Was heisst es, dass es keine Bibliothekspädagogik gibt?

In der Juni-Ausgabe der BuB – Schwerpunkt „Bibliothekspädagogik‟ – findet sich ein Text von Richard Stang (Stang 2020), indem darlegt wird, dass es bislang eigentlich keine solche Pädagogik gibt und auch, was geklärt werden müsste, um eine solche zu schaffen. Dazu würde ich gerne etwas sagen. Einerseits hat Stang meiner Meinung nach vollkommen Recht, aber andererseits scheint mir die Lösung – wenn man das so nennen will – eine ganz andere zu sein, als die, die Stang einfordert. Weil das Problem ein anderes ist.

Zuerst werde ich dafür darstellen, wo ich Stang zustimme (I.), um dann zu diskutieren, wo ich denke, dass er zu kurz ansetzt (II.). Es geht wieder einmal darum, dass hier eine Struktur des Bibliothekswesens vorliegt, die mehr betrifft, als „nur‟ das Thema Bibliothekspädagogik. Dabei, so wird nochmal kurz diskutiert (III.), ist es natürlich nicht so, dass in diesem Bereich niemand versucht, etwas zu verändern. Aber eine Struktur verändert sich wohl nicht, nur weil einige Engagiert das wollen, solange andere durch die Struktur (unbewusst) etwas gewinnen. Am Ende (IV.) möchte ich kurz andeuten, was sich den sonst ändern sollte, weil das, was Stang einfordert, wohl nicht kommen wird. (Sichtbar sollte im Text auch werden, dass dies keine Kritik an Richard Stang oder seinem Text ist, sondern dass der Text vor allem einen Aufhänger darstellt, um etwas Weitergehendes zu besprechen.)

I.

In seinem Text stellt Stang zu Recht dar, dass zwar – wie zum Beispiel auch der restliche Schwerpunkt der BuB nach seinem Artikel zeigt – in der Bibliothek immer wieder von Lernen, Bildung und so weiter gesprochen wird, aber gleichzeitig in Bibliotheken keine pädagogische Planung oder Reflexion stattfindet. Er betont, dass pädagogisches Handeln immer auf der Basis von Lerntheorien – also Theorien, die darstellen, wie Lernen stattfindet – fusst, von denen aus jeweils geplant wird, was und wie in welchen Veranstaltungen, Settings oder mit welcher Infrastruktur gelernt wird. Planungen auf der Basis von Lerntheorien ermöglichen dann die Durchführung von Veranstaltungen, den Aufbau von Infrastruktur und letztlich auch die Überprüfung, ob die Lerneffekte, die man geplant hat, tatsächlich eingetreten sind.

Das findet in der bibliothekarischen Arbeit nicht statt: Fast kein Nachdenken über Lerntheorien, kein pädagogisches Planen, keine pädagogisch basierte Überprüfung dessen, was an Lernen angeboten wird. Eine pädagogische Fundierung all dessen, was im Bibliothekswesen – vor allem einmal im Öffentlichen – unter Schlagworten wie Lernen, Bildung, Pädagogik stattfindet, fehlt.

„Die Bibliothekslandschaft steht vor der Herausforderung, den Diskurs über die Orientierung von Bibliothekspädagogik zu intensivieren, wenn sich Bibliotheken auch als pädagogische Einrichtungen beziehungsweise Bildungseinrichtungen verstehen wollen. In diesem Fall führt kein Weg an einer erziehungswissenschaftlichen Fundierung der Bibliothekspädagogik vorbei.‟ (Stang 2020: 318)

[Man könnte vielleicht für die medienpädagogische Arbeit, die in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt wird, eine Ausnahme machen. Aber diese ist, wie in einem Text im gleichen Schwerpunkt diskutiert wird (Müller 2020), auch nicht wirklich in der bibliothekarischen Arbeit verankert – vielleicht gerade deshalb.]

Stang spitzt schon zu Anfang seines Textes zu und fragt die Bibliotheken:

„Wie wird pädagogisches Handeln definiert, oder dient der Begriff der Pädagogik nur einer marketingbezogenen Aufladung von Veranstaltungen?‟ (Stang 2020: 316)

Am Ende seines Textes fordert er das Bibliothekswesen dann auf, die Situation zu verändern und kurz gesagt die Arbeit an einer Bibliothekspädagogik zu beginnen, die wirklich nicht nur ein Sammelname für eine Anzahl von Angeboten sein soll, sondern eine Pädagogik wie – so sein Beispiel im Artikel – die Erlebnispädagogik.

„Die Problemlagen lassen sich nur auflösen, wenn eine klare Positionierung erfolgt.‟ (Stang 2020: 318)

Über weite Strecken ist Stang bis hierhin zu folgen. Das er in seinem Artikel nochmal die drei wichtigsten Lerntheorien erklären muss und sie nicht einfach voraussetzen kann, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig basiert die bibliothekarische Arbeit im Bereich Pädagogik ist: Das müsste man in anderen Zusammenhängen gerade nicht. Ich werde zu dem Eindruck, dass vielleicht Angebote in Bibliotheken nur pädagogisch genannt werden, weil dies einen Marketingeffekt hat, weiter unten noch etwas sagen. Aber grundsätzlich kann ich ihn verstehen. Auch der Lösung, die Stang einfordert, kann ich einiges abgewinnen: Wenn das Bibliothekswesen sich dazu durchringen könnte, eine Position dazu zu beziehen, was genau bei ihm „pädagogisch‟ heisst, und daraus Konsequenzen ziehen würde, könnte es diese Situation endlich verändern. (In meiner Promotion, die sich um die Bildungseffekte Öffentlicher Bibliotheken kümmerte, bin ich grundsätzlich zu einem ähnlicher Ergebnis gekommen. (Schuldt 2009))

Aber – und hier setze ich im nächsten Teil an – das wird so nicht geschehen. Und zwar nicht, weil es nicht hilfreich wäre. Sondern, weil es nicht in den Rahmen der bibliothekarischen Arbeit, so wie sie aktuell organisiert ist, hineinpassen würde.

II.

Stang fokussiert in seinem Artikel aus gutem Grund auf die Pädagogik. Aber wenn wir den Blick einmal auf andere mögliche Veränderungen in Bibliotheken weiten – also vor allem die, die in der bibliothekarischen Literatur aktuell immer wieder vorkommen, also offenbar als Thema Relevanz haben –, wie zum Beispiel wenn Bibliotheken davon reden, Teil einer „neuen Stadtkultur‟ werden zu wollen oder Communities stärken zu wollen, zeigt sich eher eine Struktur: In der bibliothekarischen Literatur, nicht nur in der BuB sondern zum Beispiel auch in Jahresberichten oder Bibliotheksstrategien, werden immer wieder Themenbereiche angesprochen, auf die sich Bibliotheken beziehen, und bei denen man erwarten würde, dass es dann tiefer gehen würde, aber die doch sehr oberflächlich bleiben (wenn man als Grundsatz anlegt, dass mindestens die Hauptpunkte, die ansonsten bei diesen Themen erwähnt werden, diskutiert werden sollten).

Wenn Stang Wert darauf legt, das pädagogisches Planen und Handeln auf einer Lerntheorie basieren muss, dann liesse sich ähnlich beim Thema „Stadtkultur‟ erwarten, dass geklärt wird, was eigentlich Stadtkultur heisst – ob zum Beispiel über Verdrängungsprozesse und die Domestizierung von Gegenkultur nachgedacht wird oder über Entwicklung von Wohnverhältnissen oder über Planung und Entwicklung von Immobilien – oder bei Communities, wie eigentlich verstanden wird, wie diese sich bilden und reproduzieren – praktisch, in Analogie zu Lerntheorien, Communitytheorien. Aber das passiert nicht.

Man kann festhalten, dass es offenbar zu bibliothekarischen Arbeit gehört, nach Ansätzen von ausserhalb zu schauen und sich von dort Begriffe anzueignen, aber diese dann nur eingeschränkt zu verarbeiten und praktisch nicht auf den Hintergrund dieser Begriffe einzugehen. Einige dieser Begriffe werden in die bibliothekarische Arbeit oder zumindest in die bibliothekarische Literatur übernommen, aber die tatsächliche bibliothekarische Arbeit scheinen sie kaum zu berühren.

Warum ist das so? Ich hätte eine These, die auch damit zu tun hat, über was in der bibliothekarischen Literatur so gut wie nicht gesprochen wird: nämlich von der „normalen‟ Arbeit von Bibliotheken, dem Bestandsmanagement, der Beratung der Nutzer*innen, der Ausleihe. Das wenig über diese reale bibliothekarische Arbeit gesprochen wird, und viel über andere Themen, scheint mir strukturell angelegt. Das Reden und Nachdenken über andere Themen deckt in gewisser Weise die reale bibliothekarische Arbeit.

Mir fällt das zum Beispiel oft auf, wenn ich in Bibliotheken Strategieprozesse begleiten soll (oder Ähnliches). Nicht selten sitze ich dann mit Kolleg*innen in der Bibliothek und mache in Workshops Bestandsaufnahmen, diskutiere Ziele und Wege, um diese Ziele zu erreichen – das wiederholt sich ja. Und wir reden über vieles: Darüber, wie die Bibliotheken sich und die eigene Arbeit wahrnehmen. Darüber, was sie sich wünschen. Darüber, welche Angebote anderer Bibliotheken sie kennen und gut oder weniger gut finden. Aber praktisch nie reden wir über die Prozesse, wie eigentlich die Medien – zwischen denen wir zumeist sitzen – in die jeweilige Bibliothek kommen und auch fast nie darüber, wie die normale Ausleihe stattfindet oder andere „normale‟ Tätigkeiten organisiert sind. Es geht immer wieder um Themen, bei denen Begriffe aufgerufen werden, die von ausserhalb des Bibliothekswesens stammen und die dann oft trotzdem nicht so genau gefüllt sind. Dabei könnte man immer auch über die Bestandsarbeit reden.

Das heisst aber nicht, dass das nur aus Marketingzwecken gemacht wird. Der Eindruck, den ja, wie weiter oben gesagt, Stang auch erwähnt, drängt sich manchmal auf, wenn man mit etwas Wissen zu einem Thema auf das schaut, was Bibliotheken unter diesem Thema tun. Zugegeben.

Aber vielmehr scheint mir dieses Verhalten als Struktur erklärbar: Bibliotheken verstehen sich heute als Einrichtungen, die sich immer irgendwie in Bewegung sehen. Irgendwas muss verändert werden, irgendwie muss über immer über Entwicklungen nachgedacht werden. Gleichzeitig scheinen Bibliotheken oft den Eindruck zu haben, irgendwie hinter den notwendigen Entwicklungen zu sein. Dabei ist erst mal egal, ob das ein realistisches Bild ist. Auffällig ist für mich eher, dass diese Grundeinstellung, dass man etwas verändern müsse, vorherrschend ist.

Sicherlich würden sich gute Gründe für die Notwendigkeit von Veränderungen finden lassen. Aber auffällig ist, dass diese in der bibliothekarischen Literatur gar nicht diskutiert werden, sondern oft nur mit einigen, oft stereotypen Floskeln abgehandelt werden, um dann schnell dazu überzugehen, die jeweilige Veränderung zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist das Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber Teil dieser Struktur: Bibliotheken haben den Drang, sich zu verändern. Aber eigentlich läuft die normale bibliothekarische Arbeit recht gut (selbstverständlich könnte man auch die immer besser machen; dafür müsste man sie thematisieren – aber sie läuft). Insoweit wendet man sich anderen Bereichen zu. Veränderungen, die aus diesen anderen Bereichen kommen, stellt man sich aber fast immer als Ergänzung der schon getätigten bibliothekarischen Arbeit vor – auch wenn man das nicht richtig thematisiert. Es geht aber eigentlich immer um einen gewissen „Anbau‟: Veranstaltungen neben der eigentlichen Arbeit. Räume, die zusätzliche Funktionen haben. Personal (gerne aktuell Medienpädagogik*innen, wie oben schon gesagt), die zusätzliche Funktionen übernehmen.

Strukturell geht es offenbar immer wieder darum, den Kern wenig oder gar nicht zu verändern, sondern zu ergänzen. Auch das erlebe ich bei Strategieberatungen: Über die bibliothekarische Arbeit am Bestand und mit dem Bestand wird sich, wenn überhaupt, eher abwehrend geäussert. Manchmal wird das als der Bereich beschrieben, den die weniger veränderungsbereiten Kolleg*innen machen. Aber dann schaut man sich um in der Bibliothek und — es ist weiterhin der wichtigste Teil der eigentlichen Arbeit. Egal, wie sich über diesen in den Strategieworkshops geäussert wird. (Was manchmal passiert, ist, dass in den Pausen solcher Workshops die Kolleg*innen anfangen, über Bestandsarbeit zu reden, beispielsweise über Verlage, mit denen sie gerade Kontakt hatten oder darüber, wie Bestand umgeräumt werden soll. Aber nach der Pause geht es wieder um anderes.)

Das scheint mir aufeinander bezogen zu sein: Das kaum-Reden über die eigentliche Arbeit in der Bibliothek und das recht oberflächliche Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen, ohne den eigentlichen Hintergrund aus diesen Bereiche mit zu Übernehmen. Würden Bibliotheken aber zum Beispiel anfangen, so wie das Stang fordert, Position zu pädagogischen Grundlagen zu beziehen, würde es um den eigentlichen Kern der bibliothekarischen Arbeit gehen, der verändert werden müsste. Aber solange die Übernahme von Begriffen sich vor allem auf „Anbau‟ bezieht, lässt sich die eigene Forderung von Bibliotheken an sich selber (Veränderung) mit dem Aufrechterhalten der eigentlichen Struktur (also dem Kern der Arbeit) verbinden.

Wie so oft ist das Reden über Veränderung im Bibliothekswesen (nicht nur dort) eigentlich ein Nicht-Reden über die vorhandene Realität, das Reden über (die Bibliothek) Zukunft ein Nicht-Reden über (die Bibliothek) Heute. Aber nicht als bewusstes Verdecken irgendeines Zustandes, sondern als Ergebnis der Struktur, das Bibliotheken nominell Veränderung anstreben, aber gleichzeitig die eigentliche Arbeit oft recht profan, recht alltäglich, aber auch erfolgreich ist. Nicht schlecht, nicht falsch, aber nicht im Diskurs von Veränderungen etc. gut darzustellen.

III.

Das Beispiel Bibliothekspädagogik ist dabei noch ein besonderes: Hier ist es einfach, mehrere Engagierte zu finden, die seit Jahren versuchen, etwas zu verändern. Einige tun dies aus eine Position an Fachhochschulen heraus. Stang ist nur einer davon. In der gleichen BuB-Ausgabe findet sich auch ein Text, in welchem Kerstin Keller-Loibl (2020) ein „Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin‟ vorlegt – was man machen kann, aber was Keller-Loibl schon seit Jahren versucht. Die beiden bei Stang erwähnten Holger Schultka und Wilfried Sühl-Strohmenger arbeiten daran auch sehr sichtbar seit Langem aus Bibliotheken und bibliothekarischen Vereinigungen heraus. Im „Handbuch Informationskompetenz‟ von Sühl-Strohmenger und Martina Straub (Sühl-Strohmenger & Straub 2016) gibt es beispielsweise auch schon eine Darstellung von Lerntheorien, wie sie kurz bei Stang gegeben werden, weil dort ebenso davon ausgegangen wird, dass diese eine Grundlage für pädagogisches Handeln darstellen müssen.

Ich selber hatte über lange Jahre einen Lehrauftrag an der FH Potsdam um in „Bildungsdienstleistungen‟ (nicht mein Wort) für Bibliotheken einzuführen – weil die FH es einst als notwendig für eine moderne Bibliothek ansah, das dieses Thema vorkommt. (Was jetzt nicht mehr der Fall ist. Dieses Thema wurde mit anderen Themen ersetzt.)

Und vor allem finden sich an vielen, vielen Stellen im Bibliothekswesen Kolleg*innen, deren Aufgabe es ist, Angebote unter der Bezeichnung „Bibliothekspädagogik‟ zu machen und die selbstverständlich das auch nicht tun, ohne zu versuchen, dass Thema zu verstehen und zu gestalten – auch wenn es, wie Stang andeutet, oft gerade nicht so geschieht, wie man es aus einem pädagogischen Blickwinkel her angehen würde. Aber auch diese Kolleg*innen machen sich selbstverständlich Gedanken. Einige ziehen sich darauf zurück, dass sie ihre Arbeit „aus dem Bauch heraus machen‟ (was Stang kritisiert), aber andere versuchen immer auch mehr zu tun. Nur wird das wenig sichtbar.1 Es gibt auch keinen richtigen Ort dafür (also keine regelmässigen Veranstaltungen oder Diskussionen oder so weiter), dass sichtbar zu machen.

Es gibt also zahlreiche ernsthafte und auch schon lange laufende Versuche, die Situation bei der Bibliothekspädagogik zu verändern und in Bibliotheken pädagogisches Handeln zu etablieren. Nur: Das es die schon so lange gibt und trotzdem immer wieder neu begonnen wird (also zum Beispiel Stang nochmal die Lerntheorien referiert oder Keller-Loibl nochmal die Etablierung der Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin einfordert) ist ein Hinweis, das es wohl nicht darum geht, ob es einzelne Engagierte gibt. Die gibt es.

Hingegen fällt am Text von Stang eines auf: Er hat gar keinen Ort, keine Institution, keine Struktur die er ansprechen könnte, um die Veränderung (beziehungsweise Positionierung), die er einfordert, einzufordern. Er kann die Forderung nur an das gesamte Bibliothekswesen stellen. Trotz all der Beiträge in der bibliothekarischen Literatur dazu, wie Bibliotheken sich ändern oder ändern sollen, gibt es keine Struktur, die so eine Änderung in der Profession anleiten oder begleiten könnte. Das gilt nicht nur für die Bibliothekspädagogik, sondern auch für alle anderen Themen, die mal mehr mal weniger im Bibliothekswesen besprochen werden. (Das ist kein Fehler von Stang. Niemand wüsste, an wen man so eine Forderung richten könnte, um Bibliotheken zur Veränderung aufzufordern. Bei allen Verbänden und AGs und internen Strukturen und so weiter, die im Bibliothekswesen existieren, hat sich so eine Struktur nicht etabliert. Für mich ein Zeichen, dass sie nicht notwendig ist, weil es strukturell gar nicht so sehr um Veränderung geht. Würden Bibliotheken eine solche Struktur benötigen, würden sie schon eine etablieren.)

Hinzu kommt: Ich wollte diesen Blogpost schon mehrfach schreiben. Vor drei Jahren erschien zum Beispiel ein Beitrag von Haike Meinhardt (2017) – auch eine Kollegin aus einer Fachhochschule – in dem den Bibliotheken vorgeschlagen wurde, die vorhandene Leseforschung zu nutzen, um diese bei der Planung der Leseförderung in Bibliotheken zu benutzen. Konkret geht Meinhardt dabei auf die Bildung von phonetischen Kompetenzen und der Ausbildung von Lesefähigkeit ein – ein Thema das ganz nahe bei der bibliothekarischen Arbeit ist. Eigentlich. Und schon damals wollte ich schreiben, das Meinhardt selbstverständlich Recht damit hat, zu postulieren, dass Leseförderung besser zu planen ist, wenn man das Wissen darüber, wie sich Lesefähigkeit ausprägt, dafür benutzt. Aber das es gleichzeitig nicht stattfinden wird, weil es strukturell für Bibliotheken nicht sinnvoll ist. Es würde wieder den „Kern‟ der Bibliotheksarbeit betreffen, über den praktisch nicht geredet wird. (Und es heisst nicht, dass nicht einzelne Kolleg*innen sich trotzdem mit dieser Leseforschung beschäftigen. Aber halt nicht so öffentlich, dass es sichtbar würde.)

Es waren eher persönliche Gründe, warum ich damals den Beitrag nicht geschrieben habe – aber heute kann ich sagen, dass es tatsächlich auch so gekommen ist. Trotz der Vorarbeit von Meinhardt ist die konkrete Leseforschung weiter kein Thema in der bibliothekarischen Literatur. Das liegt nicht an der Arbeit von Meinhardt, sondern an der Struktur des Bibliothekswesens.

Ich will gar nicht bewerten, ob das richtig oder falsch ist. (Es geht mir gerade auch nicht darum, bestimmte Personen zu kritisieren – was verständlich sein sollte, aber manchmal fühlen sich Einzelpersonen im Bibliothekswesen von so einer Kritik persönlich angegriffen. Also sage ich es lieber einmal.) Wichtig ist mir, diese Struktur zu benennen.

Nur indem man solche Strukturen benennt, lassen sie sich erkennen, verständlich machen und dann auch verändern. (Aber die konkrete Veränderung kann nur aus dem Bibliothekswesen heraus geschehen.)

IV.

