Genf: Buchhändler des Vertrauens
Wenn man aus Berlin stammt, macht in der Schweiz alles, wirklich alles zu früh zu. Oder gar nicht auf. (Restaurationen haben zum Beispiel Sonntags oft gar nicht auf oder servieren erst ab halb acht Essen. [What?] Und nicht zu vergessen: Geschäfte machen Mittagspause, [How is that even possible?] Clubs in Zürich oder Lausanne machen am Wochenende um vier zu [Why?]… so was.)
Aber gleichzeitig ist es die Schweiz, nicht Berlin. Offenbar gibt es ein weites Vertrauen (letztes Jahr hab ich kurz über die Lesebänke in Chur und Arosa geschrieben, die auch auf diesem Grundvertrauen in die Ehrlichkeit und Selbstkontrolle der Menschen basiert). In Genf, wenn man unbedingt etwas zu lesen braucht, aber die Buchläden und Bibliotheken zu haben, kann man in den Durchgang neben einer Buchhandlung gehen und findet dies hier: Ein Regal mit mittelmässigen Second-Hand-Büchern mit (genferischen, also schweizerischen plus noch mal 30% oder so) Preisen auf der Innenseite und der Bitte, dass Geld in den Schlitz der Tür zu werfen. Sicher: Das findet sich auch anderswo, ein Bild aus West Virgina geht immer wieder einmal durchs Internet. Aber hier in der Schweiz irritiert das nicht einmal. Ist halt so.
Zitat: “Schulbibliotheken mit ihrer Censur”
Gerade darüber gestolpert: Ein Zitat, dass in gewisser Weise zur historischen Forschungsarbeit bezüglich Schulbibliotheken aufruft:
Die Volksbibliothek sollte nicht danach trachten, den Charakter einer gelehrten Bücherei anzunehmen; der Ausschuss sollte keine engherzige Censur üben. Wenn man aber Bücher, welche von Liebe handeln und welche politische, religiöse, sociale Fragen berühren, ausscheidet, wenn der Bibliothekar jeden Leser darauf hin prüft, ob ein Buch für ihn passt, kann er es leicht dahinbringen, dass das Volk die Volksbibliothek meidet.
Wohin es die deutschen Schulbibliotheken mit ihrer Censur gebracht haben, ersieht man aus dem hohen Procentsatz, welcher in den Volksbibliotheken auf Schüler entfällt. [Fussnote: In Oesterreich ist es den Volksbibliotheken verboten, Bücher an Schüler abzugeben. Ich halte diesen Erlass für illusorisch, da die Eltern doch nicht verhindert werden können, ihren Kindern Bücher nach eigenem Ermessen zu verschaffen.]
Der Vorstand der Schulbibliothek geht leider oft von dem pädagogisch falschem Princip aus, man dürfe die Bücher nur den braven Schülern gewissermassen als Belohnung geben; ferner gibt die Behörde dem betreffenden Bibliothekar (in Oesterreich) keine Remuneration und fordert keine statistischen Ausweise, endlich bieten diese Büchereien dem Schüler eine Auswahl von Büchern, welche so viele Censursiebe passiren mussten, dass selbst der brave Schüler wenig Lust verspürt, von seinem Privilegium Gebrauch zu machen.
Der junge Mensch hat aber nach der Schularbeit doch wahrlich auch das Recht, ein erquickendes Buch zu lesen. Wenn die Schulbibliothek diesem unabweislichen Bedürfniss der jungen Seelen nicht gerecht werden, müssen die jungen Leute sich wohl anderswo versorgen.
Freilich können wir das besagte Verlangen officiell unterdrücken, dann sucht und findet der junge Mensch aber seine Sättigung auf heimlichen Wegen, und manches dieser heimlich entlehnten und entwendeten Werke dürfte nicht gerade zu den besten Büchern gehören.
Wir können die berechtigte Lust wohl unterdrücken, dann erwachen aber Gelüste, Heimlichkeit und Verlogenheit – das sind die Früchte der Censur.”
(Reyer, Ed. / Entwicklung und Organisation der Volksbibliotheken. Leipzig : Wilhelm Engelmann, 1893, S. 23f.)
- Was genau ist den in den Schulbibliotheken, die Reyer offenbar als bekannt voraussetzt, an Censurpraxis gang und gäbe?
- Woher hat Reyer sein Kenntnis? Sind Schulbibliotheken 1893 in Deutschland und Österreich Allgemeingut, so dass all dies allgemein bekannt wäre? Eigentlich doch nicht.
- Stimmt die Aussage von Reyer über die Ausleihpraxis in den Schulbibliotheken?
- etc.
Ein Beispiel der NutzerInnenforschung aus der DDR (1975)
Es gibt die Vorstellung, dass die Hinwendung zu den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer in Bibliotheken ‒ die sich beispielsweise durch die zahllosen unterschiedlichen Umfragen unter ihnen oder auch des Heranziehens ihres (tatsächlichen oder vorgeblichen) Willens bei der Planung von bibliothekarischen Dienstleistungen zeigt ‒ etwas relativ Neues wäre. Bislang hätten die Bibliotheken eher aus sich heraus gelebt, in den letzten Jahren hätten sie sich den Nutzerinnen und Nutzern zugewandt. Zuvor hätte man kaum gewusst, was diese Nutzerinnen und Nutzer eigentlich tun. Deshalb auch gelten Umfragen als modernes Managementinstrument und das Einbeziehen von Jugendlichen bei dem Umgestaltung von Bibliotheken als Innovativ. Nur: Das stimmt so nicht.
Vielleicht kann man heute ‒ aber auch das sollte zuvorderst untersucht werden ‒ von einer neuen Qualität dieser Hinwendung zu den Nutzerinnen und Nutzern gesprochen werden; eventuell ist auch der Diskurs um Transparenz und Partizipation in Bibliotheken relevanter geworden, als er es zuvor war. Aber die Idee, man müsse, um eine Bibliothek sinnvoll zu steuern, wissen, wer die Nutzerinnen und Nutzer sind beziehungsweise was diese wollen, ist schon einige Jahrzehnte immer wieder gedacht und geäussert, zum Teil auch in konkreten Projekten umgesetzt worden.
Die Untersuchung 1970
Ein erstaunliches, weil doch schon älteres und quasi vergessenes Beispiel dafür liefert die Publikation Benutzungsanforderungen an Staatliche Allgemeinbibliotheken.1 Erstaunlich ist diese Untersuchung, weil sie in einem anderen gesellschaftlichen System durchgeführt wurde und dabei selbstverständlich eine andere Terminologie nutzte, auch Rekurs auf einige heute nicht mehr vertretende Ideologeme nimmt, aber so anders als heutige Untersuchungen dann doch nicht ist. Vielmehr: Die Untersuchung wäre, würde sie heute durchführt, immer noch eine erstaunlich umfassende.
Das die Untersuchung durchführende Zentralinstitut für Bibliothekswesen hatte die Aufgabe, in der DDR die Planung des Bibliothekswesens zu ermöglichen, Forschungen im Bereich Bibliotheken durchzuführen und in gewisser Weise das, was heute wohl als Marketing- und Beratungsdienstleistung beschrieben wird, durchzuführen.2 Die in der hier besprochenen Publikation dargestellte Untersuchung war eine dieser Forschungsleistungen.
Aufgabe war, die Anforderungen an die Staatlichen Allgemeinbibliotheken ‒ welche die Aufgaben von Öffentlichen Bibliotheken im Rahmen des staatlich geplanten Bibliothekswesens übernahmen3 ‒ durch die Nutzerinnen und Nutzer zu erfassen und daraus Schritte zur Gestaltung der Bibliotheksarbeit abzuleiten. Diese Schritte waren, ebenso wie die Bibliotheken, immer eingelassen in die Aufgaben, welche den Bibliotheken zugeschrieben wurde. Gleichzeitig ‒ aber dies ist nicht DDR-spezifisch ‒ wurden die Bibliotheken eine grössere Fähigkeit und Aufgabe bei der Lenkung der Leseinteressen von Nutzerinnen und Nutzern als heute zugeschrieben.4 Nicht zuletzt agierten Bibliotheken in der DDR innerhalb einer Zensur- und Verknappungspraxis im Bezug auf Literatur.5 Von einem freien Zugang zu allen Medien konnte gar nicht erst ausgegangen werden.
Trotzdem: Grundsätzlich wurde davon ausgegangen, dass die Anforderungen der Nutzenden und die der Gesellschaft sich überschneiden:
“Die gesellschaftlichen Anforderungen drücken sich als Benutzungsanforderungen, als Bedarf an Bibliotheksbenutzung aus, der von konkreten Personen an die Bibliotheken herangetragen wird.
Die Benutzungsanforderungen an StAB [Staatliche Allgemeinbibliotheken, KS] stellen also eine Konkretisierung und in der Mehrzahl der Fälle auch eine Individualisierung der objektiven gesellschaftlichen Anforderungen dar.” (Waligora & Proll 1975, 7)
Die Definition der “Benutzungsanforderungen” ist relativ umfassend.
