schulen und ähnliche Einrichtungen im Auftrag neu zusammengestellt wurden – und manchmal ganz kleinteilige Fragen – wie viele Medien, welche Medienformen, wo kann man Kisten herbekommen und so weiter – behandelt. Und dann, nach einigen Jahren, hörte das wieder auf. Dieser Text hier von 2009 ist eigentlich schon ein sehr später Texte. Schauen Sie heute in die bibliothekarische Literatur, finden Sie solche Texte praktisch nicht mehr.

Aber wenn Sie gleichzeitig in Öffentliche Bibliotheken gehen, finden sie praktisch überall diese Kisten in der einen oder anderen Form, in grösseren Bibliotheken auch in verschiedenen Varianten: Als Kisten für Lehrpersonen und Kindergärten, für Grosseltern, als Überraschungstaschen. Sie sind als normales Angebot von Bibliotheken etabliert, so normalisiert, dass nicht mehr über sie diskutiert wird. (Obwohl es sinnvoll wäre, die Erfahrungen dazu auszutauschen, aber darum soll es hier nicht gehen.)

Wer heute anfängt in einer Bibliothek zu arbeiten, lernt das Pflegen solcher Boxen als normale Arbeit kennen, die halt gemacht wird, ohne zu merken, dass das vor 15-20 Jahren nicht normal war. Das ist ein weiteres gutes Beispiel für Veränderungen, die sich durchsetzen und bei denen dann vergessen geht, dass sich das erst so entwickeln musste, um so zu sein, wie es heute ist.

Aber das ist für die Fragestellung hier relevant: Wenn man bei einigen Angeboten schnell vergisst, dass dies sich erst entwickelt haben, dass die also als Veränderungen erst eingeführt werden mussten, dass lässt sich vielleicht erklären, warum die einen Kolleginnen und Kollegen den Eindruck haben, dass sich praktisch nichts verändert, während andere den Eindruck haben, alles würde sich ständig verändern.

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Ein anderes Beispiel, aber eines, das meiner Meinung nach etwas sehr gut erklären kann: Ich habe Ihnen hier einen Text von 2004 mitgebracht, aber der hätte auch aus den 1970ern oder 1990ern oder von heute sein können. Die Vorstellung, Bibliotheken wären „Büchertempel‟ oder würden zumindest als solche wahrgenommen, finden Sie spätestens seit den 1970ern ständig in der bibliothekarischen Literatur. In diesem Jahrzehnt änderte sich viel, auch für die Öffentlichen Bibliotheken. In der Schweiz kam es eigentlich erst dann zur Verbreitung der Bibliotheken in der Fläche, also nicht nur in den grossen Städten, sondern wie wir es heute haben in vielen, vielen Gemeinden. Aber seitdem finden sie diese Vorstellung, teilweise mit gleichbleibenden Formulierungen, immer und immer und immer wieder. Es gibt diese Vorstellung, dass die Bibliothek irgendwie veraltet sei und dass sie deshalb verjüngt werden müsse. Auch die Vorschläge dazu sind seit Jahrzehnten immer wieder ähnlich: Es müssten neue Medienformen in den Bestand, das Image der Bibliotheken müsse geändert werden, die Bibliotheken müssten Treffpunkt werden und „von den Büchern wegkommen‟.

Wie kann das stimmen, wenn sich Bibliotheken – wie wir gesehen haben – ja doch verändern? Ich denke, dass wir hier einen Hinweis darauf haben, dass dieser Eindruck sich aus der Struktur des Bibliothekswesen heraus ergibt. Nicht für alle, aber immer für einen Teil der Kolleginnen und Kollegen ergibt sich der Eindruck einer gewissen Rückständigkeit von Bibliotheken. Das ist gewiss ernst gemeint, aber eigentlich nie so richtig mit Fakten unterlegt. (Wenn es mal Umfragen dazu gibt, wie Bibliotheken wahrgenommen werden, zeigt sich, dass sie von der Bevölkerung eigentlich durchgängig positiv gesehen werden, auch von dem Teil, der keine Bibliotheken nutzt. Nicht super innovativ, aber sehr positiv. Kaum eine andere Einrichtung wird so positiv gesehen. Die Feuerwehr vielleicht noch. Aber trotzdem haben immer wieder Kolleginnen und Kollegen einen gegenteiligen Eindruck.)

Es ist auch bemerkenswert, dass die Begriffe, die in solchen Beiträgen genutzt werden, sich in gewisser Weise vererben. Es sind immer wieder neue Kolleginnen und Kollegen, die solche Beiträge verfassen, aber immer wieder mit ähnlichen Worten und Argumentationen.

Das ist für mich ein starker Hinweis darauf, dass diese Position – und damit wohl auch die anderen beiden Positionen in Bezug auf Veränderungen in Bibliotheken – strukturell zu erklären ist, dass sie also aus der Arbeit in Bibliotheken immer wieder neu entsteht und auch immer wieder entstehen wird, egal was sich ändert. Vielleicht, so meine Interpretation, muss es immer wieder Kolleginnen und Kollegen geben, die diese Position vertreten und andere, welche andere Positionen vertreten. Vielleicht geht es weniger um die konkreten Veränderungen und viel mehr darum, dass Bibliotheken so funktionieren, dass die einen, die Bibliotheken arbeiten, sich zurückgehalten, die anderen sich getrieben fühlen und wieder andere sich dazwischen wiederfinden.

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Noch ein Beispiel, dass alles komplizierter macht. Es gab so zwischen 2005 und 2010 ein Thema, welches in der bibliothekarischen Literatur immer wieder auftauchte, die „Wertmessung von Bibliotheken‟. Die Idee war, das Bibliotheken sich gegenüber den Geldgebern profilieren müssten und könnten, indem sie bestimmten, welchen Wert ihre Leistungen haben. Es sollte also nachgewiesen werden, wie viel die Investition in Bibliotheken den Gemeinden, Institutionen, der Bevölkerung einbringen würde. So und so viele Franken Investition bringt so und so viele Franken sozialen Gewinn. (Oder, für wissenschaftliche Bibliotheken, Gewinn an Forschung.) Das wurde mit recht viel Verve vorgetragen und als zukünftige Form von Marketing und Fundraising beschrieben.

Es wurden verschiedene Methoden ausprobiert. Diese ergaben dann auch immer wieder Werte, welche zeigen sollten, dass die Bibliotheken der Gesellschaft, den Gemeinden und Menschen mehr einbrachten, als sie kosteten. Mindestens eine Promotion wurde zum Thema geschrieben, einige Abschlussarbeiten, eine ganze Reihe von Studien und Projekten wurde durchgeführt. Auch an meiner Hochschule, deshalb habe ich Ihnen gerade diesen Text mitgebracht.

Aber wenn sie heute schauen, dann ist davon praktisch nichts mehr übrig. Dieser Ansatz wurde nie widerlegt oder offiziell beendet, aber er kommt auch praktisch nirgends mehr vor: Nicht in der Literatur, nicht in den Handbüchern, nicht in der Praxis. Es wird Gründe dafür geben. Für meinen Vortrag ist aber wichtig, dass es ein gutes Beispiel für einen dieser Hypes abgibt, auf den Kolleginnen und Kollegen immer wieder einmal verweisen, wenn es um Veränderungen in Bibliotheken geht. Es gibt sie wirklich. Sie kommen auf, entwickeln eine kurze Zeit einen gewissen Verve, werden oft mit grösseren Versprechen – das sie die Bibliotheken verändern würden, das sie Bibliotheken retten, ihren Etat, ihren Bestand sichern würden – verbunden und verschwinden dann ohne grosse Nachwirkung. Auch das gibt es.

Aber warum war gerade dieses Thema ein Hype, während andere sich durchsetzten und schnell vergessen, dass sie auch eine Veränderung im Bibliothekswesen waren? Kann man das vorher sagen? Es ist nicht so einfach. Ich habe es mehrfach versucht, bin aber auch immer wieder daran gescheitert. Dinge setzen sich durch oder auch nicht – und nicht immer ist verständlich, wieso. Das wiederholt sich. Ich habe nur ein paar Beispiele ausgesucht, um das zu zeigen, aber es gibt viele mehr. Es scheint wirklich eher eine Struktur zu sein, die hier wirkt.

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Also: Lässt sich eine der drei Positionen bestätigen? Können wir sagen, welche Position die Richtige ist?

Ja und Nein. Für alle drei Positionen lassen sich starke Argumente anführen. Beispiele aus der bibliothekarischen Realität verkomplizieren das alles noch. Aber wir können keine der Positionen verwerfen und auch keine als die Wahrscheinlichste bezeichnen. Vielleicht die dritte, aber das kann auch daran liegen, dass solche „Konsenspositionen‟ in der Mitte eigentlich immer irgendwie akzeptabel sind, aber dann auch noch nicht viel erklären.

Wir können also nicht sagen, welche Kolleginnen und Kollegen Recht haben und welche nicht. Eher scheint es so, als können man beides zu allen Positionen sagen, was ein Hinweis darauf sein kann, dass die Frage, wie schnell oder langsam sich Bibliotheken verändern sollen, vielleicht in der Praxis nicht so wichtig für das Funktionieren des Bibliothekswesen selber ist.

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Noch zwei wichtige Anmerkungen zu dieser Frage. Zuerst finden wir diese Situation nicht nur in Bibliotheken vor, sondern auch in anderen, ähnlichen Institutionen. Gerade im Schulwesen scheint das offensichtlich zu sein. Auch hier geht es immer wieder um Veränderung oder Konstanz, auch hier gibt es immer wieder die drei Positionen, die ich für Bibliotheken gezeigt habe.

Aktuell gibt es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die sich darum bemühen – in ihren eigenen Worten –, dass die Schulen im digitalen Zeitalter ankommen. Wenn Sie sich deren Kommunikationsplattformen anschauen – beispielsweise die Social Media Accounts von Beteiligten – finden Sie da immer wieder die Position, dass es schwierig sei, weil sie aufgehalten würden, weil sich andere Lehrpersonen gegen diese Veränderungen stellen und die Mitarbeit verweigern würden, weil Lehrpersonen und Direktionen nicht sehen würden, wie drängend das Thema sei. Und gleichzeitig finden sie auf Social Media Accounts anderer Lehrpersonen (oder in Diskussionen in der schulpraktischen Literatur) die Position, dass die Veränderung auch einmal aufhören müsse, damit man wieder zu normaler schulischer Arbeit übergehen können. Insbesondere lesen Sie da von steigender Arbeitsbelastung durch Veränderungen. Und dann finden sie viele, viele Positionen dazwischen, die keine klare Position zu haben scheinen, sondern die Notwendigkeit von Veränderung bejahen, aber gleichzeitig nicht wissen, wie viel von dieser Veränderung notwendig ist.

Das führt zu Friktionen und wohl auch zu Überlastung. Wir wissen das alle, dass der Lehrberuf von einer extrem hohen Burn-Out-Rate gekennzeichnet ist. Einer der Gründe dafür können die Friktionen sein, die wegen solchen Veränderungen auftreten, auch wenn das nicht der einzige Grund sein wird.

Im Schulwesen scheint sich also ebenso nicht einfach klären zu lassen, welche Position die richtige ist, sondern es lassen wohl für und gegen alle drei gute Argumente finden.

Wenn das aber im Bibliothekswesen und den Schulen (und noch anderen Einrichtungen wie Museen) ähnlich ist, ist das ein Hinweise auf eine Struktur, nicht auf Fehler einzelner Personen oder Missverständnisse, die einfach abgestellt werden könnten.

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Ein anderer wichtiger Hinweise auf eine Struktur ist, dass sich diese Situation immer und immer und immer wieder im Bibliothekswesen zu finden scheint. Das ist offenbar keine gerade heute erst entstandene Situation, sondern eine, die immer wieder einmal in der Literatur aufscheint: Klagen, dass die Veränderungen zu langsam oder viel zu schnell, unüberlegt durchgeführt würden, finden sich immer wieder. Sicherlich: Immer etwas versteckt, weil im Allgemeinen bei Artikeln etwas überlegter formuliert wird, als in der mündlichen Rede. Aber doch auffällig durchgängig. Es gibt Zeiten, in denen das offensichtlicher ist – am Anfang des modernen Bibliothekswesens, während des „Richtungsstreits‟ in den 1920er Jahren oder Ende der 1960/Anfang der 1970er, als es ja tatsächlich zu massiven Veränderungen kam. Aber es scheint nicht aufzuhören.

Das heisst, die Kolleginnen und Kollegen ändern sich – weil neue hinzukommen, andere in Rente gehen – und auch die Themen ändern sich immer wieder einmal. Aber die Struktur, die Struktur, die Argumente und Klagen, die ändern sich kaum, sondern wiederholen sich.

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Was machen wir daraus? Ich denke, es sollte klar geworden sein, dass ich der Überzeugung bin, dass es sich beim Thema, wie schnell oder langsam Bibliotheken sich verändern sollten, um eine Struktur handelt, nicht um Fehler oder falsche Meinungen einzelner Kolleginnen und Kollegen. Auch wenn das manchmal so scheinen kann, auch wenn einige Kolleginnen und Kollegen von Auseinandersetzung und Entscheidungen um Veränderungen stark beeinflusst werden und sich von anderen gedrängt, gestresst oder in der eigenen Arbeit aufgehalten sehen, auch wenn einige das Gefühl haben, dass etwas ganz schief läuft.

Das es schon lange und auch in anderen Einrichtungen solche Friktionen gibt, das sich die Positionen und auch das Schicksal von Veränderungen – das einige sich durchsetzen, aber schnell ihr Status als Veränderung vergessen geht, andere aber schnell wieder verschwinden – wiederholen, scheint mir darauf hinzudeuten, dass sich dies offenbar aus der Struktur der Einrichtungen ergibt. Offenbar entsteht immer wieder für einige Kolleginnen und Kollegen die Vorstellung, dass es viel zu langsam geht, obwohl die Situation drängend ist, für andere die Vorstellung, dass es viel zu viele Veränderungen in viel zu kurzer Zeit gäbe und für wieder andere, dass es nicht so klar ist. Und offenbar gibt es immer wieder für alle Positionen gute Gründe.

Wenn das so ist, dann hängt es aber auch nicht an einzelnen Personen. Es würde aber erklären, warum eigentlich alle etwas Positives für Bibliotheken wollen, aber bei unterschiedlichen Positionen landen.

Folie 19

Ich finde das einen Erkenntnisfortschritt. Wenn man klären kann, dass eine Situation eine Struktur ist und diese Struktur benennen kann, dann kann man auch gemeinsam daran gehen, diese Struktur zu verändern. Ich habe mich hier nicht daran gemacht, zu klären, wie genau diese Struktur aussieht und warum sie so wirkt, wie sie wirkt. Wichtig scheint mir erst einmal in einem ersten Schritt zu klären, dass sie überhaupt existiert.

Aber wenn man sich daran machen will, sie zu ändern, müsste man fragen, was den das Ergebnis dieser Struktur ist: Wieso wird sie immer wieder reproduziert? Wie hält sie die Institut Bibliothek aufrecht? Wer gewinnt durch sie was? (Selbstverständlich nicht als Verschwörungstheorie, dass sich hier irgendwer etwas aneignen würde, sondern als sozialer Gewinn. Vielleicht können sich durch diese Struktur Kolleginnen und Kollegen eine Professionalität erarbeiten, die sie sonst nicht hätten?)

Folie 20

Wenn wir einmal akzeptieren, dass es sich um eine Struktur handelt, dann können wir schon jetzt aus diesem Fakt einiges für Bibliotheken herausziehen.

Was mir, wie Sie hoffentlich gemerkt haben, immer wichtig ist: Wenn es einen Struktur ist, dann kann man nicht einzelne Personen alleine verantwortlich machen. Dann ist es nicht so, dass einzelne Kolleginnen und Kollegen einfach falsche Vorstellungen haben, die sie verändern müssten. Vielmehr ist es mit diesem Verständnis viel einfacher möglich, allen zuzugestehen, dass etwas Positives für die Bibliotheken – zumindest die eigene – wollen. Die inhaltlichen Unterschiede müssen nicht zu persönlichen Friktionen werden.

Gleichzeitig können wir sagen, dass es in Bibliotheken immer Veränderungen und Konstanz zugleich gibt und das es nicht sinnvoll ist, dies gegeneinander auszuspielen.

Und was wir verändern sollten, habe ich Ihnen auf der rechten Seite dieser Folie zusammengefasst. Wichtig scheint mir, dass wir bei allen vorgeschlagenen oder wahrgenommenen Veränderungen die Rhetorik zurückfahren. Weder treten die grossen Versprechen ein noch die grossen Befürchtungen, mit denen um Veränderungen gestritten wird. Nach Jahrzehnten ständiger Veränderung im Bibliothekswesen können wir sehen, dass das reine Rhetorik ist und niemand wirklich überzeugt. Das macht dann Veränderung auch viel gestaltbarer. Hat man den Eindruck, dass eine Veränderung unbedingt sein muss oder aber das es eine Bedrohung ist, die man abweisen müsse, dann ist es schwieriger angemessen zu reagieren, als wenn man auf der Basis des best-möglichen Wissens über die Veränderung (für das man einige Zeit braucht, um es zu sammeln) und die eigene Reaktion als Bibliothek oder als Bibliothekarin, Bibliothekar entscheidet.

Folie 21

Wir sollten Veränderung als normalen Teil der bibliothekarischen Arbeit ansehen. Das ist weder gefährlich noch besonders aufregend, insbesondere wenn man sich vor Augen führt – wie bei unseren Beispielen – dass sich die erfolgreichen Veränderungen schnell so sehr in den bibliothekarischen Alltag integrieren, das schnell die Zeit „davor‟ vergessen geht.

Folie 22

Ich würde also für ein kontinuierliches, dafür aber auch ruhigeres Vorgehen plädieren. Dystopien oder grosse Versprechungen bringen Bibliotheken dabei nicht viel weiter.

Was ich auch betonen möchte ist, dass es sinnvoll wäre, wenn wir – also das gesamte Bibliothekswesen – uns öfter darüber unterhalten würden, was sich eigentlich wirklich verändert hat und mit welcher Wirkung. Wie gesagt denke ich, dass sich die drei Positionen, die ich am Anfang genannt habe, immer wieder ergeben werden, solange die Struktur, aus der sie sich ergeben, nicht verändern. Irgendwer wird immer das Gefühl haben, Bibliotheken hätten ein veraltetes Image (gegen alle Umfrageergebnisse, die etwas anderes zeigen); irgendwer wird sich immer gedrängt fühlen, Dinge zu verändern, die nicht geändert werden müssten. Aber gleichzeitig denke ich, wenn mehr bedacht würde, wie viele Veränderungen eigentlich stattfinden und was mit ihnen passiert oder nicht passiert ist, wird diesen Eindrücken die Dringlichkeit genommen. So schlecht stehen Bibliotheken in Bezug auf Veränderungen nämlich gar nicht dar.

Folie 23

Auf dieser letzten Folie habe ich Ihnen noch einmal die Take-Aways zusammengefasst, die ich am Wichtigsten finde.

Am Ende hätte ich auf die Frage des Vortrags eine Antwort, die vielleicht etwas enttäuscht, aber dafür hoffentlich verständlicher ist: Wie schnell oder langsam sollen sich Bibliotheken verändern? Das scheint mir nicht so wichtig zu sein. Wir haben gesehen, dass sie sich schon verändern und das offenbar so, dass sie recht erfolgreich bleiben. Immer noch kommen viele Menschen in die Bibliothek, immer noch ist das Lesen wichtig, immer aber auch andere Funktionen. Wenn der Rückblick eines lehrt, dann, dass Bibliotheken eigentlich ganz gut darin sind, Veränderungen so schnell oder langsam aufzunehmen, wie es nötig ist. Das scheint mir wirklich nicht das Problem zu sein. Wenn etwas ein Problem ist, dann die Friktionen, die zwischen Bibliotheken und Kolleginnen, Kollegen wegen Veränderungen aufkommen. Aber die bedrohen offenbar nicht die Bibliotheken selber, sondern gehören offenbar zur Institution selber.

 

Fussnoten

1 Es gab zuvor einen Vortrag über den Tourismus in der Region Bergün-Filisur.

2 Für den Blog zu ergänzen ist, dass sie sich wohl im DACH-Raum nicht so sehr unterscheiden, auch wenn es einige Gebiete gibt, in der „Veränderung‟ in den letzten Jahren oft mit Ressourcen- und Etatstreichung verbunden war, was sich teilweise ändert. In der Schweiz gab es diese Erfahrungen in der breiten Fläche nicht, wenn auch einige Kantone über „Finanznot‟ reden und einige ressourcenarme Gemeinden – unter anderem in Graubünden – besondere Herausforderungen zu meistern haben. Aber grundsätzlich heisst in schweizerischen Bibliotheken Veränderung tatsächlich Veränderung, nicht Mittelstreichung.

3 Anmerkung fürs Blog: Im Lehrplan 21 wurden – gegen politische Widerstände – für 21 deutschsprachige Kantone und das Fürstentum Liechtenstein ein Rahmen für den Unterricht in den Schulen geschaffen, der unter anderem auf Kompetenzorientierung fokussiert. Er wird in den Kantonen und dem Fürstentum aktuell umgesetzt (und bestimmt immer etwas anders interpretiert, aber so funktionieren Lehrpläne und so funktioniert der Förderalismus) und hat Positionen aufgegriffen, die zum Beispiel in Deutschland einige Jahre früher von Kultusministerien und Erziehungswissenschaft vertreten wurde. Veränderungen sind halt immer auch landesspezifisch, aber darum ging es hier im Vortrag nicht.

4 Anmerkung fürs Blog: Es geht hier um das schweizerische Projekt Buchstart, getragen vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien. In anderen Ländern gab / gibt es ähnliche Projekte mit diesem Namen, die aber auch auf andere Strukturen reagierten.

