Das Unbehagen mit der Informationskompetenz

Es gibt ein Unbehagen mit der Informationskompetenz, eines das langsam, aber merkbar zunimmt und nicht weggeht mit der Zeit. Dieses Unbehagen äussert sich eher leise. Nicht so auftrumpfend laut wie diejenigen, welche Informationskompetenz in den letzten Jahren zu einem ihrer Hauptthemen gemacht haben. Denn die gibt es auch, fraglos. Das Handbuch Informationskompetenz [Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hrsg.) / Handbuch Informationkompetenz. Berlin: de Gruyter, 2012] beispielweise ist voll von solchem lauten Auftreten; auch die Vorträge zum Thema auf den Bibliothekskongressen (egal in welchem der deutschsprachigen Länder) sind immer voll und werden beherrscht von Vortragenden, die sehr klar ihre Meinung sagen. Und viele, viele hören zu. Kritik gibt es, wenn überhaupt, an den Umsetzungen. Es sieht dann auch oft gut aus: Immer mehr Angebote, Kurse, welche in die Curricula von Hochschulen eingebunden werden, steigende Zahlen von Teilnehmenden, Nachfragen von ausserhalb der Bibliotheken, Erklärungen zur Informationskompetenz von Forschungsfördereinrichtungen und politischen Gremien werden berichtet.

Meeeeeeeeeh.

Aber wer einmal genauer hinhört, spürt meines Erachtens doch ein wachsenden Unbehagen.

  • Immer wieder hört man auf den Gängen der Bibliotheken, in den Ausbildungseinrichtungen, in den privaten Gesprächen zwischen bibliothekarisch und bibliothekswissenschaftlich Tätigen Zweifel daran, dass Informationskompetenz wirklich so wichtig ist, wie es gehandelt wird. Ist es nicht eher doch ein kleiner Teilbereich bibliothekarischer Arbeit? Ist es nicht eher ein Nebenschauplatz, der gross geredet wird?
  • In diesen Gesprächen klingt von Zeit zu Zeit der Zweifel an, ob das, was als Informationskompetenz beschrieben wird, wirklich etwas ist, was Bibliotheken vermitteln könnten und sollten. Ist nicht das, was Bibliotheken tun, heute mehr und strukturierte Rechercheschulungen durchzuführen? (Was nicht schlimm ist, aber: Ist das wirklich Informationskompetenz? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen?)
  • Von den Öffentlichen Bibliotheken her klingt unter der Hand immer wieder die Frage, ob es sich bei der Informationskompetenz nicht um ein Konzept handelt, dass vielleicht für Wissenschaftliche Bibliotheken wichtig wäre, aber: Ist es für Öffentliche Bibliotheken interessant?
  • In den Ausbildungsgängen (die ja wohl alle mindestens einen Kurs [ein Modul, ein Seminar etc.] zu diesem Thema eingerichtet haben) erntet man von den Studierenden immer mehr ein müdes, abwehrendes Lächeln, wenn man das Thema anspricht; eines das zu sagen scheint: „Ja ja, schon gehört. Informationskompetenz. Aber das überzeugt uns nicht mehr. Erzähl was neues, bitte.“
  • In den Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften und den Gremien, die Abschlussarbeiten zulassen; in den Vereinigungen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche Konferenzen und Weiterbildungen organisieren; in den losen Netzwerken wird; so hört und sieht man; immer wieder einmal mit den Augen gerollt, wenn das Wort fällt. Sicher: Die Artikel werden nicht abgelehnt, die Abschlussarbeiten zugelassen, die Vorträge abgenickt, die Weiterbildungen angeboten. Doch es scheint, als wäre langsam aber sicher die Luft raus aus dem Thema. Die Anekdoten zu diesem Unwollen häufen sich, auch wenn sie nicht offen berichtet werden.
  • Und wieder ein anderer Teil der Kolleginnen und Kollegen möchte gleich weiter. Informationskompetenz sei nicht mehr ausreichend, Datenkompetenz muss es sein – was gute Gründe hat (Wachstum der Forschungsdaten, Open Data etc.). Oder halt an die Kompetenz muss noch mehr angedockt werden, zum Beispiel mit ordentlichem wissenschaftlichen Arbeiten und nicht nur Recherchieren (was eigentlich eh Teil der Information Literacy ist, aber „in der Übersetzung“ am Anfang der Debatten um Informationskompetenz im deutschsprachigen Raum „irgendwie“ verschwunden ist).

Remember 2000: Wir werden unnötig.

Ist das nur mein Eindruck? Ich denke nicht. Was ist den passiert in den letzten Jahren? Anfang der 2000er Jahre kam das Thema Informationkompetenz auf, wurde gross beworben, in den Bibliotheksalltag integriert. Es sei, so tönte es, ein Konzept aus den englischsprachigen Bibliothekswesen. (Das stimmt so nicht. Die Übersetzung von Literacy ist nicht Kompetenz und das aus einem guten Grund: Das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Auch wurde bei der „Übersetzung“ in die deutschsprachigen Bibliothekswesen einiges auf der Strecke gelassen, insbesondere die Fähigkeit zum Verarbeiten von Informationen. Aber so recht schien das niemand zu interessieren. Vielleicht hat es auch niemand richtig nachgeprüft.) Das Konzept sollte in gewisser Weise die Bibliotheken retten. Sie würden bald untergehen: Stichwort Digitale Medien, Buchverkauf übers Internet, immer schnelleres Studium. Studierende würden diese Kompetenz benötigen, so tönte es weiter, ansonsten würden sie im Studium nicht mehr bestehen können; würden nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Und zudem seien Bibliotheken der Ort, wo diese Kompetenz schon angesammelt sei und angeboten werden könnte. (Wieder hat kaum jemand bemerkt, dass von Anfang an davon geredet wurde, dass Informationskompetenz vermittelt werden soll, obgleich der Witz an Kompetenzen in der Pädagogik eigentlich ist, dass sie nicht vermittelt, sondern von den Lernenden aufgebaut werden. Aber vielleicht wollte wieder nur niemand genau hinschauen.) Immerhin: Die Argumentation klang gut.

Unterfüttert wurde sie damals auch noch mit der Panik, welche die PISA-Studien ausgelöst hatten; obgleich in diesen Studien nicht wirklich etwas über Informationsnutzung etc. stand. Aber damals, 2002, 2003, konnte man fast alles mit den PISA-Studien begründen, ohne das es einen richtigen Zusammenhang zu diesen geben musste. Heute tauchen die Studien kaum noch in den Debatten auf.

Nun, einige Jahre später, wie sieht die Realität aus? Es gibt an fast allen grösseren Wissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum Personen, die für Informationskompetenz zuständig sind; oft sind diese Stellen mit sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen besetzt. Ebenso gibt es an den meisten dieser Bibliotheken strukturierte Angebote für Studierende und zum Teil auch für Forschende unter diesem Motto. Teilweise gibt es auch Kurse, die im Studium integriert wurden.

Aber: Ist es das wirklich, was versprochen wurde?

Was ist eigentlich wirklich passiert?

Zum ersten: Entgegen der Panik, die noch vor einigen Jahren verbreitet war, sind Bibliotheken nicht untergegangen. Sie haben sich verändert, sind zum Beispiel zur Verwalterinnen von elektronischen Medien, von Lizenzverträgen und ähnlichem geworden. Sie sind ebenso (wieder einmal) zu Lernorten geworden, nicht so sehr bezogen auf ihr eigenes Programm, sondern als Ort, an den immer mehr Studierenden hingehen, um selbstständig zu lernen. Alles anstrengend, aber der ganz grosse Kladderadatsch, der angekündigt wurde, kam nicht. Er wird auch nicht kommen.