”In diesen Ausführungen wird von ‘Benutzungsanforderungen’ gesprochen. Wir verstehen darunter von Benutzern geäußerte Anforderungen, die sich auf die Literatur und ihre Inhalte (Bestand und dessen Zugriffsmöglichkeiten) richten, desgleichen auf Breite und Vielfalt des Angebotes an Dienstleistungen (einschl. der Beschaffung von Literatur aus anderen Bibliothekseinrichtungen); auf gute Erreichbarkeit (ausgebautes Netz und ausreichende Öffnungszeiten); auf Aufenthaltsmöglichkeiten (gut ausgestattete Räume einschl. der Möglichkeiten von Gruppenarbeit und Teilnahme an Veranstaltungen).
Benutzung muß daher in doppeltem Sinne verstanden werden:
- als Aktivität der Bibliotheken, die Benutzung ermöglichen und anbieten;
- als Aktivität der Benutzer, die die Bibliotheken und deren Leistungen benötigen. Die Benutzung von Bibliotheken setzt auf der Grundlage der dargelegten objektiven Anforderungen jeweils die freie Entscheidung der Persönlichkeit voraus.” (Waligora & Proll 1975, 7)
Eine Grundidee der Arbeit war, dass es “objektive” Gründe für die Nutzung von Literatur beziehungsweise das Interesse an ihr gebe. Diese objektiven Gründe ergaben sich aus der gesellschaftlichen Stellung der jeweiligen Personen. Sicherlich ist der Begriff “objektiv” heute schwierig, wurde damals aber in Übereinstimmung mit dem historischen Materialismus gebildet, der ja von einer direkten Verbindung von gesellschaftlicher Stellung und (notwendiger) Ideologie ausging.
“Ausdrücklich muß betont werden, daß die Untersuchung n i c h t einen Leistungsnachweis anstrebte. Das Angebot der Bibliotheken und die Anforderungen seitens der Bevölkerung werden sich in Wechselwirkung miteinander verändern, und somit werden sich auch einige Proportionen in den Benutzungsergebnissen verändern. Mit wachsendem Angebot werden die Leistungen steigen.
Es geht in dieser Untersuchung um die Beziehungen zwischen Literatur/Benutzung und Literatur/Benutzer sowie Bibliothek/Benutzer. Es handelt sich um eine komplizierte Frage, die nicht durch eine einzige empirische Untersuchung beantwortet werden kann. Er kommt darauf an, jedes Literaturwerk im Lichte seiner spezifischen Benutzung zu sehen und darauf auch effektivere Vermittlungs- und Erschließungsmethoden zu gründen. Mit dieser Forschungsrichtung befinden wir uns in Übereinstimmung mit sowjetischen Fachkollegen, die an einer sozial-psychologisch bestimmten Klassifizierung der Leser arbeiten.” (Waligora & Proll 1975, 7)
Im Rahmen der Untersuchung wurden nun angestrebt, alle ‒ wirklich alle ‒ Benutzungsfälle in einer Anzahl von Staatlichen Allgemeinbibliotheken zu erfassen. Dies war kein kleines Forschungsprogramm, dass letztlich 1970 ‒ nach einem Testdurchgang in Rathenow 1969 ‒ innerhalb einer April-Woche in Altenburg, Bautzen, Güstrow, Köthen, Malchin, Mühlhausen, Staßfurt, Zittau und Zossen durchgeführt wurde:
“Um Art und gesellschaftliche Herkunft der Anforderungen an Literatur zu ermitteln, wurde bei jedem Entleihungsfall nach dem ‘Benutzungszweck’ gefragt. [...]
Der Ordnung der entliehenen Literatur wurde die in den StAB verbindliche Gliederung der Literatur, die Gruppenbildung der ‘Systematik für allgemeinbildende Bibliotheken’ (SAB) zugrundegelegt. Auch für die Erfassung a l l e r Tätigkeiten, die die Benutzer bei ihrem Besuch in der Bibliothek ausübten, wurden entspechende Vorgaben erarbeitet. [...]
Um die Verhaltensweise der Benutzergruppen besser kennenzulernen, fragten wir nach einigen Benutzungsgewohnheiten und -bedingungen. (Entfernung von der Bibliothek, Häufigkeit des Bibliotheksbesuches; Benutzung weiterer Bibliotheken; Benutzung des Fernleihverkehrs).” (Waligora & Proll 1975, 11)
Ergebnisse der Untersuchung
Die empirische Darstellung der Ergebnisse der einen Untersuchungswoche erfolgt ohne Vergleich (die Bibliotheken wurden zusammengezählt, eine Differenzierung fand nicht statt; ebenso wurde nicht mit der Gesmtbevölkerung der DDR verglichen). Insoweit ist gerade heute deren Aussagekraft gering.6 Tendenziell nutzten auch in der DDR Schülerinnen und Schüler die Bibliotheken mehr als andere Gruppen. So gibt eine Übersicht an, dass von den Nutzerinnen und Nutzern 32,1% “Beruftätige” waren (“Arbeiter und Angestellte” 25,6%, “Genossenschaftsbauern” 0,4%, “Angehörige der Intelligenz” 4,3%, “Handwerker oder Gewerbetreibende” 0,5%, “Sonstige” 1,3%), “In Ausbildung Stehende: 49,3%” (“Studenten” 9,5%, “Lehrlinge” 7,9%, “Schüler 31,9%) und “Nicht Berufstätige: 18,6% (“Hausfrauen” 2,6%, “Rentner, 16,0% (Waligora & Proll 1975, 20f.) Ebenso ist ein “Leseknick” (also ein rabiater Einbruch der Nutzungszahlen in einem bestimmten Alter) festzustellen, allerdings erst nach 25 Jahren (15-18 Jahre: 25,3%, 18-25 Jahre: 20,5%, 25-35 Jahre: 12,0%)
Grundsätzlich spricht die Untersuchung den Bibliotheken eine hohe Leistungsfähigkeit zu:
“- Die StAB erfüllen ihre Aufgabe, sich an alle Bevölkerungsschichten zu wenden. Wenn die jugendlichen Jahrgänge (s. Altersstruktur) zahlenmäßig einen so großen Raum einnehmen, so wird damit eine wichtige Aufgabe unterstrichen. Es handelt sich um die Arbeiterklasse von morgen. Gegenwärtig wird die Arbeit der Bibliotheken durch diese Benutzer sehr geprägt. Neueste repräsentative Zählungen bestätigen die in dieser Untersuchung in Erscheinung getretenen Ergebnisse.
- Die Altersstruktur der Benutzerschaft zeigt bei dem 25. Lebensjahr noch immer die bekannte Zäsur, hier tritt das Absinken auf. Erst bei zunehmendem Alter beginnen die Anteile wieder zu steigen. [...]
- Die Zahlenergebnisse nach den Gesichtspunkten der Schulbildung, Fachausbildung und der nebenberuflichen Qualifizierung zeigen, daß die StAB es mit steigenden Ansprüchen zu tun haben, die an alle Mitarbeiter im Bibliothekswesen höhere Ansprüche stellt.” (Waligora & Proll 1975, 26)
Auch die weiteren Zahlen bestätigen grundlegend bekanntes Wissen, beispielsweise, dass mit der Entfernung zur Bibliothek die Nutzung der gleichen sinkt (Höchststand bei 5-15 Minuten Entfernung) oder das die Mehrzahl der Nutzerinnen und Nutzer die Bibliothek normalerweise einmal im Monat nutzt. Interessant ist vielleicht noch, dass nach der Sachgruppe “Philosophie, Religion” (mit 1,9% der Ausleihen) die Sachgruppe “Marxismus-Leninsmus” mit 2,0% der Ausleihe die am zweitseltesten ausgeliehene Nutzungsgruppe bei der Sachliteratur bildete (gefolgt von “Mathematik, Kybernetik” und “Hauswirtschaft” mit jeweils 2,1%). Dies wird berichtet, aber – obgleich dies vielleicht zu erwarten gewesen wäre – nicht weiter kommentiert. “Gewonnen” hatten “Naturwissenschaften” mit 10,4%, “Erd-, Länder- und Völkerkunde, Reisebeschreibungen” mit 12,4% und “Technik” mit 20,5%. Auch in der DDR wurde hauptsächlich Belletristik entliehen (mit 61,8%).
Hervor sticht in der Untersuchung, dass zur Auswertung der Daten eine Methode eingesetzt wurde, die denen der heute gerne empfohlenen “Personas” ähnelt (auch wenn den Personen keine Namen gegebenen wurden). Es wurden insgesamt dreizehn Nutzungsprofile erstellt, denen unterschiedliche Literaturinteressen zugeschrieben und deren Profile dann in der Gesamtnutzerinnenschaft der Bibliotheken verortet wurden (Waligora & Proll 1975, 48-58):
-
“Einfach lesen” (32,1%)
-
“Interesse am Thema” (18,9%)
-
“Interesse am Autor” (11,6%)
-
“Sachinteresse” (9,0%)
-
“Hobby” (7,4%)
-
“Schule” (5,1%)
-
“Interesse an der Literatur des Landes” (3,7%)
-
“Fachschule” (2,7%)
-
“Hochschule” (2,7%)
-
“Berufsausbildung” (2,6%)
-
“Berufsausübung” (1,4%)
-
“laufende berufliche Information” (1,4%)
-
“Gesellschaftliche Tätigkeit” (1,4%)
Des Weiteren wurde zusammengetragen, was die Nutzerinnen und Nutzer eigentlich in der Bibliothek tun. Dabei stellte die Auswahl aus der Freihandausstellung mit 86,7% (der Nutzerinnen und Nutzer bei einem beobachteten Besuch) die Hauptaktivität dar, gefolgt von der Beratung durch Bibliothekarin und Bibliothekar (27,1%) sowie Auskunftserteilung (11,8%). Die Katalogbenutzung lag bei 9,9%. Die Zeitschriftennutzung lag bei insgesamt 12,8% und damit wenig hoch.
