Hypes in Bibliotheken folgen immer wieder den gleichen Diskursfiguren. Oder?

Makerspaces sind gerade eines der heissen Themen in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. (Nötzelmann 2013) So, als wären sie vorgestern erst erfunden und gestern erst wirklich hier angekommen, sind sie Thema in unterschiedlichen Zeitschriften und auf dem Bibliothekstag. (Zukunftswerkstatt 2014) Well, maybe so. Oder anders: Gegen Makerspaces in Bibliotheken ist an sich nicht viel zu sagen. Es gibt einiges, was vielleicht nochmal besprochen werden sollte, insbesondere – wie aber auch bei jedem bibliothekarischen Angebot – wer vielleicht damit ausgeschlossen wird. Doch lassen wir das einmal beiseite.

Jeder Hype verdeckt auch etwas

Jeder Hype im Bibliothekswesen – und vorläufig sind das Makerspaces im DACh-Raum noch, die Stadtbibliothek Köln mit ihrem Space und die Planungen in anderen Städten alleine macht noch keinen Paradigmenwechsel für die Bibliothekswesen aus – zeigt in den Texten dazu auch, welche Diskurse im Bibliothekswesen eigentlich bedient werden und welche nicht. Schaut man genauer, sieht man, was in diesen Diskussionen übergangen wird – nicht unbedingt übergangen aus Bösartigkeit oder weil etwas verschwiegen werden sollte, sondern eher aus strukturellen Gründen. Auch das Bibliothekswesen ist getrieben vom Drang, immer wieder etwas Neues, Innovatives, vielleicht sogar die Bibliotheken Rettendes zu finden. Das führt oft dazu, dass Sinnhaftigkeit eher hintenangestellt und Innovativität als Wert für sich alleine gilt. Es führt auch dazu, dass offensiv vorgetragenen Visionen und Behauptungen eher geglaubt wird, insbesondere wenn es um „die Zukunft der Bibliothek“ geht.

Diese Diskurse sind nicht einfach so zu überwinden, sie haben ihre Begründungen unter anderem in den ständigen Krisendiskussionen über Bibliotheken und der Projektorientierung der Finanzierung von Zusatzangeboten. Aber ein wenig einhalten, sich die Debattenbeiträge auch als Diskurspositionen anschauen, weiterrecherchieren und etwas kritische Fragen stellen, führt doch oft dazu, die übertriebenen Behauptungen zu identifizieren, anstatt sie einfach zu wiederholen und damit vielleicht an der Realität vorbeizureden. Ein solches Vorgehen kann blinde Flecken in bibliothekarischen Debatten – die es sehr wohl gibt – zumindest aufzuzeigen, wenn auch nicht sofort füllen. Und es kann dazu führen, die tatsächlichen Potentiale – die sich sonst oft erst ergeben, wenn man solche Zukunftsvisionen umsetzt und merkt, dass sich die Realität nicht so einstellt, wie gedacht – früher zu identifizieren. Das gilt nicht nur für Makerspaces, das gilt auch für Diskurse über Forschungsdatenmanagement oder solchen vergangenen Hypes wie Virtuellen Fachbibliotheken oder Virtuellen Forschungsumgebungen. Makerspaces sind nur ein Beispiel, dass ich in diesem Beitrag herausgreife – ein Beispiel, dass ich als Idee tatsächlich nicht so falsch finde.

Ich will kurz anhand eines aktuellen Textes zu Makerspaces (Meinhardt 2014) aufzeigen, was ich mit den obigen Aussagen meine. Dabei geht es mir gar nicht darum, den Text schlecht zu machen oder gar der Autorin Fehler nachzuweisen. Mitnichten, es ist ein für die deutschsprachigen Bibliothekswesen überdurchschnittlich umfangreicher und recherchierter Text. Das, was ich an ihm aufzeigen möchte, scheint mir eher ein strukturelles Problem zu sein.

Ist das neu? Kommt es aus den USA?

Das Zeitalter des kreativen Endnutzers (Meinhardt 2014) ist einer der Texte, die Makerspaces als Innovation in den deutschsprachigen Bibliothekswesen einführen möchte. Der Anleser des Textes behauptet, dass es eine „Makerspace-Bewegung [gäbe, KS.], die nun auch die deutschen Bibliotheken erreicht hat“ (Meinhard 2014, 479) sowie, dass „[i]n den letzten zwei bis drei Jahren [...] es vor allem die US-amerikanischen Bibliotheken [waren], [...] die das Potenzial dieser Bewegung für Bibliotheken konzeptionell und experimentell in den Blick genommen haben.“ (Meinhard 2014, 479). Klingt gut, ist aber so nicht richtig. Oder sagen wir einmal: die Fakten sind nicht so eindeutig.

Ob es wirklich eine Makerspace-Bewegung gibt, ist bestimmt eine Frage der Definition. Ja, es gibt eine Anzahl von Akteurinnen und Akteuren, die in den letzten Jahren die Idee von Makerspaces pushen, es gibt eine Anzahl von Berichten – nicht nur aus Bibliotheken, das eher weniger – zu Makerspaces, seit 2005 erscheint mit „Make“ eine Zeitschrift und eine Anzahl von Büchern zum Thema gibt es auch. (Anonym 2012) Ist das schon eine Bewegung? Oder sind es nicht am Ende doch vor allem ein paar Begeisterte? Wie das messen und vor allem, welche Bedeutung hat es? Dies ist nicht irrelevant. Bibliotheken haben offenbar – seit wann, scheint mir nicht so richtig klar – ständig die Vermutung, ins technologische und gesellschaftliche Hintertreffen zu geraten und berichten sich deshalb ständig gegenseitig von Bewegungen und Entwicklungen, die jetzt aufgegriffen werden müssten – ansonsten würde die Bibliothek untergehen.

Das ist keine neue Diskursfigur. Als ich am Call for Papers für die LIBREAS-Ausgabe #24 mit dem Schwerpunktthema Zukunft mitgearbeitet habe, lass ich eine ganze Reihe alter Texte, die in den 1960er, 1920er und so weiter die Zukunft der Bibliothek besprachen und ähnlich argumentierten. Irgendetwas prägt die Gesellschaft gerade und muss aufgegriffen werden, ansonsten würde die Bibliothek irrelevant. So sehr ich Makerspaces als Ort mag, so sehr habe ich doch meine Zweifel, wenn wieder einmal ein Thema vor allem als angeblich vorhandene gesellschaftliche Bewegung vorgestellt wird. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens frage ich mich sehr schnell, ob das überhaupt stimmt, ob es wirklich ein Trend ist, der anhält oder nicht doch ein Traum, der vor allem vom O’Reilly-Verlag getragen wird. Zweitens aber ist mir selten klar, was nun daraus folgt, dass es eine solche Bewegung gäbe. Heisst das, es wäre notwendig, die ganz Bewegung aufzusaugen und in die Bibliothek zu integrieren? Heisst das, zu verstehen, warum es die Bewegung gibt und auf die Gründe dafür zu reagieren? Heisst es, sich kritisch mit den Zielen der Bewegung auseinandersetzen? Meist wird über diese Frage hinweg gegangen, auch in dem Text von Meinhardt. Es wird nicht gefragt, warum es Makerspaces gibt, auf was da eigentlich gesellschaftlich wie reagiert wird, sondern es gibt sie einfach: Sie haben sich entwickelt, genauso wie sich die Technolgie entwickelt hat, also sei auf sie zu reagieren. Haben sich die Ansprüche der Menschen an die Welt verändert? Gibt es immer mehr Menschen, die etwas basteln und verstehen wollen? Wird die Freizeit mehr mit „selber-machen“ verbracht als früher und wenn ja, warum? Ist es ein Einfluss der Arbeitswelt, die ja auch immer mehr projektorientiert und an verschiedenen Orten stattfindet? Das interessiert die Texte zu Makerspaces offenbar nicht, obgleich die Fragen für die zukünftige Bibliotheksarbeit interessanter sein könnte, als die Frage, wie lange es noch braucht, bis 3D-Drucker so billig sind, dass sie in den Haushalten stehen.

Die zweite Diskursfigur, die im Anleser und dann im Text beständig wiederholt wird, ist die Behauptung, Makerspaces (vor allem in Bibliotheken) seien etwas US-amerikanisches. Das stimmt nicht, aber es ist eine Diskursfigur, die ebenso schon lange in den deutschsprachigen Bibliothekswesen – meiner Meinung nach vor allem dem deutschen, etwas wenig dem schweizerisch-liechtensteinischen und österreichischen – zu finden ist: es kommt aus den USA, also wird es sinnvoll sein. Nicht, dass aus den USA nicht auch immer wieder sinnvolle Anstösse kommen. Mein Problem ist gar nicht die USA, mein Problem ist, dass so sehr verengt wird. Es mir auch nicht klar, was Meinhardt (2014) bei ihrem Thema überhaupt mit dieser Verengung erreichen will. An der vorhandenen Literatur kann es nicht liegen. Sucht man in LISA und LISTRA, merkt man sehr schnell, dass Makerspaces in Libraries zuerst australische und kanadische Themen waren, bevor sie in den USA (zumindest in den Literatur) relevant wurden. Das von mir schon einmal besprochene Beispiel von Bilandzic (2013) in Brisbane, Queensland ist weit älter und meiner Wahrnehmung inhaltlich auch durchdachter, als das, was sich in der US-amerikanischen Literatur findet.

Während die australische und kanadische Literatur zumeist auf gesellschaftliche und pädagogische Aspekte der Makerspaces eingeht, scheinen mir die US-amerikanischen Texte fast durchgängige durch die absonderlich fatalistische Silicon-Valley-Technology-wird-uns-alle-retten-Vorstellung geprägt zu sein. Das ist ein bestimmt ein Teil der Faszination, die Makerspaces gerade in der bibliothekarischen Literatur auslösen, aber doch nicht alles. Von Bilandzic (2013) können wir zum Beispiel viel mehr über die sozialen Funktionsweisen des Lernens oder Nicht-Lernens in Makerspaces lernen.

Meinhardt (2014) entschied sich in Ihrem Text aber dazu, diese Quellen – die, wie gesagt, nicht irgendwelche obskuren Quellen darstellen, die ich heranziehe, um als Hipster das alte „I knew it before it was cool“-Spiel zu spielen, sondern durch einfache Datenbankrecherchen in „unseren“ Fachdatenbanken zu finden – gerade nicht zu nutzen, sondern den gesamten Text über zu behaupten, Makerspaces seien etwas typisch US-amerikanisches. President Obama wird zitiert (Meinhardt 2014, 481), am Ende des Textes wird gefragt, ob Makerspaces „mit dem typisch amerikanischen Pragmatismus oder gar Opportunismus zu erklären [seien]“ (Meinhardt 2014, 484. was auch immer mit dem „Opportunismus“ gemeint ist), was eine unsinnige Frage ist, wenn man bedenkt, dass es solche Makerspaces in Bibliotheken in Kanada (wohl oft etwas sozialdemokratischer als die USA) und Australien (wohl oft etwas distinguierter und relaxter) zu finden sind. Meinhardt (2014) scheint weniger wirklich dahinter kommen zu wollen, was aus den Makerspaces für Bibliotheken oder die Gesellschaft zu lernen ist, und viel mehr es als Thema aus den USA darzustellen und damit schmackhaft machen zu wollen.

Ich denke nicht, dass das eine falsche Absicht der Autorin darstellt. Vielmehr ist es typisch für die Diskurse in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. Erstens wird sich auf einige wenige Länder konzentriert, aus der fast alle „internationalen“ Beispiele zitiert werden (das sind wohl die USA, die skandinavischen Länder, Grossbritannien und in der Schweiz auch Deutschland – während die Schweiz in deutschen Diskussionen kaum vorkommt) und zweitens wird oft der Nachweis, dass es eine Anzahl von Beispielen in Bibliotheken aus dem USA oder Dänemark und Schweden gibt, schon zur Bewegung erklärt, obgleich nicht klar ist, ob nicht ein grosser Teil der Beispiele zum Beispiel einfach nur in Grossstädten funktioniert – oder, wie bei Staffless Libraries, nur in kleinen, sozial gesicherten, ländlichen Gemeinden.