Aber wenn es eine Struktur ist, ist dann nicht die Arbeit von Stang, Meinhardt und anderen, die (a) zeigen, dass im Bibliothekswesen bei Themen, die in der bibliothekarischen Literatur besprochen werden, oft die eigentliche Basis (Begriffsdefinitionen, Theorie, Empirie) fehlt, obwohl sie (oft) in angrenzenden Wissenschaftsbereichen vorliegt, die dann (b) zeigen, wie die bibliothekarische Arbeit besser werden könnte, wenn man dieses Wissen einbezieht und (c) vorschlagen (Meinhardt) oder fordern (Stang), dass Bibliotheken dieses Wissen auch wirklich einbeziehen, vergebens, wenn es eher um eine Struktur geht, die den Alltag verdeckt, indem sie über Veränderungen spricht, die kaum mehr sein wird, als ein „Anbau‟ an die alltägliche bibliothekarische Arbeit? Ist das nicht in vain? Ist es nicht so, dass es innerhalb des jetzigen Bibliothekswesen wohl keine Veränderung in die Richtungen, die Stang, Meinhardt und so weiter vorschlagen, geben wird?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber mir – vielleicht bin ich da theoretisch zu sehr von meinen marxistischen Freund*innen geprägt – scheint sich das Bild des Fortschritts durch Dialektik aufzudrängen. Bei Hegel und den „Junghegelianern‟, die Hegel auf gesellschaftliche Fragen übertrugen, gibt es diesen berühmten Dreisatz: Das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse und so weiter ändern sich – dadurch entstehen Widersprüche – diese lassen sich in der vorhandenen Struktur nicht auflösen, sondern nur durch eine grundlegende Veränderung „auf die nächste Stufe heben‟ – dadurch wird die Situation wieder der Entwicklung angepasst (bis dann das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse sich wieder grundlegend verändern).

(Man verstehe mich nicht falsch: Hegel und Junghegelianer erwarten einen kontinuierlichen „Aufstieg‟ hin zu einem Endzustand, an dem alle Widersprüche zumindest auf einem Feld – der Philosophie, der Religionskritik, der Gesellschaft – aufgelöst sind. Dieser Teleologie soll hier nicht gefrönt werden. Was hier aber passt, ist die Auflösung der Widersprüche in einem anderen, veränderten Zustand.)

Was passiert, wenn zum Beispiel Meinhardt zeigt, dass wir viel mehr (und zum Teil Widersprüchliches zur aktuellen Praxis in Bibliotheken) dazu wissen, wie Lesenlernen geschieht? Oder wenn Stang zeigt, dass pädagogisches Handels geplant, auf Lerntheorien basiert und auf geklärte Ziele hin organisiert sein muss? Oder wenn ich – wie ich hoffe – zeige, dass bestimmte Entwicklungen im Bibliothekswesen sich immer wieder und wieder wiederholen, ohne offenbar so grosse Veränderungen anzustossen, dass sie nicht nach zehn Jahren oder so nochmal angegangen werden können / müssen?

Nimmt man die Dialektik als Modell, dann wird auf diese Weise ein Widerspruch aufgezeigt. Einer, der irgendwann einmal in der Geschichte des Bibliothekswesens (und der Gesellschaft um das Bibliothekswesen) entstanden sein muss. Hier wohl, dass der Diskurs um Veränderung, bei dem nicht mehr von der alltäglichen Bibliotheksarbeit geredet wird und die Veränderung, die (meist gar nicht so schwer) eigentlich möglich wäre, sich immer weiter auseinander entwickelt haben. (Was nicht nur in einer Richtung geschehen sein muss. Gut möglich, dass die Veränderungen schon lange Zeit möglich waren, aber der Widerspruch gewachsen ist, seit Bibliotheken davon ausgehen, dass sie sich verändern müssen und nicht einfach selbstbewusst Bestandsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten.)

Den offensichtlichen Widerspruch zu benennen, ermöglicht immer zu zeigen, dass es anders sein könnte. Die Situation wird ja nicht einfach benannt, sondern auch das Bild erzeugt, dass sich der Widerspruch auflösen liesse. Nur halt nicht, indem die Struktur, die diesen Widerspruch erzeugt, immer weiter reproduziert wird. Das man auch nach den Texten von Stang oder Meinhardt nicht weiss, wer genau jetzt darauf reagieren soll, zeigt ja, dass es keine richtige Möglichkeit gibt, auf deren Vorschläge / Forderungen in der aktuellen Situation einzugehen. Sondern – so würden Hegel, Marx, Feuerbach und so weiter sagen – die Lösung der offensichtliche Widersprüche müsste man suchen, indem man sie in einer höheren Ebene auflöst. (Ersetzen wir das „höheren‟ durch „anderen / neuen‟.)

Ein anderes Bibliothekswesen, dass – nur skizziert, weil („Utopieverbot‟) man nie wissen kann, wie dieses mögliche zukünftige Bibliothekswesen aussehen sollte – es zum Teil professioneller bibliothekarischer Arbeit gemacht hat, Wissen aus angrenzenden Wissensgebieten zur Planung der eigenen Arbeit zu nutzen (was auch heisst dieses Wissen erstmal wahrnehmen, dann aber auch Strukturen zu haben, um es aktiv nutzen zu können, beispielsweise sich auf dem Laufen bei der Leseforschung zu halten, um dann davon ausgehend Leseförderung, Bestandsarbeit und so weiter zu planen). Und damit wohl auch eines, dass selbstbewusst sagt, welche Aufgaben die Bibliotheken haben sollen und deshalb nicht (mehr) vor allem über Veränderung in einer Art spricht, die eigentlich nichts am verdeckten „Kern‟ ändert.

Aber: Diese Veränderung kann nicht erzwungen werden. Schon gar nicht von ausserhalb des Bibliothekswesens – wo wir in den Fachhochschulen (Stang, Meinhardt, Keller-Loibl, ich und andere) uns alle befinden, auch wenn wir doch sehr nahe am Bibliothekswesen sind – und auch nicht von einzelnen Engagierten (Sühl-Strohmenger, Schultka und andere). Die Position, aus der Stang, Meinhardt und andere auf das Bibliothekswesen schauen können, ermöglicht, Widersprüche zu zeigen. Sie ermöglicht auch zu zeigen, dass anderes als die jetzige Situation möglich wäre. Das ist wohl alles wichtig, wenn es tatsächlich zu einer Veränderung kommt, weil diese dann nicht ziellos verlaufen muss. Aber durchführen müssten die Bibliotheken diese Veränderung selber.

Wann wird das geschehen? Es gab bei der Dialektik immer die Vermutung, dass Widersprüche dann aufgelöst werden, wenn sie zu gross geworden sind – wenn also das Leiden an ihnen so gross geworden ist, dass das Auflösen den Beteiligten (zumindest den meisten) mehr bringt, als das Beibehalten des Zustands. Aber das ist aus der Teleologie abgeleitet, dass Entwicklung immer irgendwie gesetzmässig in eine Richtung gehen müsse, der ich hier je gerade nicht folgen will.

Vielleicht gibt es keine Antwort darauf, wann eine solche Veränderung stattfinden wird. Eventuell wäre es besser zu fragen, was Bereitstehen sollte, wenn diese, sagen einmal, Wende hin zu einer „wissenschaftsbasierten Professionalisierung des Bibliothekswesens‟ beginnt. Wovon könnte das Bibliothekswesen dann profitieren? Sicherlich von den Hinweisen darauf, was an Leseforschung, Pädagogik et cetera existiert. Aber, um nur eine Möglichkeit herauszugreifen, vielleicht wären dann auch Utopien eines Bibliothekswesens, wie es dann sein könnte (doch) hilfreich. Also Beschreibungen einer Zukunft, in der (a) der Kern (Bestandsarbeit und Ausleihe von Medien) nicht übergangen wird und (b) Wissen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber professionell im Bibliothekswesen genutzt wird.

Aber immer wieder neu Widersprüche zwischen Möglichkeiten und Realität im Bibliothekswesen aufzeigen – vielleicht auch bei noch mehr Themen als bislang schon – mag zwar intellektuell richtig sein (so wie Stang und Meinhardt ja Recht haben), doch nicht unbedingt befriedigend. Und gerade dann, wenn eine andere Reaktion auf diese Widersprüche erfolgt, also tatsächlich Veränderung eintritt, die man als „Auflösung des Widerspruchs in einer anderen Ebene‟ beschreiben könnte, mag das auch nicht mehr ausreichend sein. Es gibt bislang keine gute Antwort auf die Frage, was die Aufgabe von Bibliothekswissenschaft (oder der Fachhochschulinstitute, die sich mit Bibliotheken beschäftigen) eigentlich ist. Die Antwort könnte also gut sein: Das Wissen vorbereiten, dass benötigt wird, wenn das Bibliothekswesen sich grundlegend ändert und gleichzeitig zu zeigen, dass eine solche Veränderung möglich wäre.

Ich weiss es nicht und bin mir selbstverständlich auch bewusst, dass diese kurze (wirklich kurze) Ausflug in die etwas abstrakte Spekulation ein für viele nicht vollständig überzeugend sein wird. Aber: Mir scheint er eine Ausweg zu bieten aus dem Dilemma, immer wieder richtig zu zeigen, was das Bibliothekswesen nicht macht – und dann irgendwie doch nur berechtigt damit zu rechnen, dass auch dieser Nachweis zu keiner Veränderung führen wird.

Literatur

Keller-Loibl, Kerstin (2020). Bibliothekspädagogik in der Hochschullehre: Eine Bestandsaufnahme und eine Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin.In: BuB 06 (72) 2020: 319-321

Meinhardt, Haike (2017). Leseforschung und ihr Potential für die bibliothekarische Leseförderung. In: Bibliothek Forschung und Praxis 03 (41) 2017: 319-329, https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0044

Müller, Raphaela (2020). Wer macht jetzt eigentlich was?: Ein Überblick über das Feld der Medienpädagogik in Bibliotheken. In: BuB 06 (72) 2020: 322-325

Schuldt, Karsten (2009). Bibliotheken als Bildungseinrichtungen (Dissertation). Berlin: Humboldt Universität zu Berlin, 2009, https://doi.org/10.18452/16071

Stang, Richard (2020). Viel Bibliothek, wenig Pädagogik. In: BuB 06 (72) 2020: 316-318

Sühl-Strohmenger, Wilfried ; Straub, Martina (2016). Handbuch Informationskompetenz (De Gruyter Reference). (2. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2016

Fussnote

1 Selbstverständlich auffällig, dass sich auch bei diesem Thema vor allem Männer so äussern (können?), dass es sichtbar wird, während wohl die meisten Kolleg*innen, die sich mit dem Thema in der konkreten bibliothekarischen Arbeit befassen, nicht Männer sind.

Ist die Bibliothek ein Ort, der Armut ausgleicht?

Ein Blogpost zu etwas, was mich immer wieder irritiert und, ehrlich gesagt, mehr und mehr auch ärgert.

Letztens hörte ich wieder einmal folgende Argumentation: Bibliotheken würden Menschen in Armut Zugang zu Medien ermöglichen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Deshalb könne man sagen, dass Bibliotheken gegen Armut helfen.

Dieses Argument wird immer wieder einmal gebracht. Es is falsch. Aber vor allem ist das Bringen dieses Arguments, dass dann auch oft das letzte Wort zum Thema Armut ist, Ausdruck einer meiner Meinung nach problematische Argumentationsstruktur. Einer, die Probleme reproduziert anstatt über sie nachzudenken oder gar anzugehen.

Was hier passiert ist nämlich, dass Bibliotheken als gut, sinnvoll, richtig erklärt werden (zumeist aus dem Bibliothekswesen selber, aber nicht nur) und dann aber die konkreten Verhältnisse gar nicht angeschaut werden. Nutzen den Menschen in Armut die Bibliothek so? Sehen sie die auch so oder anderes? Was denken die über Bibliotheken? Das wird bei dieser Argumentation übergangen.

Vielmehr wird die Reflexion der Realität schon abgebrochen, bevor solche überhaupt Fragen aufkommen oder gar Menschen in Armut sich irgendwie äussern könnten. Das ist einerseits gefährlich, weil das Überzeichnen der Realität nie dazu führt, dass diese Realität weggeht, sondern vielmehr dazu, dass diese immer wieder abgewehrt werden muss. Dazu muss viel intellektuelle Energie aufgebracht werden, um die Realität, die sich dem einfachen Argument nicht unterordnet, abzuwehren, aktiv zu ignorieren oder umzudeuten. Andererseits ist es auch traurig, weil sich so nichts ändert und viele (tatsächlich bestehende) Potentiale vergeben werden.

Struktur und Effekt des Arguments

Dröseln wir das einmal auf. Wie ist diese Struktur (gleich, um sie sichtbarer zu machen, ein wenig vom Thema Armut abstrahiert)?

  1. Es wird ein irgendwie positives Ziel benannt (hier: Bibliotheken sollen Menschen in Armut helfen).

  2. Das Ziel wird nicht als Ziel begriffen, dass man anstreben sollte. Vielmehr wird behauptet, dass dieses schon Realität wäre.

  3. Damit wird auch jede potentielle Diskussion abgeschnitten. Weder wird so ermöglicht, über das Ziel an sich zu diskutieren (hier zum Beispiel nicht: Was könnte die Bibliothek eigentlich für Menschen in Armut bedeuten? Sollte sie vor allem ein Ort sein, der Medienzugang ausgleicht? Oder sollte es andere Ziele geben? Vielmehr wird das Thema „Armut‟ wird sofort auf „Zugang zu Medien‟ eingeengt), noch wird so ermöglicht, diese Aussage irgendwie zu überprüfen. So etabliert man – eigentlich ohne Notwendigkeit – eine gewisse Blindheit für die Realität.

  4. Die von dieser Aussage tatsächlich Betroffenen werden übergangen. Sie werden nicht gefragt, ihnen wird nicht zugehört, es wird noch nicht mal überlegt, wie deren Alltag eigentlich tatsächlich ist. Zudem wird sofort ein bestimmtes Bild von Ihnen vermittelt, dass nicht der Realität entsprechen muss (hier: Menschen in Armut würden den gleichen Zugang zu Medien haben wollen, wie alle anderen auch – was zum Beispiel einfach als gegeben setzt, dass alle Menschen dieses gleiche Ziel hätten).

  5. Das Thema gilt dann meisten mit diesem Argument auch als beendet, was auch heisst, dass das Bild vermittelt wird, das Bibliotheken nichts ändern müssen.

Was sind die Effekte dieser Struktur?

  1. Grundsätzlich schreibt man so nicht nur der Bibliothek eine Wirkung zu, die nicht überprüft wird. Man beendet damit auch Diskussionen um die Entwicklung und Wirkung von Bibliotheken. Ebenso schneidet man Diskussionen über politische Ziele und Aufgaben von Bibliotheken ab.

  2. Man übergeht die Betroffenen.

  3. Man postuliert so nicht nur, dass Veränderung nicht notwendig wäre, sondern in gewisser Weise auch, dass sie nicht möglich wäre. Warum darüber nachdenken, etwas zu verbessern, wenn es schon gut ist?

Es muss einen Grund dafür geben, dass dieses Argument immer und immer wieder reproduziert wird. Ich würde vermuten, dass es eher darum geht, das Bibliotheken sich gegenseitig ihrer eigenen Identität versichern, als das es um Menschen in Armut geht. Aber wenn das so ist: Wozu das? Oder gibt es einen anderen Grund? (Gibt es Menschen, die davon überzeugt werden? Von was?)

Evidenzen gegen das Argument

Es gibt, um zum Thema Armut zurückzukehren, eine ganze Reihe Evidenzen dafür, dass diese Aussagen nicht stimmt (nicht umsonst habe ich ein Buch dazu geschrieben (Schuldt 2017)):

  • Schon der Fakt, dass diese Aussage so oft wiederholt wird, ohne sie zu untermauern, ist ein Hinweis darauf, das ihre Funktion nicht ist, die Realität darzustellen. Vielmehr scheint, als ob sich hier vor allem Bibliotheken untereinander immer wieder gegenseitig ihrer Bedeutung versichern. Wäre es anders, würde wohl schon jemand losgehen und zum Beispiel Testimonials einholen von Menschen in Armut, die genau das sagen, was im Argument gesagt wird. Aber die gibt es praktisch nicht. Genauso wenig, wie in Umfragen von Bibliotheken überhaupt nach sozialer Schicht oder ökonomischen Möglichkeiten von Nutzer*innen gefragt wird – also auch jedesmal versäumt wird, überhaupt Daten zu erheben, um das Argument zu überprüfen.

  • Die paar Untersuchungen, die herangezogen werden können, um zu klären, ob diese Argument überhaupt stimmt, beziehen sich fast alle auf Obdachlose / Menschen ohne festen Wohnsitz und stammen praktisch immer aus anderen Staaten als dem DACH-Raum. Aber sie bieten zumindest einen Hinweis, dass die Situation nicht so eindeutig ist, wie das Argument unterstellt. Lo, He und Yan (2019) zeigten zum Beispiel – für eine andere Fragestellung –, dass Menschen ohne festen Wohnsitz in Shanghai die Öffentliche Bibliothek vor allem nutzen, um „Zeit tot zu schlagen‟, nicht um Medien auszuleihen. Provence et al. (2020) stellten fest, dass für die USA gesagt werden kann, dass Menschen in dieser Lage sich mehr für Informationen interessieren, die sich auf ihre konkrete Situation beziehen lassen – wie sie an Unterstützung gelangen et cetera –, aber das sich ihre Interessen ansonsten mit denen anderer Personen decken. Zhang & Chawner (2018) kritisierten, dass die Stimmen von Menschen in dieser Situation im Bibliothekswesen praktisch nicht gehört werden und befragten deshalb solche in Auckland, Neuseeland. Für diese sind auch nicht der Zugang zu Medien, sondern Regelmässigkeit und Vertrauen wichtig: Sie versuchten, ihr Leben zu strukturieren und einen lebbaren Alltag herzustellen – das ist ihnen wichtig. Wenn die Bibliothek dabei hilft, nutzten sie diese. Tinker Sachs et al. (2018) stellten wieder für die USA fest, dass Menschen ohne festen Wohnsitz nicht nicht lesen, sondern vielmehr recht viel und sehr breit Medien konsumieren, dass ihnen aber gleichzeitig oft nicht bewusst ist, welche Möglichkeiten ihnen zum Beispiel in Bibliotheken offen ständen. So geht das weiter: Das Bild ist nicht per se negativ (es gäbe also wohl viele Potentiale dafür, dass Bibliotheken im Leben von Menschen eine positive Wirkung haben könnten, wenn sie das forcieren), aber es ist lange nicht so eindeutig, wie es das oben genannte Argument unterstellt. Würden Daten zu Menschen in Armut, aber mit festen Wohnsitz – also der viel, viel grösseren Gruppe – zur Verfügung stehen, wäre das Bild wohl noch uneindeutiger.

  • Mit dem Argument wird auch so getan, als bestände das Problem von Menschen in Armut nur darin, zu wenige ökonomische Mittel zu haben, um die gleichen Dinge erwerben zu können, wie andere Menschen. Das ist immer ein unterkomplexes Bild: Weit weniger Mittel als der Durchschnitt zur Verfügung zu haben, ist nur ein Teil von Armut. Vielmehr ist das Leben in ständiger Prekarität und mit ständige Bedrohung des Status quo, dessen Zusammenbruch weitreichende Konsequenzen für das eigene Leben haben kann, etwas, was Armut ausmacht. Es geht nicht um reine materielle Defizite, die man nur irgendwie ausgleichen müsste, damit die Menschen in Armut ein besseres Leben führen können. Insoweit ist selbstverständlich auch nicht davon auszugehen, dass es im Bezug auf Bibliotheken und Medien nur darum gehen würde, materielle Defizite auszugleichen, um dann schon für Menschen in Armut sinnvolle Arbeit zu leisten. (Schuldt 2017) Es ist bestimmt komplexer. (Nicht zuletzt auch, weil ein anderes Ziel für Menschen in Armut oft ist, aus dieser Situation herauszukommen; nicht einfach in der Situation selber verharren zu müssen. Das kommt bei diesem Argument auch nicht vor.)

Das Argument erzeugt eine diskursive Situation, indem es so scheint, als sei das Problem schon recht gut gelöst und man könne zu anderen Fragen übergehen. Aber nehmen wir einfach mal an, Menschen in Armut würden nicht unbedingt (nur) Zugang zu Medien suchen, sondern vor allem eine Institution, auf die sie sich verlassen können – das würde mit dem Argument nicht mal thematisierbar. Die Bibliotheken hören oft mit diesem einem Argument auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Menschen in Armut haben so gar keine Möglichkeit, Hinweise dazu, was sie benötigen würden, zu hinterlassen. Alle Ansätze in Bibliotheken sind mit dem Argument auf eine Lösung (Zugang zu Medien) zugeschnürt.

Die Betroffenen können sich nicht äussern, die Bibliotheken fühlen sich gut in ihrem Tun, aber können sich so auch nicht ändern. Und das, obwohl es in so einem Fall noch nicht mal schwer wäre und es, wie gesagt, grosses Potential gäbe: Bibliotheken könnten sehr wohl zu verlässlichen Institutionen werden, die Menschen in Armut nutzen könnten, um ihr Leben besser abzusichern. Schon dadurch, die sie verlässlich da sind und immer die gleichen Angebote haben. Das würde helfen. Man müsste gar nicht viel verändern. Aber (a) Bibliotheken müssten wohl aufhören, sich gegenüber zu behaupten, dass sie in Bezug auf das Thema Armut in gewissem Sinne schon „perfekt‟ sind, (b) sie müssten offen sein, nicht über, sondern mit den Betroffenen zu reden und auch denen vielmehr Lead dabei zu überlassen zu sagen, was sie wichtig finden und wie sie grundsätzlich die Situation wahrnehmen, (c) und ja – sie müssten akzeptieren, dass sie nicht perfekt sind, sondern sich ändern können.

Kann man das besser machen?

Könnte man es anders machen? Ja, klar. Es wäre noch nicht einmal schwer.