Zum zweiten: Obgleich die Zahlen der Teilnehmenden in den Kursen gestiegen sind, herrscht doch immer mehr der Eindruck vor, dass es das im Grossen und Ganzen dann auch war. Sicher: Ein paar Studierende oder junge Lehrende lernen mehr mit Informationen etc. umzugehen. Aber nicht nur in Bibliotheken scheint sich der Eindruck durchzusetzen, dass das nicht heisst, dass Informationen im Allgemeinen besser genutzt würden; schon gar nicht die, welche über die Bibliotheken zugänglich gemacht wurden. Die vorhandene Informationskompetenz bei den Studierenden und Lehrenden steigt gar nicht so sehr, wie man sich das erhoffte. Gleichzeitig ahnt man, dass sie vielleicht auch gar nicht so wichtig war, wie man sich als Bibliothekswesen das selber eingeredet hatte. Alle sagen was Nettes über die Bibliothek und deren Anstrengungen, alle rollen die Augen, wenn sie davon berichten, dass Studierende (oder zumindest die anderen Studierenden) „nur noch Google benutzen“ würden; aber so Recht scheint sich das auf die Noten der Studierenden oder auch die wissenschaftlichen Arbeiten nicht niederzuschlagen.

Und drittens: Die Zweifel mehren sich, dass das, was die Bibliotheken über Informationskompetenz sagen, von anderen Einrichtungen auch so geteilt wird. Sicher: Es gibt einige Studiengänge – weil die Bibliotheken persistent darauf gedrängt haben – in denen Studierende Kurse in Bibliotheken besuchen müssen. Aber einen Diskurs ausserhalb der Bibliotheken, in den Studiengängen und Forschungsrichtungen (und seien es nur die Erziehungswissenschaften) über diese Informationskompetenz – die ja, so die Behauptung der bibliothekarischen Debatten, eine Grundkompetenz sein soll – gibt es immer noch nicht. Sicher: Ein wenig Google-Gedisse, ein wenig „ja ja, die Studierenden recherchieren nicht richtig“ hört man. Aber ansonsten agiert zum Beispiel die Medienpädagogik konsequent an den Bibliotheken vorbei.

Und viertens: Bis heute hat sich die bibliothekarische Debatte darauf kapriziert zu beschreiben, wie die jeweiligen Schulungen organisiert und durchgeführt; wie deren Notwendigkeit den Lehrenden in den Hochschulen oder gleich den Hochschulen selber verständlich gemacht; wie die Studierenden (und manchmal auch die Forschenden) erreicht werden können; gleichzeitig wurden zahllose (zumeist ungetestete und eher prekär hergeleitete) Standards beschrieben (die sich aber, weil es so viele sind, oft auch widersprechen) und zudem immer wieder gegenseitig erklärt, dass Bibliotheken wichtig für Informationskompetenz seien. Nur: was bislang nicht gezeigt wurde, meiner Meinung nach auch nicht untersucht, ist, ob die Fähigkeiten, die als Informationskompetenz umschrieben werden, wirklich für die Studierenden oder jungen Forschenden notwendig wäre.

Ist das alles wirklich so wichtig?

Mich irritiert der vierte Punkt sehr, schon länger. Die Vorstellung ist, dass Studierende und Forschende heute mit Informationen anders umgehen müssten, um erfolgreich in Studium und Forschung zu sein. Das Bestimmen, Finden, Auswählen und Interpretieren der jeweils besten Information sein eine Voraussetzung dafür. (Sehen wir einmal davon ab, dass der letzte Punkt, nämlich das Interpretieren, selten Inhalt der Kurse in Bibliotheken ist.) Deshalb muss ihnen das jemand beibringen und diese jemands seien die (Hochschul-)Bibliotheken.

Mir scheint das ein grundsätzliches Verkennen der Realität in Studium und Forschung zu sein. (Was auch deshalb absurd ist, weil die meisten Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich in diese Debatten einmischen, selber studiert haben.) Meine Gegenthese wäre: erfolgreich studieren – und zwar auf der Ebene von Bestnoten – kann man auch mit passenden Informationen, die im Studium zusammengegoogelt, mehr zufällig in Katalogen oder erst in den Abschlussarbeiten einigermassen systematisch gefunden werden. Die Suchwerkzeuge sind heute gut genug, um sogar mit weniger Aufwand passende Informationen zu finden. Besser recherchieren zu können oder gar kritischer ist eine nicht notwendige Fähigkeit für das Bestehen des Studium. Nicht, dass sie etwas schadet, aber sie bringt auch nichts für das Studium selber. (Warum? Höchstwahrscheinlich auch, weil es im Studium um etwas anderes geht, als das richtige Recherchieren.)

Wenn das stimmt, wäre es für die bibliothekarische Überzeugung schrecklich, weil: Dann bräuchte es auch keine Rechercheschulungen. Aber ich denke, es wäre realistisch.

Ebenso ist auch in der wissenschaftlichen Praxis nicht das effiektive Finden der besten Information notwendig. Durch die Projektorientierung der Wissenschaft (die dazu führt, dass die Forschenden immer mehr Multitalente werden), durch die immer grössere Zahl von Publikationsorten und der Überforderung der Qualitätssicherungssyteme, durch den ständigen Drang zur Publikation und den Drang zum „einfacher Schreiben“ (der sich u.a. darin äussert, dass Forschende ernsthaft verkünden, dass sie Texte, die länger als fünf Seiten lang sind, zu schwierig finden und deshalb nicht lesen) nimmt die reale Qualität der wissenschaftlichen Publikationen eh tendenziell ab, ohne dass dies direkt bemerkt würde, weil ja weder wissenschaftliche Streitkultur (in der man solche Fakten klar benennen dürfte) noch ausreichendes Expertinnen- und Expertentum existieren. In einer solchen Kultur reicht es vollkommen aus, wenn Forschende in der Lage sind – und das sind sie intellektuell auch ohne Rechercheschulung – eine Suchmaschine, eine freie Datenbank und einen Bibliothekskatalog zu bedienen. Alles andere ist netter Surplus, der einer wissenschaftlichen Karriere nicht schadet, aber auch nicht notwendig ist.

Auch hier: Wenn das stimmt, dann würde die Grundthese der Informationskompetenz-Diskussionen nicht stimmen. Aber wieder: Ich denke, es wäre realistischer.

Nun aber: Kann es wirklich sein, dass Bibliotheken im deutschsprachigen Raum seit Jahren quasi im Blindflug agieren und auf einer These aufbauen, die nicht belegt ist? Das mag erstaunlich erscheinen, ist es aber nicht. (Beziehungsweise: Das ist nicht ohne historisches Vorbild.) Mir scheint eher, dass innerhalb des bibliothekarischen Diskurses eine verstärkender Effekt eingetreten ist: Da immer wieder in Texten zur Informationskompetenz auf diese Grundthese – mehr Informationskompetenz ist notwendig – verwiesen wird und sich diese Texte gegenseitig zitieren, erscheint dies mehr und mehr als bewiesene oder zumindest selbsterklärende Aussage. Nur ist sie weder selbsterklärend noch bewiesen.