Es ist beim Beispiel Makerspaces nur offensichtlicher, da die Kolleginnen und Kollegen aus den beiden anderen genannten Staaten, auf die man bei der Recherche immer wieder stösst, ebenso hauptsächlich in Englisch publizieren. An der Sprache kann es also nicht liegen. Ebenso gehören sie dem Globalen Norden an, insoweit kann das Argument auch nicht gelten, dass die gesellschaftlichen Umstände so anders wären, dass sich aus ihnen nichts lernen lässt. Australien unterscheidet sich vom DACh-Raum nicht mehr oder weniger als die USA. Wieso also werden sie nicht einbezogen? Sind sie zu unhip? (Ich hoffe nicht. Noch immer finde ich Melbourne eine der interessantesten Städte.)

Mir erscheint das als erstaunliche Struktur: Wir können als Bibliothekswesen auf die Erfahrungen aus Dutzenden Ländern zurückgreifen, aber der Blick scheint verengt, auch wenn das von der Literatur her gar nicht notwendig wäre. Selbstverständlich gibt es darüber hinaus noch das Phänomen, dass Staaten, in denen zum Beispiel in Spanisch oder Französisch publiziert wird, kaum in der deutschsprachigen bibliothekarischen Literatur vorkommen, so als könnte man nicht nur aus kanadischen Bibliotheken nichts lernen, sondern auch aus nicht spanischen, französischen oder chilenischen.

Technologische Entwicklung, sonst nichts?

Ein weiterer Diskurs, dem Meinhardt (2014) in ihrer Darstellung folgt und der mir bezeichnend für die Literatur in den deutschsprachigen Bibliothekswesen erscheint, ist der der technologischen Entwicklung. Der Text selber geht weniger darauf ein, wieso es überhaupt Makerspaces gibt oder geben sollte, sondern erzählt eine fast stringente Geschichte, die so aus den Texten über Makerspaces entnommen ist. Makerspaces seinen bessere Hackerspaces. Diese seine in Deutschland erfunden worden, insbesondere in der C-Base (Meinhardt 2014, 479). Was das mit den heutigen Makerspaces zu tun hat, ob also die europäische Hakerkultur, die in den 1990er Jahren in Deutschland zu Vereinen mit eigenen Räumen geführt hat ihre Spuren hinterlassen hat, ob das überhaupt gut ist, ob die ganzes Spaces etwas deutsches haben oder etwas vereinsmeierisches – es wird einfach nicht gefragt. Auch das scheint mir bedeutsam. Viele bibliothekarische Texte machen solche Verweise auf angebliche oder tatsächliche Vorläufer ihres jeweiligen Themas, ohne daraus etwas zu schliessen oder zu lernen. Wozu? Warum erwähnt zum Beispiel Meinhardt (2014, 479) die C-Base als angeblichen Vorläufer von Makerspaces – obwohl die C-Base heute weit mehr ist als nur Hakerspace – kommt aber noch nicht einmal im Fazit auf diese vorgebliche Tradition zurück? Mir scheint das immer wieder eine diskursive Strategie zu sein, mit der man sich der Relevanz des eigenen Themas durch Historisierung versichern will, so als wäre man sich nicht sicher, ob das eigene Thema wichtig wäre (Ungefähr so: Bibliothek gab es schon in der Antike, schon 17xx wurden medizinisch Bibliotheken erwähnt, schon 18xx nannte irgendein Autor die Bibliotheken wichtig für das literarische Schreiben…deshalb…). Ich frage mich bei diesem Text, aber auch bei anderen Texten, die eine solche Strategie verfolgen, was ein Thema wert sein kann, wenn es nicht von alleine trägt.

Aber zurück zu der Erzählung im speziellen Text. Folgt man Meinhardt (2014), gab es erst Hakerspaces, dann wurden 3D-Drucker entwickelt (ohne das klar wird, warum sie entwickelt wurden), dann wurde das zusammengeführt, dann wurde es von Bibliotheken aufgegriffen. Warum gerade von Bibliotheken? Hat sich nicht auch viel mehr anderes verändert (nur als Hinweise: Die Virtualisierung bestimmter Segmente des Arbeitsmarktes)?

Meinhardt (2014, 480) behauptet: „Bibliotheken sind ganz ohne Frage seit geraumer Zeit auf der Suche nach ihrer Rolle und Funktion in der Welt, [...]“ (Meinhardt 2014, 480), aber das ist keine wirkliche Argumentation, da sich diese Aussage von den sich-selbst-suchenden Bibliotheken seit Jahrzehnten findet und gleichzeitig nicht nur für Bibliotheken, sondern fast alle kulturellen und pädagogischen Einrichtungen sich ähnliches zuschreiben: Museen, Soziale Arbeit, Jugendclubs, Verbände, freiwillige Feuerwehren und so weiter. Meinhardt (2014) baut das Argument noch aus und behauptet einen Zusammenhang von Open Access beziehungsweise dem Zur-Verfügung-Stellen-von-Informationen und dem Versuch von Bibliotheken, sich als Bildungseinrichtungen zu positionieren. Aber auch das trägt nicht: Fast alle Einrichtungen – ausser vielleicht die Soziale Arbeit und Teile der freien Kunstszene –, die nicht schon Bildungseinrichtungen sind, wollten in den letzten Jahren Bildungseinrichtung sein. Das ist kein spezifisches Bibliotheksthema. Dass Bibliotheken Informationen zu Verfügung stellen, ist richtig. Aber hat das einen direkten Bezug zu Makerspaces? Das scheint doch etwas konstruiert. Wenn, dann würde zum Beispiel Jugendclubs doch auch gute Anwärter für Makerspaces sein: die stellen nicht unbedingt Informationen bereit, aber dafür Räume, offene Jugendarbeit und eine Tradition von Arbeiten in kleinen Projekten, die Jugendliche ermächtigen sollen. Und trotzdem erscheint es bei Meinhardt (2014), als würden Makerspaces direkt darauf hin konstruiert sein, in Bibliotheken angesiedelt zu werden, während Jugednclubs gar nicht erwähnt werden. Das ist doch erstaunlich, beziehungsweise wieder eine Diskursfigur, die sich zu wiederholen scheint.

Die Hypes in Bibliotheken werden gerne als quais-natürliche Entwicklungen dargestellt, die genau auf Bibliotheken ausgerichtet sind – fast wie ein Wunder. Dabei stimmt das natürlich nicht. Zum Beispiel wird die Hinwendung der Wissenschaft zu Open Access oft als eine gesellschaftliche Entwicklung dargestellt, die halt stattfindet, weil es technisch möglich ist. Aber das stimmt nicht: Technikentwicklung ist genauso wie Wissenschaftsentwicklung immer das (komplexe) Ergebnisse von unterschiedlichen Entscheidungen und Handlungen. Und Open Access hat nur etwas mit Bibliotheken zu tun, weil Bibliotheken sich zum Teil darauf stürzen. Genauso ist dies mit Makerspaces. Makerspaces sind meiner Meinung nach auch ein Antwort auf Anforderungen der Gesellschaft nach Orten ausserhalb vom Lern- und Verwertungsdruck, sind auch ein Ergebnis der Entscheidung, Technik in bestimmter Weise zu nutzen – nämlich weniger rationell, als es Ingenieurinnen und Ingenieure gerne hätten, sondern viel mehr für Spass und Unterhaltung –, sind auch ein Ergebnis des ständigen Denkens in Projekten, egal ob auf Arbeit oder bei der Lebensplanung und sie sind auch ein Ergebnis des Scheiterns anderer Versuche, Technik zugänglich zu machen. (Auch hier wäre ein Blick in Bilandzic (2013) angebracht, der beschreibt, wie sich der sehr wohl vorhandene Hakerspace in Brisbane zu dem Makerspace in der State Library verhält.)

Meinhardt (2013, 483) führt immerhin, wenn auch eher nebenher ein weiteres Thema an: Die Vernetzung zwischen Bibliotheken und Community, die mit dem Makerspace etabliert werden kann. Sie übergeht die Relevanz dieser Aussage, weil sie sich viel mehr mit technischen und organisatorischen Fragen aufhält, aber immerhin zeigt sie, dass der Makerspace auch ein soziale Komponente hat. Einbindung in eine Community verändert auch die Position der Bibliothek. Oder? Was macht sie denn bislang? Reagiert sie damit auf ein veraltetes Modell von Bibliothek; einer Bibliothek, die mit der Community nichts zu tun hat? Oder nicht? Mit welcher Community eigentlich? Es wäre eine interessante Frage, die sich eigentlich bei jedem Hype stellen lässt (Z.B.: war die Wissenschaftliche Bibliothek „vor“ dem Open Access nicht auf die Forschenden und deren Interessen ausgerichtet?). Das wird immer wieder gerne übergangen, wenn Bibliotheken bei dem jeweiligen Hype prophezeien, dass er direkt die jeweilige Zielgruppe ansprechen würde, es anschliessend aber, wenn aus dem Hype Projekte und Strukturen entstehen, nur zum Teil oder gar nicht tut.

Diskursstrategien

Wie gesagt: Der Text von Meinhardt (2014) scheint mir kein schlechter Text zu sein. Ich wollte ihn nicht als falsch vorführen, sondern nur als Beispiel, wie in den deutschsprachigen Bibliothekswesen sich immer wieder Diskursstrategien wiederfinden, die mich einerseits jedes Mal irritieren (schon im Sinne von: Ich reisse die Arme in die Luft und sage laut: „Wat? Wieso? Wat?“), die andererseits aber auch die Aussagekraft dieser Texte einschränken. Wer zum Beispiel einen Hype vor allem auf eine angeblich ohne grossen gesellschaftlichen Einfluss auskommende Technologieentwicklung zurückführt, kann gar nicht danach fragen, wie die Gesellschaft sich verändert, dass eine solche Technologie gerade zum jeweiligen Zeitpunkt aufkommt. Wer ständig Dinge erst wahrnimmt, wenn sie in den USA oder Skandinavien „angekommen sind“, kann Erfahrungen aus anderen Staaten kaum nutzen.

Nur zur Zusammenfassung noch einmal die Diskursstrategien, von denen ich sprach in einer Liste. Ich glaube, würde man über diese hinausgehen, könnten die Debatten in den deutschsprachigen Bibliothekswesen inhaltlicher werden und von der Suche nach dem nächsten Hype als alleinigen Grund für Texte über die zukünftige Entwicklung von Bibliotheken zumindest ein wenig Abstand genommen werden.

  • Innovation gilt oft als eigenständiger Wert, der nicht per se mit Sinnhaftigkeit zusammenfallen muss. Dabei ist das, was innovativ ist, noch nicht schlecht oder gut, genauso wie das, was nicht mehr innovativ ist, gleich schlecht oder gut ist. Manchmal ist es das sinnvollste, was zu machen ist.
  • Dinge, die man gut findet, werden schnell zu einer Bewegung oder einem anhaltenden Trend erklärt, ohne zu zeigen, ob das überhaupt stimmt. Dabei ist das unnötig. Wenn zum Beispiel eine Idee gut ist, bliebt sie auch gut, wenn bislang nur eine Bibliothek im hintersten Utah sie umgesetzt hat und nicht dreiundzwanzig in New York und St. Louis. Dann muss man aber der Idee mehr vertrauen und mehr für sie argumentieren – und setzt sich damit auch Gegenargumenten aus, was aber eigentlich zu einer abgesicherteren Meinung führen sollte – als wenn man sie vor allem als das präsentiert, was eh kommen wird.
  • Die USA, zum Teil Skandinavien und Grossbritannien, werden als der Ort dargestellt, an dem jede neue Entwicklung stattfindet. Dabei werden andere Länder „übersehen“ oder gar nicht erst wahrgenommen, gleichzeitig wird gar nicht so sehr auf die Frage eingegangen, worauf bestimmte Bibliotheken in den USA mit bestimmten Angeboten reagieren. Gerade die USA wird alleinstehend als Qualitätsmerkmal genutzt. Aber genauso wie nicht alle Musik aus den USA gut ist, sondern nur viel mehr der Musik aus den USA besser ist als die aus Deutschland oder der Schweiz, und genauso wie aus Jamaika oder Australien auch gute Musik kommt, ist das Land, aus dem etwas stammt, noch lange kein Qualitätssiegel. Zudem gibt es keine Garantie, dass das, was in den USA oder Skandinavien klappt, in den deutschsprachigen Bibliothekswesen sinnvoll wäre. Sinnvoll ist, was im lokalen Rahmen sinnvoll ist. Um das bestimmen zu können, muss man aber auch über den lokalen Rahmen diskutieren.
  • Trends werden gerne mit vorgeblichen oder tatsächlichen historischen Vorläufern in Verbindung gebracht, ohne das diese Verbindung irgendeine Bedeutung für die jeweilige Aussage / Idee hat. Das ist inhaltlich oft unnötig.
  • Trends werden oft als Folge unabänderlicher Entwicklungen ausserhalb der Bibliothek dargestellt (die Technologie hat sich halt so entwickelt, die Wissenschaft entwickelt sich halt so, die Lesevorlieben der Jugendlichen entwickeln sich halt so), was davon enthebt, die oft gesellschaftlichen und politischen Hintergründe dieser Entwicklungen zu ignorieren und auch die Möglichkeiten der Bibliothek als reine Reaktionen auf Vorgaben von aussen erscheinen zu lassen. So, als ob die Bibliotheken nur getrieben werden, während sie in Wirklichkeit Entscheidungen treffen, über die man diskutieren könnte.