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Vortrag „Grenzen der Partizipation.‟ [Würzburg, 19.08.2019]

Skript zum Vortrag „Grenzen der Partizipation. Was können Bibliotheken für ihre partizipativen Projekte aus den Erfahrungen mit Partizipation in Ethnologie, Stadtplanung und Kunst lernen? Können sie schon bekannte Herausforderungen solcher Projekte angehen?‟ gehalten beim Workshop „Partizipation: Impulse für Öffentliche Bibliotheken‟ der „hochdrei Stadtbibliotheken verändern‟-Werkstatt der Kulturstiftung des Bundes, 19.08.2019, in Würzburg. (Der Text entspricht nicht genau dem, was Gesagt wurde. In ihn wurde die folgende Diskussion miteinbezogen und bestimmte Dinge wurden, hoffentlich, hier klarer dargestellt als in der freien Rede.)

Chur, 02.09.2019

Allegra,

ich bin eingeladen worden, um eine kritische Position zum Thema „Partizipation und Bibliotheken‟ zu bieten. Was ich hier tun will. Grund der Einladung war, dass ich schon einen ähnlichen Vortrag auf dem Bibliothekstag in Leipzig gehalten habe. Wir hatten das Thema aber auch schon als Seminarthema bei uns im Unterricht an der HTW Chur. Dabei haben die Studierenden und wir uns schon die Zähne ausgebissen am Konzept „Partizipation‟; die Studierenden dann aber auch daran, ihre partizipativen Projekte in Bibliotheken umzusetzen – und zwar nicht so sehr, dass kann ich Ihnen schon einmal sagen, weil die Bibliotheken nicht gewollt hätten oder weil den Studierenden nichts eingefallen wäre, sondern vor allem, weil die Nutzerinnen und Nutzer oft kein Interesse hatten, mitzumachen.

Okay, hier meine Agenda. Ich möchte sehr kurz am Anfang etwas zum Begriff „Partizipation‟ selber sagen. Sie werden da schon merken, dass es gerade nicht einfach ist. Der wichtigere Punkt sind aber die Beispiele aus anderen Felder. Es gibt zwei Sachen, die ich ihnen wirklich vermitteln will – und eine davon ist das, dass es schon viele, viele Erfahrungen in vielen anderen Feldern gibt. Deswegen ist das auch der längste und wichtigste Teil des Vortrags. Den Abschluss bieten dann Take-Aways für Bibliotheken und, vielleicht auch als Diskussionsgrundlage, Lernmöglichkeiten. Aber das ganz am Schluss.

Zum Begriff: Partizipation ist ein Containerbegriff. Das heisst, er umfasst viel und nicht alles ist passend. Solche Begriffe haben Vorteile, weil sie zum Beispiel Kommunikation überhaupt ersteinmal ermöglichen. So können Menschen den gleichen Begriff nennen, damit etwas anderes meinen – aber da sie den gleichen Begriff verwenden, zumeist eine Weile miteinander drüber kommunizieren. So lässt sich auch manchmal weiterdenken, neue Inhalte besser einführen, Strukturen erkennen und benennen und so weiter. Aber gleichzeitig, dass sollte klar sein, sind solche Containerbegriffe auch schwierig: Wenn sie vieles heissen können, worüber redet man dann gerade? Es ist auch oft nötig, die Begriffe genauer zu klären.

Solche Containerbegriffe sind für das Bibliothekswesen auch nicht ungewöhnlich. Vielmehr wird oft mit ihnen hantiert. Vor zehn-fünfzehn Jahren war das „Bildung‟, aktuell gibt es auch andere. Das ist per se nichts für das Thema Partizipation besonderes.

Was kann Partizipation also alles umfassen? Erstens werden alle Aktivitäten, bei denen Entscheidungsprozesse für (potentiell) Beteiligte geöffnet werden, als partizipativ beschrieben. Diese Beteiligung, dass werden wir noch sehen, kann sehr unterschiedlich sein. Aber das ist nur der eine Bereich: Beteiligung. Zweitens wird in vielen Bereichen unter partizipativ heute auch schon verstanden, wenn Menschen miteinander kommunizieren. Man schafft Räume, Orte, Situationen, wo Menschen miteinander reden können sollen. Das sind zwei unterschiedliche Sachen, aber beides wird unter dem gleichen Containerbegriff zusammengefasst.

Sie können selbstverständliche immer eine genauere Definition vornehmen, wenn Sie über Partizipation nachdenken wollen. Aber das führt wenig weit, wenn Sie darüber nachdenken, was im Bibliotheksbereich unter dem Begriff diskutiert wird: Da ist es nämlich alles auf einmal.

Wir haben heute auch eine starke Verbindung von Demokratie und Partizipation. Spätestens seit den späten 1960ern wird vermutet, dass eine stärkere Partizipation zu mehr Demokratie führen würde. Manchmal ist das besser begründet, manchmal wird der Zusammenhang eher behauptet. Aber diese Verbindung ist wohl auch ein Grund dafür, dass Partizipation heute sehr, sehr positiv besetzt ist. Nicht nur im Bibliotheksbereich: Alle – okay fast alle, wir wissen, es gibt aktuell in Deutschland und auch schon länger in der Schweiz oder Österreich politische Strömungen, die dagegen sind, aber hier im Raum zumindest und in unseren Kreise und dem grössten Teil unserer Gesellschaften – sind erstmal für Partizipation. Dafür gibt es Pluspunkte und Fördergelder. Der Workshop hier ist ja nur ein Beispiel dafür. Das es sich um einen sehr weiten Containerbegriff handelt, hilft gewiss dabei.

Ich hatte das schon gesagt, wiederhole es aber nochmal gerne: Bibliotheken (in Deutschland) sind mit ihrem aktuellen Interesse an Partizipation eigentlich sehr spät dran. Ganz auf der ersten Folie haben Sie ein Buch aus den 1980er Jahren, dass sich schon intensiv mit dem Thema befasst, nur halt für Kanada. Es geht da um den spezifischen Fall Toronto und wie Menschen in die Bibliotheksentwicklung eingegriffen haben – erfolgreich, so dass es heute noch 100 Bibliotheken in Toronto gibt, die fast alle eher lokal orientiert sind. Aber das Buch bespricht eigentlich auch alle anderen interessanten Fragen, die sich in diesem Feld stellen. Nehmen Sie das ruhig als Lesetipp.

Eine interessante Frage wäre, warum Bibliotheken in Deutschland gerade jetzt auf dieses Thema kommen. Gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die Bibliotheken dazu drängen? Entwicklungen in Bibliotheken? Aber darum soll es mir hier nicht gehen.

Ich möchte in diesem Vortrag auf etwas anderes heraus: Dadurch, dass Bibliotheken spät zu diesem Thema kommen, gibt es schon viele Erfahrungen und auch theoretischen Arbeiten zu Partizipation, auf die wir zurückgreifen können. Spät heisst nicht, dass es falsch ist; aber es heisst, dass wir wirklich nicht nochmal das Gleiche durchdenken und erleben müssen, was schon in anderen Felder passierte. Wir können auf dieses Wissen aufbauen. Das möchte ich in diesem Vortrag machen.

Ich möchte dazu in drei Felder schauen, die Sie hier sehen: Stadtplanung, Ethnologie und Kunst – wobei Ethnologie eigentlich zwei Themen sind.

Ein Feld, dass ich gerade nicht besprechen möchte, obwohl es sich praktisch immer und immer wieder selber aufdrängt, ist das Design. Das hat einen guten Grund: Sie haben seit Jahrzehnten im Design Versuche, partizipativ oder sozial zu designen – die Veröffentlichungen dazu sind unzählbar. Ich habe Ihnen hier zwei herausgesucht, aber eher zufällig. Das rechte ist dann auch gleich noch zu einer Ausstellung im Museum für Gestaltung, Zürich, erschienen – selbstverständlich sehr schön layoutet, wie man das bei so einem Museum erwarten kann. Aber es wiederholt sich: Immer wieder werden in solchen Ausstellungen und Publikationen zum Beispiel solche Kioske vorgestellt, wie auf dem Cover dieses Buches, wo halt Leute sich treffen sollen. Oder andere Orte, wo sich Leute direkt treffen können. Das gilt dann als social design oder als partizipativ. Was Sie im Design aber gerade nicht haben, ist eine Theoretisierung. Es geht ums Bauen und Gestalten, aber wenig ums Nachdenken über die tatsächliche Wirkung dieser Bauten und Designs, weniger ums Strukturen erkennen und Lernen aus vergangenen Versuchen. Sie haben oft sehr einfache Behauptungen darüber, was partizipativ oder sozial sein – und dann immer wieder ähnliche Vorschläge. Und vor allem haben Sie immer und immer wieder neue Anfänge: Es gibt zwar manchmal Reminiszenzen an ältere Versuche, aber dann wird immer wieder so getan, als wäre das, was gemacht wird, ganz neu und ganz anders und vorher nie gedacht – obwohl es sich immer wieder gleicht. Vielleicht ist das ein notwendige Haltung, wenn man designt oder baut, aber für Bibliotheken kann man daraus meiner Meinung nach wenig Konkretes lernen.

In den drei Feldern, die ich gewählt habe (die auch nicht alle möglichen sind), können wir meiner Meinung nach viel, viel mehr Lernen; auch wenn es nicht immer so schön designt aussieht.

Okay, Stadtplanung. In der Stadtplanung haben Sie seit den späten 1960ern / frühen 1970ern intensive Versuche, die Bevölkerung bei Planungen einzubeziehen, zu einigen Zeiten konkreter als zu anderen. Von diesen Versuchen ging mit der Zeit sehr viel wieder vergessen, aber gerade in den ersten Jahren – die ja in der gesamten Gesellschaft, zumindest in West-Deutschland, Schweiz und Österreich mit massiven Veränderungen verbunden waren – finden Sie unzählige praktische Versuche, Überlegungen, Reflexionen, Auseinandersetzungen. Und zwar durch die ganze Gesellschaft, nicht nur in marxistischen und anarchistischen und ähnlichen Gruppen, sondern bis tief in die etablierten Parteien und die Verwaltungen hinein.

Wenn Sie dieses Buch hier auf der Folien nehmen: Das ist ein Brocken, A4, fast 500 Seiten, kleine Schrift, immer in zwei Spalten gesetzt. Und was in dem Buch gemacht wird, ist, Texte, die sich mit Partizipation in der Stadtplanung auseinandersetzen, darzustellen. Immer kurz verschlagwortet, dann beschrieben, vielleicht 6-8 Texte pro Seite. Eine Fachbibliographie würden wir hier dazu sagen. Das sind selbstverständlich ganz unterschiedliche Texte: Berichte, Planungen, Überlegungen, Broschüren, wissenschaftliche Abhandlungen. Was aber klar wird, ist, dass das Thema damals massiv verbreitet war und Wissen angesammelt wurde, auf das wir zurückgreifen können.

Begründet wurden diese Versuche mit den wahrgenommen gesellschaftlichen Veränderungen: Bislang hätten die Verwaltungen in Deutschland, durch die unterschiedlichen politischen Systeme hindurch, wie in einem Obrigkeitsstaat gehandelt und gedacht. Aber jetzt würden immer mehr Menschen ihre Stimme erheben, dadurch würde die Gesellschaft komplexer. Zudem würde die Verwaltung sich immer mehr als direkt von der Bevölkerung und nicht dem Staat beauftragt sehen. Daraus würde sich zum Beispiel ergeben, dass auch die Personen einbezogen werden müssten, die sich sonst wenig hörbar machen würden. Möglich sei das alles nur durch Beteiligung der Bevölkerung.

Die Begründung für die ganzen Versuche ergab sich also aus den gesellschaftlichen Veränderungen. Das ist nicht erstaunlich, wenn Sie an die damalige Zeit denken. Die interessantere Frage ist vielleicht, wie ich schon gesagt habe, warum sich gerade jetzt Bibliotheken in Deutschland für dieses Thema (wieder) zu interessieren scheinen. Gibt es aktuell gesellschaftliche Veränderungen, die das antreiben? Warum gerade jetzt? Das könnten wir diskutieren.

Für diesen Vortrag wichtig scheinen mir die Erkenntnisse aus diesen Versuchen, weil wir aus diesen viel lernen können.

Der erste Punkt, der sich immer und immer wieder zeigte, war, dass das Interesse von Bevölkerungsgruppen, sich zu beteiligen, sozial sehr unterschiedlich verteilt ist. Auch die tatsächlichen Möglichkeiten, Interessen zu formulieren und durchzusetzen, sind sozial unterschiedlich verteilt. Hier in dem Buch auf der Folie wurde das recht marxistisch analysiert – da ist das ganz logisch: Die ökonomisch bestimmenden Schichten setzen ihre Interessen auch gesamtgesellschaftlich durch, egal wie die Gesellschaft strukturiert ist, solange da nicht explizit gegen agiert wird. Aber zu dem gleichen Ergebnis kamen auch Untersuchen und Versuche aus ganz anderen Denktraditionen. Im selben Buch wird zum Beispiel diskutiert, wie man diese Ungleichheit angehen kann und auf die Praxis in den USA verwiesen, Firmen bei Entscheidungen in der Stadtplanung einzubeziehen, welche in diesen als „Agenten‟ die Interessen sozial benachteiligter Schichten zu vertreten hatten. Im Buch wird das als Lösung eher abgelehnt, aber es hat nicht so schlecht funktioniert, wie man erwarten könnte, weil die Firmen das nicht rein zynisch betrieben haben.

Wichtig finde ich aber vor allem diesen Punkt: Es reicht nicht aus, eine Veranstaltung, ein Projekt und so weiter einfach als „für alle gleich offen‟ zu deklarieren oder sich vorzustellen, dass alle gleichberechtigt miteinander interagieren würden, wenn man nur den Raum dafür schafft. So werden soziale Strukturen nur reproduziert und verstärkt.

Der zweite Punkt ist ebenso relevant: Auch wenn man oft die Vorstellung hatte, dass man Entscheidungsprozesse so partizipativ gestalten könnte, dass in ihnen ein Konsens entstehen könnte – wenn also nur alle wirklich miteinander reden würden, würde man auf ein gemeinsam geteiltes Ergebnis kommen – hat sich das nicht bewahrheitet. Partizipation ist immer konfliktträchtig, die Interessen sind fast immer unterschiedlich verteilt und nicht immer gibt es Lösungen, die alle Interessen tragen. Wieder von Vorteil ist man da mit marxistischem Denken, da geht man eh davon aus, dass es einen unhintergehbaren Antagonismus zwischen den Klassen gibt und – klar, dann zeigt der sich auch bei der Partizipation. Aber die Konflikte zeigen sich auch, wenn man mit anderen Denktraditionen herangeht. Allerdings, so zumindest der Tenor der Zeit: Das ist für Demokratien normal und wünschenswert. Eine Demokratie ist kein Obrigkeitsstaat oder Ständestaat oder so, in welchem alle Menschen ihre gesellschaftliche Position haben, die sich nie verändern dürfe. Vielmehr ist eine Demokratie immer durch unterschiedliche Interessen gekennzeichnet, die ausgehalten, sichtbar gemacht und ausgehandelt werden müssen. Deshalb ist sie auch nie fertig.

Die Hoffnung also, das, wenn nur alle „an einem Strang ziehen‟ oder „auf Augenhöhe miteinander reden würden‟, ist Illusion, sogar gefährlich, wenn Sie Unterschiede einebnet oder wenn man beginnt, Leuten, die weiterhin Konflikte thematisieren, das vorzuwerfen – weil sie sich nicht in das Bild der schönen konsensualen Lösung einfügen.

Und wichtig war ein weiterer Punkt: Mit Partizipation verändern sich auch Verwaltungen. Das lässt sich auf andere Institutionen übertragen: Dadurch, dass in den Entscheidungsprozessen durch Partizipation unterschiedliche Interessen sichtbar und Aushandlungsprozesse nötig werden, müssen auch Institutionen anders denken und handeln. Partizipation ist nicht folgenlos, wenn sie tatsächlich ernstgemeint ermöglicht wird.

In diesen Jahren hat man in der Praxis der Stadtplanung Erfahrungen gesammelt, die meiner Meinung nach auch ohne theoretische Reflexion für Bibliotheken relevant sind.

Eine bestimmt ärgerliche Erkenntnis ist, dass Methoden Ergebnisse produzieren, die deshalb aber nicht unbedingt richtig sein müssen. Also: Sie können zum Beispiel eine Zukunftswerkstatt durchführen oder eine Umfrage – und wenn nicht irgendetwas gänzlich Gegenteiliges passiert, haben Sie am Ende immer Umfrageergebnisse oder gebaute Modelle oder gezeichnete Pläne für Orte. Nur, wenn jemand ganz die Werkstatt aufhält, weil er oder sie etwas ganz anderes macht, als vorgesehen oder wenn wirklich niemand auf eine Umfrage antwortet, haben Sie kein Ergebnis. Aber das passiert selten. Eher gegen Leute aus der Werkstatt oder kommen erst gar nicht, eher antworten Menschen weniger ehrlich bei Umfrage, als das sie diese stören. Aber die Ergebnisse sind dann nicht unbedingt, wie man sich das erhofft: repräsentativ oder „wahr‟ oder so. Sie sind da, weil die Methoden so strukturiert sind, dass Ergebnisse herauskommen. Und selbstverständlich benötigen Sie Methoden, um neues Wissen hervorzubringen, auf dessen Basis Sie dann Entscheidungen treffen können. Aber, das können Sie aus der Erfahrung der Stadtplanung lernen, Sie müssen immer nochmal fragen, wie sinnvoll diese Ergebnisse sind. (Und das gilt für heute, wo in Bibliotheken immer wieder ähnliche Methoden genutzt werden, besonders.)

Gleichzeitig wurde klar, das bestimmte Methoden immer wieder die gleichen Personen oder Personenkreise ansprechen und integrieren, wohl auch weil sie die Lebenserfahrungen dieser Kreise ansprechen – und die anderer Gruppen nicht. Methoden sind nicht gleich offen. Daraus können wir schon lernen, dass die Frage, welche Methoden bei partizipativen Prozessen genutzt werden und welche nicht, relevant ist.

Auch etwas enttäuschend, zumindest für die, die sich das erhofft hatten, war die Erkenntnis, dass, nur weil etwas partizipativ erarbeitet wird, es nicht heisst, dass diese Entscheidungen mehr akzeptiert würden. Auch solche Projekte, Umbauten und so weiter können wieder von Teilen der Bevölkerung abgelehnt, ignoriert werden; es kann wieder zu Protesten gegen sie kommen. Partizipation führt nicht per se zu besseren Lösungen, sondern vor allem dazu, dass die getroffenen Entscheidungen von einer grösseren Anzahl von Menschen getroffen werden. Falsch können sie trotzdem sein.

Wichtig auch, dass sich in der Bevölkerung Erfahrungen mit Partizipation ansammeln. Menschen machen solche Prozesse mit oder kriegen zumindest von ihnen mit und lernen daraus. Und immer, wenn ein neuer partizipativer Prozess stattfindet, bringen Sie diese Erfahrungen mit – solche über Methoden, über positive oder negative Erfahrungen. Da kommt man nicht heraus, damit muss man umgehen.

Wenn Sie sich mit Stadtplanung und Partizipation beschäftigen, kommen Sie immer und immer und immer und immer wieder auf diesen einen Text, der bis heute zitiert und benutzt wird. Oft falsch. Es geht oft um diese Graphik auf der Folie, die es auch in verschiedenen Formen gibt. Ich habe Ihnen die, meines Wissens, erste deutschsprachige Übersetzung mitgebracht; aus dem Buch, das ich Ihnen vorhin schon gezeigt habe. Hier heisst es „Stufen der Beteiligung‟. Im Original heisst der Texte „Lader of citizien participation‟, da ist die Graphik auch eine Leiter mit acht Stufen. Es gibt Sie auch als Pyramide, oft im Design, wo dann manchmal noch oben eine Stufe draufgesetzt wird – „Co-Design‟ oder so – die es logisch gar nicht geben kann. Solche Texte kann man gleich weglegen, die haben den Originaltext nicht rezipiert.

Aber es überzeugt offenbar auch, sonst würde der Text, oder zumindest die Graphik, nicht so weiterhin zitiert werden. Auch ich finde es immer noch sinnvoll, um darüber nachzudenken, was eigentlich gemeint wird, wenn man von Partizipation redet. Deshalb kurz zu dem Text.

Zeitlich ist der vor allem in die Versuche der Johnson-Regierung einzuordnen, die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung in den USA einigermassen umzusetzen – also vor allem nach der Abschaffung der Jim Crow-Gesetze durch Beteiligung zu einer faireren Gesellschaft zu kommen. Dazu wurde auch in der Stadtplanung oft versucht, partizipativer vorzugehen. Was Sherry R. Arnstein im Text tut, ist, diese Projekte zusammenzufassen und in eine Struktur zu bringen. Es war offensichtlich, dass es sehr unterschiedliche Bedeutungen von Partizipation und Erfahrungen mit diesen Projekten gab. Sie wollte klären, wie die zusammenhängen.

Arnstein strukturierte sie dann danach, welche Macht überhaupt von den Institutionen, Verwaltungen und so weiter an die direkt Beteiligten abgegeben wird und wie ernsthaft die Idee der Beteiligung verfolgt wird. Dafür gab es gute Gründe. In mehreren Fällen wurde „Beteiligung‟ als das genutzt, was sie als Manipulation bezeichnet. Es gab Beispiele, wo durch mehrheitlich „black communities‟ Autobahnen gebaut werden sollten, dann dort die Bevölkerung gefragt wurde, ob sie das wolle – was sie nicht wollte – und dann trotzdem die Autobahn gebaut wurde und die Community mit der Zeit verschwand. Aber gleichzeitig gab es auch ernsthafte Versuche von Beteiligung und viele Projekte, die irgendwo dazwischen angesiedelt werden können.

Wichtig ist, dass es auch bei Arnstein nicht darum geht, zu sagen, dass alle partizipativen Prozesse unbedingt in Stufe 8 passen müssen. Es ist manchmal auch notwendig oder sinnvoll, wenn die Projekte nicht so viel Macht abgegeben. Mit dieser Abstufung kann man aber besser darüber reden, was für eine Form von Partizipation das ist, die durchgeführt wird und was wirklich entschieden werden kann.

Wir an der HTW Chur haben in einem Text zu unserem schon genannten Seminar zu Partizipation und Bibliotheken auch diese Leiter benutzt und die Beispiele aus Bibliotheken, die wir gefunden haben, eingeordnet. Die waren für uns alle bei 4 oder 5 – also nicht manipulativ, aber auch nicht so hoch, wie das Beispiel aus Toronto, wo tatsächlich Teile der Bevölkerung Entscheidungen über die Bibliotheksentwicklung trafen.