Die Zusammenfassung dieser Auswertung liest sich – lässt man die Terminologie fort – wieder recht modern:
“Die Untersuchung hat ergeben, daß die Benutzung in den Räumen der Bibliothek eine zunehmende und bedeutende Rolle spielt. Die Ergebnisse zeigen Tendenzen, aus denen zu ersehen ist, daß die ideologische und wissenschaftliche Wirksamkeit noch zu erhöhen ist. Die Verhaltensweise der einzelnen Benutzergruppen geben dafür aufschlußreiche Anhaltspunkte.
Zurückkommend auf das eingangs zur Rolle und Bedeutung der Bibliotheksbenutzung und der Rolle der Dienstleistungen Gesagte läßt sich unter Stützung auf die Untersuchungsergebnisse feststellen, daß die Wirksamkeit der Dienstleistungen einerseits durch die Aktivitäten der Benutzer bestimmt wird, diese jedoch andererseits durch Vorhandensein und Angebot der Bibliotheken hervorgerufen werden. Das Angebot der Bibliotheken ist die Voraussetzung die Vorgabe. Somit besteht eine Wechselwirkung zwischen beiden Aktivitäten. Die Benutzer bedienen sich dabei in unterschiedlicher Weise der Einrichtung Bibliothek.
Die Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Bibliotheken ist an die funktionstüchtige stationäre Bibliothek gebunden. Literaturbeschaffung und Literaturbenutzung kann auch auf anderen Wegen zustandekommen als dem durch die StAB. Je besser aber die StAB mit über die Literaturbeschaffung hinausgehenden Dienstleistungen ausgestattet sind, umso wirkungsvoller wird Bibliotheksbenutzung über die bloße Beschaffung hianus. Die Ergebnisse haben bestätigt, daß sich die Benutzer vielfältig in der Bibliothek betätigen.
Die Benutzergruppe verhalten sich dabei unterschiedlich, sie orientieren sich schwerpunktmäßig auf verschiedene Aktivitäten, vom umfangreichen Entleihen, der Benutzung vieler Dienstleistungen bis zur gezielten Literatur- und Informationssuche. Keine Aktivität ist gegen die andere abzuwerten.” (Waligora & Proll 1975, 119)
“Die Bibliotheken entwickeln sich immer mehr vom bloßen Ausleihzentrum zum geistig kulturellen Zentrum. Das zunehmende Bedürfnis, sich in den Räumen der Bibliothek länger aufzuhalten, muß als ein wichtiger Hinweis betrachtet werden. Ausreichende und ansprechende Bibliotheksräume sind dazu notwendig. Der Raumbedarf der Bibliotheken darf nicht nur bemessen werden nach der Stellfläche für Bücher, sondern nach den Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeiten für Benutzer.” (Waligora & Proll 1975, 127)
Heute
Die Untersuchung des Zentralinstituts hat heute in den Zahlen gewiss nur noch historischen Wert. Sie wurde für Bibliotheken in einem anderen gesellschaftlichen System, in einem nicht mehr existierenden Staat und zudem vor Jahrzehnten durchgeführt. Erstaunlich ist vielleicht, wie wenig das, was man heute über die DDR weiss (vor allem die Zensur und politische Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Systemen) in der Studie selber vorkommt.
Interessant scheint mir, wie viel von dem, was man heute als moderne Nutzerinnen- und Nutzerforschung beschreiben könnte, selbst das, was heute den Bibliotheken immer wieder als neues Paradigmen vorgeschlagen wird, in der Studie ‒ wenn auch teilweise in anderer Terminologie ‒ vorkommt. Grundsätzlich liesse sich die Studie, wieder mit anderer Terminologie und leicht verschobenen Fragestellungen ‒ beispielsweise anderen Gruppen, die Unterteilung in Intelligenz oder Genossenschaftsbauern interessiert zum Beispiel aktuell weniger ‒ heute ähnlich wiederholen. (Dabei muss man bedenken, dass die Studie gewiss keine Einzelerscheinung war, sondern aus einer weiteren Forschungspraxis entstanden sein wird.)
Ist das erstaunlich? Nicht wirklich, die Fragen haben sich so gross nicht geändert. Zu erwähnen ist selbstverständlich, dass es offenbar immer wieder eine Abgrenzung zu einem “Früher” gibt. Nur: Wann und wo war dieses Früher eigentlich genau? Wenn in den 70er Jahren gesagt wird, die Bibliotheken würden heute zum Arbeitsraum und wären nicht mehr nur Ausleihzentrum und in den 2010er Jahren ebenso, ist irgendetwas komisch. Hier scheint es weniger um eine wirkliche Bibliotheksgeschichte zu gehen, sondern mehr um ein Selbstbild der Bibliothek.
Mir ist die Publikation eher zufällig in die Hand gefallen und ich wollte hier nur mein Erstaunen mitteilen.
Fussnoten
1 Waligora, Johanna ; Proll, Rotraud (1975) / Benutzungsanforderungen an Staatliche Allgemeinbibliotheken : Untersuchungsergebnisse aus ausgewählten Bibliotheken der Deutschen Demokratischen Republik (Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit ; 19). Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen,1975.
2 Eine weit kritischere, gleichwohl polemische Darstellung des Zentralinstituts findet sich im letzten Kapitel bei Rothbart, Otto-Rudolf (2002) / Deutsche Büchereizentralen als bibliothekarische Dienstleistungsinstanz : Gestaltung und Entwicklung von Zentraleinrichtungen im gesamtstaatlichen Gefüge (Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München ; 69). Wiesbaden : Harrassowitz, 2002.
3 Oder im Jargon der DDR: “Bedeutende Veränderungen vollzogen sich am Ende der 60er Jahre in der Arbeit der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken. Um die Versorgung der am Ort tätigen wissenschaftlichen Kader mitzuübernehmen, mußten sie in breitem Maße wissenschaftliche und Spezialliteratur in ihre Bestände aufnehmen. Zur Unterstützung der sozialistischen Bewußtseinsbildung, der sozialistischen Allgemeinbildung und der Aus- und Weiterbildung war es erforderlich, Informationsbestände aufzubauen und eine große Palette von Fachzeitschriften bereitzuhalten. Neue Medien (auditive, visuelle und audiovisuelle Mittel) fanden als Bestandseinheiten Eingang in die Bibliotheken. War mit den vorhanden Literaturfonds einerseits die niveauvoll Unterhaltung und schöpferische Freizeitgestaltung der Bevölkerung zu fördern, so mußte andererseits die auf das Territorium bezogene regionalkundliche Literatur ‒ unter Einschluß von Veröffentlichungen der örtlichen Organe und Einrichtungen ‒ gesammelt, erschlossen und archiviert werden. (…)
[Somit, KS] stellen die staatlichen Allgemeinbibliotheken den territorial wirksam werdenden Teilbereich des Bibliothekssystems der DDR dar. [...] Der mit der 5. DB [Durchführungsbestimmung, KS] der BVO [Bibliotheksverordnung, KS] konstituierte Typ der staatlichen Allgemeinbibliothek erwuchs aus den allgemeinen öffentlichen Bibliotheken der 60er Jahre und knüpfte an die progressiven Traditionen dieser Einrichtungen an. Denn die wesenseigenen Merkmal dieses Bibliothekstyps, die umfassende Verbreitung belletristischer und künstlerischer Literatur, die Propagierung gesellschaftswissenschaftlicher und Fachliteratur sowie die Literaturbetreuung von Kindern und Jugendlichen, blieben erhalten.” Marks, Erwin (1987) / Die Entwicklung des Bibliothekswesens der DDR (Zentralblatt für Bibliothekswesen ; Beiheft 94). Leipzig : VEB Bibliographisches Institut, 1987, S.177f.
4 Nicht umsonst veröffentlichte das Zentralinstitut zahlreiche Materialien zur Einführung unterschiedlicher Nutzerinnen- und Nutzergruppen in die Bibliothek. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass eine gute Bibliothek die Nutzerinnen und Nutzer lenkt. Vgl. als einer der letzten dieser Publikationen Rossoll, Erika (1989) / Zum Verhalten der Benutzer bei der Literaturauswahl : Untersuchungsergebnisse aus staatlichen Allgemeinbibliotheken (Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit ; 47). Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1989
5 Emmerich, Wolfgang (2007). Kleine Literaturgeschichte der DDR. Neuauflage. Berlin : Aufbau Verlag, 2007.
6 Das Statistische Jahrbuch der DDR ist zwar bei DigiZeitschriften vollständig digitalisiert, gibt aber nur zu einigen der erhobenen Kriterien Auskunft.