Literatur

Anonym (2012). Makerspace Playbook. http://makerspace.com/wp-content/uploads/2012/04/makerspaceplaybook-201204.pdf

Bilandzic, Mark (2013). Connected learning in the library as a product of hacking, making, social diversity and messiness. In: Interactive Learning Environments (In Press), http://eprints.qut.edu.au/61355/

Meinhardt, Haike (2014). Das Zeitalter des kreativen Endnutzers : Die LernLab-, Creatorspace- und Makerspace-Bewegung und die Bibliotheken. In: BuB 66 (2014) 6, 479-485

Nötzelmann, Cordula (2013). Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken. In: Bibliotheksdienst 47 (2013) 11, 873-876

Ein kurzer Nachtrag zu Bibliotheken im ländlichen Raum

Im letztens publizierten Buchprojekt, dass Petra Hauke mit Studierenden der Humboldt Universität zu Fragen der Demographie im Bezug auf Bibliotheken herausgab, hatte ich die Chance, einen kurzen Beitrag zu Bibliotheken im ländlichen Raum unterzubringen: Menschen verlassen das Tal. Vorausplanende Bibliotheksarbeit in potenzialarmen Räumen – Das Beispiel Graubünden. (Schuldt, 2014) Ich habe diesen Text am Beispiel Graubündens aufgezogen, da ich dort wohne und zumindest zu Teil den langsamen Rückzug des Menschen aus einigen Gebieten direkt sehen kann, den ich im Titel meines Textes anspreche. Aber selbstverständlich ist Graubünden nicht das einzige Gebiet, in dem – gänzlich ohne Vertreibungen, Krieg oder Krisen – immer weniger Menschen wohnen und damit auch immer weniger Infrastruktur unterhalten wird, die Chancen zur Veränderung weniger werden und so weiter. In einer frühen Version war mein Text zum Beispiel als Vergleich zwischen Graubünden und Brandenburg / Mecklenburg-Vorpommern angelegt, was ganz interessant gewesen wäre, da ich beide Regionen zumindest zum Teil kenne, in beiden ähnliche Prozesse stattfinden – inklusive der Rückkehr der Wölfe in den letzten Jahren – und gleichzeitig die Unterschiede zwischen beiden doch so gross sind, dass sich Fragen zur Allgemeingültigkeit von bestimmten Entwicklungen hätten stellen lassen. Aber leider unterliegen Texte in (auch) gedruckten Bücher immer einer Zeichenbegrenzung, deshalb flog Brandenburg / Mecklenburg-Vorpommern bis auf einige Hinweise am Anfang raus.

Wir sollten wohl mal alle kurz rausfahren

Ich finde den ländlichen Raum ja immer wieder spannend. Ich will da nicht wohnen, schon Chur nervt mich mit seiner Winzigkeit, die ich persönlich ohne ständige Besuche in Berlin, Zürich, Lausanne oder anderen Städten nicht aushalten würde. Aber gleichzeitig sehe ich, wie Menschen sich für ein Leben im ländlichen Raum begeistern, wie sie dort wohnen bleiben, hinziehen oder zurückkehren wollen; wie das ihre eigene Entscheidung ist und wie sie der Meinung sind, dort glücklicher sein zu können, in den Bergen und Tälern, in den flachen und weiten Landschaften Brandenburgs, als anderswo. Mich fasziniert, bei allem Unverständnis, das immer wieder. Ich erinnere mich noch oft, wie ich vor einigen Jahren in einer Gemeinde von vielleicht 600 Menschen an der australischen Küste übernachtete und unsere Gastgeberin auf die Anmerkung, dass die Gemeinde herrlich gelegen und mit atemberaubender Natur gesegnet (Papageien die zum Frühstück vor dem Fenster rumhüpfen und auf der anderen Seite der Strasse gleich der Ozean) sei, aber doch auch recht übersichtlich ist, mit verklärten Blick nur meinte: „Yes. And we like it that way.“ Womit sie recht hat. Kurzum: Wenn sie wollen, sollen sie da wohnen können. Das ist ihr Recht und die Gesellschaft sollte sich gefälligst sich darum kümmern, dass Menschen in diesen Räumen auch die gleichen Chancen im Bezug auf die wichtigen Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Versorgung haben, wie wir in den grossen Städten! Jawohl! (Anmerkung: Geschrieben Morgens in Berlin-Neukölln, mit etwas Pathos und leicht übernächtigt.) Die bibliothekarische Infrastruktur ist da ein Teil der notwendigen Infrastruktur. Deshalb habe ich mich auch dafür entschieden, den oben genannten Text zu schreiben.

Gleichzeitig ist das Geld in den ländlichen Regionen zumeist noch knapper als in den Städten und die Entscheidungsräume nicht immer weit. Letztens verbrachte ich ein paar Tage in den brandenburgischen Weiten, dort, wo die Gemeinden zusammengefasst und von einem Amt bewirtschaftet werden, wo die Busse sechs Mal am Tag kommen und die Tankstellen oft die Zentren der Orte darstellen. Es war hübsch ruhig an den Seen und in den Wäldern, aber es war auch sehr bezeichnend. Weite, leere Flächen zwischen den Häusern am Rand, mit „zu Verkaufen“-Schildern, verwilderte leere Häuser, Bauprojekte, die nicht fertig wurden, aufgegebene Geschäfte und zwischendurch Investitionszeichen: Bahnhöfe, die genau bis zur nächsten Strasse neu gebaut waren, renovierte Dorfzentren, die bis zu einer sichtbaren Grenze gingen und dahinter ist alles unrenoviert.

Kann man da überhaupt etwas tun? Ich finde mich in solchen Orten immer wieder zwischen Faszination, Ironie, Verzweiflung, dem Wunsch zu helfen, der Vorstellung, dass die Leute vor Ort es so wollen und ähnlichem hin- und hergerissen. Und wenn ich darüber nachdenke, wundere ich mich immer wieder einmal, warum das Thema im Bibliothekswesen praktisch nicht besprochen wird. Dabei gibt es auch „dort draussen“ bibliothekarische Arbeit. Bei meinem letzten Besuch waren zum Beispiel in dem Ort, in den ich einquartiert war, die Mitteilungen über die Haltezeiten und andere Angelegenheiten des Bücherbusses (unter anderem die Ausleihzahlen in den einzelnen Orten) die Hälfte der amtlichen Mitteilungen im Zentrum.

bibliothekenimländlichenraum

Kurz und gut: Das Thema bibliothekarische Arbeit im ländlichen Raum finde ich oft (persönlich) spannender als vieles, was in den bibliothekarischen Zeitschriften besprochen und auf den bibliothekarischen Konferenzen vorgestellt wird. Ich kann nur aufrufen, sich damit mehr zu beschäftigen (Auch wenn ich weiss: Für Linked Open Libary Research Data Management Life Circle Metadata Standardization Systems gibt es gerade weit mehr Geld als für die Frage, wie die Menschen im ländlichen Raum eigentlich sinnvoll bibliothekarisch betreut werden wollen und könnten. Die Krise der Forschungsfinanzierung…)

Rural Library Project, Georgia

Ich greife das Thema nicht wegen diesem Aufruf auf, sondern um auf einen Artikel zu verweisen, der sich mit einem Projekt beschäftigt, welches genau diese Frage angeht; wenn auch im US-amerikanischen Raum. Dan White hat – zumindest seiner Darstellung nach – eher zufällig in Georgia das Rural Library Project begründet, eine gemeinnützige Firma, welche in der Gegend von Atlanta Gemeinden im ländlichen Raum dabei hilft, eigene Bibliotheken zu gründen beziehungsweise wieder zu eröffnen und zu betreiben. (White, 2014)

Bezeichend dabei: White ist kein Bibliothekar, sondern ein Bauunternehmer, der in einer der kleinen Gemeinden (500 Einwohnerinnen und Einwohner) in Georgia aufgewachsen ist. Er hatte einfach sehr gute Erinnerungen an diesen Ort und als sein Vater dort verstarb, suchte er einen Weg, um diesen zu ehren und verfiel schnell auf den Gedanken, dort eine Bibliothek zu etablieren. Das ist relevant: Trotz all der Klagen darüber, wie schwer es Bibliotheken haben und wie falsch das Bild ist, das Menschen von Bibliotheken hätten, die sich in der bibliothekarischen Fachpresse finden, werden Bibliotheken von der Öffentlichkeit äusserst positiv bewertet. White versteht Bibliotheken zum Beispiel als Ort, der in kleinen Orten die Community zusammenbringt.

Mit der ersten Bibliothek war er erfolgreich, wurde dann während der Arbeiten an dieser – die getragen wurden aus lokalen Engagement, Stiftungsgeldern und viel Enthusiasmus – gleich von einer weiteren kleinen Gemeinde angesprochen, die ihn bat, sie auch bei der Eröffnung einer Bibliothek zu unterstützen. Das ging weiter: Nach der dritten Bibliothek entschied er sich, die Strukturen zu formalisieren und das Project zu gründen.

Der Text von White reflektiert die bisher geleistete Arbeit. Er ist unbedingt lesbar. Insbesondere diskutiert er, immerhin auf einiger Erfahrung, den positiven sozialen Effekt, den einen Bibliothek in ländlichen Gemeinden haben kann. Das ist deshalb interessant, weil die Frage nach solchen Effekten, wenn sie überhaupt gestellt wird, fast immer im Rahmen städtischer Bibliotheken gestellt wird. (Siehe allerdings für den ländlichen Raum, u.a. mit weit kritischeren Darstellungen als bei White, Griffis & Johnson, 2014 ; Johnson & Griffis, 2014 ; May & Black, 2010 ; Svendsen, 2013) White betont, dass die Bibliotheken nur als soziales Zentrum funktionieren, wenn die Community diese auch wollen, mittragen und gleichzeitig von der lokalen Verwaltung unterstützt werden. Dann allerdings kann mit relativ wenig Mitteln und Infrastruktur – halt solche, die Stadtmenschen wie mich immer wieder erstaunt und teilweise niedlich, aber teilweise auch höchst effizient vorkommt und die im Text in mehreren Bildern dokumentiert wird – eine zentral Rolle im Leben der Gemeinschaft einnehmen. Dabei zählt White auch zahlreiche Funktionen auf, die über den Medienbestand hinausgehen. Das, was in der Literatur zu Öffentlichen Bibliotheken oft als Zusatz zur bibliothekarischen Tätigkeit beschrieben wird (wenn es auch zum Alltag vieler Öffentlicher Bibliotheken gehört), gilt bei White und den von seinem Project mit aufgebauten Bibliotheken als Daseinsgrund: Technische Infrastruktur, die alle nutzen können, Treffpunkt der Einwohnerinnen und Einwohner, Veranstaltungsort, Zentrum der Community.