Wichtig zumindest: Das ist der Originaltext. Wenn ihnen jemand mit einer solchen Graphik kommt, lesen Sie den nochmal. Der ist hilfreich. Und glauben Sie niemandem, der oder die eine neunte Stufe oben drauf setzen will.

Okay. Soviel zur Städteplanung. Jetzt zur Ethnologie, also der Wissenschaft davon, wie Gemeinschaften entstehen, sich erhalten, wie sie reproduziert werden, sich verändern. Die hat teilweise andere Namen und interne Differenzierung, aber darum geht es mir hier nicht. Sie hat eine Geschichte von Rassismus und Kolonialismus – weisse, gut situierte Männer, die in Gruppen quasi-militärische Expeditionen bei „den Wilden‟ durchführen und so weiter –, aber deswegen auch heute eine Geschichte der intensiveren Auseinandersetzung mit eben dieser eigenen Geschichte.

In der Ethnologie wurde sich damit auseinandergesetzt, was man da eigentlich tut, wenn man Gemeinschaften erforscht, welche Stellung der Forschenden selber haben – in der Gemeinschaft, aber auch der Theoriebildung oder der Auswahl und Wertung von Fakten, Methoden, Ergebnissen – und wie man überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen gelangen kann. Zudem gab es auch Wandlungen der Fragestellungen von Forschung: Heute wird nicht mehr vermutet, dass es unterschiedlich wertige und entwickelte Gemeinschaften gäbe, die alle die gleiche Entwicklung durchlaufen würden und wo man in „alten Gemeinschaften‟ einen alten Stand dieser Entwicklung untersuchen könnte; stattdessen gelten alle Communities als eigenständig und sich entwickelnd. Damit verändert sich aber selbstverständlich (und richtigerweise) die Position der Forschenden selber.

Als Ziel wird heute oft angestrebt, dass die Beforschten an den Forschung selber partizipieren können. Das wird erprobt, darüber wird nachgedacht. Die Forschung soll denen, über die geforscht wird, auch direkt etwas bringen. Was genau das ist, können und sollen sie mitbestimmen. Nur so kann man offenbar überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen gelangen.

Das dreht die Begründung für Forschungsprojekte um. Vor allem die Forschenden selber müssen sich fragen, was sie da gerade machen, welchen Zielen sie folgen, welchen Vorstellungen, Annahmen, Hoffnungen. Dafür haben sie auch Zeit, weil weiterhin das Ideal gilt, sich möglichst lange „im Feld‟ aufzuhalten; weiterhin mindestens ein Jahr – egal, ob man Fussballfankulturen untersucht oder Communities ganz weit weg. Mindestens ein Jahr an Forschung, Nachdenken, Miterleben, besser mehr, sollten es schon sein, bevor man Ergebnisse publiziert. (In anderen nationalen Forschungstraditionen offenbar auch länger, dafür aber mit mehreren Besuchen, also lieber zehn Jahre immer wieder einmal einige Monate direkte Forschung „im gleichen Feld‟.)

Partizipation, das können wir hier lernen, verändert also Forschungsstrukturen. Das wird auch für andere Felder gelten.

Was wir aus dem Nachdenken der Ethnologie über sich selbst auch lernen können, sind Grenzen der Partizipation. Es kommt immer wieder auf ähnliche Fragen zurück; die Wichtigsten habe ich Ihnen hier mitgebracht. Ich denke, die lassen sich auch gut auf partizipatorische Projekte anderer Art übertragen.

Die wichtigste Frage ist, warum jemand überhaupt an solchen Forschungen oder Projekten teilnehmen soll. Und wenn, mit welcher Motivation. Es ist nicht möglich davon auszugehen, dass Menschen einfach so mitmachen oder das alle das gleiche Interesse hätten, bei allen Projekten etwas beizutragen. Aber wenn nicht, warum machen die es, die doch mitmachen? Erhoffen sie sich etwas davon? Vermuten sie einen Gewinn? Wollen sie einfach nett sein? Haben sie eigene Vorstellungen, die sie einbringen, vielleicht unbewusst? In der Ethnologie gibt es mehrere Beispiele dafür, dass Menschen Forschung zugearbeitet haben, um dann später diese Forschung für eigene Zwecke zu nutzen; beispielsweise die Hoffnung haben, das es durch diese Forschung möglich wird, spezifische Traditionen einer Gemeinschaft wiederzubeleben. Den Forschenden wurde in diesem Zusammenhang eine Aufgabe zugeschrieben, die diese vielleicht gar nicht haben wollten – aber die Reflexion darüber hat dazu geführt, dass im Forschungsprozess immer wieder solche Fragen gestellt werden. Und ich denke, dass sie auch für Bibliotheken sinnvoll sind. Weil halt Menschen auch nicht einfach so bei Projekten von Bibliotheken mitmachen wollen.

Relevant finde ich auch die Frage nach dem Vertrauen. Es ist klar, dass in der ethnologischen Forschung über Dinge geforscht wird, die sehr persönlich oder relevant für Gemeinschaften sein können. Sie können nicht davon ausgehen, dass sie alles erfahren, dass Ihnen als Forschenden sofort – oder jemals – zugetraut wird, mit sensitivem Material oder Wissen umzugehen. Deshalb wird auch diskutiert, ob das überhaupt ausreicht, ein Jahr im Feld zu sein. Ist das überhaupt genug Zeit, um Vertrauen aufzubauen? Ganz abgesehen davon, dass die Forschenden in vielen Forschungen ja auch direkt oder indirekt Institutionen, Mehrheitsgesellschaften, gesellschaftliche Schichten repräsentieren, die gerade für die untersuchten Gemeinschaften negativ konnotiert sein können. Aber wenn schon ein Jahr nicht reicht, wieso könnten dann Bibliotheken erwarten, das ihnen vertraut wird, wenn Sie partizipativ vorgehen? Weil sie nicht so tiefgehende Fragen stellen? Es sollte zumindest bedacht werden.

Wichtig ist auch, dass sich die Forschenden selber reflektieren: Sie kommen nicht als neutrale Personen ohne Hintergedanken in solche Forschungen – sondern immer mit Vorannahmen, Zielen, Vorstellungen, Infrastrukturen im Hintergrund. Es hat sich immer und immer wieder gezeigt, dass es nicht hilfreich ist, das zu ignorieren; sondern das diese „Dinge im Hintergrund‟ tatsächlich prägen, was geforscht wird, wie geforscht wird, wie entschieden wird, was als relevant gilt und was nicht. Das bezieht sich dann auch darauf, dass geklärt werden muss, wer eigentlich bestimmt, was als Ergebnis gilt und was nicht – kurz, was am Ende als „Wahrheit‟ gilt. Deshalb haben sie heute viele Forschungen, in denen Beforschte und Forschende gemeinsam darüber entscheiden, was als Ergebnis gilt – aber auch das ist nicht so einfach. Abgesehen davon, dass nicht alle Erforschten ein Interesse daran haben, mitzuentscheiden, haben auch die, die mitmachen, ihre eigenen Vorstellungen. Wenn zum Beispiel zu einem Forschungsprojekt beigetragen wird, in der Hoffnung, damit Traditionen einer Gemeinschaft wiederzubeleben, haben die, die das tun ihre eigene Agenda – was selbstverständlich ihr gutes Recht ist, aber was ist mit anderen Angehörigen der Gemeinschaft, die daran vielleicht kein oder ein anderes Interesse haben? Das ist für Bibliotheken anders, aber so anders auch nicht.

Ich habe Ihnen auch noch ein Modell mitgebracht, in dem versucht wird, darüber nachzudenken, wie ethnologische Forschung partizipativ gestaltet werden kann. Bei diesem hier geht es um „vulnerable groups‟, vor allem Kinder. Das ist aber nur ein Beispiel. In der Literatur finden Sie unzählige solcher Modelle. Hinter diesen steht oft die Idee, dass Forschung partizipativer ist, je mehr sie zu sozialer Veränderung führt. Ich wollte ihnen das zeigen, um (a) darauf hinzuweisen, dass das Modell von Arnstein wirklich nur das bekannteste, aber nicht das einzige Modell ist, wenn es um Partizipation geht, (b) um nochmal zu betonen, dass auch Wissenschaften, die sich lange und intensiv mit Fragen der Partizipation auseinandersetzen, zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen sind, sondern weiterdiskutieren und (c) daraus zu schliessen, dass auch Bibliotheken nicht so schnell zu einem einheitlichen Verständnis von Partizipation kommen werden, aber vom schon getätigten Denken gerade in der Ethnologie profitieren können.

Neben dem Nachdenken über die eigene Forschungspraxis gibt es in der Ethnologie eine ganze Reihe von Forschungen über partizipative Prozesse selber. Zumeist geht es darum, dass in vielen Bereichen Partizipation schon länger etabliert ist, aber die Wirkungen nicht so sind, wie man das erwarten würde. Die Frage ist dann, wieso das so ist.

Hier nur zwei Bücher dazu. Das erste ist ein Sammelband, bei dem es darum geht, dass in vielen Regionen der Welt versucht wird, unterschiedliche Nutzung von Anbauflächen partizipativ zu organisieren. Denken Sie an Regionen, in denen Landwirtschaft betrieben, aber auch gleichzeitig für den Weltmarkt Kaffee oder Soja angebaut wird. Die Beteiligten haben da sehr unterschiedliche Zielsetzungen, die Idee ist oft, dass man im organisierten Gespräch bessere Lösungen finden könnte, die allen irgendwie gerecht werden. Aber in der Realität zeigt sich immer wieder, dass das nicht funktioniert. Die betroffene Bevölkerung darf zwar oft etwas sagen, gemacht wird dann aber vor allem anderes, eher auf den Weltmarkt orientiertes.

Bei dem anderen Buch geht es um Brasilien und die dortigen First Nations. Noch unter einer anderen Regierung, die jetzige hat bekanntlich kein Interesse, mit First Nations irgendetwas einvernehmlich zu regeln, sondern hätte gerne, dass es keine First Nations gäbe. Aber die Regierung zuvor hatte ein Interesse, die Interessen von First Nations und anderer Bevölkerung beziehungsweise dem Staat selber, auszugleichen. Grundsätzlich ging es darum, dass – ähnlich wie wir das beim Gender Mainstreaming kennen – bei allen Entscheidungen, die sich auf die Gebiete, in denen First Nations leben oder die von ihnen genutzt werden, diese angehört werden müssen. Deren Perspektive musste in die Entscheidungen integriert werden. Auch das hat nicht ganz geklappt, obwohl wirklich Einiges versucht wurde. Die Untersuchung zeigt zum Beispiel, dass eine Schwierigkeit darin besteht, dass politische Entscheidungsstrukturen in der Hauptstadt Brasília konzentriert sind, dass also die Vertreterinnen und Vertreter der First Nations immer zwischen ihren Heimatorten und Brasília hin- und herreisen mussten, während die, die die Entscheidungen trafen, in Brasília verbleiben und dort auch viel kürzere Wege zu anderen Personen haben, die Entscheidungen treffen.

Was diese Forschungen immer und immer wieder zeigen, ist, dass Mitbestimmung alleine nichts an den vorhandenen Machtstrukturen ändert. Wobei Sie bei Macht nicht nur an politische Mach denken müssen, im Sinne von sagen zu können, das und das gilt jetzt oder das und das gilt nicht. Auch nicht gleich an Gewalt. Es geht auch, wie schon gesagt, darum, wer bestimmt, was relevant ist und was nicht; was von dem, was gesagt wurde, in einer Entscheidung einbezogen wird und was „nur als Smalltalk‟ gilt. Oder auch wer festlegen kann, worüber überhaupt geredet oder entschieden wird. Menschen haben unterschiedliche Voraussetzung und Möglichkeiten, auch bei partizipativen Prozessen. Das ist an sich selbstverständlich – unsere marxistischen Freundinnen und Freunde aus der Stadtplanung würde sagen: Wie soll es auch anders sein, wenn die Gesellschaft so aufgebaut ist, wie sie es ist? – aber es wird oft so getan, als ob alle die gleichen Möglichkeiten hätten. Nicht einmal immer, weil jemand versuchen würde, zu manipulieren. Oft auch, weil die, die Macht haben, sich das nicht eingestehen oder nicht sehen (wollen). Aber wie immer: In einer Welt mit sozialen Unterschieden, werden diese nur reproduziert oder gar verstärkt, wenn man so tut, als wären die nicht vorhanden.

Machtstrukturen, dass zeigen die Arbeiten, ändern sich dann, wenn sie benannt und angegangen werden – und auch dann nicht vollständig, wie das Beispiel aus Brasilien zeigt.

Das ist alles noch sehr konkret. Ich würde gerne mit Ihnen noch in die Kunst gehen – und zwar, wie geschrieben, als Zumutung. Wie Kunst halt oft etwas ist, dem man sich aussetzen muss, die dann aber auch eine Wirkung hat, würde ich Ihnen hier gerne drei rabiate Beispiele vorzeigen.

Erstmal: Wenn Sie sich mit Partizipation und Kunst auseinandersetzen, kommen Sie immer wieder auf dieses Buch – und auch zurecht. Claire Bishop postuliert in diesem, dass es seit einigen Jahrzehnten eine Tendenz gäbe, Partizipation in der Kunst anzustreben und das als positiv, demokratisierend, progressiv zu verstehen. Das ist auch etwas, wofür Sie heute Förderung erhalten können – participatory art, Ausstellungen mit Partizipation, social impact. Bishop kritisiert das aus mehreren Richtungen, zum Beispiel zeigt sie, dass auch diese Kunst immer wieder „Miteinander reden‟ und Partizipation gleichsetzt oder auch, dass sie Ziele anstrebt, obwohl die Wirkung von Kunst eigentlich offen ist. Und – das wird Ihnen als Argument bekannt vorkommen –, dass es eigentlich eine lange Geschichte von Partizipation und Kunst gibt, die oft daraufhin deutet, dass die erhofften Wirkungen dieser partizipativen Kunst vor allem das sind: Hoffnungen, die eher nicht eintreten.

Ich finde übrigens schon das Cover ganz grossartig, weil Sie hier auch etwas Einfaches über Partizipation lernen können: Dass ist eine Performance – ich glaube im Tate Modern, London – wo Sie einen Polizisten in die Ausstellung reiten sehen. Das sollte Beteiligung auslösen, Leute sollten miteinander reden, sich verhalten und so weiter. Aber schauen Sie hier rechts vorne die Leute – da gibt es keine Reaktion. Den Grossteil interessiert nicht, was da passiert. Die Aufforderung zur Partizipation wird ignoriert – was sehr, sehr oft passiert.

Ich stelle Ihnen zwei Beispiele aus dem Buch vor, die vielleicht etwas Holzhammer-mässig wirken und die im Anschluss an das Buch auch schon sehr oft besprochen wurden. Aber sie sind, meiner Meinung nach, weiterhin sehr berechtigt.

Das erste Beispiel sind die italienischen Futuristen (praktisch nur Männer) der 1920er Jahre. Der Futurismus als Kunstrichtung war, nach dem ersten Weltkrieg, fasziniert von der Moderne und waren gleichzeitig von der Idee besessen, die als untätig, langsam, sterbend wahrgenommen Kultur radikal zu ändern. Es sollten die Werte umgewertet werden, damit waren sie dem Dadaismus, Expressionismus, Kubismus und so weiter nahe – halt all die Kunstrichtungen, der Zeit, die sich als Avantgarde verstanden. Aber ihnen ging es vor allem um Geschwindigkeit, Härte, Gewalt, Krieg, „Männlichkeit‟. Die Kunst sollte eine neue Gesellschaft hervorbringen, diese Gesellschaft sollte durch ständige Veränderung, Bewegung, Speed gekennzeichnet sein. Es gab zum Beispiel eine Faszination mit Autos. Oder auch einer Architektur, die sie zum Teil noch heute in Italien finden, die so Bewegung symbolisieren, hervorbringen sollte.

Eine Form von künstlerischer Aktivität, auf die Bishop eingeht, waren die „Futuristischen Happenings‟. Das waren praktisch Theatervorstellungen, bei denen die Futuristen von der Bühne herab das Publikum beschimpften. Es ging darum, das Publikum anzuregen, mitzumachen. Es war eingebunden. Ziel war es, Gegenreaktionen auszulösen. Menschen sollten sich aufregen, äussern, schimpfen. Erfolgreich waren Happenings, bei denen das Publikum Tomaten auf die Bühne warf. Es sollte aktiv werden, nicht passiv eine Vorführung geniesen. Das wurde als Vorbereitung für den Kampf, die Veränderung der Gesellschaft verstanden: Menschen sollten in den Happenings lernen, aktiv und rabiat zu sein und dass dann im Alltag auch sein.

Der Holzhammer ist jetzt, dass viele – nicht alle – Futuristen später den italienischen Faschismus unterstützten. Die Verbindung ist auch nicht schwer zu sehen.

Aber das gehört zur Geschichte von Partizipation und Kunst: Heute verstehen wir Partizipation als demokratisch, öffnend, progressiv. Das ist nicht per se gegeben. Das Ziel ist wichtig, Partizipation lässt sich für viele, viele Ziele nutzen. Sie muss auch nicht als Vervielfältigung der Stimmen verstanden werden, sondern kann, wie in diesem Beispiel, als Mittel genutzt werden, Menschen in einer Richtung auszurichten.

Es zweites Beispiel aus dem gleichen Buch. Spätestens seit Bishop darüber geschrieben hat, ist diese Aktion auch immer und immer wieder besprochen worden. Die Bilder der Aktion wurden, wenn ich das richtig erinnere, auf einer Documenta nochmal gezeigt und dutzende Texte dazu geschrieben. Auch, weil nicht klar ist, was genau das Ergebnis aussagt.

Aber: Die Situation. Argentinien 1968. Die Welt an sich in Veränderungen begriffen. Gleichzeitig gibt es in Argentinien selber seit zwei Jahren eine Militär-Junta, die Proteste dagegen wachsen, es gibt auch erste gewalttätige Auseinandersetzungen. In dieser Situation führte die Künstlerin Graciela Carnevale diese Aktion durch, die offenbar – ich bringe gleich meine Interpretation – Beteiligung, Kommunikation, Solidarität hervorbringen soll. Oder zumindest testen.

Sie lud zu einer Ausstellungseröffnung in diesen Raum, den Sie im Bild sehen: Ein Schaufenster, eine Glastür, sonst keine Ausgang, nichts. Dann verschloss sie die Tür und ging. Die Frage war, was jetzt passieren würde, wie sich die Menschen verhalten würden. Das war keine ungefährliche oder komfortable Situation. Die Lösung sehen sie: Erst passierte lange nichts. Dann wurde ein Passant dazu gebracht, das Fenster mit einem Stein einzuwerfen. Auf dem Bild sehen Sie eine junge Dame die Galerie durch dieses Fenster verlassen.

Die Frage, die auch lange ohne eindeutiges Ergebnis diskutiert wurde, ist nun, was dieses Ergebnis heisst. Haben sich Menschen in Solidarität vereinigt? Haben sie eine gemeinsame Lösung gefunden? Oder gerade nicht? Sie sehen ja, rausgekommen sind alle, aber eigentlich nur durch Hilfe von aussen. Benötigt man Hilfe von aussen, um solche Situationen zu verlassen, nicht Solidarität im Inneren? Gibt es irgendetwas, dass die Menschen in der Galerie aus dieser Situation heraus zusammengebracht hat oder hat sich das alles nach dem Ende der Situation aufgelöst? (Und was sagte das über das Leben unter der Militär-Junta aus?)

Es gibt bestimmte keine klare Antwort, aber auch das ist Teil der Geschichte von Partizipation und Kunst. Oder Partizipation allgemein. Partizipation und Ergebnisse partizipativer Prozesse sind nicht eindeutig. Nicht einmal in Extremsituationen wie bei diesem Experiment von Carnevale.

Ein drittes Beispiel aus der Kunst. Graffiti, also das Anmalen von Zügen, Mauern, Bahnhöfen. Es gibt aktuell zwei Bewegungen: Einerseits wird seit sehr langer Zeit in der Kunsttheorie über Graffiti diskutiert. Andererseits gibt es seit einigen Jahren mehr und mehr eine Praxis legaler Street-Art, gerne für grosse Objekte – Murals an Wänden von Mietshäusern und solche Grössen –, für die es auch zunehmend Geld gibt. In Berlin gibt es zum Beispiel seit einiger Zeit das Street-Art Museum Urban Nation, dass Graffiti ausstellt, aber gleichzeitig immer wieder Murals in Auftrag gibt.

Diese beiden Bewegungen sind immer aufeinander bezogen. Beispielsweise gab es Anfang dieses Jahres ein Heft der Zeitschrift „Kunstforum‟ [#260: Graffiti NOW. Ästhetik des Illegalen], in der Sie das gut nachvollziehen konnten: Graffiti wird als partizipative Kunstform par excellence wahrgenommen: Alle können einfach so mitmachen, Dosen kaufen, etwas anmalen. Selbstgewählt und selbstbestimmt, ohne Zugangsbarrieren. (Zumindest in der Theorie, in der Praxis entwickeln sich auch im Graffiti soziale Regeln, die sich mit der Zeit auch ändern. Aber bleiben wir bei der Theorie.) Gleichzeitig wird Graffiti über ihre Illegalität definiert. Das können Sie im genannten Heft genauer nachvollziehen.

Street-Art hingegen, die mehr und mehr beauftragt wird, ist gerade nicht illegal, dafür mehr in den Kunstbetrieb eingebunden. Es ist klar, wer die Künstlerinnen, die Künstler sind. Es gibt abgesteckte Rahmen und Aufträge. Die Feststellung ist nun, dass in diesem Fall Partizipation, also Beteiligung, an Illegalität gebunden wird und zumindest vermutet wird, dass diese gerade dann abnimmt, ja weniger illegal Graffiti oder Street-Art ist; dass die Kunst dafür aber vielleicht auch akzeptierter wird, je weniger illegal sie ist. Und selbstverständlich immer mit Übergängen; Personen, die sich zwischen den „Welten‟ Graffiti und Street-Art bewegen oder die einst Graffiti machten und jetzt im Atelier arbeiten und so weiter.