Was nötig wäre an dieser Stelle wäre wohl eine klare Untersuchung, welche Fähigkeiten – sagen wir gar nicht erst Kompetenz am Anfang – wirklich zu einem besseren Studium oder einer besseren wissenschaftlichen Arbeit notwendig sind. Und zwar nicht aus Sicht der Bibliotheken, da kommt immer wieder das gleiche raus (nämlich das, was die Bibliotheken anbieten können [das wird eh beständig getan, siehe z.B. kürzlich Tappenbeck, Inka (2013) / Vermittlung von Informationskompetenz an Hochschulbibliotheken: Praxis, Bedarfe, Perspektiven. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 1, 59-69 und Kiszio, Blanche ; Favre, Nathalie & Ding, Sandrine (2013) / Ein neues Online-Tutorial zur Förderung von Informationskompetenz: ein Praxisbericht. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 73 (2013) 1, 11-114 die genau das wieder einmal taten und deshalb auch die zu erwartenden Ergebnisse erhielten]), sondern aus der Realität. Vergleichen wir doch einmal die guten und die weniger guten studentischen Arbeiten: Welche Fähigkeiten im Bezug auf den Umgang und die Suche von Informationen führen denn zu besseren oder weniger guten Arbeiten? Nachdem ich selber eine gute Anzahl von unterschiedlich guten studentischen Arbeiten gelesen habe, würde ich behaupten, die Informationskompetenz von der Bibliotheken sprechen, ist es nicht. Sicherlich gibt es einige sehr sehr gute Arbeiten, die auch sehr gut und kritisch mit Informationen umgehen. Aber für eine sehr gute Arbeit (also eine 6 in der Schweiz beziehungsweise eine 1,0 in Deutschland) ist das nicht notwendig. Die wird oft auch mit Hilfe von Quellen erreicht, die eher zufällig gefunden wurden. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Arbeiten, die ich gelesen habe. Es ist meiner Meinung nach nicht notwendig, gut mit Informationen umzugehen, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Gehen wir doch einfach mal und schauen, was die erfolgreichen und weniger erfolgreichen Forschenden so mit Informationen machen; wie die genau arbeiten (nicht was sie sagen, wenn sie von den Bibliotheken, mit denen sie zusammenarbeiten, gefragt werden, was vielleicht wichtig und gut wäre, sondern was sie wirklich tun, wenn sie Texte schreiben, Projekte entwerfen etc.). Zu oft habe ich dieses wissenschaftliche Arbeiten in den letzten Jahren live beobachtet, als das ich einfach davon überzeugt werden könnte, dass es überhaupt so etwas wie Informationskompetenz bedarf, um erfolgreich in der Wissenschaft zu sein. Ein funktionierender Internetanschluss, eine Bibliothek mit Fernleihe und vielen Lizenzen – das ja; aber die Fähigkeiten ordentlicher und kritischer Recherche – nein.

Jessa Lingel und danah boyd haben desletztens die Informationsflüsse und -praktiken in der Extrem Body Modification Scene untersucht [Lingel, Jesse & boyd, danah (2013) / „Keep it secret, keep it save“ : Information poverty, information norms, and stigma. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology 64 (2012) 5, 981-991] und dabei wenig überraschend festgestellt, dass es die kontextangepasste Informationssuche ist, die relevant für die gesellschaftliche Praxis innerhalb dieser Szene ist; wobei es nicht um die richtigen oder effektiv zu findenden, sondern die passenden und über mehrfache Codes und Zugänge abgesicherten vertrauenswürdigen Informationen geht, die relevant für das Handeln in dieser Szene werden. Solche Untersuchungen über die tatsächlich erfolgreich genutzten Informationen und Informationsstrategien von Studierenden und Forschenden (gerade auch erfolgreichen) fehlen einfach; dabei sollten sie die Basis von Debatten über Informationskompetenz sein, auch wenn das Ergebniss sein könnte, dass diese Formen der Informationsnutzung nichts mit Bibliotheken zu tun haben.

Informationskompetenz. Nichts dagegen, aber…

Um es noch einmal klar zu sagen: Nichts gegen die Kolleginnen und Kollegen, die engagiert und aktiv im Bereich Informationskompetenz tätig sind. Nur scheint mir je länger je mehr Informationskompetenz eine relativ fixe Idee eines Teils des Bibliothekswesens geworden zu sein, dessen Entstehen mehr mit einer historischen Situation und weniger mit einer realen Anforderung von ausserhalb der Bibliotheken zu tun hatte.

Es ist gar nicht so, dass etwas gegen Recherecheschulungen, in welcher Form auch immer, zu sagen wäre. Aber nicht nur bei mir scheint sich ein Unbehagen aufgebaut zu haben mit den Jahren. Wird hier nicht in eine Themenbereich investiert (und zwar sowohl intellektuell als auch personell und materiell), der nicht halb so wichtig ist, wie es behauptet wird? Wird hier nicht von Bibliotheken ein Diskurs geführt – der auch an die Ausbildungeinrichtungen herangetragen wird – der andere Diskurse und Entscheidungen, die notwendig wären, überdeckt? Ist das alles realistisch oder sind die Bibliotheken nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Wette eingegangen, die sich als immer weniger zu gewinnen herausstellt? Ist das Getöse um Informationskompetenz nicht auch so gross, weil es gerade prekär ist und nicht so untermauert, wie es eigentlich bei der vorgeblichen Wichtigkeit des Diskurses sein sollte? Sollten wir nicht vielleicht nochmal zum Anfang zurück und fragen, was das eigentlich wirklich sein soll und ob es wirklich sinnvoll ist – sinnvoll nicht für Bibliotheken und deren Zukunftssorgen, sondern den Studierenden und Forschenden, um die es angeblich gehen soll?

Nein…? Na gut. Aber dann wird das Unbehagen wohl einfach so ansteigen und vielleicht das Thema irgendwann einfach liegen gelassen werden. (Auch das wäre nicht ohne historisches Vorbild.)

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31 responses to “Das Unbehagen mit der Informationskompetenz”

  1. jge says :

    Das Schlagwort “Informationskompetenz” hat in den letzten Jahren einiges bewegt. Unter anderem haben die, die mit Rechercheschulungen beschäftigt waren, Grund gehabt darüber nachzudenken, ob das didaktisch so sinnvoll ist, was sie machen. Die Bibliotheken — für die Verallgemeinerung bitte ich um Nachsicht — haben vorher angebotsbezogene Schulungen geboten: Das ist unser OPAC, der geht so. Das sind unsere Datenbanken, die gehen so. Das ging an den Bedürfnissen vieler vorbei, bzw. erreichte die Studierenden nicht dort, wo sie waren. Und das ist doch schon mal nicht schlecht.
    Ich stimme zu, dass die Entwicklung des Themas was mit Existenzangst und Profilierung zu tun hat, à la: Wenn eine Hochschule merkt, dass ihre Bibliothek was in Lehrveranstaltungen zu bieten hat, dann wird sie wohl nicht das Personal kürzen. Dass man sich damit unwohl fühlen kann, leuchtet mir ein, denn das ist ja Pfeifen im Walde.

    Unabhängig davon finde ich die Frage bedenkenswert, ob die Aktivität nun an den Bedürfnissen des Publikums vorbeigeht; darauf habe ich keine eigene Antwort, da nicht an UB tätig.

  2. Iris Schläpfer says :

    Wir zeigen Maturandinnen und Maturanden, wie sie vor dem Verfassen der Maturaarbeit Literatur zu ihrem Thema suchen und ev. in einer anderen Bibliothek bestellen können. Dazu weisen wir auf verschiedene Plattformen und Suchstrategien hin. Oft hören wir dann die Bemerkung: “Wenn wir das doch schon am Anfang unserer Mittelschulausbildung gewusst hätten – manche Arbeit und mancher Vortrag wäre uns leichter gefallen… Kein Bedürfnis, also? Wir sind nicht sicher! Klar kann man auch ohne IK eine Matura machen oder ein Studium absolvieren, aber Vieles fällt einem doch leichter, wenn man mal was von Recherchieren gehört hat.
    Kantonsschule AR, Trogen, Schweiz

    • Karsten Schuldt says :

      Werte Frau Schläpfer,
      ein berechtigter Einwurf, den ich allerdings ganz so nicht stehen lassen kann. 1.) Aus der Weiterbildungsforschung ist bekannt, dass Äusserungen von Lernenden direkt nach einer Bildungsaktivität (z.B. einen Kurs) sehr wenig darüber aussagen, ob die Inhalte der jeweiligen Aktivität tatsächlich einen langfristigen Einfluss haben (was ja eigentlich das Ziel jeder Bildungsaktivität ist). Nur weil Lernende sagen, dass für sie etwas neu und interessant war, heisst das noch lange nicht, dass sie das Neue auch nutzen oder auch nur erinnern. Dies ist ehrlich gesagt eine Vermutung im Kontext Informationskompetenz: Bibliotheken machen Rechercheschulungen, dann fragen Sie gerne nach, ob das sinnvoll war, viele Teilnehmende sagen: Ja und damit geben sich Bibliotheken zufrieden. Mein Frage wäre, ob es überhaupt einen langfristigen Einfluss gibt. Die wenigen Studien, die dazu unternommen sind, haben nicht halb so eindeutige Ergebnisse. Vielleicht, so meine Vermutung, ist die Recherche gar nicht das entscheidende (Schülerinnen und Schüler nutzen sonst andere Informationsquellen, wie bekannt ist.), sondern die Informationsverarbeitung in the long run.
      2.) Informationskompetenz soll viel viel mehr sein als Rechercheschulung. So das versprechen. Wäre es Rechercheschulung, es könnte weiter Rechercheschulung heissen. Aber der Anspruch ist eigentlich, dass Lernende die Kompetenz – also eigenmotivierte und reflektiert eingesetzte Fähigkeitsbündel – erarbeiten, mit Informationen im richtigen Moment effektiv umgehen, sie suchen, verarbeiten etc. zu können. Dieser Anspruch aber bleibt auf der Strecke, wenn man sich auf Rechercheschulungen beschränkt. Vielmehr ist hier meine Frage: Braucht es diese Kompetenz wirklich in dem Masse, in dem Bibliotheken es behaupten? Was heisst das wirklich im Alltag der Lernenden?