Was man vor allem aus diesem Text lernen kann, ist, dass es möglich ist, eine solche Bibliothek zu etablieren. Sicherlich: Sie wird nur so lange existieren, wie das Interesse der Gemeinde vorhanden ist und in der Gemeinde Potenziale existieren (an Menschen und an Fähigkeiten), um eine solche Einrichtung zu betrieben. Vor allem, wenn letzteres nicht mehr vorhanden ist, müssen andere Wege gefunden werden. (Schuldt, 2014) Aber bis es soweit ist, kann es Jahre dauern und es ist auch bei keiner kleinen Gemeinde vorgezeichnet, dass sie immer kleiner werden muss. Zudem weichen diese Bibliotheken stark von dem ab, was in der Fachliteratur als „bibliothekarischer Standard“ bezeichnet wird (in der Schweiz ist dieser Standard zumindest als Idee sogar in Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für allgemeine öffentliche Bibliotheken niedergelegt). Aber wie der Ansatz von White zeigt, sind diese Standards vielleicht nicht überall und immer sinnvoll. Lokal bestehen manchmal andere Anforderungen an Bibliotheken, teilweise viel geringe, teilweise andere, als in den Standards niedergelegt. (Siehe zur Kritik der bibliothekarischen Standards auch Pateman & Williment, 2012) Und trotzdem funktionieren diese kleinen Bibliotheken in kleinen Gemeinden.

Literatur

Griffis, Matthew R. & Johnson, Catherine A. (2014) / Social Capital and Inclusion in Rural Public Libraries: A Qualitative Approach. In: Journal of Librarianship and Information Science 46 (2014) 2, 96-109

Johnson, Catherine A. & Griffis, Matthew R. (2014) / The Effect of Public Library Use on the Social Capital of Rural Communities. In: Journal of Librarianship and Information Science 46 (2014) 3

May, Francine & Black, Fiona (2010) / The Life of the Space: Evidence from Nova Scotia Public Libraries. In: Evidence Based Library and Information Practice 5 (2010) 2

Pateman, John & Williment, Ken (2012) / Developing Community-Led Public Libraries: Evidence from the UK and Canada. Farnham ; Burlington: Ashgate, 2012.

Schuldt, Karsten (2014) / Menschen verlassen das Tal. Vorausplanende Bibliotheksarbeit in potenzialarmen Räumen – Das Beispiel Graubünden. In: Hauke, Petra (Hrsg.) / »Challenge accepted!«. Bibliotheken stellen sich der Herausforderung des Demografischen Wandels. Positionen – Strategien – Modelle & Projekte. – [Bibliothek und Gesellschaft]. – Bad Honnef : Bock + Herchen, 2014, S. 177-190

Svendsen, Gunnar Lind Haase (2013) / Public Libraries as Breeding Grounds for Bonding, Bridging and Institutional Social Capital: The Case of Branch Libraries in Rural Denmark. In: Sociologia Ruralis 53 (2013) 1, 52-73

White, Dan (2014) / The Rural Library Project: Building Libraries, Building Community. In: Public Library Quarterly 33 (2014), 108-120

Schulbibliotheken in Berlin, 2014. Leichter, aber bemerkbarer Abwärtstrend?

Anbei die Auswertung der Recherche zu den Schulbibliotheken in Berlin, welche ich seit 2008 jährlich im April durchführe. Die Methodik dazu wurde an anderer Stelle schon geschildert, insbesondere ihre Grenzen. Die Recherche wurde zwischen am 01. und dem 04. April 2014 durchgeführt. Grundsätzlich basiert die Recherche auf den Selbstdarstellungen der Schulen auf ihren Homepages, was immer auch heisst, dass das, was sie nicht einstellen, nicht sichtbar ist. Ebenso ist das, was sie einmal einstellen, aber nie verändern, sichtbar, auch wenn es nicht mehr der Realität in der Schule entspricht. Insoweit sind die Zahlen als ungefähre Aussagen zu verstehen. Nicht jede Schulbibliothek, die in Berlin existiert, wird verzeichnet sein; ebenso werden einige Schulbibliotheken, die geschlossen wurden, weiter als existent geführt werden. Es sind aber immer noch die besten Daten, die wir haben. (Die Angaben im offiziellen Schulverzeichnis der Stadt Berlin zu den Infrastrukturen in den Schulen sind noch weniger zuverlässig.) Zudem kann man immer fragen, ob eine Schulbibliothek, die nicht auf der Homepage ihrer Schule auftaucht, überhaupt eine wirkliche Bedeutung im Schulbetrieb hat.

Auffälligkeiten im Bezug auf die Schulen

Auffällig war in diesem Jahr:

  • Die Schulen haben die Schulprogramme, welche sie seit 2006 erstellen und beständig (eigentlich in einem schulweiten Prozess) neu schreiben müssen, zu grossen Teilen wieder von den Homepages genommen. In den letzten Jahren fanden sich Hinweise auf Schulbibliotheken oft nur in diesen, schnell überholten, Schulprogrammen. Der Fakt, dass viele Schulen ihr Programm nicht mehr offen präsentieren, obwohl sie von der Schulverwaltung als Teil der Strukturreform konzipiert wurden, ist interessant. Für die Recherche nach Schulbibliotheken heisst dies vor allem, dass sich die Datenlage ändert.

  • Die Strukturreform im Berliner Schulwesen ist weit vorangeschritten. Es gibt in diesem Jahr schon weit weniger Schulen als noch im letzten. Die Zweigliedrigkeit in der Sekundarstufe (Gymnasium / Integrierte Sekundarschule) ist durchgesetzt; nur noch sehr wenige Schulen existieren, die nicht inklusiv (also sowohl Grundschule / Sekundarschule und Schule mit besonderem Förderbedarf) sind; ebenso sind eine ganze Anzahl von Gemeinschaftsschulen (also Schulen, die durchgängig von der ersten bis zur zehnten bzw. zwölften/dreizehnten Klasse besucht werden können) eingerichtet worden, deshalb ist insbesondere die Zahl der Grundschulen, die jetzt in diesen Gemeinschaftsschulen aufgegangen sind, gesunken. Gleichzeitig ist das Schulwesen in Berlin weiter in Bewegung. Neue Schulen wurden gegründet, andere scheinen geschlossen oder mit anderen zusammengelegt zu sein, gleichzeitig sind einzelne Filialen (wieder) zu eigenständigen Schulen geworden. So beweglich wie die Stadt und die Stadtbevölkerung ist, ist dem folgend auch das Schulwesen Berlins.

  • Der Mangel an Lehrerinnen und Lehren scheint in Berlin – das ansonsten immer damit wuchten konnte, das es Berlin ist und allein deshalb viele Menschen in der Stadt arbeiten wollen – angekommen zu sein. Eine ganze Reihe von Schulen, insbesondere Grundschulen, ist dazu übergegangen, auf ihren Homepages Stellen auszuschreiben. Dies gilt nicht nur für Privatschulen (staatlich anerkannte Ersatzschulen), die das schon immer taten, sondern auch für staatliche Schule. Gesucht werden dort Lehrerinnen und Lehrer (beziehungsweise Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter) sowie Erzieherinnen und Erzieher, nicht aber anderes Personal, wie solches für Schulbibliotheken, Mensen und so weiter.

  • Die Breite der Qualität der Schulhomepages ist weiterhin sehr gross. Das Angebot von Content Management-Systemen ist nicht von allen Schulen genutzt worden. Dies ist nicht nur eine ästhetische Frage (obgleich einige der Homepages immer noch als Beispiel für das Webdesign der späten 1990er Jahre gelten können), sondern auch eine inhaltliche. Schulen, die selten aktualisierte, schlecht gestaltete Homepages einsetzen – obwohl sie dies nicht mehr müssten, da sie zum Beispiel von Verein cids (Computer in Schulen) dabei kostenfrei unterstützt werden, ihre Homepage mit einem CMS zu betreiben – können diese Homepage weniger zur Kommunikation mit der Aussenwelt einsetzen. Sicherlich ist dies nicht die Hauptaufgabe der Schulen, die immer noch vorrangig Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebens- und Lernweg begleiten sollen, aber doch eine immer wichtiger werdende Herausforderung. Dies ist auf einigen der besser gestalteten Homepage zu sehen, die nicht nur aktuell gehalten sind und damit das Schulleben dokumentieren, sondern auch als Kommunikationsmittel benutzt werden. Für die Recherche nach Schulbibliotheken ist dies relevant, da weiterhin vor allem kleine Schulen und Grundschulen keine oder selten aktualisierte Homepages einsetzen und zudem zumindest der Eindruck entsteht, dass Schulen mit vielen Problemlagen eher weniger gute Homepages aufweisen, was im Umkehrschluss heisst, dass offenbar Sekundarschulen, grössere Schulen und Schulen mit wenigen Problemlagen ihren Schulalltag besser dokumentieren und deshalb ihre schulischen Einrichtungen, wie auch Schulbibliotheken sichtbarer sind.

Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2014

Ein erster Blick auf die Ergebnisse ist in folgender Tabelle gegeben.

Auswertung, Teil 1

Auswertung, Teil 1 (Klick für grössere Darstellung)

Sichtbar ist hier, dass Schulbibliotheken vor allem in Grundschulen und Gymnasien betrieben werden. Dass ist noch keine Aussage über die Form und Qualität der Schulbibliotheken. Es gibt zahlreiche gut ausgestattete Einrichtungen mit zahlreichem Personal, aber auch solche, die eher klein scheinen. Bei einigen Schulbibliotheken ist zu fragen, ob sie nicht eher freie Bücherecken darstellen. Ein Grossteil der hier gezählten Schulbibliotheken wird einfach unter solchen Kategorien wie „Ausstattung unserer Schule“ oder „Infrastruktur“ angeführt, was auf ihr Vorhandensein hindeutet, aber keine weiteren Aussagen zulässt.

Sichtbar ist auch, dass Schulbibliotheken in einer grossen Minderheit der Schulen in Berlin betrieben werden, im Umkehrschluss also die meisten Schulen in Berlin ohne Schulbibliotheken arbeiten. Dies gilt trotz der aus dem Bibliothekswesen, in Berlin aber vor allem aus der Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg e.V., vorgetragenen Argumentation für Schulbibliotheken. Gleichzeitig zeigen die Schulbibliotheken, bei denen dies zu erkennen ist, dass das Personal in den Schulbibliotheken – vor allem Ehrenamtliche sowie Schülerinnen und Schüler – sich stark engagieren.

Ein Vergleich mit den Daten der Jahre 2008 bis 2013, die mit der gleichen Methodik erhoben wurden, zeigt den Entwicklungstrend der Schulbibliotheken in Berlin auf. (Zu beachten ist dabei, dass die Integrierten Sekundarschulen im Schuljahr 2010/2011 aus Haupt- und Realschulen gebildet wurden, 2011/2012 aber noch einige dieser Haupt- und Realschulen existierten.)

Tabelle 2

Auswertung, Teil 2 (Klick für grössere Darstellung)

Eine graphische Darstellung dieser Entwicklung (nach Prozentzahlen) macht die Entwicklung deutlicher.

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2014

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2014 (Klick für grössere Darstellung)

Bis 2011 findet ein beachtliches Wachstum statt, anschliessend bewegt sich die Zahl der Schulen mit Schulbibliotheken in Berlin beständig zwischen 30% und 35%, wobei noch einmal daran erinnert werden muss, wie prekär die Datenlage ist. Im Jahr 2014 scheint es sogar zu einem gewissen Rückgang der aktiv betriebenen Schulbibliotheken gekommen zu sein. Dieser Rückgang ist nicht massiv, aber merklich. Es scheint keinen Zusammenbruch der Bemühungen um Schulbibliotheken anzudeuten, aber eine gewisse Abkühlung der Gründungsbemühungen. Dabei ist relevant, dass eine Reihe dieser Gründungen mit den Schulstrukturreformen in Berlin zusammenfiel.

Diese Tendenz wird in einer Zusammenschau der Schulhomepages genauer fassbar. Während weiterhin Schulbibliotheken gegründet wurden (z.B. in der PepperMont-Sekundarschule für ganzheitliches Lernen oder der Trelleborg Schule, Pankow. In der Bertolt Brecht Oberschule wurde 2014 die bis dato Öffentliche Bibliothek im Schulgebäude übernommen.), gibt es immer mehr Hinweise auf geschlossene Schulbibliotheken (Z.B. in der Bouché Schule, Treptow-Köpenick oder der Hauptmann von Köpenick Schule, Treptow-Köpenick) oder auch eventuell gescheiterte Projekte, welche eine Schulbibliothek gründen sollten, aber bei denen diese Bibliothek nicht zu finden ist. (Z.B. in der Paula Fürst Schule, Charlottenburg-Wilmersdorf und der Wilhelm von Humboldt Schule, Pankow)

Ob sich das Jahr 2013 als Höhepunkt der aktuellen Entwicklung in den Schulbibliotheken in Berlin darstellt und ob die Abkühlung dazu führen wird, dass Schulbibliotheken in Berlin wieder seltener werden, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Dann würde sich allerdings auch die Frage stellen, warum es zu diesem Wachstum der Schulbibliotheken kam. Ein Zusammenhang mit der Schulstrukturreform zumindest ist zu vermuten. Gleichzeitig ist in diesen Jahren die schon genannten Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin Brandenburg aktiv geworden.

