Bibliothek der Holzbücher

Im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin findet zur Zeit unter anderem die Ausstellung Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald statt. Es sind in dieser Ausstellung kaum unerwartete Themen oder Exponate zu finden, vielmehr werden die Themen, die einem zum Wald einfallen, durchgearbeitet – insbesondere seine Entwicklung von der Naturromantik zum Symbol des Nationalismus, wo der Wald von tumben Toren bevölkert schien und gleichzeitig zum Mordplatz wurde. Aber auch der Umweltschutz, der Wald als Holz- und Rohstofflieferant, sowie als Ort harter Arbeit und künstlerischer Auseinandersetzung sind Thema. Eine eigene Abteilung ist dem Hirsch als Symbol von allem Möglichen gewidmet, was amüsant ist. (Leider hat das Museum hier die Chance verpasst, neben dem Hirsch als Symbol des Umweltschutzes, auch die Verwendung von Hirschen in antinationalen Protesten in Deutschland zu zeigen, obgleich jede größere Antifa in Deutschland mindestens ein Plakat mit umgefallenen Hirschen gemacht zu haben scheint. Die im DHM gezeigten Hirsche haben immer nur positiv gemeinte Bedeutungen, was so nun einmal nicht zutrifft.) Man kann sich die Ausstellung ruhig ansehen, muss es aber auch nicht.

ABER: Für Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Bibliothekswissenschaftlerinnen und Bibliothekswissenschaftler gibt es ein Ausstellungsstück, wegen dem sich der Besuch dennoch lohnt und angezeigt ist. Eine Holzbibliothek beziehungsweise Xylothek. Ich war verwundert, eine solche überhaupt zu sehen. Zumindest ich hatte bis anhin nichts von einer solchen gehört, nicht im Studium, nicht in der Praxis, nicht in der Literatur. In ihren ersten beiden Ausgaben berichtete damals (2008, 2009) die BRaIn über „besondere Bibliotheken“, aber auch dort fand sich nichts zu Xylotheken, obgleich das passend gewesen wäre.

Deshalb hier kurz: Was ist eine Xylothek? Eine Xylothek ist eine Bibliothek aus Holzbüchern über Bäume beziehungsweise mit Beispielen verschiedener Baumarten. Die Bibliothek, welche in Berlin ausgestellt wird, besteht von aussen aus Monographien, die ihrem Einband nach im 18. Jahrhundert verortet werden können. Beschriftet sind die Buchrücken mit den Namen verschiedener Baumarten, erschlossen sind sie durch Aufstellung, einfach alphabetisch. Da es sich um 140 Bücher handelt, ist das ausreichend. Schlägt man die Bücher allerdings auf, entpuppen sie sich als Holzkästen, in den jeweils innen, an beiden Deckeln Blätter, Nadeln, Zapfen, Äste und Holzbeispiele von Stämmen der jeweiligen Bäume angebracht sind.

Dabei handelt es sich nicht um eine Kunstaktion, wie man vermuten könnte, sondern um ein Nachschlagewerk und Arbeitsmittel für Waldarbeiter beziehungsweise Förster, welches in dieser Form offenbar im 18. Jahrhundert mehrfach angelegt wurden. Die Funktion ist relativ einfach erkennbar: Es ist quasi ein lebendes Bestimmungsbuch in 3D. Zudem ist eine Anzahl solcher Xylotheken auf uns hinterkommen. Obgleich sie selbstverständlich heute nicht mehr benötigt werden, sondern sich auch für die Forstarbeit elektronische Informationsmittel als praktischer erwiesen, sind sie denoch von Interesse. Zum einen berichten sie über den Zustand der damaligen Wälder sowie die Artenvielfalt. Zum anderen sind sie einfach schön anzuschauen.

Insoweit: Wer bis zum 04. März am DHM vorbeikommt, sollte einmal einen Blick darauf werfen. Wie gesagt: Ich habe leider von solchen Bibliotheken in der Ausbildung nie etwas gehört und vermute mal, andere auch nicht.

(Leider finden sich im Katalog zur Ausstellung keine weiteren Hinweise zu Xylotheken. Aber unter http://www.specula.at/adv/monat_9712.htm findet sich eine Liste mit anderen Xylotheken in Europa. Eine Forschungsarbeit, die einen breiteren Überblick zu Xylotheken, deren Verbreitung, Nutzung, Systematiken und heutigen Existenz existiert bislang noch nicht. Ein Leseinteresse daran sei hiermit angemerkt.)

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