      • Iris Schläpfer says :

        Lieber Herr Schuldt
        Doch, in und um die Bibliothek-Mediothek ist die Recherche entscheidend, weil sich der Benutzer/die Benutzerin sonst gar nicht zurechtfindet. Zu Punkt 1.) gebe ich Ihnen insofern recht, dass neu Gelerntes sehr kurzfristig haften bleibt, darum ist Wiederholung das A und O. Unser Ziel – und übrigens auch das Ziel der Arbeitsgruppe für Deutschschweizer Mittelschulbibliotheken (ADM) ist es, die Schülerinnen und Schüler der Mittelschulen immer wieder abzuholen während ihrer Ausbildung: Eine erste Schulung, wenn sie eintreten. Da lernen sie die Medienzentren der Schulen kennen, dann eine zweite längere Einführung in Mediensuche in der Bibliothek/Mediothek und eine dritte Schulung mit Recherche am OPAC und Computer. Dies ist in unseren Augen ein Minimum, das erstrebenswert wäre für alle Schulen. Wir geben uns überhaupt nicht zufrieden, sondern arbeiten ständig daran. Dabei ist es uns natürlich bewusst, dass Lernende mit einer Unmenge an Wissen vollgestopft werden und die Bibliothek/Mediothek nicht der Mittelpunkt der Schule ist, um den sich alles dreht, sondern ein kleiner Nebenschauplatz. Auch wissen wir selbst, wie lange es dauert, bis man beim ‘Suchen’ einigermassen sattelfest wird. Das Lernen dauert ständig an. Zur Rechercheschulung gehört übrigens unserer Meinung nach auch, dass man einigermassen eine Ahnung bekommt, was man dann mit dem Gefundenen anfangen kann und soll oder eben nicht soll…
        Ob und wie das Gelernte in diesem Bereich genutzt wird, zeigt sich bei uns spätestens beim Vorbereiten der Maturaarbeit. Da sehen wir ziemlich genau, wie viele Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen unsere Angebote nutzen. Es sind mehr als die Hälfte.

  3. Konstanze Weltersbach says :

    Eine gute “Rechercheschulung” ist bei uns immer auch eine erste Anleitung zum kritischen Denken, sofern man das in einer Doppelstunde leisten kann. Die Vermittlung von Informationskompetenz geschieht bei uns – einem Kurzzeitgymnasium – aber nicht in einer einzelnen Veranstaltung, sondern über die Schullaufbahn hinweg, in enger Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen und eingebunden in den (thematischen) Unterricht.

    Unsere SchülerInnen (oder zumindest “meine”), oft schon kurz vor der Maturarbeit stehend, kennen den Unterschied zwischen Primär- und Sekundärquelle nicht, wissen nicht, welche Schlagworte bei der Datenbank- oder freien Suche Sinn machen, haben keine Ahnung vom Zitieren, wissen nicht, dass und wie man gefundene Informationen auf ihre Brauchbarkeit überprüfen muss und vergessen, dass es mehr als eine irgendwie selbstgestrickte eigene Meinung für eine gute Argumentation braucht. Ohne dieses Grundwissen kann keine gute Arbeit geschrieben werden.
    Meine Erfahrung ist, dass Lernende, die zuerst im Klassenverband bei uns waren und von uns angeleitet wurden, zu einem anderen Zeitpunkt mit individuellen Fragen zu uns kommen und kurze Hilfestellungen oder ganze Sprechstunden in Anspruch nehmen.

    Auch Studierende kommen nicht an die Uni und haben automatisch diese Kernkompetenzen, sie wollen (mehrmals) gelernt sein. Dazu können Bibliotheken und Mediotheken auf unterschiedlichen Alters- und Ausbildungsstufen mMn einen Baustein liefern. Ich stimme zu, dass es sich immer um eine Kombination von “korrektem wissenschaftlichen Arbeiten” und dem Finden von guten Informationen handelt.

    Dass effizientes Recherchieren und gutes wissenschaftliches Arbeiten vor allem Übung, kontinuierliche Betreuung und Erfahrung braucht und nicht in einer einzelnen Einführung vermittelt werden kann, ist selbstverständlich.

  4. P. Martinsen says :

    Ein interessanter Artikel! Herzlichen Dank!

    Man kann es aber auch deutlicher sagen.
    Informationskompetenz war ein “Sau” die durch bibliothekarische Dorf getrieben wurde.
    Web 2.0 war dann die nächste Sau.
    Bibliothekarische Kernaufgaben wurden und werden darüber vernachlässigt.
    Diese Kernaufgaben schaffen zwar die Grundlagen für das Funktionieren einer jeden Bibliothek – aber sie sind nicht so sexy wie das gerade angesagte Modethema.

    Nun ich bin guten Mutes!
    Die Institution BIBLIOTHEK wird solche Kinkerlitzchen wie Infokompetenz, Web 2.0 und all die anderen sich allzu oft mit Anglizismen verbrämende Modeerscheinungen überstehen.

    Es wäre nur zu wünschen, dass die Entscheidungsträger vor lauter Social media nicht vergessen, dass für das Funktionieren einer Bibliothek eine
    gescheite Titelaufnahme auch nicht ganz unerheblich ist.

  5. Philipp Maass says :

    Hallo Herr Schuldt,

    ich sehe den Begriff IK primär auch als Marketinginstrument. Es ist mir gelungen, “Rechercheschulungen” im Curruculum unserer Studiengänge zu verankern. Auch auf die Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Ich verstehe schon dass Sie den Begriff und die Herangehensweise hinterfragen. Was ich nicht verstehe, ist dass Sie die Fähigkeit zur Recherche für eine gute Thesis in Abrede stellen. Ich denke es gehört zu einer soliden Ausbildung, gut Recherchieren zu können. Das sehe ich ja bei mir in der Praxis jeden Tag. Es sind in der Regel die Studierenden, die gut bis sehr gut recherchieren können, Datenbanken nutzen, sich interessieren, eine Strategie aufbauen die dann später sehr gute Leistungen erbringen. Ich glaube das liegt dann insgesamt an einer professionellen Herangehensweise.

    Wenn Sie behaupten

    “In einer solchen Kultur reicht es vollkommen aus, wenn Forschende in der Lage sind – und das sind sie intellektuell auch ohne Rechercheschulung – eine Suchmaschine, eine freie Datenbank und einen Bibliothekskatalog zu bedienen”

    kann ich dem, mal abgesehen von der Kultur-These (bin kein Wissenschaftler) nicht zustimmen. Die Bedienung von Bibliothekskatalogen ist für einen User komplex, ebenso die von Datenbanken. Jemand der nicht im Umgang geschult ist (Es sei denn er ist autodidaktisch sehr gut veranlagt) hat imho keine Chance. Gerade in Fächern, in den weniger IT-Affine Studierende die Kunden sind oder in berufsbegleitenden Masterstudiengängen, in den sehr viele Ältere studieren.