Letztlich muss aber darauf verwiesen werden, dass auch diese kleiner werdende Zahl noch 226 Bibliotheken darstellt, die allesamt von mehreren Personen betrieben werden und so von mehreren tausend Kindern und Jugendlichen genutzt werden können. Es gibt immer auch beachtlich langlebige und ausgebaute Einrichtungen.

Auffällig ist, dass die Namen, die in den Schulen für die Bibliotheken verwendet werden, immer mehr differenzieren. Es finden sich neben den „Bibliothek“ und „Bücherei“ (in mehreren Zusammensetzungen wie Schulbücherei oder Schülerbibliothek) auch „Leseraum“ (Stötzner Schule, Reinickendorf), „Bücherinsel“ (Evangelische Schule Pankow, Pankow, Wetzlar Schule, Neukölln), „Lesestübchen“ (Grundschule an den Buchen, Pankow), „Medienzentrum“ (Hannah Höch Grundschule, Reinickendorf), „Medienschatzinsel“ (Melli Beese Schule, Treptow-Köpenick), „Leseclub“ (Schule am Regenweiher, Neukölln), „Mediathek“ (Schule an der Victoriastadt, Lichtenberg, Gottfried-Keller-Oberschule, Charlottenburg-Wilmersdorf) und „Mediothek“ (Carl Friedrich von Siemens Oberschule, Spandau, Carl-von-Ossietzky-Schule, Friedrichshain-Kreuzberg). So divers, wie das Schulwesen (und anderes) in Berlin ist, so unterschiedlich sind offenbar auch die Schulbibliotheken und das Verständnis davon, was sie tun sollen. Anzumerken ist zudem, dass sich die meisten Einrichtungen auf das Medium Buch konzentrieren. Einige andere erwähnen Zeitungen und Zeitschriften, aber andere Medienformen, insbesondere elektronische, finden nur sehr selten eine Erwähnung, obgleich fast alle Schulen in Berlin heute „kreidefrei“ (also mit interaktiven Whiteboards ausgestattet) zu sein scheinen.

Karsten Schuldt, Zürich und Berlin

Recherche als PDF. Schulbibliotheken in Berlin, 2014 (Recherche)

Siehe auch

Miteinander reden, über die Situation informieren. Etwas anderes als Marketing.

In meinem Weiterbildungskurs an der FH Potsdam wurde ich des letztens gefragt – weil ich der Bibliothekswissenschaftler im Raum war, wurde mir gesagt, aber… okay –, was Bibliotheken tun könnten, um ihren Ruf zu verbessern. Die Frage wurde mir schon ein paar Mal gestellt und ich habe keine Ahnung, warum gerade ich die beantworten können sollte. (Bestimmt wird sie einfach vielen Leuten gestellt.) Mich irritieren solche Fragen. Nicht nur, weil ich nicht sehe, was ich zu ihrer Antwort beitragen kann, sondern auch aus einem anderen Grund: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was das Problem der Bibliotheken mit ihrem Ruf ist. Er ist doch erstaunlich gut. Vor einigen Jahren habe ich in Berlin Proteste für den Erhalt von Bibliotheksfilialen beobachtet und beschrieben, in der Schweiz oft genug von der Bibliotheksinitiative St. Gallen oder Protesten für Bibliotheken in Luzern gehört. Und immer wieder scheint mir, dass da erstaunlich viele Menschen mit einer erstaunlich positiven Meinung von Bibliotheken auftauchten und der Meinung waren, die müssten existieren.

Ich frage mich oft, ob die Frage vielleicht etwas falsch gestellt wird. Geht es wirklich darum, das Bild der Bibliotheken zu verändern? Ich habe oft das Gefühl, dass die Bibliotheken sich untereinander gerne gegenseitig das Zeugnis ausstellen, dass der Rest der Welt sie eher als alt, unnötig und so weiter ansehen würde, während der Rest der Welt gar nicht dieser Meinung ist, sondern vor allem Bibliotheken, die dem Versprechen, modern zu sein, auch folgen können, tatsächlich als modern wahrnehmen. Es scheint eher darum zu gehen, dass Bibliotheken gerne etwas in der Hand hätten, um nicht bei ständig bei den Etatverteilung übergangen zu werden und ständig zusammen gestrichen zu werden. Aber das ist etwas anders: Einen wirklich guten Ruf haben und den Etat zusammengestrichen zu bekommen kann man beides auf einmal haben.

Insoweit: richtig etwas zu der Frage beizutragen habe ich nicht, auch wenn sie offenbar eine ganze Anzahl Kolleginnen und Kollegen interessiert.

Aber: Ich würde gerne auf einen kurzen Text (der trotzdem seine Längen hat) in der aktuellen Nummer der School Library Research hinweisen. Ich dachte mir beim Lesen, dass der vielleicht etwas zum Thema beitragen kann: Everhart, Nancy ; Mardis, Marcia M. / What Do Stakeholders Know about School Library Programs? Results of a Focus Group Evaluation. In: School Library Research 17 (2014), http://www.ala.org/aasl/sites/ala.org.aasl/files/
content/aaslpubsandjournals/slr/vol17/SLR_StakeholdersKnow_V17.pdf
.

Der Text geht von einem Programm in Pennsylvania aus, dass unter anderem versuchte, mehr Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger für positive Entscheidungen über Schulbibliotheken zu gewinnen. Die Situation wird ziemlich offen beschrieben:

„The profession of school librarianship has bolstered itself on a foundation of impact studies that have linked strong school library programs and the existence of a certified school librarian to student achievement [...]. However, that research has never been well disseminated beyond the profession, and when it has been, administrators, policy makers, parents, and the general public have often ignored or dismissed the results [...]“ (Everhart & Mardis 2014, 1f.)

Angespielt wird hier auf die zahlreichen Studien, die der sogenannten Ohio-Studie nachempfunden wurden und in denen die Ausstattung von Schulbibliotheken mit den Ergebnissen von Schülerinnen und Schülern in den standardisierten Tests, die in den USA verbreitet sind, in einen Zusammenhang zu setzen versuchten. Es ist nett, dass jemand klar sagt, dass diese Studien nicht so überzeugend sind, wie das in Bibliothekskreisen oft gedacht wird. [1]

Aber das ist nicht das Interessante am Text. Interessanter scheint mir vielmehr der Versuch, es anders zu machen. Eigentlich ist dieser Versuch recht einfach: Es wurden Fokusgruppen einberufen, vor allem mit Leuten, die schon an Schulbibliotheken interessiert waren, die irgendwas mit der Community einer Schule oder einer Schule zu tun hatten, und dann mit ihnen in den Fokusgruppen an der Frage gearbeitet, welche Teile eines School Library Programs (muss man auch erstmal haben, Schulbibliotheken mit eigenen, niedergeschriebenen Programmen) die für die anwesenden Personen Wichtigsten waren. Klingt nicht unbedingt spannend. Aber es hat seinen Einfluss.

Die Fokusgruppen waren immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: (Everhart & Mardis 2014, 3) (1) Ankommen / Begrüssung, (2) Informationen über den Status Quo der Schulbibliotheken in Pennsylvania, (3) geleitete Diskussion über die wichtigen Teile von Schulbibliotheksprogrammen, (4) Konsensbildung dahingehend, wie die wichtigen Teile der Programme zu gewichten sind, (5) Diskussionen der Schritte, welche die jeweiligen Schulbibliotheken unternehmen sollten, um die gewählten Punkte zu stärken. Sichtbar ist hier, dass die Fokusgruppen nicht – wie sonst oft – unbedingt dazu da waren, Meinungen einzusammeln. Es war keine Marketingstudie. Die Ergebnisse waren auch je nach Schule unterschiedlich. (Everhart & Mardis 2014, 5f.)

Interessant waren die Ergebnisse einer „Nachevaluation“. [2] Die Befragten dieser Nachevaluation, welche selbstverständlich eine Auswahl darstellten, gaben an, (1) davon überrascht gewesen zu sein, wie die Situation der Schulbibliotheken tatsächlich ist und mit welchen Argumenten diese zusammengestrichen werden [3], (2) daran ein Interesse entwickelt zu haben, zu erfahren, was in den Schulbibliotheken eigentlich genau getan wird, was also die heutige alltägliche Arbeit darstellt und (3) ein Interesse an Updates über die jetzige Situation von Schulbibliotheken in Bundesstaat zu haben.

Oder anders gesagt: Das Arbeiten in kleinen Gruppen (und nur für ein paar Stunden) am Thema Schulbibliotheken führte zu einem recht anhaltenden Interesse, dass allerdings wachgehalten werden muss. Dabei wurden die Personen, die an den Fokusgruppen teilnahmen, als Stakeholder ausgewählt und eingeladen.

Lässt sich daraus etwas für Bibliotheken in Deutschland oder der Schweiz lernen? Maybe. Mir scheint das Vorgehen, einfach Leuten direkt zu sagen, was Sache ist, also wie in Bibliotheken gearbeitet wird und wie ihr Etat, ihre Infrastruktur und so weiter zusammengestrichen wird, erfolgsversprechender, als schöne Bilder aus Bibliotheken. Vor allem scheint mir die ernstgemeinte Einladung, an den Strategien von Bibliotheken aktiv mitzuarbeiten, sinnvoll: Nicht fragen, was die Stakeholder wollen und dann versuchen, zu erraten, was sie damit genau meinen; sondern direkt einladen, mit den Schulbibliothekensprogrammen zu arbeiten und weitere Schritte vorzuschlagen. Sicherlich wäre bestimmt ein Argument, dass einfach alle davon überzeugt, dass Bibliotheken dufte sind und dafür sorgt, dass sie ausfinanziert werden, auch schön. Das gibt es nicht. Der Weg, der in diesem Text angelegt ist, scheint eher langwierig, arbeitsreich und bedeutet auch, die Steuerung der Bibliothek zum Teil abzugeben. Aber vielleicht ist das ja ein Weg. Immerhin erwähnen die Autorinnen im Abstract des Textes (Everhart & Marica 2014, 1), dass es bei diesem Vorgehen darum ging, Kontakte nicht erst aufzubauen, wenn es eine Krise gibt, sondern schon im „normalen Betrieb“. Solche Kontakte versprechen, belastbarer zu sein und in the long run mehr zu nützen. [4]

Fussnoten

[1] Was nicht heisst, dass es nicht genau die andere Position nicht auch gäbe, welche argumentiert, die Studien müssten als Argumentationsgrundlage nur richtig angewandt werden. Das geht so weit, dass aufgeschrieben wird, mit welcher Seite bei welchen Personen zu argumentieren wäre. (Kachel, Debra E. / Research that Resonates: Influencing Stakeholders. In: School Library Monthly 29 (2013) 8, http://www.schoollibrarymonthly.com/articles/Kachel2013-v29n8p5.html) Und immerhin: Die Ohio-Studie und ähnliche werden weiterhin auch in gefühlt jedem dritten deutschsprachigen Text über Schulbibliotheken angeführt.

[2] Was man heute halt so alles Evaluation nennen kann: Es waren teil-struktierte Interviews mit Teilnehmenden der Fokusgruppen, allerdings einige Monate nach den Treffen.

[3] „Almost all of the interviewees mentioned that they were surprised at the extent of the cuts to library programs and the inequality of programs throughout the state.“ (Everhart & Mardis 2014, 8)

[4] Und es erinnert sehr an die Beispiele, die Robert Putnam und Lewis Feldstein in Better Together als Vorbilder für den Aufbau von Sozialkapital ausgewählt hatten – face-to-face Kontakte, kleine Gruppen, langfristige Kontakte. (Putnam, Robert ; Feldstein, Lewis / Better Together : Restoring the American Community. New York: Simon & Schuster, 2003) Vielleicht ist es also auch sehr US-amerikanisch und funktioniert in Europa nicht auf die gleiche Weise. Das würde ich aber bezweifeln.

Es gibt Vorbehalte gegen RDA?