  1. Wichtig wäre, dass man aufhört, zu behaupten, das bestimmte politische Ziele (hier, das Menschen in Armut geholfen wird) als schon die bestehende Realität darstellen. Man kann gerne sagen, Bibliotheken sollten Menschen in Armut helfen – aber erstmal sollte man das als Utopie begreifen, als „so sollte es sein‟. Das (a) macht das überhaupt einmal diskutierbar (Sind alle dieser Meinung? Ist das ein von der Profession geteilter Wert?) und (b) schliesst Diskussion nicht sofort ab, sondern eröffnet sie.

  2. Wirklich wichtig ist, den Gestus abzulegen, etwas, was man gerne hätte, als schon gegeben darzustellen – vor allem dann, wenn es einen nicht direkt betrifft. Vielmehr sollte man davon ausgehen, dass es nicht so ist, wie man es gerne hätte und sich zu fragen, wie man es erreichen kann. Versucht man zu verstehen, ob die Situation so ist, wie man sie gerne hätte, ohne gleich darein zu verfallen, sie so, wie sie ist verteidigen zu wollen, lernt man viel mehr über die Realität und kann die Einrichtung Bibliothek auch viel besser verändern. [Ein Vorgehen bei wissenschaftlichen Studien ist bekanntlich, (begründete) Hypothesen aufzustellen und dann zu versuchen, sie zu widerlegen. Schafft man das nicht, gelten sie erstmal als gültig – aber beim Versuch sie zu widerlegen lernt man meisten viel über das Thema. So sollte man auch mit offensichtlichen Wünschen, wie denen, die sich hinter dem genannten Argument zu verbergen scheinen, umgehen.] Das geht am Besten selbstverständlich, wenn man die Perspektive der Bibliothek verlässt und mit denen spricht, die – hier, in diesem Fall, von Armut – betroffen sind.

  3. Wenn man die Situation geklärt hat (also hier: Wenn klar ist, dass die spezifische Bibliothek oder das ganze Bibliothekswesen Menschen in Armut unterstützen sollte UND man weiss, wie die Situation eigentlich ist, vor allem, was Menschen in Armut eigentlich benötigen), kann man überlegen, wie man dazu kommt, dieses Ziel zu erreichen. Es wird dann garantiert ein anderes sein, als das einfache „die Bibliothek substituiert materielle Voraussetzungen beim Zugang zu Medien‟. Aber wichtig ist, dass man nur so überhaupt klärt, ob und was geändert werden müsste. Oder ob die ganze Idee vielleicht nicht hinreichend war / ist.

  4. Relevant dafür wäre auch, den Blick zu ändern: Nicht davon auszugehen, dass die Bibliothek schon an sich gut / perfekt wäre und dann „nur‟ versuchen, dass irgendwie zu verteidigen. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür. Nichts ist perfekt.

Eine Frage wäre, ob das alles nur für dieses eine Argument über Armut gilt. Selbstverständlich nicht – es gibt eine ganze Anzahl von Argumenten, die in bibliothekarischen Diskussionen und Selbstdarstellungen immer wieder reproduziert werden und bei denen behauptet wird, dass Bibliotheken bestimmte Dinge erfüllen / sind / tun und die nicht hinterfragt werden: Wenn Behauptungen darüber aufgestellt werden, dass Bibliotheken bestimmte Kompetenzen „vermitteln‟ würden. Wenn postuliert wird, dass die Bibliothek ein offener Raum für alle wäre (und sich dann gefragt wird, warum sich so wenig Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft gehören, bewerben würden – als wäre das ein Fehler dieser Menschen). Wenn gesagt wird, dass Bibliotheken „Orte der Begegnung‟ wären (für alle), „Orte der Integration‟ und so weiter. Armut ist als Thema eher zufällig herausgegriffen, weil ich dazu Einiges zu sagen habe. Aber vielmehr irritiert und ärgert mich die Struktur. Ich kann sie mir nur als Arbeit an der bibliothekarischen Identität erklären – aber eine, die die eigentlichen Potentiale von Bibliotheken für eine, well, bessere Gesellschaft verbauen.

Wer behauptet, Bibliotheken wären schon perfekt, verhindert, dass sie sich entwickeln. Wer über Menschen redet, statt mit ihnen, reproduziert oft nur die Strukturen, von denen Menschen betroffen sind. So wird nichts besser.

Literatur

Lo, Patrick ; He, Minying ; Liu, Yan (2019). „Social inclusion and social capital of the Shanghai Library as a community place for self-improvement‟. In: Library Hi Tech 37 (2019) 2: 197–218, https://doi.org/10.1108/LHT-04-2018-0056

Provence, Mary A. ; Wahler, Elizabeth A. ; Helling, John ; Williams, Michael A. (2020). „Self-Reported Psychosocial Needs of Public Library Patrons: Comparisons Based on Housing Status‟. In: Public Library Quarterly (2020) (Latest Articles) https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1730738

Karsten, Schuldt (2017). „Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion‟. 2017, http://hdl.handle.net/10760/31084

Tinker Sachs, Gertrude ; McGrail, Ewa ; Lewis Ellison, Tisha ; Dukes, Nicole Denise ; Walsh Zackery, Kathleen (2018). „Literacy scholars coming to know the people in the parks, their literacy practices and support systems‟. In: Critical Inquiry in Language Studies 15 (2018) 1, https://doi.org/10.1080/15427587.2017.1351880

Neue Hygienedispositive – werden wohl auch die Bibliotheken verändern

Das Buch „Un siècle de banlieue japonaise‟ von Cécile Asanuma-Brice (2019) hat die Geschichte der ständigen Um- und Neubauten der Vorstädte Tokios seit der Meiji-Restauration (1868) zum Thema. Diese ist geprägt von rasanten Veränderungen nicht nur des Bauens, sondern auch der Vorstellungen über gutes Wohnen, über die Organisation von Stadt und Umland oder auch der Frage, wer für das Bauen guter Wohnungen zuständig ist (der Staat oder der Markt). Als ich es letztens gelesen habe, fiel mir aber noch etwas ständig Wiederkehrendes auf: Die Bedeutung je neuer Dispositive um Hygiene, die sich vor allem als Antwort auf Gesundheitskrisen (konkrete Epidemien und der sich wandelnde Blick auf Problemlagen, die je neu als Krisen, wahrgenommen wurden, die anzugehen wären1) etablierten und dazu führten, dass anders geplant, gebaut und dann auch gelebt wurde.

Das ist in der Geschichte der Stadtentwicklung ein ständiges Thema (Lévy 2012), aber mit der Beschleunigung von Entwicklungen und Veränderungen in der Moderne seit dem 19. Jahrhundert halt auch eines mit beschleunigter Dynamik. (Ich erinnere mich an meine alte Nachbarin in Neukölln, die Ende der „Nuller Jahre‟ rund 50 Jahre in der gleichen Wohnung lebte und sich jeder Renovierung widersetzte, deshalb aber mit Kohlen heizte und als einzige im Haus noch ein Etagenklo nutzte – was vollkommen aus der Zeit gefallen war, obwohl es kein Menschenleben vorher offenbar in diesem Haus vollkommen normal war, wie man im Treppenhaus sieht, wo die Aussparungen für die Etagenklos weiterhin sichtbar sind.) Es ist mir nur beim Lesen dieses Buches wieder aufgefallen. Beispielsweise auch in der ständigen Ausstellung des gerade wieder geöffneten Musée Historique hier in Lausanne über die Entwicklung dieser Stadt kommen Gesundheitskrisen, sich etablierenden Hygienedispositive und dann darauf teilweise langsam, teilweise schnell reagierende Umbauten prominent vor. Die Überbauung der beiden Flüsse Louve und Flon Ende des 19. Jahrhunderts, um weitere Typhus-Ausbrüche zu verhindern – die ja auch in vielen anderen Städten stattfand –, nimmt in dieser Ausstellung einen grossen Raum ein. Ebenso, wie der Umbau der Häuser in den proletarischen Quartieren, so dass alle Wohnungen fliessend Wasser und ausreichende Sanitäreinrichtungen erhielten. Oder die Schaffung von städtischen Strukturen für das sanitäre System Ende des 19. Jahrhunderts.

Andere Hygiene – andere Formen des Alltags

Oft ist auch schon darauf hingewiesen worden, dass solche Umbauten, die zuerst aus Gründen der Hygiene vorgenommen wurden, im Anschluss dazu führten, das sich neue, unerwartete Möglichkeiten zu wohnen oder die Stadt zu nutzen ergaben. (Zum Beispiel Hardy 2005, Lévy 2012) Menschen und die Gesellschaft haben sich da immer wieder angepasst (oder, wie meine alte Nachbarin, widersetzt, sind aber dann damit recht aus der Zeit gefallen). Die immer wieder erzählte Geschichte davon, wie Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Planung von Baron Haussmann die Strassen und Viertel in Paris auch umgebaut wurden, damit Militär bei Aufständen nicht in engen Gassen manövrieren muss, aber gleichzeitig die Hygiene so sehr verbesserten, dass sich an diesen Strasse zahllose Cafés mit offenen Flächen ansiedeln konnten, in denen sich dann besser und schneller revolutionäre Gedanken entwickeln und verbreiten liessen, als vorher, ist eindrücklich, aber auch nicht originär. (Sennett 2018) Ähnliche unvorhergesehene Veränderungen des Alltags kamen immer wieder vor. Schon, dass heute allgemein überall fliessend Wasser und Sanitäreinrichtungen erwartet werden – nicht nur in der Wohnung, sondern überall, selbst auf dem schmutzigsten Festival – und alle mit ihrem Vorhandensein planen, ist ein Hinweis darauf, wie sehr Einrichtungen, die der Hygiene wegen etabliert werden, sich in unser Leben integrieren.

Mir scheint sehr klar, dass auch die COVID-19-Pandemie dazu führen wird, dass sich neue Hygienedispositive etablieren. Die Frage scheint mir gar nicht, ob man die jetzt gut oder schlecht finden wird, sondern nur, wann und welche. Aktuell sehe ich zum Beispiel viele Bilder, wo Sitzplätze (in Schulen, in Cafés, aber auch in Bibliotheken) auseinander geschoben und in ihrer Zahl verringert werden. Gleichzeitig haben wir alle vielleicht jetzt neu gelernt, Hände zu waschen und überall Desinfektionsmittel vorzufinden. Das Tragen von Gesichtsmasken wird sich vielleicht auch als Normalität – nicht für alle, aber für die, die es wollen oder als notwendig ansehen – etablieren (zumindest haben andere Epidemien in anderen Gesellschaften bekanntlich dazu geführt). Vielleicht wird es sich auch etablieren, dass Menschen allgemein im Alltag mehr Distanz einfordern werden. Wer weiss.

Rasante Veränderungen. Nicht nächste Woche, aber vielleicht nächstes Jahr

Sicherlich, gerade stellen sich Leute wieder sehr, sehr nah, weil Leute den Eindruck zu haben scheinen, dass die Krise vorbei wäre. Oder, weil sie es nicht mehr aushalten, achtsam zu sein. Hier in der Schweiz durften zum Beispiel die Clubs dieses Wochenende wieder öffnen und bei dem direkt hier vor der Tür konnte man sehen, wie sich niemand in der Schlange an irgendeine Distanz gehalten hat. Für eine kurze Zeit scheinen viele Menschen vergessen zu haben, dass wir weiterhin eine Pandemie haben, die sich vor allem durch Nähe zwischen Menschen überträgt. Aber man sollte die mittelfristigen Veränderungen nicht unterschätzen. (Ebenso wie man die ersten Tage nicht überschätzen sollte. So voll, wie dieses Wochenende, ist der Club sonst nie. Da war „Nachholebedarf‟, wie woanders wohl auch – aber der ist irgendwann auch befriedigt.) Spätestens eine zweite Welle dieser Pandemie oder halt die nächste Pandemie (die mit hoher Wahrscheinlichkeit drohen wird, wir sind ja in den letzten Jahren nur knapp an anderen „vorbeigeschrammt‟) wird – wenn die Geschichte eine Struktur zeigt – dazu führen, dass sich Dispositive und damit auch das Verhalten ändern werden.

Bibliotheken

Aktuell scheint auch bei Bibliotheken die Vorstellung vorzuherrschen, dass man über kurz oder lang wieder zur gleichen Nutzungsweise von Bibliotheken und Bibliotheksräumen übergehen wird, wie vor der Pandemie. Das also alles eher eine Frage der Zeit sei. Und, zugegeben, ich bin nicht gut darin, treffende Vorhersagen zu machen. Aber: So, wie wir bislang gelebt haben, hat es ja zur Pandemie geführt. Mir ist nicht klar, wie es sicher und sinnvoll sein kann, wieder dahin zurückzukehren.

Ich kann auch nur vermuten, was passieren wird. Mir scheint aber, es wäre sinnvoll, wenn Bibliotheken das zumindest mal andenken würden. Ich kann mir gut vorstellen, dass in kurzer Zeit Menschen nicht mehr von der Idee angetan sein werden, in ein „Wohnzimmer der Stadt‟ zu gehen, wenn das Bilder von ungewollter Nähe vermittelt. Auch die Vorstellung, Communities herzustellen, indem man Menschen in Workshops, Veranstaltungen und so weiter zusammenbringt, dürfte jetzt zumindest mehr Raum benötigen. Ebenso scheinen mir Arbeitsplätze in Lesesälen nebeneinander, in langen Reihen, potentiell tendenziell weniger beliebt zu werden. Kann auch gut sein, dass mehr Menschen anfangen, sich mehr Gedanken darum zu machen, wie Viren „funktionieren‟ (so, wie man sich heute grundsätzlich auch mehr Gedanken darum macht, was man isst) und dann darauf zu achten – was immer dieses „darauf achten‟ heissen wird.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass in den letzten 150 Jahren oder so sich immer wieder schnell, aufgrund von Gesundheitskrisen, neue Hygienedispositive etabliert haben und dann zum Beispiel dazu führten, dass die Vororte Tokios umgebaut oder überall in Lausanne Sanitäreinrichtungen installiert oder ganz grundsätzlich neue Verhaltensregeln etabliert wurden. Oder, dass Wohnungen so gebaut wurden, dass man sie lüften kann. Oder das Städte Parks und Grünflächen erhielten. Solche Veränderungen kamen nicht in zwei-drei Wochen, aber doch – wie zum Beispiel im oben erwähnten Buch von Asanuma-Brice (2019) dargestellt wird – zum Teil rasend schnell. Ich schaue immer wieder auf Bilder von Bibliotheken aus verschiedenen Jahrzehnten. Wenn man darauf achtet, zeigen sich in diesen die jeweiligen zeitgenössischen Hygienevorstellungen selbstverständlich auch. Bibliotheken sind von den Veränderungen in der Nutzung öffentlicher Einrichtungen nie ausgeschlossen.

Aktuell scheinen Bibliotheken, wenn sie über mögliche Veränderungen durch die Pandemie reden, vor allem über digitale Angebote, Homeoffice und so weiter nachzudenken. Schön und gut. Aber sie sollten sich darauf vorbereiten, dass sich mittelfristig auch die Dispositive dazu, was akzeptable Räume (nicht nur von Bibliotheken) sind und wie sie zu nutzen sind, ändern wird. Bislang können wir zu den bevorstehenden Veränderungen – aber das ist ja auch bei anderen Themen so – nur ein paar Vermutungen äussern. Aber ich würde mich wundern, wenn es nicht diesen Monat in einem Jahr ein intensiv diskutiertes Thema wäre. Einfach so, wie es „vorher‟ war, wird es nicht werden. Die Menschen werden sich (mit Ausnahmen) beginnen, anders zu verhalten.

 

Literatur

Asanuma-Brice, Cécile (2019). „Un siècle de banlieue japonaise: Au paroxysme de la société de consommation‟. Genève: Mētis Presses, 2019

Elsig, Alexandre (2015). „La ligue d’action du bâtiment – L’anarchisme à la conquête des chantiers genevois dans l’entre-deux-guerres‟. (Coédition Collège du travail) Lausanne: Editions d‛en bas, 2015

Hardy, Anne (2005). „Ärzte, Ingenieure und städtische Gesundheit : Medizinische Theorien in der Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts‟. (Kultur der Medizin, 17) Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 2005

Lévy, Albert (2012). „Ville, urbanisme & santé: les trois révolutions‟. (Société et santé) Paris: Pascal / Mutualité Française, 2012

Sennett, Richard (2018). „Building and dwelling : ethics for the city‟. London: Allen Lane, 2018

1Alexandre Elsig (2015) stellt in seiner Geschichte einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft im Genf der 1930er unter anderem da, wie die Wohnverhältnisse der Arbeiter*innen zu einem politischen Thema wurden und die Gewerkschaft irgendwann begann – als direkte Aktion – „Typhus-Häuser‟ abzureissen, weil ihrer Meinung nach die Regierung sich nicht schnell genug darum kümmerte, diese Häuser zu verbessern. Auch hier hatte sich in wenigen Jahren die Vorstellung etabliert, dass bestimmte Formen des Wohnens – die vorher noch akzeptabel schienen – ein Gesundheitsrisiko darstellten.

Soll man einfach so zum Status quo ante zurückkehren?

So, Bibliotheken sperren langsam auf. Nicht überall, immer mit Einschränkungen, unterschiedlichen Lösungen und Zeithorizonten (und vielleicht auch nur erstmal, falls „die zweite Welle‟ kommt). Dazu hätte ich mal eine Frage: Ist das Ziel jetzt am Ende des Prozesses alles wieder so zu haben, wie es – sagen wir mal – im Januar 2020 war? Soll neue Normalität heissen vor allem irgendwie die alte Normalität, wenn auch in Schritten, wieder zu erreichen?

Weil, zumindest das was man hört und sieht, wenn man vor allem weiter daheim bleibt und Online arbeitet, scheint darauf hinzudeuten. Das muss nicht heissen, dass es überall so ist. Vieles was in einzelnen Bibliotheken lokal geschieht, gerade internes, sieht man so ja nicht. Aber wenn dieser Eindruck stimmt, würde ich doch etwas einwerfen wollen: Das muss überhaupt nicht das Ziel sein und es wird viel Unzufriedenheit hervorrufen. Es wäre falsch. Ich würde hierbei vor allem, aber nicht nur, vom Personal sprechen.

Was gelernt wurde

Während der Pandemie ist in den letzten Monaten unter anderem in Bibliotheken klar worden, (a) was in den einzelnen Bibliotheken auch anders möglich wäre, (b) was von den Nutzenden als wichtig angesehen und genutzt wird oder nicht, (c) was für Vorstellungen Bibliotheken über sich und ihre Funktion haben und wie sehr sich das mit der Realität (also dem, was wirklich benutzt oder wertgeschätzt wird) deckt, (d) was für interne Strukturen vielleicht gar nicht nötig sind, zumindest aber nicht in der hergebrachten Form. Nur ein paar Punkte:

  • Das ganze Arbeiten Online und vielleicht mit weniger direkter Kontrolle durch ständigen Kontakt in der Bibliothek / im Büro hat gezeigt, wie gut oder schlecht das wirklich funktioniert. Etwas überrascht (weil, zugegeben, ich als Forschender eigentlich schon immer so arbeite) konnte man in den letzten Wochen ja feststellen, dass einige Einrichtungen und Personen jetzt, 2020, erst damit wirlich Erfahrungen sammeln. Und diese Erfahrungen sind selbstverständlich ganz unterschiedlich (das hätten Leute wie ich, die schon so arbeiten, auch sagen können, hätte man mal gefragt). Viele kamen damit nicht gut klar, bei vielen auch wegen dem Betreuungsaufwand, den sie auf einmal zusätzlich hatten. Aber bei vielen auch, weil sie die Organisation auf diese Weise nicht gewohnt waren. Andere kamen gut klar und konnten besser und effektiver, vielleicht auch zufriedener arbeiten. Gleichzeitig wurden viele Annahmen über die Leitung von Bibliotheken und das Management von Personal auf die Probe gestellt. So viele Leitungen und Personen mit Personalverantwortung, welche die Überzeugung hatten, Führung ginge nur über direkten Kontakt in Sitzungen und Gesprächen vor Ort (ansonsten würde niemand arbeiten?) waren jetzt gezwungen, das anders zu organisieren. Bestimmt wieder mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Aber mit realen Erfahrungen.

  • Das Personal in vielen Bibliotheken musste und konnte in diesen Wochen die eigene Arbeit anders organisieren als in der Bibliothek / im Büro. Auch hier: Einige werden damit Schwierigkeiten gehabt haben, andere werden gut damit zurecht gekommen sein und eine Anzahl wird so viel besser als sonst gearbeitet haben. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben viele auch selber erlebt (und werden vielleicht in den nächsten Tagen beim vBIB20 noch erleben), das Weiterbildung auch Online gut möglich ist, und wenn es einfach nur die Zeit ist, die man sich nimmt, um einen Vortrag zu schauen, anstatt extra dafür hunderte Kilometer zu fahren und dann da mit Leuten kommunizieren zu müssen. (Das ist ja auch ein Lernprozess.)

  • Es scheint auch so, als wäre das eigentliche Empfinden des Personals – also sowohl die, die in dieser Krise belastet waren, beispielsweise mit mehr Ängsten, depressivem Phasen, Stress, Unsicherheiten als auch denen, die positivere Erfahrungen hatten, beispielsweise freier arbeiten konnten oder konzentrierter – kaum Thema von Diskussionen. Das kann täuschen, es ist schwer in die internen Prozesse der einzelnen Bibliotheken zu schauen. Aber – wie auch in der breiten Öffentlichkeit, wo mehr über die Sorgen vermögender Firmen und Restaurants-Lobbygruppen geredet wurde, als über die Belastungen für Menschen mit wenig Geld oder mehr Ängsten – scheint auch im bibliothekarischen Diskurs vor allem eher über institutionelle Dinge geredet worden zu sein. Das zeigt auch eine gewisse Wertigkeit (die, wie gesagt, vor Ort anders aussehen kann).