Das Unbehagen mit der Informationskompetenz
Es gibt ein Unbehagen mit der Informationskompetenz, eines das langsam, aber merkbar zunimmt und nicht weggeht mit der Zeit. Dieses Unbehagen äussert sich eher leise. Nicht so auftrumpfend laut wie diejenigen, welche Informationskompetenz in den letzten Jahren zu einem ihrer Hauptthemen gemacht haben. Denn die gibt es auch, fraglos. Das Handbuch Informationskompetenz [Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hrsg.) / Handbuch Informationkompetenz. Berlin: de Gruyter, 2012] beispielweise ist voll von solchem lauten Auftreten; auch die Vorträge zum Thema auf den Bibliothekskongressen (egal in welchem der deutschsprachigen Länder) sind immer voll und werden beherrscht von Vortragenden, die sehr klar ihre Meinung sagen. Und viele, viele hören zu. Kritik gibt es, wenn überhaupt, an den Umsetzungen. Es sieht dann auch oft gut aus: Immer mehr Angebote, Kurse, welche in die Curricula von Hochschulen eingebunden werden, steigende Zahlen von Teilnehmenden, Nachfragen von ausserhalb der Bibliotheken, Erklärungen zur Informationskompetenz von Forschungsfördereinrichtungen und politischen Gremien werden berichtet.
Meeeeeeeeeh.
Aber wer einmal genauer hinhört, spürt meines Erachtens doch ein wachsenden Unbehagen.
- Immer wieder hört man auf den Gängen der Bibliotheken, in den Ausbildungseinrichtungen, in den privaten Gesprächen zwischen bibliothekarisch und bibliothekswissenschaftlich Tätigen Zweifel daran, dass Informationskompetenz wirklich so wichtig ist, wie es gehandelt wird. Ist es nicht eher doch ein kleiner Teilbereich bibliothekarischer Arbeit? Ist es nicht eher ein Nebenschauplatz, der gross geredet wird?
- In diesen Gesprächen klingt von Zeit zu Zeit der Zweifel an, ob das, was als Informationskompetenz beschrieben wird, wirklich etwas ist, was Bibliotheken vermitteln könnten und sollten. Ist nicht das, was Bibliotheken tun, heute mehr und strukturierte Rechercheschulungen durchzuführen? (Was nicht schlimm ist, aber: Ist das wirklich Informationskompetenz? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen?)
- Von den Öffentlichen Bibliotheken her klingt unter der Hand immer wieder die Frage, ob es sich bei der Informationskompetenz nicht um ein Konzept handelt, dass vielleicht für Wissenschaftliche Bibliotheken wichtig wäre, aber: Ist es für Öffentliche Bibliotheken interessant?
- In den Ausbildungsgängen (die ja wohl alle mindestens einen Kurs [ein Modul, ein Seminar etc.] zu diesem Thema eingerichtet haben) erntet man von den Studierenden immer mehr ein müdes, abwehrendes Lächeln, wenn man das Thema anspricht; eines das zu sagen scheint: „Ja ja, schon gehört. Informationskompetenz. Aber das überzeugt uns nicht mehr. Erzähl was neues, bitte.“
- In den Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften und den Gremien, die Abschlussarbeiten zulassen; in den Vereinigungen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche Konferenzen und Weiterbildungen organisieren; in den losen Netzwerken wird; so hört und sieht man; immer wieder einmal mit den Augen gerollt, wenn das Wort fällt. Sicher: Die Artikel werden nicht abgelehnt, die Abschlussarbeiten zugelassen, die Vorträge abgenickt, die Weiterbildungen angeboten. Doch es scheint, als wäre langsam aber sicher die Luft raus aus dem Thema. Die Anekdoten zu diesem Unwollen häufen sich, auch wenn sie nicht offen berichtet werden.
- Und wieder ein anderer Teil der Kolleginnen und Kollegen möchte gleich weiter. Informationskompetenz sei nicht mehr ausreichend, Datenkompetenz muss es sein – was gute Gründe hat (Wachstum der Forschungsdaten, Open Data etc.). Oder halt an die Kompetenz muss noch mehr angedockt werden, zum Beispiel mit ordentlichem wissenschaftlichen Arbeiten und nicht nur Recherchieren (was eigentlich eh Teil der Information Literacy ist, aber „in der Übersetzung“ am Anfang der Debatten um Informationskompetenz im deutschsprachigen Raum „irgendwie“ verschwunden ist).
Remember 2000: Wir werden unnötig.
Ist das nur mein Eindruck? Ich denke nicht. Was ist den passiert in den letzten Jahren? Anfang der 2000er Jahre kam das Thema Informationkompetenz auf, wurde gross beworben, in den Bibliotheksalltag integriert. Es sei, so tönte es, ein Konzept aus den englischsprachigen Bibliothekswesen. (Das stimmt so nicht. Die Übersetzung von Literacy ist nicht Kompetenz und das aus einem guten Grund: Das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Auch wurde bei der „Übersetzung“ in die deutschsprachigen Bibliothekswesen einiges auf der Strecke gelassen, insbesondere die Fähigkeit zum Verarbeiten von Informationen. Aber so recht schien das niemand zu interessieren. Vielleicht hat es auch niemand richtig nachgeprüft.) Das Konzept sollte in gewisser Weise die Bibliotheken retten. Sie würden bald untergehen: Stichwort Digitale Medien, Buchverkauf übers Internet, immer schnelleres Studium. Studierende würden diese Kompetenz benötigen, so tönte es weiter, ansonsten würden sie im Studium nicht mehr bestehen können; würden nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Und zudem seien Bibliotheken der Ort, wo diese Kompetenz schon angesammelt sei und angeboten werden könnte. (Wieder hat kaum jemand bemerkt, dass von Anfang an davon geredet wurde, dass Informationskompetenz vermittelt werden soll, obgleich der Witz an Kompetenzen in der Pädagogik eigentlich ist, dass sie nicht vermittelt, sondern von den Lernenden aufgebaut werden. Aber vielleicht wollte wieder nur niemand genau hinschauen.) Immerhin: Die Argumentation klang gut.
Unterfüttert wurde sie damals auch noch mit der Panik, welche die PISA-Studien ausgelöst hatten; obgleich in diesen Studien nicht wirklich etwas über Informationsnutzung etc. stand. Aber damals, 2002, 2003, konnte man fast alles mit den PISA-Studien begründen, ohne das es einen richtigen Zusammenhang zu diesen geben musste. Heute tauchen die Studien kaum noch in den Debatten auf.
Nun, einige Jahre später, wie sieht die Realität aus? Es gibt an fast allen grösseren Wissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum Personen, die für Informationskompetenz zuständig sind; oft sind diese Stellen mit sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen besetzt. Ebenso gibt es an den meisten dieser Bibliotheken strukturierte Angebote für Studierende und zum Teil auch für Forschende unter diesem Motto. Teilweise gibt es auch Kurse, die im Studium integriert wurden.
Aber: Ist es das wirklich, was versprochen wurde?
Was ist eigentlich wirklich passiert?
Zum ersten: Entgegen der Panik, die noch vor einigen Jahren verbreitet war, sind Bibliotheken nicht untergegangen. Sie haben sich verändert, sind zum Beispiel zur Verwalterinnen von elektronischen Medien, von Lizenzverträgen und ähnlichem geworden. Sie sind ebenso (wieder einmal) zu Lernorten geworden, nicht so sehr bezogen auf ihr eigenes Programm, sondern als Ort, an den immer mehr Studierenden hingehen, um selbstständig zu lernen. Alles anstrengend, aber der ganz grosse Kladderadatsch, der angekündigt wurde, kam nicht. Er wird auch nicht kommen.
Zum zweiten: Obgleich die Zahlen der Teilnehmenden in den Kursen gestiegen sind, herrscht doch immer mehr der Eindruck vor, dass es das im Grossen und Ganzen dann auch war. Sicher: Ein paar Studierende oder junge Lehrende lernen mehr mit Informationen etc. umzugehen. Aber nicht nur in Bibliotheken scheint sich der Eindruck durchzusetzen, dass das nicht heisst, dass Informationen im Allgemeinen besser genutzt würden; schon gar nicht die, welche über die Bibliotheken zugänglich gemacht wurden. Die vorhandene Informationskompetenz bei den Studierenden und Lehrenden steigt gar nicht so sehr, wie man sich das erhoffte. Gleichzeitig ahnt man, dass sie vielleicht auch gar nicht so wichtig war, wie man sich als Bibliothekswesen das selber eingeredet hatte. Alle sagen was Nettes über die Bibliothek und deren Anstrengungen, alle rollen die Augen, wenn sie davon berichten, dass Studierende (oder zumindest die anderen Studierenden) „nur noch Google benutzen“ würden; aber so Recht scheint sich das auf die Noten der Studierenden oder auch die wissenschaftlichen Arbeiten nicht niederzuschlagen.
Und drittens: Die Zweifel mehren sich, dass das, was die Bibliotheken über Informationskompetenz sagen, von anderen Einrichtungen auch so geteilt wird. Sicher: Es gibt einige Studiengänge – weil die Bibliotheken persistent darauf gedrängt haben – in denen Studierende Kurse in Bibliotheken besuchen müssen. Aber einen Diskurs ausserhalb der Bibliotheken, in den Studiengängen und Forschungsrichtungen (und seien es nur die Erziehungswissenschaften) über diese Informationskompetenz – die ja, so die Behauptung der bibliothekarischen Debatten, eine Grundkompetenz sein soll – gibt es immer noch nicht. Sicher: Ein wenig Google-Gedisse, ein wenig „ja ja, die Studierenden recherchieren nicht richtig“ hört man. Aber ansonsten agiert zum Beispiel die Medienpädagogik konsequent an den Bibliotheken vorbei.
