Schulbibliotheken in Berlin, 2014. Leichter, aber bemerkbarer Abwärtstrend?

Anbei die Auswertung der Recherche zu den Schulbibliotheken in Berlin, welche ich seit 2008 jährlich im April durchführe. Die Methodik dazu wurde an anderer Stelle schon geschildert, insbesondere ihre Grenzen. Die Recherche wurde zwischen am 01. und dem 04. April 2014 durchgeführt. Grundsätzlich basiert die Recherche auf den Selbstdarstellungen der Schulen auf ihren Homepages, was immer auch heisst, dass das, was sie nicht einstellen, nicht sichtbar ist. Ebenso ist das, was sie einmal einstellen, aber nie verändern, sichtbar, auch wenn es nicht mehr der Realität in der Schule entspricht. Insoweit sind die Zahlen als ungefähre Aussagen zu verstehen. Nicht jede Schulbibliothek, die in Berlin existiert, wird verzeichnet sein; ebenso werden einige Schulbibliotheken, die geschlossen wurden, weiter als existent geführt werden. Es sind aber immer noch die besten Daten, die wir haben. (Die Angaben im offiziellen Schulverzeichnis der Stadt Berlin zu den Infrastrukturen in den Schulen sind noch weniger zuverlässig.) Zudem kann man immer fragen, ob eine Schulbibliothek, die nicht auf der Homepage ihrer Schule auftaucht, überhaupt eine wirkliche Bedeutung im Schulbetrieb hat.

Auffälligkeiten im Bezug auf die Schulen

Auffällig war in diesem Jahr:

  • Die Schulen haben die Schulprogramme, welche sie seit 2006 erstellen und beständig (eigentlich in einem schulweiten Prozess) neu schreiben müssen, zu grossen Teilen wieder von den Homepages genommen. In den letzten Jahren fanden sich Hinweise auf Schulbibliotheken oft nur in diesen, schnell überholten, Schulprogrammen. Der Fakt, dass viele Schulen ihr Programm nicht mehr offen präsentieren, obwohl sie von der Schulverwaltung als Teil der Strukturreform konzipiert wurden, ist interessant. Für die Recherche nach Schulbibliotheken heisst dies vor allem, dass sich die Datenlage ändert.

  • Die Strukturreform im Berliner Schulwesen ist weit vorangeschritten. Es gibt in diesem Jahr schon weit weniger Schulen als noch im letzten. Die Zweigliedrigkeit in der Sekundarstufe (Gymnasium / Integrierte Sekundarschule) ist durchgesetzt; nur noch sehr wenige Schulen existieren, die nicht inklusiv (also sowohl Grundschule / Sekundarschule und Schule mit besonderem Förderbedarf) sind; ebenso sind eine ganze Anzahl von Gemeinschaftsschulen (also Schulen, die durchgängig von der ersten bis zur zehnten bzw. zwölften/dreizehnten Klasse besucht werden können) eingerichtet worden, deshalb ist insbesondere die Zahl der Grundschulen, die jetzt in diesen Gemeinschaftsschulen aufgegangen sind, gesunken. Gleichzeitig ist das Schulwesen in Berlin weiter in Bewegung. Neue Schulen wurden gegründet, andere scheinen geschlossen oder mit anderen zusammengelegt zu sein, gleichzeitig sind einzelne Filialen (wieder) zu eigenständigen Schulen geworden. So beweglich wie die Stadt und die Stadtbevölkerung ist, ist dem folgend auch das Schulwesen Berlins.

  • Der Mangel an Lehrerinnen und Lehren scheint in Berlin – das ansonsten immer damit wuchten konnte, das es Berlin ist und allein deshalb viele Menschen in der Stadt arbeiten wollen – angekommen zu sein. Eine ganze Reihe von Schulen, insbesondere Grundschulen, ist dazu übergegangen, auf ihren Homepages Stellen auszuschreiben. Dies gilt nicht nur für Privatschulen (staatlich anerkannte Ersatzschulen), die das schon immer taten, sondern auch für staatliche Schule. Gesucht werden dort Lehrerinnen und Lehrer (beziehungsweise Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter) sowie Erzieherinnen und Erzieher, nicht aber anderes Personal, wie solches für Schulbibliotheken, Mensen und so weiter.

  • Die Breite der Qualität der Schulhomepages ist weiterhin sehr gross. Das Angebot von Content Management-Systemen ist nicht von allen Schulen genutzt worden. Dies ist nicht nur eine ästhetische Frage (obgleich einige der Homepages immer noch als Beispiel für das Webdesign der späten 1990er Jahre gelten können), sondern auch eine inhaltliche. Schulen, die selten aktualisierte, schlecht gestaltete Homepages einsetzen – obwohl sie dies nicht mehr müssten, da sie zum Beispiel von Verein cids (Computer in Schulen) dabei kostenfrei unterstützt werden, ihre Homepage mit einem CMS zu betreiben – können diese Homepage weniger zur Kommunikation mit der Aussenwelt einsetzen. Sicherlich ist dies nicht die Hauptaufgabe der Schulen, die immer noch vorrangig Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebens- und Lernweg begleiten sollen, aber doch eine immer wichtiger werdende Herausforderung. Dies ist auf einigen der besser gestalteten Homepage zu sehen, die nicht nur aktuell gehalten sind und damit das Schulleben dokumentieren, sondern auch als Kommunikationsmittel benutzt werden. Für die Recherche nach Schulbibliotheken ist dies relevant, da weiterhin vor allem kleine Schulen und Grundschulen keine oder selten aktualisierte Homepages einsetzen und zudem zumindest der Eindruck entsteht, dass Schulen mit vielen Problemlagen eher weniger gute Homepages aufweisen, was im Umkehrschluss heisst, dass offenbar Sekundarschulen, grössere Schulen und Schulen mit wenigen Problemlagen ihren Schulalltag besser dokumentieren und deshalb ihre schulischen Einrichtungen, wie auch Schulbibliotheken sichtbarer sind.

Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2014

Ein erster Blick auf die Ergebnisse ist in folgender Tabelle gegeben.

Auswertung, Teil 1

Auswertung, Teil 1 (Klick für grössere Darstellung)

Sichtbar ist hier, dass Schulbibliotheken vor allem in Grundschulen und Gymnasien betrieben werden. Dass ist noch keine Aussage über die Form und Qualität der Schulbibliotheken. Es gibt zahlreiche gut ausgestattete Einrichtungen mit zahlreichem Personal, aber auch solche, die eher klein scheinen. Bei einigen Schulbibliotheken ist zu fragen, ob sie nicht eher freie Bücherecken darstellen. Ein Grossteil der hier gezählten Schulbibliotheken wird einfach unter solchen Kategorien wie „Ausstattung unserer Schule“ oder „Infrastruktur“ angeführt, was auf ihr Vorhandensein hindeutet, aber keine weiteren Aussagen zulässt.

Sichtbar ist auch, dass Schulbibliotheken in einer grossen Minderheit der Schulen in Berlin betrieben werden, im Umkehrschluss also die meisten Schulen in Berlin ohne Schulbibliotheken arbeiten. Dies gilt trotz der aus dem Bibliothekswesen, in Berlin aber vor allem aus der Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg e.V., vorgetragenen Argumentation für Schulbibliotheken. Gleichzeitig zeigen die Schulbibliotheken, bei denen dies zu erkennen ist, dass das Personal in den Schulbibliotheken – vor allem Ehrenamtliche sowie Schülerinnen und Schüler – sich stark engagieren.

Ein Vergleich mit den Daten der Jahre 2008 bis 2013, die mit der gleichen Methodik erhoben wurden, zeigt den Entwicklungstrend der Schulbibliotheken in Berlin auf. (Zu beachten ist dabei, dass die Integrierten Sekundarschulen im Schuljahr 2010/2011 aus Haupt- und Realschulen gebildet wurden, 2011/2012 aber noch einige dieser Haupt- und Realschulen existierten.)

Tabelle 2

Auswertung, Teil 2 (Klick für grössere Darstellung)

Eine graphische Darstellung dieser Entwicklung (nach Prozentzahlen) macht die Entwicklung deutlicher.

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2014

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2014 (Klick für grössere Darstellung)

Bis 2011 findet ein beachtliches Wachstum statt, anschliessend bewegt sich die Zahl der Schulen mit Schulbibliotheken in Berlin beständig zwischen 30% und 35%, wobei noch einmal daran erinnert werden muss, wie prekär die Datenlage ist. Im Jahr 2014 scheint es sogar zu einem gewissen Rückgang der aktiv betriebenen Schulbibliotheken gekommen zu sein. Dieser Rückgang ist nicht massiv, aber merklich. Es scheint keinen Zusammenbruch der Bemühungen um Schulbibliotheken anzudeuten, aber eine gewisse Abkühlung der Gründungsbemühungen. Dabei ist relevant, dass eine Reihe dieser Gründungen mit den Schulstrukturreformen in Berlin zusammenfiel.

Diese Tendenz wird in einer Zusammenschau der Schulhomepages genauer fassbar. Während weiterhin Schulbibliotheken gegründet wurden (z.B. in der PepperMont-Sekundarschule für ganzheitliches Lernen oder der Trelleborg Schule, Pankow. In der Bertolt Brecht Oberschule wurde 2014 die bis dato Öffentliche Bibliothek im Schulgebäude übernommen.), gibt es immer mehr Hinweise auf geschlossene Schulbibliotheken (Z.B. in der Bouché Schule, Treptow-Köpenick oder der Hauptmann von Köpenick Schule, Treptow-Köpenick) oder auch eventuell gescheiterte Projekte, welche eine Schulbibliothek gründen sollten, aber bei denen diese Bibliothek nicht zu finden ist. (Z.B. in der Paula Fürst Schule, Charlottenburg-Wilmersdorf und der Wilhelm von Humboldt Schule, Pankow)

Ob sich das Jahr 2013 als Höhepunkt der aktuellen Entwicklung in den Schulbibliotheken in Berlin darstellt und ob die Abkühlung dazu führen wird, dass Schulbibliotheken in Berlin wieder seltener werden, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Dann würde sich allerdings auch die Frage stellen, warum es zu diesem Wachstum der Schulbibliotheken kam. Ein Zusammenhang mit der Schulstrukturreform zumindest ist zu vermuten. Gleichzeitig ist in diesen Jahren die schon genannten Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin Brandenburg aktiv geworden.

Letztlich muss aber darauf verwiesen werden, dass auch diese kleiner werdende Zahl noch 226 Bibliotheken darstellt, die allesamt von mehreren Personen betrieben werden und so von mehreren tausend Kindern und Jugendlichen genutzt werden können. Es gibt immer auch beachtlich langlebige und ausgebaute Einrichtungen.

Auffällig ist, dass die Namen, die in den Schulen für die Bibliotheken verwendet werden, immer mehr differenzieren. Es finden sich neben den „Bibliothek“ und „Bücherei“ (in mehreren Zusammensetzungen wie Schulbücherei oder Schülerbibliothek) auch „Leseraum“ (Stötzner Schule, Reinickendorf), „Bücherinsel“ (Evangelische Schule Pankow, Pankow, Wetzlar Schule, Neukölln), „Lesestübchen“ (Grundschule an den Buchen, Pankow), „Medienzentrum“ (Hannah Höch Grundschule, Reinickendorf), „Medienschatzinsel“ (Melli Beese Schule, Treptow-Köpenick), „Leseclub“ (Schule am Regenweiher, Neukölln), „Mediathek“ (Schule an der Victoriastadt, Lichtenberg, Gottfried-Keller-Oberschule, Charlottenburg-Wilmersdorf) und „Mediothek“ (Carl Friedrich von Siemens Oberschule, Spandau, Carl-von-Ossietzky-Schule, Friedrichshain-Kreuzberg). So divers, wie das Schulwesen (und anderes) in Berlin ist, so unterschiedlich sind offenbar auch die Schulbibliotheken und das Verständnis davon, was sie tun sollen. Anzumerken ist zudem, dass sich die meisten Einrichtungen auf das Medium Buch konzentrieren. Einige andere erwähnen Zeitungen und Zeitschriften, aber andere Medienformen, insbesondere elektronische, finden nur sehr selten eine Erwähnung, obgleich fast alle Schulen in Berlin heute „kreidefrei“ (also mit interaktiven Whiteboards ausgestattet) zu sein scheinen.

Karsten Schuldt, Zürich und Berlin

Recherche als PDF. Schulbibliotheken in Berlin, 2014 (Recherche)

Siehe auch

Miteinander reden, über die Situation informieren. Etwas anderes als Marketing.