  • Viele Bibliotheken, vor allem Öffentliche, gingen in den Anfangswochen dieser Krise davon aus, dass es einen grossen Bedarf daran gäbe, irgendwie Bücher bereitzustellen. Wir haben das alle irgendwo gelesen: Lieferdienste per Post oder direktem Vorbeibringen, Anrufen in der Bibliothek und vor der Bibliothek abholen und alle anderen möglichen Lösungen. Mehr Onleihe, Filmfriend und so weiter sowie die Möglichkeit, sich online einzuschreiben. Es wäre jetzt möglich, mal zu schauen, wie sehr diese These stimmte. Wie waren den die Zahlen? Hat sich der Aufwand gelohnt? Und selbst wenn die Zahlen nicht gut waren (die wenigen, die bislang durchgedrungen sind, klangen nicht überragend; aber das kann ja wieder anderswo anders gewesen sein1), fand es vielleicht die Öffentlichkeit, die Träger und so weiter gut, dass es das Angebot gab? Oder war das eine verkehrte Annahme der Bibliotheken davon, was Nutzende (in dieser Situation) wichtig finden?

Wie immer wird die Antwort nicht einfach Ja oder Nein, Gut oder Schlecht sein. Nicht zum Beispiel: „Ja, ab jetzt nur noch Online arbeiten‟ oder „Nein, nur noch vor Ort‟. Aber was wohl klar sein sollte: Alle haben in dieser Krise Erfahrungen gesammelt (und sammeln sie weiter, auch beim jetzigen „Öffnungsprozess‟; die Krise ist ja noch nicht um). Viele haben erlebt, dass Dinge wirklich nicht so sein müssen, wie sie sind.

Was man tun könnte

Mein Argument wäre: Einfach anstreben, die Bibliothek im, sagen wir mal, Oktober, wieder so zu haben, wie sie im, sagen wir mal, Januar war, wäre ein Fehler. Das wird Teile des Personals (und damit meine ich auch Leitungen selber) und vielleicht auch der Öffentlichkeit enttäuschen. Menschen haben jetzt nicht einfach als denkbare Möglichkeit, sondern in der Realität, gelernt, dass es anders sein kann. Das heisst nicht, dass alle wollen, dass es so anders bleibt. Aber viele werden sehen wollen, dass ihre Bibliothek aus diesen Erfahrungen lernt. Die einfache, undiskutierte Rückkehr zum Status quo ante wird den Eindruck vermitteln, dass man die Erfahrungen des Personals – gute, schlechte und die dazwischen – nicht relevant findet und nur an der Aufrechterhaltung vorhandenen Strukturen und Prozesse interessiert ist, egal was deren – auch wieder guten, schlechten und dazwischen – Effekte sind. (Das wird Auswirkungen auf die Motivation von Teilen des Personals haben und vielleicht auch dessen Wunsch, sich anderswo um Karrieren umzusehen.)

Was könnten Bibliotheken praktisch tun?

  1. Bibliotheken sollten nicht einfach davon ausgehen, dass alle den Wunsch und das Ziel haben, ungefragt und unbedacht wieder zum Zustand vom Januar 2020 zurückzukehren und die Frage einfach nur wäre, wie und über welchen Zeitraum. Das wäre schlicht eine falsche Annahme. (Ungefähr so, wie wenn die Leitung alleine das Leitbild schreibt und dann davon ausgeht und plant, als wenn das von allen in der Einrichtung geteilt wird.)

  2. Bibliotheken sollten zeitnah einen Prozess aufsetzen, in dem sich alle in der Bibliothek gemeinsam darüber Gedanken machen können, was jetzt eigentlich in der Krise passiert ist, wie sie das erlebt haben, was sie gelernt haben und so weiter. Der Prozess kann ganz unterschiedlich aussehen, wie solche Prozesse in den Bibliotheken halt aussehen: Ein grosses Treffen (online?), ein strukturierter Prozess in mehreren Phasen mit verschiedenen Formen der Rückmeldung. Die Managementliteratur ist voll mit Vorschlägen für solche Abstimmungsprozesse, man kann da einen auswählen. (Bibliotheken, die Prozesse etabliert haben, in dem das Personal sich wirkmächtig – also so, dass auch tatsächlich etwas passiert und ohne Angst haben zu müssen, dass es für sie negative Auswirkungen hat, wenn sie sich äussern – äussern können, sind dabei im Vorteil. Solche, die bislang solche internen Prozesse nicht haben und eher hierarchisch organisiert entscheiden oder bislang dem Personal keinen realen Einfluss auf Entscheidungen gewährt haben, werden damit weiter Probleme haben. Aber das liegt dann gerade an der internen Struktur über die gerade reale Erfahrungen gesammelt wurden.) Verschiebt man diesen Prozess auf irgendwann nach der Krise oder geht ihn gar nicht an, sendet man an das Personal die Nachricht, dass deren Erfahrungen irrelevant sind im Gegensatz zur Aufrechterhaltung des Bestehenden.

  3. Was in einem solchen Prozess geklärt werden sollte, ist nicht nur, welche Erfahrungen die Einzelnen in den letzten Monaten hatten (wobei dabei wichtig wäre zu merken, wie unterschiedliche diese Erfahrungen wohl waren und nicht die Erfahrungen einzelner zum normalen Empfinden stilisiert werden sollten). Es sollte thematisiert werden, was funktioniert hat und was nicht (wobei hier klar sein sollte, dass nicht alles gut funktionieren kann und vor allem die tatsächlichen Anstrengungen wertgeschätzt werden sollten), was an „alten Strukturen‟ und vielleicht auch Denkweisen (oben schon erwähnt die Annahme, Leitung müssen in Sitzungen und Gesprächen vor Ort durchgeführt werden) dem Funktionieren im Weg stand, was an Vorstellungen davon, was die Bibliothek ist und soll, sich bestätigt oder nicht bestätigt hat.

  4. Geklärt werden sollte auch gemeinsam, was das Ziel für die Normalität nach der Krise sein soll. Wie gesagt, gerade scheint mir, dass an vielen Stellen einfach vorausgesetzt wird, dass alle zum Status quo ante zurückkehren wollen würden. Aber: So, wie es Januar 2020 war, war es vielleicht gar nicht bestmöglich. Vielleicht haben sich durch die Erfahrungen der letzten Monate alternative Vorstellungen davon, wie die jeweilige Bibliothek sein soll, wie die internen Strukturen sein sollen, wie die Arbeit sein soll, entwickelt. Vielleicht haben sich Lockerungen ergeben. Vielleicht hat sich erst durch die neuen Erfahrungen gezeigt, wie die Strukturen eigentlich sind. Oder vielleicht wollen wirklich alle in der Bibliothek wieder zum gleichen Stand zurück und die gleichen Angebote machen. Das wäre in einem solchen Prozess zu klären. Aber es einfach vorauszusetzen, hiesse nur, die Erfahrungen des Personals überhaupt nicht ernstzunehmen.

Keine dummen Sprüche

Auch wenn es vielleicht nicht so anfühlt, weil wir vor allem daheim geblieben sind: Für diejenigen von uns, die bislang ihr ganzes Leben im DACH-Raum verbracht haben und nicht etwa aus Bürgerkriegs-/Kriegsgebieten eingewandert sind, war dies (beziehungsweise ist dies weiterhin) die grösste Katastrophe, die wir (bislang) erlebt haben: Die mit der grössten Anzahl Toter und den meisten bleibenden Schäden. (In der Presse ist vor allem von Schäden für die Wirtschaft die Rede, aber nachdem ich den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft erlebt habe, kann ich nur sagen, dass uns das nicht schocken sollte. Wirtschaft jammert immer, redet dabei nicht von den Menschen und erholt sich am Ende zumeist innerhalb kurzer Zeit wieder. Aber die Gesundheitsschäden und die Schäden an der conditio humana, die machen mir Sorgen.) Deswegen finde ich es auch unangebracht, wenn jetzt schon wieder Marketingsprüche von „der Krise als Chance‟ die Runde machen oder leichter Hand irgendwelche Voraussagen dazu gemacht werden, wie „uns‟ die Krise verändert haben wird, wie das in den Kommentarspalten vieler Zeitungen gerade passiert. Vielleicht ist mein moralischer Kompass falsch, aber das ruft bei mir Verachtung hervor. Weder muss man den Ernst der Lage mit motivierenden Sprüchen überdecken, noch muss man mit Tunnelblick eine Entwicklungsrichtung (und wenn es die von „alles soll werden wie vorher‟) vorgeben. Die so vorhergesagten Veränderungen treten eh nie ein. Das will nicht machen, weil ich es auch nicht besser weiss.
Eine Krise ist keine Chance, die man nur nutzen muss, um das durchzusetzen, was man gerne hätte (wie das in der Marketingliteratur gerne vorgeschlagen wird). Sie ist vielmehr immer ein Zeitpunkt, an dem der Status quo, die Annahmen davon, wie etwas ist und wirkt sowie die Strukturen, so wie sie sind, belastet werden. Einige brechen, einige biegen sich, einige halten oder beweisen eine grössere Stärke als angenommen. Das ist jetzt auch in den Bibliotheken passiert. (Ich würde vermuten, dass sich die Vorstellungen, Leute würde sich in Krisen auf Bücher stürzen und in grosser Zahl Liefer- und Onlineangebote nutzen, nicht bestätigt hat, aber das der Willen des Personal zu arbeiten, auch wenn es nicht eng geführt wird, sich als viel stärker bewiesen hat, als viele Leitungen Angst hatten – aber das nur meine Vermutungen.) Diese Belastungsproben jetzt nicht zu nutzen, um zumindest zu schauen, ob man etwas anders machen sollte, würde nur den Eindruck vermitteln – nach innen und nach aussen – dass Bibliotheken gar kein Interesse daran haben, sich zu verändern oder auch nur zu fragen, ob etwas anders sein könnte. Aber das wird, da sich – egal ob Krise oder nicht – immer etwas ändert, nicht funktionieren.
Ich bin mir sicher, dass in vielen Bibliotheken auch jetzt wieder das Argument vorgebracht wird (weil es so oft vorgebracht wird), dass man jetzt gerade keine Zeit hätte, sich damit zu beschäftigen, darüber nachzudenken, ob man zurück zur gleichen Normalität möchte, die es schon mal gab, oder zu einer anderen oder was passiert ist und so weiter. Aber das ist immer ein schlechtes Argument, auch jetzt. Wenn man es jetzt nicht zeitnah angeht, wird man es nie angehen und wohl eher negative Effekte haben, weil das Nicht-Behandeln (wie oben gesagt) sich zumindest auf Teile des Personals negativ auswirken wird. Zudem ist die Verteilung von Ressourcen, also auch der Arbeitszeit, die für interne Prozesse, wie den hier angemahnten, aufgebracht wird oder nicht aufgebracht wird und dafür, was als wichtig wertgeschätzt wird oder nicht, immer eine politische Entscheidung, auch innerhalb einer Bibliothek. Ressourcen wie Zeit nur dafür einzusetzen, ungefragt ein Ziel (den Status qua ante) anzustreben, sagt halt auch etwas über die jeweilige Bibliothek.

[Zumal: Wir sollten auch wenn diese Krise irgendwann durchgestanden ist, nicht davon ausgehen, dass es dann einfach „weitergeht‟. Wir – nicht die Bibliotheken, die Menschen – haben die Erde umgestaltet. Es ist wirklich das Anthropozän. Wir haben dabei Bedingungen für vieles geschaffen, aber eben auch dafür, dass es immer schneller und öfter Epidemien und Pandemien geben wird, neben den ganzen Auswirkungen der Klimakatastrophe, die auch – ich erinnere nur an den warmen April dieses Jahr – auf uns zukommen werden. Es wird mehr solche Krisen geben. Vielleicht werden wir als Gesellschaft auf die nächste Pandemie schneller reagieren. Aber wir sollten nicht davon ausgehen, dass das „Herunterfahren der Gesellschaft‟ in den letzten Monaten etwas einmaliges war. Bibliotheken, aber auch Gesellschaften, die aus dieser Krise lernen, werden besser darauf vorbereitet sein, wenn es wieder soweit kommt. Bibliotheken, aber auch Gesellschaften, die nur den Status quo ante anstreben, werden dann wieder vor den gleichen Problemen stehen.]

 

Fussnoten

1 Es ist aber erstaunlich, wie wenig man von diesen Angeboten, jetzt, wo man sie auswerten könnte, hört. Mag unterschiedliche Gründe haben, aber man könnte erwarten, dass sie pro-aktiv nach aussen dargestellt würden, wenn sie sehr erfolgreich gewesen wären.

Thekenbibliotheken / Pandemie-gerechte Bibliotheken

Thekenbibliotheken – aktuell, wo sich jetzt viele Bibliotheken darauf vorbereiten wieder für das Publikum zu öffnen, unter strengen Hygiene-Regelungen und vor allem für die Ausgabe zuvor bestellter Medien und die Rücknahme derselben, wird immer wieder einmal der Witz gemacht, sie seien jetzt halt wieder Thekenbibliotheken. Solche Witz kann man machen und es ist selbstverständlich auch gut, in der jetzigen Situation einmal zu lachen. Unbenommen.

Aber Thekenbibliotheken sind das selbstverständlich nicht.

Sicherlich: Da ist – in den meisten Bibliotheken – eine Theke, vor die die Nutzer*innen treten werden, dahinter Bibliothekar*innen, die Medien zurücknehmen oder zuvor bestellte Medien aushändigen. So ähnlich war es in den Thekenbibliotheken bis in die 1950er / 1960er auf den ersten Blick auch. Aber die Unterschiede sind doch immens.

Wenn man den Witz einmal gemacht hat, kann man die Situation auch nutzen, um sie als Beispiel dafür zu nehmen, was sich seitdem alles geändert hat. Die Bibliothek ist, so kann man bei diesem Vergleich gut sehen, immer mehr als der Raum selber. Es geht immer auch darum, was sich die Bibliotheken – also das Personal konkret vor Ort, aber auch die Profession als Ganzes – unter einer Bibliothek, deren Aufgaben, Möglichkeiten, Zielen vorstellt und was sich die Öffentlichkeit – die Nutzer*innen vor Ort, aber auch die Allgemeinheit – darunter vorstellt. Sicherlich: Der Raum repräsentiert dieses Denken und prägt es auch wieder (insbesondere, wenn dieser nicht von den notwendigen Regeln zur Reduktion des Ansteckungsrisikos in einer Pandemie geprägt ist – obgleich wir weiter unten sehen können, dass gerade das eine Verbindung zu den „alten Thekenbibliotheken‟ darstellt). Aber das ist nur ein Teilaspekt.

Was waren Thekenbibliotheken?

Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum begannen in den 1910er Jahren langsam darüber nachzudenken (und allererste Experimente dazu durchzuführen), ob den Leser*innen nicht der direkte Zugang zum Bestand gewährt werden könnte. Immer mit Einschränkungen, immer erstmal bezogen auf Teile des Bestandes und immer mit grossem Widerstand aus der Profession. Es dauerte lange, bis dieser Zugang zum Allgemeingut wurde. Jahrzehnte lang gab es diese Diskussionen, immer mit Verweis darauf, dass ein solcher Zugang – die Freihandbibliothek – in anderen Ländern normal sei (was übrigens so auch nicht stimmte).

Während des Nationalsozialismus gab es eine ganze Reihe von Bibliotheken, die als Freihand eingerichtet wurden, aber es scheint, als seine viele davon nach 1945 zerstört gewesen oder zurückgebaut worden. Zumindest wurde kaum über diese Phase geredet.

Erst während der 1960er scheint sich die Freihand-Bibliothek im DACH-Raum als normale Bibliotheksform etabliert zu haben. Zumindest finden sich ab Anfang der 1960er in der bibliothekarischen Literatur Raumskizzen für neugebaute Öffentliche Bibliotheken, die nicht mehr lange begründen, warum bestimmte Bereiche als Freihand gebaut oder geplant wurden, sondern offenbar stillschweigend voraussetzen, dass dies die richtige Form für eine Bibliothek sei. (Selbstverständlich gab es eine Übergangszeit mit Bibliotheken, die nicht oder nur so halb umgebaut wurden. Aber in den 1960ern verschwindet zumindest die Debatte über die Freihand-Bibliothek aus der bibliothekarischen Literatur.) Das gilt eigentlich für den gesamten DACH-Bereich.1

Zuvor, seit man von Formen Öffentlicher Bibliotheken reden kann (also je nach Land und Region den 1870er-1890er Jahre), waren diese im DACH-Raum alle als „Thekenbibliotheken‟ konzipiert. Es gab von der Grösse her unterschiedliche Formen. Beispielsweise bei sehr kleinen Beständen „Bibliotheksschränke‟, die in anderen Einrichtungen (Schulen, Gaststätten, Partei- und Gewerkschaftslokalen, Kirchen und so weiter) standen und die nur vom jeweiligen Bibliothekar (bis zu Bona Peiser, die 1895 als solche zu arbeiten begann, offenbar keine Bibliothekarin) verwaltet wurden, der dann auch die Bücher ausgab und wieder einstellte. Etwas grössere Bibliotheken hatten keine richtigen Theken, sondern Tische, die vor Buchregalen an der Wand standen. Nur die grösseren Einrichtungen hatten wirklich Theken, die baulich den Raum zwischen Leser*innen und Bibliothekspersonal trennten, mit Türen, verschiedenen – oft auch verschliessbaren – Ausgabe- und Rücknahmetresen und anderen gebauten Feinheiten. Dies hing immer von der Grösse des Bestandes und den verfügbaren Mitteln ab. Aber grundsätzlich waren das alles Thekenbibliotheken.

Die räumlich Gestaltung war aber, wie gesagt, nur ein Teil der Thekenbibliotheken. Was diese ausmacht, war ein spezifisches Denken über (a) das Lesen, (b) davon, was für eine Einrichtung Bibliotheken darstellten und (c) was für Aufgaben sich daraus ergaben.