    Die Behauptung, dass

    “Sicherlich gibt es einige sehr sehr gute Arbeiten, die auch sehr gut und kritisch mit Informationen umgehen. Aber für eine sehr gute Arbeit (also eine 6 in der Schweiz beziehungsweise eine 1,0 in Deutschland) ist das nicht notwendig. Die wird oft auch mit Hilfe von Quellen erreicht, die eher zufällig gefunden wurden. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Arbeiten, die ich gelesen habe.”

    kann ich auch nicht nachvollziehen. Woher weiss man, ob etwas zufällig gefunden wurde anhand des Lesens??? Wer sagt, dass eine 1,0 immer eine sehr gute Arbeit ist???

    Mir scheint ihr Beitrag etwas Praxisfern, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Sicher ist es notwendig, Begriffe zu hinterfragen und ggf. wiss. zu untermauern. Ich sehe aber jeden Tag was meine Schulungen und intensive Gespräche mit Studierenden bewirken. Vor allem, da Schulungen vor meinem Antritt als Leiter einer kleinen Hochschulbibliothek einer priv. HS NICHT durchgeführt werden.

  6. lesewolke says :

    Ich meine nicht, dass es genügt, Bestand aufzubauen und zu hoffen, dass die Leute es schon finden werden. Vor allem seit vieles nicht mehr sichtbar im Regal steht. Die elektronischen Ressourcen brauchen eine Art Vermittlung. Das mag uns selbst für das Bibliothekswesen jetzt nicht so vorkommen, aber wenn ich an die technischen Studiengänge oder Architektur/Bauwesen denke, werden auch konkrete Informationen, Daten, Tabellen, Projekte, technische Regeln, Rechtskommentare usw. gesucht, wozu es oft nur kommerzielle Informationen gibt. Oder man hat einen Hinweis in einer Quelle oder Google gefunden und sucht nun den Text/Buch/Zeitschriftenartikel.

    Jedenfalls im Uni-Bereich dienen solche Kurse nun nicht zur Erziehung zu einer bestimmten Arbeitsweise, sondern dem Vorstellen von Möglichkeiten, aus denen sich die TeilnehmerInnen für sich etwas auswählen können und dafür sensibilisiert werden, dass es weitere Varianten gibt. Und sie wissen dann eben, wo sie in solchen Fällen fragen können.

    Die Ungewissheit, was wirklich von den vorgestellten Möglichkeiten in der Praxis verwendet wird, hat man meiner Meinung nach bei jeder Form von Bildungsveranstaltung. Wie groß ist eigentlich der Anteil der Dinge, die wir regelmäßig nutzen, in Bezug zu der Menge, die man mal in der Schule/Ausbildung/Studium/Weiterbildungen lernen durfte/musste? Das bedeutet doch trotzdem nicht, man hätte es sich komplett sparen können.

    Übrigens habe ich mich auch gefragt, woran man beim Lesen einer wissenschaftlichen Arbeit erkennt, ob derjenige schon mal etwas über das Recherchieren gelernt oder wie “klug” er gesucht hat? Kenntnisse auf dem Gebiet könnten auch durch den Austausch mit anderen, die vielleicht so einen Kurs besucht haben, erworben sein. Studierende helfen sich durchaus gegenseitig, wie man häufig in der Bibliothek beobachten kann. Klar, einige Leute haben sehr gute autodidaktische Fähigkeiten, wie schon beschrieben, und brauchen tatsächlich keine Kurse.

    Zumindest in einem Punkt stimme ich zu. Der Besuch von Bibliothekskursen ist natürlich keine Garantie für gute wissenschaftliche Texte, sondern nur ein Baustein. Es genügt nicht, gut recherchieren zu können und formale Kriterien (Literaturverwaltung, Zitieren usw.) zu beherrschen. Es werden auch gute Ideen zum Thema, analytische Fähigkeiten und Talent zum verständlichen Formulieren benötigt, damit die Lektüre gute Zensuren und/oder Erkenntnisse für den Leser bringt.

    Letztendlich sind “Informationskompetenz”-Schulungen (oder wie man sie auch nennen mag) auch Werbung. Das ist wichtig! Man muss als Einrichtung heutzutage sichtbar sein. In Kursen kann man die erworbenen Produkte/Lizenzen vorstellen und zeigen, was man damit tun kann. Schließlich will man weiterhin Gelder für neue Medien. Und genau dafür sollten die Medien und die Dienstleistungen der Einrichtung an der Universität bekannt sein und genutzt werden. Wenn Lizenzen verlängert werden sollen, müssen oft Nutzungsstatistiken als Begründung herhalten.

    “Literacy” wird übrigens auch in anderem Zusammenhängen mit “-kompetenz” übersetzt (siehe http://www.dict.cc/?s=literacy). Da verstehe ich die Aufregung nicht. Ich habe den Eindruck, dass hier vor allem Theoretiker mit Unbehagen kämpfen. Es ist ja oft bei Begriffen so, mit denen man ständig konfrontiert wird. Mancher ist vielleicht genervt, wenn in den Medien schon wieder von Brangelina oder Facebook die Rede ist. In der Praxis hört man seltener hochtrabende Begriffe. Man sagt eher “wenn mich jemand sucht, ich mache jetzt einen Kurs” und nicht “…, ich gehe Informationskompetenz vermitteln.”. ;-)

    • Karsten Schuldt says :

      Es geht ehrlich gesagt bei der Frage, was Kompetenz ist und was nicht, nicht nur um eine rein theoretische Frage. Kompetenz wurde als Begriff eingeführt in der Pädagogik, weil anderen Begriffe zu wenig erfassten; nämlich gerade nicht die eigenverantwortliche Anwendung und reflexive Nutzung der Fähigkeiten. Es geht sehr klar darum, dass es eine weitere Ebene von Wissen gibt, die nicht einfach vermittelt werden kann. Wenn man jetzt zu allem Kompetenz sagt, ignoriert man genau diese Ebene. Das ist im Bibliothekswesen meiner Meinung nach passiert. Oder anders: Dadurch, dass die Sprache verflacht wurde, sind Möglichkeiten für die Lernenden eingeebnet worden. Ist das reine Theorie? Ich denke eher, es ist schon ein relevantes Problem.
      Zudem: Mag ja sein, dass der Begriff als Marketingbegriff benutzt wird, aber mir ist nicht klar, was daran gut sein soll und warum das so offen positiv behandelt wird. Warum der ganze Trouble mit den Standards etc., wenn es reine Werbung ist? Warum einen spezifisch besetzten Begriff nutzen und so tun, als wäre er ernst gemeint? Mir persönlich macht auch das Unbehagen. (Und ich denke nicht nur mir.) Entweder Bibliotheken meinen es ernst mit den Standards, den Studien etc. oder sie machen Werbung. Aber diese Vermischung trägt meiner Meinung nach schon mit zum eher mittelmässigen Bild der Bibliothek bei.

    • Karsten Schuldt says :

      Zum Thema Übersetzung: Es geht nicht um die Wort zu Wort Übersetzung, sondern um das Phänomen, dass bei der kulturellen Translation des eher US-amerikanischen Konzeptes information literacy zur deutschsprachigen Informationskompetenz eine ganz Reihe von Inhalten auf der Strecke blieben, die zum Teil “wiederentdeckt” werden. Sehr früh wurden Entscheidungen getroffen, sicherlich aus berechtigten Gründen, zum Beispiel das wissenschaftliche Arbeiten aus dem Themenbereich Informationskompetenz auszuklammern oder zuerst einen Alleingang der Bibliotheken ohne Zusammenarbeit mit Didaktikerinnen und Didaktikern zu unternehmen, die im Nachhinein selbstverständlich Konsequenzen haben. Das ist nicht schlimm, bei jeder “Übersetzung” solcher Konzepte werden Anpassungen vorgenommen. Erstaunlich ist für mich nur, dass es kaum thematisiert wird.