Und viertens: Bis heute hat sich die bibliothekarische Debatte darauf kapriziert zu beschreiben, wie die jeweiligen Schulungen organisiert und durchgeführt; wie deren Notwendigkeit den Lehrenden in den Hochschulen oder gleich den Hochschulen selber verständlich gemacht; wie die Studierenden (und manchmal auch die Forschenden) erreicht werden können; gleichzeitig wurden zahllose (zumeist ungetestete und eher prekär hergeleitete) Standards beschrieben (die sich aber, weil es so viele sind, oft auch widersprechen) und zudem immer wieder gegenseitig erklärt, dass Bibliotheken wichtig für Informationskompetenz seien. Nur: was bislang nicht gezeigt wurde, meiner Meinung nach auch nicht untersucht, ist, ob die Fähigkeiten, die als Informationskompetenz umschrieben werden, wirklich für die Studierenden oder jungen Forschenden notwendig wäre.
Ist das alles wirklich so wichtig?
Mich irritiert der vierte Punkt sehr, schon länger. Die Vorstellung ist, dass Studierende und Forschende heute mit Informationen anders umgehen müssten, um erfolgreich in Studium und Forschung zu sein. Das Bestimmen, Finden, Auswählen und Interpretieren der jeweils besten Information sein eine Voraussetzung dafür. (Sehen wir einmal davon ab, dass der letzte Punkt, nämlich das Interpretieren, selten Inhalt der Kurse in Bibliotheken ist.) Deshalb muss ihnen das jemand beibringen und diese jemands seien die (Hochschul-)Bibliotheken.
Mir scheint das ein grundsätzliches Verkennen der Realität in Studium und Forschung zu sein. (Was auch deshalb absurd ist, weil die meisten Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich in diese Debatten einmischen, selber studiert haben.) Meine Gegenthese wäre: erfolgreich studieren – und zwar auf der Ebene von Bestnoten – kann man auch mit passenden Informationen, die im Studium zusammengegoogelt, mehr zufällig in Katalogen oder erst in den Abschlussarbeiten einigermassen systematisch gefunden werden. Die Suchwerkzeuge sind heute gut genug, um sogar mit weniger Aufwand passende Informationen zu finden. Besser recherchieren zu können oder gar kritischer ist eine nicht notwendige Fähigkeit für das Bestehen des Studium. Nicht, dass sie etwas schadet, aber sie bringt auch nichts für das Studium selber. (Warum? Höchstwahrscheinlich auch, weil es im Studium um etwas anderes geht, als das richtige Recherchieren.)
Wenn das stimmt, wäre es für die bibliothekarische Überzeugung schrecklich, weil: Dann bräuchte es auch keine Rechercheschulungen. Aber ich denke, es wäre realistisch.
Ebenso ist auch in der wissenschaftlichen Praxis nicht das effiektive Finden der besten Information notwendig. Durch die Projektorientierung der Wissenschaft (die dazu führt, dass die Forschenden immer mehr Multitalente werden), durch die immer grössere Zahl von Publikationsorten und der Überforderung der Qualitätssicherungssyteme, durch den ständigen Drang zur Publikation und den Drang zum „einfacher Schreiben“ (der sich u.a. darin äussert, dass Forschende ernsthaft verkünden, dass sie Texte, die länger als fünf Seiten lang sind, zu schwierig finden und deshalb nicht lesen) nimmt die reale Qualität der wissenschaftlichen Publikationen eh tendenziell ab, ohne dass dies direkt bemerkt würde, weil ja weder wissenschaftliche Streitkultur (in der man solche Fakten klar benennen dürfte) noch ausreichendes Expertinnen- und Expertentum existieren. In einer solchen Kultur reicht es vollkommen aus, wenn Forschende in der Lage sind – und das sind sie intellektuell auch ohne Rechercheschulung – eine Suchmaschine, eine freie Datenbank und einen Bibliothekskatalog zu bedienen. Alles andere ist netter Surplus, der einer wissenschaftlichen Karriere nicht schadet, aber auch nicht notwendig ist.
Auch hier: Wenn das stimmt, dann würde die Grundthese der Informationskompetenz-Diskussionen nicht stimmen. Aber wieder: Ich denke, es wäre realistischer.
Nun aber: Kann es wirklich sein, dass Bibliotheken im deutschsprachigen Raum seit Jahren quasi im Blindflug agieren und auf einer These aufbauen, die nicht belegt ist? Das mag erstaunlich erscheinen, ist es aber nicht. (Beziehungsweise: Das ist nicht ohne historisches Vorbild.) Mir scheint eher, dass innerhalb des bibliothekarischen Diskurses eine verstärkender Effekt eingetreten ist: Da immer wieder in Texten zur Informationskompetenz auf diese Grundthese – mehr Informationskompetenz ist notwendig – verwiesen wird und sich diese Texte gegenseitig zitieren, erscheint dies mehr und mehr als bewiesene oder zumindest selbsterklärende Aussage. Nur ist sie weder selbsterklärend noch bewiesen.
Was nötig wäre an dieser Stelle wäre wohl eine klare Untersuchung, welche Fähigkeiten – sagen wir gar nicht erst Kompetenz am Anfang – wirklich zu einem besseren Studium oder einer besseren wissenschaftlichen Arbeit notwendig sind. Und zwar nicht aus Sicht der Bibliotheken, da kommt immer wieder das gleiche raus (nämlich das, was die Bibliotheken anbieten können [das wird eh beständig getan, siehe z.B. kürzlich Tappenbeck, Inka (2013) / Vermittlung von Informationskompetenz an Hochschulbibliotheken: Praxis, Bedarfe, Perspektiven. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 1, 59-69 und Kiszio, Blanche ; Favre, Nathalie & Ding, Sandrine (2013) / Ein neues Online-Tutorial zur Förderung von Informationskompetenz: ein Praxisbericht. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 73 (2013) 1, 11-114 die genau das wieder einmal taten und deshalb auch die zu erwartenden Ergebnisse erhielten]), sondern aus der Realität. Vergleichen wir doch einmal die guten und die weniger guten studentischen Arbeiten: Welche Fähigkeiten im Bezug auf den Umgang und die Suche von Informationen führen denn zu besseren oder weniger guten Arbeiten? Nachdem ich selber eine gute Anzahl von unterschiedlich guten studentischen Arbeiten gelesen habe, würde ich behaupten, die Informationskompetenz von der Bibliotheken sprechen, ist es nicht. Sicherlich gibt es einige sehr sehr gute Arbeiten, die auch sehr gut und kritisch mit Informationen umgehen. Aber für eine sehr gute Arbeit (also eine 6 in der Schweiz beziehungsweise eine 1,0 in Deutschland) ist das nicht notwendig. Die wird oft auch mit Hilfe von Quellen erreicht, die eher zufällig gefunden wurden. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Arbeiten, die ich gelesen habe. Es ist meiner Meinung nach nicht notwendig, gut mit Informationen umzugehen, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Gehen wir doch einfach mal und schauen, was die erfolgreichen und weniger erfolgreichen Forschenden so mit Informationen machen; wie die genau arbeiten (nicht was sie sagen, wenn sie von den Bibliotheken, mit denen sie zusammenarbeiten, gefragt werden, was vielleicht wichtig und gut wäre, sondern was sie wirklich tun, wenn sie Texte schreiben, Projekte entwerfen etc.). Zu oft habe ich dieses wissenschaftliche Arbeiten in den letzten Jahren live beobachtet, als das ich einfach davon überzeugt werden könnte, dass es überhaupt so etwas wie Informationskompetenz bedarf, um erfolgreich in der Wissenschaft zu sein. Ein funktionierender Internetanschluss, eine Bibliothek mit Fernleihe und vielen Lizenzen – das ja; aber die Fähigkeiten ordentlicher und kritischer Recherche – nein.
Jessa Lingel und danah boyd haben desletztens die Informationsflüsse und -praktiken in der Extrem Body Modification Scene untersucht [Lingel, Jesse & boyd, danah (2013) / „Keep it secret, keep it save“ : Information poverty, information norms, and stigma. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology 64 (2012) 5, 981-991] und dabei wenig überraschend festgestellt, dass es die kontextangepasste Informationssuche ist, die relevant für die gesellschaftliche Praxis innerhalb dieser Szene ist; wobei es nicht um die richtigen oder effektiv zu findenden, sondern die passenden und über mehrfache Codes und Zugänge abgesicherten vertrauenswürdigen Informationen geht, die relevant für das Handeln in dieser Szene werden. Solche Untersuchungen über die tatsächlich erfolgreich genutzten Informationen und Informationsstrategien von Studierenden und Forschenden (gerade auch erfolgreichen) fehlen einfach; dabei sollten sie die Basis von Debatten über Informationskompetenz sein, auch wenn das Ergebniss sein könnte, dass diese Formen der Informationsnutzung nichts mit Bibliotheken zu tun haben.