  • Zuerst verstanden sich alle diese Bibliotheken explizit als Bildungseinrichtungen. Und zwar nicht im recht offenen, recht unbestimmten und immer auch mit anderen Aufgaben wie Unterhaltung oder Kultur in Konkurrenz stehenden Sinne, wie dieser Begriff heute manchmal für Öffentliche Bibliotheken verwendet wird – sondern ganz explizit: Die Aufgabe der Bibliotheken war es, die Leser*innen zu bilden und zwar zum richtigen Lesen. Die heutige Idee, dass einige (viele) Nutzende die Bibliothek selbstbestimmt für ihre eigene Bildung nutzen, andere aber für etwas anderes, wäre diesen Bibliotheken zumindest als Ziel fremd. Bibliotheken hatten den Anspruch, die, die sie nutzen zu erziehen. Selbst Unterhaltungsliteratur stand unter diesem Vorbehalt, wenn sie überhaupt vorhanden war. (Das impliziert auch, dass die Bibliotheken halt nicht „für alle‟ da waren, sondern für die, die diese Bildung nötig hätten.)
  • Alle diese Bibliotheken hätten deshalb ein Konzept für die „Leserlenkung‟. Wie erreicht man die Menschen, damit sie überhaupt anfangen, in die Bibliothek zu kommen? Wie lenkt man sie dahin, die richtige Literatur zu wählen, nicht nur keine „schlechte‟, sondern auch keine so komplexe, dass sie von den Leser*innen „noch nicht‟ verstanden werden kann? Was genau ist „richtiges Lesen‟ und wie schafft man es als Bibliothek, die einzelnen Leser*innen zu diesem Lesen zu führen? Wie viel ist zu viel oder zu wenig Lesen? Die Antworten auf diese Fragen waren unterschiedlich, änderten sich mit den Jahrzehnten, waren Thema von Diskussionen in der bibliothekarischen Literatur, in Debatten, in der Ausbildung. Aber die grundsätzliche Idee, dass die Leser*innen „gelenkt‟ werden müssten (und der Anspruch als Bibliotheken, das zu können und zu dürfen), war allen diesen Bibliotheken gemein.
  • Die Bewertungskriterien und die Strategien dazu waren unterschiedlich. Es gab nicht die eine Öffentliche Bibliothek – so wie wir das heute kennen –, sondern bis in die 1950er Jahre Bibliotheken, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielen dienten: Neben den Lesehallen, die nach eigenem Verständnis neutral und für alle da sein wollten (ein Anspruch, der von anderen bestritten wurde und deren Ideologie man auch eher als Teil des rechts-konservativen Mainstreams der beiden Kaiserreiche und des Bürgertums bis in die 1950er Jahre bezeichnen müsste), gab es zum Beispiel „Arbeiterbibliotheken‟, die sich vor allem als Teil der sozialistischen Bewegung verstanden (und die Arbeiter*innen dazu ermächtigen wollten, Produktionsmittel und Gesellschaft zu übernehmen) oder die katholischen Bibliotheken, die ein konservatives (aber eigentlich modernes, weil erst in der Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft gewonnenes) Gesellschaftsbild etablieren wollten.2 Es gab auch teilweise massive Auseinandersetzung über diese Strategien innerhalb der unterschiedlichen Bibliotheksformen, insbesondere den sogenannten „Richtungsstreit‟ innerhalb der Lesehallen, indem es vor allem darum ging, was eigentlich die von diesen angestrebte „Volksbildung‟ sei und wie sehr zur Gewinnung von Leser*innen Unterhaltungsliteratur eingesetzt werden sollte. Aber wichtig hier: Alle Formen der Thekenbibliothek hatten Bewertungskriterien von Literatur und Strategien zur Lenkung von Leser*innen als gedanklichen Hintergrund und fanden diese so wichtig für die eigene Identität als Bibliothek, dass sie bereit waren, darüber zu streiten.
  • Die bibliothekarische Literatur der Jahrzehnte der Freihandbibliotheken ist voll von Texten (und Streitigkeiten) über „Bibliothekstechnik‟ (Technik auch im Sinne von Arbeitsweisen, -abläufen), die sich nur durch diese Form von Bibliothek erklären lassen: Einerseits die Frage, wie das Ausheben der benötigten Bücher aus dem Bestand am Effektivsten organisiert werden kann (das ist heute noch für Bibliotheken mit Magazinen Thema), anderseits aber auch, wie die Beratung der Leser*innen, die Ausgabe und Rücknahme der Medien zu organisieren sei. Pläne wurden gezeichnet, wie sich die Personen durch den Raum vor der Theke bewegen sollte. Gesonderte Kataloge für die Leser*innen wurden entworfen, die immer anders waren als die, welche das Bibliothekspersonal benutzte. Es gab Diskussionen um die „offene‟ und die „gebundene Theke‟ (bei der offenen kann an allen Plätzen alles gemacht werden, bei der gebundenen gibt es Plätze für die Rückgabe, für die Ausgabe und so weiter).
  • All diese Planungen und Diskussionen hiessen selbstverständlich nicht, dass alles immer funktionierte. Ebenso finden sich in der bibliothekarischen Literatur immer wieder Klagen, dass sich die Leser*innen den Zielen, der Beratung, den Arbeitsweisen der Bibliotheken entziehen. Dass sie eigene Interessen durchsetzen. Dass sie sich nicht darauf einliessen, sich „empor zu lesen‟. Zudem gab es – zumindest in den Städten – immer die Möglichkeit, dass Leser*innen auf andere Bibliotheken auswichen. Einerseits zum Beispiel nicht in die Lesehalle gingen, sondern in die Arbeiterbibliothek. Andererseits – das war eher der Horror – in die „kommerziellen Leihbibliotheken‟, welche Medien als Gewerbe vermieteten, oft direkten Zugang zu den Beständen boten und – so die Behauptung der ganzen unterschiedlichen Thekenbibliotheken, der die Leihbibliotheken selbstverständlich widersprachen – vor allem schlechte Literatur anbieten würden, weil es ihnen nur um Geld und nicht um Bildung ginge.
  • Ein Punkt, der in der bibliothekarischen Literatur der damaligen Jahre auch immer wieder einmal auftauchte war der der Hygiene. Es gab Diskussionen darüber, ob die Erreger verschiedenster Krankheiten – von denen vermutet wurde, dass sie bei Leser*innen aufgrund deren ökonomischer Verhältnisse, aber auch aufgrund ihres Lebenswandels verstärkt auftreten würden – sich über die Bücher von Bibliotheken verbreiten würden. Es gab auch dazu verschiedene Meinungen und Lösungsansätze, verschiedene Vorschläge zur Reinigung der Medien nach der Rückgabe oder auch Vorschläge, wie lange sie zu lagern wären, bevor sie wieder ohne Gefahr ausgegeben werden könnten. Eine eindeutige Lösung gab es nie, aber das Thema tauchte immer wieder auf. An sich war das in den letzten Jahrzehnten nicht mehr Thema der bibliothekarischen Literatur (was nicht heisst, dass es nicht von Zeit zu Zeit auf anderen Kanälen antönte), aber jetzt ist es das aus guten Gründen wieder. (Wobei es die Desinfektionsmittel, die heute zur Verfügung stehen, damals nicht gab.)

Zum Übergang zur Freihand

Wie gesagt, begangen die Bibliotheken im DACH-Raum in dem 1910er Jahren ganz vorsichtig über die Freihand zu diskutieren. Aber es dauerte wirklich lange, bevor sich dann – eher plötzlich – die Freihand wirklich durchsetzte. Die Vorstellung davon, was die Bibliothek sei und wie sie zu arbeiten hätte, veränderte sich nicht schnell. Interessant sind vor allem Beiträge am Ende dieser Entwicklung. In den 1950ern liest man öfters3 davon, dass an sich akzeptiert wird, dass die Freihand „die Bibliotheksform der Zukunft wäre‟, aber das sie dann auch massiv viel mehr Personal bedürfe, weil die Lenkung der Leser*innen dann direkt am Regal erfolgen müsse. An der Theke können man die Gespräche gut organisieren – wie gesagt, wie das stattfinden sollte, war auch Teil der Bibliothekstechnik –, aber am Regal müsse man neue Formen finden.

Auch wurden lange diskutiert, ob man nur bestimmte Teile der Bestände als Freihand aufstellen solle und welche. Und wem man dann Zugang gewähren könne und wem nicht. Dazwischen kamen viele Teilschritte, beispielsweise der immer wieder neue Entwurf von Katalogsystemen für die Leser*innen oder die Mechanisierung der Ausleihe. Das ist seine eigene Geschichte.

Aber sichtbar ist, dass sich der Übergang zur Freihand nicht einfach räumlich gestaltete – auch wenn das einen nicht zu unterschätzenden Aufwand bedeutete –, sondern inhaltlicher Art war. Die Bibliotheken mussten erst die Vorstellung ändern, was für Einrichtungen sie wären und was ihre Aufgabe wäre, um dann in der Freihand wieder eigene bibliothekarische Arbeitsformen zu finden. Das veränderte viel mehr, als nur die Aufstellung der Bestände. Beispielsweise wurde den Interessen der Leser*innen substantiell mehr Beachtung geschenkt – deshalb heissen sie heute ja auch nicht mehr Leser*innen, sondern je nach Weltanschauung Nutzer*innen oder Kund*innen (oder anders).

Thekenbibliothek versus „Pandemie-gerechte Bibliothek‟

Die eingeschränkte Ausleihe in Bibliotheken, wie sie jetzt eingeführt und wohl für den Zeitraum der Pandemie beibehalten wird (und, machen wir uns nichts vor, die Welt ist kaputt, es wird mit hoher Wahrscheinlichkeeit in unserer Lebenszeit weitere Pandemien geben, in denen das wieder ähnlich sein wird) ist also offensichtlich keine Thekenbibliothek. Im Hintergrund der jetzigen Bibliotheken steht eine andere Idee davon, was für eine Aufgabe (beziehungsweise Aufgaben) die Bibliotheken haben. Der Zugang zum Bestand ist jetzt physisch eingeschränkt, aber sonst offen. Nutzer*innen und Bibliothekar*innen nutzen die gleichen Kataloge, weil man alle zutraut, sich in diesen zurecht zu finden. Bibliotheken erziehen die Nutzer*innen nicht zum richtigen Lesen und erheben auch nicht den Anspruch, Literatur inhaltlich daraufhin zu bewerten, ob sie zum „hinauflesen‟ geeignet wäre. Es gibt weit mehr Medienformen als Bücher und das ist keiner Diskussion mehr wert.

Was dieser Ausflug in die Bibliotheksgeschichte zeigt, ist, dass es immer eine Sicht der Bibliotheken auf sich selber, auf ihre Aufgaben und so weiter gibt, die sich mit der Zeit ändert. Sie ist offensichtlich nicht festgeschrieben, sondern verhandelbar (dafür muss sie dann benannt, diskutiert, vielleicht auch kritisiert werden – aber das ist hier nicht das Thema). Diese Vorstellung strukturiert dann die Arbeit, die tatsächlich in den Bibliotheken geleistet wird, sie strukturiert den Raum Bibliotheken und auch das, was als wichtig genug angesehen wird, um es zu diskutieren (oder was als dafür nicht wichtig genug angesehen wird). Die jetzige Situation wird vorübergehen – vielleicht in Monaten, vielleicht in Jahren. Aber die Vorstellung von Bibliotheken, was ihre Aufgabe ist, wird sich auch nach dieser Pandemie immer weiterentwickeln.

 

Fussnoten

1 Für die DDR habe ich, glaube ich, schon einmal geschrieben, wie erstaunlich ich das fand, dass die Broschüre „Über die Arbeit in Freihandbibliotheken‟ (Günter de Bruyn, Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen ; 1957) auf Erfahrungen aus „den bürgerlichen Bibliotheken‟ (also BRD und vielleicht Österreich) und USA, Grossbritannien und Skandinavien sowie aus der DDR selber zurückgriff, aber gerade nicht auf – eigentlich damals schon existierende – Erfahrungen in der Sowjetunion mit Freihandbibliotheken.

2 Zu Arbeiterbibliotheken siehe meinen Artikel„Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟ (Schuldt, Karsten, in: Libreas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/), zu katholischen Bibliotheken (in Frankreich, aber das lässt sich prinzipiell übertragen) siehe „La mise au pas des écrivains. L’impossible mission de l’abbé Bethléem au XXe siècle.‟ (Mollier, Jean-Yves, Paris: Librairie Arthème Fayard, 2014).

3 [Ich weiss, hier wären Literaturnachweise angebracht. Aber die liegen leider nicht hier, wo ich gerade bin, sondern in einem Ort, den in wegen geschlossener Grenzen während der Pandemie nicht einfach erreichen kann.]

Schlechte Arbeitsplatzkultur [in Bibliotheken] & COVID-19 (Coronavirus) – Einladung zur Teilnahme an einer Umfrage

Werte Kolleg*innen,

in dieser Krisenzeit, und leider auch ausserhalb dieser, gibt es eine ganze Reihe von Bibliothekar*innen, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, weil die Kultur am eigenen Arbeitsplatz schlecht ist. Beispielsweise, weil das Personalmanagement schlecht ist, die Leitung eher autoritär und intransparent handelt, aber auch weil Kolleg*innen nicht als Team handeln, sondern regelmässig beleidigen oder übergriffig sind. Die hohen Burnout-Quoten und hohen Raten beim Personalwechsel in einigen Bibliotheken ist dafür ein sichtbarer Indikator. (Wenn dies bei Ihnen nicht so ist, ist das erfreulich.)

 

An die Kolleg*innen, welche solche eher belastende Arbeitskultur erleben, richtet sich folgende Umfrage, zu der ich sie gerne einlade.

Link zur Umfrage: https://survey.fhgr.ch/289232?lang=de

 

Ich habe diese Umfrage von Kaetrana Davis Kendrick (Medford Library, University of South Carolina Lancaster) übernommen, die schon länger in den USA zu Formen und Gründen solcher bedauerlichen Zustände forscht. Die Umfrage baut auf diesen Forschungen auf. Deshalb ist die Umfrage zum Teil auch etwas stark an den USA orientiert. Das heisst, dass Ihnen vielleicht einige Fragen oder Antwortoptionen etwas übertrieben vorkommen werden – aber das ist der kulturelle Unterschied.

Die Umfrage bezieht sich explizit darauf, ob sich die Arbeitsplatzkultur während der aktuellen Krise verändert hat. Ich möchte damit auch den Kolleg*innen die Möglichkeit geben sich dazu zu äussern, die aktuell schlechte Erfahrungen haben (neben denen, die sich aktuell über ihr Engagement äussern können). Gleichzeitig möchte ich, in Zusammenarbeit mit Kaetrana Davis Kendrick, etwas darüber erfahren, welche Unterschiede es im Bezug auf dieses Thema zwischen den USA und deutschsprachigen Raum gibt.

Die Umfrage wird mindestens so lange geöffnet bleiben, bis das letzten Land im DACH-Raum die Krise für überwunden erklärt hat. Alle Angaben und Antworten sind freiwillig und werden anonym behandelt.

Vielen Dank, wenn Sie an der Umfrage teilnehmen und vielen Dank dafür, wenn Sie die Umfrage mit anderen Kolleg*innen in einer solchen Situation teilen.

 

m.f.G.

Karsten Schuldt (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft, FH Graubünden)

Vocational Awe: Vom Glauben der Bibliotheken an die eigene Bedeutung

Aktuell, in der COVID-Pandemie, präsentieren sich Bibliotheken als wichtige Einrichtungen, welche die Wissenschaft am Laufen halten und den Zusammenhalt der Gesellschaft rstützen. Unter anderem unter den Hashtags #BibliothekSindDa und #BibAtHome sowie auf diesem Etherpad und noch an anderen Stellen werden aktuell kostenlose Anmeldungsmöglichkeiten per Internet, Zugang zu Online-Medien, Lieferdienste von Bibliotheken und so weiter verbreitet. In den bibliothekarischen Mailinglisten und an anderen Stellen werden weitere Einzellösungen von Bibliotheken verbreiten. Listen über Listen von Lernressourcen wurden zusammengestellt. Aktivitäten allenthalben, offenbar mit dem Verständnis, das in der jetzigen Situation Richtige zu tun. Und ein wenig klingt es schon so, als würden sie sich dabei selber auf die Schulter klopfen.

Emotionale und andere Belastungen?

Die Situation sieht aber auch so aus:

  • Menschen machen sich Sorgen, auch Kolleg*innen. Jeder Gang nach draussen ist bekanntlich ein Risiko. Eine ganze Anzahl von Kolleg*innen muss jetzt in die Bibliotheken, ins Back-Office oder auch den Bestand, um all diese Angebote von Bibliotheken aufrecht zu erhalten oder Projekte vorwärts zu treiben. Oft ist es nicht so, dass diese Kolleg*innen eine Wahl hätten – das sie zum Beispiel gefragt worden wären, ob sie dieses Risiko übernehmen wollten. Und ein wenig ist der Eindruck auch (das wird vielleicht nach der Krise einmal empirisch zu erheben sein), dass vor allem Kolleg*innen aus den niedrigeren Gehaltsstufen für solche Arbeiten eingesetzt werden, nicht unbedingt das Personal aus den „Chefetagen‟. (Aber das kann täuschen.)
  • Kolleg*innen, egal ob im Einsatz oder Daheim, kommen mit der jetzigen Situation auch schlecht zurecht. Nicht alle, aber genauso wie bei anderen Menschen auch, gibt es beim Bibliothekspersonal solche und solche: Einige sind jetzt entspannter und produktiver (wobei produktiver nicht immer gut ist, sondern bekanntlich auch gerade eine Verdrängungsstrategie sein kann), aber andere sind emotional, körperlich und geistig stark belastet, vielleicht auch schon kurz vor dem Zusammenbruch. Das kann wieder sehr unterschiedliches heissen: Die, die mit den unstrukturierten Tagen weniger gut klarkommen oder den offeneren Arbeitsstrukturen; die, die mit dem Leben in nur einer Wohnung – mit Kindern oder Partner*innen oder vielleicht Mitbewohner*innen oder alleine – nicht gut klar kommen; die, die mit der Unsicherheit, wie die Situation sich entwickeln wird, nicht gut umgehen können oder unter den Regelungen, wie jetzt die Supermärkte und Parks und Promenaden zu nutzen sind; die, die sich Sorgen um Eltern oder Bekannte oder Freund*innen machen, die von Corona betroffen sind oder sein könnten. All die und noch mehr.
  • Kolleg*innen sind nicht unbedingt davon überzeugt, dass die Bibliotheken so wichtige Einrichtungen wären wie zum Beispiel Supermärkte und Apotheken, sondern in dieser Situation auch für einigen Wochen geschlossen haben könnten. (Nicht zuletzt, da sie teilweise extra in Schliessungsanordnungen von Gemeinden oder Kantonen / Bundesländern erwähnt wurden.)

Aber darüber wird praktisch nicht geredet. Im wahrnehmbaren Diskurs von Bibliotheken sind vor allem die zuerst genannten, positiv gemeinten Beispiele präsent. Dabei wäre es bestimmt gut, auch die tatsächlichen jetzigen Arbeitsbedingungen in den Bibliotheken zu thematisieren. Oder sich gegenseitig, als Kolleg*innen durch diese Krise zu helfen. Oder einmal zu diskutieren, ob Bibliotheken wirklich versuchen müssen, jede Lücke der Verordnungen auszunutzen, um doch noch Medien verleihen oder gescannt zur Verfügung stellen zu können.

Einige, wenige Widersprüche

Nur ganz selten scheint diese Kritik öffentlich auf:

  • Eine Kollegin äusserte sich am 26.03. auf ForumOeb mit einem klaren „habt ihr grade alles nichts Besseres zu tun?‟ und kritisierte die Diskussionen darum, wie Bibliotheken doch noch irgendwie ihre Dienste aufrecht erhalten könnten. Sie erntete einige Zustimmung, aber dann war es mit der Diskussion dazu auch vorbei.
  • Einige Kolleg*innen, die sich mit Open Access beschäftigten, kritisierten hier und da – vollkommen zu Recht – dass Bibliotheken jetzt immer wieder auf Angebote grosser Verlage, die vorübergehend während der Krise „freigeschaltet‟ wurden, hinwiesen, anstatt auf die schon immer offenen (und mit Open Access-gerechter Lizenz publizierten) Angebote ausserhalb der Verlage. Das ist keine unwichtige Anmerkungen, da Bibliotheken so nur wieder daran mittun, die Quasi-Monopole der grossen Verlage auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt zu stärken.
  • Für den englisch-sprachigen Raum existiert als Ventil für solche Beschwerden der anonyme Twitter-Bot LIS Grievances ([1], [2]). Hier findet sich einiges an Bemerkungen, insbesondere (wohl) von Kolleg*innen, die von ihren Bibliotheksleitungen entweder gegen ihre eigenen Überzeugungen dazu gezwungen werden, ihre jeweilige Bibliothek offen zu halten oder aber neben Ihrer eigentlichen Arbeit, die sie in der jetzigen Situation eh schon kaum schaffen, auch noch Sonderaufgaben übernehmen sollen. ([1], [2], [3])

Kritik ist vorhanden; Kolleg*innen sind unzufrieden damit, wie die Situation gehandhabt wird. Aber warum wird das kaum artikuliert?

Ein gelöschter Tweet

Ich selber habe zum Beispiel einen Tweet über die absonderliche Situation geschrieben, dass Bibliotheken (hier in der Schweiz) jetzt damit Werbung machen, dass sie weiterhin Medien per Post verschicken, während gleichzeitig die Schweizer Post (aber nicht nur die, alle Lieferdienste von Paketen) darauf hinweisen, dass sie nicht mehr hinterherkommen mit all den Lieferungen, dass die Systeme und das Personal vollkommen überlastet sind und sie schon Angebote reduzieren und strecken mussten. Aber ich habe den Tweet gelöscht und eben nicht geschickt. Warum? Ich konnte mir gut vorstellen, wie Kolleg*innen den uminterpretierten würden als Angriff auf ihre Arbeit („und das, Herr Schuldt, obwohl man doch sehen würde, wie wichtig sie wären — all die Pakete, die geschickt werden müssen, all die Dokumente, die gescannt werden müssen – – -‟), nicht als Aufforderung, einmal über die Konsequenzen dieser hektischen Aktivitäten nachzudenken. Ich hatte das Gefühl, dass das vielleicht jetzt (in der Krise) auch nicht sein muss.

Offenbar liegt hier ein Problem vor: Die Situation, die Bibliotheken nach aussen darstellen, ist nicht die Situation, wie sie wohl wirklich ist, zumindest nicht die vollständige Situation. Und es gibt keinen Ort, wo das Bibliothekswesen (im DACH-Raum) wirklich über die Situation, wie sie ist, reden kann, ohne das man zumindest das Gefühl hätte, Gefahr zu laufen, dass den Diskutierenden unterstellt wird, die Mission der Bibliotheken zu unterlaufen. Wie kann das sein? Ich würde hier gerne ein Konzept vorstellen, dass das meiner Meinung nach recht gut erklärt (und damit auch eine Möglichkeit bietet, die Situation zu verändern – siehe weiter unten).

Voactional Awe: Die Mission der Bibliothek als Über-Bibliothekarisch

In der Angloamerikanischen Bibliothekswelt gibt es das Konzept des „Vocational Awe‟ als Begriff seit vielleicht zwei Jahren. Eingeführt wurde es durch einen Artikel von Fobazi Ettarh (Ettarh 2018), welcher seitdem zahlreich kommentiert, zitiert und anderweitig aufgegriffen wurde. (Beispielsweise ohne weitere Erklärung, so, als würden ihn alle kennen, bezogen auf die aktuelle Pandemie beim schon genannten LIS Grievances-Bot [1], [2]) Das Konzept hat also offenbar einen Nerv getroffen, nicht nur in der Forschung, sondern auch Kolleg*innen aus der Praxis – ansonsten hätte es sich nicht so schnell verbreitet.

Wie kann die Bibliothek einfach nur eine Einrichtung unter vielen sein?

Ettarh beginnt – wie auch dieser Blogpost – mit Beispielen von Arbeiten, bei denen Bibliotheken eine wichtig Rolle einzunehmen scheinen: Davon, wie Bibliotheken in den USA auf die „Opioid crisis‟ reagierten – mit dem Bereitstellen von Erste Hilfe Sets in Bibliotheken und mit tatsächlich geleisteter Erster Hilfe für Opfer der Krise. Und damit, wie sich Bibliotheken gegenseitig davon berichteten und sich versicherten, das sie lebenswichtig seien. Wie könnte man, so Ettarh, dem nicht zustimmen?