In den letzten Tagen haben wir als Redaktion an der aktuellen Ausgabe der LIBREAS gearbeitet. Der Schwerpunkt lautet Zukünfte; wenn alles funktioniert, sollte die Ausgabe auch in den nächsten ein, zwei Wochen draussen sein (aber das soll kein Versprechen sein, wir machen das ja alle „nebenher“). Ein Thema, dass in dieser Ausgabe nicht wirklich behandelt werden wird, ist die Katalogisierung, also die Zukunft der Katalogisierung. Das ist irgendwie absurd: die Einführung von RDA steht vor der Tür, FRBR ist ein tatsächlich mal ein spannendes Dokument Katalogtheorie und die Diskussion drumherum anregend. Bibframe – auch, irgendwie. [Wer mit RDA, FRBR, Bibframe nichts anfangen kann, wird hier vielleicht aussteigen. Fair enough, aber nur der Hinweis: das sollte man sich mal zu Gemüte führen. Es ist erstaunlich.] Das lässt sich wohl auch nicht mehr aufhalten, Ende des nächsten Jahres sollte in den Nationalbibliotheken im D-A-CH-Raum und auch in zahlreichen der Bibliotheksverbünde mit RDA gearbeitet werden.

Ich persönlich versuche zu jeder sich bietenden Möglichkeit, RDA und FRBR zu präsentieren. „Meine“ Studierenden müssen das wohl alle mehrfach über sich ergehen lassen. Und auch wenn ich nicht unbedingt allem in RDA und FRBR folge, denke ich, dass die Thesen in FRBR und die Debatten, die sich darum entsponnen haben, eine Sternstunde die theoretischen Debatten im Bibliothekswesen darstellen: Es wird hier nicht nur um Regeln und deren Anwendung gestritten, sondern um die Frage, wie die Kataloge aussehen werden, was sie tun können sollten und was sie wirklich tun werden, wie Menschen denken und wie das bibliothekarische Metadatenuniversum aussehen wird. Die Cataloging & Classification Quarterly ist wegen diesen Debatten in den letzten Jahren zu meiner ständigen Lektüre geworden, alles was solche Kolleginnen und Kollegen wie Maja Žumer veröffentlichen, wird von mir sofort weggelesen.

Nicht verhandelt wird bislang die Frage, was genau dies alles für die Katalogpraxis bedeutet. [Die Kollegin Blumer und ich haben das, wenn das bisschen Eigenwerbung erlaubt ist, letztens immerhin als Frage dargelegt, in: Blumer, Eliane ; Schuldt, Karsten (2013) / Alle Bibliotheken können die Zukunft der Katalogisierung gestalten. In: arbido 28 (2013) 4, S. 17-18] Aber mir scheint das auch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis dieses Thema wichtig wird.

Lieber nichts sagen?

Und dennoch: Obgleich ich und genügend andere von der Relevanz und Interessantheit des Themas überzeugt bin, obwohl die Einführung von RDA vor der Tür steht, wird sich in der nächsten LIBREAS kein Text dazu finden. Warum?

Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Aber bei allen Anfragen zum Thema haben wir Absagen erhalten. Und die mit einer interessanten Begründung. Es war nicht so, dass nur die „normalen“, und immer auch berechtigten Gründe, wie „gerade zu wenig Zeit“ oder „nicht so wirklich was zum Thema sagen zu können“, angeführt wurden. Vielmehr habe ich mehrfach, von unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Positionen gehört, dass es schon genügend Probleme bei dieser Einführung gäbe und das der Widerstand dagegen schon zu gross wäre – und deshalb lieber nicht zum Thema publiziert würde. Oder zumindest nicht in der LIBREAS. [Was natürlich zu der Frage führt, wie hier die LIBREAS wahrgenommen wird. Das sie Studierendenzeitschrift genannt wird – was Unsinn ist, niemand von uns studiert mehr, aber es ist bestimmt schön einfach, sich mit dieser Behauptung von uns abzugrenzen, wozu und warum auch immer –, bin ich einigermassen gewohnt. Aber offenbar sind wir auch ein Publikationsort, der die Artikel, die bei uns erscheinen, gleich etwas mehr angriffiger macht. Interessant.] Ich habe zudem jetzt auch schon ein paar Mal gehört, dass auf Veranstaltungen zum Thema negative Reaktionen aufkamen.

Offenbar gibt es eine negative Wahrnehmung von RDA und FRBR. So negativ, dass sogar eine Diskussion über das Thema schwierig erscheint.

Ich muss zugeben, dass mich das immer wieder vollkommen überrascht. Warum ist das so? Tatsächlich muss ich zugeben, dass mich diese Vorstellung immer wieder irritiert. Mir scheint, dass es bei diesem Thema einen absonderlichen Gap zwischen den Möglichkeiten des grossen Projektes Neue Katalogisierungsregeln und den Ängsten oder Wahrnehmungen des Projektes in den Bibliotheken gibt. Nochmal: In meiner Wahrnehmung stellt FRBR und RDA eine seltene Leistung des Bibliothekswesens dar. Bibliotheken haben sich hier darauf eingelassen, zu sagen, dass sie die gesamte, eher implizite, Katalogtheorie aufarbeiten und neu fassen wollen. Und, dass sie sich dabei auf die Realität und die realen Anforderungen an Kataloge stützen wollen. Erstaunlich offen und radikal. Ich finde zum Beispiel die relativ grosse Offenheit des Regelwerks (offenbar einer der Kritikpunkte an ihm) äusserst sinnvoll. Es ist ja nicht so, dass das heute wirklich anders gehandhabt würde (Stichwort Hausregeln), nur halt ohne das es „erlaubt“ ist. Da denke ich, hat das Regelwerk aus der Katalogisierungspraxis gelernt.

Es ist sinnvoll, nur von oben?

Mir kommt das bekannt vor. Es gibt Projekte, Konzepte und so weiter, die erscheinen einem Teil des Bibliothekswesens als vollkommen sinnvoll und notwendig. Aber in der Umsetzungspraxis stellt sich heraus, dass ein grosser Teil der von den Projekten betroffenen Kolleginnen und Kollegen damit gar nicht einverstanden ist. Ein Gap. Wer das nicht als Problem akzeptiert, kann sehr schnell darauf verfallen, alle anderen als verständnislos („they just don’t get it, man“), faul und ängstlich („die wollen halt immer nur dit machen, wat se schon kennen“) oder an sich gegen jede Veränderung eingestellt ansehen. Oder aber das als eine Art Intrige interpretieren. („Die sind alle jejen mir, weil ick jung bin / Deutscher bin / Ossi bin / studiert hab“) Das ist dann ein Position, in der man sich selber gut im Recht fühlen kann, ohne das sich was verändert. Nur handelt man sich damit nicht nur oft eine interne Lähmung von Bibliotheken ein (Ich schaue mal keine direkt an, aber ich weiss genauso gut wie offenbar alle im Bibliothekswesen von Einrichtungen zu berichten, in denen ein beständiger Kleinkrieg innerhalb des Personal oder zwischen Personal und Chefetage herrscht.), sondern auch, dass man gar nicht mehr richtig wahrnehmen kann, was eigentlich das Problem ist.

Das Problem ist halt selten so, wie es erscheint. Meist geht es ja zum Beispiel gar nicht darum, dass niemand die eigene Arbeit umstellen würde, wenn es Sinn macht, sondern darum, dass man im Laufe des Arbeitslebens gelernt hat, dass die meisten Projekte, Umstellungen, Veränderungen, die „von oben“ kommen eher, mehr Arbeit ohne jeden Ausgleich oder Gewinn bedeuten. Oder aber, dass es eh egal ist, weil die Chefetage die eigenen Projekte, Veränderungen und so weiter nach einer gewissen Weile selbst vergisst. (Kommt halt zum Teil auf die jeweilige Einrichtung an.) Oft ist es auch so, dass die Chefetage, die Leute an den Hochschulen, in den Verbänden einen anderen Überblick zum jeweiligen Projekt haben. Bei RDA zum Beispiel: Die Kataloge werden anders und besser und flexibler, die Katalogisierungspraxis wird intellektueller – meine Sicht. Die Arbeit wird mehr und anders, ohne das klar ist, wieso – vielleicht die Sicht der Katalogisierenden. Nicht immer müssen diese unterschiedlichen Wahrnehmungen an Informationsunterschieden liegen. Manchmal stimmen sie auch alle oder beide stimmen gar nicht.

Wie das diskutieren, ohne sich aufzugeben?

Für mich ist dieser Fakt, dass es einen gewissen Widerstand gegen FRBR, RDA etc. zu geben scheint, nur einer der zahlreichen Hinweise darauf, dass es in den deutschsprachigen Bibliothekswesen nicht so richtig eine Kultur der aktiven Auseinandersetzung zwischen den unterschiedlichen Ebenen und Institutionen gibt. Immer wieder scheint mir sehr viel in den Verbänden, Nationalbibliotheken, Verbundzentralen und Chefetagen, weniger in den Hochschulen, entschlossen und geplant zu werden und dann eher erwartet zu werden, dass das gesamte Personal das auch wichtig findet und mit umsetzt. Bei FRBR, RDA etc. fällt mir dies nur besonders auf, weil ich einmal auf einer Seite stehe. Bei Informationskompetenz ist mir das zum Beispiel recht egal. Da kann ich mir die Argumente, Projekte, Umsetzung objektiver anschauen; aber mir ist recht egal, was damit passiert. Ich konnte die Begeisterung für Informationskompetenz nie nachvollziehen; aber bei RDA entwickle ich selber Begeisterung. (Was selbstverständlich auch ein Hinweis dazu ist, was ich sinnvoll finde.) Das ist schon interessant, weil ich ehrlich gesagt immer noch nicht sehe, warum. RDA wird doch die ganze Katalogisierungsarbeit spannender machen, mehr intellektuell herausfordernder. Aber offenbar überzeugt das nicht.

Was mich allerdings erstaunt, ist, dass die Diskussion um FRBR, RDA, Bibframe für mich eigentlich ein gutes Beispiel dafür darstellt, wie man es gut und demokratisch machen kann; wie man möglichst viele der Beteiligten einbeziehen und diskutieren lassen kann, also die Theoriearbeit und die Praxis schon frühzeitig aufeinanderprallen lassen kann. In Englisch. Wir hatten zu dieser Frage eine interessante Bachelorarbeit an der HTW Chur: Die Diskussion um RDA in Englisch und in Deutsch im Vergleich. [Niklowitz Doebeli, Christiane (2013): Die Diskussion um FRBR von 2002 bis 2012: Eine Gegenüberstellung der deutsch- und englischsprachigen Bibliothekswesen (Bachelorarbeit). Chur] Das Ergebnis war ungefähr so, wie ich es auch wahrgenommen hatte: Im Englischen wurde auf den Mailinglisten recht intensiv zu FRBR und RDA diskutiert, mit Beteiligungen aus den Verbänden, Nationalbibliotheken, Hochschulen und der Katalogisierungspraxis. Ebenso waren die Beiträge in den bibliothekarischen Zeitschriften Dikussionsbeiträge, in denen Positionen bezogen wurden, von Experimenten mit RDA berichtet wurde. Das gesamte Konzept stand lange Zeit unter Vorbehalt, es war praktisch im Betamodus. Hingegen wurden in den deutschsprachigen Publikationen und Mailinglisten praktisch nicht diskutiert, es wurde berichtet. Die Ergebnisse von Arbeitsgruppen wurden berichtet, Beschlüsse zu den RDA-Projekten der Nationalbibliotheken und Verbünden wurden berichtet. Es wurde beschlossen und darüber berichtet, nicht zur Diskussion aufgerufen, eigentlich auch wenig das Warum erklärt. Ich gebe zu, es hat eine Weile gedauert, bis ich diesen Unterschied bemerkte, weil ich einfach englische und deutsche Texte nebeneinander als Teil einer Debatte gelesen habe. Aber: Wer nur die deutschen Texte liesst, merkt irgendwann, dass es da eigentlich nicht um Debatten geht. Die werden anderswo geführt (wobei bekanntlich die drei Nationalbibliotheken des D-A-CH-Raumes bei diesen Debatten in Arbeitsgruppen aktiv beteiligt sind, aber dann später auf den Kongressen und in den Publikationen halt davon „nur noch“ berichten). Kurzum: Wenn man es in die falsche Analogie packen will, waren die Debatten um FRBR und RDA im englischen Sprachraum eher WEB 2.0, während sie im deutschen Sprachraum eher WEB 1.0 waren (immerhin: Es gab schnell PDFs mit den deutschen Übersetzungen der wichtigen Texte. Da gibt es nichts zu kritisieren.) Insoweit erschien im englischen RDA auch als das Ergebnis einer längeren Beta-Phase, während es im deutschen Sprachraum quasi von oben entschieden wurde.