In meinem Weiterbildungskurs an der FH Potsdam wurde ich des letztens gefragt – weil ich der Bibliothekswissenschaftler im Raum war, wurde mir gesagt, aber… okay –, was Bibliotheken tun könnten, um ihren Ruf zu verbessern. Die Frage wurde mir schon ein paar Mal gestellt und ich habe keine Ahnung, warum gerade ich die beantworten können sollte. (Bestimmt wird sie einfach vielen Leuten gestellt.) Mich irritieren solche Fragen. Nicht nur, weil ich nicht sehe, was ich zu ihrer Antwort beitragen kann, sondern auch aus einem anderen Grund: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was das Problem der Bibliotheken mit ihrem Ruf ist. Er ist doch erstaunlich gut. Vor einigen Jahren habe ich in Berlin Proteste für den Erhalt von Bibliotheksfilialen beobachtet und beschrieben, in der Schweiz oft genug von der Bibliotheksinitiative St. Gallen oder Protesten für Bibliotheken in Luzern gehört. Und immer wieder scheint mir, dass da erstaunlich viele Menschen mit einer erstaunlich positiven Meinung von Bibliotheken auftauchten und der Meinung waren, die müssten existieren.

Ich frage mich oft, ob die Frage vielleicht etwas falsch gestellt wird. Geht es wirklich darum, das Bild der Bibliotheken zu verändern? Ich habe oft das Gefühl, dass die Bibliotheken sich untereinander gerne gegenseitig das Zeugnis ausstellen, dass der Rest der Welt sie eher als alt, unnötig und so weiter ansehen würde, während der Rest der Welt gar nicht dieser Meinung ist, sondern vor allem Bibliotheken, die dem Versprechen, modern zu sein, auch folgen können, tatsächlich als modern wahrnehmen. Es scheint eher darum zu gehen, dass Bibliotheken gerne etwas in der Hand hätten, um nicht bei ständig bei den Etatverteilung übergangen zu werden und ständig zusammen gestrichen zu werden. Aber das ist etwas anders: Einen wirklich guten Ruf haben und den Etat zusammengestrichen zu bekommen kann man beides auf einmal haben.

Insoweit: richtig etwas zu der Frage beizutragen habe ich nicht, auch wenn sie offenbar eine ganze Anzahl Kolleginnen und Kollegen interessiert.

Aber: Ich würde gerne auf einen kurzen Text (der trotzdem seine Längen hat) in der aktuellen Nummer der School Library Research hinweisen. Ich dachte mir beim Lesen, dass der vielleicht etwas zum Thema beitragen kann: Everhart, Nancy ; Mardis, Marcia M. / What Do Stakeholders Know about School Library Programs? Results of a Focus Group Evaluation. In: School Library Research 17 (2014), http://www.ala.org/aasl/sites/ala.org.aasl/files/
content/aaslpubsandjournals/slr/vol17/SLR_StakeholdersKnow_V17.pdf
.

Der Text geht von einem Programm in Pennsylvania aus, dass unter anderem versuchte, mehr Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger für positive Entscheidungen über Schulbibliotheken zu gewinnen. Die Situation wird ziemlich offen beschrieben:

„The profession of school librarianship has bolstered itself on a foundation of impact studies that have linked strong school library programs and the existence of a certified school librarian to student achievement [...]. However, that research has never been well disseminated beyond the profession, and when it has been, administrators, policy makers, parents, and the general public have often ignored or dismissed the results [...]“ (Everhart & Mardis 2014, 1f.)

Angespielt wird hier auf die zahlreichen Studien, die der sogenannten Ohio-Studie nachempfunden wurden und in denen die Ausstattung von Schulbibliotheken mit den Ergebnissen von Schülerinnen und Schülern in den standardisierten Tests, die in den USA verbreitet sind, in einen Zusammenhang zu setzen versuchten. Es ist nett, dass jemand klar sagt, dass diese Studien nicht so überzeugend sind, wie das in Bibliothekskreisen oft gedacht wird. [1]

Aber das ist nicht das Interessante am Text. Interessanter scheint mir vielmehr der Versuch, es anders zu machen. Eigentlich ist dieser Versuch recht einfach: Es wurden Fokusgruppen einberufen, vor allem mit Leuten, die schon an Schulbibliotheken interessiert waren, die irgendwas mit der Community einer Schule oder einer Schule zu tun hatten, und dann mit ihnen in den Fokusgruppen an der Frage gearbeitet, welche Teile eines School Library Programs (muss man auch erstmal haben, Schulbibliotheken mit eigenen, niedergeschriebenen Programmen) die für die anwesenden Personen Wichtigsten waren. Klingt nicht unbedingt spannend. Aber es hat seinen Einfluss.

Die Fokusgruppen waren immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: (Everhart & Mardis 2014, 3) (1) Ankommen / Begrüssung, (2) Informationen über den Status Quo der Schulbibliotheken in Pennsylvania, (3) geleitete Diskussion über die wichtigen Teile von Schulbibliotheksprogrammen, (4) Konsensbildung dahingehend, wie die wichtigen Teile der Programme zu gewichten sind, (5) Diskussionen der Schritte, welche die jeweiligen Schulbibliotheken unternehmen sollten, um die gewählten Punkte zu stärken. Sichtbar ist hier, dass die Fokusgruppen nicht – wie sonst oft – unbedingt dazu da waren, Meinungen einzusammeln. Es war keine Marketingstudie. Die Ergebnisse waren auch je nach Schule unterschiedlich. (Everhart & Mardis 2014, 5f.)

Interessant waren die Ergebnisse einer „Nachevaluation“. [2] Die Befragten dieser Nachevaluation, welche selbstverständlich eine Auswahl darstellten, gaben an, (1) davon überrascht gewesen zu sein, wie die Situation der Schulbibliotheken tatsächlich ist und mit welchen Argumenten diese zusammengestrichen werden [3], (2) daran ein Interesse entwickelt zu haben, zu erfahren, was in den Schulbibliotheken eigentlich genau getan wird, was also die heutige alltägliche Arbeit darstellt und (3) ein Interesse an Updates über die jetzige Situation von Schulbibliotheken in Bundesstaat zu haben.

Oder anders gesagt: Das Arbeiten in kleinen Gruppen (und nur für ein paar Stunden) am Thema Schulbibliotheken führte zu einem recht anhaltenden Interesse, dass allerdings wachgehalten werden muss. Dabei wurden die Personen, die an den Fokusgruppen teilnahmen, als Stakeholder ausgewählt und eingeladen.

Lässt sich daraus etwas für Bibliotheken in Deutschland oder der Schweiz lernen? Maybe. Mir scheint das Vorgehen, einfach Leuten direkt zu sagen, was Sache ist, also wie in Bibliotheken gearbeitet wird und wie ihr Etat, ihre Infrastruktur und so weiter zusammengestrichen wird, erfolgsversprechender, als schöne Bilder aus Bibliotheken. Vor allem scheint mir die ernstgemeinte Einladung, an den Strategien von Bibliotheken aktiv mitzuarbeiten, sinnvoll: Nicht fragen, was die Stakeholder wollen und dann versuchen, zu erraten, was sie damit genau meinen; sondern direkt einladen, mit den Schulbibliothekensprogrammen zu arbeiten und weitere Schritte vorzuschlagen. Sicherlich wäre bestimmt ein Argument, dass einfach alle davon überzeugt, dass Bibliotheken dufte sind und dafür sorgt, dass sie ausfinanziert werden, auch schön. Das gibt es nicht. Der Weg, der in diesem Text angelegt ist, scheint eher langwierig, arbeitsreich und bedeutet auch, die Steuerung der Bibliothek zum Teil abzugeben. Aber vielleicht ist das ja ein Weg. Immerhin erwähnen die Autorinnen im Abstract des Textes (Everhart & Marica 2014, 1), dass es bei diesem Vorgehen darum ging, Kontakte nicht erst aufzubauen, wenn es eine Krise gibt, sondern schon im „normalen Betrieb“. Solche Kontakte versprechen, belastbarer zu sein und in the long run mehr zu nützen. [4]

Fussnoten

[1] Was nicht heisst, dass es nicht genau die andere Position nicht auch gäbe, welche argumentiert, die Studien müssten als Argumentationsgrundlage nur richtig angewandt werden. Das geht so weit, dass aufgeschrieben wird, mit welcher Seite bei welchen Personen zu argumentieren wäre. (Kachel, Debra E. / Research that Resonates: Influencing Stakeholders. In: School Library Monthly 29 (2013) 8, http://www.schoollibrarymonthly.com/articles/Kachel2013-v29n8p5.html) Und immerhin: Die Ohio-Studie und ähnliche werden weiterhin auch in gefühlt jedem dritten deutschsprachigen Text über Schulbibliotheken angeführt.

[2] Was man heute halt so alles Evaluation nennen kann: Es waren teil-struktierte Interviews mit Teilnehmenden der Fokusgruppen, allerdings einige Monate nach den Treffen.

[3] „Almost all of the interviewees mentioned that they were surprised at the extent of the cuts to library programs and the inequality of programs throughout the state.“ (Everhart & Mardis 2014, 8)

[4] Und es erinnert sehr an die Beispiele, die Robert Putnam und Lewis Feldstein in Better Together als Vorbilder für den Aufbau von Sozialkapital ausgewählt hatten – face-to-face Kontakte, kleine Gruppen, langfristige Kontakte. (Putnam, Robert ; Feldstein, Lewis / Better Together : Restoring the American Community. New York: Simon & Schuster, 2003) Vielleicht ist es also auch sehr US-amerikanisch und funktioniert in Europa nicht auf die gleiche Weise. Das würde ich aber bezweifeln.

Es gibt Vorbehalte gegen RDA?

In den letzten Tagen haben wir als Redaktion an der aktuellen Ausgabe der LIBREAS gearbeitet. Der Schwerpunkt lautet Zukünfte; wenn alles funktioniert, sollte die Ausgabe auch in den nächsten ein, zwei Wochen draussen sein (aber das soll kein Versprechen sein, wir machen das ja alle „nebenher“). Ein Thema, dass in dieser Ausgabe nicht wirklich behandelt werden wird, ist die Katalogisierung, also die Zukunft der Katalogisierung. Das ist irgendwie absurd: die Einführung von RDA steht vor der Tür, FRBR ist ein tatsächlich mal ein spannendes Dokument Katalogtheorie und die Diskussion drumherum anregend. Bibframe – auch, irgendwie. [Wer mit RDA, FRBR, Bibframe nichts anfangen kann, wird hier vielleicht aussteigen. Fair enough, aber nur der Hinweis: das sollte man sich mal zu Gemüte führen. Es ist erstaunlich.] Das lässt sich wohl auch nicht mehr aufhalten, Ende des nächsten Jahres sollte in den Nationalbibliotheken im D-A-CH-Raum und auch in zahlreichen der Bibliotheksverbünde mit RDA gearbeitet werden.

Ich persönlich versuche zu jeder sich bietenden Möglichkeit, RDA und FRBR zu präsentieren. „Meine“ Studierenden müssen das wohl alle mehrfach über sich ergehen lassen. Und auch wenn ich nicht unbedingt allem in RDA und FRBR folge, denke ich, dass die Thesen in FRBR und die Debatten, die sich darum entsponnen haben, eine Sternstunde die theoretischen Debatten im Bibliothekswesen darstellen: Es wird hier nicht nur um Regeln und deren Anwendung gestritten, sondern um die Frage, wie die Kataloge aussehen werden, was sie tun können sollten und was sie wirklich tun werden, wie Menschen denken und wie das bibliothekarische Metadatenuniversum aussehen wird. Die Cataloging & Classification Quarterly ist wegen diesen Debatten in den letzten Jahren zu meiner ständigen Lektüre geworden, alles was solche Kolleginnen und Kollegen wie Maja Žumer veröffentlichen, wird von mir sofort weggelesen.

Nicht verhandelt wird bislang die Frage, was genau dies alles für die Katalogpraxis bedeutet. [Die Kollegin Blumer und ich haben das, wenn das bisschen Eigenwerbung erlaubt ist, letztens immerhin als Frage dargelegt, in: Blumer, Eliane ; Schuldt, Karsten (2013) / Alle Bibliotheken können die Zukunft der Katalogisierung gestalten. In: arbido 28 (2013) 4, S. 17-18] Aber mir scheint das auch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis dieses Thema wichtig wird.

Lieber nichts sagen?

Und dennoch: Obgleich ich und genügend andere von der Relevanz und Interessantheit des Themas überzeugt bin, obwohl die Einführung von RDA vor der Tür steht, wird sich in der nächsten LIBREAS kein Text dazu finden. Warum?

Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Aber bei allen Anfragen zum Thema haben wir Absagen erhalten. Und die mit einer interessanten Begründung. Es war nicht so, dass nur die „normalen“, und immer auch berechtigten Gründe, wie „gerade zu wenig Zeit“ oder „nicht so wirklich was zum Thema sagen zu können“, angeführt wurden. Vielmehr habe ich mehrfach, von unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Positionen gehört, dass es schon genügend Probleme bei dieser Einführung gäbe und das der Widerstand dagegen schon zu gross wäre – und deshalb lieber nicht zum Thema publiziert würde. Oder zumindest nicht in der LIBREAS. [Was natürlich zu der Frage führt, wie hier die LIBREAS wahrgenommen wird. Das sie Studierendenzeitschrift genannt wird – was Unsinn ist, niemand von uns studiert mehr, aber es ist bestimmt schön einfach, sich mit dieser Behauptung von uns abzugrenzen, wozu und warum auch immer –, bin ich einigermassen gewohnt. Aber offenbar sind wir auch ein Publikationsort, der die Artikel, die bei uns erscheinen, gleich etwas mehr angriffiger macht. Interessant.] Ich habe zudem jetzt auch schon ein paar Mal gehört, dass auf Veranstaltungen zum Thema negative Reaktionen aufkamen.

Offenbar gibt es eine negative Wahrnehmung von RDA und FRBR. So negativ, dass sogar eine Diskussion über das Thema schwierig erscheint.

Ich muss zugeben, dass mich das immer wieder vollkommen überrascht. Warum ist das so? Tatsächlich muss ich zugeben, dass mich diese Vorstellung immer wieder irritiert. Mir scheint, dass es bei diesem Thema einen absonderlichen Gap zwischen den Möglichkeiten des grossen Projektes Neue Katalogisierungsregeln und den Ängsten oder Wahrnehmungen des Projektes in den Bibliotheken gibt. Nochmal: In meiner Wahrnehmung stellt FRBR und RDA eine seltene Leistung des Bibliothekswesens dar. Bibliotheken haben sich hier darauf eingelassen, zu sagen, dass sie die gesamte, eher implizite, Katalogtheorie aufarbeiten und neu fassen wollen. Und, dass sie sich dabei auf die Realität und die realen Anforderungen an Kataloge stützen wollen. Erstaunlich offen und radikal. Ich finde zum Beispiel die relativ grosse Offenheit des Regelwerks (offenbar einer der Kritikpunkte an ihm) äusserst sinnvoll. Es ist ja nicht so, dass das heute wirklich anders gehandhabt würde (Stichwort Hausregeln), nur halt ohne das es „erlaubt“ ist. Da denke ich, hat das Regelwerk aus der Katalogisierungspraxis gelernt.

Es ist sinnvoll, nur von oben?

Mir kommt das bekannt vor. Es gibt Projekte, Konzepte und so weiter, die erscheinen einem Teil des Bibliothekswesens als vollkommen sinnvoll und notwendig. Aber in der Umsetzungspraxis stellt sich heraus, dass ein grosser Teil der von den Projekten betroffenen Kolleginnen und Kollegen damit gar nicht einverstanden ist. Ein Gap. Wer das nicht als Problem akzeptiert, kann sehr schnell darauf verfallen, alle anderen als verständnislos („they just don’t get it, man“), faul und ängstlich („die wollen halt immer nur dit machen, wat se schon kennen“) oder an sich gegen jede Veränderung eingestellt ansehen. Oder aber das als eine Art Intrige interpretieren. („Die sind alle jejen mir, weil ick jung bin / Deutscher bin / Ossi bin / studiert hab“) Das ist dann ein Position, in der man sich selber gut im Recht fühlen kann, ohne das sich was verändert. Nur handelt man sich damit nicht nur oft eine interne Lähmung von Bibliotheken ein (Ich schaue mal keine direkt an, aber ich weiss genauso gut wie offenbar alle im Bibliothekswesen von Einrichtungen zu berichten, in denen ein beständiger Kleinkrieg innerhalb des Personal oder zwischen Personal und Chefetage herrscht.), sondern auch, dass man gar nicht mehr richtig wahrnehmen kann, was eigentlich das Problem ist.

Das Problem ist halt selten so, wie es erscheint. Meist geht es ja zum Beispiel gar nicht darum, dass niemand die eigene Arbeit umstellen würde, wenn es Sinn macht, sondern darum, dass man im Laufe des Arbeitslebens gelernt hat, dass die meisten Projekte, Umstellungen, Veränderungen, die „von oben“ kommen eher, mehr Arbeit ohne jeden Ausgleich oder Gewinn bedeuten. Oder aber, dass es eh egal ist, weil die Chefetage die eigenen Projekte, Veränderungen und so weiter nach einer gewissen Weile selbst vergisst. (Kommt halt zum Teil auf die jeweilige Einrichtung an.) Oft ist es auch so, dass die Chefetage, die Leute an den Hochschulen, in den Verbänden einen anderen Überblick zum jeweiligen Projekt haben. Bei RDA zum Beispiel: Die Kataloge werden anders und besser und flexibler, die Katalogisierungspraxis wird intellektueller – meine Sicht. Die Arbeit wird mehr und anders, ohne das klar ist, wieso – vielleicht die Sicht der Katalogisierenden. Nicht immer müssen diese unterschiedlichen Wahrnehmungen an Informationsunterschieden liegen. Manchmal stimmen sie auch alle oder beide stimmen gar nicht.

Wie das diskutieren, ohne sich aufzugeben?

Für mich ist dieser Fakt, dass es einen gewissen Widerstand gegen FRBR, RDA etc. zu geben scheint, nur einer der zahlreichen Hinweise darauf, dass es in den deutschsprachigen Bibliothekswesen nicht so richtig eine Kultur der aktiven Auseinandersetzung zwischen den unterschiedlichen Ebenen und Institutionen gibt. Immer wieder scheint mir sehr viel in den Verbänden, Nationalbibliotheken, Verbundzentralen und Chefetagen, weniger in den Hochschulen, entschlossen und geplant zu werden und dann eher erwartet zu werden, dass das gesamte Personal das auch wichtig findet und mit umsetzt. Bei FRBR, RDA etc. fällt mir dies nur besonders auf, weil ich einmal auf einer Seite stehe. Bei Informationskompetenz ist mir das zum Beispiel recht egal. Da kann ich mir die Argumente, Projekte, Umsetzung objektiver anschauen; aber mir ist recht egal, was damit passiert. Ich konnte die Begeisterung für Informationskompetenz nie nachvollziehen; aber bei RDA entwickle ich selber Begeisterung. (Was selbstverständlich auch ein Hinweis dazu ist, was ich sinnvoll finde.) Das ist schon interessant, weil ich ehrlich gesagt immer noch nicht sehe, warum. RDA wird doch die ganze Katalogisierungsarbeit spannender machen, mehr intellektuell herausfordernder. Aber offenbar überzeugt das nicht.

Was mich allerdings erstaunt, ist, dass die Diskussion um FRBR, RDA, Bibframe für mich eigentlich ein gutes Beispiel dafür darstellt, wie man es gut und demokratisch machen kann; wie man möglichst viele der Beteiligten einbeziehen und diskutieren lassen kann, also die Theoriearbeit und die Praxis schon frühzeitig aufeinanderprallen lassen kann. In Englisch. Wir hatten zu dieser Frage eine interessante Bachelorarbeit an der HTW Chur: Die Diskussion um RDA in Englisch und in Deutsch im Vergleich. [Niklowitz Doebeli, Christiane (2013): Die Diskussion um FRBR von 2002 bis 2012: Eine Gegenüberstellung der deutsch- und englischsprachigen Bibliothekswesen (Bachelorarbeit). Chur] Das Ergebnis war ungefähr so, wie ich es auch wahrgenommen hatte: Im Englischen wurde auf den Mailinglisten recht intensiv zu FRBR und RDA diskutiert, mit Beteiligungen aus den Verbänden, Nationalbibliotheken, Hochschulen und der Katalogisierungspraxis. Ebenso waren die Beiträge in den bibliothekarischen Zeitschriften Dikussionsbeiträge, in denen Positionen bezogen wurden, von Experimenten mit RDA berichtet wurde. Das gesamte Konzept stand lange Zeit unter Vorbehalt, es war praktisch im Betamodus. Hingegen wurden in den deutschsprachigen Publikationen und Mailinglisten praktisch nicht diskutiert, es wurde berichtet. Die Ergebnisse von Arbeitsgruppen wurden berichtet, Beschlüsse zu den RDA-Projekten der Nationalbibliotheken und Verbünden wurden berichtet. Es wurde beschlossen und darüber berichtet, nicht zur Diskussion aufgerufen, eigentlich auch wenig das Warum erklärt. Ich gebe zu, es hat eine Weile gedauert, bis ich diesen Unterschied bemerkte, weil ich einfach englische und deutsche Texte nebeneinander als Teil einer Debatte gelesen habe. Aber: Wer nur die deutschen Texte liesst, merkt irgendwann, dass es da eigentlich nicht um Debatten geht. Die werden anderswo geführt (wobei bekanntlich die drei Nationalbibliotheken des D-A-CH-Raumes bei diesen Debatten in Arbeitsgruppen aktiv beteiligt sind, aber dann später auf den Kongressen und in den Publikationen halt davon „nur noch“ berichten). Kurzum: Wenn man es in die falsche Analogie packen will, waren die Debatten um FRBR und RDA im englischen Sprachraum eher WEB 2.0, während sie im deutschen Sprachraum eher WEB 1.0 waren (immerhin: Es gab schnell PDFs mit den deutschen Übersetzungen der wichtigen Texte. Da gibt es nichts zu kritisieren.) Insoweit erschien im englischen RDA auch als das Ergebnis einer längeren Beta-Phase, während es im deutschen Sprachraum quasi von oben entschieden wurde.

Aber zurück zu der Frage: Was kann man aus all dem lernen? Kann man die Vorbehalte gegen RDA ausräumen? Keine Ahnung. Ich fände es erstmal ganz gut, wenn es einen Ort gäbe, wo sich diese Bedenken ohne Probleme äussern könnten. Im englischen scheint mir die Kultur dafür gegeben gewesen zu sein, wenn man sich die Publikationen und Archive der Mailinglisten anschaut. Da wurden Kritiken und Bedenken geäussert, die besprochen – und nicht einfach weggewischt – wurden. In den deutschen Bibliothekswesen hört man das, wenn überhaupt, eher „hintenrum“, wenn es auf Veranstaltungen ausbricht zum Beispiel. Aber es gibt auch, soweit ich das sehe, gar keinen Ort, wo solche Bedenken legitim geäussert werden können, ohne gleich substantiell untermauert, ausformuliert und mit direkt umsetzbaren Änderungsvorschlägen ausgestattet zu sein. (Dann erhält man schnell Zugang zu den bibliothekarischen Fachpublikationen. Aber erst dann.) Es scheint mir nicht so richtig die Kultur zu geben, solche Debatten zu befördern, beispielsweise Entscheidungen dieser Art mit der Aufforderung vorzulegen, über sie zu diskutieren; ergebnisoffen. (Dabei gäbe es zum Beispiel die Möglichkeit, ein eigenes Regelwerk zu formulieren. FRBR als auch Bibframe sind so angelegt, dass sie regelwerksneutral sind. Vielleicht würde so ein Projekt eine solche Debattenkultur ermöglichen.)

Ich habe keine richtige Meinung zu dieser Frage. Ich finde FRBR und RDA wirklich spannend. Es gibt Personen, die mit grossem Engagement daran arbeiten, RDA in den grossen Bibliotheken des D-A-CH-Raumes einzuführen. Mit diesen Regelwerken werden meiner Meinung nach die Bibliothekskataloge und die Bibliotheken besser. Aber gleichzeitig kann ich auch sehen, dass es Gegenmeinungen gibt. Ich kann nicht so richtig sagen, welche Gegenmeinungen, weil sie, wenn überhaupt, nur unvollständig sich äussern oder nur indirekt über die ganz am Anfang des Textes erwähnte Zurückhaltung der Personen, die sich für RDA einsetzen, zu spüren sind. Ich finde aber, die Bibliothekswesen sollten dahin kommen, gemeinsam – und halt nicht nur auf der Ebene von Verbänden oder Chefetage – zu diskutieren. Auch dann wird nicht alles perfekt, die strukturellen Unterschiede zwischen den Positionen in den Bibliotheken werden zum Beispiel weiter reproduziert werden. Aber, der Überzeugung bin ich, es wird wohl etwas besser werden.