Ich habe Ihnen diese Zeitschrift hier, „GraffitiArt‟, mitgebracht, weil die das ganz gut abbildet. Es ist eine französische Zeitschrift, die Sie Frankreich wirklich in Buchhandlungen und zumindest in grossen Bahnhöfen kaufen können – obwohl es in ihr auch um das Anmalen von Zügen geht. Aber was Sie in den Ausgaben der letzten Jahre sehen, ist oft diese Zweigleisigkeit: Die Werbung bezieht sich immer wieder direkt auf Graffiti. Das eine Bild ist eine Galerie in Zürich, die wohl in jeder Ausgabe ein neues Bild von einem angemalten Zug benutzt – meist schweizerische Züge, aber der hier ist ein deutscher. Oder die andere Werbung ist ganz blatant direkte Werbung für eine Marke von Farbdosen: „25 years supporting graffiti‟. Da gibt es also einen klaren Bezug zum Illegalen. Aber die Artikel in der Zeitschrift handeln fast alle nur von Murals und grossen, legalen Bildern. Mit ähnlicher Ästhetik, aber immer mit der Künstlerin, dem Künstler im Mittelpunkt. Hier, bei dem Artikel auf der Folie, gab es sogar Beteiligung, wie Sie sehen. Menschen durften mitmalen und wohl auch über die Farben entscheiden. Aber das ist wirklich eine Ausnahme.

Für die Kunst ist das einfacher: Wir sagen vielleicht „das ist doch verboten‟. Aber Kunst kann sich dann immer darauf zurückziehen: „Well… it‛s art.‟ Bibliotheken können das nicht, die bewegen sich immer im Legalen. Aber was wir lernen können, ist, dass uns Partizipation immer auch in Bereiche führt, in die wir vielleicht gar nicht wollen oder uns gar nicht trauen. Und Situationen, in denen weniger Partizipation oder nur bestimmte Formen von Partizipation erst eine Zugänglichkeit ermöglichen. (Was zum Beispiel bei Street-Art zum Teil argumentiert wird: Das durch diese legale Kunst der Zugang für die „normale Bevölkerung‟ grösser ist als durch die illegalen Formen.)

Wieder: Keine klare Antwort, sondern ein Beispiel, mit dem Sie sich, wie bei guter Kunst, selber konfrontieren können.

Zuletzt noch zwei Folien darüber, was Bibliotheken jetzt aus der Geschichte der Partizipation und partizipativer Projekte lernen können. Ich hoffe, es ist klar geworden, dass ich denke, wir sollten die ganzen Erfahrungen aus anderen Bereichen ernstnehmen und benutzen. Es ist nicht schlecht, dass Bibliotheken (in Deutschland) bei diesem Thema spät sind. (Beziehungsweise es gerade wieder entdecken). Dadurch kann man auf vorhandenes Wissen zurückgreifen. Schlecht wäre, so zu tun, als wäre das etwas Neues.

Also, was kann gelernt werden?

Zuerst, dass Partizipation für sich alleine keine Lösung ist, sondern das es immer auf die Ziele ankommt. Und dies können sehr unterschiedliche Ziele sind. Dabei lässt sich auch nicht „möglichst viel Partizipation‟ mit „bestmögliche Ergebnisse‟ gleichsetzen. Zudem wichtig: Machtstrukturen bleiben in partizipativen Prozessen bestehen. Wie gesagt heisst Macht nicht nur, Anweisungen erteilen zu können, sondern auch bestimmen zu können, was gemacht wird, worüber geredet und nicht geredet werden kann, was oder wer ernst genommen wird und was oder wer nicht. Die müssen beachtet werden. Einfach anzunehmen, dass sie (schon) überwunden seien, reproduziert und verstärkt sie nur. Für Bibliotheken, die oft nicht das Selbstbild haben, viel Macht zu haben, mag das eine ungewöhnliche Situation sein. Aber damit muss man umgehen lernen, dass man in bestimmten Situationen auch Macht hat, obwohl man sie anderswo vielleicht weniger hat.

Zu lernen ist auch, dass Menschen – dadurch, dass es kein neues Thema ist – schon viele Erfahrungen mit partizipativen Prozessen gemacht haben, die sie mitbringen. Nicht nur Erfahrungen, auch Erwartungen, Annahmen, Interpretationen. Und gerade, wenn die schlecht waren, muss erst daran gearbeitet werden, sie zu verändern. Man kann das aber auch als Anforderung nehmen, einfach mal selber an anderen partizipativen Prozessen – beispielsweise da, wo man wohnt – teilzunehmen, als Bürgerin, als Bürger, bevor man selber in der eigenen Bibliothek partizipative Prozesse plant. Um dann aus diesen Erfahrungen heraus besser zu verstehen, wie partizipative Prozesse auf Menschen wirken.

Und wichtig finde ich auch, sich immer und immer wieder klarzumachen, das nicht alle Menschen an Partizipation interessiert sind. Und selbst wenn, dann nicht gleich. Das kann man bei der Planung, bei der Analyse und so weiter, nicht voraussetzen. Daraus ergibt sich auch nochmal, dass Partizipation immer ein langer Prozess ist, kein schnell abzuschliessendes Projekt.

Und hier nochmal, vielleicht auch für die Diskussion, die wichtigsten Take-aways.

Partizipation und Machtstrukturen – dass ist das Zweite, was ich Ihnen unbedingt vermitteln wollte, neben der Geschichte. Auch wichtig, dass es ein Lernprozess ist, der nicht fertig wird, zumindest wenn Partizipation als mit der Demokratie verbunden verstanden wird – was ja, wie wir gesehen haben, nicht immer der Fall sein muss.

Partizipation enthält keine Garantie, weder für mehr Demokratie noch für bessere Ergebnisse. Man kann gerne politisch die Meinung beziehen, dass die Gesellschaft besser wäre, wenn sie partizipativer wäre: Mehr unterschiedliche Stimmen machen eine bessere Gesellschaft möglich und so weiter. Als politische Position ist das okay. Aber von sich alleine produziert Partizipation das nicht. Das muss erst hergestellt werden, langfristig und auch institutionell.

Und, was ich Ihnen unbedingt noch mitgeben möchte, ist diese Erkenntnis, dass Methoden Ergebnisse produzieren, aber damit die Ergebnisse noch nicht sofort gut oder richtig werden. In der Ethnologie sind das Bücher, die am Ende geschrieben werden; in der Stadtplanung Bebauungspläne, die am Ende fertig sind. Für Bibliotheken können Sie selber Beispiele einsetzen.

 

Vielen Dank

Einfach mal nachgucken gehen, anstatt alle Thesen zu glauben

In Wien bin ich gewesen. Nicht das erste Mal, aber diesmal fiel mir etwas auf, dass mit Öffentlichen Bibliotheken, den von ihnen gepflegten Diskursen und Obsessionen und damit, wie sie zu Entscheidungen über ihre eigene Entwicklung kommen, zu tun hat. Nämlich grundsätzlich, dass viele Behauptungen, welche die Basis für reale Entwicklungen in Bibliotheken bilden, eigentlich ohne grosse Probleme überprüft werden könnte, bevor sie einfach geglaubt und wiederholt werden. Das möchte ich hier schildern, aber zuvor noch darauf eingehen, wieso ich das relevant finde.

Unterschiedliche Wissenskulturen

Ein Leben als Bibliothekswissenschafter hat – wie auch das Leben mit anderen Jobs – viele frustrierende Momente. Öffentlichen Bibliotheken dabei zuzusehen, wie sie regelmässig die immer gleichen Behauptungen über die Entwicklung von Bibliotheken, über die aktuelle und zukünftige Mediennutzung oder über gesellschaftlichen Entwicklungen wiederholen, die oft einfach nicht stimmen und – noch schlimmer – wie sie oft offensichtlich falsche Aussagen von Berater*innen als scheinbare sinnvolle Argumente übernehmen – das sind oft solche frustrierende Augenblicke. Frustrierend ist dabei nicht etwa, dass nicht anstatt der jeweiligen Berater*in einfach ich gefragt werde: Das wäre nur die Ersetzung mit einem anderen Berater (allerdings, im Gegensatz zu vielen Berater*innen, die alles sind, aber keine Bibliothekar*innen, jemand mit fachlicher Qualifikation). Frustrierend ist, mit wie wenig Anstrengung Bibliotheken eigentlich diese Obsessionen und Behauptungen selber überprüfen und als falsch (oder mindestens unterkomplex) erkennen können. Sie wiederholen oft Behauptungen entgegen einfach zugänglichen Wissens. Das ist das Frustrierende.1

Und dann werden auf der Basis dieses Obsessionen oder Behauptungen die oft immer wieder gleichen Entscheidungen getroffen – die dann (a) oft auch schon vorher vorausgesagt werden können und (b) Ressourcen (Zeit, Personal, Geld, Goodwil von Personal und Nutzer*innen, Infrastruktur und so weiter) verschwenden, weil selbstverständlich nichts anderes herauskommt, wenn Bibliotheken das gleiche nochmal machen, wie andere Bibliotheken vor ihnen auch.

Manchmal, muss ich zugeben, möchte ich einfach tief und vernehmbar durchatmen, dabei einen frustrierten Ton ausstossen und dann einfach nur fragen: „Warum, um alles in der Welt, glauben Sie dann das jetzt schon wieder?” wenn ich Kolleg*innen aus Bibliotheken über Makerspaces oder 3. Orte oder „neue Stadtgesellschaft” oder „Wohnzimmer der Stadt” oder „Coding als die neue Sprachkompetenz” oder Ähnliches reden höre.

Aber selbstverständlich ist auch das unterkomplex. Es gibt wohl Gründe dafür, dass die Dinge sind, wie sie sind (sonst wären sie anders).

Wissenschaft, Praxis, Beratung: Das sind drei verschiedene Wissenskulturen mit drei unterschiedlichen Wissensparadigmen. Man würde erwarten, dass die sich sinnvoll aufeinander beziehen, aber das tun sie selbstverständlich nicht. Dann wäre die Welt ja zu einfach.

  1. Wissenschaft – jetzt einmal einfach und kritiklos gefasst – ist vor allem daran interessiert, strukturiert und methodisch neues Wissen zu generieren. Schon vorhandenes Wissen wird benutzt, strukturiert, ausgewertet und dann daraus neues Wissen geniert (oft über neue Fragen, die dann systematisch beantwortet werden). Bei Luhmann hat Wissenschaft als System die Aufgabe, zu entscheiden, ob etwas wahr oder nicht wahr ist. (So wie alle Systeme bei Luhmann genau eine Aufgabe haben.)

  2. In der Bibliothekspraxis ist das Interesse an Wissen ein anderes: Es geht darum, Wissen zu erhalten, vielleicht auch zu generieren, welches Entscheidungen ermöglicht: Soll man Ressourcen für XYZ einsetzen oder nicht? Soll man Angst vor Veränderung ABC haben oder nicht? Soll man sich Gedanken um dies machen oder um das? Am Ende des Prozesses muss jeweils eine Entscheidungen darüber stehen, wie die Arbeit gemacht wird. Man würde vielleicht vermuten, dass dieses „Entscheidungswissen” und das Wissen, wie es in der Wissenschaft produziert wird, übereinstimmt – aber das tut es nicht. Für die Praxis ist es nicht so wichtig, ob etwas wahr oder nicht wahr ist, sondern das eine Entscheidung getroffen wird. [Das sich das nicht nachhaltig ausgeht, weil Ressourcen so falsch investiert werden und weil so auch Erfahrungen aus anderen Einrichtungen oder gar abstrakteren Wissen oft nicht genutzt werden… das ist ein anderes Thema.]

  3. Beratung hat auch kein grosses Interesse dran, ob Wissen wahr oder nicht wahr ist. Stattdessen wird, abstrakt gesagt, Wissen in der Beratung eingesetzt, um in Bibliotheken Entscheidungsprozesse zu motivieren (also oft erst den Eindruck zu vermitteln, dass Veränderungen nötig sind, aber gleichzeitig auch möglich) und dann diese Entscheidungen zu ermöglichen. Das heisst nicht, dass Beratung unbedingt falscher Wissen präsentiert oder das die Berater*innen nicht von dem, was sie erzählen, überzeugt sind. Aber die Funktion des Wissens ist eine ganz andere: Wenn es nur Entwicklungsprozesse anstösst, ist es gut. Dann wird nichts mehr nachgeprüft. Auch die Methoden, die genutzt werden, haben dann eine sehr andere Funktion als in der Wissenschaft: Sie sollen Ergebnisse ermöglichen, nicht – wie in der Wissenschaft – neues Wissen generieren.

Wie gesagt könnte man vermuten, dass sich diese Wissenskulturen sinnvoll ergänzen würden. Aber sie tun es nicht. So oft wird das vorhandene Wissen aus der Forschung nicht genutzt und stattdessen nochmal die gleichen Aussagen wiederholt, weil Sie Entscheidungen ermöglichen. Ich kann mir vorstellen, dass das hilfreicher ist: Zu glauben, das Makerspaces und Coding-Workshops gross etwas verändern würden, ist wohl motivierender, als die tatsächlichen Ergebnisse aus Forschungen zu Makerspaces und Coding-Workshops, die eher geringe nachhaltige Effekte zeigen, wahrzunehmen und von diesen auszugehen. Aber gleichzeitig ist hoffentlich verständlich, wie frustrierend es sein kann, wenn man als Bibliothekswissenschaftler all die Studien zu Makerspaces in Bibliotheken und zu anderen Makerspaces kennt, deren Ergebnisse eigentlich eindeutig sind (siehe hier und hier) – und dann wieder und wieder stattdessen etwas anderes behauptet wird.

Umzugehen mit diesen Frustrationen; aus dem Wissen daraus, dass die Wissenskulturen anders sind etwas machen: Das mag eine Aufgabe sein, die man vielleicht gemeinsam angehen sollte. Ein Schritt dahin wäre wohl, wahrzunehmen, dass es diese Unterschiede gibt und zumindest zu schauen, was man einfach und schnell besser machen könnte.

Mein Vorschlag hier für die Praxis wäre: (1) Sich bei allen Entscheidungen bewusst sein, dass die Behauptungen, die so in der bibliothekarischen Presse und unter der Hand verbreitet werden, vielleicht gut klingen, aber deshalb nicht unbedingt stimmen müssen – und auch nicht dadurch richtiger werden, dass sie wiederholt werden. (2) Einfach mal bedenken, wie viele dieser Behauptungen schon gemacht wurden, um dann wieder aus dem Diskurs zu verschwinden und (3) deshalb Behauptungen überprüfen, bevor auf ihrer Basis Entscheidungen getroffen und Ressourcen eingesetzt werden.

Wien liefert ein gutes Beispiel dafür, wie einfach das oft möglich ist.

Wien: Kaffeehäuser, public space, Stühle und Bänke

Wien kommt in Ray Oldenburgs „The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day” (New York, 1989) prominent vor. In diesem Buch formuliert Oldenburg seine, well, Analyse vom „3. Place”, auf dem viele bibliothekarische Diskurse heute basieren. [Dass das Buch 1989 erschien – und vieles darin auch schon anderswo gesagt wurde –, die Diskurs in Englisch aber erst gegen 2000, in Deutsch und Französisch gegen 2010 anfingen, ist eine der komischen Eigenheiten, die eigentlich aufhorchen lassen sollten – aber das hat dem Diskurs auch bisher nicht aufgehalten.]

Zur Erinnerung: Oldenburg suchte nach Einrichtungen, welche die gesellschaftliche Kohärenz der US-amerikanischen Gesellschaft (wieder) erhöhen könnten – und fand diese vor allem in Europa oder der US-amerikanischen Geschichte. Diese nannte er „3. Place” (als Kurzform für „great good place”).2 In diesen Orten würden Menschen in einem besonderen Raum aufeinander treffen, angeregt durch „anregende Getränke” über gesellschaftliche Grenzen hinweg miteinander kommunizieren und somit lernen, Gesellschaft herzustellen.

Kaffeehäuser

Bibliotheken haben daraus heute selbstverständlich etwas ganz anderes gemacht. Aber trotzdem: Die Kaffeehäuser in Wien sind für Oldenburg – neben englischen Pubs und französischen Bistros – die Vorzeige 3. Orte der Jetztzeit (beziehungsweise der späten 1980er Jahre). Die Kaffeehäuser gibt es heute noch – nicht mehr alle; einige sind so touristifiziert, das sie nicht mehr als der 3. Ort gelten können, von dem Oldenburg sprach. Es gibt (und gab) selbstverständlich in Wien auch ganz andere Lokalitäten als nur die Kaffeehäuser. Und auch die Kaffeehäuser, welche weiterhin vor allem die lokale Bevölkerung bedienen, haben sich seit den späten 1980ern etwas verändert [bei dem um die Ecke von meiner Unterkunft konnte man jetzt explizit vegetarisch essen und wurde sofort, wenn auch weiterhin mit Wiener Schäm, bedient – das war vor einigen Jahren nicht so].

Dennoch sind es weiter Wiener Kaffeehäuser. Was Oldenburg an diesen hervorhob, war (a) das „soziale Spiel”, also vor allem das Verhalten der Ober, die erstmal warten lassen, wenn man die ersten Mal kommt, dann von oben herab fragen, was es sein soll, dann betont unhöflich servieren; dann aber nach wenigen Besuchen schnell Personen zu Stammgäst*innen erheben, sich deren Namen und Vorlieben merken, mit einem Titel eine Stufe über dem tatsächlichen Titel ansprechen und so schnell Personen in eine Gemeinschaft einbinden, (b) die Stammgäst*innen, welche den spezifischen Ort Kaffeehaus prägen würden, mit ihrem raumnehmenden Verhalten, langer Kommunikation, Sonderwünschen und so weiter. Solche Personen, so betont Oldernburg, wären für 3. Orte nötig. Erst sie würden den Raum sozial machen und dafür sorgen, dass er als ein Ort funktionieren würde, der Gesellschaft herstellt.

Stimmt das? Also: Ist das Wiener Kaffeehaus wirklich ein Ort, der so Gesellschaft herstellt? Erfüllt der 3. Ort par excellence seine Funktion? Wenn ja: Was heisst das für die Versuche von Bibliotheken, 3. Orte zu werden? Erfüllen sie die Funktion, Stammgäst*innen einzubinden, wie es das Personal der Kaffeehäuser tut? Und wenn nein (was gut sein kann, das Buch von Oldenburg ist nicht unbedingt immer überzeugend): Heisst das vielleicht, dass schon Oldenburg einer fixen Idee gefolgt ist, die sich so gar nicht umsetzt? Ist es dann wirklich sinnvoll, der zu folgen?

Was jetzt interessant ist: Anstatt dass Bibliotheken immer wieder in Workshops, Strategiepapieren, Gesprächen mit Journalist*innen einfach nur die sehr verkürzte Formel, der 3. Ort seie nicht der 1. und nicht der 2. Ort, wiederholen, könnte man auch einfach mal für zwei-drei Tage nach Wien fahren und dort Kaffeehäuser besuchen. Die Thesen, denen gefolgt wird, könnte man überprüfen, bevor man sich daran macht, aus ihnen Entscheidungen abzuleiten. [Auch die anderen beiden Beispiele, Bistro und Pub könnte man besuchen – nach dem Brexit vielleicht eher Pubs in Irland, aber soviel anders als die britischen sind die auch nicht.] Folgt man einer forschenden Wissenskultur, wäre das selbstverständlich – Thesen müssen systematisch überprüft werden; man kann die nicht einfach glauben. Aber auch in einer praxisorientierten Wissenskultur wäre das sinnvoll – auch wenn es am Ende heissen könnte, dass man eventuell die eigenen Vorstellungen ändern müsste. [Was nicht unwahrscheinlich ist: So sehr ich Kaffeehäuser und Bistros selber mag, so sehr denke ich mir, dass das nicht das ist, was Bibliotheken machen. Aber nicht mir glauben: Lieber mal hinfahren, selber nachgucken.]

Public space

Wien ist auch eine sehr progressive Stadt. Was gut ist. Bekannt ist sie heute für ihre Lebensqualität, die immer wieder verbessert werden soll. Dazu gehört der Versuch, Autos möglichst aus der Stadt herauszuhalten, dafür einen guten ÖPNV anzubieten und den öffentlichen Raum zu beleben. Das 365-Euro-Jahresticket gehört dazu, ebenso die doch sehr zuverlässigen Trams, Busse und Bahnen. Das mag bekannt sein.

Was man aber eher erst bei einem Besuch sieht, ist der Ausbau des öffentlichen Raumes in der Stadt. Zum Beispiel haben viele Restaurants und Cafés, die an einer Strasse situiert sind, heute einen Vorbau neben dem Trottoir. Da wo in anderen Städten zwei, drei Autos parken würden, finden sich in Wien abgegrenzte Bereiche für Stühle, Tische, Schirme. Weniger Platz für Autos, mehr Platz für Menschen und freiere Trottoirs. Daneben sind im öffentlichen Raum zahllose Stühle und Bänke gestellt. Massiv viele, viel mehr als anderswo. In allen Parks scheinen die Gehwege lückenlos mit Bänken bestückt, auf den kleinen Plätzen, teilweise an den Strassenkreuzungen, stehen neue, fest installierte Sitzgelegenheiten (alle so, was auf den zweiten Blick aufhält, dass niemand dort schlafen könnte, dafür sind sie „zufällig” zu klein, die Lehnen zu hart). Es ist offensichtlich, was hier versucht wird: Die Stadt folgt der gerne geäusserten Behauptung, dass ein Ort geschaffen werden muss, wo sich Menschen treffen können; dann würden sie miteinander kommunizieren und damit über Unterschiede hinweg gesellschaftliche Nähe entstehen.

Das sollte aufhören lassen, weil es die gleiche These ist, die aktuell bei vielen Umbauten bei Bibliotheken im Hintergrund steht: Der Raum Bibliothek soll belebt werden, indem Barrieren abgebaut und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet werden.

Was man jetzt in Wien machen kann – und das war es, was mir vor allem auffiel –, ist, zu überprüfen, ob diese Annahme stimmt. Funktioniert es? Wird so ein öffentlicher Raum hergestellt?