Aber zurück zu der Frage: Was kann man aus all dem lernen? Kann man die Vorbehalte gegen RDA ausräumen? Keine Ahnung. Ich fände es erstmal ganz gut, wenn es einen Ort gäbe, wo sich diese Bedenken ohne Probleme äussern könnten. Im englischen scheint mir die Kultur dafür gegeben gewesen zu sein, wenn man sich die Publikationen und Archive der Mailinglisten anschaut. Da wurden Kritiken und Bedenken geäussert, die besprochen – und nicht einfach weggewischt – wurden. In den deutschen Bibliothekswesen hört man das, wenn überhaupt, eher „hintenrum“, wenn es auf Veranstaltungen ausbricht zum Beispiel. Aber es gibt auch, soweit ich das sehe, gar keinen Ort, wo solche Bedenken legitim geäussert werden können, ohne gleich substantiell untermauert, ausformuliert und mit direkt umsetzbaren Änderungsvorschlägen ausgestattet zu sein. (Dann erhält man schnell Zugang zu den bibliothekarischen Fachpublikationen. Aber erst dann.) Es scheint mir nicht so richtig die Kultur zu geben, solche Debatten zu befördern, beispielsweise Entscheidungen dieser Art mit der Aufforderung vorzulegen, über sie zu diskutieren; ergebnisoffen. (Dabei gäbe es zum Beispiel die Möglichkeit, ein eigenes Regelwerk zu formulieren. FRBR als auch Bibframe sind so angelegt, dass sie regelwerksneutral sind. Vielleicht würde so ein Projekt eine solche Debattenkultur ermöglichen.)

Ich habe keine richtige Meinung zu dieser Frage. Ich finde FRBR und RDA wirklich spannend. Es gibt Personen, die mit grossem Engagement daran arbeiten, RDA in den grossen Bibliotheken des D-A-CH-Raumes einzuführen. Mit diesen Regelwerken werden meiner Meinung nach die Bibliothekskataloge und die Bibliotheken besser. Aber gleichzeitig kann ich auch sehen, dass es Gegenmeinungen gibt. Ich kann nicht so richtig sagen, welche Gegenmeinungen, weil sie, wenn überhaupt, nur unvollständig sich äussern oder nur indirekt über die ganz am Anfang des Textes erwähnte Zurückhaltung der Personen, die sich für RDA einsetzen, zu spüren sind. Ich finde aber, die Bibliothekswesen sollten dahin kommen, gemeinsam – und halt nicht nur auf der Ebene von Verbänden oder Chefetage – zu diskutieren. Auch dann wird nicht alles perfekt, die strukturellen Unterschiede zwischen den Positionen in den Bibliotheken werden zum Beispiel weiter reproduziert werden. Aber, der Überzeugung bin ich, es wird wohl etwas besser werden.

Best Practice nicht Best (wahrscheinlich)

„It is generally agreed“, so schreiben drei Kolleginnen von der Queen’s University Library in Kingston, Ontario in einem Artikel in der aktuellen Evidence Based Library and Information Practice, „that the term ‘best practice’ grew out of the manufacturing industry’s interest in and implementation of benchmarking.“  [Druery, Jackie ; McCormack, Nancy ; Murphy, Sharon / Are Best Practices Really Best? A Review of the Best Practice Literature in Library and Information Studies. In: Evidence Based Library and Information Science 8 (2013) 4, http://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/EBLIP/article/view/20021/15939, p. 111] Das ist selbstverständlich eine Übertreibung. „Best Practice“ wird als Begriff im Bibliothekswesen oft verwendet, aber das dieser eine Geschichte hat, ist wenig bekannt. Die Autorinnen des besagten Artikels gehen von dieser Ungleichzeitigkeit aus. Es gab eine Zeit, in welcher der Begriff definitorisch einigermassen besetzt war und eine Aufgabe umschrieb: Studien, die mit einem quasi-empirischen Ansatz versuchten, zu identifizieren, welche Praktiken für bestimmte Fragen die bestmöglichen waren. Dies war eingebettet in ein Denken, welches davon ausging, dass mittels eines möglichst objektiven Vergleichs von Kennzahlen und Produktivität innerhalb eines bestimmten Marktsegments bestimmt werden könnte, welche Praktiken dazu führen, dass einige Unternehmen erfolgreich sind und andere nicht – und gleichzeitig aus diesen Vergleichen etwas für die Steuerung von Unternehmen gelernt werden könnte. Best Practice Analysen waren eine Methode, um aus diesen Vergleichen zu lernen. (Wie sinnvoll diese Methode war und wie sinnvoll das dahinterstehende Denken ist eine andere Frage.) Heute leben wir in einer Zeit, in der Best Practice als Begriff im Bibliothekswesen ständig genutzt wird, es aber kaum klar zu sein scheint, welche Methode damit gemeint ist oder welches Denken hinter der heutigen Verwendung von Best Practice steht. Die drei Kolleginnen des erwähnten Artikels wollten mit einer Literaturarbeit die Definitionen und Überlegungen im bibliothekarischen Feld klären.

„Clearly, without an understanding in the profession of what is meant when we use the term [best practice], there is some question about how meaningful the body of ‘best practices’ literature is and what insights may be gleaned from it.“ [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 111]

Sie arbeiteten dabei mit einem Konvolut von 113 englischsprachigen Texten, die sie aus einer Recherche in LISTA gewonnen und nach den Prinzipien der qualitativen Inhaltsanalyse auswerteten. Aber wirklich anders scheint mir die Situation in den deutschsprachigen Bibliothekswesen nicht zu sein. Der Begriff wird auch in ihnen beständig verwendet. Der Call for Paper für den kommenden Deutschen Bibliothekstag verwendet ihn, die bibliothekarische Weiterbildung verwendet ihn, VDB und dbv haben erst kürzlich einen Best Practice Wettbewerb durchgeführt. Und das sind nur ein paar herausgegriffene Beispiele.

Was also sind die Ergebnisse der Studie?

  • Die meisten Artikel thematisieren die Praxis in genau einer Bibliothek. Es wird kein Vergleich angeboten, der zeigen würde, warum gerade diese Praxis eine Best Practice wäre. Das heisst nicht unbedingt, dass ein solcher Vergleich nicht vorgenommen wurde, aber er wird nicht dargestellt, was schon ein erstaunliches Vorgehen darstellen würde.

  • Diejenigen, wenigen Artikel, welche ein methodisches Vorgehen nutzen, um eine Praxis als Best Practice zu identifizieren, nutzen vor allem Literaturreviews und Umfragen unter anderen Information Professionals. Allerdings zeigen diese Artikel trotzdem selten, warum die ausgewählten Beispiele die besten für bestimmte Situationen darstellen. Die Literaturreviews scheinen oft unsystematisch durchgeführt worden zu sein, wie die Umfragen ausgewertet wurden, ist oft nicht klar.

  • Die Autorinnen sind – quai dem Vorurteil der netten Kanadierinnen entsprechend – sehr nett bei ihrer Bewertung: “Literature reviews were rarely systematic; where other published papers declared that a particular method was a ‘best practice;’ this was accepted as being accurate.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 114] und “[...], the practices were determined to be best because they were common.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 117] “Of the papers that did attempt to define ‘best practices,’ what emerged was far from a common or shared definition. Definitions included practices resulting in better results, standards drafted by associations or organizations, criteria derived through benchmarking and comparison with ‘successful’ organizations, standards appropriate given the circumstances, and practices which have been shown to lead to best outcomes.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 118] Etwas unhöflicher formuliert: Oft ist nicht klar, warum etwas gut sein soll oder mehr, als “nur” ein Beispiel; wenn einmal formuliert wird, was gut ist, ist diese Definition sehr unterschiedlich. Oder: Best Practice ist mal dies und mal das. Zudem: ”[...], many claims of best practice were based on opinion and anecdotal evidence.” [Druery, McCormack & Murphy, 2013, 120] Die Autorinnen und Autoren einzelner Texte bestimmen, was eine Best Practice ist, nicht ein nachvollziehbarer Vergleich zwischen unterschiedlichen Praktiken zur gleichen Aufgabenstellung.

Dieses Ergebnis wird vielleicht nicht überraschen. Zu oft scheint Best Practice heute einfach als Synonym für “Beispiel” oder “Beispielsammlung” verwendet zu werden. Dies scheint weiteres Exempel für einen äusserst lockeren Umgang mit eigentlich definierten Begrifflichkeiten im Bibliothekswesen. Aber solch ein lockerer Umgang – welcher im Alltag seine Berechtigung hat – hat hier Konsequenzen: Best Practice ist nicht mehr die Suche nach einer guten Praxis, sondern ein Begriff, der auf alles mögliche passt: Auf gute Praxis, auf Beispiele, die man aus unterschiedlichen Gründen berichten möchte, vielleicht auch auf Beispiele, die gewählt wurden, weil nichts anderes zu finden war und Einigem mehr. Druery, McCormack & Murphy (2013) berichten vor allem davon, dass unter dem Schlagwort Beispiele aus der Bibliothek der Autorinnen und Autoren der Texte selber vorgestellt werden – was ohne Frage jeweils einen wichtigen Beitrag für die bibliothekarische Diskussion darstellen kann. Aber es ist halt doch wirklich unwahrscheinlich, dass gerade diese Beispiele immer die Best Practice darstellen würden.

Dadurch, dass Best Practice locker auf unterschiedlichste Texte gepackt wird, gibt es keinen Begriff mehr, um das ursprüngliche Ziel zu verfolgen: Mithilfe von Benchmarks und strukturierten Vergleichen die jeweils bestmöglichen Praktiken herauszufinden und so zu beschreiben, dass sie anderswo übernommen und verbessert werden können. (Sicherlich kann man – wie oben angedeutet – fragen, ob das wirklich ein sinnvolles Ziel ist. Ich wäre wohl einer der Ersten, die Zweifel an Benchmarks als Steuerungsinstrument äussern würden. Aber in der jetzigen Situation ist es noch nicht mal möglich, diese Kritik an Benchmarks im Zusammenhang mit Best Practice zu äussern, weil man erstmal darstellen muss, dass es einen solchen Zusammenhang gibt beziehungsweise geben sollte.) Zumeist scheint bei den “Best Practices” gerade vergessen zu werden, dass es darum geht, sie so zu fassen, dass sie in anderen Bibliotheken (oder anderen Einrichtungen) übernommen werden können.

Die Autorinnen des angeführten Artikels fordern ein Moratorium für den Begriff, ausser für die Fälle, bei denen es sich wirklich um eine “beste Praxis” handelt. Dieses Moratorium soll nicht heissen, dass Bibliotheken aufhören sollten, nach guten Praktiken zu suchen. Das ist sicherlich richtig, da gerade dieses Suchen nach guten Praktiken ein wenig sehr in den Hintergrund getreten zu sein scheint. Wer Beispiele aus der eigenen (oder einer anderen) Bibliothekspraxis vorstellen will, weil sie wichtig oder interessant erscheinen, kann es auch einfach “Beispiel” nennen. Damit würde nichts verloren, aber vielleicht einige Klarheit gewonnen.

Eine kurze Geschichte zum Arbeiten in Bibliotheken (als Leser) im 21. Jahrhundert

Die Auseinandersetzungen zu der Frage, ob und wie die Bibliotheken heute einen besseren Zugang zu Medien bieten, sind bekanntlich noch lange nicht vorbei. Die Behauptung, Bibliotheken würden verschwinden und durch das Internet ersetzt, wird selten wirklich gemacht, aber beständig in bibliothekarischen Debattenbeiträgen widerlegt. Aus meiner Erfahrung würde ich dazu gerne eine kurze Geschichte beitragen, die aus der Sicht des Lesers berichtet. (Als einem priviligierten Leser, der in Chur und Berlin lebt, also die Bibliothekssysteme zweier Länder nutzen kann. Mit nur einem Bibliothekssystem könnte die Geschichte noch interessanter sein.)