Best Practice nicht Best (wahrscheinlich)

„It is generally agreed“, so schreiben drei Kolleginnen von der Queen’s University Library in Kingston, Ontario in einem Artikel in der aktuellen Evidence Based Library and Information Practice, „that the term ‘best practice’ grew out of the manufacturing industry’s interest in and implementation of benchmarking.“  [Druery, Jackie ; McCormack, Nancy ; Murphy, Sharon / Are Best Practices Really Best? A Review of the Best Practice Literature in Library and Information Studies. In: Evidence Based Library and Information Science 8 (2013) 4, http://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP/article/view/20021/15939, p. 111] Das ist selbstverständlich eine Übertreibung. „Best Practice“ wird als Begriff im Bibliothekswesen oft verwendet, aber das dieser eine Geschichte hat, ist wenig bekannt. Die Autorinnen des besagten Artikels gehen von dieser Ungleichzeitigkeit aus. Es gab eine Zeit, in welcher der Begriff definitorisch einigermassen besetzt war und eine Aufgabe umschrieb: Studien, die mit einem quasi-empirischen Ansatz versuchten, zu identifizieren, welche Praktiken für bestimmte Fragen die bestmöglichen waren. Dies war eingebettet in ein Denken, welches davon ausging, dass mittels eines möglichst objektiven Vergleichs von Kennzahlen und Produktivität innerhalb eines bestimmten Marktsegments bestimmt werden könnte, welche Praktiken dazu führen, dass einige Unternehmen erfolgreich sind und andere nicht – und gleichzeitig aus diesen Vergleichen etwas für die Steuerung von Unternehmen gelernt werden könnte. Best Practice Analysen waren eine Methode, um aus diesen Vergleichen zu lernen. (Wie sinnvoll diese Methode war und wie sinnvoll das dahinterstehende Denken ist eine andere Frage.) Heute leben wir in einer Zeit, in der Best Practice als Begriff im Bibliothekswesen ständig genutzt wird, es aber kaum klar zu sein scheint, welche Methode damit gemeint ist oder welches Denken hinter der heutigen Verwendung von Best Practice steht. Die drei Kolleginnen des erwähnten Artikels wollten mit einer Literaturarbeit die Definitionen und Überlegungen im bibliothekarischen Feld klären.

„Clearly, without an understanding in the profession of what is meant when we use the term [best practice], there is some question about how meaningful the body of ‘best practices’ literature is and what insights may be gleaned from it.“ [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 111]

Sie arbeiteten dabei mit einem Konvolut von 113 englischsprachigen Texten, die sie aus einer Recherche in LISTA gewonnen und nach den Prinzipien der qualitativen Inhaltsanalyse auswerteten. Aber wirklich anders scheint mir die Situation in den deutschsprachigen Bibliothekswesen nicht zu sein. Der Begriff wird auch in ihnen beständig verwendet. Der Call for Paper für den kommenden Deutschen Bibliothekstag verwendet ihn, die bibliothekarische Weiterbildung verwendet ihn, VDB und dbv haben erst kürzlich einen Best Practice Wettbewerb durchgeführt. Und das sind nur ein paar herausgegriffene Beispiele.

Was also sind die Ergebnisse der Studie?

  • Die meisten Artikel thematisieren die Praxis in genau einer Bibliothek. Es wird kein Vergleich angeboten, der zeigen würde, warum gerade diese Praxis eine Best Practice wäre. Das heisst nicht unbedingt, dass ein solcher Vergleich nicht vorgenommen wurde, aber er wird nicht dargestellt, was schon ein erstaunliches Vorgehen darstellen würde.

  • Diejenigen, wenigen Artikel, welche ein methodisches Vorgehen nutzen, um eine Praxis als Best Practice zu identifizieren, nutzen vor allem Literaturreviews und Umfragen unter anderen Information Professionals. Allerdings zeigen diese Artikel trotzdem selten, warum die ausgewählten Beispiele die besten für bestimmte Situationen darstellen. Die Literaturreviews scheinen oft unsystematisch durchgeführt worden zu sein, wie die Umfragen ausgewertet wurden, ist oft nicht klar.

  • Die Autorinnen sind – quai dem Vorurteil der netten Kanadierinnen entsprechend – sehr nett bei ihrer Bewertung: “Literature reviews were rarely systematic; where other published papers declared that a particular method was a ‘best practice;’ this was accepted as being accurate.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 114] und “[...], the practices were determined to be best because they were common.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 117] “Of the papers that did attempt to define ‘best practices,’ what emerged was far from a common or shared definition. Definitions included practices resulting in better results, standards drafted by associations or organizations, criteria derived through benchmarking and comparison with ‘successful’ organizations, standards appropriate given the circumstances, and practices which have been shown to lead to best outcomes.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 118] Etwas unhöflicher formuliert: Oft ist nicht klar, warum etwas gut sein soll oder mehr, als “nur” ein Beispiel; wenn einmal formuliert wird, was gut ist, ist diese Definition sehr unterschiedlich. Oder: Best Practice ist mal dies und mal das. Zudem: ”[...], many claims of best practice were based on opinion and anecdotal evidence.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 120] Die Autorinnen und Autoren einzelner Texte bestimmen, was eine Best Practice ist, nicht ein nachvollziehbarer Vergleich zwischen unterschiedlichen Praktiken zur gleichen Aufgabenstellung.

Dieses Ergebnis wird vielleicht nicht überraschen. Zu oft scheint Best Practice heute einfach als Synonym für “Beispiel” oder “Beispielsammlung” verwendet zu werden. Dies scheint weiteres Exempel für einen äusserst lockeren Umgang mit eigentlich definierten Begrifflichkeiten im Bibliothekswesen. Aber solch ein lockerer Umgang – welcher im Alltag seine Berechtigung hat – hat hier Konsequenzen: Best Practice ist nicht mehr die Suche nach einer guten Praxis, sondern ein Begriff, der auf alles mögliche passt: Auf gute Praxis, auf Beispiele, die man aus unterschiedlichen Gründen berichten möchte, vielleicht auch auf Beispiele, die gewählt wurden, weil nichts anderes zu finden war und Einigem mehr. Druery, McCormack & Murphy (2013) berichten vor allem davon, dass unter dem Schlagwort Beispiele aus der Bibliothek der Autorinnen und Autoren der Texte selber vorgestellt werden – was ohne Frage jeweils einen wichtigen Beitrag für die bibliothekarische Diskussion darstellen kann. Aber es ist halt doch wirklich unwahrscheinlich, dass gerade diese Beispiele immer die Best Practice darstellen würden.

Dadurch, dass Best Practice locker auf unterschiedlichste Texte gepackt wird, gibt es keinen Begriff mehr, um das ursprüngliche Ziel zu verfolgen: Mithilfe von Benchmarks und strukturierten Vergleichen die jeweils bestmöglichen Praktiken herauszufinden und so zu beschreiben, dass sie anderswo übernommen und verbessert werden können. (Sicherlich kann man – wie oben angedeutet – fragen, ob das wirklich ein sinnvolles Ziel ist. Ich wäre wohl einer der Ersten, die Zweifel an Benchmarks als Steuerungsinstrument äussern würden. Aber in der jetzigen Situation ist es noch nicht mal möglich, diese Kritik an Benchmarks im Zusammenhang mit Best Practice zu äussern, weil man erstmal darstellen muss, dass es einen solchen Zusammenhang gibt beziehungsweise geben sollte.) Zumeist scheint bei den “Best Practices” gerade vergessen zu werden, dass es darum geht, sie so zu fassen, dass sie in anderen Bibliotheken (oder anderen Einrichtungen) übernommen werden können.

Die Autorinnen des angeführten Artikels fordern ein Moratorium für den Begriff, ausser für die Fälle, bei denen es sich wirklich um eine “beste Praxis” handelt. Dieses Moratorium soll nicht heissen, dass Bibliotheken aufhören sollten, nach guten Praktiken zu suchen. Das ist sicherlich richtig, da gerade dieses Suchen nach guten Praktiken ein wenig sehr in den Hintergrund getreten zu sein scheint. Wer Beispiele aus der eigenen (oder einer anderen) Bibliothekspraxis vorstellen will, weil sie wichtig oder interessant erscheinen, kann es auch einfach “Beispiel” nennen. Damit würde nichts verloren, aber vielleicht einige Klarheit gewonnen.

Eine kurze Geschichte zum Arbeiten in Bibliotheken (als Leser) im 21. Jahrhundert

Die Auseinandersetzungen zu der Frage, ob und wie die Bibliotheken heute einen besseren Zugang zu Medien bieten, sind bekanntlich noch lange nicht vorbei. Die Behauptung, Bibliotheken würden verschwinden und durch das Internet ersetzt, wird selten wirklich gemacht, aber beständig in bibliothekarischen Debattenbeiträgen widerlegt. Aus meiner Erfahrung würde ich dazu gerne eine kurze Geschichte beitragen, die aus der Sicht des Lesers berichtet. (Als einem priviligierten Leser, der in Chur und Berlin lebt, also die Bibliothekssysteme zweier Länder nutzen kann. Mit nur einem Bibliothekssystem könnte die Geschichte noch interessanter sein.)

Ausgangslage ist ein kurzer Text zur Geschichte der Freihandbibliothek, an dem ich schon eine Weile sitze und von dem auch nicht klar ist, ob er je fertig wird. Geschichte bedeutet immer, ältere Texte lesen. In einer Anzahl von ihnen (z.B. Volbehr, Lilli (1953) / Die Freihandbücherei : Wesen und Technik. Hamburg : Verlag Eberhard Stichnote, 1953 und de Bruyn, Günter (1957) / Über die Arbeit in Freihandbibliotheken. Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1957) findet sich eine wiederkehrende Angabe: im Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien sei eine Zahl von 25 Freihandbüchereien für Deutschland angeführt. Das ist von Interesse, zumal zu vermuten ist, dass die angeführte Quelle noch mehr hergeben wird, als die Zahl die 25 selber.

Auf der Suche nach dem 25 Büchereien

Die Recherche in meinem normalen Bibliothekskatalog – dem nebis, der viele, aber nicht alle Hochschulbibliotheken und viele Bibliotheken schweizerischer Forschungseinrichtungen umfasst – führt leider zu der Erkenntnis, dass in diesem System kein Exemplar des Jahrbuchs zu finden ist. Das ist nicht normal. Zumeist hat die Zentralbibliothek Zürich ältere (deutsche) Texte aus der Bibliotheksgeschichte. In vielen Fällen kann ich diese einfach nach Chur schicken lassen, manchmal muss ich sie vorbestellen und anderthalb Stunden (plus Weg durch die Stadt) fahren, um sie vor Ort zu nutzen. (Was mit den Arbeitszeiten konkurrenzieren kann, aber ich muss zum Glück öfter nach Zürich, oder halt am Samstag fahren.) Aber nicht immer funktioniert das. Das sind wohl Auswirkungen von Bestandsentscheidung die weit vor meiner Geburt getroffen wurden.

Die Idee, dass ein solches Medium gescannt und irgendwo angeboten würde, läge den Erzählungen von der Bibliothek im Internet nach nahe. Aber nein, ist es (noch immer) nicht. Wie übrigens die meisten Dokumente zur Bibliotheksgeschichte oder die älteren bibliothekarischen Zeitschriften noch lange nicht digital vorliegen.

Der swissbib als schweizerischer Metakatalog zeigt mir, dass das nächste Exemplar des besagten Jahrbuch in St. Gallen in der Vadiana, der Kantonsbibliothek, steht. Der swissbib hat allerdings den Nachteil, dass ich oft sehe, dass die Medien anderswo in der Schweiz stehen, aber doch nicht einfach an sie herankomme. Ein Medium aus der Westschweiz zu bestellen ist genauso viel Aufwand, wie aus dem Ausland. (Ich habe es schon ausprobiert, die wirklich grossartige Bibliothek der HTW Chur hat mir dann nicht das Exemplar aus Genf, sondern aus Bamberg besorgt, weil das einfacher ging. Heute nutze ich oft – wie damals als Student, wenn ich etwas aus der Staatsbibliothek Berlin benötigte, mir aber die Ausleihgebühr nicht leisten konnte oder wollte – private Kontakte für Medien aus der Westschweiz. Ich weiss, dass das sonicht gedacht ist, aber „alle tun es“.) An sich ist St. Gallen von mir aus gleich der nächste Kanton, aber „aus Gründen“ werden keine Medien zwischen Graubünden (also meinem Kanton) und St. Gallen ausgetauscht. Lokalpatriotismus per se, weil: Zürich und Graubünden, da klappt der Austausch super, St. Gallen und Graubünden – nie. (Es gibt offenbar auch einen historischen Beef zwischen St. Gallen und Graubünden, aber das sollte kein wirklicher Grund. Sollte.)