Indem man sich fragt, was hier eigentlich passiert und wie es auf die tatsächliche Arbeit von und in Bibliotheken Auswirkungen hat. Erzählungen davon, wie wichtig Bibliotheken wären, würden dazu führen, dass diese die eigene Bedeutung und den eigenen Einfluss massiv überschätzten. Gleichzeitig würden so Bibliotheken quasi zu „heiligen Einrichtungen‟, die von sich aus immer gut und richtig wären und an denen deshalb keine Kritik möglich wäre. (Ettarh schrieb in den USA, dort sind die Vergleiche mit religiösen Institutionen und ihren übergreifenden Ansprüchen vielleicht noch etwas näher liegend als hier im mehr säkularisierten Mitteleuropa, wo auch die religiösen Einrichtungen zumeist solche Ansprüche nicht mehr ernsthaft formulieren. Aber auch hierzulande ist die Analogie sinnvoll.)

„Awe‟ ist ein Begriff, der stark mit religiöser Erfahrung konnotiert ist: Gläubige stehen in awe vor Gott und seiner/ihrer Schöpfung. Im Gottesdienst / Ritual sind sie durch diesen awe in eine andere Sphäre transportiert – so ungefähr (ausgedrückt als Atheist). Die Übersetzung von awe als „Ehrfurcht‟, „Schauer‟ treffen es also vielleicht nicht ganz.

Ettarh benutzt diesen Begriff, bezogen auf die Profession Bibliothek, um die Haltung vieler Kolleg*innen zu beschreiben: Die awe über die Bedeutung der eigene Arbeit, genauer der eigenen „Berufung‟ (im DACH-Raum würde man hierzu Max Weber zitieren), welche die Aufgabe der Bibliotheken als wichtiger begreift, als die sichtbaren Tätigkeiten: Nicht nur werden Medien verliehen und zugänglich gemacht, Lesen und andere Kompetenzen gefördert, sondern der Zusammenhalt der Gesellschaft wird hergestellt, die Ungleichheiten überwunden, das Gute an sich wird verbreitet.

Das ist vielleicht eine überzogene Darstellung, aber… so einfach ist sie nicht von der Hand zu weisen. (Bibliotheken als „Tempel des Wissens‟ zu beschreiben oder gar zu bauen, ist ja dann auch nicht ungehört.) Die Selbstdarstellungen von Bibliotheken sind voll von solchen Anspielungen auf grössere Aufgaben und Behauptungen von Wirkungen, die praktisch nie nachgewiesen werden – bei denen auch selten versucht wird, sie nachzuweisen, sondern die geglaubt werden (müssen). Wie halt in Religionen, die zwar auch durchdacht, untersucht, diskutiert, verglichen und so weiter werden können (in Theologie, Religionswissenschaften oder Religionssoziologie), aber bei den alle Gläubigen darauf beharren werden, dass dabei immer ein wichtiger Teil unerklärbar, ununtersuchbar, unverstehbar bleiben wird – ein Teil, der über dem reinen Verständnis der Menschen existiert und der geglaubt und gefühlt werden muss. Der awe, der ein*en überfällt.

Glaubenssätze des Bibliothekswesens

Die Analogie hält, auch wenn sie überspitzt erscheint: Das (Öffentliche) Bibliothekswesen ist geprägt von gewissen Grundüberzeugungen, die auch als Glaubenssätze beschrieben werden können (und die weit über die Arbeit mit Medien hinausgehen). Diese werden regelmässig – in Reden, Texten, Vorträgen, Diskussionen, Jahresberichten und so weiter – wiederholt. Zum Beispiel, wenn sich in der aktuellen Situation wieder einmal gegenseitig die Bedeutung der Bibliotheken bestätigt wird, als eine Einrichtung, die selbstverständlich irgendwie ihre Angebote auch in der Krise aufrechterhalten muss. Oder wenn, wieder einmal, in einer grösseren Tageszeitung oder Radiosendung ein (positiver) Beitrag über Bibliotheken erschienen ist und dieser zur Bestätigung innerhalb des Bibliothekswesens herumgeschickt wird. Diese Grundüberzeugungen sind schwer zu kritisieren. Wer es versucht, wird meist ignoriert oder aber die Wortmeldungen werden tendenziell als Polemik wahrgenommen. (Sicherlich, wie auch die meisten Religionen, ist das Bibliothekswesen heute liberal. Solange Personen zu „unserem Kreis‟ gezählt werden, weil sie sich bewiesen haben, lässt man sie sagen, was sie zu sagen haben. Aber halt oft, ohne dann selber viel zu ändern.1)

Was sind die Funktionen solcher Grundüberzeugungen, eines solchen vocational awe? Ettarh stellt in ihrem Text dar, wie hinter diesen gegenseitigen Erzählungen von Bibliotheken über Bibliotheken die tatsächliche Arbeit, die in Bibliotheken geleistet wird, verschwindet. Was ist der Bestandsaufbau, die Organisation von Lesungen und Veranstaltungen, die Zusammenstellung von Medienkisten schon, wenn die eigentliche Aufgabe offenbar das Leben retten (Opiod-Krise) oder das Zusammenhalten der Gesellschaft (COVID-Pandemie) ist? Ist das dann überhaupt relevant? Ist das wirklich Arbeit, die als Arbeit zählt? (Oder ist es, wie beim Gottesdienst, Dienst, der einfach dazugehört, aber nicht das eigentlich Wichtige, awe-Auslösende ist?)

Gleichzeitig verschwindet, wie Ettarh auch zeigt, hinter diesem vocatinal awe die tatsächliche Arbeitssituation. Wenn die Bedeutung der Arbeit so gross ist, dann gehört es sich nicht, sich über die Arbeitsbedingungen (Lohn, Arbeitszeit, aktuell Risiken, Überlastung, ungewollte Teilzeitarbeit, temporäre Arbeitsverhältnisse und so weiter) zu unterhalten. So was kann man in „richtigen‟ Jobs tun, aber nicht, wenn es sich um „Berufungen‟ handelt. Berufene handeln aus eigenem Interesse und Wunsch, andere arbeiten „einfach‟ für Geld. Das führt dann aber zu einem Arbeitsalltag, dessen Strukturen kaum zu thematisieren (und zu verändern) sind und der gleichzeitig überlastet ist: Neben der „normalen‟ bibliothekarischen Arbeit auch noch Leben retten, Urban Gardens anlegen und damit Food-Crises überwinden, soziale Ungleichheiten ausgleichen, die Gesellschaft zusammenhalten und so weiter. (Das ist nicht nur in Bibliotheken so, auch andere soziale Berufe werden gesellschaftlich solchen „Berufungen‟ zugeordnet und haben dann schlechte Arbeitsbedingungen bei viel zu grossen Aufgaben, die sie sich selber zuschreiben. Soziale Arbeit wäre da ein gutes Beispiel. Nicht zufällig ist das Risiko von Burn-Out in solchen Berufen – und auch in Öffentlichen Bibliotheken – höher als in anderen.)

Zusammengefasst: Die Überschätzung der eigenen Bedeutung – das awe vor dieser Bedeutung – führt zu einem Verschwinden der tatsächlichen Arbeit von Bibliotheken und auch dazu, dass Strukturen nicht thematisiert werden können. Wenn alles heroisches, heldenhaftes Handeln sein muss (und das ist es, wenn das Ziel so gross ist, dass man nicht einfach für Lohn für dieses arbeitet, sondern sich dafür „aufopfert‟), dann ist kein Platz für alltägliche Arbeit und alltägliches Leben.

Professionelle und individuelle Identität

Was bringt das? Auch hier hilft die Analogie zur Religion: Es gibt Identität. Den einzelnen Personen, den Institutionen, der gemeinsamen Gruppe (also hier dem Personal, den Bibliotheken, dem Bibliothekswesen). Dabei ist zu vermuten, dass tendenziell die, die emotional mehr in diese Glaubensgrundsätze „investieren‟ und die, welche länger in sie sozialisiert wurden, diese eher für die Aufrechterhaltung der eigenen Identität „benötigen‟. (Aber auch hier: Das gilt bei Religionen auch nicht für alle und jede*n.) Wie überall haben Identitäten nicht nur den Effekt, dass sie den Menschen, die Institutionen und so weiter bestimmen, ihnen Aufgaben im Leben geben und so weiter, sondern dass sie auch zur Abgrenzung und zur Aufrechterhaltung des Status Quo führen. Nicht absichtlich, aber doch praktisch. Wenn es ein grosses, gemeinsames Ziel gibt und wenn man vor allem „heroisch‟ handelt, nicht einfach arbeitet, dann ist auch nie die richtige Zeit oder eine gute Situation, darüber nachzudenken, ob die Strukturen, in denen man so handelt, sinnhaft sind.

Vocational awe: Ein Konzept, um die jetzige Situation zu verstehen?

Ist das so? Kann man mit dem Konzept vocational awe etwas im Bibliothekswesen im DACH-Raum erklären? Mir scheint, ja. Gerade jetzt zeigt sich, wie am Anfang des Blogpost geschildert, wohin das führen kann. Bibliotheken, die sich in Aktivitäten überschlagen und Schlupflöcher in – eigentlich ganz klar formulierten und einsichtigen – Verordnungen suchen, ohne das auch nur diskutiert wird, ob das sinnvoll ist – weil die Überzeugung von der eigenen Bedeutung (als Institution) so gross ist, dass sich offenbar diese Frage erst gar nicht stellt. Kolleg*innen, die zum Teil ungefragt dazu genötigt werden, sich Risiken auszusetzen – also „heroisch‟ zu handeln, obwohl sie vielleicht doch eigentlich dafür nicht in der Bibliothek arbeiten, sondern „nur‟ Lohnarbeit leisten wollen (also keiner „Berufung‟ folgen, sondern dem Zwang, irgendwie am Ende des Monats die Rechnungen zu zahlen) – und für die es offenbar keinen Ort gibt, das zu thematisieren. An sich das auffällige Fehlen der Frage, wie es eigentlich uns, als Personen im Bibliothekswesen, geht – so als wären halt alle okay, weil sie immer heldenhaft handeln könnten.

Wenn wir einmal annehmen, dass vocational awe etwas beschreibt, dass existiert, dann wird diese Situation verständlich. Eine ganze Anzahl von Personen benötigt vielleicht gerade jetzt eine solche Grundüberzeugung, vielleicht weil daran ihre Identität hängt. Würde sie sich eingestehen, dass Arbeit in Bibliotheken weiterhin vor allem Arbeit ist (und oft ganz unheroische, aber notwendige Lohnarbeit, wie die Arbeit am Bestand und bei Veranstaltungen, nicht die Rettung der Welt), die halt auch mal für eine Weile ruhen könnte, wenn es die Situation – eine Pandemie, bei der die Hauptaufgabe darin besteht, jeden unnötigen sozialen Kontakt zu meiden – erfordert, würde vielleicht ihr Selbstbild und das von der Institution, in der sie arbeiten oder die sie leiten, brüchig. Nur, dass das halt dazu führt, dass andere Kolleg*innen leiden, sich Risiken aussetzen müssen und „die Kurve‟ vielleicht nicht so flach wird, wie sie sein könnte.

Vom Nutzen solcher Konzepte

Was ein solches Konzept möglich macht, ist, die Situation zu benennen, zu thematisieren und damit dann auch zu diskutieren und zu verändern. Deshalb wollte ich es hier einführen. Ich sehe einige Parallelen zu dem, was Ettarh für die USA beschreibt, im DACH-Raum und gerade in der aktuellen Situation. Ich schaue mir das aktuelle Handeln von Bibliotheken an und frage mich oft, wie die oben zitierte Kollegin, ob es nicht aktuell anderes gibt, dass zu tun wäre. Warum diese Hyperaktivität? Warum dieses nicht-diskutieren der aktuellen Situation? (Warum zum Beispiel auch auf einmal diese Begeisterung für die Onleihe, wenn sie einmal für mehr Nutzer*innen freigeschaltet wird, die aber zuvor oft kritisiert wurde? Warum diese ganzen Sammlungen von Lernangeboten, die zusammengestellt und verbreitet werden – wenn die Leute doch garantiert auch anders benötigen und begrüssen würden? Muss es „Bildung‟ sein, weil das ein grosses Ziel ist, und darf nicht einfach Unterhaltung und Ablenkung sein?) Selbstverständlich weiss ich die Antworten auf diese Fragen nicht. Auch ich sitze, wie viele andere, vor allem in der gleichen Wohnung und kommuniziere vor allem Online. Aber das Konzept vocational awe scheint mir sehr viel von diesen Fragen besser zu erklären.

Persönlich würde ich immer dafür plädieren, wenn Diskussionen, Grundüberzeugungen, Handlungen möglichst nahe an der Realität sind; wenn sie auch immer wieder einmal abgeglichen werden. Nicht einfach Überzeugungen folgen und vor allem erst einmal handeln. Nicht, sich heldenhaft fühlen, sondern „postheroisch‟ (Metz & Seeßlen 2014). Alles andere hilft vielleicht kurzzeitig über aktuelle Zweifel, Verunsicherungen und so weiter hinweg, führt aber langfristig immer dazu, dass schlechte Strukturen weiterbestehen und zum Beispiel emotionale Belastungen gar nicht thematisiert werden können. (Aber, zugegeben, man könnte jetzt zynisch argumentieren, dass ich gerade deshalb für die Wissenschaft berufen wäre. Was ich nicht bin – das ist auch nur Lohnarbeit.) Wenn vocational awe eine Erklärung für das jetzige Handeln von Bibliotheken ist, dann hat dieses Handeln wohl auch eine Funktion, für die Kolleg*innen, die so handeln. Diese Funktion könnten wegfallen, wenn man die Grundüberzeugungen thematisiert. Wäre das gut? Aber auch: Ist es etwa gut, wie es jetzt ist? Ich weiss es nicht. Aber das ist wohl der Grund, warum ich meinen Tweet gelöscht habe. (Gleichwohl: Bibliotheken sollten wirklich überlegen, ob sie aktuell Buchpakete mit der Post durch die Gegend schicken müssen.)

Literatur

Ettarh, Fobazi (2018). ‚Vocational Awe and Librarianship. The Lies we Tell Ourselves‛. In: In the Library with the Lead Pipe, 10. Januar 2018, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2018/vocational-awe/

Metz, Markus & Seeßlen, Georg (2014). ‚Wenn Helden nicht mehr nötig sind. Heldendämmerung: Anmerkungen zur postheroischen Gesellschaft‛. In: Deutschlandfunk Kultur, https://www.deutschlandfunkkultur.de/postheroismus-wenn-helden-nicht-mehr-noetig-sind.976.de.html?dram:article_id=299526

Velasquez-Potts, Michelle (2019). ‚Imagine Otherwise: Fobazi Ettarh on the Limits of Vocational Awe‛. In: Ideas of Fire-Podcast, 23. Oktober 2019, https://ideasonfire.net/98-fobazi-ettarh/

 

Fussnote

1 Ich kenne Personen, die durch ihre Familien Angehörigen unterschiedlicher Religionen waren, und die sich in ihren Heimatgemeinden irgendwann in ihrer Jugend kritisch zu Homophobie in der jeweiligen Religion äussern durften (weil sie doch als Teil der jeweiligen Gemeinden angesehen wurden), dann irgendwann in wegzogen – und heute berichten können, dass sich in dieser Frage in ihrer jeweiligen alten Gemeinde wenig geändert hätte. So ungefähr scheint das im Bibliothekswesen auch manchmal zu funktionieren.

Der 3. Ort ist tot. Was lernen wir daraus?

Ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster. Der „3. Ort‟ (third space, troiseme lieu und so weiter) ist langsam, aber sicher durch. Eine ganze Anzahl von Jahren konnte man ihm nicht entkommen, wenn Öffentliche Bibliotheken von ihren Entwicklungsplänen oder Neubauten oder Renovationen oder ihrer Zukunft redeten. Ihm war kaum zu entkommen.

Aber jetzt scheint es so weit zu sein: Auf bibliothekarischen Veranstaltungen hört man ganz offen in den Kaffee- und Mittagspausen, dass das mit dem 3. Ort auch nicht klappt. Es gibt Vorträge mit Titeln wie „3. Ort – und nun?‟ oder „Nach dem 3. Ort‟. In Dokumenten, in denen vor einigen Monaten noch 3. Ort gestanden hätte – halt in Plänen, Projektbeschrieben und so weiter – steht er nicht mehr. In Vorträgen taucht er kaum noch auf. Wird er doch mal erwähnt, rollen viele Augen. Sicherlich: Trends wie diese sterben nicht einfach, sie laufen eher aus. Verschwinden aus den Diskursen. Werden zu Erinnerungen. Das ist jetzt die Situation des 3. Orts. [Und selbstverständlich kommen einige Einrichtungen immer etwas später hinterher. Erst letzte Woche wurde auf der schweizerischen Mailingliste eine Weiterbildung zum Thema verkündet, auf französisch. Vielleicht dauert es mit dem Verschwinden des Trends im französisch-sprachigen Raum also noch etwas länger. Es dauerte da ja auch etwas länger als im deutsch-sprachigen Raum, dass das Konzept sich etablierte.]

Man kann bestimmt länger diskutieren, ob der 3. Ort wirklich „tot ist‟ oder ob er hier und da nicht doch noch lebt, unter anderem Namen vielleicht oder etwas inhaltlich verschoben oder so ähnlich. Aber darum geht es mir hier nicht. Selbst wenn er noch ein wenig weiterexistiert: Alle, die etwas mit dem Öffentlichen Bibliothekswesen zu tun haben, werden wohl zustimmen können, dass zumindest die Hochzeit des Konzeptes vorüber ist.

Kann man daraus nicht etwas lernen?

Ich würde in dieser Situation gerne etwas anderes diskutieren, nämlich, was wir (das Bibliothekswesen) aus der Geschichte des Trends 3. Ort lernen können. Weil: Sicherlich gibt es aktuell einiges an Zynismus, wenn man nur das Wort gebraucht – als gäbe es einen Trennungsschmerz, den man irgendwie überspielen müsste –, aber wenn die Geschichte anderer Trends im Bibliothekswesen eines zeigt, dann, dass nach dem Zynismus bald ein Schweigen zum Thema einsetzt und dann über irgendetwas anderes diskutiert wird. Dabei könnte man die Situation auch einmal nutzen, um darüber nachzudenken, wie solche Trends im Bibliothekswesen ankommen, dann eine Geschichte durchlaufen (die ja im Normalfall tatsächlich etwas verändert) und dann wieder verschwinden. Weil: Der nächste Trend kommt garantiert. Irgendwer sitzt schon irgendwo und findet gerade einen heissen neuen Begriff, der den Bibliotheken Zukunft versprechen wird. Die Frage ist nicht ob er auftaucht, sondern wann und wo er herkommen wird.

Der „3. Ort‟ ist jetzt, am Ende seiner Laufzeit, vielleicht ein gutes Beispiel, um allgemeine Prozesse, die solche Trends durchlaufen, zu diskutieren. Schliesslich waren wir ja alle (fast alle) in den letzten Jahren dabei und haben diese Prozess miterlebt. Es ist noch recht frisch. (Vieles hier habe ich auch schon anderswo gesagt. Ich will mich nicht unbedingt wiederholen, aber es passt hier einfach.)

Also: Wie kommt so ein Trend ins Bibliothekswesen, wie geht er wieder fort? Ich versuche das mal mit einer recht generischen Skizze. Hier der Ablauf, der sich eigentlich immer wieder zeigt, den ich dann aber nochmal am Thema „3. Ort‟ diskutieren möchte.

Skizze normaler Zyklus eines Trends im Bibliothekswesen: 1 Der Trend wird eingeführt. 2 Der Trend wird umgedeutet, Erwartungen angehangen. 3. Der Trend wird lokal umgedeutet und umgesetzt. 4 Es werden Erfahrungen mit dieser Umsetzung gesammelt, die oft eher mittelmässig sind. 5 Der Trend geht vergessen.