Ausgangslage ist ein kurzer Text zur Geschichte der Freihandbibliothek, an dem ich schon eine Weile sitze und von dem auch nicht klar ist, ob er je fertig wird. Geschichte bedeutet immer, ältere Texte lesen. In einer Anzahl von ihnen (z.B. Volbehr, Lilli (1953) / Die Freihandbücherei : Wesen und Technik. Hamburg : Verlag Eberhard Stichnote, 1953 und de Bruyn, Günter (1957) / Über die Arbeit in Freihandbibliotheken. Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1957) findet sich eine wiederkehrende Angabe: im Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien sei eine Zahl von 25 Freihandbüchereien für Deutschland angeführt. Das ist von Interesse, zumal zu vermuten ist, dass die angeführte Quelle noch mehr hergeben wird, als die Zahl die 25 selber.

Auf der Suche nach dem 25 Büchereien

Die Recherche in meinem normalen Bibliothekskatalog – dem nebis, der viele, aber nicht alle Hochschulbibliotheken und viele Bibliotheken schweizerischer Forschungseinrichtungen umfasst – führt leider zu der Erkenntnis, dass in diesem System kein Exemplar des Jahrbuchs zu finden ist. Das ist nicht normal. Zumeist hat die Zentralbibliothek Zürich ältere (deutsche) Texte aus der Bibliotheksgeschichte. In vielen Fällen kann ich diese einfach nach Chur schicken lassen, manchmal muss ich sie vorbestellen und anderthalb Stunden (plus Weg durch die Stadt) fahren, um sie vor Ort zu nutzen. (Was mit den Arbeitszeiten konkurrenzieren kann, aber ich muss zum Glück öfter nach Zürich, oder halt am Samstag fahren.) Aber nicht immer funktioniert das. Das sind wohl Auswirkungen von Bestandsentscheidung die weit vor meiner Geburt getroffen wurden.

Die Idee, dass ein solches Medium gescannt und irgendwo angeboten würde, läge den Erzählungen von der Bibliothek im Internet nach nahe. Aber nein, ist es (noch immer) nicht. Wie übrigens die meisten Dokumente zur Bibliotheksgeschichte oder die älteren bibliothekarischen Zeitschriften noch lange nicht digital vorliegen.

Der swissbib als schweizerischer Metakatalog zeigt mir, dass das nächste Exemplar des besagten Jahrbuch in St. Gallen in der Vadiana, der Kantonsbibliothek, steht. Der swissbib hat allerdings den Nachteil, dass ich oft sehe, dass die Medien anderswo in der Schweiz stehen, aber doch nicht einfach an sie herankomme. Ein Medium aus der Westschweiz zu bestellen ist genauso viel Aufwand, wie aus dem Ausland. (Ich habe es schon ausprobiert, die wirklich grossartige Bibliothek der HTW Chur hat mir dann nicht das Exemplar aus Genf, sondern aus Bamberg besorgt, weil das einfacher ging. Heute nutze ich oft – wie damals als Student, wenn ich etwas aus der Staatsbibliothek Berlin benötigte, mir aber die Ausleihgebühr nicht leisten konnte oder wollte – private Kontakte für Medien aus der Westschweiz. Ich weiss, dass das sonicht gedacht ist, aber „alle tun es“.) An sich ist St. Gallen von mir aus gleich der nächste Kanton, aber „aus Gründen“ werden keine Medien zwischen Graubünden (also meinem Kanton) und St. Gallen ausgetauscht. Lokalpatriotismus per se, weil: Zürich und Graubünden, da klappt der Austausch super, St. Gallen und Graubünden – nie. (Es gibt offenbar auch einen historischen Beef zwischen St. Gallen und Graubünden, aber das sollte kein wirklicher Grund. Sollte.)

Nun liegt St. Gallen von Chur gesehen aus einigermassen am Rand (der Strecke zwischen Zürich und Chur). Zum Glück musste ich eh dort hin und konnte den Besuch in der Kantonsbibliothek mit anderem verbinden. Aber ansonsten sind dies – bislang, der Fahrplan wird gerade umgestellt – etwas mehr als anderthalb Stunden Fahrt (plus Weg durch die Stadt). Immerhin hat mir die elektronische Datenverarbeitung ermöglicht, zu wissen, dass es das Medium in St. Gallen gibt. Aber in der Kantonsbibliothek selber gibt es weiterhin einige, wenige Medien, die aus dem Magazin per Leihschein bestellt werden müssen – zum Beispiel das Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien, Ausgabe 1927. Also durfte ich einen Leihschein ausfüllen, immerhin im Jahre 2013.

Die Arbeit am Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien selber dauerte rund eine Stunde im wirklich herrlich altmodischen Lesesaal (der immer noch so aussieht, wie vor hundert Jahren). Neben den Namen der deutschen Bibliotheken mit Freihandsystem im Jahr 1927 lieferte es auch Angaben zur Verteilung anderer Ausleihverfahren. Selbstverständlich keine Angaben, die man einfach als Wahrheit übernehmen kann, aber wichtige Hinweise.

Auf der Suche nach den anderen Jahrbüchern

Doch damit nicht genug. Auf der Heimfahrt wuchs die an sich naheliegende Idee, zu schauen, ob es mehr Ausgaben des Jahrbuch gab und ob dort ähnliche Daten enthalten sind. Sicherlich wären die Zahlen alle prekär, aber doch immerhin Zahlen. Das Bild einer Tabelle entsteht: Im Jahr XYZ so und so viele Bibliotheken mit Buchkartensystem, mit Indikator, mit Freihand. Im Jahr darauf so und so viele Bibliotheken mit den jeweiligen Systemen. (Was ist ein Indikator als Ausleihsystem? Das hat dann eine weitere Recherche ausgelöst. Sagen wir so: Es ist umständlich; ein System, bei dem den Nutzerinnen und Nutzern durch Holzklötze angezeigt wurde, ob ein Medium vorhanden war oder nicht.) Wenn es genügend Ausgaben des Jahrbuch gab und in diesen genügend Zahlen gefunden werden können, bietet sich vielleicht sogar eine graphische Darstellung an, die zeigen müsste (These), wie sich die Freihand schon in der Weimarer Republik – und nicht erst, wie sonst angenommen im Dritten Reich – durchzusetzen beginnt. Das wäre doch eine Erkenntnis. Sicherlich: Wenn es so einfach ist, warum hat es noch niemand gemacht? Aber am Anfang ist noch Hoffnung.

Immerhin, nicht die schweizerischen Kataloge, aber die deutsche Zeitschriftendatenbank gibt Auskunft zur Erscheinungsweise des Jahrbuchs. Vier Ausgaben, über die Jahre 1926, 1927, 1928 und 1928/29-1929/30 verteilt. (Strange.) Danach fortgesetzt in einem Handbuch, auch mit sehr unterscheidlicher Erscheinungsweise. Aber bleiben wir beim Jahrbuch. So einfach ist das auch wieder nicht. Es steht laut swissbib in Luzern in der Zentral- und Hochschulbibliothek (etwas mehr als zwei Stunden Fahrt, offen zumeist in meinen Arbeitszeiten, dafür praktisch direkt am Bahnhof und dieser Standort in einem herrlich überholten 50er-Jahre Bibliotheksbau). Ich wohne weiterhin in Berlin, auch wenn ich leider nicht oft genug da bin. Laut KOBV stehen alle vier Bände im Grimm-Zentrum (Humboldt-Universität). Ich entscheide mich gegen die Fahrt nach Luzern, also merke ich mir den Bibliotheksbesuch für den nächsten Aufenthalt in Berlin, insbesondere für den Montag, der fürs Arbeiten reseviert ist, vor.

In Berlin finde ich dann heraus, dass die Medien da sind, aber es wieder so einfach nicht ist. Sie müssen aus dem Magazin bestellt werden, per Leihschein. Der Leihschein ist sehr interessant: Er ist noch ein Vordruck des alten Leihscheins, aber man muss nur noch wenige Angaben ausfüllen. (Historisch gewachsener vs. Entwicklung des Datenschutzes, wenn ich es richtig verstanden habe.) Allerdings darf man auch nicht zuviele Medien auf einmal mit einem Leihschein bestellen. Nachdem ich den Leihschein mit Hilfe der Kollegin ausgefüllt habe, verkündet sie mir, dass die Medien am nächsten Tag ab 15.30 Uhr bereitstehen werden. Das hilft mir wenig, sitze ich um die Zeit doch schon am Flughafen und warte auf dem Flug zurück nach Zürich. Also darf ich für den nächsten Berlinaufenthalt wieder zwei Besuche des Grimm-Zentrums einplanen. (Einmal bestellen, einmal nutzen. Ausleihe kann ich vergessen, die ist im Grimm-Zentrum zwei Wochen, da bin ich noch in der Schweiz, wenn jemand zufällig die Medien anfordert. Nur: Funktioniert die Ausleihe aus dem Magazin auch am Wochenenden?) Oder ich fahre doch noch nach Luzern.

Immerhin: Am Montag bin ich noch durch Berlin gefahren und eher zufällig an der Warschauer Strasse gewesen. Dort ein Blick auf die Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung geworfen und auf die Idee gekommen, nachzuschauen, ob das Jahrbuch vielleicht auch dort steht. (Darauf muss man auch mal kommen, wieso sollte in der alten „Schulbuchbibliothek“ ein Jahrbuch zu Öffentlichen Bibliotheken stehen? Aber irgendwie fühlt es sich richtig an.) Dank mobilem Internet gemerkt, dass die gesuchten Medien tatsächlich friedlich in dieser Bibliothek stehen, die Bibliothek (die ich wegen der Arbeitsatmosphäre mag und die mir schon in vielen anderen Fragen weiter geholfen hat) hat aber genau diesen Montag Nachmittags wegen einer Stiftungssitzung geschlossen. Hätte ich die Idee einfach mal ein paar Stunden früher gehabt.

Was bleibt also? Die Verabredung für den Dienstag Morgen verschieben, pünktlich zur Öffnung um zehn in die Bibliothek stürmen, und da steht es: Das Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien, alle vier Bände, friedlich im offenen Magazin. Was für ein Glück. Also konnte ich in gewisser Hektik (weil: Verabredung noch offen, Flieger für Nachmittag gebucht, Koffer noch zu Hause, da die Schliessfächer in der Bibliothek zu klein sind etc.) mit allen vier Bänden arbeiten.

Bibliotheken angucken

Ich will mich gar nicht beschweren, so ist die Arbeit nun mal in der Geisteswissenschaft. Es hat ja auch seinen Stil und es macht Spass, die unterschiedlichen Bibliotheken zu besuchen; es ist immer wieder ein Erfolgserlebnis, wenn man das eine Buch, für das man tagelang planen und stundenlang fahren musste, in den Händen hält. Immer wieder fühlt man sich ein wenig so, als hätte man das Schicksal ein wenig geschlagen. Und ja: Besser planen würde einige dieser Wege unnötig machen. (Aber die Idee, mit allen vier Bänden zu arbeiten muss zum Beispiel erstmal wachsen. Hätte ich sie sofort gehabt, hätte ich St. Gallen nicht aufsuchen müssen.) Zudem hat das Internet und die elektronischen Datenverarbeitung einiges verbessert. Die ganze Recherche nach Medien fand bei dieser Erzählung ja im Netz statt.

Aber dennoch hat es immer wieder sein erstaunlichen Seiten, wenn man – statt, wie schon lange angekündigt – alle notwendigen Medien als Scan zu finden, manchmal durch eine unbekannte Stadt irrt, eine noch unbekannte Bibliothek sucht, um dann dort per Hand und nach einigen Nachfragen einen Leihschein auszufüllen. Es ist einfach komisch.

Vielleicht auch interessant: Was verlangen die Bibliothekssysteme eigentlich alles von den Nutzerinnen und Nutzern zu kennen? Hier in dieser Erzählung waren es mehrere Bibliothekskataloge (nebis, swisslib, KOBV, nicht erwähnt, aber benutzt, auch der KVK), dazu Datenbanken (Zeitschriftendatenbank), das System der Leihscheine und das Vermögen, in mehrere Bibliotheken, mit ihren jeweils eigenen Systemen und Befindlichkeiten, zu nutzen oder zumindest in Ihnen das Personal zu fragen. Das scheint mir einiges zu sein.

PS.: Die anderen drei Ausgaben des Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien enthalten übrigens keine Angaben zur Verteilung der Ausleihverfahren. Es wird keine Tabelle geben. Das wird wohl auch der Grund sein, warum es bislang niemand gemacht hat.

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