Nun liegt St. Gallen von Chur gesehen aus einigermassen am Rand (der Strecke zwischen Zürich und Chur). Zum Glück musste ich eh dort hin und konnte den Besuch in der Kantonsbibliothek mit anderem verbinden. Aber ansonsten sind dies – bislang, der Fahrplan wird gerade umgestellt – etwas mehr als anderthalb Stunden Fahrt (plus Weg durch die Stadt). Immerhin hat mir die elektronische Datenverarbeitung ermöglicht, zu wissen, dass es das Medium in St. Gallen gibt. Aber in der Kantonsbibliothek selber gibt es weiterhin einige, wenige Medien, die aus dem Magazin per Leihschein bestellt werden müssen – zum Beispiel das Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien, Ausgabe 1927. Also durfte ich einen Leihschein ausfüllen, immerhin im Jahre 2013.

Die Arbeit am Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien selber dauerte rund eine Stunde im wirklich herrlich altmodischen Lesesaal (der immer noch so aussieht, wie vor hundert Jahren). Neben den Namen der deutschen Bibliotheken mit Freihandsystem im Jahr 1927 lieferte es auch Angaben zur Verteilung anderer Ausleihverfahren. Selbstverständlich keine Angaben, die man einfach als Wahrheit übernehmen kann, aber wichtige Hinweise.

Auf der Suche nach den anderen Jahrbüchern

Doch damit nicht genug. Auf der Heimfahrt wuchs die an sich naheliegende Idee, zu schauen, ob es mehr Ausgaben des Jahrbuch gab und ob dort ähnliche Daten enthalten sind. Sicherlich wären die Zahlen alle prekär, aber doch immerhin Zahlen. Das Bild einer Tabelle entsteht: Im Jahr XYZ so und so viele Bibliotheken mit Buchkartensystem, mit Indikator, mit Freihand. Im Jahr darauf so und so viele Bibliotheken mit den jeweiligen Systemen. (Was ist ein Indikator als Ausleihsystem? Das hat dann eine weitere Recherche ausgelöst. Sagen wir so: Es ist umständlich; ein System, bei dem den Nutzerinnen und Nutzern durch Holzklötze angezeigt wurde, ob ein Medium vorhanden war oder nicht.) Wenn es genügend Ausgaben des Jahrbuch gab und in diesen genügend Zahlen gefunden werden können, bietet sich vielleicht sogar eine graphische Darstellung an, die zeigen müsste (These), wie sich die Freihand schon in der Weimarer Republik – und nicht erst, wie sonst angenommen im Dritten Reich – durchzusetzen beginnt. Das wäre doch eine Erkenntnis. Sicherlich: Wenn es so einfach ist, warum hat es noch niemand gemacht? Aber am Anfang ist noch Hoffnung.

Immerhin, nicht die schweizerischen Kataloge, aber die deutsche Zeitschriftendatenbank gibt Auskunft zur Erscheinungsweise des Jahrbuchs. Vier Ausgaben, über die Jahre 1926, 1927, 1928 und 1928/29-1929/30 verteilt. (Strange.) Danach fortgesetzt in einem Handbuch, auch mit sehr unterscheidlicher Erscheinungsweise. Aber bleiben wir beim Jahrbuch. So einfach ist das auch wieder nicht. Es steht laut swissbib in Luzern in der Zentral- und Hochschulbibliothek (etwas mehr als zwei Stunden Fahrt, offen zumeist in meinen Arbeitszeiten, dafür praktisch direkt am Bahnhof und dieser Standort in einem herrlich überholten 50er-Jahre Bibliotheksbau). Ich wohne weiterhin in Berlin, auch wenn ich leider nicht oft genug da bin. Laut KOBV stehen alle vier Bände im Grimm-Zentrum (Humboldt-Universität). Ich entscheide mich gegen die Fahrt nach Luzern, also merke ich mir den Bibliotheksbesuch für den nächsten Aufenthalt in Berlin, insbesondere für den Montag, der fürs Arbeiten reseviert ist, vor.

In Berlin finde ich dann heraus, dass die Medien da sind, aber es wieder so einfach nicht ist. Sie müssen aus dem Magazin bestellt werden, per Leihschein. Der Leihschein ist sehr interessant: Er ist noch ein Vordruck des alten Leihscheins, aber man muss nur noch wenige Angaben ausfüllen. (Historisch gewachsener vs. Entwicklung des Datenschutzes, wenn ich es richtig verstanden habe.) Allerdings darf man auch nicht zuviele Medien auf einmal mit einem Leihschein bestellen. Nachdem ich den Leihschein mit Hilfe der Kollegin ausgefüllt habe, verkündet sie mir, dass die Medien am nächsten Tag ab 15.30 Uhr bereitstehen werden. Das hilft mir wenig, sitze ich um die Zeit doch schon am Flughafen und warte auf dem Flug zurück nach Zürich. Also darf ich für den nächsten Berlinaufenthalt wieder zwei Besuche des Grimm-Zentrums einplanen. (Einmal bestellen, einmal nutzen. Ausleihe kann ich vergessen, die ist im Grimm-Zentrum zwei Wochen, da bin ich noch in der Schweiz, wenn jemand zufällig die Medien anfordert. Nur: Funktioniert die Ausleihe aus dem Magazin auch am Wochenenden?) Oder ich fahre doch noch nach Luzern.

Immerhin: Am Montag bin ich noch durch Berlin gefahren und eher zufällig an der Warschauer Strasse gewesen. Dort ein Blick auf die Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung geworfen und auf die Idee gekommen, nachzuschauen, ob das Jahrbuch vielleicht auch dort steht. (Darauf muss man auch mal kommen, wieso sollte in der alten „Schulbuchbibliothek“ ein Jahrbuch zu Öffentlichen Bibliotheken stehen? Aber irgendwie fühlt es sich richtig an.) Dank mobilem Internet gemerkt, dass die gesuchten Medien tatsächlich friedlich in dieser Bibliothek stehen, die Bibliothek (die ich wegen der Arbeitsatmosphäre mag und die mir schon in vielen anderen Fragen weiter geholfen hat) hat aber genau diesen Montag Nachmittags wegen einer Stiftungssitzung geschlossen. Hätte ich die Idee einfach mal ein paar Stunden früher gehabt.

Was bleibt also? Die Verabredung für den Dienstag Morgen verschieben, pünktlich zur Öffnung um zehn in die Bibliothek stürmen, und da steht es: Das Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien, alle vier Bände, friedlich im offenen Magazin. Was für ein Glück. Also konnte ich in gewisser Hektik (weil: Verabredung noch offen, Flieger für Nachmittag gebucht, Koffer noch zu Hause, da die Schliessfächer in der Bibliothek zu klein sind etc.) mit allen vier Bänden arbeiten.

Bibliotheken angucken

Ich will mich gar nicht beschweren, so ist die Arbeit nun mal in der Geisteswissenschaft. Es hat ja auch seinen Stil und es macht Spass, die unterschiedlichen Bibliotheken zu besuchen; es ist immer wieder ein Erfolgserlebnis, wenn man das eine Buch, für das man tagelang planen und stundenlang fahren musste, in den Händen hält. Immer wieder fühlt man sich ein wenig so, als hätte man das Schicksal ein wenig geschlagen. Und ja: Besser planen würde einige dieser Wege unnötig machen. (Aber die Idee, mit allen vier Bänden zu arbeiten muss zum Beispiel erstmal wachsen. Hätte ich sie sofort gehabt, hätte ich St. Gallen nicht aufsuchen müssen.) Zudem hat das Internet und die elektronischen Datenverarbeitung einiges verbessert. Die ganze Recherche nach Medien fand bei dieser Erzählung ja im Netz statt.

Aber dennoch hat es immer wieder sein erstaunlichen Seiten, wenn man – statt, wie schon lange angekündigt – alle notwendigen Medien als Scan zu finden, manchmal durch eine unbekannte Stadt irrt, eine noch unbekannte Bibliothek sucht, um dann dort per Hand und nach einigen Nachfragen einen Leihschein auszufüllen. Es ist einfach komisch.

Vielleicht auch interessant: Was verlangen die Bibliothekssysteme eigentlich alles von den Nutzerinnen und Nutzern zu kennen? Hier in dieser Erzählung waren es mehrere Bibliothekskataloge (nebis, swisslib, KOBV, nicht erwähnt, aber benutzt, auch der KVK), dazu Datenbanken (Zeitschriftendatenbank), das System der Leihscheine und das Vermögen, in mehrere Bibliotheken, mit ihren jeweils eigenen Systemen und Befindlichkeiten, zu nutzen oder zumindest in Ihnen das Personal zu fragen. Das scheint mir einiges zu sein.

PS.: Die anderen drei Ausgaben des Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien enthalten übrigens keine Angaben zur Verteilung der Ausleihverfahren. Es wird keine Tabelle geben. Das wird wohl auch der Grund sein, warum es bislang niemand gemacht hat.

(Zitat, 1905): Die Schulbibliothek sollte erziehen. Die Schulbibliothek sollte eine Klassenbibliothek sein.

In Bibliotheken und auch Schulbibliotheken ist es heute nur noch selten bewusst, dass die Form der Bibliothek eine historisch gewachsene ist, die sich mit den unterschiedlichen Ansprüchen und Diskursen, in denen Bibliotheken sich stellen und stellten, verändert. Die offene Freihandbibliothek, welche versucht, die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer zu erfüllen, die Bewertung des Lesens als solches und die Vorstellung, dass Bibliothek qua ihrer Existenz zur Bildung beitragen, sind nicht so selbstverständlich, wie es heute erscheinen mag. Aber: Bibliotheksgeschichte ist ein seltenes Thema geworden. Und selbst die Bibliotheksgeschichte, die noch betrieben wird, stellt Bibliotheken – mit der gewichtigen Ausnahme derjenigen, die sich mit der Geschichte der Bibliotheken im Nationalsozialismus befassen – gerne sehr positiv dar.

Das ist so nicht ganz richtig. Anbei ein langes Zitat, genauer an gesamtes Vorwort, aus einem 1905 erschienen Katalog für Schulbibliotheken. (Es handelt sich um die 4. Auflage, die erste erschien Ende des 19. Jahrhunderts, wobei in den Bibliothekskatalogen nur noch die 2. (1878), 3. (1886) und 4. (1905) Auflage nachzuweisen ist. Die erste muss zuvor erschienen sein.) Der Katalog stellt eine annotierte und geordnete Liste von Büchern dar, welche laut dem Verfasser in einer Schülerbibliothek stehen sollten. Zugleich findet sich eine Liste von Büchern, die explizit nicht in einer Schülerbibliothek vorhanden sein sollten. Das gesamte Buch umfasst dabei 166, eng und klein beschriebene Seiten. Heute werden solche Empfehlungslisten kaum noch erstellt, war aber bis vor einigen Jahrzehnten verbreitet. Insoweit ist es wenig erstaunlich, dass es ein solches Buch, immerhin in vier Auflagen, gab. Es zeigt aber, dass Schulbibliotheken schon lange ein Thema sind. Und es zeugt selbstverständlich von einem gewissen Geist, in dem die Pädagogen und andere sich zuschreiben, darüber entscheiden zu können, was andere lesen sollen und was sie lieber – weil es schlecht für sie wäre – nicht lesen sollten.

Was das Zitat ausmacht, ist die Darstellung eines Denkens von Lehrern und Volksbildnern und einiger Fragestellungen im Umkreis von Schulbibliotheken, die damals offenbar keine aussergewöhnliche Meinung darstellten. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass auch Ende des 19. Jahrhunderts die im Schulwesen aktiven daran arbeiteten, die Schulen möglichst gut zu führen, die Kinder und Jugendlichen möglichst sinnvoll und nachhaltig zu lehren. Das alles mit bestem Wissen und Gewissen geschrieben worden.