Nein, das passiert nicht. Besonders gut kann man das in Bezirken sehen, wo diese Stühle und Bänke neben Cafés und Restaurants stehen. Kaum jemand sitzt auf den freien Bänken, praktisch niemand kommuniziert; aber in den Restaurants und Kaffeehäusern daneben sind Menschen und kommunizieren. (Ist das dann schon ein public space in den Restaurants oder reden einfach nur die miteinander, die sich auch schon kennen? Das ist eine andere Frage. Erstmal geht es um den Vergleich.)3 Das ist vielleicht zu erwarten, aber in Wien, gerade in den Jahreszeiten, wo man draussen sitzen kann, kann man das gut selber sehen: Es ist offensichtlich nicht so, dass die vorgebaute Situation Kommunikation ermöglicht, sondern das, was im Raum passiert und was der Raum ausdrückt, hat eine grössere Bedeutung. Bibliotheken bräuchten sich also von Berater*innen nicht erzählen lassen, dass die Gestaltung des Raumes zur Belebung führt und das glauben – sondern könnten diese These einfach mal selber überprüfen. [Auch anderswo. Wien ist hier ein wenig zufällig gewählt, weil ich (a) nach Wien wollte (wer will das nicht) und (b) sich gleich zwei Thesen einfach überprüfen lassen.]

Eine Konsequenz wäre dann wohl, die These zurückzuweisen und mehr über die tatsächliche Nutzung – also die Veranstaltungen, Angebote und so weiter – zu reden. (Das wäre auch bei Oldenburg angelegt, der hat auch betont, das der 3. Ort plain sein müsste und vor allem die Stammkund*innen, Kommunikation und anregender Getränke wichtig wären.) Und zwar wirklich drüber reden, nicht behaupten, dass das irgendwie „doch klar” wäre, aber dann wieder nur vom Raum reden.

Schauen kann man überall

Was ich sagen will ist wohl vor allem:

  1. Es ist erstaunlich, was Bibliotheken in ihren Diskursen und Zukunftskonzepten so alles an Behauptungen wiederholen, die auch ohne grosses Nachdenken überprüft und dabei als fehlerhaft erkannt werden könnten. Erklärbar ist das zum Teil mit den unterschiedlichen Wissenskulturen: Die Bibliothekspraxis braucht vielleicht solche Behauptungen, weil sie Entscheidungen treffen muss; mich in der Forschung interessiert eher, ob die überhaupt stimmen und sinnvoll sind.

  2. Aber es sollte klar sein, dass Entscheidungen, die auf der Basis falscher Behauptungen getroffen werden, wohl vor allem Ressourcen verschwenden und irgendwann auch demotivierend auf Personal und Leitung wirken müssen, wenn sich immer und immer wieder Versprechen, die auf der Basis dieser Behauptungen gemacht werden, nicht einlösen.

  3. Dabei gäbe es in vielen Fällen einen einfach Weg, die Thesen zu überprüfen: Einfach mal nachschauen, ob sie wirklich stimmen. Zwei Beispiele dazu: Ich war nicht nur in Wien diesen Sommer, sondern auch in den Niederlanden. In den Niederlanden [weil ich dort mit jemand anders war, mit dem man das machen kann] war ich auch in Öffentlichen Bibliotheken. Das kann ich auch empfehlen. Gerade deutsche Bibliotheken hängen bestimmten Entwicklungen ja lange hinterher. Was in Deutschland als innovativ besprochen wird, ist in den Niederlanden oft schon eingerichtet; nicht nur in den grossen Städten, sondern auch in den kleineren. Man kann sich also live angucken, wie aufgelockerte Bibliotheken mit Hands-On-Labs und Ausstellungen und offenen Räumen und Makerspaces eigentlich im Normalbetrieb wirken. Oder wie hippen Sitzgelegenheiten genutzt werden.4 [Ausserhalb der Veranstaltungszeiten: Leise, leise, leise. Viele Leute, die leise vor sich hinarbeiten oder lesen.] Anstatt Oldenburg nochmal zu lesen habe ich auch Richard Sennetts neues Buch (Building and Dwelling. Ethics for the City. London 2019) Was man in dem Buch lernen kann, auch für Bibliotheken, ist das der 3. Ort keine neue Fragestellung ist und das schon viel darüber nachgedacht wurde, wie Menschen überhaupt „Stadt machen”, also Beziehungen miteinander herstellen – das man also auf viel mehr Erfahrungen, Teste, Nachdenken zurückgreifen könnte, wenn man über Räume nachdenkt, als die einfachen Behauptungen, auf die immer wieder zurückgegriffen wird. Die Thesen bei Sennett – und nicht nur bei ihm, er geht so ein bisschen durch die Geschichte der Stadtplanung – sind auch viel differenzierter. Man könnte also auch mal weitergehen und muss nicht bei den gleichen drei Behauptungen stehen bleiben.

Das sind alles ganz einfache Vorschläge: Obsessionen als solche erkennen; Behauptungen nicht glauben, insbesondere wenn sie beständig wiederholt werden, sondern überprüfen; die unterschiedlichen Wissenskulturen beachten. Das würde, davon bin ich überzeugt, zu besseren Entscheidungen in Bibliotheken über ihre eigene Entwicklung führen und zu besser eingesetzten Ressourcen.

Warum kann das nicht die Forschung machen? Ich hoffe, dass ist klar geworden: Bibliotheken interessieren sich für anderes Wissen als das, was die Forschung produziert. Die Forschung hat viele Behauptungen schon schon widerlegt, bevor die Bibliothekspraxis sie sich aneignet. Bibliotheken wiederholen sie dann trotzdem gerne weiter. Deshalb müssen offenbar sie selber sich daran machen, die zu überprüfen (was vielleicht auch ein leicht anderes Mindset als jetzt bedarf). Ich wollte hier nur zeigen, wie einfach solche Überprüfungen von Thesen möglich sind.

 

Fussnoten

1 Es gibt selbstverständlich noch weit mehr Frustrationsquellen als Bibliothekswissenschafter, aber um die soll es hier nicht gehen.

2 Falls das überrascht, dann überrascht vielleicht auch, dass er in diesem Buch explizit ausschliesst, dass Bibliotheken 3. Places sein können. Aber auch das hat den bibliothekarischen Diskurs nicht gestoppt.

3 Zumindest unter der Woche. Kaum hatte ich das geschrieben, fiel mir – weil ich durch sie gegangen bin – auf, dass in der einen Hälfte der Bergmannstrasse in Berlin-Kreuzberg auch ähnliche Vorbauten stehen: Dort, wo sonst Autos parken würden, aber nicht für Plätze von Restaurants und Kneipen, sondern als öffentliche Sitzgelegenheiten. Und auf diesen sassen tatsächlich einige Menschen und redeten – lange nicht so viele wie in den Restaurants drumherum, aber doch einige. Allerdings: Am Samstag Abend. Zu anderen Zeiten, in denen ich dort vorbeigegangen bin, ist mir nicht erinnerlich, dass sie merklich benutzt worden wären.

4 Was man in diesen Bibliotheken auch lernen kann, ist, dass man die Toiletten in der Bibliothek 50 Cent kosten lassen kann – manchmal für alle, manchmal kostenlos für Nutzer*innen mit Bibliothekskarte. Ich weiss aber nicht, ob das ein gutes Beispiel ist.

Vom Unbehagen mit „den Bibliotheken‟ von Aat Vos

Hier ein Geständnis von mir (vielleicht ist es auch keines): Die neu eröffneten Bibliotheken, welche gerade durch die bibliothekarische Presse gereicht werden und bei denen in den Begleittexten oft in den Vordergrund gestellt wird, dass Aat Vos an ihrer Gestaltung beteiligt war – ich finde sie alle abstossend. Hässlich ist das falsche Wort – aber weder einladend noch gemütlich (wie sie immer wieder genannt werden), sondern auf Effizienz und genaue Aufgaben hin durchgeplant; ausgestattet wie diese Co-Working-Spaces, die auf Firmen ausgerichtet sind und den Vibe ausstrahlen, dass man in ihnen einerseits so tun muss, als wäre man gerade heftig entspannt kreativ und entspannt, bei denen aber andererseits fühlbar ein „travail travail travail‟ über allem geschrieben steht. Wie eine unbelebte Bühne, wo alles zu sauber, neu, ungebraucht dasteht, aber einen cooles Café darstellen soll. Halt wie Räume, die auf Effizienz, Arbeitssamkeit und korrekte Manieren hin geplant wurden. Aber selbstverständlich könnte das ein rein subjektives Empfinden sein. Das Leute Dinge mögen, die ich nicht ausstehen kann – das ist mein Leben.

Doch mir scheint, es ist komplizierter, als das man es einfach auf subjektive Eindrücke reduzieren könnte. Die Bibliotheken, welche in den betreffenden Texten begeistert beschrieben und in den Bildern dargestellt werden, scheinen mir erstaunlich klar einen eindeutigen Habitus auszustrahlen. Während andere („alte‟) Bibliotheken mit ihren offenen Flächen zwar auch bestimmte Dinge zu „fordern‟ scheinen, scheinen sie mir doch immer offener zu sein als die Bibliotheken „von Aat Vos‟. Oder anders: Letztgenannte, „neue‟ Bibliotheken scheinen mir – entgegen ihrem Anspruch – viel einschränkender zu sein, als die heute im Bibliothekswesen offenbar als langweilig wahrgenommenen Bibliotheken des letzten Jahrzehnts. Und gleichzeitig auch entgegen dem eigenen Anspruch eben nicht „alle‟ ansprechend, sondern sehr klar vor allem gutsituierte Personen. Sozial Schwache, so scheint es mir, werden aus diesen „neuen‟ Bibliotheken eher draussen gehalten werden – obwohl selbstverständlich der Anspruch ist, das sie auch die Bibliothek nutzen sollen – wie sie halt praktisch aus den höherpreisigen Coffeeshops und Co-Workingspaces herausgehalten werden, die so aussehen, wie diese Bibliotheken.

Wie diesen Vibe fassen? Wo kommt dieses Feeling, dieses Unbehagen her? Wie es über den subjektiven Eindruck hinausheben, der alleine ja nichts sagt und allgemein auch als nicht zu diskutieren gilt? Das denke ich langsam zu wissen und möchte er gerne hier zeigen. [Und, dass ist mir wichtig: Es geht mir nicht darum die Person Aat Vos zu kritisieren. Das hier ist keine Polemik und kein persönlicher Angriff. Er wird nur immer und immer wieder als Designer erwähnt, deshalb erwähne ich ihn. Wie so oft geht es mir um strukturelle Fragen. Es ist ja zum Beispiel nicht nur Vos, seine Beratung und seine Arbeit anbietet, sondern es sind auch immer Bibliotheken, die diese annehmen.]

Soziologie, Ethnologie

Bourdieu und Lefebvre – beziehungsweise die Arbeiten dieser beiden Soziologen scheint mir eine gute Grundlage, um das Unbehagen besser zu fassen und auch das Nachdenken (und dann das Verändern, wenn das gewünscht ist) dieser Situation zu ermöglichen. [Und ja, es fällt auf, dass dieser Text durchgehend von Männern spricht; offensichtlich gäbe es sowohl bei der Kritik als auch der Gestaltung von Bibliotheken andere Bezugspersonen, die gewiss das Design vielfältiger und die Kritik inhaltlich besser machen würden.]

Zu Bourdieu: Was gemütlich ist, ist schichtspezifisch

Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft‟ (Original: „La distiction. Critique sociale du jugement‟, 1979) ist (bekanntlich?) eine empirische Studie zum Zusammenhang von sozialer Position und ästhetischen Urteilen; also grundsätzlich der Frage, ob das, was als schön, sinnvoll, gemütlich et cetera angesehen wird ein individuelles Charakteristikum ist – oder aber in einem Zusammenhang mit der sozialen Position steht, die eine Person einnimmt. Oder noch anders: Ob Reiche, Arme und die Menschen dazwischen jeweils einen eigenen Stil haben (in der Wohnungseinrichtung, dem Bezug zur Kunst, dem, was sie schön oder hässlich finden…), oder ob das zufällig verteilt ist. Die Daten dazu sind heute alt (erhoben in den 1960er und 1970er Jahren) und aus Frankreich, aber die Ergebnisse wurden grundsätzlich immer wieder auch in anderen Zusammenhängen bestätigt. Die Struktur scheint zu stimmen, nur die Ausprägung ändert sich.

Und die Ergebnisse waren (bekanntlich?), dass: Ja, die ästhetischen Urteile und die soziale Lage eng miteinander verknüpft sind. Was in der einen Sozialschicht als schön, gut et cetera galt, gilt in anderen Sozialschichten nicht auch als gut, schön und so weiter. Teilweise, aber nicht immer, gilt es explizit als hässlich, als Ausdruck eines schlechten Geschmacks, eines falschen Lebens. Diese Geschmacksurteile, die als subjektiv gelten (siehe oben, die Vermutung, dass meine Wahrnehmung der genannten Bibliotheken rein subjektiv sein könnte), sind sehr sehr eng daran gebunden, welcher sozialen Schicht wir entstammen oder welcher wir zugehören. Deshalb lässt sich auch nicht so einfach etwas finden, was „alle‟ schön, gemütlich oder zumindest okay finden (ausser, die sozialen Schichten sind nicht weit voneinander entfernt, aber unsere Gesellschaft strebt ja eher auseinander als aufeinander zu).

Bei Bourdieu geht es dann auch darum, wie sich diese Geschmacksurteile in die Körper einschreiben und dazu führen, dass sich Angehörigen einer Sozialschicht „erkennen‟. Aber schon in der originalen Datenaufnahme – im Buch dargestellt – geht es darum, wie Menschen aus unterschiedlichen Schichten ihre Wohnungen einrichten. Dabei wird sichtbar, dass dies selbstverständlich auch damit zu tun hat, wie viel Geld jemand für die Einrichtung einer Wohnung investieren kann, aber nicht nur. Menschen bezeichnen unterschiedliche Stile als schön, gemütlich und nannten auch ganz andere Kriterien, nach denen sie ihre Wohnungen bewerten würden. Die Wohnungen von Menschen mit wenig Geld sehen nicht aus wie billige Kopien der Wohnungen von Menschen mit viel Geld – sondern wirklich anders. (Im Buch neigen Menschen mit wenig Geld zum Beispiel zu einem „praktischen Stil‟, also dazu, dass als schön angesehen wird, was auch praktisch ist – aber das kann sich geändert haben.) Das heisst nicht, dass die soziale Schicht den Geschmack, den Stil und so weiter vollständig determiniert. Es gibt immer persönliche Unterschiede und Ausnahmen. Aber was Bourdieu et al. zeigten, war, dass der Zusammenhang sehr, sehr eng ist.

Mir scheint, dass lässt sich selbstverständlich auch auf Räume wie Bibliotheken übertragen. Bibliotheken behaupten gerne – und wieder einmal in den Texten, welche die hier thematisierten neu gebauten / eingerichteten Bibliotheken beschreiben – Orte sein zu wollen, die für alle offen sind. Aber wie baut man Räume, die „für alle offen sind‟, wenn sich das, was als schön, gemütlich und so weiter gilt, je nach sozialer Schicht unterscheidet? Vielleicht, indem man sie sehr einfach und funktional macht. Zumindest aber nicht, indem man einfach behauptet, dass es eine spezifisch „gemütlichen‟ Stil gäbe, der die meisten Menschen ansprechen würde. Und schon gar nicht so, wie das in diesen Bibliotheken gemacht wird: mit Möbeln aus dem höherpreisigen Design-Möbelgeschäften, vollgestellten Räume, überall Designelemente und so Pseudo-verspielte-Garten-Farben. Wenn man erst einmal akzeptiert hat, dass die soziale Schicht auch den Stil mitbestimmt, und dann auf diese Räume blickt, dann fällt schnell auf, dass die vor allem für den Geschmack einer gut-situierten Schicht gebaut scheinen; einer Schicht, die einen Stil (vielleicht) gemütlich findet, der Arbeit und Freizeit nicht wirklich voneinander trennt. Wie halt, wie oben schon gesagt, Co-Working-Spaces, die Gemütlichkeit eher simulieren und eher zum Arbeiten auffordern, zum etwas-machen, zum aktiv sein auffordern. Andere soziale Schichten trennen aber zum Beispiel Arbeit und Freizeit ganz explizit.

Zu Lefebvre: Was der Raum ist, bestimmt nicht das Design allein

Noch etwas irritiert mich bei den ganzen positiven Darstellungen dieser neuen Bibliotheken immer wieder: Es wird über das Design berichtet, auch über die Prozesse, wie über die Umbauten / Neubauten entschieden wurde und es werden Bilder aus den Räumen publiziert. Aber das ist das schon der Raum Bibliothek?

Hier kommen mir immer und immer wieder die Arbeiten von Henri Lefebvre darüber in den Sinn, wie Städte „funktionieren‟. (Vor allem, aber nicht nur „Das Recht auf Stadt‟, Original „Le droit à la ville‟, 1968.) Hauptthese bei ihm – die auch wieder nicht aus der Luft gegriffen, sondern theoretisch und empirisch untermauert und bis heute immer wieder genutzt und bestätigt wird – ist, dass das „Funktionieren‟ von Städten und Räumen sich nur verstehen lässt aus dem Zusammenspiel von Gebautem Raum (Infrastruktur) – Wahrgenommenen Raum (Was soll er? Was sind die „sozialen Regeln‟ des Raumes? Was „gehört‟ sich und was nicht?) – Gelebten Raum (Wie wird sich verhalten? Wie wird der Raum „bewohnt‟). Ein Raum, seine Struktur, seine Ausstattung hat immer einen mehr oder minder klaren Aufforderungscharakter: Was in ihm passieren soll. Dazu hat jeder Raum aber auch seine eigenen Regeln, die sich sozial ergeben. Nicht nur, was erlaubt oder verboten ist, sondern auch was sozial erwünscht ist und was nicht, was als schicklich gilt oder nicht. Und daneben gibt es das, was im Raum wirklich passiert.

Ohne das gleich empirisch zu fassen, lässt sich das ganz gut nachvollziehen, wenn man nur ähnliche Räume in unterschiedlichen Gesellschaften oder auch nur Städten / Gemeinden besucht und dann jeweils eine Zeit lang in ihnen aufhält. Jetzt gerade sitze ich zum Beispiel in einem Café in Basel, dass so leicht alternativ ist, mit intellektuelleren Zeitschriften und eher linken bis mitte-linken Zeitungen in der Auslage, WLAN, kleinen Speisen, gutem Kaffee etc. Es könnte sich so auch gut in Berlin, Wien, Lausanne befinden, mit dem gleichen Aufbau, dem gleichen Fokus und so weiter. Aber es würde sich anders anfühlen. In Berlin oder Lausanne zum Beispiel nicht so arbeitssam, auch nicht so „zur Stadt passend‟. Wieso, wenn die Möbel und die Infrastruktur die gleichen sein könnten? Weil der „wahrgenommene Raum‟ und der „gelebte Raum‟ nicht der gleiche ist. Die sozialen Regeln sind in schweizerischen Grosststädten halt etwas anders als in deutschen oder österreichischen Metropolen und in der Deutschschweiz auch anders als in der Romandie. Sie sind schwieriger (aber bei genau Zeit auch nicht unmöglich) zu fassen, als einfache Auszählungen von Nutzer*innen. Auch das Leben ist leicht anders. Sonst wären die Städte ja alle gleich – was sie bekanntlich nicht sind. [Man kann das aber auch selber an anderen Beispielen überprüfen, wenn man Cafés nicht mag. Ich war in den letzten Wochen zum Beispiel auch in Öffentlichen Bibliotheken mehrerer Städte, die alle mit dem Möbeln des gleichen Bibliotheksausstatters gestaltet wurden und deshalb auch in vielem gleich waren – aber doch gänzlich unterschiedlich laut, benutzt und so weiter. Ich bin der Überzeugung: Hätte ich etwas mehr Zeit in ihnen verbracht und nicht nur einen kurzen Blick in sie geworfen, wären mir mehr Unterschiede aufgefallen. – Das Experiment kann jede und jeder auch selber einmal durchführen, wenn sie oder er mir das nicht glaubt.]

Aber, bezogen darauf, wie die neu gestalteten Bibliotheken dargestellt werden, scheint das überhaupt nicht thematisiert zu werden. Hier scheint eher die Überzeugung vertreten zu werden, dass es praktisch nur auf das Design der Räume ankäme, um sie zu verändern. Das scheint mir leicht absurd: Was ist den mit denen anderen Bereichen? Wie soll man den etwas über die Wirkung der Bibliotheken sagen können, wenn man nur über Design redet und Bilder der Räume (meiste ohne Menschen drin) zeigt? Mir scheint, wenn man einmal mit Lefebvre den Blickwinkel einnimmt, dass Räume nicht einfach nur durch den gebauten und designten Raum funktionieren, stellt sich schnell die Frage, was alles in der Planung und Darstellung fehlt (beziehungsweise zu fehlen scheint): Neben der Frage nach dem sozialen Charakter der Räume, die da gebaut werden (siehe oben), auch die Frage nach den sozialen Regeln, die mit den Räumen aufgerufen werden und denen, die tatsächlich etabliert und dann gelebt werden.

Kurz noch Habermas, Oldenburg

Gleichzeitig wird in den Texten zu diesen Bibliotheken immer wieder behauptet, dass sie gebaut würden, um eine Ort herzustellen, in dem sich alle zusammenfinden sollen und so Gesellschaft entsteht. Es wird auf den „Dritten Ort‟ verwiesen und darauf, dass „heute‟ Bibliotheken als Ort wichtig würden, an denen Vertrauen geschaffen wird und so weiter. Die immer gleichen Schlagworte und immer wieder genutzten Formulierungen sind wohl bekannt.

Aber nochmal: Am Ende wird in den Texten vor allem von Design und Planungsprozessen geredet; nicht vom sozialen Leben. Mir scheint, dass oft eine sehr einfache Überlegung im Hintergrund steht: Nähe von Personen wird mit Kommunikation über soziale und andere Grenzen hinweg gleichgesetzt. Oder anders: Weil die Räume gemütlich wären, würden sich hier viele unterschiedliche Menschen einfinden und dann beginnen, miteinander zu reden. Der Raum scheint dafür oft als genügend anregend zu gelten. Abgesehen davon, dass der Stil meiner Meinung nach eher zu einer Verengung der sozialen Schichten, welche diese Bibliotheken gerne nutzen, führen wird: So funktioniert Gesellschaft selbstverständlich überhaupt nicht.