Informationskompetenz. Nichts dagegen, aber…
Um es noch einmal klar zu sagen: Nichts gegen die Kolleginnen und Kollegen, die engagiert und aktiv im Bereich Informationskompetenz tätig sind. Nur scheint mir je länger je mehr Informationskompetenz eine relativ fixe Idee eines Teils des Bibliothekswesens geworden zu sein, dessen Entstehen mehr mit einer historischen Situation und weniger mit einer realen Anforderung von ausserhalb der Bibliotheken zu tun hatte.
Es ist gar nicht so, dass etwas gegen Recherecheschulungen, in welcher Form auch immer, zu sagen wäre. Aber nicht nur bei mir scheint sich ein Unbehagen aufgebaut zu haben mit den Jahren. Wird hier nicht in eine Themenbereich investiert (und zwar sowohl intellektuell als auch personell und materiell), der nicht halb so wichtig ist, wie es behauptet wird? Wird hier nicht von Bibliotheken ein Diskurs geführt – der auch an die Ausbildungeinrichtungen herangetragen wird – der andere Diskurse und Entscheidungen, die notwendig wären, überdeckt? Ist das alles realistisch oder sind die Bibliotheken nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Wette eingegangen, die sich als immer weniger zu gewinnen herausstellt? Ist das Getöse um Informationskompetenz nicht auch so gross, weil es gerade prekär ist und nicht so untermauert, wie es eigentlich bei der vorgeblichen Wichtigkeit des Diskurses sein sollte? Sollten wir nicht vielleicht nochmal zum Anfang zurück und fragen, was das eigentlich wirklich sein soll und ob es wirklich sinnvoll ist – sinnvoll nicht für Bibliotheken und deren Zukunftssorgen, sondern den Studierenden und Forschenden, um die es angeblich gehen soll?
Nein…? Na gut. Aber dann wird das Unbehagen wohl einfach so ansteigen und vielleicht das Thema irgendwann einfach liegen gelassen werden. (Auch das wäre nicht ohne historisches Vorbild.)
Schulbibliotheken in Berlin, 2013
Anbei die Ergebnisse einer Recherche zu Schulbibliotheken in Berlin, die ich jedes Jahr seit 2008 im April durchführe. Weiter unten finden sich die Verweise zu den Darstellungen der vergangenen Jahre, in denen auch auf die Methodik der Recherche und ihre Grenzen eingegangen wird. Die Recherche im Jahr 2013 war ein Zwischenschritt, Ziel ist es, eine mindestens zehnjährige Datenreihe zu erhalten.
Grundsätzlich ist die Zahl der Schulbibliotheken in Berlin leicht gestiegen, mit dem grössten Zuwachs bei den Grundschule, und moderate Zuwächsen in den anderen Schulformen. Nur in den Gymnasien scheint eine Stagnation eingetreten zu sein. Schulbibliotheken sind weiterhin in einer grossen Minderheit der Schulen in Berlin (34,7%) zu finden.
Bemerkenswert ist, dass die Sonderschulen in Berlin jetzt nahezu alle in inklusive Schulen umgewandelt wurden, was sich auch auf die Verfügbarkeit an Schulbibliotheken niederschlägt, die für Schülerinnen und Schüler dieser Schulen steigt. Zudem ist terminologisch zu beobachten, dass sich weiter unterschiedliche Bezeichnungen für Schulbibliotheken etabliert haben (u.a. Lernwerkstatt oder Lesezelt), allerdings kaum die in der bibliothekarischen Literatur der 1990er und 1980er als modern angepriesene Bezeichnung Mediothek, welche den Begriff Schulbibliothek ersetzen sollte.
Lausanne, 12. April 2013

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2013 (Die Schultypen Haupt-, Real- und Gesamtschule wurden im Untersuchungszeitraum aufgelöst und in den Schultyp ‘Integrierte Gesamtschule’ überführt).
Recherche als PDF. Schulbibliotheken in Berlin, 2013
Siehe auch
Ist das Denken von der Bibliothek geprägt, die man nutzt?
Vor nicht allzu langer Zeit benötigte ich für einen Artikel die Lehrbriefe Schulbibliothek. Diese erschienen 1985 in einem Schuber, zuvor auch als Einzelhefte. Wer sich mit Schulbibliotheken in Deutschland auseinandersetzt, sollte diese Publikation kennen (oder ist halt dazu verurteilt, regelmäßig inhaltlich hinter das damals geschriebene zurückzufallen). Schon öfter benötigte ich diese Lehrbriefe und sei es nur, um kurz etwas nachzuschlagen oder sie neben mir auf den Tisch zu stellen, als Objekte, die Denken anregen. (Letzter Halbsatz für die, die Bruno Latour kennen.) Ich besitze sie aber nicht. Vielmehr habe ich sie immer in der Bibliothek genutzt. Als ich sie nun desletztens benötigte, fiel mir etwas auf, was ich vorhin mit einer Kollegin besprochen habe, aber auch weiteren Kreisen zur Kenntnis bringen muss.
Die Bibliothek als ein weiteres Büro?
Ich weiss genau, wo diese Lehrbriefe in Berlin im Grimm-Zentrum stehen: Etage, Regal, Ort. Fast traumwandlerisch finde ich sie dort. Nur: Jetzt bin ich (auch) in Chur. Wir haben diese Lehrbriefe in Chur nicht, vielmehr stehen sie – leider nicht im Schuber – in einem Magazin der ETH Zürich und wenn sich nicht das Team der Bibliothek der HTW Chur dankeswerter Weise darum gekümmert hätte, die ganzen Einzelhefte zu bestellen, ich hätte den Artikel wohl auf die lange Bank geschoben, bis „ich mal in Berlin genug Zeit habe“, d.h er wäre wohl nie geschrieben worden. (Auch so wollte die ETH die Hefte sofort nach vier Wochen zurück, obgleich die bestimmt niemand anders lesen wollte. Die Hefte in Berlin stehen auch seit Jahren immer da, wo sie stehen.)
Dabei fiel mir auf, dass dieses Verhalten gar nicht so selten ist. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, zumindest in den Geisteswissenschaften, sind wir bestimmte Umgebungen gewohnt. Die Bücher und Zeitschriften, die wir öfter nutzen, stehen immer in den gleichen Bibliotheken an den gleichen Stellen. Wenn sie mal nicht dastehen, sind wir irritiert und schieben manchmal Arbeit einfach auf, bis wir sie wieder nutzen können. Mit Vorliebe nutzen wir bestimmte Arbeitsplätze in bestimmten Bibliotheken und wenn die mal nicht frei sind – meistens wegen Studierenden – können wir an den anderen Plätzen nicht so richtig arbeiten. Zumindest dann, wenn wir bestimmte Bibliotheken als Dritt-, Viert- etc. -arbeitsplatz nutzen, stellt sich offenbar eine Vertrautheit mit dem Gebäude, den Nutzungsweisen, den Beständen etc. ein. Wie gesagt: Es geht gar nicht darum, dass wir die gleichen Medien nicht auch anders bekommen könnten. Die Fernleihe funktioniert. Aber die Zugriffsweisen sind doch andere. Wir haben uns an bestimmte Dinge gewöhnt. Ich, z.B. daran, wo die Lehrbriefe Schulbibliothek und die BuB im Grimm-Zentrum steht, daran, wie die erziehungswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften in der Amerika Gedenkbibliothek geordnet sind. Und die Aussicht aus den Fenstern bei zwei bestimmten Arbeitsplätzen in der Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung beruhigen mich auch immer wieder und lassen mich konzentriert arbeiten. Sicherlich, mit der Zeit kommen andere Arbeitsorte hinzu. In der Zentralbibliothek Zürich habe ich auch zwei Arbeitsplätze, die mich zum ruhigen Arbeiten bringen und ich weiss mich fast blind in den dortigen bibliothekarischen Zeitschriften zu orientieren. Aber die alten Prägungen sind doch noch da. Ist das eine subjektive Macke? Zumindest die Kollegin, mit der ich mich über meine Beobachtungen unterhielt, konnte ähnliches aus Ihrer Forschungspraxis berichten. In Cambrigde, der Promotionsuni, war die Bibliothek ein Arbeits-Zuhause, in den weiteren Stationen dann immer weniger.
Hat Nietzsche Recht?
Hier stellt sich mir eine erste Frage: Wenn wir offenbar den Arbeitsweisen in den Bibliotheken hinterhängen, wie sehr prägt dann die Bibliothek, der Bestand, der Raum unsere Arbeit?
Wieder mein Beispiel zur Illustration: Früher wäre ich bei einer Frage, die sich auf die Geschichte der Schulbibliotheken bezieht, einfach ins Grimm-Zentrum gefahren – wo die meisten meiner diesbezüglichen Texte auch entstanden sind – und hätte dort in der Nähe der Lehrbriefe Schulbibliothek an der jeweiligen Frage gearbeitet. Dabei musste ich die Lehrbriefe noch nicht einmal benutzen. Sie waren Teil eines habituellen Raumes, der sich mit der Zeit mit schulbibliothekarischen Fragen verbunden hatte. (Oder hat. Ein Ergebniss meines letzten längeren Berlin-Aufenthalts war, mich wieder am Grimm-Zentrum einzuschreiben, nachdem ich die letzten Monate auch die Amerika-Gedenkbibliothek als Arbeitsort wiederentdeckt habe. Man kann ja nicht die ganze Zeit nur Frühstück Essen und in Clubs rumhängen.) Wie gesagt: Das kann meine persönliche Macke sein, aber ich denke, grundsätzlich können wir eine ähnliche Macke bei vielen Forschenden wiederfinden.