Skizze 1: Zyklus eines Trends im Bibliothekswesen

  1. Gegen 2010 wurden im DACH-Raum die ersten Texte publiziert, welche den „3. Ort‟ zum Thema hatten. Das war etwas sehr spät (das Buch von Oldenburg, aus dem der Begriff herkommt und auf das zumindest am Anfang immer wieder verwiesen wurde, erschien bekanntlich 1989, in der englisch-sprachigen Literatur wurde ab 2000 vom „Third Place‟ gesprochen), aber zum Beispiel noch etwas früher als im französisch-sprachigen Raum. Das Konzept wurde recht locker eingeführt. Zwar gibt es bei Oldenburg ein paar Definitionsansätze (auch nicht so richtig haltbar, aber immerhin sind sie da), aber die bibliothekarische Literatur kam mit einfachen Listen und ganz kurzen Beschreibung aus. Wichtiger war wohl, das ein Begriff geprägt wurde, der eine Perspektive beschrieb (3. Ort – das könnten Bibliotheken werden, sind es aber nicht). Längst nicht alle potentiellen Trends schaffen es über die Phase hinaus. Der 3. Ort muss aber genügend überzeugt haben, mit ihm ging es weiter.
  2. Nicht viel später erschienen die ersten Texte, die das Konzept etwas konkretisierten: Was könnte den 3. Ort heissen? Wer das Buch von Oldenburg gelesen hat, weiss, dass es ein recht offenes Konzept ist, das aber eigentlich, ernstgenommen, nicht so richtig auf Bibliotheken passt. Ausserdem, das hätte auch auffallen können, bestand das Konzept aus recht vielen Behauptungen und praktisch keiner Empirie. Es wurde – nicht nur von Oldenburg – behauptet, dass das Konzept etwas von der Veränderungen, die es in der Gesellschaft gab, zumindest in „der Stadt‟, beschreiben würde. Die Frage war in dieser Phase aber nicht mehr, ob das überhaupt stimmte, sondern ob es Bibliotheken überzeugte. Und somit erschienen Texte und wurden erste Vorträge dazu gehalten, wie man den dieses recht offene Konzept für Bibliotheken herunterbrechen konnte. Schaut man sich diese Texte nochmal an, fällt schnell auf, dass vor allem Dinge beschrieben wurden, die irgendwie zu Bibliotheken passten (beispielsweise eher offene Atmosphäre), aber andere Dinge, die Oldenburg erwähnt, die aber nicht auf Bibliotheken passten (der ständige Bezug zu Alkohol zum Beispiel), eher nicht erwähnt wurden. Diese Texte waren immer noch vor allem Listen von Möglichkeiten. Was in dieser Phase aber passierte, war, dass bestimmte Erwartungen an das Konzept gebunden wurden: Wenn Bibliotheken 3. Ort werden (oder noch mehr 3. Orte werden, weil die Argumentation in dieser Phase oft ist, dass Bibliotheken einen bestimmten Trend eigentlich schon immer abdecken, aber jetzt auch neu erfinden; dass konnte man beim 3. Ort sehr gut beobachten – die Behauptungen, die Bibliotheken wären schon immer Orte der sozialen Kommunikation stand teilweise in den gleichen Texten, in denen von neuen Bibliothekscafés oder ähnlichem berichtet wurde), dann würden sie auch in Zukunft relevant sein, neue Nutzer*innen anziehen, mehr Bedeutung gewinnen und so weiter.
  3. Etwas später dann, vielleicht 2012-2014, wurden die ersten Bibliotheken gebaut oder neue Angebote auch tatsächlich eingerichtet, welche sich auf dieses Konzept bezogen. Das ist für Bibliotheken schon relativ schnell. Aus den Listen und eher offenen Texten wurden konkrete Strategien, konkrete Bauten, konkrete Möbel. Es wurde Geld in die Hand genommen, teilweise sogar Leute eingestellt. Auch das passiert nicht bei allen Trends. Einige werden zwar thematisiert und diskutiert, aber dann am Ende doch gar nicht oder kaum umgesetzt. Für den 3. Ort hingegen fanden sich recht viele Umsetzungen. Auch hier fällt auf, dass viele, viele Interpretationsschritte unternommen wurden (Beispielsweise wurden Veranstaltungsreihen etabliert, die als Teil des 3. Ortes beschrieben werden – bis heute –, aber bei denen nicht klar ist, wie das eigentlich genau zusammenhängt. Bei Oldenburg ging es um Orte und darum, dass Menschen in denen lernen, zu kommunizieren; das hat erst einmal nichts mit Veranstaltungen zu tun). Offenbar, wieder, überzeugte der Trend. Es ist zu vermuten, dass das auch passierte, weil er (a) im vorherigen Schritt an Bibliotheken angepasst (konkretisiert) wurde und (b) das die Erwartungen, die an ihn gehangen wurden, auch in vielen Bibliotheken verbreitet waren.
  4. Dann, vielleicht 2015-2016, 2016-2017, fingen Bibliotheken an, wirkliche Erfahrungen mit dem zu sammeln, was sie da gebaut, eingerichtet, als Angebote etabliert hatten. In der ersten Zeit, sicher, gibt es erst einmal gute Erfahrungen (wie mit fast allem, was man neu einrichtet), dann gibt es auch Zeiten, wenn die tatsächliche Nutzung anders und / oder geringer ist, wo man die Hoffnung haben kann, dass sich das noch regelt, dass zum Beispiel ein neues Angebot erst noch bekannt werden muss und sich dann etablieren wird. Oder wo man sich davon, das etwas massiv benutzt wird, noch davon abhalten lässt zu fragen, wie es den wirklich benutzt wird (Beispiel beim 3. Ort wären die Cafés, die eingerichtet wurden, damit da Leute arbeiten und miteinander kommunizieren; die dann auch bis heute oft besucht werden, was den Eindruck hinterlassen kann, dass sie sinnvoll waren; bis man dann schaut, ob die Leute, die es nutzen, das tun, was man erwartet hat, ob sie zum Beispiel tatsächlich in ihnen arbeiten oder die Bibliothek benutzen). Nach und nach scheint sich aber die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, das vieles von dem, was man da eingerichtet hat, nicht grundsätzlich unerfolgreich war, aber auch nicht die Hoffnungen, die man sich gemacht hat, erfüllen. Und das sie auch keine grundsätzlichen Probleme lösen, weil man wieder dasteht und sich fragt, was man jetzt geändert haben soll.
  5. Und so sind wir dann vielleicht im Laufe des Jahres 2019 da angekommen, wo wir jetzt stehen. Einige Bibliotheken hängen noch hinterher, auch weil strategische Prozesse manchmal länger dauern. Einige sind wohl auch noch von dem Konzept „3. Ort‟ überzeugt. Aber der Grossteil der Bibliotheken, des Bibliothekspersonals – auch die, vielleicht gerade die, die immer wieder „vorneweg‟ sind – scheint jetzt, nach gewissen Trennungsschmerzen, auch schon wieder nach neuen Trends zu suchen. Der 3. Ort gilt nicht mehr als Zukunftsperspektive, scheint sich aber auch nicht als Teil der normalen Bibliotheksarbeit etabliert zu haben. Es werden sich noch Gedanken gemacht, wie man von ihm weiterkommt („3. Ort – und nun?‟), es werden noch Witze gemacht. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es vergessen geht, wie andere Trends auch. (Selbstverständlich: Wäre es nicht so, wäre es kein Trend, die gehen alle zu Ende; aber alle Trends werden am Anfang mit dem versprechen verbunden, gerade kein einfacher Trend zu sein, sondern tatsächlich etwas Grundsätzliches zu verändern.)

Je länger man im Bibliothekswesen unterwegs ist, umso mehr scheinen Trends in diesen Prozessen „durchzulaufen‟. Viele stocken vorher, werden in zwei-drei Texten vorgestellt, aber nicht weiterverfolgt. (Mein Lieblingsbeispiel dazu ist immer noch der Vorschlag, Bibliotheken sollten wie Start-Ups funktionieren und regelmässig „pivoten‟.) Viele kommen nicht so weit, dass sie in konkrete Massnahmen übersetzt werden. Für die meisten wird am Ende doch kein Geld (und nur in ganz wenigen Bibliotheken) in die Hand genommen. Das alles hat der 3. Ort überwunden: Es gibt heute zahllose Bibliothekscafés, umgebaute oder gar neu gebaute Räume und so weiter.

Wo könnte man mit dem Lernen ansetzen?

Man könnte annehmen, dass das einfach der normale Lauf der Dinge ist. Mir scheint das aber unbefriedigend. Wenn Bibliotheken schon einen solchen Zyklus durchlaufen haben, könnten sie aus diesem auch mehr lernen, schon um den nächsten Zyklus besser zu gestalten. Ich habe die obige Skizze dazu um Punkt ergänzt, über die es sich, meiner Meinung nach, nachzudenken lohnt.

Skizze 2: Erweiterter Zyklus mit möglichen Punkten, aus denen gelernt werden kann.

  1. Was auffällt ist, dass praktisch nie danach geschaut wird, ob die Erwartungen, die man einmal an das Konzept gebunden hat, sie auch erfüllen (und wenn ja, wie). Wie gesagt scheinen Bibliotheken niemals einfach Konzepte übernehmen zu können, sondern immer wieder den Schritt zu durchlaufen, dass das Konzept für Bibliotheken „handhabbar‟ gefasst und dabei mit Erwartungen und Umsetzungsmöglichkeiten verbunden werden, die für Bibliotheken als möglich angesehen werden. Und immer wieder scheint es dazu zu kommen, dass Bibliotheken, wenn Sie Konzepte umsetzen, lernen, dass sich diese Erwartungen nicht erfüllen, aber dafür andere Veränderungen ergeben (beispielsweise, dass Bibliothekscafés zu einem Ausgehort im Quartier / der Stadt werden oder zu einem Ort, wo man Mittag isst; oder aber die vielen Makerspaces, bei den einst die Vorstellung vorherrschte, damit würden Jugendliche angesprochen, zu denen aber vor allem Kinder kommen). Es wäre aber sehr sinnvoll, wenn man sich ehrliche Rechenschaft darüber ablegt würde, was aus den Erwartungen eigentlich geworden ist. Wann hat man sie aufgeben? Wieso? Ist man damit zufrieden?
  2. Das Gleiche findet sich auch zwischen Schritt und . Immer wieder, wenn man erst die „Grundlagentexte‟ eines Trends und dann die tatsächlich geschriebenen Bibliotheksstrategien, gebauten Räume und so weiter anschaut, fällt eine grosse Diskrepanz auf. Das irritiert beim ersten Mal, aber mit der Zeit (also den Trends) fällt auf, dass das offenbar der normale Weg ist: Konzepte werden übersetzt, damit sie Realität werden. Interessant wäre aber, zu schauen, wie sie übersetzt werden. Was wir geändert? In welche Richtung? Was an Versprechen, Erwartungen, Hoffnungen wird an die Trends „angehangen‟. Zum Beispiel fällt auf, wie oft irgendwelchen Trends die Erwartung angehangen wird, dass man Jugendliche ansprechen könnte, würde man nur diesem Trend folgen. Auch die Bilder zu den 3. Ort waren am Anfang voller lächelnder Jugendlicher. Bibliotheken würden viel über sich, über ihre Hoffnungen, Erwartungen und Ängste lernen, wenn sie sich davon Rechenschaft ablegen, was sie bei diesen Prozessen eigentlich getan haben.
  3. Und immer wieder „verschwinden‟ Trends. Man redet dann nicht mehr über sie (auch, weil man den Alltag mit anderer Arbeit, neuen Trends und so weiter anfüllt). Aber eigentlich ist das erstaunlich: Da wird der Zyklus eines Trends durchlaufen (Wieder: Nicht für alle Trends, aber für die erfolgreichen) und am Ende hätte man die Chance, aus diesem Zyklus zu lernen – also zum Beispiel einmal zu überlegen, warum der Trend am Anfang eigentlich auf so viel Interesse stiess, aber vor allem, warum am Ende die Erwartungen so enttäuscht wurden, wie sie es wurden (und was sich stattdessen ergeben hat) –, schon weil der nächste Zyklus kommen wird, wenn er nicht schon längst läuft. Beim 3. Ort wäre zum Beispiel immer noch zu klären, warum ein Konzept, welches bei Oldenburg die Herstellung des sozialen Zusammenhalts durch solche Ort wie Kneipen und Bistros zum Thema hatte, von Bibliotheken umgedeutet wurden zu einem Konzept, dass bessere Bibliotheken hervorbringen sollte. Selbstverständlich ist das nicht, aber es ist auch nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Öffentlichen Bibliothekswesens vorgekommen. Interessant wäre auch, zu schauen, was vom Trend an tatsächlicher Veränderung jetzt übergeblieben ist. Es gab ja zum Beispiel zahlreiche Umbauten in Bibliotheken, nicht nur den Einbau von Bibliothekscafés (die aber sehr sichtbar sind). Die werden da jetzt eine Weile sein, wenn nicht gar für immer. (So, wie Vinyl-Abspielstationen in Bibliotheken auch länger existierten, als die erste Hochzeit des Vinyl dauerte. Oder wie Medienschränke für Medienformen, die nicht Bücher sind, Teil normaler Bibliotheken wurden, auch nachdem die Trends um Vinyl, Musikkassetten und so weiter aufhörten. Es ist nämlich auch nicht so, als ob solche Trends ganz an den Bibliotheken vorbeigehen. Einige schon, andere offenbar nicht.)

Wenn es ein Zyklus ist, ist es kein Scheitern

Was mir wichtig ist: Wenn es einen gewissen Zyklus von Trends und ihrer Verarbeitung durch das Bibliothekswesen gibt, der sich regelmässig wiederholt, dann ist es kein richtiges Scheitern, wenn die Erwartungen, die an bestimmte Trends gebunden werden, nicht eintreten. Zumal, wenn bestimmte Erwartungen immer wieder von Neuem an bestimmte Trends gebunden werden. Und wenn dem so ist, dass es kein Scheitern ist, welches man sich erst einmal eingestehen müsste, dann müsste es einfacher sein, über diese unerfüllten Erwartungen zu reden und nachzudenken.

Das wirkliche Scheitern ist nicht, dass Jugendliche weder über Vinylabteilungen noch über Bibliothekscafés noch über Makerspaces in grosser Zahl angesprochen werden. Das wirkliche Scheiter liegt darin, sich – als Bibliothekswesen – nicht einzugestehen, dass man diese Erwartung immer und immer und immer wieder hervorholt und immer und immer und immer wieder neu an verschiedene Trends andockt. Es scheint nicht so, als würden Bibliotheken sich dagegen stellen, sich zu verändern. Das Phänomen ist eher, dass sie es seit Jahrzehnten immer wieder auf die gleiche Weise, mit ähnlicher Ergebnisse und eigentlich auch gleichen Erfahrungen versuchen, sich zu verändern. Ein wenig so, als wären sie in einer Handlungsstruktur gefangen.

Wenn jetzt langsam, aber sicher, der Trend „3. Ort‟ aufhört, wäre es einfach ein guter Zeitpunkt, sich mit dieser Handlungsstruktur auseinandersetzen, anhand eines noch leicht greifbaren Trends. Ansonsten, so scheint mir klar zu sein, wird es beim nächsten „erfolgreichen‟ Trend nur wieder ähnlich ablaufen. (Was dazu führen wird, dass wieder viele Hoffnungen enttäuscht, Ressourcen verbraucht und andere, vielleicht sinnvollere Entwicklungen, die aber nicht so hip klingen, nicht betrieben werden.)

Was kommt als nächstes?

Eine interessante Frage wäre, welcher Trend den nun als nächstes dieses Zyklus durchlaufen wird. Leider bin ich nicht gut darin, das vorherzusagen. (Wüsste ich es, ich könnte es gut ausnutzen. Dann wäre ich immer „vorneweg‟.) Eigentlich liege ich immer wieder daneben. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass irgendwer Makerspaces ernst nimmt. Oder das gerade Design – eine der brotlosesten und theorieärmsten aller Professionen – zum Vorbild für Bibliotheken wird. Oder aber das die Hypes um Commons und Hygge gerade nicht aufgegriffen werden.

Aber, nachdem wir jetzt etwas gesellschaftliches (3. Ort) und etwas mit Jugend (Makerspace) durch haben, würde es eigentlich nur passen, wenn wieder einmal was mit Bildung (die „Learning Library‟ und die „Spiralcurricula‟ sind ja jetzt auch schon ein paar Jahre her) oder gar Kultur auftaucht. Ich würde auf etwas mit Bildung wetten.

Eine untergegangene Tradition der bibliothekarischen Arbeit: Lesesoziologie

Ich möchte in diesem Blogpost (Essay?) gerne über einen Teil der Arbeit öffentlicher Bibliotheken (kleines ö, wird gleich thematisiert) reden, der lange Zeit ganz normal dazugehörte, aber seit einigen Jahrzehnten verschwunden ist. Das hat mit meinem Versuch zu tun, ein bibliothekshistorisches Buch zu schreiben, welches die Diskurse um öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum nachzeichnen soll. Im Rahmen der Recherchen dazu fallen solche abgebrochenen Traditionen selbstverständlich auf.

Diesen Teil der Arbeit, den ich besprechen möchte, nenne ich hier Lesesoziologie. So wurde er oft genannt. Aber es gab auch viele andere Bezeichnungen, zum Beispiel „Lesekunde‟, „Literatursoziologische Untersuchungen‟, „Leseforschung‟. Heute, wie gesagt, gibt es diese Tradition nicht mehr. Es gibt weiterhin eine Literatursoziologie in der Soziologie und Literaturwissenschaften miteinander verbunden sind, aber die – obgleich interessant – stellt andere Fragen. Mir geht es um die Lesesoziologie, die von Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastrukturen betrieben wurde.

Ich spreche von öffentlichen Bibliotheken mit kleinem „ö‟, weil es um alle Bibliotheken mit dem Anspruch geht, eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Gerade für die Jahre vor 1933 (beziehungsweise den 1950ern in der Schweiz) gilt, dass es sehr verschiedene Bibliothekstypen gab, die das versuchten; nicht nur die, die am Ende die heutigen Öffentlichen Bibliotheken wurden. Auch bewegungsgebundene Bibliotheken („Arbeiterbibliotheken‟, Bibliotheken des politisch organisierten Katholizismus) oder „kommerzielle Leihbibliotheken‟ teilten sich diese Tradition. Ich spreche hier aber nicht von den Wissenschaftlichen oder Spezial-Bibliotheken.

Themen und Praktiken der Lesesoziologie

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wenn die Tradition der Lesesoziologie anfing und wann sie endete. Wie immer bei solchen Enden gibt es kein Dokument, dass sagt: „Jetzt ist Schluss.‟ So etwas passiert gradueller. Aber ich würde sagen, dass sie mit dem modernen Bibliothekswesen, also ungefähr in den 1880er Jahren aufkam und bis in die 1970er, vielleicht auch 1980er betrieben wurde. Mit merklichen Häufungen an Publikationen um die Jahrhundertwende und in den 1960er Jahren.

Wie und warum die Lesesoziologie betrieben wurde, veränderte sich – parallel zu den Bibliotheken selber – während dieser Zeit. Aber die Grundfragen war immer die gleichen: Was lesen die Lesenden? Die, die in die Bibliothek kommen und die, die nicht in die Bibliothek kommen? Oft wurde auch nach dem Warum lesen sie das? gefragt und lange Zeit auch: Welche Wirkung hat dieses Gelesene auf die Lesenden? (Letztes änderte sich mit der Zeit, siehe nächster Abschnitt.)

Es wurden verschiedene Methoden genutzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden: Empirische (Umfragen, Auswertungen von Ausleihen, Befragungen) und theoretische (Auswertung der in Bibliotheken verliehenen Literatur, beispielsweise mit Modellen von „Schmutz und Schund‟ auf der einen, „Kunst und Technik‟ auf der anderen Seite). Es wurden Untersuchungen ganz verschiedener Grössenordnungen durchgeführt: Auf der Basis eine Bibliothek, einer Stadt oder eine Landes. Mal mit wenigen Themen, mal mit möglichst viel. Die bibliothekarische Literatur, die auf uns gekommen ist, ist voll von Ergebnissen solcher Studien: Artikel, Broschüren, Teile von Jahresberichten informieren über diese. Eine Anzahl von Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge mit lesesoziologischen Studien existieren auch. Gerade die Vielzahl grauer Literatur lässt vermuten, dass es noch weit mehr Broschüren und Abschlussarbeiten gab, die vielleicht gar nicht überliefert wurden oder sich noch in dunklen Ecken von Magazinen und Archiven befinden.

Teil bibliothekarischer Arbeit

Eines ist wichtig zu betonen: Die Lesesoziologie war keine Aufgabe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie war vorrangig Teil der normalen bibliothekarischen Arbeit und wurde vor allem von Bibliotheken selber durchgeführt, in allen öffentlichen Bibliothekstypen1 und offenbar auch von Bibliotheken aller Grössen. In älteren bibliothekarischen Lehrbüchern werden sie auch (aber eher nebenher, als wichtige, aber nicht immer durchzuführende Arbeit) thematisiert. Es war nicht so, das die paar Forschungseinrichtungen, die von Zeit zu Zeit gab, Hauptproduzenten dieser Studien gewesen wären.

Vielleicht auch deshalb sind die theoretischen Hintergründe der Arbeiten nicht immer leicht ersichtlich, selten reflektiert und vor allem sind die Studien methodisch nicht immer perfekt. Aber das mussten sie auch nicht. Es ging in ihnen nicht darum, wissenschaftliche Qualifikation nachzuweisen, sondern Wissen zu generieren, das oft den jeweiligen Bibliotheken zu Gute kommen sollte. (Allerdings ist es schon auffällig, wie viele Bibliothekare, spätere auch Bibliothekarinnen, sich zutrauten, solche Studien durchzuführen. Vom heute gerne mal postulierten geringen Selbstbewusstsein der Bibliotheken ist in den Studien nichts zu spüren.) Dafür wurden in der bibliothekarischen Literatur Kolonen über Kolonen von Zahlen und Titeln ausgeborgter Werke produziert, dargestellt und diskutiert.

Die Überzeugung, die sich auch in vielen Quellen explizit so ausgedrückt findet, war, dass Bibliotheken ihre Arbeit nur effektiv und sinnvoll durchführen könnten, wenn sie wüssten, was ihre Leser*innen lesen, beziehungsweise was die Menschen, die sie zu erreichen hofften lesen und warum. Nur dann könnten Bibliotheken (a) ihren Bestand sinnvoll aufbauen und (b) die Lesenden beraten. Ohne dieses Wissen können man nur mit Annahmen und den eigenen, immer unvollständigen, Vorstellungen arbeiten. Aber, das wird in den Quellen auch deutlich, selbst in Zeiten, als die Bibliothekare (männlich) stark der Meinung waren, dass sie bestimmen könnten, was gute und schlechte Literatur sei, welche Literatur zu welcher „Lesestufe‟ passen würde und welche (noch) zu komplex für für welche Lesenden war, gab es immer die Vorstellung, dass die (potentiellen) Lesenden Personen mit eigenem Willen seien, denen man nicht einfach Literatur aufzwingen könne. Mag das in der Realität auch anders gehandhabt worden sein, in den Quellen werden die Literaturinteressen immer erst einmal akzeptiert, um dann an ihnen zu arbeiten. Selbst, wenn man mit den Bibliotheken Menschen erziehen wollte, wurde es als notwendig angesehen, erst einmal zu wissen, was sie lesen.