Mir scheint hier ein ganz vereinfachtes – so einfach, dass es falsch ist – Verständnis von öffentlichen Raum vorzuliegen. Das wird gerne mit Habermas und seinen Arbeiten zum Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft durch Kommunikation in Verbindung gebracht, aber selbstverständlich ist das nicht das, was bei Habermas drin steht. Bei ihm geht es auch um soziale Unterschiede, um Kommunikationsbarrieren, um Themensetzungen und so weiter.

Bei den Texten zu den neuen Bibliotheken scheint es aber die Vorstellung zu geben, dass man einfach Räume bauen könne, in denen soziale Unterschiede, Unterschiede in Verständnis, Wahrnehmung, Interpretation von sozialen Regeln, Erwartungen und so weiter verschwinden – und dadurch dann schon Leute miteinander reden und deshalb Gesellschaft herstellen. Das müsste man aber nachweisen (und meiner Meinung nach kann man das nicht nachweisen, weil es so nicht passiert). Wenn man Räume baut, in denen Menschen miteinander reden sollen (ganz abgesehen davon, dass nicht klar ist, ob das überhaupt schon Gesellschaft ausmacht), dann muss man über die Funktion dieser Räume nachdenken – und das funktioniert nicht durch Infrastruktur oder Design, sondern durch aktives Tun: Irgendetwas oder irgendwer muss die Kommunikation erst motivieren oft auch am Laufen halten.

Sicherlich kann man Räume bauen, die praktisch Kommunikation verhindern – deshalb ist es ganz gut, wenn man darüber nachdenkt, wie man das gerade nicht tut. Aber einfach gemütliche Räume bauen und dann hoffen, dass das schon ausreicht – – – das funktioniert selbstverständlich nicht. Das führt nur dazu, dass Menschen, die sich schon kennen, miteinander reden und die anderen daneben vor sich hinarbeiten / hinleben. (Auch das kann man in den Cafés, auf die sich implizit ja bei den ganzen „gemütlichen Bibliotheken‟ bezogen wird, beachten. Wenn es keinen Grund gibt, miteinander zu reden, sitzen die Menschen auch da getrennt voneinander. Auch hier: Jetzt sitze ich seit vier Stunden in diesem gemütlichen, kleinen, hellen Café in Basel und habe genau mit den beiden Herren am Tresen gesprochen, sonst niemand. So wie andere auch. Die Idee, dass es in solchen Räumen zu Kommunikation kommen würde, scheinen mir oft Menschen zu haben, die sich praktisch nie in solchen aufhalten. – – – Auch hier mein Hinweis: Wer es nicht glaubt, kann ja mal ein paar Stunden in solchen Cafés verbringen und sich das selber anschauen.)

Dabei: Allgemein wird bei solchen Bibliotheken ja auf den „Dritten Ort‟ verwiesen und das wiederum könnte auf das Buch von Ray Oldenburg („The Great Good Place‟, 1989) zurückverweisen, in dem er diesen Begriff „Dritter Ort‟ geprägt hat. Ich weiss, das wird gerne ignoriert und der Begriff eher gefühlt als begründet. Aber ist doch auffällig, dass Oldenburg bei der Prägung des Begriffes immer und immer wieder darauf verweist, dass die Orte, die er als „Dritter Ort‟ beschreibt, „plain‟ sein: Einfach, ohne notwendig grossen Schnick-schnack, ohne grosses Design. Sehr offen in der Nutzung. Nur so könnten sie funktionieren (und dazu würden sie noch einige andere Dinge brauchen, beispielsweise „anregende Getränke‟ und „Kommunikation als Hauptzweck‟ und „Stammnutzer*innen‟, welche erst die sozialen Regeln etablieren und leben). Das „gemütlich‟, von dem Oldenburg spricht – und im Buch anhand von Bildern illustriert – ist etwas anderes als das, was in den neuen Bibliotheken gebaut wird und auch etwas anderes als das, was Bibliotheken unter „erhöhter Aufenthaltsqualität‟ zu verstehen scheinen. Oldenburg ist schlecht im Begründen seiner Thesen, aber ich denke, was er andeutet ist, dass „Dritte Orte‟ vor allem so sein müssen, dass sie weniger dem Stil einer sozialen Schicht folgen, sondern offen genug sind, damit sie zumindest nicht den bevorzugten Stilen mehrerer sozialer Schichten widersprechen. (Oder die unterschiedlichen Stile verbinden. Deswegen ist er so begeistert von englischen Pubs, in denen so unterschiedliche Räume nebeneinander untergebracht sind.) Vielleicht gilt das ja viel eher für Bibliotheksräume, die als „langweilig‟ bezeichnet werden, als für die neu gebauten? Zumindest ist es schon erstaunlich, wie weit eigentlich diese „neuen‟ Bibliotheksräume von den Thesen sind, auf die sie sich vorgeblich – durch die Verwendung des Schlagworts „Dritter Ort‟ – beziehen.

Nicht zuletzt bin ich auch deshalb über das Fehlen von allen Aussagen dazu, wie diese Räume „funktionieren‟ (sollen) bei gleichzeitiger Behauptung, sie wäre für die Herstellung von Gesellschaft geschaffen, so irritiert, weil es selbstverständlich eine ganze Wissenschaftsdisziplin gibt, die sich damit beschäftigt, wie Gesellschaft auf der Ebene von Individuen und Gruppen hergestellt wird: Der Ethnologie. In ihr geht es um gelebte soziale Regeln, Erwartungen, Rituale, Verhaltensweisen und so weiter. Wie kann man diese ganze Disziplin ignorieren? (Klar, wie ich schon sagte: Indem man behauptet, die Bereitstellung des richtig gestalteten Raumes sein schon ausreichend. Aber das ist doch erstaunlich, wenn man aus der Ethnologie eigentlich lernen könnte, wie viel Arbeit erst von Menschen dareingesteckt wird, Gesellschaft auf lokaler Ebene herzustellen. Wäre es so einfach, dass man dafür einfach nur den richtigen Raum bereitstellen müsste, dann bräuchte es diese ganze Disziplin überhaupt nicht.)

Wieso ist das so?

Zusammengefasst: Ich habe ein grossen Unbehagen mit den neu gebauten Bibliotheken, die aktuell durch die bibliothekarischen Publikationen als neu und zukunftsweisend gereicht werden. Und mit etwas Theorie scheint mir das Unbehagen mehr als eine rein subjektive Abneigung. Mir scheint sogar, ungewollt aber doch real, hat man hier Räume gebaut, die noch mehr ausgrenzen, als man das schon von „langweiligen Bibliotheksräumen‟ vermutet hat. Stimmt das? Das müsste empirisch überprüft werden. (Aber man kann es erst überprüfen, wenn man den Verdacht äussert und zeigt, wieso es so sein könnte – was ich hier versuche.)

Aber wieso ist das so? Es ist ja nicht so, dass Bibliotheken Räume bauen wollen, die ausgrenzen. Ganz im Gegenteil. Und auch Aat Vos würde ich so was nicht unterstellen. Grundsätzlich kann man bei allen Beteiligten von good wil ausgehen. Nur: good wil alleine führt noch nicht zu guten Ergebnissen – „nur‟ zu gut gemeinten.

Ich denke, es sind zwei Dinge, die hier hineinspielen.

Zuerst, da es in den Texten auch immer um Aat Vos geht, soll es hier auch um Aat Vos gehen: Der ist Designer (und „Kreativ-Coach‟, ich weiss aber nicht, was ein Kreativ-Coach macht; aber was Designer*innen machen weiss ich ein bisschen). Als solcher muss er wohl davon überzeugt sein, dass vor allem Design die Welt retten oder zumindest besser machen wird. Es gibt im Design und der Architektur (bekanntlich?) eine lange, lange Tradition, sich gerade nicht an „the man‟ verkaufen und nur für Reiche irgendetwas Hübsches designen oder bauen zu wollen – sondern etwas, was besser ist für alle Menschen. Mit sozialem Anspruch Designen und Bauen. Wir haben gerade noch „100 Jahre Bauhaus‟, da sollte so eine Aussage nicht irritieren. Aber immer und immer wieder wurden Dinge designt, Gebäude gebaut, Plätze und Städte geplant, damit es allen besser geht und die Gesellschaft besser funktioniert – immer wieder auf der Basis von spezifischen Überzeugungen der Personen, die Designen oder Planen, was gut für die Gesellschaft wäre, wie die Gesellschaft funktioniert und so weiter. (Auch da ist das Bauhaus ein gutes Beispiel für.) Einiges hat zu einem besseren Leben beigetragen, vieles ist eher gescheitert (die „New Towns‟ in GB, die Banlieus in Frankreich, die sozialistischen Kollektivhäuser in der frühen Sowjetunion), noch mehr wurde anders genutzt, als geplant (zum Beispiel die ganzen Bauhaus-Wohnungen, die dann von Bewohner*innen doch nicht spartanisch und funktional durchgeplant belassen, sondern vollgestellt wurden). Diese Tradition ist da – und selbstverständlich ist es sympathischer, wenn mit so einem Anspruch geplant und designt wird. Aber sie wird auch fast „nur‟ mit Mitteln des Designs und der Architektur reflektiert und interpretiert, also eher mit einem Ansatz der Untersuchung von Beispielen mit ästhetisch und anderen Kriterien, aber zum Beispiel wenig soziologischem Verständnis. In einem solchen Denken kann es als ausreichend gelten, die funktionierende Gesellschaft auf lokaler Eben als eine zu verstehen, in der Menschen miteinander reden und dann nach Design-Lösungen zu suchen, die das ermöglichen würden.

Nachvollziehbar. Aber nur, weil Designer*innen davon überzeugt sind, dass Design die Welt besser machen würde, müssen Bibliotheken das nicht gleich glauben. Schon die Geschichte all der gescheiterten Interventionen durch Design sollte zeigen, dass diese eher Scheitern als Funktionieren. Darum scheint mir die Soziologie (und Ethnologie) weit besser zu erklären als das Design. Mich erstaunt deshalb, wie umstandslos Behauptungen aus dem Design in bibliothekarische Texte (und wohl auch bibliothekarisches Denken) übernommen zu werden scheinen.

Das dies so einfach übernommen wird scheint mir – das ist der zweite Punkt – ein Ergebnis der Untertheoretisierung von Bibliotheksbau und Raumplanung (und der tatsächlichen Funktion von Bibliotheken) zu sein. Eigentlich haben wir, wie oben gezeigt, genügend Wissen darüber, worauf und wohin wir zumindest schauen müssten, wenn wir darüber nachdenken, Bibliotheken umzubauen oder neu zu bauen. Aber weil das Bibliothekswesen eher schlecht darin ist, wirklich öffentlich und nachvollziehbar darüber nachzudenken, scheint es manchmal, als könnte einfach jemand etwas über die Wirkung von Räumen behaupten – und wenn das nur selbstbewusst und oft genug gemacht wird, dann wird das übernommen.

Das ist nicht perfekt, weil es nicht per se gute Räume baut (sondern auch zu solchen führen kann, die vielleicht eher ausschliessen). Sicherlich: Ich könnte es zu meiner Mission machen, auch selbstbewusst und oft etwas über Räume und Bibliotheksbau zu behaupten. Aber das kann ja nicht die Lösung sein. Sinnvoller wäre es wohl, Design und Architektur als das zu sehen, was sie sind: Design und Architektur. Und die Aussagen und das Nachdenken über Gesellschaft und Wirkung von Bibliotheksräumen nicht diesen zu überlassen, sondern eher auf die Disziplinen zurückzugreifen, die das Wissen dazu systematisch erwerben. Das ist halt vor allem die Soziologie.

Sinnvoll als Praxis wäre es wohl auch, regelmässig mit einem soziologischen Blick Bibliotheksräume zu interpretieren. Übung macht dabei auch die Anwendung soziologischer Modelle besser. Ich hoffe, es ist klar geworden, dass diese Theorien nicht „einfach dahergesagt‟ sind, so wie Berater*innen einfach vieles auf der Basis ihrer eigenen Überzeugung dahersagen, sondern auf Empirie, Theoretisierung und wiederholter Anwendung / Testung beruhen. Sie erklären auch etwas – und mehr, als doch eher einfache Annahmen über die Funktion von Räumen und Gesellschaft, welche aktuell das Nachdenken über Bibliotheksräume zu prägen scheint.

Aber irgendetwas muss man ja bauen…

Sicherlich: Bibliotheken werden ständig um- oder neugebaut. Deshalb müssen auch immer wieder Entscheidungen darüber getroffen werden, was gebaut / in den Raum gestellt wird und wie. Das kann nicht einfach unentschieden gelassen werden, bis die best-mögliche Lösung erarbeitet ist. Irgendwas muss halt doch gebaut werden. Und es ist auch richtig, dass dafür bestimmte Methoden verwendet werden müssen. Und grundsätzlich wäre es wohl richtig zu sagen, dass alle Methoden erst mal sinnvoll sein können, wenn sie nur je zum zu lösenden Problem oder den gestellten Fragen passen.

Bei den „neuen Bibliotheken‟ ist es aber auffällig, wie oft diese – am Ende ja doch immer wieder ähnlich aussehenden – Bibliotheken mit vor allem einer Methode, nämlich Design Thinking verbunden werden. Wenn etwas zum eigentlichen Entscheidungsprozess für diese Neu- und Umbauten in den betreffenden Texten mitgeteilt wird, dann, dass es diese Methode war. Und, wie gesagt, die Bibliotheken scheinen mir gerade viel geschlossener und nicht offener zu werden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Methode doch etwas damit zu tun hat, das die Bibliotheken am Ende immer wieder so werden, wie sie werden. Es wäre deshalb sinnvoll, sich diese doch noch einmal genauer anzuschauen, bevor sie weiter einfach immer wieder als vorgeblich zeitgemässe, innovatives Vorgehensweise genutzt wird. Mir scheint, dass zumindest Teile der Methode dafür verantwortlich sind, dass ständig einer offenbar stark verkürzte Vorstellung davon, wie Gesellschaft und Räume funktionieren, gefolgt wird und das immer wieder diese, meiner Meinung nach, ausschliessenden Räume gebaut werden. [Drei Vermutungen: Das „Kritikverbot‟, welches oft am Anfang der Methode eingeführt wird, führt dazu, dass offensichtliche Widersprüche nicht genannt werden. Der Fokus auf „Tun‟ (Making, Rapid-Prototyping etc.) verengt den Blick und das, worüber man nachdenken soll / kann auf Design-Lösungen. Der vorgeblich kreative, spielerische Ansatz zieht Personen aus bestimmten Sozialschichten – die Arbeit und Freizeit beziehungsweise Arbeit und Spiel nicht wirklich voneinander trennen – an und stösst andere eher ab. Aber das nur erste Vermutungen.]

Was sein könnte

Grundsätzlich aber scheint mir, dass gerade diese neuen Bibliotheken eine Aufforderung darstellen, mehr über die tatsächliche Nutzung und Wirkung von Bibliotheksräumen nachzudenken; dabei nicht nur einer Erzählung über „kreative Räume‟ und so weiter zu glauben, sondern auch das einzubeziehen, was als einigermassen gesicherter Wissensbestand über Gesellschaft, Stil, Wahrnehmung bekannt ist. Und es wäre sinnvoll, vielleicht wieder andere Methoden mit zu benutzten – und nicht eine, die so eindeutig aus dem Design kommt, ungefragt zu übernehmen. Was dabei rauskommen wird? Keine Ahnung, das wäre ein (gemeinsamer) Prozess.

Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass am Ende klar wird, dass das, was als „langweiliger Raum‟ beschrieben wird (nicht als schlechter, lauter, billiger; sondern als langweilig und bland) sich als sinnvoller Raum herausstellen kann, wenn man wirklich dem Ziel folgen will, Räume „für alle‟ zu bauen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass man dahin kommt, Planung von neuen Bibliotheken gar nicht erst rein als Design- und Architekturprojekt zu verstehen und zu präsentieren, sondern als umfassender: Mit Raum und Infrastruktur, aber auch Angeboten, Regeln, die man durchsetzen möchte, Dingen, die man ermöglichen möchte (und wie) und so weiter. Und vor allem kann ich mir vorstellen, dass man nicht mehr einzelne BeraterInnen als Wissensquelle benutzt und deren Thesen einfach zu übernehmen scheint.

Was sich aus so einem Nachdenken wie hier meiner Meinung nach auch ergibt, sind zahlreiche Forschungsfragen, die mal angegangen werden könnte – und sei es, um meine Wahrnehmungen zu widerlegen (anstatt einfach zu behaupten, dass sie nicht stimmen). Beispielsweise, wie Menschen aus verschiedenen Sozialschichten diese (und andere) Bibliotheken wahrnehmen und nutzen. Oder wie und ob die erhofften (und in vielen Texten zu den neuen Bibliotheken ja explizit erwähnten) Kommunikationen zwischen Nutzer*innen überhaupt stattfinden. Oder ob andere Methoden, bezogen auf die gleichen Aufgaben, bessere Ergebnisse hervorbringen und es tatsächlich eine Methodenfrage ist. (So funktioniert Theorie, wenn sie angewandt wird: Sie lenkt den Blick darauf, was zu beobachten sein müsste.) Aber das nur als Aufforderung.

Umfragen, um dann zu machen, was alle machen?

Letztens, in einer Kneipe bei mir aber auch bei der „Helene Nathan Bibliothek” in Berlin-Neukölln um die Ecke, fielen mir die aktuellen Informationen (vom April 2019) des Quartiersmanagements in die Hände (flugblätter 1.19 – Informationen rund um den Flughafenkiez, https://qm-flughafenstrasse.de/fileadmin/user_upload/2019/04_April/flugblätter_1.19-web.pdf̈), vorne drauf ein Artikel zum Umbau der Bibliothek. Dieser Artikel liess mich einigermassen ratlos zurück. Es gibt ihn dutzende Male, hunderte Male für verschiedene Bibliotheken in hunderten ähnlichen Publikationen. Dieser bezog sich einfach auf eine Bibliothek, die ich direkt kenne. Ich bin auch nochmal vorbeigegangen, um zu schauen, ob meiner Irritation verfliegt, wenn ich die neu umgebaute Bibliothek direkt sehe – aber nein, nein. Die Irritation bleibt. Ich versuche sie hier mal zu fassen.

Es beginnt mit dem Bild, das – selbstverständlich nicht von der Bibliothek, sondern von jemandem im Quartiersmanagement, die oder der die Ausgabe gesetzt hat – als Illustration gewählt wurde: Die Bildungsstadträtin sitzt in einem Sonic Chair (nicht etwa diesen Chair „nutzend”, also zurückgelehnt irgendetwas hörend, sondern irgendwie das Tablet festhaltend, aber irgendwoandershin schauend). Was soll das? Was drückt das aus? Sicherlich: Die Bildungsstadträtin steht hinter der Bibliothek – das wäre die eine positive Interpretation. Aber wie lange noch muss eine Sonic Chair – von dessen Nicht-Nutzung im Alltag aus so vielen Bibliotheken berichtet wird – noch als „Zukunftsmöbel” einstehen? Nochmal 10 Jahre? Vielleicht 20? Ich weiss nicht, vielleicht bin ich zu zynisch. Aber ich muss noch die Bibliothek finden, welche die Anschaffung eines solchen Chairs im Nachhinein als sinnvoll bezeichnet. Gleichzeitig werden solche Bilder jetzt schon seit Jahren eingesetzt, um neu umgebaute Bibliotheken zu symbolisieren. Das scheint mir je länger je mehr absurd. Irgendwann müsste der Neuigkeitswert doch aufgebraucht sein – aber offenbar nicht.

„Ein Ort für alle”

Aber zum Text: Es geht darum, dass die Bibliotheken umgebaut wurde. Vor einigen Jahren gab es in der Bibliothek Probleme damit, wie und von wem sie wofür genutzt wurde (angesichts der Verdrängung billiger Aufenthaltsorte und dem Zubauen von freien Flächen hier im Kiez kann man sich wohl denken: Es ging vor allem darum, ob die Bibliothek ruhig sein sollte oder auch ein lauter Aufenthaltsort, aber laut durch Jugendliche, die sich nicht wie lernwillige Mittelstands-Jugendliche verhalten – und nicht laut durch die vorgeblich so lebendige Stadtgesellschaft.). Diese Probleme seien, so der Text, jetzt durch den Umbau vorbei. (Was ich, Nebenbemerkung, eine ganz absonderlich unsoziologische Interpretation durch das Quartiersmanagement, finde. Ich würde zumindest fragen, ob sich nicht einfach durch Verdrängung und Prioritätenverschiebung bei Jugendlichen eine andere Klientel eingefunden hat, während Teile der alten Klientel jetzt anderswo wohnen müssen – was das Quartiesmanagement eigentlich interessieren müsste.) Aber auch das ist nicht, was mich irritiert. Bibliotheken werden umgebaut, erneuert, neu geplant. Das gehört zur bibliothekarischen Arbeit, dazu muss man eigentlich keinen grossen Grund angeben. Aber vielleicht darf man das nicht in einen Artikel schreiben, weil es dann keine richtigen Artikel mit Neuigkeiten wäre.

Was mich wirklich irritierte war dieser Satz: „Nach einer Befragung von Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen wurde beschlossen, die Bibliothek zu einem Ort für alle umzubauen.”

Da wurde also eine Umfrage durchgeführt, um dann das zu machen, was alle (Öffentlichen Bibliotheken) machen (wollen): Umbauen und „Ort für alle” werden? Was ist dann der Sinn dieser Umfrage? Mir ist das nicht klar. Vielleicht, weil ich zu oft Anfragen kriege, dass entweder ich oder aber Studierende solche Umfragen in Bibliotheken durchführen sollen – aber es erscheint mir eine ganz absonderliche Vorgehensweise. Wenn man eine Umfrage macht und dann anschliessend eh das, was die anderen Bibliotheken auch machen – wozu macht man dann die Umfrage? Wieso betreibt man diesen Aufwand?

Es gibt immer wieder zwei Antworten, die ich dazu: (1) Bibliotheken vermuten, dass es bei Ihren Nutzer*innen ganz anders wäre und (2) Bibliotheken vermuten, dass sie die Ergebnisse als Argumentation für … die Politik (?) benötigen würden.