  7. Matthias Harbeck says :

    Interessante Diskussion, die einen mal über die Inhalte und Ziele seiner Schulungen sowie die Etikettierung bzw. Labellung des gesamten Bereichs nachdenken lässt – vielerorts sind es nämlich wohl tatsächlich eher Schulungen als Informationskompetenzvermittlung im eigentlichen, größeren Sinne.
    Was mich aber an Ihren Ausführungen massiv stört, ist die anekdotische Evidenz mit der Sie gegen eine vermeintlich nicht vorhandene Empirie anargumentieren. Wie kann man die Substanz eines Arguments anzweifeln, wenn man sich auf das eigene Gefühl und Hörensagen verlässt? Methodisch unsauber, vielleicht dem Meinungsmedium Blog geschuldet, da bin ich nicht so firm, vielleicht ist das üblich. Finde ich aber unbefriedigend. Tut mir leid!

    • Karsten Schuldt says :

      Werter Herr Harbeck,
      Unbehagen äussert sich leise und anekdotisch. Zumal, wenn man nur eine kurze Meinung sagen will (wie ich in diesem Text) und deshalb keine Personennamen von Kolleginnen und Kollegen benennen möchte. (Ich habe auch schon weit andere Texte geschrieben, die sich auf weit mehr Empirie stützten.) Das ist die Textsorte, die Sie in Blogs finden. Nicht gleich wissenschaftliche Artikel, sondern Meinungen.

      • Iris Schläpfer says :

        Liebe Mitschreibende
        Die Diskussion wird immer abstrakter und hilft mir in meiner Urteilsbildung überhaupt nicht weiter…
        Was ist denn schlecht an einer Schulung. Wir arbeiten ja die meisten im weitesten Sinne im Bildungsbereich. Kompetenzen eignet man sich ja ohnehin in der Lebensschule an und nicht in Lektionen, Vorlesungen, Kursen. So wie Konstanze Weltersbach geschrieben hat, dass sich der Erwerb von Infokompetenz über die ganze Schullaufbahn erstreckt. Kompetenzen setzen sich aus vielen kleinen Bausteinen zusammen. Auch meine Infokompetenz ist nicht vollständig, kann es nie sein. Ich lerne jeden Tag dazu auch von meinen Schülerinnen und Schülern.

    • Bibliothekar says :

      Gibt es außer den ebenfalls anekdotischen “success stories”, die hier von einigen Kollegen geäußert werden, fundierte Belege für die Sinnhaftigkeit der IK-Bewegung? Ich erkenne ebenfalls nur sich wiederholende Postulate.

  8. gerald Schleiwies says :

    Lieber Karsten Schlund,

    auf dem letzten Bibliothekskongress durfte ich den Workshop zum Thema Medienpädagogik miterleben. In einer Gruppe sollte man Lehrer sein und wurde quasi mit den Lernangeboten der zumeist öffentlichen Bibliothek konfrontiert.

    Mit der gespielten Sicht von aussen war und ist es jedoch möglich sich die Angebote von Bibliothek für Schule noch einmal zu betrachten. Das meiste läuft unter der großen Glocke “Informationskompetenz”, doch sieht diese in ÖBs vielleicht wirklich anders aus.

    In vielen Bibliotheken werden die Schulen von der 1. Klasse an begleitet, viele waren schon im Kindergarten da. Je nach Alterstufe werden Themenfelder abgearbeitet und in der Tat beginnen wir häufig bei den kleinsten mit dem Angebot was räumlich wirklich vorhanden ist. Diese Welt ist für die ersten “Schulungen” groß genug. Lesen kann noch als Abenteuer vermittelt werden.

    In meiner Stadt gibt es beinah kein Kind ohne Bibliotheksausweis. Wir wissen jedoch, das nach ca. 4 Jahren das Verhältnis “Neuanmeldungen” zu “aktiven Karten” durch ist. Dabei könnten die Kinder in der Regel 12 Jahre lang diese Karte kostenlos nutzen und viele Schüler kommen öfter im Rahmen von Kooperationsverträgen zu uns und wir in die Schulen.

    In den ersten Jahren wird den Kindern also das Angebot aufgezeigt, wie sie etwas finden können und wo was steht. Mangels anderer Begrifflichkeit stopfen wir das bereits in die Gattung “Informationskompetenz”. Sie wissen, was es gibt – eine Nutzungspflicht entsteht daraus nicht, die Bindung muss immer wieder erneuert werden.

    Die ÖBs hangeln sich häufig am entsprechenden Lehrplan entlang, der die Medienkomptenzentwicklung kennt. Sicher sind die Streuverluste auch hier hoch, man denke nur an die “Zeitung in Schule” Projekte. “Google als Unterrichtsfach” forderte Roberto Simanowski im “Der Freitag” am 29.10.2012 (http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/google-ganz-verstehen).

    Verwechseln Bibliotheken Medienkompetenz gar mit Informationskompetenz?

    Spätestens bei den Facharbeitstrainings verlässt die ÖB ihr Terrain. Und natürlich frage ich mich so manches Mal, ob der ein oder andere Lehrer nicht eher die Schulung bräuchte. Zitieren und ansatzweise wissenschaftliches Arbeiten erkläre ich gerne mit http://www.wissenschaftliches-arbeiten.org/ – die Schüler freuts und der Lehrer, der ja auch mal studiert haben muss, staunt.

    Natürlich findet bei uns kein Frontalunterricht mehr statt. Nach kurzen Einführungen müssen die Gruppen sich die Themen selbst erarbeiten und später ihren Mitschülern vorstellen. Natürlich bekommen die Jugendlichen entsprechende Tipps – aber das erarbeiten und verwerten von Informationen müssen sie selbst erledigen. Spätestens hier würde ich von Informationskompetenzvermittlung sprechen. Die Bibliothek profitiert hier weder von Ausleihzahlen oder von erhöhter Fernleihe, aber wer sollte es denn sonst machen. Meine Erfahrungen in verschiedensten deutschen Bundesländern zeigen, das die Schule hier oft ein Defizit hinterlässt. Aus diesem Grund verabschiedete der vdb auch die Hamburger Erklärung (http://www.vdb-online.org/publikationen/einzeldokumente/2009-11-09_informationskompetenz-hamburger-erklaerung.pdf) wo die Hochschulen die Gymnasiasten als Aufgabe abholen sollen.

    Natürlich fehlt spätestens hier eine Evaluation, für eine Erfolgsmessung. Doch das wird aufgrund der auseinanderstrebenden Zielgruppe nicht einfach. Oder erhebt eine WB in ihren Schulungen ob man an einer ÖB bereits Startkenntnisse erhalten hat? Gähnt gar ein Erstsemestling gelangweilt, wenn die BASE oder eine ViFa als Informationsquelle angezeigt wird?
    Habe ich nun die Erwachsenen vergessen? Nein, die E-Books eröffnen hier gerade wieder neue Felder für ÖBs. Schulungen, Kurse und Informationsveranstaltungen rund ums Thema. Wer soll es ihnen sonst zeigen? Die Buchhändler? Die Hilfe erfolgt an der Infotheke oder im verabredeten Gespräch.

    Im Fazit gebe ich Dir recht, was sich alles unter dem Deckel “informationskompetenz” findet gehört da nicht hin; weder als inhaltliche Definition noch als Thema. Aber wir haben noch nichts anderes. Die Bibliothekspädagogik befindet sich noch im Geburtsstatus, die Medienpädagogik rauscht in der Tat mit ihren vielen In-Themen inhaltlich an Bibliothek vorbei (Erfahrung aus einem monatlichen Stammtisch mit einem Medienpädagogen) und zu guter Letzt bekommen auch die heutigen Studenten im Bibliothekswesen dieses Vermittlungsgeschäft nur rudimentär in der Theorie beigebracht – wir sind ja auch keine Erzieher.

    Informationskompetenz ist für mich keine durchs Dorf getriebene Sau. Sie ist eher ein Eintopf mit manch falscher Zutat.

    Als einer der wenigen privaten e-Abonnenten von Libess (Library Essentials) gibt es ansatzweise eine Richtung, wo Informationskompetenz verortet wird. Es wäre übertriebener Ehrgeiz den Schülern und Studenten und Erwachsenen alles das beibringen zu wollen was wir können sollten und Sie an uns zu messen. Für die speziellen Dinge braucht es Profis. Nicht jeder Bibliothekar ist per Urkunde ein Informationsprofi auch weil die Anforderungen je nach Arbeitsgebiet stark schwanken.