Da das Buch wohl selten jemand in die Hand nehmen wird, würde ich dieses Vorwort gerne als Dokument hier zur Verfügung stellen. (Die gesperrt ausgezeichneten Teile sind hier kursiv dargestellt, ansonsten wurde alles belassen.) Es ist auffällig:

  1. Das Georg Ellendt, der Verfasser, von der moralischen Panik um „schlechte Literatur“ und das „Viellesen“ befallen ist. Schlechte Literatur, so die Ansicht, die er als pädagogisch abgesichert zitiert, würde die Kinder und Jugendlichen krank machen. Das würde heute niemand mehr laut sagen und viele noch nicht mal denken; bei Ellendt ist dies noch bestimmendes Thema. Alle Krankheiten der Moderne haben mit der modernen Literatur zu tun. Elternhäuser, die auf die Literatur ihrer Kinder achten, würde auch Kinder mit besseren und regelmässigeren Leistungen haben.
  2. Die Schulbibliothek ist bei Ellendt – wie auch die Schule – eine unbedingte Erziehungsanstalt, welche den Auftrag hat, den Kindern und Jugendlichen gute Literatur nahezubringen. Aber nicht als direkten Zwang, sondern mit Auswahl, Beratung, Empfehlung. Eine Haltung, welche sich durch die gesamte Schul- und Bibliotheksdiskussion seit Beginn der Moderne zieht. Nicht in Ellendts Text, aber in vielen anderen, wird sogar direkt ein Kampf gegen Leihbibliotheken (also kommerziell organisierte Bibliotheken und Ausleihgeschäfte) geführt. Die Diskussion ist wohl erst wirklich in den 1960er, 1970er Jahren verschwunden, zumindest im deutschsprachigen Raum.
  3. Auffällig auch die Angst vor der Phantasie. Zu viel Anregung in der Literatur ist für Ellendt nicht gut, eine Literatur, die „Phantasiereize“ bedient, abzulehnen. Heute wird Literatur explizit für solche Reize gelobt.
  4. Gerade im letzten Teil, den sieben Thesen zu Schulbibliotheken, werden die Unterschiede zu heutigen Diskussionen, aber auch die Gemeinsamkeiten offensichtlich. Gemeinsamkeit ist die Forderung nach ausreichender Finanzierung der Schulbibliotheken durch die Schule sowie die Beachtung durch die Direktion. Ein wichtiger Unterschied ist allerdings die strikte Trennung der Bibliothek Stufen und Abteilungen. Keine Gesamtbibliothek, sondern eine nach Klassen gestaffelte, die zudem getrennt betreut – allerdings technisch gemeinsam organisiert – würden, ist für Ellendt das Ideal. Ein Ideal, dass er nicht einmal richtig begründet. Für ihn ist es offenbar selbstevident, das Kinder und Jugendliche einer Schulklasse ein bestimmte Stufe an Literatur verarbeiten können und sollen. Dies ist eine Haltung, die heute gänzlich abgelehnt wird. Schulbibliotheken werden als Gesamteinheit angestrebt, den Schülerinnen und Schülern werden unterschiedliche Interessen und Lerngeschwindigkeiten zugestanden.

Wie gesagt fällt Ellendt mit seiner Haltung nicht aus der damaligen Diskussion heraus, auch wenn er durch sein grosses Engagement auffällt. Der Text ist ein Blick zurück in eine Zeit mit anderen Idealen und anderen Schulbibliotheken, der vor allem auch daran erinnert, wie sehr die heutigen Diskussionen an die heutige Diskurse gebunden und Verhandlungssache sind. Es gibt keine „die Schulbibliothek“, sondern mit der Gesellschaft wechselnde Vorstellungen von – unter anderem – Schulbibliotheken. Das mag eine banale Feststellung sein, aber solche Texte erinnern meiner Meinung nach fühlbar daran.

 

 

 

 

„Vorwort

 

Seit Hülsmanns trefflicher Abhandlung Über Schülerbibliotheken (Progr. Duisburg 1855), die leider zuwenig bekannt ist, obwohl sie nach mehr als einer Seite hin auch heute noch ihren vollen Wert behalten hat, ist man wiederholt der Frage über die Einrichtung und Verwaltung der Schülerbibliotheken nähergetreten, ohne doch, wie es scheint, zu allgemein befriedigenden und bindenden Resultaten gelangt zu sein.

Darüber freilich ist man einig, daß die Schülerbibliotheken einen integrierenden Teil des Organismus unserer höheren Lehranstalten zu bilden haben, und daß ihr Zweck darin bestehe, den Unterricht und die erziehende Tätigkeit der Schule zu unterstützen, den Schülern einen angenehme Unterhaltung zu gewähren und sie zugleich anzuregen und zu gewöhnen, einen geistige Befriedigung in häuslicher, ihre allgemeine Bildung fördernder Lektüre zu finden, – aber über alle übrigen Fragen, vor allem über Ausdehnung, Zusammensetzung und Verwaltung der Bibliothek gehen die Ansichten doch mehr oder weniger auseinander.

Daß die Einrichtung von Schülerbibliotheken im vollkommensten Einklange und Zusammenhange mit dem ganzen Begriffe unserer heutigen Jugendbildung steht, kann wohl niemand anzweifeln, der nur überhaupt einmal darüber nachgedacht hat, warum die Schule zu den vielen Pflichten, welche ihr schon obliegen, noch die weitere sich aufgebürdet habe, auch für die häusliche Lektüre ihrer Schüler zu sorgen. Und doch wird gegen kein Streben der Schule so viel wissentlich und unwissentlich gefehlt, wie gerade gegen das mit den Schülerbibliotheken verbundene. Denn – um zu schweigen von der sehr oft verfehlten Wahl der Weihnachts- und Geburtstagsbücher – wie soll man es anders nennen, wenn in sehr vielen Familien ‚die Gartenlaube‛ oder ‚Über Land und Meer‛ u.a. mit ihren für die Jugend ungehörigen Erzählungen die Erholungslektüre für jung und alt bilden, wenn ein Quartaner seinen Eltern und Geschwistern ‚Ebers’ Uarda‛ vorliest, wenn Tertianer Hackländersche Romane in die Hände fallen können, und wenn es möglich ist, daß Schüler die ‚sämtlichen Werke‛ unserer älteren und neueren Romanschriftsteller von Auerbach bis Zschocke zu ihrer Hauptlektüre machen dürfen. Das ist nicht die Regel, es sind aber ebensowenig vereinzelte Fälle, – und wie es die Pflicht der Schule ist, zu warnen und nach Kräften derartigen Ausschreitungen entgegenzuarbeiten, so ist es vor allem Pflicht des Hauses, mit größter Sorgfalt die ungeeignete Lektüre der Jugend vorzuenthalten und bei der Auswahl des Lesestoffes in Übereinstimmung mit der Schule zu verfahren. Denn diese will ja gern der Neigung unserer leselustigen Jugend für die Stunden, welche von häuslichen Arbeiten und häuslichem Verkehr, von erholenden Beschäftigungen und Sparziergängen fast täglich erübrigt werden, in ausreichender Weise entgegenkommen, indem sie für belehrende oder unterhaltende Lektüre im besten Sinne des Wortes, angemessen dem Alter ihrer Schüler, sorgt. Aber wie in dem Unterricht selbst, will sie bemüht sein, auch außerhalb desselben fernzuhalten jede verzettelnde und abziehende Zerstreuung, welche hier so oft durch das Lesen von Büchern entsteht, die entweder der geistigen Fassungskraft des Knaben in keiner Weise entsprechen, oder durch ihren unpassenden Inhalt nichts oder nur Phantasiereiz zurücklassen.

Sicherlich werden im allgemeinen die Gefahren übel gewählter und falsch geleiteter Lektüre unterschätzt, einmal, weil die Folgen nicht überall gleich sichtbar werden, dann aber auch, weil die verschiedenen Individualitäten verschiedene Wirkungen bedingen, die im einzelnen Falle sich oft schwer beurteilen lassen. Daß Gefahren vorhanden sind, ist von der Pädagogik längst allseitig anerkannt, und Kühner [Fussnote: C. Kühner, Pädagogische Zeitfragen. Frankfurt a.M., Sauerländer. 1863 (S. 98-134: Gefahren moderner Jugendlektüre).] urteilt nicht zu scharf, wenn er speziell von der modernen Jugendliteratur sagt, sie wirke mit stärken Reizen auf die Jugend, als irgend eine andere pädagogische Institution sie zu üben vermöge oder zu üben berechtigt sei, und führe in unablässiger Folge immer neue Phantasie- und Gemütserregungen und immer neue, bunt durcheinander gehende Vorstellungen der viellesenden Jugend zu. Und er hat Recht, ‚die Jugendliteratur ist in unseren Tagen zu einer Macht geworden, die unberufen, aber mit unermeßlichem Einflusse in die Erziehung fast der gesamten Jugend sich eindrängt und in weiterer Folge auf die Bildung der ganzen Nation einwirken muß. Wer aber den Spuren dieser Wirkung nachgeht, der wird sie deutlich genug in den Symptomen der Zerfahrenheit, Blasiertheit, Puerilität unserer Jugend und in entsprechenden Krankheiten unserer Zeit überhaupt erkennen. Man könnte sich versucht finden, die Privatlektüre vollständig aus unserm Erziehungsplane zu streichen; und in der Tat würde, wenn man damit unsere ganze spezifische Jugendlektüre beseitigte, der Gewinn weit größer sein als der Verlust. Aber eine unbefangene Betrachtung muß uns lehren, daß jener Notstand nur durch Ausartungen der Literatur und des auf sie gerichteten Lesetriebes entstanden ist und nicht schlechthin durch Verbote, sondern nur durch die Gegenwirkung einer guten Lektüre beseitigt werden kann. Je dringender die Gefahr ist, die wir in der Jugendliteratur der Gegenwart und, setzen wir hinzu, in unserer sogenannten schönen Literatur überhaupt erblicken, um so entschiedener fordert die Pflicht der Pädagogik, daß sie im Schlechten ein Gegengewicht im Guten gebe. ›Wir müssen den Jüngling lesen lehren, indem wir ihm jetzt das Gute und Schöne zuführen, damit ihn künftig das Geschmacklose und Unsittliche durch sich selbst zurückstoße.‹ (Herbart.)Die Aufgabe muß daher dahin gerichtet sein, daß eine gute Jugendlektüre beschafft und die gute gut geleitet werde.– Das sind Sätze, von denen zu wünschen ist, daß sie auch in häuslichen Kreisen volle Beherzigung fänden. Geschähe das, so würde die Schule in vielen Fällen weniger mit Träumerei und mangelnder Arbeitslust ihrer Zöglinge zu kämpfen haben, die Eltern aber würden sich an besseren Leistungen und gleichmäßigeren Fortschritten ihrer Söhne erfreuen können.

Mag nun die Zeit nahe oder ferne sein, in der auch in allen derartigen nicht auf der Oberfläche liegenden Fragen die Schule auf völlige Übereinstimmung mit dem Hause rechnen darf: in jedem Falle erscheint es dringend geboten, rechtzeitig den möglichsten Einfluß und Nachdruck aufzuwenden, um der Gewöhnung an ungeeignete Lektüre entgegenzuarbeiten.

Das kann aber nur dann geschehen, wenn bei unseren höheren Lehranstalten die Schülerbibliotheken bereits mit Sexta (nicht, wie das von manchen Gymnasien versucht ist, schon mit der Septima, aber ebensowenig erst mit Quinta) beginnen und stufenmäßig die Klassen begleiten, damit von da an, wo der Lesetrieb zu erwachen pflegt, die Schule die Mittel besitze, die Knaben ‚lesen zu lehren‛.

Im welchem Umfange übrigens der untersten Stufe die kleine Zahl der für sie gewählten und geeigneten Bücher zugänglich zu machen wäre, bliebe ja dem Belieben der einzelnen Schulen anheimzustellen. Im ganzen würde es sich vielleicht empfehlen, nur für das Winterhalbjahr die häuslichen Freistunden durch Gewährung von Büchern zu verkürzen, da in der Frühjahrs- und Sommerzeit die Neigung zum Lesebuche zu greifen, nachdem die Schularbeiten vollendet, erfährungsgemäßig eine viel geringere ist. –

Was die Schülerbibliotheken aufzunehmen und den jungen Lesern zu bieten haben, bildet den Hauptteil der folgenden, durchweg auf eigener Lektüre beruhenden Zusammenstellungen. Vorangeschickt wird aber auch neben einer Übersicht der ‚Literatur über die Jugendschriften‛ eine Sammlung von Titeln solcher Schriften, vor deren Ankauf Schüler- und Hausbibliotheken zu bewahren sind. Ist doch die Sündflut der Jugendschriften in unseren Tagen so groß, daß es von Jahr zu Jahr mehr zur Unmöglichkeit wird, die brauchbaren von den unbrauchbaren zu sondern. Und was würde wohl Friedr. Gedike heute sagen, wenn er schon 1787 (in dem Programm seines Gymnasiums) klagt: ‚Keine einzige literarische Manufaktur ist so sehr im Gange, als die Büchermacherei für die Jugend. Da gibt es unter zahllosen Formen und Namen: Kinderalmanache, Kinderzeitungen, Kinderjournale, Kinderromane, Kinderdramen, Kindergespräche, Kinderpoesieen und wie sonst noch der moralische Puppenkram heißen mag, der alljährlich für die Kinder zu Markt gebracht wird. – Alles, was Hände zum Schreiben oder auch nur zum Abschreiben hat, verfertigt Bücher für die liebe Jugend, und Väter und Mütter werden nicht müde, den Tand zu kaufen oder wohl gar zu brauchen!‛ – Wird doch in unserer Zeit erst vollends altes und neues ohne Unterscheidung des Wertes oder Unwertes in neuen Auflagen und neue Bearbeitungen alljährlich für unsere Jugend zubereitet und – gekauft. An die Stelle absterbender Schriftsteller treten andere, die mit frischen Kräften trotz fehlender Begabung und andere, die mit frischen Kräften trotz fehlender Begabung und mangelnden Stoffes für hundertmal Dagewesenes wenigstens eine neue, wenn auch nicht bessere Form schaffen. Da ist es solchen Zuständen gegenüber sehr anzuerkennen, daß in den letzten Jahrzehnten einige bedeutende Verlagsbuchhändler mit Vorliebe ihren anderen Verlagsartikeln auch gute Jugendschriften hinzugefügt haben. Für die Geschmacksrichtung oder Geschmacksverirrung von Käufern und Lesern ist es freilich wieder bezeichnend, daß einige dieser Verleger damit keinen rechten Erfolg hatten. Obwohl sie nur anerkannt Brauchbares herausgaben, während andere von ihrer ‚Dutzend- und Fabrikware‛ nach wie vor guten Gewinn haben. –

Für die beiden oberen Stufen eine größere Zahl empfehlenswerter Werke zu nennen macht keine besondere Schwierigkeit; diese liegt vielmehr in der Beschränkung und Hervorhebung des absolut Notwendigen und Unentbehrlichen. Viel mühevoller ist es, für die unteren und mittleren Stufen lesbare Werke aufzufinden, und daher kommt es, daß so häufig zu Büchern gegriffen wird, die eine Prüfung auf den Wert ihres Inhalts nach keiner Seite hin zu ertragen vermögen.