Ad (1): Mir ist nie klar, was die einzelnen Bibliotheken denn denken, dass bei Ihnen so anders wäre, als bei anderen Bibliotheken. Klar: Alles ist spezifisch, jede Stadt, jeder Kiez ist anders. Alle Menschen sind verschieden (und sollen es sein). Aber mal ehrlich – im Bezug darauf, wie eine Bibliothek genutzt und was von ihr gefordert wird: Was soll da so spezifisch anders sein? Mal werden mehr Angebote für Kinder gefordert – weil mehr Kinder im Kiez wohnen. Oder mehr Angebote für Senior*innen – weil mehr davon im Kiez wohnen. Dazu braucht es aber keine Umfrage, dass kann man auch aus den demographischen Daten herauslesen. Ich habe mir schon mehrfach den Spass gemacht, bei solchen Umfragen vorher zu schätzen, was rauskommt und hatte da bislang immer Recht. Man kann das alles reduzieren, ähnliche Bibliotheken nach deren Umfragen fragen, deren Ergebnisse zusammenfassen, die etwas wichten (Demographie, Einkommensverhältnisse etc.) – und hat am Ende das gleiche Wissen, mit einer besseren Basis (weil aus mehreren Bibliotheken), aber viel weniger Aufwand.

Ad (2): Falls sich Politiker*innen oder Verwaltungs*angestellte etc. überhaupt von Daten aus Umfragen etc. beeinflussen lassen (was bislang von Bibliotheken vermutet, aber auch nie nachgewiesen wird), dann würde das auch für Zusammenfassung von Daten aus ähnlichen Umfragen gelten. Nochmal: Was soll schon anderes herauskommen, wenn man zum gleichen Thema nochmal praktisch die gleichen Fragen einer ähnlichen Personengruppe stellt? Nix.

Das es wirklich nicht sehr sinnvoll ist, zeigt das Beispiel dieser Bibliothek im oben angeführten Text: Am Ende wird nur das Konzept gewählt, dass aktuell eh schon die ganze Zeit durch das Bibliothekswesen genudelt wird. Und umgesetzt wird es, indem von einem Bibliotheksanbieter [der hier nicht genannt werden soll] die gleichen „hippen” Möbel gekauft werden, die der schon seit Jahren so im Angebot hat und die man auch in hunderten anderen Bibliotheken findet.

Das scheint mir alles eine immense Verschwendung von Zeit und Ressourcen zu sein, denn, wie schon gesagt, das wird in so vielen Bibliotheken immer und immer wieder gemacht. Berliner Bibliotheken sind da einfach nur sehr spät dran, aber ansonsten sind sie da in nichts spezifisch.

Was man auch machen könnte

Was mich auch irritiert ist, dass es sehr einfach sehr viel besser gehen könnte:

  1. Es ist wirklich ein Leichtes, die Ergebnisse solche Umfragen und Prozesse vorherzusagen. Inhaltlich ergibt sich da nichts Neues. Man könnte also die Zeit und die Ressourcen auch für weitergehende Fragen und Projekte nutzen. Wenn man z.B. weiss, dass man am Ende eh einen „Raum für alle” bauen und einen Sonic Chair reinstellen will – kann man die Zeit verwenden, um zum Beispiel mehr über die Veränderung der Klientel nachzudenken. Oder andere Fragen zu stellen. Oder zu schauen, ob die Sonic Chairs irgendwo anders überhaupt verwendet werden. Irgendwas anderes halt, nur nicht wiederdie gleichen Umfrage.

  2. Wenn solche Umfragen und Veränderungsprozesse genutzt werden, um die Arbeitskultur zu verändern und beispielsweise ab jetzt bei Entscheidungen das Personal einzubeziehen und nicht autoritär von oben zu treffen – dann liesse sich der Aufwand vielleicht rechtfertigen. Aber ist das der Fall? Nicht, wenn in der jetzigen Umfrage das Personal erstmal befragt werden musste.

  3. Der Aufwand wäre vielleicht auch zu rechtfertigen, wenn die Umfrage praktisch eine Fingerübung dafür wäre, ab jetzt evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen – also erstmal etwas einfaches, wo man anhand der Daten aus anderen Umfragen in anderen Bibliotheken schauen kann, ob man alles richtig macht bei Erheben von Evidenz. Und dann aber in Zukunft mehr Methoden, mehr Fragen etc. Ist das hier der Fall? Ich glaube nicht.

Und ehrlich: Mich irritiert das mehr und mehr. Mir ist schon klar, dass Bibliotheken im Alltag vor allem auf sich schauen, dass das intensive Lesen der Fachliteratur (in der Ergebnisse aus ähnlichen Umfragen drin steht) oder das Treffen von Entscheidungen auf der Basis das best-möglichen Wissens nicht verbreitet sind. Aber je öfter je mehr ist mir nicht klar, was das soll. Haben Bibliotheken so viele Ressourcen und so viel Zeit, diese ständige Doppelarbeit zu machen? Wäre es nicht sinnvoller, gemeinsam voranzuschreiten und auf dem Wissen anderer Bibliotheken aufzubauen?

[Und warum jemand den Sonic Chair für eine gute Idee hält, habe ich auch nie verstanden – but maybe that’s just me.]

Was war eigentlich vorher?

Eine Spezifika der Helene Nathan Bibliothek ist es übrigens, dass sie in einem Einkaufszentrum untergebracht ist. In einer Meldung im Bibliotheksdienst 2001 [oder so, gerade nicht greifbar] wird geschildert, dass der Bezirk dem Bau des Einkaufszentrum nur mit der Voraussetzung zugestimmt hat, dass in diesem die Bibliothek untergebracht wird. Die Gründe waren die, die immer bei solchen Projekten angegeben werden: Die Bibliothek soll da sein, wo das Publikum ist; sie soll verkehrsgünstig liegen (was sie tut, direkt am U-Bahnhof); sie soll mit anderen Funktionen verbunden werden (was zumindest soweit auch funktioniert, als das das Zentrum heute neben Einkauf und Cafés auch Kino, Fitnessstudio und Hipster-Bar mit Urban Gardening und Tanzveranstaltungen auf dem Dach beinhaltet).

Es gibt also eine Geschichte von Überlegungen, wie man die Bibliothek beleben könnte und wie sie genutzt werden soll. Kommt das im Artikel hervor? Nein. (Da wird Helene Nathan erwähnt, was schon richtig ist, sie war eine wichtige Person – aber der Verweis hilft wenig, auch ihre Überlegungen zur Volksbibliothek Neukölln werden im Text nicht aufgegriffen.) Wurde diese Geschichte, also vor allem die Versprechen, die man sich machte und die entweder nicht eintraten oder zu sehr eintraten (auf einmal waren Jugendliche in der Bibliothek, die etwas machten, was sie nicht sollten), bei der Neuplanung beachtet? Das scheint mir nicht so. Zumindest ist es nicht sichtbar.

Die Erzählung im Artikel (in so vielen Artikeln zum Umbau von Bibliotheken) ist: Erst war es schlecht, dann machten wir eine Umfrage, jetzt werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Überzeugt das wen? Es ist doch klar, dass, wenn das so weiter geht, einfach in zehn-fünfzehn Jahren wieder behauptet wird: Bis jetzt war es schlecht, jetzt machen wir eine Umfrage, dann werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Ein Kreislauf. Die Bibliothek hier sollte aber auch schon „Ort für alle” sein, als sie ins Einkaufszentrum gebaut wurde – und irgendwas ist schiefgelaufen.

Wäre es nicht sinnvoller, aus der Geschichte zu lernen anstatt einfach diesen Kreislauf wieder und wieder und wieder zu wiederholen? Nein? Dann bin ich zumindest davon irritiert.

Wie schlimm kann es sein, ehrlich gesagt?

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass mir so ein Text in die Hände fiel. Noch nicht mal das erste Mal, dass er mir über diese Bibliothek in die Hände fiel. Vielmehr finden sich solche Texte in lokaler Presse oder solchen peripheren lokalen Publikationen immer und immer und immer wieder. In Berlin fallen sie mir in den Kneipen in die Hände, anderswo, zum Beispiel im Urlaub, irgendwo anders. Aber doch in schöner Regelmässigkeit. Und auch wenn ich an den Texten und Bildern in ihnen verzweifle, weil sie immer wieder gleich sind, gilt doch: So gleichförmig das alles ist, kommen Bibliotheken in ihnen doch auch immer gut weg. Es finden sich Texte darüber, wie sie umgebaut wurden, welche neuen Angebote sie haben etc. Manchmal wird gesagt, dass XYZ noch mehr sein könnte (mehr Öffnungszeiten oder so), aber wirklich Kritik wird in solchen Texten eigentlich nie geäussert.

Das liegt quer dazu, wie einige Bibliothekar*innen das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Diese Idee, Bibliotheken würden praktisch nicht betrachtet und würden als langweilig, „verstaubt” etc. gelten… Ich kann das einfach nicht verstehen. Ich weiss, es gehört offenbar zur Identität als Bibliothekar*in, solch einen Eindruck zu haben. Aber immer wieder, wenn mir so ein Text in die Hände fällt – und ich kann ja nicht der Einzige sein, dem das passiert, einige Freund*innen und Familienmitglieder bringen mir solche Texte auch immer wieder einmal mit, das wird bei anderen Kolleg*innen ähnlich sein – kann nicht umhin zu denken: Was genau ist eigentlich das Problem? Die Öffentlichkeit hat ein positives Bild von Bibliotheken. Welche Einrichtung wird sonst noch kontinuierlich so positiv dargestellt? Die Feuerwehr vielleicht. Aber sonst? Das irritiert mich nur noch mehr.

„Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher.”

„Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher.” Die Präsidentin des Stiftungsrats der Liechtensteinischen Landesbibliothek, Christina Hilti, schrieb diesen Satz in ihre Geleitwort zur „Bibliotheksstrategie 2025”.1 Dabei war und ist sie nicht die Einzige. Vielmehr findet sich diese Aussage aktuell immer und immer wieder in Bibliotheksstrategien, in Texten, in denen sich Bibliotheken der Öffentlichkeit gegenüber vorstellen oder in denen über die Zukunft von Bibliotheken nachgedacht wird. Auch Journalistinnen und Journalisten schreiben ihn seit einig Jahren sehr gerne. Es ist klar, was dieser Satz heissen soll: Bibliotheken sind modern, entwickeln sich und so weiter.

Aber: Dieser Satz enthält eine (a) falsche und (b) auch ein wenig gefährlich Behauptung. Ich fände es gut, wenn im Bibliothekswesen etwas mehr nachgedacht wird, bevor solche Sprachbilder verbreitet werden. (Auf den Journalismus habe ich keinen Einfluss, aber auch da kommt diese Aussage ja nicht von ungefähr. Irgendwer muss die Leute ja darauf bringen, immer wieder diesen Satz zu schreiben.) Das werde in diesem Blogpost besprechen: Zuerst etwas dazu, wie Sprachbilder allgemein wirken (1), dann etwas zur Geschichte von Bibliotheken, die von diesem Sprachbild überzeichnet wird (2), anschliessend einige Überlegungen dazu, was der Effekt dieses spezifischen Sprachbildes ist (3) und im Fazit noch ein paar Vorschläge, was man anders machen könnte (4).

1.Sprachbilder

Bibliothekarische Texte verwenden, wie alle anderen Texte auch, Sprachbilder, um Zusammenhänge darzustellen, Überlegungen zu verdeutlichen, Argumente zu verstärken, Bedenken zu zerstreuen und so weiter. Aber Sprachbilder sind mehr als „nur Gerede”. Sie sind nicht unschuldig in dem Sinne, dass es egal ist, ob sie verwendet werden oder nicht.

Vielmehr produzieren erfolgreich angewendete Sprachbilder bestimmte Vorstellungen von Realität – und führen auch dazu, dass andere Vorstellungen von Realität mehr oder minder unmöglich zu denken sind. Nicht, weil es verboten wäre, sie zu denken, sondern weil sie von den wirkmächtigen Sprachbildern überdeckt werden. Meist wird durch solche Sprachbilder die komplexe Realität so weit reduziert, dass sie falsch wird. Wir kennen das: Wenn sich zum Beispiel das Bild durchsetzt, Lyrik sei vor allem unzugänglich und schwierig zu verstehen, prägt das, wie Lyrik wahrgenommen wird – auch wenn man einfach durch das Lesen von etwas Lyrik merken würde, dass das so überhaupt nicht stimmt. Aber es ist ein wirkmächtiges Sprachbild, das leider viele davon abhält, Spass mit Sprache zu haben.

Kurz: Sprachbilder verkürzen das Denken und die Wahrnehmung von der Realität. Das kann manchmal sinnvoll und notwendig sein, dass kann – in der Lyrik – auch interessante Effekte hervorbringen. Aber wenn es falsch läuft, bringen sie falsche Vorstellungen hervor und produzieren auch falsche (irrealistische) Überzeugungen. Deshalb sollten sie immer wieder einmal überprüft werden. [Ganz abgesehen davon, dass sie auch sprachlich langweilig sind. Wenn sie neu gefunden werden, im Gedicht, dann mag das interessant sein; aber wenn sie zum hundertsten Male wiederholt werden, dann vermitteln sie nur noch Überzeugung, nicht mehr sprachliche Innovativität.]

2.Bibliotheken als Bücherspeicher

Was mit dem Satz „Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher” behauptet wird, ist, dass früher [Wann?] Bibliotheken einmal „Bücherspeicher” [Warum?] gewesen wären und sich jetzt [Seit wann?] verändert hätten [Wie?], also nicht mehr „Bücherspeicher” wären, sondern modern.

Das ist schlicht und ergreifend historisch falsch.

In der ganzen Geschichte moderner Bibliotheken (lassen wir sie mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts beginnen, ein guter Startpunkt ist „Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und ihre Reform” von Constantin Nörrenberg2) waren Bibliotheken nie „Bücherspeicher” – das gilt für alle Bibliothekstypen, dafür steht die Landesbibliothek in Vaduz als Nationalbibliothek und Öffentliche Bibliothek in einem ganz gut. Immer gab es Versuche – sowohl in der Literatur als auch in der Bibliothekspraxis selber – Bibliotheken als moderne Einrichtungen zu definieren und zu gestalten.

  • Niemals gab es die Idee, die Bibliothek als reine „Ausleihstation” oder „Bücherspeicher” zu betreiben. Vielmehr wurden Bibliotheken immer wieder Aufgaben zugeschrieben, die sie erfüllen sollten (oft aus den Bibliotheken selber, manchmal aber auch von aussen): Bildung, Kampf gegen die Sozialdemokratie oder für das Klassenbewusstsein, gegen den Alkoholismus oder für den Patriotismus, gegen schlechte Literatur oder zum modernen Staatsbürger, zur modernen Staatsbürgerin, die Aufbewahrung und Erschliessung des nationalen Kulturerbes. Aber niemals galten sie als „reiner Bücherspeicher”.

  • Was genau modern hiess und was Bibliotheken deswegen tun sollten, veränderte sich mit der Zeit. Es war oft umstritten, gab immer wieder auch andere Meinungen (so wie es lange nicht nur eine Form von Bibliothek gab). Aber das ist ja mit einem Blick in die Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts auch zu erwarten.

  • Diese Entwicklung wurde im DACH-Raum zum Teil durch Kriege und gesellschaftliche Katastrophen unterbrochen; es war auch keine gradlinig verlaufene Entwicklung. (Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bekanntlich in Deutschland und Österreich erstmal versucht, an die Vorstellungen und Debatten der 1920er wieder anzuschliessen. Aber man darf sich zum Beispiel deswegen nicht vorstellen, dass Bibliotheken während des Nationalsozialismus nicht „entwickelt” worden wären. Vielmehr gab es bis in die Jahre des Weltkrieges hinein massive Entwicklungen, Neubauten, Aufbau von Infrastrukturen – ganz abgesehen davon, dass in der Zeit selbstverständlich auch in der Schweiz und Liechtenstein Bibliotheken weiterentwickelt wurden.) Aber immer gab es eine Entwicklung. Und niemals eine dahin, dass die Bibliothek nur Bücher „speichern” sollten.

  • Das gilt gerade auch für Bibliotheken und Bibliothekstypen, die wir heute als unmodern und veraltet ansehen. Aber auch die „Thekenbibliotheken” der 1910er – egal ob mit oder ohne Lesesaal – hatten nicht einfach die Aufgabe, Bücher zu speichern. Sie sollten als moderne Einrichtungen wirken. Der Bestand, das ganze Sammeln, Auswählen, Managen, Vermitteln von Beständen war diesen Aufgaben untergeordnet. Es gab zu anderen Zeiten mehr Bücher in Bibliotheken als heute, aber das hatte auch mit den jeweils vorhandenen Medien zu tun – und es gab auch immer wieder Diskussionen über andere Medienformen. Das ist nicht neu.

  • Was es auch gab, waren immer Bibliotheken, die den gerade aktuellen Ansprüchen an moderne Bibliotheken nicht genügten, die schlecht ausgestattet waren, sich langsamer entwickelten und so weiter. (Und es gab lange auch solche, die aus anderen Bibliotheken heraus abgelehnt wurden, weil sie die falschen Ziele verfolgten.) „Veraltete” Bibliotheken gab es immer, aber daneben – das ist für die folgende Argumention wichtig – immer, immer Diskussionen darüber, wie moderne Bibliotheken auszusehen hätten, wie sie einzurichten wären und was für Leistung von ihnen erwartet werden könnten.

Der Unterschied ist nochmal wichtig: Einen Diskurs um moderne Bibliotheken gab es immer. Mal mehr heftig, mal weniger; mal besser untermauert, mal weniger; mal mit mehr Beteiligung, mal mit weniger – aber irgendwie gab es ihn immer. Und daneben gab es immer eine bibliothekarische Realität, die diesen Diskussionen nicht perfekt entsprach – aber das ist ja auch logisch, sonst wären die Diskussionen nicht notwendig gewesen.

3.Was dieses Sprachbild verdeckt

Was passiert nun, wenn der Satz „Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher” benutzt wird? Es wird eine Entwicklung des Bibliothekswesens behauptet, die nicht stimmt. Es wird damit auch die Realität über die heutigen Diskussionen und Darstellungen davon, was eine moderne Bibliothek sei, verzerrt.

  1. Der Versuch, Bibliotheken modern zu gestalten, ist auch historisch der Normalfall. Das heute darüber diskutiert wird, dass sich Bibliotheken zur Gesellschaft öffnen sollten, dass sie einen bunten Medienmix anbieten sollten, aber auch Lern- und Arbeitsplätze, dass sie Veranstaltungen anbieten sollten – all das ist Teil einer Tradition. Es passt in die Geschichte des bisherigen Diskussionen und ist gerade nicht neu (und, so wie es aussieht, werden auch diese Diskussionen wieder von neuen Diskussionen abgelöst werden; sie brechen eigentlich mit nichts und fangen auch so richtig nichts Neues an).

  2. Die tatsächlichen Veränderungen sind nicht die, über die geredet wird. Das Sprachbild vermitteln den Eindruck, als hätte sich bislang niemand Gedanken darüber gemacht, was die Bibliotheken sein sollten, sondern als seien bislang vor allem Bücher „gespeichert” worden – ohne grosses Nachdenken, wozu. Mit dieser Behauptung im Hinterkopf kann dann auch das Einrichten eine Bibliothekscafés als radikal neue Entwicklung angesehen werden (oder, dass man die Nutzerinnen und Nutzer auch mal fragt, wie sie die Bibliothek sehen). Aber was sich wirklich verändert (hat) sieht man so nicht. Insoweit wird man auch immer wieder die realen Entwicklungen falsch einschätzen: Als Bruch mit einer Tradition, als radikal neu, als ganz anders, als modern – aber man kann gar nicht fragen, ob sie das wirklich sind, weil man so zum Beispiel nicht sehen kann, dass die Orientierung an den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer schon lange Thema war.

  3. Die Vorstellung davon, wie die „alten Bibliotheken” waren, die jetzt verändert werden, basieren so also auf einer falsche „Rückprojektion”. Was nicht selten zu passieren scheint, ist, dass einzelne Personen ihre privaten Erfahrungen davon, wie Bibliothek „früher waren” (vielleicht zu ihrer Kindheit oder Jugend) als Basis dieser „Projektion” nutzen. Aber das ist falsch: Wie gesagt gab es immer „schlechte”, „veraltete” Bibliotheken; auch haben immer Menschen Bibliotheken etwas anders interpretiert, als die Bibliotheken selber. Es mag also sein, dass einer oder einem Jugendlichen die lokale Bibliothek damals…. 1983 (?)… als „Bücherspeicher” erschien (weil sie keine heissen Scheiben hatte?). Aber das ist nicht gleichzusetzen mit der tatsächlichen Diskussion im Bibliothekswesen, sondern vielleicht eher mit der Wahrnehmung Jugendlicher der unterfinanzierten Bibliotheken 1983 in XYZ-Stadt.

  4. Das ist auch relevant für Folgendes: Die Vorstellung, jetzt würden durch neue Diskurse die Bibliothek verändert, ist so nicht stimmig: Es ist erstmal nur eine Veränderung der Diskurse. Es scheint oft, als würde angenommen, der Diskurs sei schon eine Veränderung der Realität. Menschen stellen sich vor, zu wissen, was die Bibliothek 1983 (?) war („ein Bücherspeicher, da sind wir nie reingegangen”) und würden jetzt den Diskurs ändern („auf die Stadtgesellschaft zugehen, sie in die Bibliothek hineinholen”). Aber das sind zwei unterschiedliche Ebenen (die auf einander bezogen sind). Den Diskurs, nicht nur Bücher anbieten und nicht nur im Literaturbereich unterwegs zu sein, gab es auch schon 1983; Jugendliche, die das nicht wahrnehmen und nicht in die Bibliothek gehen, gibt es auch 2019 (vielleicht gibt es jetzt weniger davon, aber das mag eher mit den heutigen Jugendlichen zu tun haben).