    IK ist für mich keine Mode wie Web 2.0 oder Social Media, sie ist ein volkswirtschaftlicher Anspruch der sich schlecht betriebswirtschaftlich belegen lässt. Es ist unsere Aufgabe, nur sind wir selbst nicht immer gut dafür ausgerüstet.

    (Und nun dürft Ihr mich für meine Ausschweifungen aus der Praxis steinigen ;-))

  9. U. Meyer says :

    Ich teile die Meinung des Autors, dass es einer stärkeren (und unvoreingenommenen) wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Informationskompetenz und der Umsetzung ihrer “Vermittlung” durch Bibliotheken bedarf. (Und ja, auch ich finde das Konstrukt “Vermittlung von …kompetenz” missverständlich, da Kompetenzen nach meinem Verständnis nicht vermittelt, sondern nur aktiv erlangt werden können).

    Viel mehr Unbehagen bereitet mir persönlich aber das vom Autor gezeichnete Bild von Wissenschaft (“Besser recherchieren zu können oder gar kritischer ist eine nicht notwendige Fähigkeit für das Bestehen des Studium. [sic] [...] Es ist meiner Meinung nach nicht notwendig, gut mit Informationen umzugehen, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen”), welches er als hinzunehmende Realität darstellt. Von einer solchen Wissenschaft erwartet er dann noch ernsthaft eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Thema? Dann können wir auch gleich beim gegenwärtigen, anekdotenbasierten Stand der Diskussion bleiben.

    • Karsten Schuldt says :

      Werte/r Herr/Frau Meyer,

      hier unterstellen Sie mir allerdings etwas, was ich entschieden zurückweisen muss. Niemals habe ich gesagt, dass die Wissenschaft so wie sie ist gut wäre. Vielmehr verweise ich auch in diesem Text darauf, dass zumindest die Qualität der wissenschaftlichen Texte abzunehmen scheint. (Und mit dieser Einschätzung bin ich nun wahrlich nicht alleine.) Niemals habe ich gesagt, dass dies hinzunehmen sei.
      Wohl aber wird damit ein ganz neues Fass aufgemacht, nämlich die Frage, was überhaupt gute wissenschaftliche Texte seien. Ganz kurz gesagt müssen diese Texte selbstverständlich Quellen ordentlich nachweisen und überprüfbare Aussagen machen; aber nicht nur. Gute Wissenschaft lässt sich nicht auf Recherche etc. reduzieren.
      Meine Aussage im Text ist allerdings, dass diejenigen, die erfolgreich in der Wissenschaft arbeiten nicht per se informationskompetent sind. Wieder einfach gesagt, weil dies ein anderes Thema ist: Die Qualitätssicherungssysteme der Wissenschaft verlangen das auch gar nicht. Die überprüfen etwas anderes, als das, was Bibliotheken vermitteln. Ist das gut? Ist das schlecht? Darüber kann gerne diskutiert werden.
      Aber von mir weisen muss ich schon die Behauptung, ich würde die aktuelle Wissenschaftskommunikation so wie sie ist hinnehmen wollen.

  10. Markus Linten says :

    Lieber Herr Schuldt,

    gut, dass Sie Ihr Unbehagen in Zusammenhang mit Informationskompetenz ‚anekdotisch‘ äußern und zu Papier bzw. als blog bringen.
    Vorab: in der Tat kann Kompetenz nicht vermittelt, sondern bestenfalls gefördert werden. Über den Kompetenzbegriff gibt es u.a. im berufs- und wirtschaftspädagogischen Diskurs etliche Abhandlungen.
    Die persönliche Disposition selbstorganisierten, reflexiven und kritischen Handelns ist Voraussetzung für die Nutzung des Mediums Internet, Medien- und Informationskompetenz muss von Menschen aller Altersgruppen und Bildungsschichten erworben und entwickelt werden (manche glauben jedoch, diese sei in der digitalen Technologie selbst angelegt …)
    An einigen Stellen gebe ich Ihnen Recht; so z.B. wenn Sie fragen, ob die Durchführung ‚strukturierter Rechercheschulungen in Bibliotheken‘ mit der Förderung von IK gleichzusetzen und ob dies nicht etwas zu hoch gegriffen sei. Das ist sicherlich (besonders im ÖB-Sektor) zutreffend, allerdings müssen wir – leider – aus Marketinggründen auf diese vordergründig starken (semantisch) schwer zu fassenden Wörter zurückgreifen, wenn wir überhaupt über unseren Tellerrand hinaus gehört werden wollen. Auch wäre es genauer, von Recherchekompetenz zu sprechen und nicht von IK, aber damit können viele Leute vielleicht noch weniger anfangen.
    An einem Punkt möchte ich jedoch als ‚Förderer von Informationskompetenz‘ für angehende Pädagogen widersprechen: eine wesentliche Grundlage guter wissenschaftlicher Arbeit ist der Zugang zu aktuellen und qualitätsgeprüften Fachinformationen in Datenbanken/virtuellen Fachbibliotheken mit intellektueller inhaltlicher Erschließung. Ein Großteil dieser Inhalte ist angesichts des rasanten Wachstums des Webs (und eben auch des Invisible Webs) mit Suchmaschinen nur bedingt und mit großem Aufwand recherchierbar. Hier hilft auch der Seredipity-Effekt nicht weiter: zufällig wertvolle Infos finden, die ursprünglich gar nicht Gegenstand der Suche waren. Das hierfür notwendige methodische Vorgehen z.B. in Form des bekannten Recherchefahrplans, der auch die Informationsverarbeitung im Sinne von literacy berücksichtigt, ist Voraussetzung für eine Erfolg versprechende Recherche und damit auch ein Grundstein für gute wissenschaftliche Arbeit. Dass Dozenten und Forscher in diesem Zusammenhang kein übermäßig abweichendes Informationsverhalten an den Tag legen – auch Wissenschaftler nutzen Google als primäre FI-Quelle – ändert an der Notwendigkeit von Schulungen zur Förderung von IK als Teil von Medienkompetenz wenig. Das Feedback aus sehr vielen Schulungen, die den Nutzen und die Adressatenorientierung in den Vordergrund stellen, kann ich die Notwendigkeit dieser Schulungen nur unterstreichen.

    • Karsten Schuldt says :

      Werter Herr Linten,
      Ich habe den Eindruck, dass ich ein Argument nicht richtig dargestellt haben, da nicht nur Sie sondern auch andere es anders darstellen, als ich es gemeint habe.
      Ich bin der Meinung, wenn ich den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über die Schulter schaue (was ja auch in zahlreichen Arbeitsplatzstudien geschieht), dass diejenigen, die erfolgreich sind (also Karrieren machen, zitiert werden etc.) dass Erreichen, ohne besonders informationskompetent zu sein (zumindest oder zuvörderst in dem Verständnis, welches Bibliotheken offenbar von Informationskompetenz haben). Gegen diesen Eindruck hilft es wenig, die Informationskompetenz von der Seite her, die Sie – und wieder zahlreiche andere gewählt – haben, zu begründen und ständig darauf zu verweisen, dass die Informationen immer mehr würden, dass eigentlich ein ordentliches Recherchewissen notwendig wäre etc. Selbst die Forschenden, die sich darüber freuen, etwas mehr zu Recherche zu hören, nutzen dieses Wissen meiner Beobachtung nach in der Forschungspraxis nicht (oder nur wenige). Mir scheint das eher so zu sein, wie das Verhältnis von Wissen über gesundheitliche Vorbeugung und der gelebten Realität der Menschen: Wenn Sie als Arzt den Menschen sagen, sie sollten sich mehr bewegen und weniger fettes Essen konsumieren, weil das besser für ihre Gesundheit ist, bedanken sich auch viele Menschen bei Ihnen und nehmen sich vor, das umzusetzen. Die gelebte Realität ist dann anders. Und auch diese Menschen sterben nicht per se. Genauso bricht die wissenschaftliche Karriere nicht ab, wenn die Forschenden – trotz der vielen Daten – nicht informationskompetent handeln.
      Wenn man dann der Meinung ist, dass es trotzdem besser wäre, wenn sie es täten – und, das entnehme ich Ihrer und anderer geäusserter Meinungen, diese Meinung vertreten Sie ja – dann ist das die eine Seite. Die andere Seite aber ist die Frage, ob nicht vielleicht mit der “Informationskompetenz” Dinge gelehrt werden, dir für die wissenschaftliche Praxis in der Realität gar nicht so wichtig sind. Das würde ich vermuten (und trotzdem nichts gegen Rechercheschulungen haben). Aber in der Forschungspraxis ist eine Forschende, die sich das Selberdenken und Aufstellen steiler Thesen zutraut, welche Projektanträge schreibt, die zu Drittmitteln führen oder sich mit anderen Forschenden so vernetzt, dass Forschungsfragen neu angegangen werden können, oft besser, spannender und erfolgreicher, als der Forschende, der vor allem gut recherchiert.
      Das heisst nicht, dass ich nicht die bibliothekspraktische Seite sehe, die irgendwas sucht, was gut klingt. Aber ich denke auch, dass die Bibliotheken sich gerade durch diese Reduzierung (Informationskompetenz ist Rechercheschulung) sich interessant und für die Nutzerinnen und Nutzer sinnvolle Themengebiete vergeben, die sie bearbeiten könnten.