Es gibt eine empfehlenswerte Buchreihe mit dem schönen Titel Zur Genealogie des Schreibens, in der unter anderem gelernt werden kann, dass es medienwissenschaftliches Wissen ist, dass „unser Schreibzeug [mit]arbeitet [...] an unseren Gedanken“ (Nietzsche). Das lässt sich erweitern: Auch dass das Labor an den „Gedanken“ der Naturwissenschaft „mitschreibt“ ist eine Erkenntnis, die man Wissenschaftshistorikerinnen und -historikern nicht erzählen muss. Das ist Usus. Ich denke, wir können das zumindest als Hypothese erweitern: Die Bibliothek schreibt mit an den Gedanken der Geisteswissenschaften. Zu untersuchen wäre, wie. (Und hier empfiehlt sich die Lektüre der meisten Bücher der genannten Reihe, um auf Forschungsthesen zu gelangen. Und selbstverständlich immer Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900.)
Führt Mobilität zu schlechterer Wissenschaft?
Aber weiter: Wäre ich nicht aus Berlin (zum Teil) weitergewandert, mir wäre dieser Zusammenhang vielleicht nie aufgefallen. Allerdings: Das Herumwandern in der Welt ist zum Lebensinhalt von Forschenden geworden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind immer kürzer an einem Ort, einer Einrichtung. Diese Mobilität wird explizit gefordert, erzwungen (so darf man ja, außer man finanziert sich selber über Drittmittel, nicht länger als sechs Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin oder Wissenschaftler Mitarbeiter an einer deutschen Hochschule arbeiten. Entweder man hat dann die Professur oder man ist raus) und als positiv angesehen. Selbstverständlich gibt es an dieser Idee berechtigte Kritik. Menschen kommen nicht dazu, Familien zu gründen oder ordentliche Beziehungen zu führen und gleichzeitig Wissenschaft zu betrieben, weil sie sich nie richtig sozial verankern können. Menschen, die in kleinen Städten leben wollen, müssen auf einmal in Megacities und Menschen, die Grossstädte zum Leben brauchen, landen in kleinen Städten im ländlichen Raum. Ausserdem: Was ist das überhaupt für eine Vorstellung, dass alle Menschen in der Wissenschaft eine Professur haben wollen? Warum soll meine Forschung besser werden, wenn ich immer wieder den Arbeitsort wechsel? Und so weiter. Man kann lange darüber diskutieren.
Ich würde eine weitere Frage anfügen: Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich tatsächlich an bestimmte Bibliotheken als Arbeitsort gewöhnen und „nur da“ bestimmte Texte schreiben, Arbeiten durchführen, Gedanken haben können, führt dann dieses ständige Umherziehen nicht zu tendenziell schlechterer Wissenschaft? Viele Forschende können ja nicht einfach mal gleichzeitig in ihrer alten und neuen Heimat wohnen, wie ich das zwischen Berlin und Schweiz aktuell tun kann. Andere sind ja in Australien, den USA, Bolivien, Japan, Südafrika oder sonstwo angekommen. Und gerade wenn man animmt, dass diese habituelle Verbindung zu einzelnen Bibliotheken und Forschungsthemen mit der Zeit wächst (was ich wieder an meinem Beispiel mit den Lehrbriefen Schulbibliothek zeigen könnte), ist dann dieses ständige Umherziehen nicht gerade besonders negativ? Immerhin sehen wissen wir ja, dass immer mehr Forschende nie die ihnen zur Verfügung stehenden Bibliotheken nutzen. Kann das nicht auch damit zusammenhängen, dass sie gar keine Zeit haben, sich an diese zu gewöhnen? Wer gerade mal ein, zwei Jahre an der Uni XYZ arbeitet, wie soll der oder die eine habituelle Verbindung zu einer Bibliothek aufbauen? Es ist zumindest schwierig. (Mir fällt auf, dass ich weiter oben anhand der Zentralbibliothek Zürich beschrieben habe, wie das bei mir funktioniert hat. Aber hierbei muss man bedenken, dass ich per se bibliotheksaffin bin und zudem dieses Wandern in die Schweiz meine erste Wanderungsbewegung war. Die schon zitierte Kollegin hat bei ihrer ersten Wanderung auch noch eine Verbindung zur dortigen Bibliothek aufgebaut, aber mit dem weiteren Wandern immer weniger dazu geneigt.)
Man kann auch diese Frage noch einmal weiterdenken: Wenn Forschende eine habituelle Verbindung zu bestimmten Bibliotheken, Beständen, Raumen aufbauen und daraus sich Forschung ergibt, plant dann die Bibliothek richtig, wenn sie auf ständige Veränderung setzt? Auch dies ist wieder nicht trival. Die Lehrbriefe Schulbibliothek stehen in Berlin, wie gesagt, seit Jahren am gleichen Ort und sind bislang noch nie ausgeliehen gewesen, wenn ich sie nutzen wollte. Meine Nutzung aber schlägt sich in den Ausleihstatistiken überhaupt nicht nieder. Ich nehme sie an den Arbeitsplatz und lese das, was ich benötige. Was drinsteht weiss ich ja. Manchmal müssen sie, wie gesagt, auch einfach dastehen, damit ich mit dem Schreiben anfangen kann. Irgendwann aber wird die Bibliothek diese und andere Bestände vielleicht ins Magazin bringen oder ganz aussondern, weil: Sie sind alt und es nutzt sie ja offenbar niemand (zumindest des Ausleihstatistiken nach). Eine solche Entscheidung wird meine Produktivität im Bezug auf Texte zur Geschichte der Schulbibliotheken in Deutschland einschränken, aber woher soll die Bibliothek das wissen? (Zumal ich ja kein eingeschriebener Forschender der Humboldt-Universität mehr bin, sondern einer der Nicht-Universitäts-Angehörigen. Insoweit würde meine Meinung in Umfragen wohl auch weniger zählen, falls ich zufällig mal gefragt werde.)
Brauchen wir mehr Wissenschaftsforschung zu Bibliotheken?
Vielleicht ist diesem Problem nicht mit Bestands- und Bibliotheksmanagement beizukommen, sondern eher mit bibliothekspraktischem Wissen. Vielleicht können, bei allen Versuchen, objektiv zu sein, bestimmte wissenschaftliche Texte nur zu bestimmten Zeit geschrieben werden (in den Literaturwissenschaften ist das für bestimmte Texte von Autorinnen und Autoren ja auch Erklärungsansatz akzeptiert). Vielleicht müssen wir erst einmal mehr darüber herauskriegen, wie Nutzerinnen und Nutzer die Bibliotheken tatsächlich nutzen. Wir denken ja, geprägt durch einen betriebswirtschaftlichen Diskurs, den wir seit Jahren immer wieder mitproduzieren und produzieren lassen, eher in einfachen Zahlen: Ausleihe, Besuchszahlen, Auslastung, Zufriedenheit, Liefergeschwindigkeiten etc. Aber eigentlich könnten wir aus der Wissenschaftsforschung und unserer eigenen Praxis wissen, dass die wissenschaftliche Arbeit – genauso wie die pädagogische Arbeit oder das Lernen der Studierenden, um hier nochmal ein grosses Fass aufzumachen – viel komplexerer ist, als diese einfachen betriebswirtschaftlichen Modelle, wo sich alles in Zahlen ausdrücken lässt. Wenn es einen habituellen Gewinn gibt, betsimmte Bereiche und Bestände in Bibliotheken nicht ständig auszutauschen und zu verändern, der sich auf die Qualität von Wissenschaft niederschlägt, sollten die Bibliotheken davon erfahren.
Let’s talk about Änderung des Urheberrechtmodells. Maybe.
Aaron Swartz ist tot. Der Suizid des Internetaktivisten war in den letzten Tagen ein wichtiges Thema der betreffenden Presse. [1] [2] [3] [4] [5] [6] Sicherlich tragen zu einer Entscheidung, dass eigene Leben zu beenden, immer sehr viele unterschiedliche Situationen, Erfahrungen, Strukturen bei. Das ist niemals monokausal zu erklären. Dennoch scheinen sich Viele sicher zu sein – und das mit einigem Recht –, dass die aktuelle Urheberrechtssituation, die Umsetzung dieser Gesetze aber auch der Diskurs um sie, ein relevanter Grund für den Suizid von Swartz war. Seine Familie und Partnerin schreiben vom kriminellen Justizsystem und ihnen wird dabei breit zugestimmt. [7] [8] [9]
Hier soll gar nicht auf das Leben von Swartz und die betreffende Auseinandersetzung (eher Auseinandersetzungen) näher eingegangen werden. Das lässt sich anderswo nachlesen. Was ich hier kurz und unstrukturiert thematisieren will, weil es mir im Kopf herumgeht, ist etwas anderes: Wir haben einen Toten. Die ganze Problematik um Urheberrechte, Zugangsrechte, die gesellschaftliche Nutzung von Informationen, closed access, die Contentindustrie, die Strukturen wissenschaftlicher Kommunikation, die Wege, wie wir als Bibliothekssysteme und wie die Menschen im Allgemeinen mit diesem Konstrukt Urheberrecht und dem Lobbyismus von Contentindustrie, Verlagen, Verwertungsgesellschaften und so weiter umgehen – all das, was in den letzten Jahren beständig thematisiert wurde, was Witze hervorgebracht hat, neue Verhaltensformen, neue bibliothekarische Strukturen und eine gesellschaftliche verbreitete Informationskompetenz, die sich über die Barrieren hinwegsetzt, all das scheint nicht mehr lustig.