Entwicklungen

Die Lesesoziologie entwickelte sich. Auch das wird in den Quellen sichtbar. Je nachdem, was die einzelnen Bibliotheken als ihre Aufgabe ansahen, entwickelte sich auch, was und wie genau gefragt wurde.

Lange Zeit war es üblich, die Aufgabe der Bibliotheken darin zu sehen, die jeweiligen Lesenden zu einer besseren Nutzung von Literatur zu erziehen. Nicht unbedingt als Selbstzweck. Im Diskurs der Lesehallen war zum Beispiel verankert, dass sie helfen sollten, vor allem in den unteren Sozialschichten Menschen, die das Talent dazu hatten und sich selber engagierten, den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das sollte diesen Menschen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen helfen. Arbeiterbibliotheken sollten dazu beitragen, dass die organisierten Arbeiter*innen in die Lage versetzt würden, eine sozialistische (kommunistische, anarchistische und so weiter) Gesellschaft aufzubauen. Bibliotheken im Nationalsozialismus sollten dazu beitragen, dass sich Menschen ihre angeblich natürlichen Rolle in der „Volksgemeinschaft‟ und „Rasse‟ klar würden. Und so weiter. Lesesoziologie wurde eingesetzt, um den Erfolg solcher Aufgaben zu überprüfen. Borgten die Lesenden im Laufe der Zeit mehr „qualitätsvolle‟ und / oder politisch richtige Literatur aus? Verzichteten sie auf die falsche Literatur (lasen sie beispielsweise mehr sozialkritische Romane und weniger Liebesromane)? Wie wirkte sich die Arbeit der Bibliotheken jeweils darauf aus?

In den späten 1910er, frühen 1920er Jahren änderte sich die Vorstellung davon, wie Lesen funktioniert und was die Aufgabe von Bibliotheken ist. Nicht vollständig, nicht überall, aber doch merklich. Der demokratische Geist der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik zeigte sich auch in den Bibliotheken, obgleich es dort viele konservative Tendenzen gab. Man ging weniger davon aus, dass das Lesen der Menschen gesteuert werden könne, sondern das es eine Lesebiographie gäbe, deren Entwicklung man unterstützen müsse. Das lässt sich auch in den Lesesoziologie nachvollziehen. Immer mehr wird nicht danach gefragt, ob die richtige Literatur gelesen wird, sondern eher danach, welche Wege die Lesenden nehmen. Das Ziel ist oft immer noch, dass sie am Ende die richtige Literatur (was immer das in der jeweiligen Bibliothek ist) gelesen wird. Aber die Lesenden sollen praktisch selber dahinkommen und auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Gesteuert, aber selbstbestimmt. (Das erscheint uns heute vielleicht nicht logisch, aber ist wichtig, diese Entwicklung auch als Entwicklung anzusehen. Bibliothekare, und auch die ersten Bibliothekarinnen, machten sich sehr wohl Gedanken über ihre Arbeit und veränderten ihre Vorstellungen. Das war nie eine feste Meinung, die für immer feststand und von allen geteilt wurde.)

Und auch, als sich nach dem Nationalsozialismus (beziehungsweise der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz) und den restaurativen Jahren dann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die Auffassung durchsetzte, dass es die Aufgabe der Bibliotheken sei, die Interessen der potentiellen Lesenden zu unterstützen, ihnen Fortbildungsmöglichkeiten und „sinnvolle Freizeitbeschäftigung‟ zu bieten, aber sie auch nicht zu zwingen, wurde dem in der Lesesoziologie gefolgt. Weiterhin wird in diesen Jahren gefragt, was gelesen wird, von wem und warum. Es werden Thesen über die weitere Entwicklung der Literatur aufgestellt, da man davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auch darauf niederschlagen werden, was und wie viel gelesen wird. (Stichwort: Mehr Freizeit.)

Auffällig ist auch, dass die jeweilige Lesesoziologie sich mit den Aufgaben der Bibliotheken verbindet. In der DDR gab es beispielsweise immer wieder „parteiliche‟ Auswertungen, in denen aus den gesammelten Daten vor allem die der „Werktätigen und Kollektivbauern‟ herausgehoben wurden. Bekanntlich sollten die gefördert werden, damit sie die sozialistische Gesellschaft aufbauen könnten. (Und dann wären alle in der sozialistischen Gesellschaft, auch die, die nicht gesondert gefördert würden.) Hier verband sich Politik und Bibliotheksarbeit ganz direkt.

Aber, und das ist mir hier wichtig: Die Grundfragen der Lesesoziologie blieben. Was lesen die Leute und warum? Die Studien und Inhalte entwickelten sich mit den Bibliotheken,. Aber die Grundüberzeugung, dass eine sinnvolle Bibliotheksarbeit nur möglich wäre, wenn es Antworten auf diese Frage gibt, wurde die ganze Zeit beibehalten. (Das ist wichtig für die Frage ganz unten, ob sich Lesesoziologie wieder etablieren lässt.)

Gesellschaft und Lesesoziologie

Eine Sache, die in der ganzen Lesesoziologie auffällt, ist, dass sie immer einen Blick auf die Gesellschaft hatte. Egal, wer die Studien betrieb, egal in welchem Jahrzehnt oder für welchen Bibliothekstyp: Es gab immer ein klares Verständnis davon, dass die soziale Schicht und die konkreten sozialen Umstände, aus denen die betreffenden Lesenden kamen, eine grosse Bedeutung für die jeweilige Lesebiographie hatten. Sowohl dafür, was gelesen wurde als auch dafür, was als sinnvolle Lektüre galt. Nicht nur Arbeiterbibliotheken – bei denen das zu erwarten war, immerhin waren sie Teil einer marxistischen Bewegung – gingen davon aus, dass verschiedene soziale Schichten einen unterschiedlichen Zugang zum Lesen hatten, sondern praktisch alle taten dies. Sicherlich betonten andere Bibliotheken mehr die individuellen Entscheidungen der Lesenden. Aber praktisch galt immer:

  1. Prinzipiell können alle Menschen lernen, alle Literatur lesen.
  2. Menschen in verschiedenen sozialen Schichten haben unterschiedliche Möglichkeiten dazu. Deshalb ist es wichtig, nach den sozialen Umständen zu fragen.

Oft wurde zum Beispiel betont, dass Arbeiter*innen gar nicht so viel Zeit hätten, um sich umfassende literarische Kenntnisse anzueignen. Oder das der Alltag von Bäuer*innen durch die „Zeitläufe der Natur‟ geprägt sei und somit auch die Anregungen zur Beschäftigung mit Literatur andere wären als die der städtischen Mittelschicht. Das galt auch für Bibliotheken, die zum Beispiel einen „sozialen Ausgleich‟ im Ständestaat unterstützen sollten. Nicht nur für solche, die in Kategorien des Klassenkampfes dachten.

So oder so: Es war ein soziologisches Verständnis von Gesellschaft, das hinter der Lesesoziologie stand. Soziologisch in dem Sinne, dass die Gesellschaft begriffen wurde als in verschiedene soziale Schichten eingeteilt und dass die Literaturinteressen als von den sozialen Umständen dieser Schichten bedingt gedacht wurde (nicht determiniert, immer galt es auch die individuellen Interessen zu beachten). Deshalb zum Beispiel wurde intensiv diskutiert (in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen), ob der Zuwachs an Freizeit für Arbeiter*innen in Fabriken in den 1950er / 1960er Jahren zu anderen Leseinteressen dieser Schicht führen würden: Weil sich deren soziale Umstände veränderten.

Vom Verschwinden der Lesesoziologie

Heute gibt es, pauschal gesagt, keine Lesesoziologie mehr. Vor allem nicht mehr als Teil bibliothekarischer Arbeit. Sie kommt in der Ausbildung nicht vor. Sie kommt bei der Festlegung der Bestandsstrategien nicht vor und sie wird auch nicht bei den strategischen Prozessen von Bibliotheken benutzt. Wann ist das passiert und wieso?

Wie oben gesagt: Genau lässt sich das nicht sagen. Es scheint eher, als sei diese Tradition ausgelaufen. Wie so oft bei öffentlichen Bibliotheken scheint sich diese Veränderung in den 1970er zu vollziehen. Spätestens in den 1980er Jahren scheint die Tradition mehr oder minder „tot‟ gewesen zu sein. Sie taucht in den bibliothekarischen Publikationen nicht mehr auf.

Ist sie von etwas anderem ersetzt worden? Auffällig ist, dass, als diese Tradition verschwindet, das Konzept und der Begriff des „Kunden‟ (heute selbstverständlich auch „Kund*innen‟) auftaucht. Die Leute, die die Bibliothek nutzen, werden nicht mehr als Lesende, Benutzer*innen und so weiter verstanden, sondern als Kund*innen. Auch das nicht sofort, nicht vollständig. Aber wenn man ein Datum setzen will, dann wäre der Beginn des Engagements der Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bibliothekswesen 1985 ein guter Termin. Das würde zeitlich passen. (Aber nicht erklären, warum es in Österreich, der Schweiz und auch der DDR mit dieser Tradition gerade dann vorbei zu sein scheint. Man kann das Engagement der Stiftung vielleicht als Katalysator einer Entwicklung, die auch so stattgefunden hätte, interpretieren.)

Was diesen Begriff unter anderem auszeichnet ist, dass die Menschen als einzelne Individuen begriffen werden, die eigne Interessen ausprägen. Soziale Unterschiede werden dabei eingeebnet: Warum die Individuen ihre Interessen ausprägen, warum sie das mögen und das nicht, wird als grundsätzlich egal angesehen. Sie werden Atomisiert. Es wird bei Kund*innen eher nach Trends gefragt, die sich entwickeln und auf die man reagieren müsste und nicht mehr nach sozialen Umständen, welche die Trends hervorbringen. Zumindest als These lässt sich aufstellen, dass die Lesesoziologie mit ihrem Fokus darauf, warum Menschen was lesen, nicht in ein solches Denken passt. Wenn die gesellschaftlichen Umstände die Literaturinteressen mitbestimmen, kann man sie nicht als Kund*innen verstehen. Die Fragen der Lesesoziologie passen nicht zum neoliberalen Denken.

Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein: Das Wahrnehmen von Menschen als atomisierte Individuen, und nicht als geprägt von sozialen Schichten, muss überzeugt haben. Sonst wäre es nicht so angenommen worden. Und die Lesesoziologie – die, dass muss man erwähnen, oft zeigte, dass die Anstrengungen der Bibliotheken wenig Einfluss auf das Leseverhalten hatten – mussten weniger überzeugt haben.

Should we revive Lesesoziologie?

Bibliotheken heute wissen überhaupt nicht, welche Menschen aus welchen sozialen Schichten welche Literatur (oder welche anderen Medienformen) bevorzugen. Sie wissen nicht, ob sich das Interesse an bestimmten Medien, Genres und so weiter grob an sozialen Schichten orientiert oder nicht. Wenn überhaupt, dann wird gefragt, ob bestimmte Altersstufen und das Interesse an bestimmten Medien zusammenhängt. (Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, nicht bei anderen Altersgruppen.2)

Die Lesesoziologie basierte auf der Annahme, dass man wissen müssen, was Menschen lesen und warum, um überhaupt den Bestand und die restlichen Aktivitäten der Bibliothek sinnvoll planen zu können. Das war keine falsche Überzeugung. Heute hingegen scheinen die meisten Entscheidungen von Bibliotheken über den Bestand und über die Angebote der Bibliothek auf kaum fundierten Vorstellen, Behauptungen und Hoffnungen (die sich halt auch oft zerschlagen) aufzubauen. Dadurch, dass die Tradition der Lesesoziologie aufgegeben wurde, haben sich Bibliotheken (gewiss ungewollt) eher in die Hände von meinungsstarken Einzelpersonen begeben. Sie sind dadurch strukturell dümmer geworden (im Sinne von: Sie wussten früher mehr).

Eventuell ist ein Grund dafür, dass sie ihre strategischen Entscheidungen mehr und mehr nicht an Medien, sondern an Angeboten, die weniger mit Medien zu tun haben, ausrichten, der, dass sie sich kaum noch Daten darüber erarbeiten, was Menschen eigentlich alles mit Medien machen. Die Abwertung der konkreten Mediennutzung (also dem lautstark thematisieren Interesse am Lesen und ähnlichen Aktivitäten) im bibliothekarischen Diskurs scheint auch mit dem Niedergang der Lesesoziologie einigermassen parallel zu laufen.

Deshalb drängt sich Frage auf (auch, weil die These vom Ende des Neoliberalismus in unseren Gesellschaften in der Luft hängt), ob es sinnvoll und möglich wäre, die Lesesoziologie wiederzubeleben. Sollte man Bibliotheken raten, sich wieder Studien darüber zuzuwenden, was und warum ihre potentiellen Nutzer*innen lesen?

Ja, aber der Zeit und unserem Wissen über die Medienrezeption angepasst. Es ist offensichtlich, dass in den letzten Jahrzehnten, in denen Bibliotheken versucht haben, Angebote neben der „reinen Mediennutzung‟ aufzubauen, die Nutzung der Medien – und vor allem immer noch das Lesen von ausgeborgten, gedruckten Büchern – weiterhin die Hauptaktivität in Bibliotheken geblieben ist. Das ist nie weggegangen. Deshalb sollte man auch wieder anfangen, Daten über diese Aktivitäten zu erheben und für die bibliothekarische Arbeit zu verwenden.

Wie oben diskutiert wurde die Lesesoziologie immer im Rahmen dessen durchgeführt, wie die Bibliotheken jeweils ihre Aufgaben definierten. Lesesoziologie ist also wandelbar. Was wäre heute anders?

  1. Sicherlich würde man heute die verschiedenen Medienformen, die in Bibliotheken vorhanden sind, integrieren. Das wäre keine Innovation. Als in Bibliotheken Angebote an Zeitschriften und Zeitungen aufgebaut wurden, wurden auch sie in die lesesoziologischen Befragungen integriert. (Sie würde dann vielleicht auch anders heissen. Aber Lesesoziologie ist ja, wie oben dargestellt, eh nur der Begriff, den ich gewählt habe. Insoweit wäre auch das kein Problem.)
  2. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herrschte eine recht direkte Vorstellung davon, wie Literaturrezeption funktioniert vor. Man ging davon aus, dass man aus dem Text selber herauslesen konnte, wie dieser auf die Lesenden wirken würde. Literatur würde praktisch eins zu eins interpretiert, Romane praktisch als Abbildung der Realität gelesen (und damit zum Beispiel falsche Vorstellungen vermitteln oder aber gerade ungewohnte Einblicke ermöglichen). Das stimmt selbstverständlich nicht. Die Literaturwissenschaft (oder auch die Filmwissenschaft, die Musikwissenschaft und so weiter) haben komplexere Rezeptionsmodelle erarbeitet und auch empirisch untermauert. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Lesende jeweils mitbestimmen, wie ein Medium wahrgenommen wird und das Bedeutung eines Textes (Films, Musikstücks und so weiter) von diesen bei der Rezeption co-produziert wird.3 Solche Rezeptionsmodelle müssten sinnvoll in die Lesesoziologie integriert werden.
  3. Es gibt heute mehr Forschungseinrichtungen um Bibliotheken drumherum als früher. All die Fachhochschulen, aber auch mietbaren freien Forschungsinstitute wären wohl in der Lage, lesesoziologische Untersuchungen durchzuführen. Aber: Die Stärke der Lesesoziologie war, dass sie direkt von Bibliotheken durchgeführt und dann wohl auch eher genutzt wurde. Nur Daten über die Mediennutzung zu erheben, verändert die Bibliotheksarbeit noch nicht. (Es gibt ja zum Beispiel regelmässige Studien zur Nutzung digitaler Medien. Wie werden die den genutzt.) Wenn Bibliotheken solche Studien durchführen, müssen sie sich selber klar werden, was sie eigentlich wieso und wie fragen, auswerten und so weiter. Das ist es, was wiederbelebt werden sollte.

Was sich allerdings ändern würde durch eine solche „neue Lesesoziologie‟ wäre wohl, dass einige in den letzten Jahrzehnten liebgewonnene Vorstellungen über Bibliotheken aufgegeben werden müssten: Es würde sich zeigen (weil sich das in anderen soziologischen Studien auch immer wieder zeigt), dass sich die Interessen an bestimmten Medien, Genres, Inhalten und so weiter stark an den sozialen Schichten anlehnen. Die Grundvorstellung, dass es in unseren Gesellschaften nur „Kund*innen‟ gäbe, müsste aufgegeben werden. Ausserdem würde sich wohl zeigen, dass es weiterhin die Mediennutzung ist, welche die meisten Besuche von Bibliotheken motiviert. Es ist seit den 1980ern normal geworden, zu behaupten, Bibliotheken müssten sich auf andere Angebote konzentrieren (heute Makerspaces, aber auch das ist nicht neu, sondern eine Tradition). Es würde sich wohl zeigen, dass diese Behauptungen argumentativ davon profitieren, dass sie kaum empirisch überprüft werden. Wie gesagt zeigte sich in den lesesoziologischen Untersuchungen oft, dass die Bemühungen der Bibliotheken mit spezifischen Angeboten, Beratungen, Lenkungsversuchen und so weiter die Lesenden zu beeinflussen, immer nur geringe Effekte hatten,. Immer kamen Menschen vor allem, um das zu lesen was sie interessierte. Wenn sich also in neuen lesesoziologischen Untersuchungen zeigen würde, dass das auch heute gilt, wäre das nur gut. Es würde die Bibliotheksarbeit erden.

 

Fussnoten

1 In meinem Artikel zu Arbeiterbibliotheken in der vorletzten LIBREAS habe ich auch Beispiele angeführt, wo solche Studien zu polemischen Zwecken genutzt wurden. Zum Beispiel Abbildung 4 und 5, wo die Arbeiterbibliotheken Wiens anführen, welche Autor*innen und welche Arten von Beständen bei Ihnen ausgeliehen wurden, um zu zeigen, dass sie die Kultur der Arbeiter fördern würden. (Schuldt, Karsten (2019). „Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟. In: LIBREAS. Library Ideas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/).

2 Es gab auch die kurze Zeit, wo einige Bibliotheken auf den antifeministischen Zug aufzuspringen versuchten und angebliche „Literatur für Jungen‟ anbieten wollten. Das ist zum Glück untergegangen, wohl auch weil die Vorstellungen davon, was „Jungenliteratur‟ sein soll, auf keinen Daten – sondern auf hinterwäldlerischen und antifeministischen Annahmen – beruhte.

3 Das wäre übrigens die „richtige‟ Verwendung von „co-produziert‟ (richtig im Sinne von: hierfür gibt es einen Definition). Ich weiss, dass Bibliotheken diesen Begriff aktuell auch benutzen, aber mir ist nicht klar, was sie damit meinen. Offenbar nicht das.

Poster: Fünf Tests für Umfragen in (Öffentlichen) Bibliotheken

Im Rahmen meiner Arbeit komme ich immer wieder mit Öffentlichen Bibliotheken (vor allem, aber nicht nur in der Schweiz) in Kontakt, die Umfragen oder ähnliche Erhebungen durchführen wollen, vor allem um von ihren Nutzer*innen (oder Nicht-Nutzer*innen, was manchmal fälschlich als eine neue Idee wahrgenommen wird) etwas zu erfahren. Es gibt unterschiedliche Wege, wie das genau ausgedrückt wird, aber fast immer geht es darum, (a) das die jeweilige Bibliothek ihre Arbeit von den Nutzer*innen „spiegeln“ lassen will oder / und (b) das sie über Veränderungen nachdenkt, die sie gerne vorderhand bewerten möchte. Manchmal fragen die Bibliotheken, ob Studierende für sie diese Umfragen durchführen können, manchmal wollen sie beraten oder unterstützt werden. Das hängt von der Bibliothek, den konkreten Fragen und vorhandenen Finanzen ab.

Aber: Immer wieder geht es um ähnliche Fragen, immer wieder gehe ich mit Bibliotheken dabei ähnliche Punkte durch. Bibliotheken sind halt doch oft ähnlich und haben ähnliche Ideen. Es wird also auch in anderen Bibliotheken ähnlich sein. Ich habe diese Punkte hier einmal zusammengefasst und als Poster (DIN A0) gestaltet, damit man es ausdrucken / plotten und an die Wand hängen kann, wenn man eine solche Umfrage plant. Es nimmt keine Arbeit ab, sondern fordert auf, die jeweilige Umfrage noch mehrfach durchzugehen. Meine Erfahrung ist aber, das die auf dem Poster genannten „Tests“ helfen, solche Umfragen „sinnvoller“ (im Sinne von: Mehr Daten erzeugend, mit denen die Bibliotheken etwas anfangen können) zu gestalten.

Symbobild für das Poster "Tests für Umfragen und andere Erhebungen von Bibliotheken"

(Datei hier oder auch bei E-LIS unter http://hdl.handle.net/10760/39467.)