  5. Man vergibt sich also, die Erfahrungen, welche schon in der Vergangenheit bei der Entwicklung von bibliothekarischen Diskursen und darauf basierenden Veränderungen der Bibliothekspraxis gemacht wurden, in die heutige Entwicklung zu integrieren. Zu vermuten ist, dass man deshalb auch bestimmt viele, viele Erfahrungen, die schon längst gesammelt wurden, noch einmal macht. Vor allem, weil nicht nachschaut wird, was schon gelernt wurde – weil man denkt, die Bibliothek früher sei „ein Bücherspeicher” gewesen, von dem man nichts zu lernen hätte.

  6. Daneben ist diese Vorstellung auch etwas beleidigend gegenüber den früheren Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die sich immer auch schon Gedanken um die Entwicklung von Bibliotheken – auf der Ebene einer Bibliothek oder aber des Bibliothekswesens – gemacht haben. Selbstverständlich waren die auch nicht dumm und selbstverständlich haben die auch nach sinnvollen Möglichkeiten gesucht, moderne Bibliotheken zu entwickeln. Das diskreditiert man, wenn man behauptet, erst jetzt würde man sich solche Gedanken machen. (Als ob Menschen heute, 2019, klüger wären als 1890.)

  7. Falsche Vorstellungen über die vergangene Bibliotheken scheinen ein Grund für falsche Vorstellungen über langfristige Entwicklung hin zu den heutigen Bibliotheken, den Diskussionen um die Entwicklung von Bibliotheken und der Realität in Bibliotheken zu sein. Solche falschen Vorstellungen können zu falschen Entscheidungen führen (wenn man zum Beispiel gar nicht fragt, warum bestimmte Dinge so geregelt wurden, wie sie geregelt sind, sondern sich einfach vorstellt, dass das immer eine mindestens veraltete Entscheidungen gewesen wären).

Sicherlich: Solche Sprachbilder können immer schnell in die Tasten gehauen werden – vor allem, wenn sie schon so oft zuvor gebraucht wurden. Mein Tipp wäre hier aber, einfach mal von Zeit zu Zeit in ältere bibliothekarische Zeitschriften zu schauen, ganz zufällig über die Jahrzehnte verteilt oder aber gezielt aus der Zeit, von der man denkt, dass Bibliotheken damals „Bücherspeicher” gewesen seien, und dort nachzuschauen, über was damals eigentlich wirklich diskutiert wurde. Nicht selten wurde sogar tatsächlich über „Bücherspeicher”, also Magazine, diskutiert, aber nie als Leitbild von Bibliotheken.

4.Fazit

Am Ende würde ich dafür plädieren, gerade dieses Sprachbild nicht mehr zu benutzen. Es ist einfach falsch und überdeckt zu viel. [Und es ist auch langweilig geworden. Wenn schon Sprachbilder, warum dann nicht ein paar neue? Die Lyrik schafft das ja auch.] Wirklich gut wäre, sich öfter mal Gedanken darüber zu machen, was man da eigentlich sowohl in die Bibliotheken hinein als auch aus ihnen heraus für Vorstellungen transportiert, wenn man bestimmte Sprachbilder nutzt und sich dann zu fragen, ob man das wirklich will. [Ich hätte da noch einige andere Beispiele: Was soll das beispielsweise mit dem „Sofa” oder „Wohnzimmer der Stadt”, das Bibliotheken sein sollen?]

Was man unbedingt tun sollte, ist, nicht so zu reden oder zu denken, als sei man, nur weil man gerade in 2019 aktiv ist, klüger als die Kolleginnen und Kollegen vorher. Selbstverständlich hatten die in vielem nicht Recht, selbstverständlich waren viel ihrer Annahmen falsch – aber die kann man nicht sinnvoll kritisieren, indem sie abqualifiziert als quasi dumm („nur Bücherspeicher”). Wenn wir hingegen deren Überlegungen und deren Bibliothekspraktiken ernst nehmen, können wir in der Auseinandersetzung mit diesen viel besser und viel genauer darüber nachdenken, was eigentlich unsere Vorstellungen sind, wo diese herkommen und wo die tatsächlich hingehen. Wenn wir hingegen behaupten, bisher sei einfach alles unmodern und falsch gewesen, aber jetzt, weil wir gerade in unserer Zeit leben und weil wir unsere Methoden anwenden, wüssten wir es einfach besser, halten wir uns (selber) vom Nachdenken darüber ab, was sich wirklich verändert und / oder verändern sollte. Es macht uns ehrlich gesagt dümmer und überheblicher, als wir sein müssten. Veränderung gab es immer – das macht unser Zeitalter nicht aus.3

Zu lernen ist auch, dass der Zusammenhang zwischen Diskurs und Realität wohl komplexer ist, als das man erwarten könnte, einfach mit einer Veränderung des Diskurses schon die Realität massiv zu verändern. Wie gesagt: Diskussionen darum, wie eine moderne Bibliothek sein sollte, gab es praktisch immer, seit die Gesellschaft über breitenwirksame Einrichtungen diskutiert. Aber offenbar, sonst wäre das Sprachbild von den „Bücherspeichern”, die Bibliotheken angeblich früher gewesen seien, nicht so überzeugend: Die Realität, zumindest die, die wahrgenommen wurde, war offenbar nicht immer so. Es gibt keinen Hinweis, das einfach durch eine Weiterentwicklung der Diskussionen die Wahrnehmung der Bibliotheken verändert wird.

 

Fussnoten

1 Liechtensteinische Landesbibliothek: Bibliotheksstrategie 2025. Vaduz 2018, S. 2, https://www.landesbibliothek.li/wp-content/uploads/2019/01/LiLB_Bibliotheksstrategie-2025_20190130.pdf.

2 Constantin Nörrenberg: Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und ihre Reform. Berlin 1895, https://archive.org/details/dievolksbibliot00nrgoog. Ich verlinke die hier auch, damit man gleich einmal mit dem im Fazit angesprochenen Nachlesen in älterer bibliothekarischer Literatur beginnen kann.

3 Auch die Behauptung, heute gäbe es mehr Veränderung als früher, stimmt nicht – einfach nochmal über die Veränderung 1880-1900 nachdenken und dann mit der Veränderung 1999-2019 vergleichen. Erstere war, was leicht zu sehen ist, massiver.

Ist das Bauchgefühl oder ist das eine Studie?

Zur Belastbarkeit von Aussagen, die im Bibliothekswesen zu Entscheidungen benutzt werden

Auf dem Bibliothekstag 2019, der jetzt auch schon ein paar Tage her ist, erhielt ich auf meinen Vortrag hin eine Frage, die mich doch irritierte. Ich habe etwas über sie nachgedacht und denke jetzt besser zu wissen, wieso. Mein Vortrag beschäftigte sich mit der Frage, warum so viele „partizipative Projekte” in Bibliotheken nicht funktionieren; warum so viele Angebote, die mit ihrer Hilfe aufgebaut werden, doch nicht die erhofften Ergebnisse bringen und warum so viele Kolleginnen und Kollegen in Bibliotheken, die solche Projekte durchführten, eher Negativ darüber berichten. Hauptthese meines Vortrages war, dass das strukturell bedingt ist. Die Frage bezog sich aber auf etwas anderes: Ich hatte am Anfang darauf verwiesen, dass es wirklich viele, viele negativen Beispiele solcher „partizipativen Projekte” in Bibliotheken gibt – wenn man nur genauer nachfragt. (Nur, dass die Projekte, die auf Bibliothekstagen präsentiert werden, ja gerade nicht diese Beispiele sind.) Mir scheint das wenig zu bestreiten zu sein.

Die Frage aus dem Publikum war jetzt, auf was ich diese Grundthese aufbaue: Sei das „durch eine wissenschaftliche Studie” untermauert oder sei das „eher so Bauchgefühl”?

Die Kollegin, welche die Frage stellte, betonte, dass es ihr darum geht, einzuschätzen, wie glaubwürdig die These sei. Aber es kam selbstverständlich als Zweifel herüber. Beziehungsweise, in der heutigen Zeit, schlimmer (ich hoffe, ich tue damit der Kollegin Unrecht): Aber es ist selbstverständlich eine Diskursstrategie des autoritären Teils der Gesellschaft, jede Aussage, die ihm missfällt, mit der Behauptung anzugehen, dass sei ja gar nicht wissenschaftlich untermauert. Einfach so, ohne Nachweis. Und dann, wenn sich jemand die Zeit nimmt und die Mühe macht, die Wissenschaftlichkeit zu untermauern, zu behaupten, dass das alles keine richtige Wissenschaft oder aber interessengesteuerte Wissenschaft sei. So viele Frauen und Nicht-Weisse, die sich öffentlich äussern, so viele Menschen, die sich zu feministischen Themen äussern, kennen diese Strategie, die angewendete wird, um ihre Aussagen abzuwerten, die selbstverständlich nicht am Wahrheitsgewinn orientiert ist, sondern nur darauf, die Zeit deren zu verschwenden, die sich auf diesen Diskurs einlassen und sie gleichzeitig zu diskreditieren. Daran erinnert so eine Frage auf dem Bibliothekstag, auch wenn sie gar nicht so gemeint ist (was wohl ein weiteres Beispiel für die „Vergiftung des Diskurses” in der heutigen Zeit ist). Vielleicht war ich deshalb in diesem Moment etwas sehr verdutzt.

Wissenschaftliche Studien im Bibliothekswesen

Aber nehmen wir an, dass es wirklich um die Frage von Glaubwürdigkeit ging und wirklich um Erkenntnisinteresse: Dann war die Frage trotzdem nicht fair gestellt.

Ich möchte das kurz erklären.

Wie werden Entscheidungen im Bibliothekswesen getroffen und wie wird das Wissen generiert, um diese Entscheidungen zu treffen? Genauer: Wird das Wissen, das genutzt wird, um Entscheidungen im Bibliothekswesen zu treffen, aus Forschung gezogen? Und wenn ja: Aus welcher Forschung? Die Antwort auf diese Fragen ist – jetzt dreht sich die Argumentation ein wenig im Kreis – schwierig, weil sie wenig erforscht ist. Aber es gibt Hinweise. Schaut man sich zum Beispiele die Konzept- und Strategiepapiere, die im Bibliothekswesen erstellt und publiziert werden daraufhin an, wie dort die jeweiligen Aussagen und Entscheidungen begründet werden, fällt sehr schnell auf:

  1. Zumeist sind das Behauptungen, die ohne weitere Begründung angegebenen werden. Die Gesellschaft verändert sich so und so; die Bibliotheken müssen sich auf diese und jene Herausforderung einstellen; die Nutzerinnen und Nutzer verändern Ihre Ansprüche und zwar auf diese Weise oder auf jene Weise. Selbstverständlich gibt es Gründe, warum diese Aussagen angebracht werden. Man braucht gar nicht zynisch darauf reagieren, auch wenn man immer wieder Aussagen findet, bei denen man den Kopf schütteln muss: Die Aussagen, die in solchen Papieren angebracht werden, sind wohl solche, von denen die Personen, die in den Bibliotheken entscheiden, überzeugt sind – oder aber von denen sie überzeugt sind, dass andere – die Träger, die Nutzerinnen und Nutzer, die Öffentlichkeit – davon überzeugt sind oder überzeugt werden können. Wären sie nicht überzeugend, dann würde sie wohl nicht so einfach als Argument (aus dem ja jeweils etwas folgt, zum Beispiel strategische Entscheidungen, Verschiebung von Ressourcen, Veränderung des Arbeitsalltags in Bibliotheken, Umbauten) angebracht, sondern wohl mehr begründet.

  2. Es gibt Argumente, die näher begründet werden, bei denen tatsächlich auf Studien, Umfragen, Bücher verwiesen wird. Aber wenn man sich diese Quellen anschaut, bleibt die Beliebigkeit oft erhalten. Die Umfragen sind oft nicht wissenschaftliche basiert, sondern von Interessensgruppen durchgeführt oder aber aus diesen gesellschaftlichen Bereichen, wo alle sich gegenseitig befragen und das dann als Ergebnis präsentieren. (Ich durfte gerade in einen anderen Studiengang hineinschauen, wo es eher um Startups geht, und wo ständig Startups befragt werden – als „ExpertInnen” – um daraus Studien zu erstellen, die dann wieder für Entscheidungen in Startups benutzt werden sollen, ungefähr in dem Stil, dass gesagt wird „in einer Umfrage unter XYZ Startups sind 90% der Meinung, dass diese Technologie in Zukunft einen wichtigen Trend ausmacht – also sollte man darin investieren”. So ungefähr lesen sich oft die Studien und Umfragen, auf die in den bibliothekarischen Strategiepapieren verwiesen wird.) Auch wenn einmal auf tiefergehende Arbeiten verwiesen wird, ist oft nicht ersichtlich, warum gerade auf diese. Oft gibt es dann in den jeweiligen Bereichen hunderte, tausende Arbeiten mit unterschiedlichen Aussagen – und eine wissenschaftliche Arbeit wäre es, die zusammenzufassen und daraufhin zu überprüfen, was den jetzt verfestigte Erkenntnisse sind. Aber in den bibliothekarischen Strategien wird oft eine kleine Anzahl ausgewählt, die halt die, die sie auswählen, überzeugen, und dann als Argument angeführt.

  3. Was sich viel, viel öfter findet, ist, dass bestimmte Beispiele – die sich dann auch oft für eine Anzahl von Jahren wiederholen – angeführt werden, welche dann als Vorbildhaft gelten. Aus dem Vorhandensein dieser Beispiele wird dann oft abgeleitet, dass dies und das in denen gezeigt worden wäre und deshalb auch für unsere Bibliothek / das Bibliothekswesen im Allgemeinen und so weiter zu gelten hätte. Auch hier würde sich die Frage stellen, wieso gerade diese Beispiele ausgewählt wurden und warum nicht andere; auch warum auf bestimmte Dinge in ihnen geachtet wird und nicht auf andere. Aber grundsätzlich auch hier: Die Beispiele überzeugen offenbar oder es wird vermutet, dass sie andere überzeugen würden.

Man kann sich jetzt Gedanken darum machen, ob das wirklich gut ist; ob es nicht vielleicht besser ginge. Aber erstmal geht es mir darum: Im Bibliothekswesen ist die eigentliche Argumentationsbasis im Allgemeinen sehr schwach. Entscheidungen werden nicht auf der Basis von wirklich überprüftem, nachvollziehbaren, systematisch erworbenen Wissen getroffen, sondern auf Wissen, dass aus anderen Gründen überzeugt. Nicht der Nachweis, dass etwas theoretisch sinnvoll, empirisch abgesichert und so weiter ist, überzeugt – sondern anderes. Positive Bilder, hübsche Aussagen, Behauptungen, die mit der jeweils eigenen Weltsicht übereinstimmen sind wohl alle überzeugender als forschend erworbene Kenntnisse.

Und es funktioniert ja, einigermassen. Die Bibliotheken gehen nicht unter, sie verändern sich, vielleicht werden sie sogar besser. Sie könnten vielleicht, wenn anders gehandelt würde, noch viel besser werden, aber das ist hier nicht der Punkt. Offenbar sind sie eher geprägt von Überzeugungen einzelner. (Und wir wissen auch nicht, wie diese einzelnen zu diesen Überzeugungen gelangen. Es gibt selbstverständlich Kolleginnen und Kollegen, die versuchen, ihre Entscheidungen besser abzusichern. Aber der Tag hat nur so viele Stunden, die Wochen nur so viele Tage, es gibt auch andere Dinge zu tun und der Rest des Bibliothekswesens, mit dem mithalten will, ist vielleicht schneller bei Entscheidungen, weil es eher auf den Alltag fokussiert.) Vielleicht funktioniert dies ja, weil auch andere Teile der Gesellschaft so funktionieren. (Die Klagen, das Politik oft fern jeder wissenschaftlicher Erkenntnis betrieben wird, sind zum Beispiel ja auch Legion.)

So ist aber die Situation.

Wenn jetzt die Frage gestellt wird, ob bestimmte Aussagen wissenschaftlich untermauert wären oder ein Bauchgefühl darstellen würden, dann ist das halt nicht fair. Solange das, was im Bibliothekswesen als positiv und überzeugend gilt, nicht auf der Basis theoretisch und empirisch untermauerter Arbeiten steht, sondern einfach nur überzeugend behauptet wird; solange muss auch das, was nicht so positiv ist, was vielleicht die eigenen Hoffnungen und Erwartungen, die man so an bestimmte Entscheidungen und Projekte hat, hinterfragt, auch auf der Basis von überzeugenden Behauptungen akzeptiert werden. Aber die nächstbeste neue skandinavische Bibliothek ohne intensive Beschäftigung mit ihr und dem Kontext, in dem sie steht, als Vorbild für Entscheidungen anzunehmen, dann aber gleichzeitig die Aussage, dass es eine grosse Unzufriedenheit im Bibliothekswesen über bestimmte Dinge gibt, zu bestreiten, weil das nicht wissenschaftlich untermauert wäre (wie auch?), dass ist weder fair noch sinnvoll. So kommt man nicht über bestehende Probleme hinweg. Vielleicht sollte man beides als Debattenbeiträge, die man selber überprüfen kann, ansehen. Das wäre realistischer.

Exkurs: Warum macht das die Forschung nicht?

Man könnte auch fragen, warum die Forschung nicht mehr Studien durchführt, die überzeugen und mehr Fakten liefert? Das ist aber, bezogen darauf, wie Debatten im Bibliothekswesen geführt und wie Entscheidungen getroffen werden, keine sinnvolle Forderung.

  1. Ich habe jetzt schon mehrfach an unterschiedlichen Stellen betont, dass das Bibliothekswesen die vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten praktisch nicht benutzt. Das gilt für die Forschungen über Bibliotheken und es gilt auch für Studien aus anderen Bereichen, die für Bibliotheken relevant sein könnten (Leseforschung, Soziologie, Literaturwissenschaft, Ethnologie und so weiter). So viele Abschlussarbeiten, die so viele wichtige Fakten erarbeiten, meist ganz praxisnah, stehen zum Beispiel in Bibliotheken und liegen auf den Repositorien von Fachhochschulen und werden nicht in die Entscheidungen einbezogen… Wenn das anders wäre, wäre die Frage nach einer wissenschaftlichen Basis für bestimmte Aussagen vielleicht sinnvoll. Aber solange im Bibliothekswesen die Forschung, die existiert, nicht genutzt wird, ist es auch nicht sinnvoll, nach noch mehr Forschung zu verlangen.

  2. Abgesehen davon kostet Forschung. Und die Forschungspolitik ist heute so, das Hochschulen und Fachhochschulen nicht einfach grundfinanziert werden und dann losforschen können, sondern das Forschung praktisch immer durch Drittmittel finanziert werden muss. Die müssen irgendwoher kommen. Wenn das Bibliothekswesen also Forschung will, muss es diese finanzieren (oder Wegen finden, sie zu finanzieren, zum Beispiel über Stiftungsgelder oder indem sich dafür eingesetzt wird, dass die Hochschulen grundfinanziert werden) – dann kann es auch Forderungen stellen. Oder aber Forschende forschen in ihrer Freizeit auf eigene Kosten, weil sie etwas wissen wollen. Das passiert – und zwar öfter als man vielleicht denkt (ich selber habe zum Beispiel meine 10-Jahre Studie zu Schulbibliotheken in Berlin so durchgeführt und auch meine ganzen bibliotheksgeschichtlichen Lektüren, die ich gerade betreibe, finden in meiner Freizeit statt, nicht in meiner Arbeitszeit). Aber da ist klar, dass dann auch die Forschenden bestimmen, was und wie geforscht wird – es sind ja dann ihre Zeit und ihre Ressourcen.

  3. Und ob Forschung genutzt wird, um Entscheidungen zu treffen – das liegt nicht in der Hand der Forschung. Egal, wie diese durchgeführt, präsentiert, zugänglich gemacht wird: Am Ende müssten die Bibliotheken beziehungsweise das Bibliothekswesen die nutzen, in ihre Arbeit und ihre Entscheidungsprozesse einbeziehen. Das kann nicht die Forschung machen. (Sie könnte dabei unterstützen, aber ich weise auf Punkt (2) zurück: Das müsste finanziert werden und es müssten auch noch andere Dinge gelten, beispielsweise keine Gefälligkeitsgutachten zu fordern.)

Was kann sonst gegen das Bauchgefühl tun?

Ich fände es gut, sich diese Situation einmal einzugestehen: Das Bibliothekswesen ist geprägt von Behauptungen, die überzeugen oder weniger überzeugen. Es funktioniert so auch nicht so schlecht, dass daran Bibliotheken zugrunde gehen würden.

Aber ich hätte auch einen Vorschlag, wie man gegen das „Bauchgefühl” angehen könnte, wenn man damit wirklich ein Problem hat: Selber Aussagen oder Behauptungen überprüfen, die man bezweifelt. Um beim Beispiel von ganz oben zu bleiben: Wenn die Kollegin daran zweifelt, dass es in Bibliotheken eher negative Haltungen zu den tatsächlich durchgeführten „partizipativen Projekten” gibt, könnte Sie einfach selber Personen aus vielleicht 10 Bibliotheken dazu fragen, informell (und vielleicht nicht gerade Personen aus der Leitung). Das kann so schwer nicht sein, man kennt sich im Bibliothekswesen.

Sicherlich, dass ist der Witz: Wenn sie dabei systematisch vorgeht, also wirklich zehn Kolleginnen und Kollegen zu einer Frage, die sie umtreibt, befragt und am Ende daraus ein faires Fazit zieht (also sich beantwortet, ob ich meine Behauptung zu Recht aufgestellt habe oder nicht) – dann wäre das schon ein wenig Forschung. Und wenn man anfinge, ähnliches auch bei Behauptungen, die einer oder einem zusagen, zu unternehmen, würde man fair handeln. Denn: Forschung ist keine Hexerei. Es ist nur ein systematisches Vorgehen bei Erstellen von Wissen, unter anderem beim Beantworten von Fragen.

(Worum es mir aber auch ging, war, mehr auf die kritischen Stimmen, die im Personal von Bibliotheken zu finden sind, zu hören. Sicherlich kann man die schnell als „Meckern” oder „absichtlich Störung”, vor allem als „Leute, die die Entwicklung aufhalten wollen”, um – was weiss ich – „ein einfaches Leben in Bibliotheken zu haben bis zur Rente” diskreditieren. Aber man kann sie auch nutzen, um innezuhalten und darüber nachzudenken, ob sie nicht Reaktionen auf strukturelle Probleme darstellen. Mir scheint oft zweiteres zu stimmen.)