Wie war das bisher? Lustig?
Sicher: Auch bislang war das kein reiner Spass. Menschen werden mit Knast bedroht oder hoch verschuldet, weil sie Kulturgüter getauscht haben (sollen). Wissen wurde nicht geteilt. Bibliotheken sind übervorsichtig, was sie anbieten und nicht anbieten. Die Bibliotheksetats sind von Zeitschriften und Datenbanken aufgebraucht, bevor auch nur ein Buch gekauft werden kann. Menschen haben tierischen Stress. Aber trotz allem fühlten wir uns doch immer auf der richtigen Seite in einem grossen Kampf, den die Gegenseite an sich schon verlohren hatte. All die Argumente der Contentindustrie, die Behauptung, Künstlerinnen und Künstler, die Qualität wissenschaftlicher Publikationen und was weiss ich zu sichern, haben doch immer auch ein mitleidiges Lächeln auf unsere Lippen gezaubert.
War es nicht das? Internetausdrucker vs. (irgendwie) Nerds. Hollywood und Gema vs. gesunder Menschenverstand. Verknöcherte Justiz und Politik, die die Welt nicht verstehen vs. Anonymous und Kim Dotcom und Richard Stallman und Linus Torvalds und Horden von hippen jungen Leuten, die sich doch downloaden, was sie wollen.
War es nicht das? Es war stressig. Wir haben uns aufgeregt, als Jammie Thomas 1.2 Millionen Dollar zahlen sollte, weil sie ein paar Musikstücke angeboten haben soll. Wir haben gerade in der Wissenschaftscommunity gerne vorgerechnet, welches Wissen der Welt vorbehalten bleibt. Und wenn sich Verlage dann einmal darauf einliessen, zu erklären, wie sie zu den hohrenden Summen für wissenschaftliche Zeitschriften kommen, haben wir innerlich den Kopf geschüttelt: Halt Leute von Vorgestern. o.o o.O O.O LOL ROFL n00bs :-) (^o^)
Das klang alles ärgerlich, aber irgendwie schien es, dass wir am Ende eh gewinnen würden. Vielleicht würde es ein paar Generationen dauern, aber es würde sich schon irgendwie regeln. Kein Medium bleibt ungeknackt. Kein Geschäftsmodell lebt auf ewig. (Jetzt erinnert das schon ein wenig an die Haltung, die Thomas Kuczynski in seinem Dialog mit meinem Urenkel schrieb, nämlich dass er als Kommunist nicht daran zweifelt, dass der Kommunismus kommen wird, sondern dass er sich nur fragt, wie lange es dauert und was getan werden kann, um dieses Kommen zu beschleunigen. Tja…)
Und sicher: Gerade bei der Wissenschaft konnten wir immer darauf verweisen, wie viele Krankheiten nicht geheilt, wie viel Wissen über das Heilen von Krankheiten oder das Verhindern von Unfällen et cetera nicht geteilt wurde, alles wegen den aktuellen Urheberrechtssystemen. Auch das wird Menschenleben gekostet und die Qualität des Lebens von anderen Menschen eingeschränkt haben. Zumindest einige von uns wird das wütend gemacht haben. Aber ehrlich: Das war inhaltlich richtig, allerdings schwer greifbar. Kim Dotcom in Neuseeland am Strand war ein viel greifbareres Bild.
Doch jetzt haben wir es: Ein Opfer des Urheberrechtssystems. Sicherlich: Niemand – nun ja, vielleicht ein bestimmter Staatsanwalt – wird daran ursächlich Schuld sein, dass Aaron Swartz seine schlussendliche Entscheidung traf. Und sicher werden viele, die wir hier, von „der guten Seite“ aus, als mitverantwortlich sehen, sich bestürzt zeigen.
Was soll das immer noch?
Aber seien wir doch einmal ehrlich, offen und direkt: Das ist doch Unsinn.
Das gesamte Urheberrechtssystem, die ganzen Argumente der Contentindustrie und Verlage, die ganzen Drohungen mit dem Gesetz, das ist alles einfach nicht mehr lustig. Es ist keine Auseinandersetzung um Geld und Macht mehr, es geht offenbar um Menschenleben. Und wir wissen es ja auch alle. Wenn wieder einmal behauptet wird, das Urheberrecht müsste dazu beitragen, Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren fair zu entlohnen, denken wir doch alle, dass das Unsinn ist. Wir wissen es. Quasi niemand der oder die schreibt, singt, malt lebt vollständig davon. Quasi niemand hat es bislang getan. Dafür ist das Urheberrecht nicht da und dafür war es auch nie da. Es war einmal dazu da, die gesamte Gesellschaft und deren Fortschritt zu fördern und es ist heute dazu da, um Geld einzuspielen. Und gerade nicht für die kleinen, netten, kulturell oder politsch engagierten Verlage, Labels, Filmstudios und so weiter, die ständig um das Überleben kämpfen und niemand ordentlich bezahlen können und von ständiger Selbstausbeutung leben. Auch das wissen wir. Und wir wissen doch auch, dass es bei den Kosten für wissenschaftliche Publikationen nicht um Qualitätssicherung geht. Wir – jetzt als Studierende und Lehrende im Bibliothekswesen – haben es doch oft genug in unseren Seminaren durchgesprochen, gelehrt und irgendwie versucht, objektiv alle Seiten darzustellen. (Wobei wir einfach objektiv sagen könnten: Wenn BWLerinnen und BWLer Verlage leiten, machen sie halt das, was sie gelernt haben. Es ist nur nicht gut für die Gesellschaft, dass sie das tun.) Vielleicht ist es der Jahresanfang, aber mir scheint, dass wir – jetzt nicht unbedingt das Bibliothekswesen, aber die Leute, die wissen, was Chanspeak heisst und wieso Kim Dotcom lustig ist – zu lange gespielt haben. Mag sein, dass das Urheberrechtssystem und alles was daran hängt, irgendwann eingehen wird. Aber mir scheint, dass die Entscheidung von Aaron Swartz – die, um das klar zu sagen, eine persönliche war, die man nicht als Fanal umdeuten sollte – einen ersten Endpunkt markiert. Hier bringt sich jemand, der relevant war für die Entwicklung des Internets und der Open Access Bewegung, wie wir sie kennen, um, weil er wegen absurder und moralisch falscher Gesetze bedroht wird. (Wieder: Gewiss nicht nur deshalb, aber auch deshalb.) Das darf nicht sein. Das muss aufhören. So einfach ist das.
Vielleicht sind das viel zu unausgegorene Gedanken, vielleicht ist es auch die Midlifecrisis, aber mir scheint, dass jetzt ein Zeitpunkt ist, wo eine radikale Bewegung gegen dieses Urheberrechtssystem nötig und möglich wäre. Es wurde schon oft gesagt, aber: Menschen sterben deswegen. Das gesamte System ist unmoralisch. Alle, die es aufrecht erhalten oder verschärfen wollen, sind auf der moralisch falschen Seite. Alle, die es weiter nur reformieren wollen, sind auf der moralisch falschen Seite. Alle, die weiter implizit darauf hoffen, dass man es mit Witz umgehen kann und es schon absterben wird, haben nicht Unrecht, sollten sich aber fragen, ob es nicht moralisch richtiger wäre, endlich klare Forderungen zu erheben und die, die Unsinn reden, auch so zu nennen: Die, die Unsinn reden; weil sie zuviel Geld verdienen wollen, weil sie nicht wissen, was sie erzählen und / oder weil sie moralisch falsch sind.
Bei SOPA haben wir gesehen, dass sich Gesetze verhindern lassen. Jetzt gälte es zu beweisen, dass Urheberrechtssysteme – die ja, wie alles Recht, zuvorderst menschengemacht sind – abgeschafft werden können. Dieses ganze Gedöns, dass zum Beispiel die Piratenparteien veranstalten, mag ja manchmal nett sein, aber es ist nicht ausreichend. Was die Welt eigentlich bräuchte, wäre eine starke Bewegung, die mit Massenaufläufen und klaren Positionen zeigt, dass es Zeit ist, alle Inhalte zu befreien. (Dabei geht es nicht darum, in den Tod von Aaron Swartz im Nachhinein einen Sinn zu interpretieren. Es geht darum zu sagen, hier ist offenbar geworden, was das Urheberrecht und seine Durchsetzung anrichten.) Manchmal ist es vonnöten, angriffig zu sein. In einer solche Situation ist es vonnöten, angriffig zu sein.