      • Markus Linten says :

        Ich nehme gerne die andere Seite ein, also die Perspektive der Forschenden. Wer in seiner ureigenen Disziplin forscht, hervorragend vernetzt und über Aktivitäten in seinem Bereich über viele Kanäle (Newsletter, Feeds, Konferenzen, persönlicher Austausch etc.) informiert ist, wird gute wissenschaftliche Arbeit leisten können – auch ohne in den einschlägigen Datenbanken recherchiert zu haben. Die Vorgaben in einer mir bekannten Forschungseinrichtung sind andere: die (Fach-) Literaturrecherche ist verbindliche Vorarbeit zu Beginn eines Forschungsprojekts, wobei die Notwendigkeit hier seitens der Forschenden postuliert wird. Betrifft ein Projekt dann so genannte Bezugswissenschaften bzw. Nachbardisziplinen, also teilweise fachliches Neuland, so kann der Verzicht auf FI-Recherchen durchaus als schlechte wissenschaftliche Praxis interpretiert werden. Der Forschende muss auch hier nicht unbedingt ‚informationskompetent‘ sein: die Recherche kann a priori delegiert oder – und diese Möglichkeit schätze ich wesentlich mehr als Schulungen zur Förderung von IK – die Recherchefachleute werden in die Forschungsarbeit viel stärker mit eingebunden (vgl. embedded librarian). Dann könnten wir in der Tat das Thema IK viel tiefer hängen …

  11. bhomann says :

    Hallo Herr Schuldt,

    Sie haben mit Ihrem BLOG eine Diskussion über den Wert bibliothekarischer IK-Schulungen ausgelöst. Das finde per se schon begrüßenswert, wenn ich auch Ihre skeptische Meinung nicht teile.

    Dazu ein paar Anmerkungen:

    Durch das Konzept der Informationskompetenz hat sich die Perspektive der Bibliotheken als Dienstleister in den letzten 10 Jahren gewandelt. Bibliotheksschulungen der neunziger Jahre waren geprägt von den bibliothekarischen Informationsangeboten. Vermittelt wurden teilweise akribisch Details über Rechercheoberflächen/-funktionen, die an den Bedürfnissen der Studierenden und Forschenden vorbeigingen und diese sogar abschreckten. Jetzt knüpfen – behaupte ich – die meisten Veranstaltungen an den Bedürfnissen/Problemen der Studierenden und Forschenden an. Ich fühle mich in dieser Sichtweise bestätigt, wenn Forscherteams auf eigenen Wunsch – weil sie von meinen Veranstaltungen bzw. dem Nutzen der von mir vermittelten Inhalte gehört haben – mit mir Workshops zur Recherche und zum Informationsmanagement durchführen.

    Es ist keineswegs so, dass Informationskompetenz von Bibliotheken nur als Recherchekompetenz verstanden wird. In meinem Modell DYMIK (http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/schulung/artikel-DYMIK.pdf) habe ich mich schon im Jahr 2000 für eine andere Sichtweise von Informationskompetenz ausgesprochen. Ich habe den Eindruck – und dieser stützt sich u.a. auf die HRK-Empfehlung im Jahr 2012 zur Informationskompetenz (http://www.hrk.de/themen/hochschulsystem/arbeitsfelder/informationskompetenz/) und schon früher durch das Positionspapier des BID zur Vorlage in der Bundestags-Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft ” im Jahr 2012 (http://www.bideutschland.de/download/file/Medien-%20und%20Informationskompetenz.pdf) -, dass sich diese Sichtweise bei den Bibliotheken und ihren Schulungsaktivitäten durchgesetzt hat.

    Etwas anders verhält es sich mit den Schwerpunkten bibliothekarischer Schulungsangebote. Hier dominieren immer noch Rechercheschulungen. Positiv zu sehen ist allerdings, dass sie meist aktivierend auf die Bedürfnisse der Teilnehmer ausgerichtet sind, also anknüpfen an deren Problemen/Fragestellungen. Hinzu kommt, dass erst sukzessiv neue Themen und Instrumente, die der Informationskomptenz zuzuordenen sind, aufgegriffen werden. Dazu zählen Literaturverwaltungsprogramme, die im deutschen Wissenschaftwesen lange Zeit sträflich vernachlässigt wurden und auch von den Bibliotheken sehr zögerlich in das Schulungsangebot aufgenommen wurden. Gerade diese Programme eigenen sich aber hervorragend zur didaktisch-methodischen Aufwertung von Schulungsangeboten, wie meine eigenen Erfahrungen zeigen. – Man kann über diese Programme mit Informationen “spielen lassen” und Methodenwissen anschaulich vermitteln. – Erfreulich ist, dass sich hier in den letzten Jahr ein umfasssender Positionswechsel vollzogen hat und fast alle Bibliotheken entsprechende Schulungen anbieten.

    Ich schließe nicht aus, dass auch noch “veraltete” Ansätze der objektorienierter Schulungen praktiziert werden. Aber hier sollten und müssen wir Geduld haben mit KollegenINnen, die nur diese Methoden kennen. Auch in den Schulen und Universitäten erfordert eine neue Lehr-/Lernkultur viel Zeit zur Realisierung, wie die Verwirklichung von reformpädagogischen Ansätzen des letzen Jahrhunderts in den heutigen Gemeinschaftsschulen zeigt. Eine wichtige Rolle spielen dabei die bibliothekarischen Ausbildungsstätten und die Fort- und Weiterbildungseinrichtungen.

    Ich sehe Ihren BLOG-Beitrag als eine Bestärkung meiner inzwischen schon sehr alten Forderung nach einer systematischen Forschung zur Informationskomptenz. Um die nachhaltige Relevanz von Fähigkeiten aus den Komplex von Informationkompetenz zu beurteilen bedarf es entsprechender Forschungen. Auch hier gibt es erste Aktivitäten, z.B. am “Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation” (ZPID) in Trier. Die Notwendigkeit pädagogischer und psychologischer Forschung zum Assessment und zur Evaluation von Veranstaltungskonzepten ist inzwischen unbestritten. Es mangelt aber an entsprechenden Infrastrukturen auch im bibliothekarischen Einrichtungen zur Realisierung solcher Projekte.

    Last but not least möcht ich betonen, dass die Vermittlung von Informationskompetenz nicht allein eine Aufgabe der Bibliotheken sein kann. Die Bibliotheken müssen hier kooperieren mit den Bildungseinrichtungen und sie müssen sich dabei stärker mit Fragestellungen und Themenstellungen der Lernenden und der Forschenden befassen.

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