Ohne Zweifel wird für die unteren und mittleren Klassen, besonders für Sexta, Quinta und Quarta, zum Teil auch für Tertia der unterhaltende Charakter in den für die Privatlektüre gebotenen Büchern (auch in den didaktischen) vorwiegen müssen, und Kühner a. a. O. hat es trefflich ausgesprochen, wie dieser unterhaltende Charakter mit dem Wesen einer guten Jugendschrift zu vereinen sei. Er verlangt für Inhalt und Form: strenge psychologische Wahrheit, sittliche Reinheit, Fernhalten jedes sichtbaren Bestrebens, alles auf Religion und Moral zurückzuführen, klare und einfache Darstellung, dazu einen Stoff, der dem Gesichtskreise der Kinder zwar erreichbar sein, aber zugleich über denselben hinausreichen muß; für das Bild aber künstlerische Vollkommenheit und charakteristische Treue – sicherlich Grundsätze, die von denen, welche das Wort ‚Für Kinder das Beste gut genug‛ gern als Aushängeschild ihrer kritiklosen Empfehlungen benutzen, nicht genug berücksichtigt werden können, und Ansprüche, die unseren Jugendschriftstellern als zu erstrebendes Ziel immerfort vor Augen sein müßten. Aber wie selten ist das der Fall! Wo wir auch hinsehen mögen: in der Märchenliteratur, wie unter den sogenannten moralischen und christlichen, den romanhaften, volkstümlichen und didaktischen Jugendschriften finden wir nur wenige Bücher, die jenen Normen im ganzen zu entsprechen vermögen; die meisten weichen so entscheiden davon ab, oder stehen so tief unter dem Niveau auch nur mäßiger Forderungen, daß wir ihnen den Eingang mindestens in unsere Schülerbibliotheken verwehren müssen.

Für Sekunda und Prima wird die unterhaltende Lektüre in zweite Stelle zurücktreten, da es auf diesen beiden Stufen mehr als auf den unteren möglich ist, die Schülerbibliotheken in nähere Beziehung zu den einzelnen Unterrichtsgegenständen zu setzen und auch in engeren Grenzen Mittel für das Privatstudium zu gewähren.

Daß wir übrigens bei weitem nicht so viele und so verschiedenartige Bücher in unseren Schülerbibliotheken (besonders für die unteren und mittleren Klassen) zu haben brauchen, als es meistens noch der Fall ist oder verlangt wird, daß aber das an Zahl der Verfasser und Werke geringere Material anders als bisher verwertet werden muß, – daß wir mithin eine andere Art der Verwaltung für unsere Schülerbibliotheken nötig haben, als sie noch meist gebräuchlich, ist für mich ein unumstößliches Ergebnis vieljähriger Beschäftigung mit einem Gegenstande, dem verhältnismäßig nur wenige ein eingehendes Interesse abzugewinnen vermögen.

Schon Schrader (in Schmids Enzyklopädie unter ‚Schülerbibliothek‛ und in seiner ‚Erziehungs- und Unterrichtslehre‛) hat die Forderung gestellt: ‚Jede Klasse soll ihre eigene Büchersammlung haben‛. Ich möchte diese Forderung noch erweitern und so fassen: Eine Gesamtschülerbibliothek (wie sie hier und da sich noch findet) darf es auch bei kleineren weniger besuchten Anstalten nicht geben, sondern bei diesen wie bei großen von vielen hundert Schülern besuchten Gymnasien und Realanstalten ist es unerläßlich Bedingung, daß so viele Abteilungen und Stufen der Schülerbibliothek unter besonderen Bibliothekaren hergestellt werden, als Klassen oder Klassenabteilungen vorhanden sind. Denn Sparsamkeit, auf die man sich berufen möchte, ist bei Schuleinrichtungen nirgend am Platze; in diesem Falle wäre sie gewiß verfehlt, wo es sich darum handelt, berechtigten Wünschen der Schüler und Ansprüchen, welche die Jugendbildung an unser höheres Schulwesen stellt, in ausreichendster und freigebigster Weise entgegenzukommen, und außerdem auch den mit der Verwaltung betrauten Lehrern die Arbeit zu erleichtern.

Wenn mir ein sehr bekannter und hochangesehener Schulmann (Wilh. Herbst) über diese Forderung schrieb: ‚An kleineren Gymnasien wird man schon zufrieden sein müssen, wenn sich etwa eine Dreiteilung (mit je zwei Klassen) durchführen läßt. Eine solche hatte ich selbst an einem sehr großen Gymnasium eingeführt. Aber auch nur für jede dieser drei Abteilungen eine geeignete und geneigte Lehrkraft zur Verwaltung zu finden, wäre auch dort nicht möglich gewesen. Jedenfalls also nehmen Sie mit Ihren Vorschlägen gewissermaßen einen idealen Standpunkt ein‛ – so kann ich doch um der Sache willen meinen Anspruch nicht geringer stellen, muß vielmehr voraussetzen, daß sich in großen und kleinen Kollegien die für die Verwaltung einer so vielfach geteilten Schülerbibliothek geeigneten und geneigten Lehrkräfte finden werden. Und warum sollte das auch nicht der Fall sein? Je kleiner und fruchtbarer die Arbeit für die einzelnen Bibliothekare gemacht wird, um so bereitwilliger werden sie sich einer Mühewaltung unterziehen, die durchaus nicht ‚untergordneter‛ Art ist, da sie dem ganzen Unterricht Förderung bringt und zugleich eine leichte und ungezwungene Annäherung zwischen Lehrern und Schülern bietet.

Freilich mit dem Katalogisieren, Ausgeben und Einnehmen der Bücher darf es nicht abgetan sein; denn wer daran Genüge hätte, würde sich selbst zum ‚Leibibliothekar‛ machen. Vielmehr müssen die einzelnen Bibliothekare (die Ordinarien oder die Lehrer des Deutschen, der Geschichte) eine genaue Kenntnis des Inhaltes der ihnen unterstellten Büchersammlung haben und dafür Sorge tragen, daß der Lesestoff, wo und wie es angeht, auch im Unterricht zur Verwendung gelange oder damit in Beziehung gesetzt werde. Daß diese keine unüberwindlichen Schwierigkeiten einschließt und geschehen kann, ohne den Schüler die Absicht der Überwachung und Einwirkung bemerkbar werden zu lassen, weiß ich, und daß es geschehen muß, ergibt der Zweck der Schülerbibliothek, den Unterricht und die erziehende Tätigkeit der Schule zu unterstützen.

Diesen schon vor mehr als 25 Jahre (i.d. Progr. d. Kgl. Friedr.-Kolleg. 1878) veröffentlichten Worte habe ich im wesentlichen nichts hinzuzufügen außer der Erklärung, daß sich meine Ansichten über die behandelte Frage in keinem Punkte geändert haben. In der vorliegenden neuen Ausgabe der für Schülerbibliotheken geeigneten Werke habe ich mit der äußersten Sorgfalt und durch wiederholte Nachprüfung und Sichtung ‚das Bessere zu einem Allgemeingut aller beteiligten Kreise‛ zu machen gesucht. In meiner Absicht liegt es, durch jährliche Nachträge auf empfehlenswerte Bücher aufmerksam zu machen, vor ungeeigneten zu warnen.

Zu besonderem Danke verpflichtet bin ich der hiesigen Buchhandlung von Wilh. Koch, die mir in reichem Maße die Neuerscheinung zugänglich macht, und dem Buchhändler Herrn Ernst Noetzel, der die bibliographischen Angaben dieser Auflage einer genauen Durchsicht und Richtigstellung unterzogen hat.

Die kurzen Sätze, die sich mir gewissermaßen als Summe meiner eingehenden Beschäftigung mit der ganzen einschlägigen Literatur und der Frage überhaupt ergeben haben, mögen auch dieses Mal, wie schon früher, den Schluß bilden:

1. Jede höhere Lehranstalt ist zur Unterhaltung einer wohlgeordneten Schülerbibliothek aus etatsmäßigen Mitteln (im Durchschnitt pro Schüler und Jahr 1 Mk.) verpflichtet.

2. Es sind so viele Stufen und Abteilungen der Schülerbibliothek herzustellen als Klassen oder Klassenabteilungen vorhandenen sind.

3. Ein Hauptbibliothekar hat, von Klassenbibliothekaren unterstützt, die einheitliche technische Verwaltung der Schülerbibliothek. – Zu Bibliothekaren werden vom Direktor die geeignetsten Persönlichkeiten erwählt.

4. Die Auswahl der Bücher und die Verwendung der Mittel steht in erster Linie dem Hauptbibliothekar zu, der die Wünsche der Klassenbibliothekare und der übrigen Lehrer, soweit sie sich mit dem Interesse des Ganzen vertragen, zu beachten hat. Die Oberaufsicht und Mitwirkung des Direktors ist selbstverständlich.

5. Aufzunehmen sind in die einzelnen Abteilungen der Schülerbibliothek nur solche Werke, welche unbedingt von jedem Schüler der betr. Stufe mit Nutzen gelesen werden können. Für die unteren Klassen genügt eine verhältnismäßig kleine Anzahl auserwählter Bücher; für die mittleren und oberen Klassen wird die Schülerbibliothek zugleich in nähere Beziehung zu den einzelnen Unterrichtsgegenständen zu setzen sein, für die oberen Klassen auch die Mittel für das Privatstudium zu gewähren haben. Es ist besonders darauf zu achten, daß die empfehlenswertesten Werke auf allen Stufen in mehreren Exemplaren beschafft werden.

6. Ein obligatorischer Kanon zu lesender Bücher ist nicht aufzustellen, doch empfiehlt es sich, daß auf den einzelnen Unterrichtsstufen besonders geeignete Bücher durch zwanglosen Hinweis der Lehrer zu möglichst allgemeiner Kenntnis gebracht, überhaupt aber die Schüler zu rege und zweckentsprechender Benutzung der Bibliothek angeleitet werden.

7. Es bleibt wünschenswert, daß alle höheren Lehranstalten nicht nur für ihre Schüler, sondern auch zu wechselseitigem Austausche in den Programmen die nach Stufen geordneten Kataloge der Schülerbibliothek veröffentlichen.

Königsberg i. Pr., im August 1904

Dr. G. Ellendt.“

(Ellendt, Georg (1905) / Katalog für die Schülerbibliotheken höherer Lehranstalten nach Stufen und Wissenschaften geordnet. (Vierte neu bearbeitete und sehr vermehrte Ausgabe.) Halle a. S. : Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1905, S. V-XIV)

Lesen als Alltag im Nationalsozialismus

Zu: Adam, Christian (2013) / Lesen unter Hitler: Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2013 [Original: Berlin : Galiani Verlag, 2010]

Seit ich dieses Buch gelesen habe, habe ich immer wieder folgende Vorstellung:

Ort: Im Unterricht / Workshop

Begeisterte Studierende: ..und dann machen wir innovative Projekte und das, was die Jugendlichen wollen, damit sie in die Bibliothek kommen. Dann kommen sie mit Büchern in Kontakt und lesen wieder.

Ich: Aha. Die Jugendlichen sollen also lesen?

Studierende: Ja, darum geht es doch: Die Jugendlichen sollen viel mehr lesen.

Ich: Did you know who also liked to read when he was young?

Studierende: …?

Ich (mit John Steward-mäßigem Grinsen: …!

Studierende: …?

Ich: Hitler!

Tatsächlich ist „Lesen unter Hitler“, trotz des Themas, erstaunlich amüsant und schnell zu lesen. Sollte es das? Sicherlich: Die Nazis und die Verfolgungen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Säuberungen von Verlagsprogrammen, Bibliotheken et cetera sind Tragödien und es ist richtig, sich an sie zu erinnern. Der Autor betont dies vollkommen richtig am Anfang des Buches, aber sein Thema ist eine anderes: Ihm geht es um die Frage, was in Nazideutschland eigentlich wirklich gelesen wurde, also was auf dem Buchmarkt erfolgreich war. Auch hier: Sicherlich kennen wir die wichtigsten Propagandaschriften der Nazis: Mein Kampf (A. Hitler), Der Mythus des 20. Jahrhunderts (A. Rosenberg), Volk ohne Raum (H. Grimm), Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei (J. Goebbels). Wir wissen auch (ungefähr) von Propagandaministerium, Reichsschriftumskammer, Verbotslisten, der Verfolgung von missliebigen Autorinnen und Autoren, Bücherverbrennungen (obgleich heute diese Bücherverbrennungen fälschlich der NSDAP angelastet werden, wenn historisch die Studentenschaften – vor allem die studentischen Korporationen, auch wenn sie das gar nicht gerne hören – diese „erfunden“ und grösstenteils durchgeführt haben). Aber: Was hat das alles eigentlich gebracht? Also: Las diese Bücher irgendwer oder sind sie heute mehr bekannt als damals? Hat diese Politik eine nationalsozialistische Literatur hervorgebracht? Diesen Frage geht Christian Adam nach.

Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Es hat wenig gebracht. Wären die Nazis nicht Nazis, wäre das Scheitern ihrer Kulturpolitik ein Grund zum Lachen über Nazis. (Beziehungsweise sollte man trotzdem über sie lachen.) Nur zur Erinnerung: Es ging den Nazis nie nur um Verbote. Es ging ihnen darum, durch spezifische Förderung eine nationalsozialistische Gesellschaft zu schaffen, die höher stehen sollte als alle anderen Gesellschaft; die anders und besser sein und unter anderem eine bessere Literatur hervorbringen sollte. Das war auch ein Grund für die Verfolgungen, Morde, das barbarische Handeln sowie das Erfinden einer neuen Sprache: Die Gesellschaft – beziehungsweise Gemeinschaft – wurde als biologisches System verstanden, dass zu reinigen sei von allen, die nicht dazugehörten sondern angeblich das natürliche Wachstum der Gemeinschaft stören würden. Dann würde diese auch richtig wachsen. Das würde im Bereich der Literatur, so die Idee, auch zu Menschen führen, die nur „völkische Literatur“ nachfragen und lesen würden und Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die nur solche Literatur schafften. Wenn es eines weiteren Beweises bedurft hätte, dass diese Ideen falsch waren, Adam liefert sie.

Nationalsozialistisches Kompetenzwirrwarr

Dabei ist das Werk ein populärwissenschaftliches. Nach einer Einführung geht es vor allem die populären Genres der Literatur unter Hitler durch und stellt die wichtigsten Werke vor. Das ist nicht ganz einfach. Es gab zum Beispiel keine Bestseller-Listen, zumindest keine richtigen. Auch kann man den Verkaufszahlen der Verlagen nur bedingt glauben. Genauer: Zumindest zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft war Bestseller ein Schimpfwort. Der nationalsozialistische Literaturbetrieb müsse sich gerade nicht alleine nach Verkaufszahlen, sondern nach anderen Kriterien richten, so die Devise. Welchen? Allgemein völkischen, aber was das hiess war sehr umstritten. Der Kompetenzwirrwarr zwischen den unterschiedlichen Ämtern, die widerstreitenden Interessen, welche die nationalsozialistische Herrschaft auch zeichneten, finden sich in der Literaturpolitik wieder. Nur als Beispiel: Wer war eigentlich für die nationalsozialistische Literaturpolitik zuständig? Dem Selbstbild des System als organischer Herrschaft nach müsste es eine Stelle geben, es gab ihrer aber viele: Das Propagandaministerium, das Amt Rosenberg („Amt für Schriftumspflege beim Beauftragten des Führers für die gesamte weltanschauliche Schulung der NSDAP/Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“), die Deutsche Arbeitsfront, HJ und BDM, die anderen gleichgeschalteten Massenorganisationen, Reichsschriftumskammer, eine „Parteiamtliche Prüfungskomission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums“ (Philipp Bouhler), einzelne Polizeistellen und Innenministerien – sie alle erhoben Anspruch, in diesem Bereich mitzutun. Das führte zum Beispiel zu zahlreichen, nicht identischen Verbotslisten. Oder dazu, dass das Propagandaministerium sich eher für populäre Literatur einsetzte, das Amt Rosenberg eher für die „Reinheit der Literatur“. So verwirrend wie das hier klingt; es war noch viel verwirrender für Verlage, Buchhandel, Bibliotheken und Leihbüchereien; die alle – teilweise arisiert – weiterhin existierten. Einige konnten sich gut in dieses System einfügen. (Zum Beispiel ist bekanntlich Bertelsmann in dieser Zeit gross geworden.) Andere nicht. Die ständigen Verbote führten zum Beispiel dazu, dass Bücher mal früh im Entstehungsprozess, manchmal aber erst, wenn sie schon über Monate verkauft wurden, verboten und dann direkt aus den Buchhandlungen abgeholt wurden. Auch galten sehr unterschiedliche Ziele. Zum Beispiel wurde zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft gegen Literatur polemisiert, die als Tendenzliteratur gerade völkisch war, der aber unterstellt wurde, praktisch aus wirtschaftlichen Interessen „nur auf den Zug aufzuspringen“. Gleichzeitig sollte völkische Literatur gefördert werden.

All das, wie gesagt, ist verwirrend und mit dem heutigen Abstand auch amüsant zu lesen. Am Ende, so muss man sagen, hat all das wenig bewirkt.

Was wurde gelesen?

Was wurde nun gelesen? Wie gesagt, es ist schwierig zu sagen. Nicht nur gab es keine Verkaufs- oder Verleihlisten, aus denen dies heute einfach abgelesen werden könnte. Es gibt genau gegenteilig zahlreiche Anzeigen und Propagandaschriften, die mit Verkaufszahlen argumentieren, da sie ab einem bestimmten Zeitpunkt als Propaganda gerade herausstellen sollten, wie viel in Deutschland gelesen würde. Und selbstverständlich funktionierten Verlage weiterhin als Unternehmen, die sich vom Verkauf finanzierten. Hinzu kommt, dass bestimmte Werke – gerade die heute bekannten, weiter oben genannten – zwar in grosser Auflage gedruckt und verteilt wurden, aber nicht ganz klar ist, wie viele davon eigentlich gelesen wurden. Während des Zweiten Weltkrieges wurden ausserdem von der Wehrmacht zahlreiche Lieferungen von Büchern bestellt, die dann unter den Soldaten verteilt wurden. Dies waren regelmässig Auflagen von mehreren Zehntausend. Aber was sagt das darüber aus, wie diese Bücher gelesen wurden? Weniger.

Adam hat trotzdem versucht, die greifbaren Verkaufs- und Auflagezahlen zusammenzutragen und daraus eine Liste erstellt, an der sich immerhin orientiert werden kann. Sicherlich, Mein Kampf steht oben. Aber wie gesagt: Es wurde auch ständig beworben und verschenkt. Dazwischen zeigt die Liste aber auch, dass die Unterhaltungsliteratur, und dort nicht unbedingt die völkische, eine grosse Rolle spielte. Eine viel grössere, als die NS-Politik wollte.

Wenn es zwei Genres gab, die spezifisch nationalsozialistische Literatur hervorbrachten, waren es die „Sachromane“ – also Werke, die Sachthemen, beispielsweise aus der Chemiegeschichte, in Romanform behandelten – und Kriegsliteratur. Aber ansonsten war der Markt geprägt von leichter Unterhaltung, teilweise solche, die von politisch ausgegrenzten Personen – wie Ehm Welk – geschrieben wurde und mit der völkischen Ideologie wenig zu tun hatten, mit Werken, gegen die gleichzeitig in der nationalsozialistischen Presse polemisiert wurde – beispielsweise „jugendgefährdende“ Schmökerhefte –, von Neuauflagen aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten sowie erstaunlich vielen Werken aus dem Ausland. Oder anders: Vieler Literatur, die laut den Nazis die Deutschen überhaupt nicht interessieren sollte.

Nur eine kleine Anzahl von explizit nationalsozialistischen Autorinnen und Autoren hatte relevante Verkaufserfolge, insbesondere wenn man die schreibenden Politiker abzieht, für die beständig Werbung gemacht wurde.

Dabei betrieb die Politik beständig Werbung für „das gute Buch“. Die HJ erfand extra Auszeichungen für Bücher, es wurden Lesestunden eingeführt, sowohl Bibliotheken als als Leihbüchereien (ihre kommerziellen Pendants, die heute gerne vergessen werden, aber eine lange Geschichte haben und für die Befriedigung von Leseinteressen im Nationalsozialismus hoch bedeutsam waren) wurden in diese Arbeit eingespannt. So fanden sich in den spezifischen Zeitschriften der Jahre (Die Bücherei: Zeitschrift der Reichststelle für das Volksbüchereiwesen und Großdeutsches Leihbüchereiblatt) – wie allerdings auch vorher und nachher – beständig mehrere dutzend Besprechungen von Büchern, welche die einzelnen Einrichtungen in den Bestand aufzunehmen hätten. Und dennoch:

„Die Nationalsozialisten sind mit ihrem Plan, eine eigene Literatur zu schaffen, grandios gescheitert. Im Verbieten und Ausmerzen wurde einige Perfektion erlangt, aber die repressiven und steuernden Instrumente waren nicht dazu angetan, einer kreativen Branche und ihren Akteuren – Verlegern, Autoren, Buchhändlern – nachhaltige Impulse zu geben und Schöpferisches anzuregen. Das vielfach der Dilettantismus gefördert werden konnte, hatte der Propagandaminister schon frühzeitig erkannt. Allein, verhindern konnte er es nicht.“ (Adam, 2013, S. 318)

Fazit

Das Buch ist, wie erwähnt, erstaunlich locker geschrieben. Sicherlich ist es immer vor dem Hintergrund der barbarischen Auswirkungen des Systems zu verstehen, aber es ist dennoch aufbauend, immer wieder davon zu lesen, wie die Nazis am Ende versagt haben. Adam zeigt allerdings – wenn auch wenig überraschend –, wie eine Anzahl derjenigen, die im Nationalsozialismus direkt völkische Literatur schrieben oder an der Kulturpolitik mittaten, ihre Karrieren im Anschluss fortsetzen, wenn auch lange nicht so erfolgreich wie zuvor.

Zur Geschichte mit Hitler noch: In einem gesonderten Abschnitt des Buches erzählt Adam von der Selbst- und Fremddarstellung einiger Nazigrössen im Bezug auf das Lesen. Wenig erstaunlich ist wohl, dass sich einige von ihnen, z.B. Goebbels, als Intellektuelle sahen und deshalb mit Bücher präsentieren. Das Göring ebenso betonte, wie gerne es lesen würde, ist zumindest auf den ersten Blick erstaunlicher. Hitler hingegen war offenbar in seiner Jugend ständiger Nutzer von Leihbüchereien und der Hofbibliothek in Wien, las sich durch die Literatur und hat offenbar von diesen jugendlichen Leseerlebnissen immer wieder profitiert im Sinne von: Zitatenmaterial für Monologe bereit gehabt. (Zudem hat er Karl May zu neuen Auflagen verholfen, nachdem in einem Artikel erwähnt wurde, dass dieser Autor in Hitler’s Schlafzimmer vorhanden war.) Solche Sachen erfährt man, genauso wie den Fakt, dass die Deutschen im Faschismus nicht unbedingt die ganze Zeit politisch waren, sondern einen Alltag lebten, der von Politischen nicht unbedingt abgetrennt werden konnte, aber doch einigen Abstand nahm.

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